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Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens

Er war Amerikaner, der zu Beginn und am Ende seines Lebens in den USA lebte. Er war Deutscher, der sein Werk in Deutschland vollbrachte. Er war Bauhäusler von Anfang an, bis zum bitteren Ende. Lyonel Feininger. Sein Werk ist vielleicht bekannter als sein Name. Die düsteren, durch geometrische Formen bestimmten Bilder treffen den Betrachter auf Anhieb ins Mark.

Feiningers Leben war wie seine Bilder kantig, geradlinig. Feininger musste nicht darben wie Chaim Soutine. Feininger „erfand“ keine neue Kunstrichtung wie Pablo Picasso. Und doch war er immer präsent. Als Teenager holten ihn seine Eltern nach Deutschland. Er machte eine Banklehre, während Mama und Papa als Musiker durch Europa tourten. Ein Brief seines Chefs – als Loblied auf den Ehrgeiz des Azubis gedacht – versteht der Vater als Fanal für eine allzu zielstrebig ausgelegte Banklaufbahn mit wenig menschlichem Einschlag und holt den Filius zu sich. Musiker solle er werden, in Leipzig. Doch der Lehrer ist noch nicht bereit den jungen Lyonel, damals noch Leonell, zu unterrichten. Der Sprössling wird bei Tante in Hamburg geparkt. Dort entwickelt er eine Leidenschaft fürs Zeichnen. Und er ist erfolgreich, möchte schon bald seine Fähigkeiten im Studium ausbauen. Sein Wille geschehe, wenn er sich reinkniet und erfolgreich ist. Die väterliche Bange und Strenge führen schlussendlich dazu, dass Lyonel Feininger schon bald dies- und jenseits des Atlantiks mit seinen Karikaturen auf finanziell erfolgreich sein wird.

Ein Aufenthalt in Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts formt aus dem Auftragzeichner einen Maler, der einige Zeit selbst Henri Matisse dazu bringt ein eigenes Werk noch einmal zu überdenken, damit er neben dem jungen Deutschen bestehen kann.

Lyonel Feininger gehört – sollte man eine Liste mit Malern der Moderne erstellen – sicher nicht zur ersten Garde, die einem in den Sinn kommen. Zu Unrecht! Aber schon im zweiten Schwung gehört er sicherlich zu den Meistgenannten. Private Rückschläge durchziehen sein Leben wie das eines jeden, der sich der Kunst verschrieben hat. Er sorgte reichlich für Nachwuchs, und seine erste von ihm geschiedene Frau Clara. Mit seiner zweiten Frau Julia Berg war er bis zu seinem Tod zusammen.

Andreas Platthaus erzählt aus dem Leben eines Künstlers, der sich in Deutschland nach Amerika sehnte, der vier Jahre unter der Herrschaft der Nazis litt, weil seine Frau Jüdin war und ihm die Arbeit mehr als erschwert wurde. Aber erzählt auch von einem Mann, der dank seiner Fähigkeiten immer einen Weg fand Nackenschläge als Chance für neue Pfade beschreiten zu können. Ein sich selbst treuer Mann. Das Werk Feiningers ist heute in einem ihm gewidmeten Museum in Quedlinburg zu bestaunen sowie im Schloss Moritzburg in Halle / Saale.

Orientreisen

Annemarie Schwarzenbach wuchs nicht mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund auf. Sie hatte einen ganzen Besteckkasten, ihre Familie zählte zu den reichsten der Schweiz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählte sie nicht nur aufgrund dessen zu einer auserlesenen Elite, sondern einzig allein durch ihre Reisen und ihre darüber veröffentlichten Reportagen. Schon früh zog es die freiheitsliebende (und bei ihr ist es wirklich angebracht von Freiheit zu sprechen) in die Ferne. Mit der Familie gebrochen, sich offen zu ihrer Sexualität zu bekennen, sich gegen die Faschisten und ihre Ideologie zu stellen und die arabische, afrikanische, persische Welt zu erkunden.

