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Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Frankreich á la carte

Essen wie Gott in Frankreich. Schreiben über das Essen wie Gott in Frankreich. Lesen, um das Leben wie Gott in Frankreich zu fühlen. „Frankreich à la carte“ ist die Spitze dieser Assoziationskette. Autoren wie zum Beispiel Émile Zola, Gustave Flaubert oder Alexandre Dumas haben Romane geschrieben, die ein Spiegelbild ihrer Zeit waren. Und dazu gehört nun mal auch die Nahrungsaufnahme mit Genuss oder als Notwendigkeit.

Das Baguette ist so eng mit Frankreich verbunden wie kaum ein anderes Gericht. Doch das kulinarische savoir-vivre nur mit dem braungebrannten Teigling in Verbindung zu bringen, kommt dem Ruf der Cuisine unseres Nachbarn nur im Ansatz nahe.

Man setzt sich an den Tisch mit Größen der französischen Kultur. Trinkt einen Tropfen Roten. Kommt ins Schwärmen. Seite für Seite wird das Barrett zurechtgerückt und Zeigfinger und Daumen öffnen sich blitzartig, wenn man sie von den Lippen wegstößt. Mmmmh excellent!

Anthologien machen von jeher Appetit auf Weiterlesen. Sie sind die amuse geuele aus der Schreiberwerkstatt, die oftmals zur Küche des guten Geschmacks wird. Madame de Sévigné zum Beispiel berichtet in einem ihrer berühmten Briefe an Madame de Grignan von einem opulenten Mahl. Zugegen war auch der König, Ludwig XIV., der Sonnenkönig. In diesem Brief setzte sie ein weiteres Mal dem Hofhofmeister und Koch, Vatel, ein Denkmal. Leider hatte der an diesem Tag nicht gerade viel Glück. Zu viele Gäste, zu wenig Braten. Vatel war untröstlich. Was heißt untröstlich, gekränkt und enttäuscht von sich selbst, war er. So sehr, dass ihm das Schwert näher war als der Trost der Anwesenden. Es war das letzte Mahl, das er zubereitete.

Je mehr man in dieses Buch vordringt, desto appetitlicher zeigen sich die Seiten. Keine Exkurse in die Exotik der Froschschenkel und Gänsestopfleber, vielmehr eine kulturhistorische Reise, die selbst Jahrhunderte später immer noch für Magenknurren und Kopfzerbrechen sorgt. Kopfzerbrechen, weil die wohl gewählten Worte ihre Wirkung nicht verfehlen. Political correctness und falsch verstandene Zurückhaltung sind ad acta gelegt, es regieren die Genüsse und lassen den Leser mit einem knurrenden Magen zurück.

Hunger und Appetit sind es, die man benötigt, um dieses Buch vollständig aufsaugen zu können. Auch wenn in Frankreich „auch nur mit Wasser gekocht wird“, so sind es die Zutaten eines Marcel Proust oder der Durst eines Guy de Maupassant, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Wie ein elegantes Menü mit mehreren Gängen verführen die Autoren den Leser zum Schmatzen und Schwelgen in den delikatesten Speisen, die je ersonnen wurden. Bon Appetit!

Limericks

Über 50.000 Menschen leben in Limerick

Ihre Gedichte brechen so manch Neugierigem das Genick

Denn die Reime kommen nicht von hier

Die Bewohner nervt es

Dass man sie hält für die Erfinder vom Limerick

Zugegeben, nur ein Versuch einen Limerick zu schreiben. Doch die Limericker sind nicht die Erfinder des Limericks, und sie wollen auch nicht zwangsweise als deren Erfinder gelten. Fünfzeiler, bevorzugt mit einer Ortsangabe, die einer ganz bestimmten Regel folgen. Wer sie beherrscht, hat zumindest für die Dauer plus die Anschlusszeit für ein Schmunzeln für sich gepachtet.

César Keiser war Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und vor allem ein begnadeter Limerick-Schreiber. Die besten Einfälle sind in diesem Buch vereint. Das I-Tüpfelchen setzt der Künstler Scapa (Ted Scapa, Verleger, Künstler, Moderator) auf dieses edle Büchlein. Zu jedem Fünfzeiler (Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel) findet er mit geschickter Hand die passende Darstellung.

