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Kalender 2022 Wildwuchs

Das schönste Unkraut ist das, was man nicht als solches erkennt. Wo Gärtner sich die Haare raufen, erkennt der Genießer die Schönheit der Natur. Disteln gehören nicht zu den Freunden im eigenen Planquadrat des Wochenendglücks, doch wenn man sie – aus sicherer Entfernung – in all ihrer Pracht betrachten kann, kann man sich ihnen nicht entziehen.

Wildwuchs das ganze Jahr über. Von Lauch über Schlüsselblumen bis zu Ochsenzungen (ja, das ist ein Pflanze und keine unerwartete Liebesbezeugung eines Tieres, dem man zu nahe gekommen ist) begleiten den naturliebenden Betrachter durch gesamte Jahr. Jeder Monat hält ein üppiges Füllhorn an Simsenlilien, Herbstzeitlosen und Pfeifenwurzgewächsen parat. Schon beim Lesen der Namen kommen Erinnerungen hoch an das, was die Oma noch wusste. Die Natur ist ihr bester Repräsentant. Sie braucht keinen überflüssigen Schnickschnack, um den Betrachter zu gefallen. Sie ist sich selbst genug.

Die nostalgischen Abbildungen auf dem Graspapier unterstreichen den gemütlichen Charakter, den dieser Kalender Monat für Monat verströmt. Und man lernt sogar noch was dabei. Nicht nur, dass sie allesamt im Mai abgebildet sind, sie gehören zu einer Familie: Vielblütiger Weißwurz, Quirlblättriger Weißwurz, Maiglöckchen (ah jetzt klingelt’s) und Echtes Salomonssiegel. Jeder Pinselstrich ist gewollt und lädt zur Schnitzeljagd auf das nächste Detail ein.

Diese Illustrationen verschönern jede Wand, an der sie zum Verweilen einladen. Die Größe der Abbildungen verstärkt die Wirkung der Pflanzen, die man sonst mühevoll suchen muss. Von Gewürzen wie Thymian und Oregano (wer hat das schon mal in „freier Wildbahn gesehen“? – die wachsen nicht im Glas mit Dosierhilfe!) über Sanddorn bis hin zu den giftigen Pflanzen wie Tollkirsche und Stechapfel bietet die botanischen Illustrationen ein Potpourri, das man sich gern und lange anschaut. Ein echter Appetitanreger!

Kalender 2022 Österreichische Geschichte

Franz-Josef, Rudolf, Maria Theresia und natürlich Sisi – Österreichs Geschichte verbindet man oft mit Namen, den Namen gekrönter Häupter. Doch die Alpenrepublik auf ein paar Namen zu reduzieren, wäre fatal. Auch wenn die Hinterlassenschaften der Adligen bis heute sichtbare und wahre Besuchermagnete sind. Wenngleich man zugeben muss, dass 2022 mit vielen Berühmtheiten einhergehen wird.

So begeht man 2022 den 150. Todestag von Franz Grillparzer, dem österreichischen Nationaldichter, feiert den 225. Geburtstag von Franz Schubert und erinnert sich am 4. September an ein einhundertfünf Jahre zurückliegendes Ereignis, dessen Entstehung man oftmals den Beatles zuspricht. Alexander Moissi war ein Schauspieler. An diesem 4. September im Jahr 1917 – in Europa wütete unerbitterlich der Krieg – stand er auf der Bühne der Volksbühne Wien. Sein Spiel, vor allem aber sicher sein Aussehen ließ die Massen an Mädchen und jungen Frauen anschließend die Orchesterreihen stürmen. Massenhysterie. Ein Fall für Freud und Schnitzler, der übrigens am 15. Mai seinen 160. Geburtstag feiern würde.

2022 wird für viele ein besonderes Jahr werden. Irgendwann einmal wird es vielleicht das Jahr sein, in dem man die Pandemie mit dem allzu plakativen Wort Covid-19, das eher an eine militärische Spezialeinheit erinnert als an eine weltumspannende Angst, in den Griff bekam.