Vieles, was sie in ihren Reportagen beschrieb, ist heute so nicht mehr zu erleben. Man stelle sich vor – welch wunderbare Vorstellung! – die Buddha-Statuen von Bamiyan würden noch stehen. Oder mit einem Kleinflugzeug über die syrische Wüste zu fliegen und die Schakale aufzuscheuchen. Und das zu einer Zeit, in der Frauen als Alleinreisende in einem kaum erschlossenen Gebiet mehr Mut brauchten als heutzutage kurzgeschorene Europa am Hindukusch verteidigende Goldgräber.

Es sind über 80 Jahre vergangen seit dem Annemarie Schwarzenbach ihre Reisen gen Osten unternahm. Vieles ist nicht mehr zu sehen. Sei es durch Zerstörung, sei es durch Bebauung, sei es durch den Zahn der Zeit. Doch sich ein stilles Plätzchen zu suchen, die Luft tief einzuatmen und diese Reiseimpressionen auf sich wirken zu lassen, hat einen höheren Lerneffekt als beim Discounter gebuchte Reisen in die Shoppingparadiese der glitzernden Malls zwischen Wüste und Golf.

Mit einfachen Worten und bildhafter Sprache zieht Annemarie Schwarzenbach den Leser in eine Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. Die Türkei zum Beispiel befindet sich seit ein paar Jahren im größten Umbruch, den man sich vorstellen kann. Schrift und Sprache werden einer Radikalkur unterzogen. Dennoch gibt es vieles, was heute noch zu besichtigen ist und mit den Worten der Autorin im Hinterkopf, erkennt man vielleicht manches, was einem sonst verborgen geblieben wäre. Isfahan im Iran mit seinem markanten Meidān-e Naqsch-e Dschahān fasziniert sie damals und wirkt bis heute auf den Betrachter wie ein unwirklicher Traum.

Annemarie Schwarzenbach trieb es in Ferne, nicht um anderen etwas zu beweisen. Sie wollte selbst die Welt entdecken und erleben. Unabhängig sein und die Welt an ihren Abenteuern teilhaben lassen. Ihr gelang es mit Bravour, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist. Leider war ihr Leben nach zu kurzer Zeit zu Ende. Sie starb im Alter von 34 Jahren nach einem Unfall und den Folgen einer falschen Behandlung.

Monster Berlin

Es ist nicht einfach die NS-Zeit mit Kultur in Verbindung zu bringen. Staat und Partei sind verschmolzen – ein sicheres Zeichen für Diktaturen. Die Kulturszene muss sich dem Diktat der Partei, und somit des Staates beugen. In Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 kein leichtes Unterfangen. Entartete Kunst, Bücherverbrennung, Hetze, Vertreibung, Folter – Künstler hatten es schwer ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Die Verlustmasse der Geflohenen ist bis heute nicht aufgearbeitet. Während Filmschaffende Hollywood zu heutigen Ruhm verhalfen – ohne sie wäre der Flecken Erde in den Hügeln bei Los Angeles nicht weiter als ein Gewerbegebiet mittleren Ausmaßes für Filmschaffende – arrangierten sich manche mit dem Regime, manche biederten sich an, manche lavierten sich geschickt durch die Zeit.

Die Zeiten, in denen aufm Ku’damm in den Cafés heiter diskutiert wurde, Weltliteratur geschrieben wurde, die Kunstszene zu explodieren drohte, waren endgültig vorbei als der Fackelzug der SA durchs Brandenburger Tor zog. Und Max Liebermann bei diesem Anblick die packende Zusammenfassung zum Besten gab: „Ick kann jar nich soville fressen wie ick kotzen möchte.“

Im Süden Frankreichs, in Sanary sur Mer bildete sich zwischenzeitlich eine deutsche Literatenkolonie, die jedem Bücherliebhaber ein Schauern über den Rück laufen lässt. Und in Berlin? Monströse Pläne für eine Welthauptstadt. Die Welt zu Gast bei Mördern. Gleichschritt nicht nur als Tagesparole, sondern bildhafter Alltag. Die Filmbranche blühte auf unter der Fuchtel von Joseph Goebbels, der nebenbei auch oberster Herr der Stadt Berlin war.

