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Kolumbus, der entsorgte Entdecker

Allein an einem einsamen Strand auf Jamaika sitzen – für viele die Idealvorstellung vom perfekten Urlaub. Die Wellen rauschen, in der ferne erklingen sanfte Reggae-Rhythmen. Kommt der Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe.

Vor fünfhundert Jahren war das für eine Person das komplette Gegenteil. Wolfgang Wissler lässt in seinem historischen Roman seinen Helden Christoph Kolumbus, dem Entdecker Amerikas – was er nachweislich nicht war. Und außerdem wollte er was ganz Anderes entdecken – die ganze Wucht der Ablehnung entgegenschlagen. Noch vor Kurzem wurde Kolumbus gefeiert. Er hatte Neuland entdeckt. Die Eingeborenen wurden mit Tinnef abgespeist. Händler sahen Absatzmärkte und astronomischen Gewinnen. Und nun? Sein Schiff gleicht einem Schweizer Käse, Freunde und Weggefährten haben sich von ihm abgewandt. Es ist zum Heulen!

Selbst seine engsten Mitstreiter haben sich auf umliegende Inseln verkrümelt. Der Admiral und Vizekönig ist ein einsamer Mann geworden. Die einzige Gesellschaft sind seine unzufriedenen Seemänner, die den Mumm hatten nicht stiften zu gehen. Doch auch sie murren. Sie wollen heim. Heim zu Frau und Kindern. Sie wollen den Ruhm ernten, den ihnen Kolumbus versprach. Er weiß wie das ist, wenn selbst das Königspaar auf einen wartet und sich bei der Ankunft huldvoll erhebt. Das waren noch Zeiten. Zehn Jahre und ein bisschen mehr ist das her.

Doch Kolumbus war nicht nur der wissbegierige Entdecker neuer Welten. Er forderte viel von seinen Mannen. Manchmal zu viel. Aber so lange die Abrechnung am Ende des Monats, sprich am Ende der jahrelangen Reise, stimmt, hält man lieber den bald schon vollgestopften Mund.

Der Wind hat sich gedreht. Auf der Überfahrt mit der Capitana war die Crew gezwungen einen Monat lang ohne Unterlass Wasser zu schöpfen. Vier Wochen lang nur Sturm und die peitschende See. Die Capitana ist nun mehr nur ein Pfennigabsatz am Strand von Chaymaka. So hieß Jamaika damals noch.

Wolfgang Wissler lässt Kolumbus fast schon hinwerfen. Der König ohne Krone, der Admiral ohne Epauletten, der Entdecker mit dem großen Irrtum hat seinen Biss nicht zu hundert Prozent verloren. Ob alles, was im Buch steht wirlich so stattgefunden hat, kann niemand mehr nachvollziehen. Aber – und das ist ein großes ABER – Es könnte so gewesen sein. Autor Wissler fängt eine Stimmung ein, die Wort für Wort nachvollziehbar ist. Sicher, mit dem Wissen von heute lässt sich gut reden. Dennoch muss man ihm Tribut zollen das Wagnis einzugehen über einen zu schreiben, über den alles schon gesagt worden ist. Es ist zweifelsfrei eine gelungene – neuerliche – Annäherung an einer Legende. Ohne diese wirklich zu Fall zu bringen.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Taba-taba

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie kam man an einem Buch von Patrick Deville nicht vorbei: „Pest und Cholera“. Darin begab sich Deville auf biographische Spurensuche der beiden Forscher Alexandre Yersin, Pesterfroscher und Pestbekämpfer, und seines Assistenten Louis Pasteur, dem Vater der Bakteriologie.

In „Taba-Taba“, was, wenn man Devilles Neigung zum Reisen kennt, wie ein unbekanntes Land klingt, begibt er sich auf seine wohl persönlichste Fahrt. Es ist die Geschichte seiner Familie, und unweigerlich zieht er Parallelen zur Geschichte Frankreichs. Hierbei unterlässt er es mit Jahreszahlen zu jonglieren wie ein Wissenschaftsjournalist, der vorgibt als Einziger in den Vorlesungen an der Uni aufgepasst zu haben.