Österreichs Geschichte in Bildern: Jede Woche ein Jubiläum, das man feiert, sofern man sich erinnert, oder zumindest ein erinnerungswürdiges Ereignis, das man dank dieses Kalenders mindestens für sieben Tage (man kann diese beiden Worte auch ohne das derzeit anschließende „Inzidenz“ verwenden, tatsächlich!) im Kopf behält.

Die Bandbreite ist enorm. Vom Jubiläum der Vierschanzen-Tournee und der „Schande von Gijón“ über Eroberungen von Festungen wie der von Belgrad bis hin zur Geburtsstunde der österreichischen Eisenbahn findet jeder etwas, um näher an den Kalender heranzurücken und sich der Geschichte bewusst zu werden. Denn eines ist sicher: Geschichte wird niemals enden!

Fahrraddiebe

Es dauert nur wenige Sekunden, die das Leben des Erzählers (wieder einmal, und dieses Mal wohl endgültig) verändern. Schon seit geraumer Zeit sucht er nach Schuhcreme, schwarz. Er findet sie nicht im Nachkriegs-Rom. Überall, wo einst die Läden überquollen – vor Schuhcreme? – herrscht nun gähnende Leere. Er fragt sich bei den Markttreibenden durch. Kommt in Viertel, in denen man besser aufpasst alles dicht am Mann und für sich selbst fühlbar zu tragen. Und dann der entscheidende Hinweis. Es gibt einen Laden, der hat schwarze Schuhcreme.

Der Erzähler schwingt sich auf seinen Drahtesel und radelt voller Vorfreude zu dem ihn zu gewiesenen Laden. An der Türschwelle fragt er in den Laden hinein, ob er hier richtig sei, es hier wirklich schwarze Schuhcreme gäbe. Sí, bekommt er als Antwort. Aber er müsse schon eintreten. Die Lieferung an die Türschwelle ist nicht vorgesehen. Alle Vorsicht außer Acht lassend, tritt der Mann in den Laden. Wohlwissend, dass da draußen eine dunkle Gestalt lauert, um den silbernen Drahtesel schnellstmöglich einem Besitzerwechsel zu unterziehen. Diese verschlagene Visage. Der Erzähler kennt solche Typen. Man hat ihm schon öfter das Fahrrad geklaut. Doch bisher hat er es auch immer wieder zurückbekommen. Ein wahrer Meister im Fahrradzurückholen. Kaum im Laden sieht der die dunkle Gestalt sich auf sein Fahrrad stürzen und davonradeln. Haltet den Dieb! Helft mir! Doch willige Gehilfen des Diebes versperren geschickt den Weg. Sie sind sogar so dreist zu behaupten, dass der Dieb gefasst wurde. Sehen Sie doch, da hinten! Alles nur Lüge, Fassade, perfides Spiel mit den Gefühlen eines Geprellten.

Es wird dieses Mal nicht so glimpflich ausgehen – so viel sei schon verraten. Der Dieb ist schnell ausgemacht. Doch das Rad ist sicher schon in seine Einzelteile zerlegt und gewinnbringend – was sonst, bei Null-Lire-Anschaffungskosten? – an den nächsten verhökert. Die Polizei … die Polizei macht nichts. Warum auch? Die Gefängnisse sind voll von Dieben, Hehlern und sonstigem Abschaum. So bleibt dem Erzähler nur eine Wahl: Er schreibt sich seinen Frust von der Seele. Es ist die Zeit als Faschist wieder ein Schimpfwort geworden ist. Die Zeit, in der die Polizei sich sarkastisch ihrer eigenen Ohnmacht bewusst wird und diese stolz nach Außen trägt. Niemand wird dem armen Mann nun helfen. Alle ergehen sich in endlosen lamenti, echte Hilfe sucht man vergebens.

Luigi Bartolini beschreibt eine alltägliche Situation in den Straßen Roms kurz nach dem Krieg. Ein Fahrrad ist für viele der größte Schatz, weil sie ohne dieses „Ding“ nicht zur Arbeit kämen, ihre Freiheit mehr als nur „ein bisschen eingeschränkt“ wäre, einfach, weil es der einzige halbwegs erschwingliche Schatz ist, den man sich gerade noch so leisten kann. Was er aber aus dieser alltäglichen Banalität macht, ist großes Kino. Verfilmt von Vittorio de Sica, oscarprämiert als bester nicht englischsprachiger Film. Das ist lange her. Und immer noch zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Die zweihundert Seiten liest man ohne Unterbrechung durch und versucht anschließend den Film irgendwie aufzutreiben. Jedes, Buch und Film, für sich schon ein Meisterwerk – im Doppelpack unerreichte Perfektion.