Berlins Künstler waren zu dieser Zeit nicht minder kreativ als in den Jahren zu vor. Sie waren vor allem politischer, einige politiksicher. Wer Geld verdienen wollte, weil er es musste (der schnöde Mammon nimmt keine Rücksicht auf Diktaturen), passte sich an, wenn er keine Möglichkeit hatte zu fließen. Oder er versank für alle Zeiten in der Bedeutungslosigkeit.

Als der „Vulkan Berlin“ ausbrach, stieg aus ihm das „Monster Berlin“ – so beschreibt es Autor Kai-Uwe Merz. Was nichts anderes besagt als dass der erste Satz dieses Buches geschrieben wurde als der Vorgängerband („Vulkan Berlin“) erschien. Beide Bücher rücken die Metropole Berlin ins Rampenlicht und leuchten sie detailreich aus, so dass selbst in den dunkelsten Ecken sich keiner mehr verstecken kann. Zweieinhalb Jahrzehnte, die Zwanziger, die Dreißiger und die erste Hälfte der Vierziger reichten aus, um den Olymp zu erklimmen und in die Tiefen der Hölle zu stürzen. So wie George Grosz es zeichnete. Hitler vor dem Leichnam seines Bruders auf dem Knochenhaufen der Opfer. Ein Sinnbild, das bei seiner Entstehung eine dunkle Zukunft darstellte und nur wenige Jahre später bittere Realität war. Um die Pauken und Trompeten dieser Zeit richtig zu verstehen, braucht man Bücher wie diese!

Christian Voß und die Sterne

Es ist noch lange nicht alles geschrieben worden über die dunkelste Zeit in Deutschland, Europa und der Welt. Vieles wurde schon veröffentlicht, geriet aber im Laufe der Jahre wieder in Vergessenheit. Und manches wird durch unermüdliche Recherche und Beharrlichkeit wieder ins rampenlicht gezogen. So wie „Christian Voß und die Sterne“. Gut so!

Europas Himmel ist vom Pulverrauch in ein tiefes Grau getaucht. In Deutschland gibt es zwar noch so etwas wie ein „normales Leben“, doch das hat so gar nichts mit dem zu tun, was heutzutage als „normal“ angesehen wird. Juden dürfen nicht mehr arbeiten, nicht mit der Straßenbahn und Bussen fahren. Es gibt reglementierte Einkaufszeiten. Sie müssen einen Stern tragen. Sie werden schikaniert, verprügelt, in die Vernichtungslager geschickt. Nein, ein Alltag ist das nicht. Die permanente Angst gibt vielen Anlass sich das Leben zu nehmen oder es vorzugaukeln.

Das Landei Dr. Christian Voß aus dem Mecklenburgischen lebt seit ein paar Jahren in Berlin. Er hat seinen Frontdienst geleistet und steht nun nach frischen Erdbeeren an. Schon in der Warteschlange erfährt er, was es heißt um diese Uhrzeit einkaufen zu gehen bzw. einkaufen gehen zu müssen. Er als Mann. Um diese Zeit! Hier? Jetzt, wenn die Juden einkaufen. Eine Frau mustert den eingeschüchterten jungen Mann und gibt ihren Senf dazu. Sie hat gut reden. Sie ist keine Jüdin, muss nicht mit der Waffe in der Hand auf Andere schießen. Sicher hat sie Privilegien, die es ihr erlauben derartige Hasstiraden vom Stapel zu lassen.

Christian Voß – völlig unerfahren wie man sich benimmt, wenn man in der Warteschlange steht – fragt eine junge Frau, ob er denn hier richtig stehe. Und schon geht das Gezeter los. Augenblicke merkt er, dass er eine junge Jüdin angesprochen hat. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob er mit Juden oder Ariern spricht – solange die Politik außen vor bleibt, was in dieser Zeit so gut wie unmöglich ist. Irene, so heißt die Frau, gibt ihm zu verstehen, dass er vermeintlich in größerer Gefahr ist als sie selbst. Ob er denn nicht ihren Stern sehe. Ihm ist es egal. Es sind die ersten zarten Bande, die in dieser hässlichen Situation beim Einkaufen geknüpft werden. Die Bande werden bald schon zu einem harten Knoten werden.

