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Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Ein wunderbarer Titel, mit dem man so wunderbar spielen kann. Nein, es geht nicht um LKW, es geht um das Laster. Und das mitten in Berlin. Die Goldenen Zwanziger waren kalendarisch vorbei als Curt Moreck 1931 diesen Reiseband schrieb. Hätte er da schon gewusst, dass die Nazis ihn mit Berufsverbot belegen und seine Bücher verbrennen würden, wäre dieses Buch garantiert kein Führer geworden. So wurde es ein anderer…

Das Buch wurde nicht überarbeitet – darf man heutzutage eigentlich Bücher mit Tipps für den „Fremdenverkehr“ so ohne weiteres veröffentlichen? – und somit sind einige der Lokalitäten, jeder weiß mittlerweile worum es geht, vielleicht nicht mehr am selben Ort bzw. in der Mehrzahl einfach verschwunden.

Also nix mehr mit ‘nem Fuffziger für ‘ne Bockwurst mit Kartoffelsalat wie einst im Alt-Mexiko zur frühen Morgenstund. Katerfrühstück uff berlinerisch. Wer das heute googelt, landet erstmal bei Antiquariaten und dann bei einem Restaurant.

Das deutsche Babylon 1931 lautet der Untertitel. Naja, ganz so dramatisch ist der Inhalt dann auch wieder nicht. Spelunken und Kaschemmen geben sich ein Stelldichein, leichte Mädchen locken in kecken Posen den nächsten Gast heran. Und über achtzig Jahre später ist der Reiseband immer noch lesenswert. Curt Moreck schreibt mit derartiger Vehemenz und Lebendigkeit, dass einem schon nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass mittlerweile der historische Wert den Informationsgehalt weit überholt hat.

Sich neppen lassen, war damals schon ein Problem. Klar, freier Eintritt ins Varieté. Da lässt man sich nicht zweimal bitten. Doch an der Garderobe oder bei der Begleichung der Rechnung trifft den Gast der Schlag.

„Jeder einmal in Berlin!“ war der Slogan des Berliner Fremdenamtes. … Den Spruch muss man erstmal sacken lassen. Was einmal?! Nur einmal! Da ist sie wieder die gaggernde Masse, die sich bei dem Begriff lasterhaft vor Lachen in die Hosen macht. Heute würden sich die Tourismusmanager und Projektleiter und Hostessen (der Begriff ist heute allerdings ganz anders belegt) mit so einem Slogan gleich die Kündigung abholen. Is so überhaupt nicht political correct!

Trotz all der Wendungen und Wandlungen der vergangenen Jahrzehnte sind Bücher wie dieses immer noch eine Offenbarung. Mit einem vielsagenden Schmunzeln gräbt man sich durch die Kiezkneipen und Etablissements von vor Jahrzehnten. Und garantiert kommt man schnell ins Gespräch, wenn man dieses Buch in der U-Bahn liest. So ein Buch erzeugt Aufmerksamkeit. Auch deswegen sollten viele Hotels in Berlin dieses Buch zumindest zur Ausleihe anbieten. Jede Großstadt, jede Metropole hat ihre dunklen Seiten und Ecken und Zeiten. Es ist gut so, dass man heute ruhigen Gewissens mit einem Schmunzeln solche alte Reisebände noch findet und lesen kann. Pädagogisch hält sich der Erkenntnisschatz im Rahmen, aber der Unterhaltungswert liegt um ein Vielfaches höher als bei der Erstausgabe.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Lesereise Korsika

Auf und Ab – das ist Korsika. Nicht nur geographisch, denn die viertgrößte Insel des Mittellmeeres ist ein echtes Kraxelparadies. Nein, auch politisch ist die Insel ein Pulverfass, an deren Lunte des Öfteren immer mal wieder gezündelt wird. Susanne Schabers Lesereise Korsika ist ebenso aufgebaut.

Neben bezaubernden Naturbeschreibungen und Portraits der Menschen, die diese Landschaft prägen, schreibt sie auch vom blutigen Kampf der Korsen um Anerkennung und Unabhängigkeit.