Das Haus auf dem Hügel

Wenn am Abend die Dunkelheit über Turin hereinbricht, ist das von doppelter Bedeutung. Zum Einen ist es das sich täglich wiederholende Wetterphänomen, wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, zum Anderen ist es das Signal zum Aufbruch in die Berge der Umgebung. Tagsüber ist Corrado Lehrer. Ein respektierter Mann, den man mit „Herr Lehrer“ anredet. Am Abend flüchtet er wie viele in die Hügel. „Le Fontane“ ist der Zufluchtsort. Hier ist der Krieg geografisch weit weg, in den Gesprächen der Männer näher als viele ihn jemals gesehen haben. Hitzig diskutiert man. Schmiedet eifrig Pläne. Warnt man vor dem, was noch kommen kann und wird.

Und hier oben in den Hügeln ist Cate. Corrado und sie waren einmal ein Paar. Für sie war es Liebe. Für ihn ein Zwischenspiel mit vielen Höhepunkten. Und dann ist da noch Dino. Ein aufgeweckter Junge und Cates Sohn. Sie eröffnet Corrado, dass der Junge, der von allen nur Dino gerufen wird, in der Geburtsurkunde den Namen Corrado eingetragen hat. Ja, sie nannte ihren Sohn, IHREN Sohn, nach dem Mann, den sie einst so sehr liebte. Corrados Herz, das des Lehrers Corrado, pocht so sehr wie auf der Flucht vor dem Bombenhagel. Ist Dino etwa sein Sohn? Cate wischt mit der Vehemenz einer enttäuschten, stolzen Frau seine Erwartungen und seine Ängste hinweg.

Hier oben in den Hügeln ist Corrado halbwegs frei, soweit das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Er nimmt Farben und Gerüche wahr, die so gar nichts mit dem Grau der Großstadt Turin zu tun haben. Hier oben in den Hügeln ist der einfach nur ein Mensch. Allerdings ein Mensch mit Sorgen, dem das Geschehen um ihn herum nicht kalt lassen kann. Er kann dem Faschismus und seinem drohenden Ende nicht entkommen. Als das Gerücht die Runde macht, dass der Krieg vorbei sei – die Alliierten sind auf dem Stiefel gelandet, keimt erste Hoffnung auf. Doch die wird vom Dreck unter den Soldatenstiefeln jäh beendet. Die Deutschen sind nun überall. Der freie Weg in die Berge ist mit Kontrollpunkten gespickt. Die Partisanen haben sich verschanzt. Beide Seiten sind misstrauisch gegenüber jedem, der die Wege benutzt. Sieht so der Sieg aus?

Cesare Pavese schrieb seinen Roman als sich Italien schon ein gutes Stück vom Mussolini-Faschismus entfernte. Hoffnung und Aufschwung gingen hand in Hand. „Das Haus auf dem Hügel“ ist fiktiv. Pavese verabscheute die Vermischung von Reportage und Literatur. Wohl auch deswegen sind die Schrecken des Krieges scheinbar so fern des Alltags. Auch wenn die Bedrohung permanent das Leben bestimmt, findet Corrado die Zeit sein privates Glück zu suchen und stellenweise zu finden. Und das alles auf dem Schachbrett des Krieges. Die Wucht der sanften Worte haut den Leser nicht um. Vielmehr lässt man sich genüsslich in ihren Sog ziehen.

Der Geist von Turin

Zwischen den prachtvollen bauten, den Fabriken von Fiat und Olivetti, zwischen den mondänen Cafés und dem Calcio hat sich der Geist von Turin prächtig entfalten können. Doch er schwebt nicht wie ein drohendes Gespenst durch die Straßen und Gassen und über Plätze hinweg, er setzt sich fest in den Köpfen und im Gewissen eines ganzen Landes.

