Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Pest & Cholera

Eine Biographie über Alexandre Yersin ist ein Selbstmordkommando. Der Mann war ja ständig unterwegs! Für ihn gab es seit frühester Kindheit kein Halten. Bei Louis Pasteur war er angestellt. Zu dieser Zeit finanziell eine Gelddruckmaschine, aus wissenschaftlicher Sicht ein Sechser im Lotto. Und was macht Yersin? Er will weg. Reisen. Forschen. China, und Vietnam waren seine Ziele. Hier erforschte er den Pestvirus. Und fand ein Gegenmittel. Immer mit besonderer Beachtung seines großen Gönners Louis Pasteur.

Die Art und Weise wie Patrick Deville dem verkannten Genie ein Denkmal setzt, versetzt den Leser in schiere Sprachlosigkeit. Wie ein Getriebener hetzt er dem nicht minder getriebenen Yersin hinterher. Ein knappes Mal umsteigen, um endlich in Asien anzukommen? Kein Problem! Yersin hat überall Spuren hinterlassen. Mal eben Hitler und Göring als Kunstsammler zu bezeichnen – Sarkasmus lag sicher auch dem Erfinder eines köstlichen Limonadengetränkes, das er besser mal zum Patent angemeldet hätte. Dann wäre Yersin heute noch buchstäblich in aller Munde.

Wissenschaftler zu portraitieren ist kein leichtes Unterfangen. Ihre Ausführungen ist mit Schulwissen kaum zu folgen. Und von Spannung sind die Forscher meilenweit entfernt. Patrick Deville kommt nicht einmal annähernd in den Verdacht Langeweile zu produzieren. Wie in einem Fortsetzungsroman reiht er das ereignisreiche Leben des Schweizer Forscher Alexandre Yersin an einer Perlenschnur auf. Man muss das Buch nicht an den Zähnen reiben, um festzustellen, ob die Perle echt ist. Sie ist es!

Paris, der Kanton Waadt in der Westschweiz oder fernes Asien – die Schauplätze sind echte Sehnsuchtsorte für Reisende. Für Yersin waren sie Mittel zum Zweck. Er steckte seine Nase in alles, was nach Forschung roch. Die Pest zu besiegen war eher Zufall für ihn. Die Ehrungen nahm er nicht entgegen. Denn ein Tag ohne Arbeit war ein verschenkter Tag. Selbst im hohen Alter war er nicht zu müde noch Neue zu entdecken. Altgriechisch und Latein wurden seine letzten Leidenschaften.

Heute findet man überall auf der Welt Hinweise auf sein Leben und Wirken. Eine Büste in Hongkong, eine Vogelart in Vietnam trägt seinen Namen, um nur zwei zu nennen. Nach der Lektüre fragt man sich, was wäre geschehen, wenn Alexandre Yersin die Pest in Europa in den Griff bekommen hätte? Oder wenn er die Limo zum Patent angemeldet hätte? Man würde ihn besser kennen. Hätte Yersin das gefallen? Nur, wenn man ihn weiter in Ruhe hätte arbeiten lassen. Er starb zufrieden fast achtzigjährig in Vietnam.

Feuerspuren

Spuren, die das Feuer hinterlässt, sind hartnäckig. Meist sind nur die oberflächlichen Hinterlassenschaften zu beseitigen, die tieferen Schäden werden nur kaschiert. So viel zur Physik und Chemie, dem Sichtbaren.

Doch Feuer reinigt auch. Es vertilgt das Unkraut der Vergangenheit, macht Platz für Neues. Man kann sich verbrennen. Kann sich wärmen und nähren. Oder den züngelnden Flammen beim nach dem Leben haschen zusehen. Feuer ist der Antrieb der Menschheit. Wichtigstes Überlebensorgan.

Neunzehn Sichtweisen auf die Verbindung von Sauerstoff, einer Zündquelle und brennbarem Material – die Gesellschaft für neue Literatur Berlin hat sich des Themas Feuer angenommen und in diesem Buch zusammengefasst.

Weder Pyromanen noch Feuerwehrleute sind die Zielgruppe des Buches. Vielmehr sind es Leser, die nicht einfach nur lesen, weil sie es können, angesprochen, sondern diejenigen, deren Phantasie noch rege sprießt. Von Paranoikern bis zu Träumern reicht die Bandbreite der Hauptakteure. Sie sind dem Feuer verfallen, scheuen es oder lassen es immer wieder hochleben.

