Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

Gebrauchsanweisung für Malta

Es ist ein langer Weg bis Malta. Die Kreuzritter brauchten gefühlte Ewigkeiten. Und auch so mancher Tourist besucht erstmal andere Länder, bevor er zu Einsicht und nach Malta kommt. Agnes Imhof war als Teenager hier und hat seitdem eine Dauerkarte für die kleine Insel, die zu gern als Schrittstein zwischen Afrika und Europa gesehen wird.

Wer von Malta spricht, meint auch Gozo und Comino, die kleineren Schwestern der großen Insel Malta. Wie soll man sich nun auf so eine Reise vorbereiten? Sprachlich ist Malta eine Oase in der Sprachenwüste. Englisch – ja. Italienisch – naja. Malti – was’n das? Die erste Sprache des Landes. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, eine semitische Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben. Die Einzige übrigens. Agnes Imhof spricht sie, was ihr nicht nur Sympathien bei den Einheimischen einbringt, sondern einen weiteren riesigen Vorteil beschert. Viele Orte haben zwei Namen. Einen offiziellen und einen, der den Einheimischen, und nur ihnen bekannt ist. Das sorgt sicher immer noch und immer wieder für Verwirrung. Und das kann eine Reisebuchschreiberin nun gar nicht gebrauchen.

Liest man nur die ersten beiden Kapitel, bekommt man leicht den Eindruck auf einer Partyinsel zu sein. Die Luft drückt, ein laues Lüftchen weht und mit einem Mal wird man aus der Flugzeug-Lethargie herausgerissen. Ein Knall wie selten gehört erschüttert die Atmosphäre. Dorffest. Wieder einmal. Nachdem die Nebelschwaden des Feuerwerks vorübergezogen sind, macht sich Agnes Imhof gleich in die Spur dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Malteser feiern gern lautstark. Irgendwo findet sich immer ein Anlass, um mit Schwarzpulver den Himmel einzufärben.

An zweiter Stelle kommen im Buch natürlich die Kreuzritter, die Johanniter, die Malteser. Es gibt so viele Bezeichnungen. Sie erst gaben der Insel ihre Bedeutung, die bis heute anhält. Prunkvolle Gewänder und Bauten zeugen von Ruhm und Reichtum des Ordens. Und auch der feiert gern, so können die „Kostüme“ auch mal wieder öffentlich gezeigt werden.

Dass Malta keine Partyinsel á la Malle ist, dürfte kein Geheimnis sein. Doch als Einstieg ins Buch, als Appetizer für Noch-Nicht-Entschiedene sind diese beiden ersten Kapitel geeignet. Valletta ist 2018 Kulturhauptstadt Europas. Das heißt für alle, die dieses Jahr nach Malta reisen werden, dass es allerorten irgendwas zu sehen, zu riechen, zu hören, zu erleben gibt.

Das Grundgerüst eines Urlaubs bildet normalerweise ein Reiseband. Einer, der die besichtigungswürdigen Orte nicht nur nennt, sondern erklärt, Reiserouten vorschlägt, ein bisschen Hintergrundwissen vermittelt. Agnes Imhof setzt am Ende eines solchen Reisebandes an. Sie kennt die Insel von zahlreichen Besuchen. Und sie schreibt historische Romane, ist Islamexpertin und Religionswissenschaftlerin. Malta ist für sie ein wahres El Dorado. Für jeden Tag des Jahres eine Kirche.

Sie muss auch zugeben, dass Kirchen nicht das alleinige ausschlaggebende Argument für einen Inseltrip sind. Malta bietet allein schon durch seine Vielfalt an menschlichen Wurzeln ein Füllhorn an Möglichkeiten sich auszutoben, sich zu entspannen oder auf Entdeckertour zu gehen. Und für die ganz Modernen gibt es die Drehorte der Serie „Game of Thrones“. Was allerdings (felsen-)fest steht: Wer ohne die Gebrauchsanweisung Malta die Insel besucht, verpasst sicher das eine oder andere Fest, Highlight oder vergisst hier und da mal abzubiegen.