Hart in jeder Hinsicht. Denn in der Wohnung von Irene stapeln sich die Menschen, und damit auch die Probleme. Bloß nicht auffallen. Leise sein. Nicht anecken. Das gilt auch untereinander! Die Arzttochter Irene musste schon ihren Eltern Lebwohl sagen. Sie hat Angst vor einer Beziehung mit Christian. Was, wenn sie sich wirklich verliebt? Und er sich in sie? Das muss scheitern! Unmöglich in diesen Zeiten. Und dennoch geraten beide in den Strudel der Gefühle.

Hertha von Gebhardt beschreibt sehr detailreich den Alltag von Menschen, deren Überleben mehr von der Hoffnung geprägt ist als vom Willen. Das Buch erschien zum ersten Mal 1947 und wurde mit gemischten Kommentaren wahrgenommen. Jetzt, nach mehr als sieben Jahrzehnten, ist es umso wichtiger, dass es noch einmal erscheint. Denn: Es wurde schon wieder so viel vergessen!

Asche und Sand

Manchmal komprimiert sich die Geschichte eines ganzen Landes in einer kleinen Gruppe. Auf einem Fluss in Mosambik durchpeitschen die Ruder das Wasser. In dem kleinen Boot sind Imani, die als Übersetzerin ihr Volk mit den Besatzern aus Portugal zusammengeführt hat. Germano, dessen Militärposten angeführt wurde, der sich in Imani verliebte. Und der Sargento Melo, verletzt durch einen Schuss, den Imani abgab, weil ihren geistig zurückgebliebenen Bruder – auch mit an Bord – vor Schlimmerem bewahren wollte. Und Bianca, die Freundin des Sargento, der es immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet ihm in die Hand geschossen wurde. Bianca kann ihn davon überzeugen, dass Imani ihn gerettet hat. Außerdem ist Katini an Bord, Imanis Vater, der Musiker, der wie kein Anderer die Leute in eine fröhliche Stimmung versetzen kann, wenn er spielt. Doch im Moment ist niemandem nach feiern zumute.

Sie wollen das nächstgelegene Krankenhaus erreichen, um zu retten, was zu retten ist. Doch Mosambik ist vom Krieg zerfurcht. VaCopi und VaNguni bekriegen sich bis auf den letzten Tropfen Blut. Portugal, die Kolonialmacht, dessen Soldaten einen Kampf führen, den sie gar nicht führen wollen. Die Kultur ist ihnen fremd, die Temperaturen sind zu hoch. Und die gigantische Armee der Einheimischen setzt ihnen mehr zu als die Generäle es erahnen können.

Für Imani und ihre Gefährten ist es doppelt gefährlich. Diese Mischung als Tradition, Pflichtbewusstsein und Liebe spiegelt das zerrissene Land auf unnachahmliche Art und Weise wider. Für jede Seite der kämpfenden Parteien sind sie Feind und Freund gleichermaßen. Eine List könnte Frieden bringen, kurzfristig. Imanis Vater schlägt vor Imani mit dem Anführer der Ngungunyane, die Imanis Volk mit unbeschreiblicher Grausamkeit bekämpfen, als Frau anzubieten. Nicht allein, um Frieden zu säen, um den Herrscher friedlich zu stimmen. Nein, er hat einen ganz anderen Plan…

Mia Coutos Trilogie zeigt beeindruckend, dass man doch noch nicht alles, was es zu lesen gibt, gelesen hat. In seinen Worten schwingt stets die Hoffnung mit, dass das Gute immer siegen wird. Dabei muss man die festgetretenen Pfade verlassen und darf im unwegsamen Gelände nicht den Mut verlieren. Diese Trilogie verrät mehr über Afrika als so mancher eindrucksvoller Reisebericht, da er der Kultur auf den Grund geht.

