Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Berliner Razzien

Das Trampeln schwerer Stiefel, Blaulicht, Sirenen – da kann man nur hoffen, dass man auf der richtigen Seite der Tür (des Gesetzes) steht. Und wenn man was ausgefressen hat, nimmt man besser beide Beine in die Hand und rennt, was die tabakverseuchte Lunge noch herzugeben vermag. Am besten ist es natürlich, wenn der Tross der Verdächtigen und ihrer Jäger an einem vorbeizieht und man unbescholtener Beobachter ist.

So wie Leo Heller. Er brachte schon vor fast einhundert Jahren Licht ins Dunkel der Unterwelt, bei den Namen – Heller – mehr als verständlich. Als Autor und Reporter war er bei mehr Razzien in Berlin zugegen als die schwärzesten Gestalten der Nacht und als mehr Polizisten in der Hauptstadt.

Sogar mit dem großen Ernst Gennat war er auf der Jagd bzw. Suche. Und zwar nach der Leiche von Rosa Luxemburg. Doch weder er noch der damals noch nicht so bekannte spätere Erneuerer der Ermittlungsmethoden wurden fündig. Doch allein schon die Reportage zu lesen, genügt, um sich die bedrückende Stimmung und die Hilflosigkeit der Beamten vorstellen zu können.

Manchmal kam es sogar vor, dass sich kriminelle Vereinigungen, die so genannten Ringvereine, der Dienste des angesagten Schreiber bedienten. Sie luden ihn einfach ein, um ihm ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Meistens jedoch war er mit Kommissaren unterwegs, was schon mal dazu führte, dass bei einer Razzia er selbst neben den vermeintlichen Verbechern Aufstellung nehmen musste.

Es ist erstaunlich wie modern sich diese Reportagen heute noch lesen lassen. Die lebendige Sprache hat nichts an Originalität und Einfühlungsvermögen verloren. Auch wenn es bei den Razzien nicht immer wild und pulverlastig zur Sache ging. Denn eine Razzia war zwar gut vorbereitet, musste jedoch im Vorfeld geheim gehalten werden. Der Überrumpelungseffekt war oft das Wichtigste an der Unternehmung. Mit Sprachwitz, beispielsweise, wenn ein Ganove einen anderen per Drahtverbindung (Telefonat) vor der Razzia der Polente warnte, und hinter ihm bereits die Staatsmacht stand, zogen Hellers Reportagen die zahlreichen Leser in eine Welt, die sie jeden Tag wahrnahmen, aber um nichts in der Welt ihr eigen nennen wollten.

Berlin und die Unterwelt der Goldenen Zwanziger – so traurig es ist – das gehört nun mal zusammen. Keine rauschende Nacht ohne Rausch. Und wo Rausch, da auch leichte Mädchen. Unter ihnen durchaus auch manchmal Damen der besseren Gesellschaft, die sich ihre Zeit mit ruchlosen Genossen vertrieben. Und wo Ruch und Rausch sich die Klinke in die Hand gaben, war Leo Heller nicht weit. Er kannte alle, die im Dunkel der Großstadt eine Mark extra machten, jede Mulle, jeden Gauner, jede Spelunke – und er schrieb über sie. Zum Jubiläum der Goldenen Zwanziger mehr als ein ehrenvoller Beitrag.

Franken Quiz

Rätsel, Rätsel, Rätsel. Über Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ rästelt man bis heute. Bei dem Gedanken an die epische Produktionszeit von „Apocalypse Now“ schaudert es jeden Filmproduzenten. Rätsel zu lösen, sind eine Leidenschaft, die mehr als nur einen Fernseh(vor)abend dauert. Welch Arbeit dahinter steckt, bleibt für alle – bis auf die Beteiligten – ein … na was schon … ein Rätsel.

In der Pandemie haben wir Tag für Tag Künstler und Freischaffende kennengelernt, die sich lautstark über die mangelnde Unterstützung beklagten. Das ist das harte Los der Selbstständigen.