Geschichtenjäger

Soll es das wirklich schon gewesen sein? Das letzte Werk von Eduardo Galeano. Ja, leider. Doch trauern wir nicht um ihn, sondern feiern wir seine letzten Kurzgeschichten und freuen uns darauf, dass sie endlich auf Deutsch erschienen sind.

Wer sich auf dieses Buch einlässt – und schon nach wenigen Zeilen und

Seiten ist man ein Gefangener der Sprachlust Eduardo Galeanos – wird so schnell nicht mehr loskommen. Das ist keine Warnung, es ist ein Versprechen! Es sind kurze Geschichten, manche nur wenige Zeilen lang, die so intensiv ihre Moral versprühen, dass man sie als Sinnsprüche ausschneiden und an die Wand kleben möchte.

Kurze Erinnerungen an scheinbar törichte Handlungen geben sich die Klinke in die Hand mit Geschichten über Kriege und Diktatoren. Naturphänomene wie der ersten Flöte Amerikas stehen im Wechselspiel mit Gedanken über die Zahl Null.

Eduardo Galeano war ein Schreibbessener. Die Wucht und Präzision seiner Worte überragen noch lange Zeit den literarischen Himmel Südamerikas. Während der Militärdiktatur in Uruguay fand er Asyl in Spanien. Mitte der 80er Jahre konnte er in sein Heimatland zurückkehren.

Die Erinnerungen an Entwurzelung, aber auch die Kindheit tragen seine Geschichten. Egal in welcher Länge. Man schwimmt in einem Strom aus Buchstaben, Silben, Wörtern und Neuschöpfungen und versucht erst gar nicht dem Ertrinken die Stirn zu bieten. Lieber in den Zeilen Galeanos den Tod finden als niemals auch nur eine Zeile dieses Geschichtenjägers gelesen zu haben.

Monstern zieht er behände den unheilvollen Zahn. Mit Poesie kreiert er Wesen, die im Meer notwendige Abrieten verrichten, ohne zu klagen. Selbst so profane Ereignisse wie Fußballspiele bekommen bei Galeano eine besondere, neue Dimension.

„Geschichtenerzähler“ wird durch die allerletzten Texte Galeanos, die nie veröffentlicht wurden, ergänzt. Kritzeleien sollten sie heißen. Doch die letzten Zeilen sind die Quintessenz eines viel zu kurzen Schriftstellerlebens. Es war die Neugier, die ihn antrieb. Die Neugier nach dem, was noch kommt, und die Neugier auf das, was war. Es niederzuschreiben, für die Nachwelt zu erhalten, war nur die logische Konsequenz.

Buch

Manche Erinnerungen verblassen rascher, manche später, andere wiederum gar nicht. Mikołaj Łoziński will die beiden ersten Varianten gar nicht erst zulassen und macht sich an die Arbeit Letztem die Ehre zu erweisen. Und herausgekommen ist ein Buch, das den Namen Buch verdient: „Buch“.

Man kann so herrliche Wortspielchen mit dem Titel des Buches machen, und der Autor tut es auch. Er lässt gekonnt Wahrheit und Fiktion miteinander verschmelzen. Fast wie in „Pulp fiction“ setzt man als Leser jedes Puzzleteil an das vorangegangene Teilchen und hofft, dass es passt.

Mikołaj Łoziński stammt aus einer jüdischen Familie. Über Generationen hinweg war man privilegiert. Politiker, Diplomaten, Redakteure gehörten zum Familienverbund. Genauso wie Ehebrecher, Parteigänger und Schreiber. Es ist nicht ganz einfach dem Treiben im Buch zu folgen. Immer wieder – hervorgehoben durch einen grauen Untergrund – blitzen kurze Dialoge mit dem Autor auf. Warnungen, Bitten, Wünsche. Tu dies nicht! Lass das weg! Was schreibst Du über mich? Namenlose Familienmitglieder – so lässt sich die Erinnerung am besten bewältigen – schwirren um den Autor wie Motten ums Licht. Bloß nicht zu viel preisgeben! Um Himmels Willen nur kein Skandal!

Doch Mikołaj Łoziński hat niemals die Absicht seine Ahnen bloßzustellen. Wie Bruchstücke der Geschichte trägt er zusammen, was er noch weiß und was andere ihm erzählten. Polens Geschichte herunter gebrochen auf das Schicksal einer, seiner Familie. Frisch und fröhlich fliegen die Augen über die Zeilen und so manches Mal muss man einfach absetzen und leise in sich hineingrinsen.