Wenn man sich so durch das Buch liest – es fällt schwer zwischendrin einfach mal innezuhalten und ein wenig zu reflektieren – ist man schon mittendrin in einer Reise um die Welt. Man reist von Zillis, wo eine Dame auf einem Krokodil wohnt, über Fex, wo die Figur einer Dame nicht konkav ist, sondern … na, wer weiß es? … bis nach Payerne, wo man verführt wird vom Tanz mit Schleiern.

Es gibt Bücher, die ein ganzes Leben überdauern. Bestseller gehören nur in seltenen Fällen dazu. Longseller schon eher. Und dann gibt es Bücher wie dieses. Immer mal wieder greift man ins Regel, schnappt sich ein paar Seiten, packt sie ins Kurzzeitgedächtnis und glänzt in gemütlicher Runde. César Keisers Limericks sind oft zweideutig, selten Frivol, niemals vulgär. Und deswegen zeitlos. Ausreden wie „ich habe keine Zeit zum Lesen“ – die schwächste Ausrede überhaupt – wird für dieses Buch außer Kraft gesetzt. Keine Zeit, um fünf Zeilen zu lesen, zu schmunzeln, sich kurzzeitig entführen zu lassen – Error. Gilt nicht!

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Ich bleibe in der Stadt und verreise

Es gibt nur wenige Städte, in denen man diese Behauptung nachverfolgen und beweisen kann. Wien gehört zweifelsohne dazu. Zuhause bleiben und gleichzeitig auf ausgedehnte Erkundungstouren gehen. Oskar Aichinger tut dies. Doch er macht es nicht allein. Er nimmt den Leser mit Wien zu entdecken.

Und so geht man mit dem Autor – gehen, nicht laufen oder gar joggen – zum Weinhaus Sittl. Das Ziel ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Aichinger erzählt wie die Mariahilfer Straße seit Generationen den Konsumzwang oder wie sehr der Brunnenmarkt zum Sparen anregt, denn auf Letztem ist der Orient zu Hause. Die Reisekosten in den Orient sind also vernachlässigbar.

Genauso wie ein Dauerticket für den öffentlichen Personennahverkehr, Wien ist vollgestopft mit Sehenswertem, so dass eine Fahrt selbige nur auf das Nötigste reduzieren würde. Fußläufig die Stadt an der Donau zu erkunden ist des Neugierigen Elixier. Und Oskar Aichinger ist der Reiseleiter, der anekdotenreich die Gassen und Boulevards, die Paläste und Häuschen, die Lädchen und Magazine zu erklären weiß. Mit Wiener Schmäh und fundiertem Wissen führt den Leser, der schon bald sein Reisegepäck schnürt, durch seine Stadt.

Durch die Ungargasse, der von Ingeborg Bachmann ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, wo Eichendorff wohnt und Beethoven seine letzte Sinfonie vollendete. Er lauscht Didgeridoo-Klängen, schaut den Menschen nach und schafft es in einem Absatz Sandler und Hannes Hölzl miteinander in Einklang zu bringen. Sandler und Hölzl? Wer oder was ist das denn? Noch ein Grund mehr dieses Buch zu lesen. Kleiner Tipp: Die einen haben maßgeblich an der Pracht der Ringstraße mitgewirkt, der andere war in den Achtzigern das musikalische Aushängeschild der Alpenrepublik über deren Grenzen hinaus. Als Spaziergänger mit Aichingers Wissen zeigt man dem Touristennepp die kalte Schulter, findet immer „a erholsames Platzl“, und weiß, wo man die Mädchen nicht im Rosengarten warten lässt…

Dieses Buch erfüllt gleich mehrere Funktionen. Zum Einen ist es Appetitanreger für eine unvergessliche Zeit. Zum Anderen Ratgeber während eben dieser Zeit. Und last but not least ein Erinnerungsstück – wenn man den Ausführungen im wahrsten Sinne des Wortes Folge geleistet hat – das die schönste Zeit des Jahres noch einmal zurückholen kann.