Der Geist von Turin wie ihn Autorin Maike Albath beschreibt, ist verbinden mit den Namen Cesare Pavese, Natalia und Leone Ginzburg und ihrem Verleger Giulio Einaudi. Während Italien unter der Fuchtel Mussolinis die Fackel der Freiheit in die falschen Hände legt, gelingt es Einaudi einen Verlag zu etablieren, der als Stimme der Vernunft, vor allem aber als Stimme des Widerstandes einen Funken Hoffnung glimmen lässt. Genau zu der Zeit als Mussolini – der selbst einmal sein politisches Engagement als Sozialist begann – von Rom aus den Stiefel mit selbigen tritt, sind die Bücher bei Einaudi der intellektuelle Gegenpol zur allgegenwärtigen Rohheit und der verkommenen Aufbruchsstimmung.

Dem Philologen Cesare Pavese gelingt es mit seiner pedantischen Art zu übersetzen Werke „Moby Dick“ und die Gedichte von Walt Whitman in Italien zu verbreiten. Seine Romane verkaufen sich gut. Mit den Turiner Romanen – einer Trilogie gleich – gelingt ihm der Durchbruch. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens nimmt er sich das Leben.

Nicht der erste Tiefschlag, den das Haus Einaudi hinnehmen muss. Bereits Leone Ginzburg wurde zu früh aus dem Leben gerissen. Wie auch Pavese war er strikter Gegner der Faschisten. Während Pavese seine Adresse zur Verfügung stellte, dafür in die Verbannung ins tiefste unterentwickelte Kalabrien geschickt wurde, war Ginzburgs Verhaftung ein Zufall. Als die Peiniger erkannten, wen sie da verhaftet hatten, folgten Verhöre, Folter und … unweigerlich der Tod. Seine Frau Natalia sollten dem Verlag mit ihrem Namen Jahre später wieder Erfolg einfahren.

Das Verlagshaus Einaudi überstand Faschismus und die Zeit des Wiederaufbaus, wuchs und wuchs. Die Autoren sammelten Preise wie sie kaum ein anderer Verlag vorweisen konnte. Doch rund ein halbes Jahrhundert später ging es bergab. Inflation und schlechte Entscheidungen führten letztendlich dazu, dass Einaudi, die Stimme der Humanität im Imperium eines gewissen Silvio Berlusconi aufging.

Maike Albath gelingt es in ihrem Buch eine Geschichte spannend zu erzählen, die vielen Lesern unbekannt ist. Die Autoren sind den meisten bekannt. Ihre Leserschaft ist treu, die das Schicksal hinter dem Erfolg ist nicht minder spannend als so mancher Titel im Programm.

Künstler und Entdecker in der Südsee

Da hat man doch im Laufe der Pandemie fast den Blick für die wahren Sehnsüchte verloren. Alle wollen nur noch ihre Freiheit wieder. Wie das aussieht, kann kaum einer richtig in Worte fassen. Der Strandkorb an der Ostsee ist das Nonplusultra. Und dann kommt Charlotte Ueckert mit ihren Reiseerinnerungen um die Ecke und gibt die wahre Sehnsucht dem Leser und wahrhaft reiselustigen Freiheitssuchenden das zurück, was fast vergessen schien. Südsee. Die See und dann auch noch der Süden. Mehr Sehnsucht geht nicht!

Charlotte Ueckert wusste nur das über die Südsee, was man ohne viel Anstrengung als Allgemeinwissen bezeichnet. Cook, Robinson Crusoe, Thor Heyerdahl, die Bounty, endlose Strände und die Gemälde von Gauguin, Emil Nolde und Max Pechstein. Doch das ist es, was die Sehnsucht befeuert. Ist das Licht wirklich so wie bei den Malern der Moderne? Ist der Entdeckerlust inzwischen ein globalisierter Riegel vorgeschoben worden? Schmeckt das Meer hier anders?

Unerschrocken nähert sie sich den Atollen, die nach den Eroberern den Künstlern überlassen wurden. Gauguin war nach Cook und Bougainville ein Vertreter der neuen Sehnsuchtschürer. Seine Bilder wurden ob ihrer Obszönität vom Fachpublikum abgelehnt, dennoch ständig begafft. Diese Ungezwungenheit und Offenheit waren die Triebfeder für eigene Träume.