Ein Familienroman soll es sein. Da denkt man erst einmal, dass dieses Buch von Generation zu Generation weitergegeben wird. Schau mal, was ich gerade gelesen habe. Lies mal! Der größte Dank an einen Autor, den es geben kann. Doch es ist natürlich ein Roman über eine Familie. Der größte Dank eines Autors an seine Familie. Dass sie ihn teilhaben ließen an einem Leben, das er nicht kannte.

Wer sich die Mühe machen, und die Geschichten zu einem Gesamtbild zusammenfügen möchte, ist sicher herzlich eingeladen dies zu tun. Doch viel vergnüglicher ist es dieses Buch ein-, zwei,- mehrmals zu lesen. Man wird immer wieder Neues entdecken. Und die namenlose Familie wird einem immer vertrauter.

In 80 Bäumen um die Welt

Was haben Jules Verne, die Flagge des Libanon und ein ohrenbetäubender Lärm gemeinsam? Beginnen wir am Ende. Die Welt ist nach Meinung der meisten Forscher mit einem Urknall auf selbige gekommen. Ob der nun wirklich so laut war, ist eher eine philosophische Frage. Die Flagge des Libanon ziert eine Zeder und Jules Verne ließ seine Phileas Fogg in achtzig Tagen um die Welt reisen. Voilá, „In 80 Bäumen um die Welt“ ist geboren. So einfach ist das!

So einfach ist es dann doch nicht! Jonathan Drori ist Kurator für den Woodland Trust, verantwortlich für Wissenschaftssendungen bei der BBC Botaniker durch und durch. Das merkt man schon allein an der begeisterungsfähigen Wortwahl, die seine Texte schmückt.

Er reist einmal quer um den Globus und sieht da genauer hin, wo andere hinwegsehen. Wer schaut schon genau hin, was da am Wegesrand so grün grünt?! Und das eben nicht nur in den verhältnismäßig wenigen Ländern, die Phileas Fogg bereiste, sondern rund um den Globus: Tonga, Malaysia, Botswana, Kanada, Chile, Belgien, Somalia, Seychellen, um nur einige zu nennen.

Es muss schon ein erhebendes Gefühl sein, wenn das lavendelfarbene Schauspiel des Palisanders im Norden Argentiniens betrachten kann. So filigran die einzelnen Äste, so kompakt die ganze Krone. Es duftet unvergleichlich, die Blüten laden zum Staunen ein. In der Natur eine Wucht, im Buch eine Sehnsucht.

Eine Avocado gehört schon seit Längerem auch bei uns auf einen reich gedeckten Tisch. Doch ihr Geheimnis liegt nicht im Geschmack, sondern in ihrer Fortpflanzung. Erst zeigen sich die weiblichen Blüten. Jetzt sind sie bereit. Dann machen sie schüchtern erstmal wieder dicht. Dann balzen die männlichen Blüten, um zu zeigen, dass es losgehen kann. Echte Emanzipation: Denn nun zeigen sich die weiblichen Blüten wieder und die kleinen Helferlein wie Bienen und andere Insekten legen fleißig Hand an.

Die detailreichen Zeichnungen von Lucille Clerc geben wie bei einem wohlschmeckenden Mahl den unterhaltsamen Texten von Jonathan Drori erst die richtige Würze. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt feinste Pinselstriche. Es ist wie im richtigen Leben: Da ein Baum – zur Kenntnis genommen. Doch wer die Augen richtig aufmacht, erkennt die Vielfalt und Einzigartigkeit einer jeden Pflanze.

„In 80 Bäumen um die Welt“ ist ein Reiseband für unterversorgte Globetrotter. Eine Stadt, eine Region und ihre von Menschenhand erschaffenen Reichtümer zu besichtigen, ist eines. Aber der Natur ihre Geheimnisse, die so offensichtlich dargeboten werden, immer wieder neu zu entdecken, kommt einem echten Abenteuer gleich. Mit Kapitän Jonathan Drori und Lucille Clerc im Ausguck ist immer Land in Sicht.

Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!

Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.