Der kleine Korse, der einmal zum großen Franzosen wurde, ist auf der Insel nicht so sehr anerkannt wie landläufig angenommen wird. Denn als er den Thron Europas erklomm, war seine Herkunft kein Thema mehr.

Und dann wieder Traditionspflege, die in einem in Gedanken schon die Koffer packen lässt. Da liest man dann von Kastanienbäumen, die hier auf der Insel so bedeutsam sind. Jede gute Korsin muss beweisen, dass sie dutzendfach die Früchte verarbeiten kann.

Hotels und Tourismus sind wichtige Einnahmequellen Korsikas. Denn wer einmal hier war, kommt oft wieder. Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen gehören zu den elementaren Eigenschaften, die man benötigt, um Erfolg zu haben und dem Gast unvergessliche Tage und Wochen bereiten zu können. Das ist nicht immer einfach, doch lohnenswert. So wie Madame Dalakupeyan. Ihr Hotel ist äußerlich vielleicht nicht das durchgestylteste. Doch eines der am liebevollsten geführte. Susanne Schaber lässt sich vom Charme der Inhaberin und ihres großen Traumes aus Stein verzaubern und zieht dabei den Leser in eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Was gehört sonst noch in ein Buch, das ein Reiseziel emotional in den Fokus setzen möchte? Ein wenig Geschichte gefällig? Keine Räuberpistolen, sondern stolze Recken, die den Ungerechtigkeiten der Besatzer die Stirn bieten und ihr Herz mit der Faust präsentieren.

Dass auf Korsika fürs leibliche Wohl exzellent gesorgt wird, versteht sich von selbst. Doch Susanne Schaber schreibt das nicht einfach nur auf. Sie macht Appetit auf die Insel und ihre kulinarischen Eigenheiten. Als Insulaner ist man auf das angewiesen, was Mutter Natur zur Verfügung stellt. Zumal man sich ja nicht vom Festland abhängig machen will. Da ist sie wieder, die tiefe Kluft zwischen dem zentralistischen grand frère und dem rebellischen Corse. Als Besucher bekommt man davon nur vereinzelt etwas mit. Vielmehr umarmt einen die Gastfreundschaft mit voller Wärme und Herzlichkeit. So wie dieses Buch unerlässlich ist, bei einem Besuch der Insel, genauso tief und ehrlich empfunden sind die Geschichten in ihm. Einhundertzweiunddreißig Seiten voller Leidenschaft und Bewunderung für eine Insel, die im Zwiespalt sich erhoben hat, um im Europa anzukommen.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.

Die Inschrift

In Diktaturen lässt sich gut leben, wenn man das Maul und sich an die Regeln hält. Und immer schon nach dem Mund reden und auf gar keinem Fall den Blick über den eigenen Tellerrand heben. Als Freigeist oder Humanist hat man in solch einem Fall ganz schlechte Karten.

Michele Ragusano ist ein Sonderfall. Er ist Faschist aus Überzeugung. Einen Tag nach Italiens marktschreierischem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg kehrt er in seinen Heimatort zurück. Seine alten Weggefährten strafen ihn mit Missachtung. Eine Art gefallener Engel, der zurückkehrt, so was kann man nicht gutheißen. Schließlich waren vor Jahren alle einer Meinung, dass Michele in die Verbannung gehört. Einstimmiger Beschluss – wie sich das für eine ordentliche Diktatur gehört. Gleichschritt statt eigener Meinung! Basta!

Doch in ganz edler faschistischer Manier – einige ganz Überzeugte pochen auf die „Werte“ der Faschisten – lässt man ihn doch zu Wort kommen. Don Manueli Persico ist die graue Eminenz des Vereins „Faschismus und Familie“. Sein grauer Bart bedeckt die karge Gestalt, die so vortrefflich und fast schon märchenhaft von Andrea Camilleri beschrieben wird. Der Rückkehrer Ragusano macht eine Andeutung über das Vorleben von Persico, dass es dem die Sprache nimmt, die Luft und schließlich das Leben raubt.