Matthias Kröner – selbstständiger Autor und mittlerweile Quizentwickler – hat die erzwungene fast schon als freie Zeit zu bezeichnenden vergangenen Monate genutzt, um dem Rätsel wie es weitergehen soll sein kreatives Potential an den Kopf zu schmettern. Als eingefleischter Franke im Ostsee-Exil war es mehr als nur ein Zeitvertreib dieses Franken-Quiz zu auszuarbeiten.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt der Fragen – womit nicht die Anzahl gemeint ist. Sondern vielmehr die gut sortierte Auswahl an Themengebieten. Von Politik und Theaterszene (ausnahmsweise nicht im Zusammenspiel) über Geographie und Sport bis hin zu speziellem Fachwissen. Wer weiß schon, wo vor fast siebzig Jahren die erste Pizzeria eröffnet wurde? In Würzburg sicher mehr Leute als anderswo … upps, Spoileralarm.

Als passionierter Reisebuchexperte und Franke mit Herz, Seele und Zungenschlag, konnte er schon mehreren Geheimnissen in seiner fränkischen Heimat auf den Grund gehen als die Mehrheit seiner Landsleute. Dieses Spezialwissen merkt man den Fragen des Quiz an. Schon mal was vom Frankenrechen gehört? Wo ist die Chance am größten Süßkirschen – nicht unbedingt in Nachbars Garten – stibitzen? Und für alle, die dem Fränkischen Zungenschlag nicht ganz abgeneigt sind: Was ist ein „oozuulds Buddlersbaa“?

Wenn andernorts, zur Unzeit der eigene Nationalstolz wie eine Kriegstrophäe vor sich hergetragen wird, kommt dieses Franken-Quiz wie ein lehrreicher und vor allem unterhaltsamer Regionalspaß auf den Spieletisch.

The blacker the berry

Als Anfang der 90er Stevie Nicks Album „Timespace“ erschien verzauberte das Ex-Mitglied von Fleetwood Mac den Hörer mit den Zeilen: „I cried a river of tears from the pain
I try to dance with what life has to hand me
My partner’s bring pleasure…my partner’s bring pain”

Ein reichliches halbes Jahrhundert zuvor erschien Wallace Thurmans “The blacker the berry”, ein Klassiker der Harlem Renaissance, der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Obwohl viel später ersonnen, klingen die Zeilen der Flower-Power-Ikone wie Guardian-lines für das Leben von Emma Lou, der Protagonistin des Romans.

Irgendwo in Idaho, dem Gem State, Edelsteinstaat, ist sie aufgewachsen. Als in ihren Augen einzige Schwarze. Und sie ist nicht einfach nur schwarz. Sie ist purpurschwarz, tiefschwarz. Als einzige in der Familie. Das hat sie von ihrem Papa. Und sie hasst es. Auch am College in Los Angeles fällt sie auf. Selbst unter Schwarzen. Dennoch findet sie hier die große Liebe, wie sie meint. Doch es wird „nur“ die erste Liebe sein. Das Ausgegrenzt sein, das sie aus Idaho kennt, setzt sich in Kalifornien fort. Als sie Ende der 1920er Jahre nach Harlem kommt, hofft sie das Paradies vorzufinden. Hier ist sie Schwarze unter Schwarzen. Kein Tuscheln hinter ihrem Rücken, kein peinliches Gaffen mehr. Harlem! Doch es kommt ganz anders!

Denn auch Harlem ist weit entfernt von ihrer Vorstellung vom Paradies. Sie findet zwar eine Anstellung, die es ihr erlaubt das Leben zu genießen – die nostalgische Vorstellung vom wilden Nightlife bedient Wallace Thurman vortrefflich – dennoch wird Emma Lou sich permanent ihrer schwarzen Hautfarbe bewusst. Sobald sich zwischen ihr und einer anderen – schwarzen – entschieden werden muss, zieht Emma Lou den Kürzeren. Sie zweifelt an sich und verzweifelt an ihrer Farbe. Das Schwarz in ein „gewünschteres“ yeller, also ein helleres Schwarz, zu verwandeln misslingt ein ums andere Mal. Will sie etwas ändern, muss sie mutig werden. Will sie siegen, muss sie Verluste einstecken…

Wallace Thurman war als Mitgründer der Zeitschrift Fire!! grundlegender Teil der Harlem Renaissance. Harlem und seine Mitbewohner, und deswegen vor allem Mitgestalter, sind das Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich (immer noch) schwer tut Menschen mit anderer Hautfarbe ohne jegliches Vorurteil zu begegnen. So wie Emma Lou. Sie macht ihrer Arbeit, mit ebenso so vielen Fehlern wie alle anderen auch. Doch es ist einzig allein ihre Hautfarbe, die sie am Aufstieg hindert. Und das sogar mitten in Harlem.

Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Was wollen wir heute essen? Spaghetti!, tönt es keine Sekunde abwartend aus Dutzenden von Kindermündern. Das kennt wohl jeder. Steht irgendwie im Widerspruch zum Klappentext dieses Buches, in dem Autor Dieter Richter ein anderes Bild vom Image der italienischen Küche zeichnet. Ungenießbar. Gesundheitsschädlich. Diese Aussagen hat er sich nicht ausgedacht. Und schon gar nicht meint er sie ernst. Es gab tatsächlich mal eine Zeit – und das ist wirklich gar nicht so lange her – in der Pasta und Pizza als Reaktion auf „Was essen wir heute?“ Stirnrunzeln und verzogene Mundwinkel hervorrief. Das war die Zeit, in der man im Goggomobil oder Käfer nach Bella italia fuhr, um in der unerträglichen Hitze ein Eisbein zu bestellen. Zu viel Neues (des Guten) war dann eben doch zu viel.

Die Zeiten haben sich geändert. Pizza ist das Fastfood numero uno, weltweit! Und Pasta … ja, Pasta führt zu schon zu einem Aufschrei, wenn in der Fertigpackung klammheimlich der Parmesan aus der Packung entfernt wird.

Dieter Richter erzählt uns, den Lesern warum wir Italien so lieben. Denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Mit den Gastarbeitern kamen die Nudeln und die Teigtaschen über die Alpen. Erste trattorien entstanden. Und im Handumdrehen waren Braten und Klöße als Festschmaus von Spaghetti, Maccaroni und Pizza salame Verkaufsschlager und das Lieblingsessen freudig strahlender Gesichter jeden Alters. Bald schon hatte man seinen Lieblingsitaliener, den man duzte, der einem respektvoll mit dottore anredete.

Die Kolonisierung der Welt basiert auf der einfachen Küche. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete in der neuen Welt die erste Pizzeria. Durch die Lieferdienste wurde die Eroberung der kulinarischen Welt manifestiert.

Mit Anekdoten und belegbaren wissenschaftlichen Thesen rückt Dieter Richter dem Mythos der cuicna italiana auf den Pelz. Tiefgründig erörtert er, warum wir so hoffnungslos Italien verfallen sind. Dabei bleibt er nüchtern, fast schon teilnahmslos, um jede Skepsis an seiner Analyse im Öl der Erkenntnis zu ertränken.

Treten Sie ein, der beste Platz im ristorante der Kulinarik ist bereits reserviert für den kundigen, neugierigen Italienliebhaber. Ein opulentes Wissensmahl wartet bereits. Das verträgt sich gut mit der dieta mediterranea, der bekömmlichsten aller Diäten.

Lost & Dark Places Berlin

Eine Brotfabrik, ein Funkhaus und ein legendärer Flughafen – komm, lass uns Urlaub machen! Die in diesem Buch vorgestellten Ausflugsziele stehen nicht auf allzu vielen Wunschzetteln für einen erholsamen Urlaub. Was aber auf alle Fälle feststeht, ist, dass diese Expeditionen jedem Hobbyforscher einen Denkzettel verpassen. Corinna Urbach und Christine Volpert haben dreiunddreißig Orte in und um Berlin gefunden, die ihr Leben gelebt haben, die mittlerweile nicht nur sprichwörtlich ihr Dasein im Schatten fristen. Lost places, dark places nennt man solche verlassenen Orte, die ihre Pracht, ihren Sinn im Laufe der Jahre verloren haben. Hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Hier benimmt man sich wie es sich gehört: Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Geschichte stehen an oberster Stelle. Dafür wird man aber auch außergewöhnlich belohnt.

Der Zahn der Zeit, das Vergessen, der Unwillen zur Erhaltung oder ungeklärte Besitzverhältnisse haben so manchem Ort ein Schicksal in den eigenen Mauern beschieden. Oft sind diese Orte abgesperrt, weil die Holzböden morsch sind, die Statik nicht mehr überprüft wird und somit akute Einsturzgefahr besteht.

