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London Calling

Irgendwie kommt einem alles so seltsam bekannt und im gleichen Atemzug auch wieder fremd vor. „London Calling“ – Klassiker des Rock, des Punk – und dann die Frau auf dem Buchcover, schon mal gesehen. Annette Dittert war die viel zu wenig beworbene Internetwaffe der Tagesschau auf dem Weg in die Moderne. Ihr Blog „London Calling“ war für die, die ihn kannten Pausengespräch, Informationsquelle, Flucht in eine gar nicht so ferne Welt, die erst durch ihre Reportagen näher rückte. Damals war Großbritannien noch nicht Brexitannien. Heute lebt Annette Dittert an Elbe und Themse gleichermaßen.

Das Buch „London Calling“ ist keineswegs der Rückschritt in die Vergangenheit, das Internet – ihr Blog – war nur die Grundlage dafür. Wer London besuchen will, muss sich vorher informieren. Die Stadt ist vollgepfropft mit Attraktionen, wer eine verpasst, trägt schnell den Stempel „Du warst ja gar nicht da!“ auf der Stirn.

Annette Dittert arbeitete als Korrespondentin in Warschau, New York und eben London. Warschau, das war die Stadt im Umbruch. New York, der urbane Wahnsinn der Veränderung, und in London, so scheint es, sind die Wurzeln der Vergangenheit gleichzeitig die Knospen der Zukunft. Und mittendrin Annette Dittert. Die Sprachbarriere war nicht existent. Die Neugier groß, der Forscherdrang die Triebfeder und mit der ihr eigenen Energie und Eloquenz machte die Autorin London zu ihrer Heimat. Um dem Wahnsinn der Preistreiberei zu entgehen, und auch um sich London eigenwillig anzueignen, bezog Annette Dittert ein Hausboot. Wer den Blog kennt, kennt auch Emilia. Emilia, das Hausboot. Dort lebt Annette Dittert noch heute.

Doch „London Calling“ ist keine Liebeserklärung an das Hausboot, es ist eine Liebeserklärung an London, die Metropole, die zum Sinnbild der Abspaltung, des gefräßigen Kapitalismus und der Internationalität geworden ist.

Das Buch beginnt mit dem Referendum zum Brexit. London wollte drinbleiben und London entschied sich für den Ausstieg. Und das obwohl Großbritannien schon immer einen Sonderstatus in der EU hatte. Worüber regen sich also alle auf? Im Zug werden Tränen vergossen, als Zugreisende merken, dass die Frau, die das gerade mit der Heimat telefonierte, Deutsche ist. Sie entschuldigen sich bei ihr, machen ihrer Angst Luft. Kurz nach ihrer Ankunft wird Annette Dittert ins Castle eingeladen, also in eine Wohnung, die den Briten heilig zu sein scheint, in der sie niemals spontan, und schon gar keine Fremden einladen. Da kann man sich noch so gut vorbereiten – London ist immer für eine Überraschung gut. Und „London Calling“ hat davon gleich Dutzende in petto.

Selten gelingt es Autoren eine Stadt so zu portraitieren, dass man als Leser auf lange Sicht hin etwas davon hat. Wer sich bei Annette Dittert einhakt und sich ihr London zeigen lässt, wird die Stadt schnell als Heimat empfinden. Der Lockruf der Großstadt war noch nie so intensiv!

1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Frankreich á la carte

Essen wie Gott in Frankreich. Schreiben über das Essen wie Gott in Frankreich. Lesen, um das Leben wie Gott in Frankreich zu fühlen. „Frankreich à la carte“ ist die Spitze dieser Assoziationskette. Autoren wie zum Beispiel Émile Zola, Gustave Flaubert oder Alexandre Dumas haben Romane geschrieben, die ein Spiegelbild ihrer Zeit waren. Und dazu gehört nun mal auch die Nahrungsaufnahme mit Genuss oder als Notwendigkeit.

Das Baguette ist so eng mit Frankreich verbunden wie kaum ein anderes Gericht. Doch das kulinarische savoir-vivre nur mit dem braungebrannten Teigling in Verbindung zu bringen, kommt dem Ruf der Cuisine unseres Nachbarn nur im Ansatz nahe.