Michele Ragusano hat ein zweites Mal gegen die Regeln verstoßen. Er wusste, dass der Don schwach ist. Und das Worte töten können (eigentlich heißt es, dass die Kehle schneller tötet als das Schwert, aber Faschisten neigen nur allzu gern bei Gedankennot zur Umdeutung). Michele wird dem Gericht überstellt, damit es Recht spreche.

Doch die Worte zeigen Wirkung. Der Don war gar nicht so sehr Faschist und rein wie ihn alle gern gesehen haben. In fast hundert Jahren Lebenszeit ändert sich der Mensch, auch seine Sicht auf die Dinge und die Sicht auf ihn. Zum Glück, sonst wäre ja heutzutage in Deutschland der Begriff „mäßiger Postkartenmaler“ mit allerlei schlechten Assoziationen und einem schlechten Gewissen behaftet…

Der eilig gefasste Beschluss eine Straße nach Don Manueli Persico zu benennen, wackelt an jeder Ecke. Besonders die Erläuterung, die Inschrift, muss nochmal überdacht werden. Und da bricht sich der faschistische Kleinbürger, der lieber nicht gewohnte Bahnen verlässt, seinen ziellosen Weg frei.

Kopfschütteln, gelehriges Wissen und die Gedanken an die Gegenwart mischen sich beim Lesen dieser Satire aus der Feder Andrea Camilleris. Wer die Augen nur stur geradeaus hält, verpasst, was links und rechts geschieht. Nur wer für seine Überzeugungen einsteht, kann ruhigen Gewissen Prügel beziehen. Äußerliche Wunden heilen, innere vernarben sichtbar.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

CityTrip Belgrad und Novi Sad

Es gibt noch die kleinen Juwele in Europa, die sich ihre Eigenständigkeit mit der Pflege der historischen Hinterlassenschaften erhalten haben. Gastfreundlichkeit und ursprüngliche Stadtentwicklung gepaart mit moderner Ausrichtung und dem Ausbau der Infrastruktur – Belgrad gehört zweifelsohne zu diesen Juwelen. Die Hauptstadt Serbiens ist eine Millionenmetropole am Zusammenfluss von Donau und Save, dem wasserreichen Zufluss zum europäischsten aller Flüsse. Man spricht oft und gern von einem Schmelztiegel, wenn Kulturen an einem Ort zusammentreffen und wie selbstverständlich zusammen (nicht nebeneinander) das Bild einer Stadt prägen.

Und trotzdem ist Belgrad immer noch ein Geheimtipp. Die weiße Stadt, die sich in Altstadt und Neustadt untergliedert, bietet schon auf dem ersten Blick ein Füllhorn an Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde bereits vor über tausend Jahren erstmals erwähnt. Die Neustadt hingegen ist ein Produkt aus Titos Zeiten, um der Welt zu zeigen, dass der Sozialismus der einzige Weg in die Moderne ist. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass dies nur ohne Machtmissbrauch möglich ist, und auch hier zum Scheitern verurteilt war.

Man ist also nach einer wahren Odyssee in Belgrad gelandet (die Anreise aus Deutschland von oberhalb des Weißwurstäquators ist mit stundenlangen Aufenthalten verknüpft, so dass man schon ca. einen kompletten Tag für die Anreise einrechnen muss). Und schon ist man überwältigt vom Charme der Stadt: Weitläufige Boulevards, beeindruckende Architektur, wildes Markttreiben und eine reichhaltige Küche verführen den Gast sofort. Doch wohin als Erstes? Dieses kleine Büchlein gibt den Ein- und Überblick, den man jetzt dringend braucht. Auch schon wegen der (für die meisten) ungewohnten Schriftzeichen. Wer noch Russisch als Pflichtfremdsprache in der Schule zu erdulden hatte, kommt leichter vorwärts. Für alle anderen werden alle Hotspots im Buch auch auf Serbisch abgedruckt. Ein Stadtplan und Spaziergänge, die keinen Wunsch offen- und keine Sehenswürdigkeit auslassen, machen den CityTrip Belgrad/Novi Sad zum unerlässlichen Begleiter.