Auf der anderen Seite gibt es Orte, die eine dunkle Vergangenheit haben und nun als Mahnmal, niemals zu vergessender Ort der Nachwelt ihre Geschichte erzählen. So wie das Geheimobjekt 05/206. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Doch der nichtssagende Name in Märkisch Oderland ist nicht mehr und nicht weniger als der Atombunker, der im Ernstfall einmal als Organisations- und Rechenzentrum für die Nationale Volksarmee hätte dienen sollen. Von außen eher unscheinbar, so sollte es ja auch sein, von innen immer noch in erstaunlich gutem Zustand. So dass heutzutage eineinhalbstündige Führungen stattfinden.

Die NS-Zeit ist zum Glück vorüber, die Folgen sind bis heute sichtbar. Aber nicht alles ist noch zu besichtigen. Dank dieses Buches und den darin enthaltenen Abbildungen kann man allerdings einen Blick darauf werfen. So wie in die Siedlung der SS-Leitung des KZ Ravensbrück. Nach dem Krieg eroberten die Sowjets das Gebiet und machten sich bis zu ihrem Abzug Anfang der 90er Jahre sich hier breit. Seit rund einem Jahrzehnt kann man in einzelnen Gebäuden wieder Ausstellungen zur besonderen Geschichte besichtigen.

Auf eigene Faust in abbruchreife Häuser einsteigen, ist ein wahrlich gruseliges Abenteuer. Sollte man unterlassen, da man sich mindestens des Landfriedensbruchs strafbar machen kann. Wer sich dabei die Taschen füllt, ist ein Dieb. Ganz davon abgesehen, dass man sich selbst in Gefahr bringt. Die beiden Autorinnen stellen Orte vor, die Geschichte machten, die man besichtigen darf, aber auch Orte, die der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Nichts desto trotz machen diese Orte Lust auf erlebbare Geschichte. Und dort, wo man nicht rein darf, ist dieses Buch mehr als ein Trostpflaster. Was immer noch besser ist als ein echtes Pflaster auf blutigem Körper…

Partytime

Wird heutzutage von Party gesprochen, hat man in Sekundenschnelle ein Bild von einer grölenden Menge vor Augen, die mit einer überzuckerten Limo in Dosen die Hände gen Gebäudedecke recken und sich gegenseitig unverständliche Laute zugrunzt. Die Zeiten haben sich geändert.

Als es das letzte Mal hieß Party in den 20ern, war man da etwas verhaltener. So wie in der ersten Geschichte dieser Party-Geschichten-Sammlung von F. Scott Fitzgerald. Rags Martin Jones kehrt mit einem Ozeanriesen aus der alten Welt ins wunderbar moderne New York zurück. Die Presse lauert auf ein gestelltes Winken und den neuesten Tratsch, die neueste Mode aus Paris an den Körpern der gutbetuchten (und das ist wohl mehrdeutig gemeint) Passagiere, die die Gangway herunterschreiten. Nur Rags wird nicht erwartet. Ihre Familie ertrank in der eisigen Flut als vor Jahren die Titanic im Kampf mit einem Eisberg kläglich versagte. John Chestnut ist der einzige, der die Millionenerbin erwartet. Rags ist das nun gar nicht recht, obwohl sie ihn um den Empfang bat. So ist sie halt: Jung, unabhängig in jeder Hinsicht und ein vergnügungssüchtiges junges Ding. Das Geplänkel im Hafen ist für sie mehr Erheiterung als für ihn ein Liebesbeweis. Denn John ist bis über beide Ohren in Rags verknallt. Als sie ihm eröffnet, dass sie den Abend nicht mit ihm verbringen möchte, zieht er einen letzten großen Trumpf aus dem schicken Ärmel. Ob sie nicht den Prince of Wales kennenlernen möchte? What? DEN Prince of Wales?! Sure! J sieht sich schon auf der Zielgeraden seines größten Triumphes. Doch der Abend wird anders enden, als er, als sie, als die Partygäste, inkl. „Prince“ es sich vorgestellt hatten. Uneingeladene Gäste sind als Partycrasher einmal mehr Spielverderber, denen man nur mit Witz und Chuzpe ein Schnippchen schlagen kann.