Die Gesellschaft für neue Literatur e.V. Berlin (GNL) wurde 2004 von und für Autoren gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin sich gegenseitig Hilfestellung zu geben. Sie leisten Kritik in trauter Runde zum Einen, Ansporn zu neuen Texten auf der Anderen.

Das Thema Feuer ist so vielfältig wie das Leben an sich. Und so sind die Geschichten in „Feuerspuren“ nicht minder abwechslungsreich, spannend und motiviert wie ihre Autoren. Feuer hinterlässt nun einmal Spuren. Sie zu deuten, ins rechte Licht zu rücken, sie zu interpretieren, ist eine willkommene Aufgabe für Denksportler. Als Leser kommt man in den Genuss die eigenen Gedanken, die in einem schlummern, sich aber bisher ganz gut versteckt hielten, an die Oberfläche kommen zu lassen.

Immer wieder entdeckt man beim Lesen persönliche Ideen, die man längst aufgegeben zu sein schienen. Die Sichtweisen der neunzehn Autoren wecken das Interesse nach Eigeninterpretation wie ein brennendes Schwert, das auch die letzte Schicht Vergessen offenlegen will.

„Feuerspuren“ liest man nicht wie einen Krimi Seite für Seite auf der Suche nach dem Täter. Man genießt es Geschichte für Geschichte in kurzen Abständen. Und wenn es einmal brennen sollte, kann man nur hoffen, dass dieses Buch kein Opfer der Flammen wird.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.

Das Spiel meines Lebens

Da geht man sich „nur kurz mal die Füße vertreten“ und schon liegt die Mannschaft, die das ganze Spiel über geführt und es dominiert hat, in der Nachspielzeit zurück. Schlusspfiff, die Spieler überstrapazieren ihren Tränengänge und die hintere Nackenmuskulatur aufs Extreme. So ein Spiel werden sie nie vergessen. Alle stürzen auf die Spieler ein. Vernünftige Antworten sind zwar nicht aus ihnen herauszupressen, dennoch versucht man es. Und was ist mit den Fans und den Reportern? Werden die denn überhaupt nicht gefragt? Doch! Julia Suchorski – Pauli-Fan – bat sie ihre Erinnerungen an das Spiel ihres Lebens niederzuschreiben, die nun endlich erhältlich sind.

Das eingangs erwähnte Spiel ist das Champions-League-Finale 1999, Bayern-ManU. Die Bayern führen fast die gesamte Spielzeit, und verlieren binnen Sekunden in der Nachspielzeit. Für den gebürtigen Münchner Benedict Wells – und nicht nur für ihn – ein Drama. Insgeheim trägt er sogar Schuld daran. Denn er konnte sein „Glücksritual“ nicht bis zum Schlusspfiff durchziehen. Oder war doch Coca Cola Schuld, weil die so kleine Dosen herstellen?

Christine Westermann, die man nicht unbedingt unter den Ball-Enthusiasten vermutet – nicht weil sie eine Frau ist!, nein! – macht sich Gedanken darüber, welcher Spiel denn nun das „Spiel ihres Lebens“ war. Und dabei haut sie eine Anekdote nach der anderen raus. Eine Wonne für Fußball-Nostalgiker!

Die Autoren standen auf mehreren Kontinenten auf den Tribünen. Sie litten, schrien, weinten, jubelten. Wie selten zuvor. Oft sind die „Spiele ihres Lebens“ nur bruchstückhaft noch in ihren Erinnerungen vorhanden, doch das Gefühl daran ist präsent als ob es gestern gewesen wäre. Verpasste Chancen hüben wie drüben, bei Spielern und Fans gehören dazu wie das unbeschreibliche Gefühl einem historischen Moment beigewohnt zu haben.

Voller Leidenschaft frönen die Autoren in ihren Texten ihren Erinnerungen und dem Spiel „da unten, auf dem Rasen“, so dass der Leser die Umarmungen, die Verzweiflung, die Euphorie, die Niedergeschlagenheit am eigenen Leib miterleben kann.