Charlotte Ueckert erlebt wie zwei Staaten, die eigentlich zusammengehören – West Samoa und Amerikanisch Samoa – so unterschiedlich sein können. Sie erkundet mit ihrer Herbergsmutter deren weitläufiges Grundstück. Die angelesenen Biographien reichert sie vor Ort mit persönlichen Eindrücken an, so dass die ursprüngliche Neugier Platz für Neues machen muss.

Beim Lesen hört man das Rauschen der Wellen, spürt wie sie sanft gegen den Strand schlagen ohne dabei bedrohlich zu wirken. Wohlwollend nimmt man zur Kenntnis, dass glücksbehaftete Wunscherfüllung an entlegenen ort auch ohne die kitschig erzeugten Bilder von sich sanft im Wind wiegenden Palmen auskommen.

Charlotte Ueckert reist mit dem Schiff von Insel zu Insel. Sie vermeidet sich über die strengen Zeitrahmen an Bord – gegessen wird pünktlich, aber vielleicht war das Schiff auch zu klein, um die gesamte Passagierliste in Schichten essen lassen zu müssen – den letzten Nerv rauben zu lassen. Ihr ging es ganz allein darum sich den Traum von der Südsee zu erfüllen. Und das auch gleich zweimal. Bei ihrer zweiten Reise sind ihre Gedanken intensiver. Sie muss nicht auf Teufel komm raus ihre Gedanken niederschreiben und postwendend den üblichen Erinnerungstinnef an sich reißen. Beim zweiten Mal ist die Autorin abgeklärter, doch nicht minder neugierig und beseelt davon ihren Traum noch eindrücklicher nachwirken zu lassen.

Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika

Da ist man doch in Tallulah, Louisian, am 20. Juli des Jahres 1899 tatsächlich der Meinung, dass man so „mir nichts, Dir nichts“ mal fünf Menschen einfach so hängen kann. In den Südstaaten der USA war es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein üblich Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, sämtlicher Menschenrechte zu berauben. Und man hatte sogar meist das Gesetz auf seiner Seite. Was war passiert?

Die Ziege des Nachbarn stört Doc John Ford Hodge schon länger. Das hat er seinem Nachbarn, einem Einwanderer aus Sizilien, dessen Brüdern und Cousins, auch schon mehrfach mitgeteilt. Nun reicht es dem angesehenen Mitglied der Gemeinde (solche Menschen sind immer ein „angesehenes Mitglied der Gemeinde“), er zückt sein Gewehr, lädt durch und drückt ab. Das können sich die Dagos, wie die Einwanderer abfällig bezeichnet werden nicht bieten lassen und gehen ebenfalls mit einer Waffe in Stellung. Ein Handgemenge, ein Schuss, und schon klafft im Körper des Angreifers eine Wunde. Wer mit dem Feuer spielt …

Die Fünf werden ins Gefängnis gesperrt. Und nun kommt Justizia des Staates Louisiana ins Spiel. Es ist keine Straftat, wenn eine Menschenmenge Gefangene aus dem Gefängnis holt und Selbstjustiz übt. Das ist doch absurd! Nicht in den Augen des wütenden Mobs, der ein Seil besorgt, es über die Pappel schwingt, und die Brüder Giuseppe Defatta, Francesco Defatta, Pasquale Defatta sowie die Cousins Rosario Fiduccia, Giovanni Cirami, alle zwischen 23 und 54 Jahre alt, aufknüpft. Am Tag danach sind die Gehängten der Neugier der Einwohner schamlos ausgesetzt.