Man setzt sich an den Tisch mit Größen der französischen Kultur. Trinkt einen Tropfen Roten. Kommt ins Schwärmen. Seite für Seite wird das Barrett zurechtgerückt und Zeigfinger und Daumen öffnen sich blitzartig, wenn man sie von den Lippen wegstößt. Mmmmh excellent!

Anthologien machen von jeher Appetit auf Weiterlesen. Sie sind die amuse geuele aus der Schreiberwerkstatt, die oftmals zur Küche des guten Geschmacks wird. Madame de Sévigné zum Beispiel berichtet in einem ihrer berühmten Briefe an Madame de Grignan von einem opulenten Mahl. Zugegen war auch der König, Ludwig XIV., der Sonnenkönig. In diesem Brief setzte sie ein weiteres Mal dem Hofhofmeister und Koch, Vatel, ein Denkmal. Leider hatte der an diesem Tag nicht gerade viel Glück. Zu viele Gäste, zu wenig Braten. Vatel war untröstlich. Was heißt untröstlich, gekränkt und enttäuscht von sich selbst, war er. So sehr, dass ihm das Schwert näher war als der Trost der Anwesenden. Es war das letzte Mahl, das er zubereitete.

Je mehr man in dieses Buch vordringt, desto appetitlicher zeigen sich die Seiten. Keine Exkurse in die Exotik der Froschschenkel und Gänsestopfleber, vielmehr eine kulturhistorische Reise, die selbst Jahrhunderte später immer noch für Magenknurren und Kopfzerbrechen sorgt. Kopfzerbrechen, weil die wohl gewählten Worte ihre Wirkung nicht verfehlen. Political correctness und falsch verstandene Zurückhaltung sind ad acta gelegt, es regieren die Genüsse und lassen den Leser mit einem knurrenden Magen zurück.

Hunger und Appetit sind es, die man benötigt, um dieses Buch vollständig aufsaugen zu können. Auch wenn in Frankreich „auch nur mit Wasser gekocht wird“, so sind es die Zutaten eines Marcel Proust oder der Durst eines Guy de Maupassant, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Wie ein elegantes Menü mit mehreren Gängen verführen die Autoren den Leser zum Schmatzen und Schwelgen in den delikatesten Speisen, die je ersonnen wurden. Bon Appetit!

Limericks

Über 50.000 Menschen leben in Limerick

Ihre Gedichte brechen so manch Neugierigem das Genick

Denn die Reime kommen nicht von hier

Die Bewohner nervt es

Dass man sie hält für die Erfinder vom Limerick

Zugegeben, nur ein Versuch einen Limerick zu schreiben. Doch die Limericker sind nicht die Erfinder des Limericks, und sie wollen auch nicht zwangsweise als deren Erfinder gelten. Fünfzeiler, bevorzugt mit einer Ortsangabe, die einer ganz bestimmten Regel folgen. Wer sie beherrscht, hat zumindest für die Dauer plus die Anschlusszeit für ein Schmunzeln für sich gepachtet.

César Keiser war Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und vor allem ein begnadeter Limerick-Schreiber. Die besten Einfälle sind in diesem Buch vereint. Das I-Tüpfelchen setzt der Künstler Scapa (Ted Scapa, Verleger, Künstler, Moderator) auf dieses edle Büchlein. Zu jedem Fünfzeiler (Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel) findet er mit geschickter Hand die passende Darstellung.

Wenn man sich so durch das Buch liest – es fällt schwer zwischendrin einfach mal innezuhalten und ein wenig zu reflektieren – ist man schon mittendrin in einer Reise um die Welt. Man reist von Zillis, wo eine Dame auf einem Krokodil wohnt, über Fex, wo die Figur einer Dame nicht konkav ist, sondern … na, wer weiß es? … bis nach Payerne, wo man verführt wird vom Tanz mit Schleiern.