Dieser CityTrip ist eigentlich ein CitiesTrip. Denn auch das knapp einhundert Kilometer entfernte Novi Sad, neuer Garten, ist mehr als nur einen Tagesausflug wert. Viel kleiner ist die zweitgrößte Stadt Serbiens. Doch nicht minder reich an Entdeckenswertem. Das Verhältnis der beiden Städte an der Donau ist vielleicht zu vergleichen mit Seattle und Portland oder Berlin und Potsdam. Hier der administrative große Bruder und da die hübsche kleine Schwester. Beide sind eigenständig und bedürfen einander kaum bis gar nicht, doch zusammen bilden sie ein unschlagbares Paar. Beide Städte weisen als hervorstechendes Merkmal eine Burg, eine Festung auf. Beide Städte laden zum Bummeln, wobei Novi Sad die Grünere ist.

Die beiden Autoren Ralf Hälg und Milana Momčilović-Hälg bereitet es eine Freude ihre Stadt dem Leser nahezubringen. Unzählige Tipps – vom Restaurant über Märkte bis hin zu Unterkünften, Museen und anderem Sehenswerten – lassen die Zeit in Belgrad und Novi Sad wie im Fluge vergehen. Und hinterher ist man immer noch angetan vom Reichtum einer Region, die nicht viele auf dem Schirm zu haben scheinen. Ein Fehler, wie man schon während des Lesens feststellen muss.

Der Centaur

Paul Heyse – Italienische Novellen. Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch. Und Paul Heyse – schon mal gehört, aber wer war das doch gleich? Immerhin der erste deutsche Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis für sein belletristisches Werk bekam. Das war 1910. Thomas Mann verschlang seine Bücher. Heute ist er vielen nur noch als Namensgeber von der Parallelstraße bekannt.

Fünf zauberhafte Novellen schmücken die Seiten dieses 240 Seiten starken Büchleins. Und in jeder schlummert die Wortgewalt der deutschen Sprache. Man liest vom Murren im Inneren des Vesuvs, drohendem Klirren der „Geräthe“ und vom Widerhall der Frühlingsstimmen. Wer da nicht sofort die Koffer packen und gen Sorrent fliehen will, ist immun gegen jedwede Art von Poesie.

Fünf Novellen, denen man den Charme und die Vorfreude auf sie nehmen würde, müsste man sie einer genaueren Analyse unterziehen. So viel sei gesagt: Paul Heyse verbrachte tatsächlich eine angemessene Zeit im Land wo die Zitronen blühen. Im Laufe seines Lebens schaffte er es tatsächlich fast zweihundert Novellen zu schreiben. Nicht alle aus und über Italien. Diese fünf Novellen sind so vielschichtig in sich und so abwechslungsreich in ihrer Vielfalt, dass man aus dem Verzücken nicht mehr herauskommt. Das Buch beiseitelegen scheint fast unmöglich.

Immer tiefer reißt der Autor den Leser in seine Welt voller Phantasien, scheinbar trostloser Lebenswege, überraschender Geheimnisse und melancholischer Welten. Ein Fest für die Augen und die Gehirnzellen, die mit jeder Seite aufs Neue stimuliert werden.

Die Texte basieren auf den Originaltexten Paul Heyses. Immer wieder setzt er gekonnt Akzente, indem er den Leser in die Irre führt oder der Realität romantische Vorstellungen entgegensetzt. Vom spannenden Agententhriller bis zum fast schon Märchenhaften zeigt dieses Buch die Kunst des Schreibens als Kunst für jedermann auf. Es ist schade (und ein bisschen auch bedenklich), dass ein Schriftsteller wie Paul Heyse ein Mauerblümchendasein in den Bücherregalen der durchstrukturierten Bücherläden führen muss. Im Wust der Schwarz-Weiß-Malerei sind seine Texte der Regenbogen, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch so strahlt wie am Erstveröffentlichungstag.