Autor Enrico Deaglio hat selbst familiäre Verbindungen in diesen Flecken der USA. Ihn interessiert, was damals in diesen dramatischen Tagen die Stimmung so dermaßen aufheizte, dass Italiens Regierung sogar eine Entschädigung bekam und heute eine Erinnerungstafel in Cefalù an die einstigen Auswanderer erinnert. Vielleicht war alles doch ganz anders. War es ein Hund, der den Doc so an den Nerven zerrte? Oder ging es gar um eine Frau? Beides immer noch kein Grund, um fünf Menschen einfach so umzubringen. Der Grund liegt wahrscheinlich – es gibt mehr als nur Verdachtsmomente – in tief liegendem Rassismus. Wenige Jahrzehnte zuvor waren Italiener in Louisians willkommen. Aber nur die aus dem Norden. Direkte Nachkommen der Kelten. Nun war Italien aber endlich geeint. Und so kamen auch Italiener aus dem Süden, die der Gouverneur als Nachfahren von Banditen bezeichnete. Die wollte man nicht haben, bekam sie trotzdem, und machte ihnen das Leben schwer. Die fünf Gehängten stehen symbolisch für den scharfen Gegenwind, der den Ankömmlingen nach drei Wochen auf See entgegenblies.

Dieser Essay ist spannend wie ein Krimi, die Taten jagen noch heute dem Leser einen Schauer über den Rücken und sorgen für andauerndes Kopfschütteln. Als Gegenpol fungiert hier wohl die einfühlsame, geradlinige Wortwahl des Autors und der Übersetzung von Klaudia Ruschkowski. Das Buch trägt den Titel nicht zu Unrecht und richtet den Suchscheinwerfer der Geschichte auf ein Kapitel sizilianischer wie amerikanischer Vergangenheit, das bisher nur sporadisch aufflackerte. Dem Verlag Edition Converso, Deutscher Verlagspreis 2021 und Spezialist für Literatur aus dem kompletten Mittelmeerraum, kann man zur Entscheidung dieses Buch zu verlegen nur gratulieren.

Der kunstfertige Fälscher

Sizilien in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In den Straßen ist ein unruhig. Eine Beerdigung. Das Klappern eines Blindenstocks lässt so manchen den Blick heben. Sie sehen … einen alten Bekannten. Können es kaum glauben. Sie sind doch … Paolo Ciulla. Sì! Er ist es. Immer mehr Menschen erkennen den gebrochenen Mann. Sie erinnern sich gut an ihn. Vor allem an seine Taten. Er war lange weg. Wie schon so oft zuvor. Er saß doch mal auf der Anklagebank. Damals vor vielen Jahren. Ist er wieder draußen? Scheint so.

Ja, Paolo Ciulla war mal eine echte Berühmtheit. Ein Künstler. Allerdings ohne den entscheidenden Durchbruch. Mit Stipendium gen Neapel entsandt. Zum Kunststudium. War sogar in Paris. Bei Pablo und Amadeo (Picasso und Modigliani). Das kann man alles nachlesen. Nur ein paar Jahre sind nicht nachweisbar. Da war er in Südamerika. Auch wenig erfolgversprechend.

Als Fotokünstler hat er sich hervorgetan. Verkaufte Haus und Grund der Eltern, baute sich eine eigene Existenz auf. War politisch aktiv. Schon immer einer mit eigenem Kopf. Als Kind kaum zu bändigen.

Ach ja. Und Fälscher war er. Produzierte Geld, das besser war als das Original. Bis man ihm auf die Schliche kam. Mit internationaler Unterstützung aus den USA. Denn auch dort wurden die Blüten in Umlauf gebracht. Dass der Staat selber – später, nach Ciulla – einmal sich selbst mit den eigenen Lira eigentlich hätte anzeigen müssen… das ist eine andere Geschichte.

Maria Attanasio wurde gebeten einen Beitrag zu schreiben als die Lira dem Euro Platz machen sollte. Erst nach langer Denkpause kam ihr die wahre  Geschichte von Paolo Ciulla wieder in den Sinn. Ein Mann, der seine Fähigkeit als Maler und Zeichner nutzte, um denen unter die Arme zu greifen, denen sonst ein Bein gestellt wurde. Er verteilte Blüten wie ein agiler Händler Kostproben. Doch er tat es nicht zum Selbstzweck, sondern um zu helfen.

Die Behörden kannten das Problem. Konnten aber niemanden habhaft machen. Erst ein Verrat in den eigenen Reihen ließ das sozialistische Projekt auffliegen. Er gesteht reumütig. Seine Kumpane leugnen jede Mitwisser- und Mittäterschaft. Er scheut nicht seiner Sache persönliche Größe hinzuzufügen. Letztendlich ist er ein kranker Mann, der nie den Ruhm suchte, ihn im Kleinen jedoch fand.