Ob Bernice ihrer Umgebung ein Schnippchen schlagen will, kann man nicht abschließend sagen. Ihr ist klar, dass sie als Partygängerin auffallen muss. Das hat sich wohl bis heute nicht verändert. Wenn es noch einen Beweis für die Nachhaltigkeit der Worte von F. Scott Fitzgerald benötigt hätte, bitte sehr! Hier ist er! Ein Bubikopf verleiht ihr etwas rebellisches. Zumindest ist sie dieser Meinung. Die vorhergehende Generation sieht das natürlich ganz anders. Ihre Freunde finden es radikal und einen mutigen Schritt hin zur Selbstständigkeit.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Lektüre über Parties – seien es ausgelassene Teenagergelage oder eine lässige Zusammenkunft von stresserprobten Neueltern, die ihrem Nachwuchs auch mal das gewisse Party-Erlebnis gönnen – liest sich immer ein Blick durchs Schlüsselloch. Wer ist da? Wie benimmt man sich? Was hat er / sie nun schon wieder am Körper oder dabei? F. Scott Fitzgerald bemüht sich nicht den gesellschaftlichen Konventionen den Witz entlocken, er amüsiert sich in Anwesenheit der Gäste und der Leser köstlich über das kontrollierte Ausgelassensein, das mehr Schaulaufen ist als echte Lebensfreude.

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.

Die Reise der Narwhal

Ich packe mein Expeditionsschiff. Ich nehme mit: Einen Kapitän, einen Aktenlurch, Whiskey, den Gönner in fast genauso rauen Mengen schicken wie gestrickte Handschuhe, Pflaumen (auch eine Gabe einer herzensguten Dame, die den Forschern „was Gutes tun will“), Plumpudding, gepökeltes Fleisch, Mikroskope, Chronometer, Arsenseife, Siegelwachs – was man halt so braucht, um Mitte des 19. Jahrhunderts in die Arktis aufzubrechen. Was selbst heute noch ein nicht ganz risikoloses Unterfangen ist – allerdings durch endlose Berechnungen und permanente Kontrolle durch Satelliten etc. eher einer Weichspülvariante gleichkommt – war vor mehr als anderthalb Jahrhunderten ein Himmelfahrtskommando.

Durch eine Zeitungsannonce wird Erasmus Wells auf die Expedition aufmerksam. Das traut ihm kaum einer zu. Zwischen Akten und verstaubten Papieren fühlt er sich doch sonst am wohlsten. Ein letztes Aufbäumen gegen die Lethargie des Alltags? Oder doch echter Abenteuergeist? Der Norden ruft. Die Arktis ruft. Der Nordpol ist noch nicht entdeckt, geschweige denn nachweislich besucht worden. Unter diesen Vorzeichen sticht die „Narwhal“ in See.

Bis die Reise ins Stocken gerät. Bis dahin hat man sich, sofern möglich und gewünscht, ganz gut amüsiert. Bis eben noch hat man ganz gut geforscht. Die Ruhe um die Crew herum ist ein echter Motor für Geistesarbeit. Doch nun steckt man fest. Das Eis der Arktis umschließt die Narwhal, und somit auch seine Besatzung, mit dem kristallisiertem Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, das als unbezwingbares Eis allen an Bord nach und nach die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Liebsten nimmt.

Aus Tagebuchaufzeichnungen, ihrem Wissensschatz (sie ist Zoologin) und der unbändigen Lust Geschichten zu erzählen, macht Andrea Barrett einen historischen Roman, der seinesgleichen sucht. Immer wieder lässt sie die Situation hoffnungslos erscheinen, und immer wieder lässt sie einen Funken Hoffnung am Horizont die Stimmung heben. Das Spiel von Macht und Ohnmacht, das Spiel zwischen den Geschlechtern (an Bord sind fortschrittlicherweise Vertreter beiderlei Geschlechts) sowie der Drang zu überleben, bilden in „Die Reise der Narwhal“ eine heilige Allianz. Die Hauptakteure hat sich die preisgekrönte Autorin ausgedacht. Die Spieler im Hintergrund – Nebendarsteller, die die Handlung vorantreiben, in einer supporting role – waren reale Gestalten ihrer Zeit. Ohne Kitsch und Klischees versteht es Andrea Barrett den Leser in den Bann des ewig erscheinenden Eises zu ziehen. Die Abwechslung, die den Akteuren zu fehlen scheint, erlebt der Leser auf über vierhundert Seiten immer wieder aufs Neue.

Erfurt

Es wäre fatal Erfurt nur mit einer Attraktion in Verbindung zu bringen. Paris besteht schließlich auch nicht nur aus dem Eiffelturm und London nur aus der Tower Bridge. Und entgegen der derzeit fast vorherrschenden Meinung, dass Erfurt nur aus Bundesgartenschau und Krämerbrücke besteht, muss man diesen Reiseband lesen.