Die Autorin gibt zu, dass es schon ungewöhnlich ist, dass sie ein Buch herausgibt, das allein dreimal den Rivalen aus der Hansestadt zum Thema hat (S2U0N1 – Fußballfakten-Kenner wissen worum es geht). Auch Dortmund kommt gleich zweimal zum Schuss – und gewinnt. Als Fußballfan erinnert man sich vielleicht an manche beschriebene Partie. Selten zuvor wurden Emotionen so wortstark und nachvollziehbar aus der Sicht der Zuschauer und Fans betrachtet. Rechtzeitig zur Frauen-EM in Holland ist dieses Buch der Brückenschlag in die Erinnerungen an „die gute alte Zeit“, als Kerle noch instinktiv gegen die Pille kickten und nicht bierbäuchig ihr Exp(äh, äh)rtentum vor laufenden Kameras kundtun mussten.

Dieses Buch gehört den Funktionären – von ganz oben angefangen, denn ganz besonders – um die Ohren gehauen bis ihre „Geschäftigkeit“ der Leidenschaft, die sie einst zum Fußballspiel trieb, gewichen ist. Kaum ein (ernst gemeintes) Wort über Schiebung, Korruption und Betrug, sondern pure Emotionen, Freude am Spiel und die Aussicht darauf, dass sich alles irgendwann einmal zum Besseren wenden kann.

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.

Lesereise Lissabon

Lissabon kennt kein Mittelmaß. Entweder ist man hellauf begeistert oder straft mit Missachtung. Und so begegnet auch Autor Martin Zinggl dieser Stadt. Er geht nicht dorthin, wo die „Anderen“, Touris, Gäste, Besucher gehen, sondern dorthin, wo Lissabon selbst so manchem lisboaeta noch was Neues zu bieten hat.

Zum Beispiel nach Chinatown. Nicht zu vergleichen mit denen in London oder New York. Kleiner, schummriger … und illegal. Seit Jahren hat sich hier eine Subkultur entwickelt, die jeder vom Hörensagen kennt, doch so richtig kennen sie nur wenige. Illegale Chinesen betreiben hier illegale Restaurants. Also Geschmackstempel ohne Zulassung, ohne staatliche Kontrolle, aber dafür mit echter chinesischer Küche. Alles ein bisschen schmierig hier. Sauberkeit als Fremdwort, das nicht einmal belächelt wird, weil sie eben nicht existiert. Aber dafür lecker und ein Abenteuer, auf das man sich einlassen kann. Schon allein die Suche nach den „Restaurants“ ähnelt einer Schnitzeljagd. Als Belohnung warten Entenzungen und Hühnerfüße.

Nicht minder exotisch mutet ein Besuch beim Rollerderby an. Hockey auf Rollschuhen, ein echter Amazonensport. Die Damen tragen martialische Phantasienamen wie Dr. No. oder Bulldoga, sind aber, wenn die Maske fällt, ganz nette Damen, die eben nur einem besonderen Sport nachgehen.

Und so streift Martin Zinggl durch eine Stadt, deren Gästezahlen seit Jahren nur eine Richtung kennen: Aufwärts. Rustikal, verträumt, melancholisch nehmen die Einen die Stadt wahr und verbreiten so das Image der Stadt als Sehnsuchtsort der besonderen Art. Martin Zinggls Buch bestreitet dieses Image in keinster Weise, doch kehrt er die wahren Schätze der Stadt heraus. Er verbringt einen Abend unter fanatischen Fußballfans, am Tag des wichtigsten Spiels des Jahres. Benfica gegen Sporting. Beide Vereine einen nur zwei Dinge: Die Herkunft – Lissabon – und der Hass auf einander. In einer Benfica-Kneipe ist er zusammen mit einem anderen Gast der Exot. Zinggl, weil er weder Benfica- noch Sporting-Fan ist. Der Anderem, weil er in grün-weißem Shirt sich eindeutig als Fan von Sporting zu erkennen gibt. Mutig, doch letztendlich enger mit seiner Mannschaft verbunden als ihm lieb sein könnte. Denn Benfica gewinnt 2:1.

Die „Lesereise Lissabon“ besticht durch die exakten Beschreibungen der Stadt und ihrer besonderen Bewohner. Grafitti-Omas, Bergsteiger-Legenden und das älteste Puppenkrankenhaus der Welt sind nur drei Orte, die Martin Zinggl besucht, und das unübersetzbare Lebensgefühl saudade mit dem Rhythmus des fado eine neue Dimension verschaffen. Wer Lissabon bisher nur mit bunten Kacheln und Portwein gleichsetzte, wird mit diesem Buch eine weitere Komponente zu spüren bekommen: Reisefieber!

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.