Kein Souvenir der Welt kann Eindrücke so nachhaltig zurückholen wie das, was man selbst erlebt hat. „Ich bleib in der Stadt und verreise“ ist die rühmliche Ausnahme dieser Regel. (Sich) in Wien ergehen gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die man machen kann.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Oberitalien

Es ist einsam, da oben an der Spitze – so mancher wünscht sich das auch da oben, in Oberitalien, an so manchem Ort. Überall staunende Touris, die es nicht lassen können, sich dort breitzumachen wohin sie die Reisebände für die Masse(n) hinführen. Eigentlich bräuchte Oberitalien (also die Gegend von … bis … in nord-südlicher Ausrichtung, und von … bis … in west-östlicher Richtung) keine Reisebände. Ist ja eh alles bekannt. Meint man. Dann kann (und es wird so sein!) es natürlich passieren, dass die „Anderen“ das genauso sehen, und einem permanent über den Weg laufen. Erholung kann dann sehr anstrengend sein.

Eberhard Fohrer stellt sich der Mammutaufgabe Oberitalien auch abseits der offensichtlichen Schönheiten zu erkunden und dem Leser ein (Ober-) Italien zu zeigen, dass er ohne dieses Buch wohl nicht so einfach entdecken könnte. Oberitalien ist der Bereich oberhalb des Stiefelschafts plus eine gedachte Linie von der Kniescheibe bis ins obere Drittel der Wade. Sofern der italienische Stiefel unter dem Knie endet! In anderen Worten: Von Südtirol bis San Marino und von Turin bis Triest. Auch wer im Geschichtsunterricht mehr aus dem Fenster statt an die Tafel geschaut hat, weiß, dass hier Geschichte geschrieben wurde und – aus touristischer Sicht – immer noch geschrieben wird.

Wer in der Lombardei seine Erholung sucht, kommt am Namen Visconti nicht vorbei. Ja, die Viscontis, deren berühmtester Vertreter der Regisseur Luchino Visconti. Seine Vorfahren machten sich gern und häufig in dieser Region breit. Ihre Hinterlassenschaften sind bis heute Markenzeichen von so manchem Ort. Borghetto, ein Ortsteil von Vallegio sul Mincio zu Füßen des Gardassees wartet ebenso mit einer Ponte Visconti auf – unbedingt den Parco Giardino Sigurtà besuchen, eine riesige Gartenanlage, die jeglichen Anflug von Sorgen im Handumdrehen vertreibt – wie Pavia mit seinem Castello Visconteo. Piacenza, gerade so in die Region Emilia Romagna eingebettet, kann sich ebenfalls mit einer Visconti-Behausung schmücken. Wirklich: Schmücken! Nur drei Orte, die innerhalb von einer reichlichen Stunde per Bahn zu erreichen sind. Bahnfahren in Italien – ein Muss, ein Schongang für den Geldbeutel und ein einwandfrei funktionierendes Beförderungssystem, das nur mit wenigen Verspätungen auskommt.

Oft ist es so, dass prall gefüllte Reisebände, die einen großen Teil eines Landes beschreiben sollen, bei der Aufzählung von Kirchen und anderen heiligen Stätten ihr Potential ausgeschöpft sehen. Man hetzt dann von Kirche zu Kirche – in Brescia liegen Alter und Neuer Dom schmerzfrei nebeneinander – und verpasst dabei den Rest. Wer also nicht nur siebenhundert Seiten gefühltes Kirchensponsoring sucht, sondern paradiesische Aussichten (zu empfehlen hier der Lago d’Iseo, der kleinste der vier großen Seen im Norden, wo echte Pyramiden in den Himmel wachsen), erlebnisreiche Touren (mit dem Rad am Po entlang – ein Genuss und dank der kaum vorhandenen Hügel für jedermann erlebbar) und genussvoll die Gaben italienischen Küche (nodo d’amore – bekannt, aber unter einem anderen Namen…mit eigenem Festival) als Normalität in sich aufsaugen will, tut Not daran die eingeschlagenen Wege eines Eberhard Fohrer zu nutzen. Jeder noch so kleiner Restauranttipp sitzt, jeder Aussichtspunkt hält das, was der Autor verspricht und mit jeder Seite, die man nach dem Urlaub noch einmal grob überschaut, wächst die Sehnsucht noch einmal Pavia, Bologna, Brescello (dort, wo Don Camillo und Peppone mit ihren Nickligkeiten dem Anderen das Leben erschwerten) zu besuchen. Noch ein Grund gefällig? Viele Tourismusbüros sind genau dann geschlossen, wenn man sie am nötigsten hat. Und dann? Warten? Nein, zum Fohrer greifen!

Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

Es ist schon fast ein Markenzeichen von Genies oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Oft wurden ihre Ideen und Theorien verlacht, hinweg gewischt oder gar verteufelt. Die Inquisition und die 30er, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stechen dabei besonders hervor. Und je fortschrittlicher die Gelehrten desto früher erkannten sie die Dringlichkeit der Abwanderung. Der Exodus an genialen Köpfen während der Nazizeit wirkt bis heute nach. Eine Stadt wie Princeton hätte sicherlich immer noch eine Universität, aber der Ausstoß an Uni-Devotionalien wäre heutzutage niemals so groß ohne beispielsweise Albert Einsteins Wirken vor Ort.

Apropos Albert Einstein. Er gehört unbestritten zu denen, die man als Erstes nennt, wenn man eine Liste mit Wissenschaftlern erstellen sollte. Max Planck gehört noch dazu. Werner Heisenberg, Marie Curie und vielleicht noch Stephen Hawking. Aber wer kennt schon David Hilbert? Der lehrte in Göttingen Mathematik. Mathe – oh je! Das meist gehasste Fach im Schulunterricht. Und doch ist die Mathematik die Grundlage für Physik und Chemie. Er war sozusagen das Rückgrat von Einstein. Beide rechneten. Dabei ging es nicht um Summen, vielmehr um Differenzen. Ohne Hilbert wäre Einstein nur einer von vielen gewesen.

Georg von Wallwitz setzt der Unkenntnis von David Hilbert ein Ende. Und was für eines. Voller Wortwitz, Detailverliebtheit, Tiefgang und Verständnis für Hilbert (aber auch für den Leser, denn Hilberts Wissen ist bis heute für die meisten eine Tür, die ewig verschlossen bleibt) setzt er ihn auf eine Stufe mit Größen, die auf anderen Gebieten zur ersten Garde gehörten. David Hilbert war – um den heute gängigen Sprachgefühl ein wenig Tribut zu zollen – der Mathematiker der Stars.

Einstein hatte schon seine Gravitationstheorie formuliert, musste sie aber noch beweisen. Hilbert bemängelte schon Jahre zuvor, dass die Mathematik schon seit Jahrhunderten ohne echte Beweise auskomme. Jedoch mussten Einstein wie Hilbert erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Jeder war ein Genie auf seinem Gebiet, das eigene Wissen mit anderen zu Teilen scheiterte – wie bei so vielen in dieser Zeit – an der Basis.

Wie kommt man aber nun dazu ein Buch über einen der hellsten Köpfe der Wissenschaft mit einem so scheinbar banalen Titel zu krönen? Der Titel weckt Interesse, so viel steht fest. Der Inhalt ist sicherlich keine leichte Kost, die FfF – Fußnoten für Fortgeschrittene – sind Knobeleien auf hohem Niveau. Doch Hilbert sah sich nie als abgehobenen Star, der über allen schwebt, er war ein bodenständiger Mann, und wohl auch deswegen auch so angesehen. Der Titel ist ein Zitat Hilberts. Nur einmal fuhr Hilbert aus seiner Haut. Gegenüber den Philologen in Göttingen, die unbedingt verhindern wollten (und es auch schafften), dass Emmy Noether, eine brillante Theoretikerin, von Hilbert gestützt, eine Professorenstelle erhalte. Denn eine Badeanstalt, wie es damals noch hieß, war streng nach Geschlechtern geordnet. Die einzige Ordnung, die Hilbert anprangerte…

Es ist auch für Mathe-Verweigerer ein Genuss dieses Buch zu lesen. Das liegt zum einen am untersuchten Objekt, genauso aber auch am Untersuchenden selbst. Die vermeintlich „zweite Reihe“ steht viel zu oft eben da. Georg von Wallwitz holt mit Eleganz und einem umwerfende Verständnis für Vorurteile gegenüber der Mathematik einen dieser Hinterbänkler an die Tafel. Ein spannender Vortrag, der an so manchem Vorurteil zweifeln lässt.