Eine kurze Geschichte des Romans

Ein mutiges Anliegen ein Buch zu schreiben über die wichtigsten Romane. Denn natürlich unterliegen Romane dem persönlichen Geschmack. Manch einer sucht sein Glück im Wühltisch beim Discounter und liest sich in die heile Welt vor wunderschöner Kulisse. Andere suchen die Herausforderung in Allegorien, historischen Romanen und finden in  Schlüsselromanen den Schlüssel zum eigenen Glück. Und jeder hat seine eigene Liste von Büchern, die er für Immer und Ewig im Regal stehen haben wird.

Die Auswahl, die Henry Russell für dieses Buch getroffen hat, kann sich aber durchaus sehen lassen und den Geschmack der meisten treffen. Wobei es der Autor vermeidet sich anzubiedern. Denn unstrittig gehören „Moby Dick“, „Der Zauberberg“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ ebenso in den gut sortierten Bücherschrank wie „“Wer die Nachtigall stört“, „Der Prozess“ und „Im Westen nicht Neues“.

Um es nicht nur bei der bloßen Aufzählung der Werke zu belassen, erhält man eine kurze Einleitung über die verschiedenen Genres – die Welt der schönen Worte besteht nicht nur aus Liebe und Verbrechen. Wer schon einmal einen Briefroman gelesen hat, weiß um die Informationen aus erster Schreiberhand und wird die Fiktion als echter wahrnehmen. Erst dadurch wirkt „Dracula“ von Bram Stoker so richtig düster.

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Schmöker, den man auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrnimmt. Doch je mehr man sich in die Welt der Bücher vertieft – und nur dafür gibt es diese Welt – desto mehr findet man Lücken im eigenen Regal. Die Empfindungen reichen von „Ach ja, das Buch gibt es auch noch!“ bis hin zu „Was? Davon habe ich noch nie gehört. Muss ich lesen!“. Denn Henry Russell gibt kleine Seitenhiebe ins „Habenwollen-Zentrum“ von Bücherwürmern.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

Der Kurfürstendamm

Ab Hausnummer Eins immer weiter den Schlammpfad runter. Vorbei an den Windmühlen und dem umgestürzten Gartenzaun und schon ist man auf der Straße, auf der Maurer ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Noch ein Stück weiter und dann hört man schon die Massen sich amüsieren, wenn sie die größte Wasserrutsche Europa hinuntersausen. Das ist der Ku’damm. Nein, das war der Kurfürstendamm. Ein Schlammweg mit Windmühlen. Die große Straße hinaus aus der Stadt Berlin, mitten durch den Vorort Charlottenburg. Heute kaum mehr vorstellbar.

Aber der Ku’damm war halt nicht immer der Prachtboulevard, der er heute ist. Er hat sich entwickelt. Auch und vor allem seine Anwohner und Besucher prägten das Bild. Hier speisten, tratschten, diskutierten, tranken, rauchten, beratschlagten Bertolt Brecht, Max Liebermann, Karl Liebknecht … ach einfach alle, die in Berlin ihr Glück(ver-) suchten.

Regina Stürickow gelingt auf so wunderbare Art und Weise dem ein paar Kilometer langen Stück Asphalt mit diesem Buch immer wieder Leben einzuhauchen.

Und sie weiß so manche Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel welche Hausnummern es nicht mehr gibt, und warum. Denn heutzutage beginnt der Ku’damm mit der Nummer Zehn. Die ersten Nummern wurden der Budapester Straße geopfert. Im Kapitel über die 20er Jahre nimmt das Buch so richtig Fahrt auf. Berlin wurde zu Groß-Berlin, zu dem, was es heute ist. Und auf dem Ku’damm feierte man dies mit Champagner-Fontänen, die heute noch für große Augen sorgen.

Wer heute über den Boulevard schlendert, wird vieles aus dem Buch vermissen. Nicht nur die bereits erwähnten Windmühlen. Das Image prägen vor allem die großen Namen der Modebranche. Je leerer der Laden, desto bekannter die Marke – Völkerwanderungen wie vor hundert Jahren gibt es hier nicht mehr. Auch der Luna-Park musste schließen. Die Nazis haben dem Ruf des Boulevards den Garaus gemacht. Zu dekadent das Gehabe.