Das Sizilien zu Ciullas Zeit war der vergessene Ort des Fortschritts. Analphabetentum, Großgrundbesitzer und der Machtaufbau der Mafia werfen ihre Schatten voraus. In zwischendrin das faschistische Wurzelwerk. Kein Nährboden für große Träume. Maria Attanasio öffnet ein Kapitel sizilianischer Geschichte, das lange geschlossen war. Unermüdlich recherchierte sie über das Leben eines wahrhaften Helden.

Schwarzer Stern

Aus dem Schlaf gerissen zu werden, bringt das Blut in Wallung. Doch wenn Soldaten mit Waffen in die Wohnung eindringen, wo man als Hausmädchen arbeitet, die eigenen Kinder von den Eindringlingen wie Dreck behandelt werden, alle auf einen Laster verladen werden, ist ein unsanftes Aufgewecktwerden wie eine Wohltat.

Sidonie stammt aus Martinique und arbeitet bei den Dubreuils in der Nähe von Bordeaux als Hausmädchen. Sie sind ihre zweiten Eltern, die sie mitgenommen haben als sie von Martinique nach Frankreich zurückkehrten.

Die Dubreuils sind Juden – es sind die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen diese Geschichte spielt. Der Laster, in den Sidonie und ihren Kinder Nicaise und Désiré verfrachtet wurden, hat ein unheilvolles Ziel: Ravensbrück, das KZ Ravensbrück. Das Schicksal der Dubreuils ist vorbestimmt worden. Für die Ruhestörer sind Juden und Neger nur Schweine. Sidonie weiß, was mit ihr passieren kann, sie hat davon gehört. Was ihr tatsächlich passieren wird, kann sie tatsächlich nicht einmal erahnen. Nur, dass ihr Leben wie sie es kannte, vorbei ist. Nicht mehr mit Madame Dubreuil in der Küche stehen und ihr die Geheimnisse der kreolischen Küche beibringen. Das selbst genähte Kleid für Nicaise – ob sie es an ihrem sechsten Geburtstag tragen kann?

Sidonie ist keine Jüdin, sie ist Katholikin. Das interessiert die Soldaten nicht im Geringsten. Das Freundlichste – sofern es das überhaupt gibt – ist das Lachen wegen ihrer Hautfarbe. Aber das ist nicht einmal ein schwacher Trost, es ist gar kein Trost.

Im Lager wird Désiré von Sidonie und Nicaise getrennt. Von anderen Insassen weiß Sidonie, dass ihr Sohn in einer Männerbaracke untergebracht wurde. Aber das beruhigt die junge Mutter nur ansatzweise. Denn der Mann, bei dem ihr bald einziges Kind unterkommt, ist der Mann, bei dem sie untergekommen war, der ihr eine Zukunft bieten konnte: Monsieur Debreuil. Er trägt immer noch den gelben Stern. Fast wünscht sie sich einen schwarzen Stern zu tragen…

Michèle Maillets „Schwarzer Stern“ ist eine fiktive Geschichte, die jedoch auf historischen Fakten basiert. Sidonie steht für eine Gruppe von Menschen, deren Schicksale bis heute nicht komplett aufgeklärt, geschweige denn aufgearbeitet wurden. Schwarze Haut in brauner Zeit – das war die Hölle. Sidonie kann sich an ihrem versteckten fiktiven Notizbuch/Tagebuch festhalten. Sie erinnert sich an Saint Pierre auf Martinique. Die Düfte, die Musik, die Lebensfreude. Das alles wird sie nie mehr wieder sehen. Die Kraft der Worte, die Michèle Maillet findet, ist das Stärkste, was man Rassismus und blindwütigen Vorurteilen entgegensetzen kann, ja sogar muss. Das Traurige daran ist, dass man es bis heute tun muss. Selbst Bücher wie „Schwarzer Stern“ haben Ressentiments gegenüber anderen Hautfarben, Religionen und Lebenseinstellungen nicht komplett aufheben können. Aber sie sind die permanenten Nadelstiche im Fleisch des Hasses. Davon kann es niemals genug geben!

Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.