Ja, die Krämerbrücke, die seit Jahrhunderten mit ihren originellen (einst lebenswichtigen) Geschäften allen Suchen nach der gleichbleibenden Shopping-Experience in global agierenden Filialen eine Absage erteilt, muss man besuchen. Auch das ehemalige IGA-Gelände (Gartenschau, die in der DDR „bewies“, dass es hier sehr wohl alles zu kaufen gibt – was natürlich Nicht stimmte), welches momentan einen Teil der Bundesgartenschau 2021 beheimatet, ist mehr als nur einen Abstecher wert. Erfurt kann man auch als eine Stadt der Wunder umschreiben. Ein Blick auf das Titelbild zeigt … das ist doch … nee … das muss doch eine Fotomontage sein. Zwei Kirchen auf einem Platz? Direkt nebeneinander. In Italien ist das okay, aber Thüringen? Ja, ist aber so. Domplatz mit der beeindruckenden Treppe, die an erhellenden Sommertagen als Theaterkulisse trägt. Domkirche und St. Severi scheinen im Abendlicht miteinander zu schmusen, und die Domtreppe scheint zu verdecken, was im Verborgenen bleiben soll.

Verstecken, sich gar verbergen, muss sich Thüringens Hauptstadt nicht. Auch wenn der Liedermacher Rainald Grebe Thüringen als „Land ohne Prominente“ satirisch verarbeitete (von wegen: Max Weber wurde hier geboren, Luther zerbrach sich hier sein Hirn über Gott und die Kirche und Adam Ries verbrachte hier die erkenntnisreichsten vier Jahre seines Lebens), so kann man hier – mit diesem Buch in der Hand – erstaunliche Stunden, sogar Tage verbringen. Da man um die Krämerbrücke eh nicht herumkommt, beginnt man am besten auch hier seine Erkundungstour. Am Ufer der Gera – ja Erfurts Stadtfluss teilt sich den Namen mit der gleichnamigen ehemaligen Bezirksstadt der DDR – steht ein Metallobjekt. Muss man gesehen haben, da es auf Bildern ein wenig deplatziert wirkt. Es handelt sich hierbei um eine Mikwe, ein jüdisches Tauchbad, und es wurde bis Mitte des 15. Jahrhunderts auch als solches genutzt. Allein daran erkennt man schon, dass Erfurt viel Geschichte zu bieten hat. Bei einer Führung zur jüdischen Geschichte erfährt man einiges, was sich hier zugetragen hat. Vom Pogrom im Jahr 1349 bis zum UNESCO-Welterbe.

In der jüngeren Vergangenheit ist auch außerhalb der Stadt- und Landesgrenzen wieder das Erfurter Blau in den Fokus gerückt (worden). Schon zu Beginn des letzten Jahrtausends (!) begann man mit technischen Verfahren Kleidung zu färben. Für den Anbau des Färberwaides opferte man Getreidefelder und machte mit dem komplizierten Verfahren Erfurt weithin sichtbar bekannt. Auch heute noch gibt es kleinere Betriebe, in denen man sich sein eigenes Textil gestalten kann (mit einer Art Batiktechnik). Der Prozess dauert aber einige Tage, so dass man sich sein Einzelstück entweder nach dem Urlaub zuschicken lässt oder die Zwischenzeit nutzt, um alle BUGA-Stellen zu besichtigen.

Die BUGA 2021 gibt dem prall gefüllten Reisebuch den aktuellen Anstrich. Denn die Bundesgartenschau erstreckt sich nicht nur auf dem ursprünglich für eine Gartenschau erschlossenen Gelände, sondern verleiht beispielsweise dem Areal vor der Zitadelle Petersberg ein duftendes Œuvre. Weimar, Jena, Gotha, Sangerhausen, Bad Liebenstein sind Orte, die mit ihrem Einfallsreichtum der BUGA ein umfassendes Bild einer von Menschenhand entworfenen Natur verleihen. Auch dazu bietet das Buch eine reichhaltige Auswahl an Ausflügen.

Erfurt hat noch nicht jeder, der in eingeschränkten Reisezeiten mit Ab- und Anstand reisen möchte, auf dem Plan. Zu Unrecht. Auf 270 Seiten wird einem eine Stadt schmackhaft gemacht, die langsam aus ihrem Dämmerschlaf erwacht.