Dass hier es hier nicht nur „Hoch die Tassen“ hieß, beweisen die zahlreichen historischen Marksteine auf und um den Ku’damm herum. Stolpersteine zeugen von einer stolzen Zeit, die allzu abrupt endete. Eine Gedenktafel erinnert an das feige Attentat auf Rudi Dutschke. Das Büro des Sozialistischen Studentenbundes befand sich auf dem Ku’damm.

Der Mythos Kurfürstendamm ist ein wenig verblasst. Noch immer zieht es – verdientermaßen – viele hier hin. Doch der Nimbus der unbesiegbaren Partymeile ist futsch. Selbst das renommierte Theater musste dem Spekulantentum weichen. Doch die Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben. Auch dank dieses Buches.

Gesang vom Leben

Etwas großspurig konnte man behaupten: „Hier waren sie alle!“ Leipzig, die Stadt der Hochkultur, der Musik lässt sich gern dieses Image gefallen. Der Thomanerchor. Bachs Wirken in der Thomaskirche. Mendelssohn-Bartholdy Engagement am Gewandhaus. Schumann, Wieck, die hier nicht nur heirateten, sondern wunderbare Werke schufen. Wagner, der hier geboren wurde und seine Werke uraufführte. Bis hin zu Demonstrationen für Beatmusik, der unüberschaubar großen Kneipenmusikszene, Jazzfestival und – damit schließt sich der Kreis – Klassik unter freiem Himmel.

Die Liste der Namen großer Meister ließe sich schier endlos fortsetzen. Gustav Mahler wirkte zwar nur kurz in Leipzig, er stand im Konkurrenzkampf mit dem Kapellmeister Nikisch, dessen Namen ein idyllischer Platz im Zentrum immer noch trägt. Er wird wohl mit wenig Wehmut an seinen Abschied aus der Musikstadt denken.

Wien und Paris waren und sind wohlklingende Namen in der Welt der Musik und Musiker. Wer hier arbeitet, kann Großes vollbringen. Leipzig steht in der Rangliste sicher nicht weit dahinter. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten sich zahlreiche Chöre. Durch den Mitgliedsbeitrag sicherte man sich Engagement und Können. Nicht jedermann konnte einen Taler für die Kunst entbehren.

Hagen Kunze beschreibt in seiner Biographie der Musikmetropole Leipzig – so der Untertitel des Buches – eine Stadt, deren Bürger beseelt sind vom Gedanken sich kulturell auszudrücken. Oft probiert, doch nie erreicht, könnte man den anderen Städten zurufen. Denn Leipzig kann bis heute mit einem weltberühmten Chor und einem weltberühmten Orchester auftrumpfen. Sobald der Thomanerchor eine Tournee ankündigt, ist sie ausverkauft. Und das Gewandhausorchester, das so ganz nebenbei auch einen mehr als vorzeigbaren Chor aufweisen kann, steht nur mit ganz wenigen Orchestern der Welt auf einer Stufe. Auf der obersten, natürlich.

Dieses Buch gibt einen tiefen Einblick in das Leben als Künstler. Es ist ein hartes Brot, das es sich zu verdienen gilt. Eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit besitzt. Auch darüber berichtet Hagen Kunze.

Und belässt es nicht bei der Klassik. Im Herzen der Stadt steht der älteste Studentenclub Europas, die Moritzbastei. Die Klassikaufführungen auf dem Marktplatz unter freiem Himmel finden regen Zulauf. Das Gewandhaus sorgte beim Bau in den 80er Jahren für Erstaunen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Architektonisch ein Hingucker von außen, von innen ein Genuss höchster Qualität. Wer mit diesem Buch im Gepäck durch Leipzig schlendert, trifft auf Schritt und Tritt auf Musik. Denkmäler, Büsten, Straßenschilder, Gebäude – hier wirkte, wer etwas auf sich hielt und / oder Großes vorhatte.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.