Es gibt Bücher, die ein ganzes Leben überdauern. Bestseller gehören nur in seltenen Fällen dazu. Longseller schon eher. Und dann gibt es Bücher wie dieses. Immer mal wieder greift man ins Regel, schnappt sich ein paar Seiten, packt sie ins Kurzzeitgedächtnis und glänzt in gemütlicher Runde. César Keisers Limericks sind oft zweideutig, selten Frivol, niemals vulgär. Und deswegen zeitlos. Ausreden wie „ich habe keine Zeit zum Lesen“ – die schwächste Ausrede überhaupt – wird für dieses Buch außer Kraft gesetzt. Keine Zeit, um fünf Zeilen zu lesen, zu schmunzeln, sich kurzzeitig entführen zu lassen – Error. Gilt nicht!

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Ich bleibe in der Stadt und verreise

Es gibt nur wenige Städte, in denen man diese Behauptung nachverfolgen und beweisen kann. Wien gehört zweifelsohne dazu. Zuhause bleiben und gleichzeitig auf ausgedehnte Erkundungstouren gehen. Oskar Aichinger tut dies. Doch er macht es nicht allein. Er nimmt den Leser mit Wien zu entdecken.

Und so geht man mit dem Autor – gehen, nicht laufen oder gar joggen – zum Weinhaus Sittl. Das Ziel ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Aichinger erzählt wie die Mariahilfer Straße seit Generationen den Konsumzwang oder wie sehr der Brunnenmarkt zum Sparen anregt, denn auf Letztem ist der Orient zu Hause. Die Reisekosten in den Orient sind also vernachlässigbar.

Genauso wie ein Dauerticket für den öffentlichen Personennahverkehr, Wien ist vollgestopft mit Sehenswertem, so dass eine Fahrt selbige nur auf das Nötigste reduzieren würde. Fußläufig die Stadt an der Donau zu erkunden ist des Neugierigen Elixier. Und Oskar Aichinger ist der Reiseleiter, der anekdotenreich die Gassen und Boulevards, die Paläste und Häuschen, die Lädchen und Magazine zu erklären weiß. Mit Wiener Schmäh und fundiertem Wissen führt den Leser, der schon bald sein Reisegepäck schnürt, durch seine Stadt.

Durch die Ungargasse, der von Ingeborg Bachmann ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, wo Eichendorff wohnt und Beethoven seine letzte Sinfonie vollendete. Er lauscht Didgeridoo-Klängen, schaut den Menschen nach und schafft es in einem Absatz Sandler und Hannes Hölzl miteinander in Einklang zu bringen. Sandler und Hölzl? Wer oder was ist das denn? Noch ein Grund mehr dieses Buch zu lesen. Kleiner Tipp: Die einen haben maßgeblich an der Pracht der Ringstraße mitgewirkt, der andere war in den Achtzigern das musikalische Aushängeschild der Alpenrepublik über deren Grenzen hinaus. Als Spaziergänger mit Aichingers Wissen zeigt man dem Touristennepp die kalte Schulter, findet immer „a erholsames Platzl“, und weiß, wo man die Mädchen nicht im Rosengarten warten lässt…

Dieses Buch erfüllt gleich mehrere Funktionen. Zum Einen ist es Appetitanreger für eine unvergessliche Zeit. Zum Anderen Ratgeber während eben dieser Zeit. Und last but not least ein Erinnerungsstück – wenn man den Ausführungen im wahrsten Sinne des Wortes Folge geleistet hat – das die schönste Zeit des Jahres noch einmal zurückholen kann.

Kein Souvenir der Welt kann Eindrücke so nachhaltig zurückholen wie das, was man selbst erlebt hat. „Ich bleib in der Stadt und verreise“ ist die rühmliche Ausnahme dieser Regel. (Sich) in Wien ergehen gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die man machen kann.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Oberitalien

Es ist einsam, da oben an der Spitze – so mancher wünscht sich das auch da oben, in Oberitalien, an so manchem Ort. Überall staunende Touris, die es nicht lassen können, sich dort breitzumachen wohin sie die Reisebände für die Masse(n) hinführen. Eigentlich bräuchte Oberitalien (also die Gegend von … bis … in nord-südlicher Ausrichtung, und von … bis … in west-östlicher Richtung) keine Reisebände. Ist ja eh alles bekannt. Meint man. Dann kann (und es wird so sein!) es natürlich passieren, dass die „Anderen“ das genauso sehen, und einem permanent über den Weg laufen. Erholung kann dann sehr anstrengend sein.

Eberhard Fohrer stellt sich der Mammutaufgabe Oberitalien auch abseits der offensichtlichen Schönheiten zu erkunden und dem Leser ein (Ober-) Italien zu zeigen, dass er ohne dieses Buch wohl nicht so einfach entdecken könnte. Oberitalien ist der Bereich oberhalb des Stiefelschafts plus eine gedachte Linie von der Kniescheibe bis ins obere Drittel der Wade. Sofern der italienische Stiefel unter dem Knie endet! In anderen Worten: Von Südtirol bis San Marino und von Turin bis Triest. Auch wer im Geschichtsunterricht mehr aus dem Fenster statt an die Tafel geschaut hat, weiß, dass hier Geschichte geschrieben wurde und – aus touristischer Sicht – immer noch geschrieben wird.

Wer in der Lombardei seine Erholung sucht, kommt am Namen Visconti nicht vorbei. Ja, die Viscontis, deren berühmtester Vertreter der Regisseur Luchino Visconti. Seine Vorfahren machten sich gern und häufig in dieser Region breit. Ihre Hinterlassenschaften sind bis heute Markenzeichen von so manchem Ort. Borghetto, ein Ortsteil von Vallegio sul Mincio zu Füßen des Gardassees wartet ebenso mit einer Ponte Visconti auf – unbedingt den Parco Giardino Sigurtà besuchen, eine riesige Gartenanlage, die jeglichen Anflug von Sorgen im Handumdrehen vertreibt – wie Pavia mit seinem Castello Visconteo. Piacenza, gerade so in die Region Emilia Romagna eingebettet, kann sich ebenfalls mit einer Visconti-Behausung schmücken. Wirklich: Schmücken! Nur drei Orte, die innerhalb von einer reichlichen Stunde per Bahn zu erreichen sind. Bahnfahren in Italien – ein Muss, ein Schongang für den Geldbeutel und ein einwandfrei funktionierendes Beförderungssystem, das nur mit wenigen Verspätungen auskommt.

Oft ist es so, dass prall gefüllte Reisebände, die einen großen Teil eines Landes beschreiben sollen, bei der Aufzählung von Kirchen und anderen heiligen Stätten ihr Potential ausgeschöpft sehen. Man hetzt dann von Kirche zu Kirche – in Brescia liegen Alter und Neuer Dom schmerzfrei nebeneinander – und verpasst dabei den Rest. Wer also nicht nur siebenhundert Seiten gefühltes Kirchensponsoring sucht, sondern paradiesische Aussichten (zu empfehlen hier der Lago d’Iseo, der kleinste der vier großen Seen im Norden, wo echte Pyramiden in den Himmel wachsen), erlebnisreiche Touren (mit dem Rad am Po entlang – ein Genuss und dank der kaum vorhandenen Hügel für jedermann erlebbar) und genussvoll die Gaben italienischen Küche (nodo d’amore – bekannt, aber unter einem anderen Namen…mit eigenem Festival) als Normalität in sich aufsaugen will, tut Not daran die eingeschlagenen Wege eines Eberhard Fohrer zu nutzen. Jeder noch so kleiner Restauranttipp sitzt, jeder Aussichtspunkt hält das, was der Autor verspricht und mit jeder Seite, die man nach dem Urlaub noch einmal grob überschaut, wächst die Sehnsucht noch einmal Pavia, Bologna, Brescello (dort, wo Don Camillo und Peppone mit ihren Nickligkeiten dem Anderen das Leben erschwerten) zu besuchen. Noch ein Grund gefällig? Viele Tourismusbüros sind genau dann geschlossen, wenn man sie am nötigsten hat. Und dann? Warten? Nein, zum Fohrer greifen!

Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…