Nein, einem Patrick Deville kann man nichts vormachen. Er kennt die Geschichte Frankreichs wie kein Zweiter. Nur die seiner eigenen Familie kennt er nicht. Also nicht so gut. Deswegen, auf in den Norden!

Ein kleiner Junge wächst acht Jahre lang – eine Ewigkeit in diesem Lebensabschnitt! – in einem Lazarett auf. Er hat ein verkürztes Bein. Die Bewohner des kleinen Ortes, vor allem die Kinder, sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht sich das Maul über den Jungen zu zerreißen. Dem Jungen wächst mit der Zeit ein dickes Fell, so dass er das Tuscheln nicht mehr hört.

Auf der Treppe des Lazaretts sitzt zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk ein Mann. Offensichtlich zu Recht, denn er bewegt unablässig seinen Körper vor und zurück. Taba hin, taba her. Mit jeder Bewegung formt sein Mund die mantraartige Taba – Taba – Taba. Dieser Mann und die Bücher der Bibliothek haben mehr Einfluss auf ihn als so mancher Hieb, so mancher Hinweis, so mancher Rückschlag.

Der Junge muss – nicht an die frische Luft – raus! Raus in die Welt. Das wird er eines Tages auch. Doch zuerst will er wissen woher er kommt. Wer er ist. Patrick Deville verwebt in „Taba-Taba“ sein eigenes Schicksal mit dem einer Sehnsucht und des Landes, dessen Bewohner er ist. In Anekdoten kratzt er nicht nur an der Oberfläche der Geschehnisse – vom Algerienkrieg bis hin zur Gelbwesten-Bewegung – er taucht tief zu ihren Wurzeln hinab. Die liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts als seine Urgroßmutter als Kleinkind aus Ägypten kommend französischen Boden betrat. Dass ein Land durch seine Bewohner fortwährend Geschichte schreibt, leuchtet jedem ein. Patrick Deville gelingt es dieser Erkenntnis mit seiner Sprachvielfalt die Kirsche aufzusetzen.

Sie spielte wie im Rausch

Kai Pflaume soll am Beginn seiner Fernsehkarriere einmal gesagt haben, dass man mit so einem Namen nur ins Fernsehen kann. Naja, wenn das das Argument für Erfolg ist, dann wohl lieber nicht. Rahel Blindermann wurde 1893 in der Nähe von Odessa geboren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie die gefeierte Schauspielerin auf Deutschlands Bühnen. Da hieß sie aber schon Maria Orska. Klingt auch knackiger. Obwohl man mit dem Namen Blindermann sicher viel besser in den Schlagzeilen spielen könnte. Aber damals waren Theaterkritiken noch echte Hingucker in den Gazetten. Die Konkurrenz durch Streamingdienste und soziale Medien war völlig unbekannt.

Frank Wedekind legte mit seiner Lulu einen fruchtbaren Boden für den Aufstieg der Schauspielerin Orska. Lulu verführt die Männer. Lulu benutzt die Männer. Lulu ruiniert die Männer. Mit einem rollenden Rrrrr! Und einer unvergleichlichen Ausstrahlung. Lulu und Orska sind nicht voneinander zu trennen. Ebenso die Salome von Oscar Wilde. Beide Rollen sind wie für sie gemacht. Eine andere Schauspielerin in einer dieser Rollen? Undenkbar.

Doch der Ruhm hat auch seine Schattenseiten. Was wie ein schlechtes Klischee klingt, wird bei Maria Orska zum Markenzeichen. Hinter vorgehaltener Hand, dennoch weithin vernehmbar, ist ihre Drogensucht Stadtgespräch. Neben den himmelhochjauchzenden Schlagzeilen, fällt ein ebenso schrilles Schlaglicht auf ihr Privatleben. Ja, die Orska war eine Marke! Nicht nur wegen des geänderten Namens.

Ursula Overhage zieht ab der ersten Seite den Leser in eine Zeit, die längst vergangen, dessen Akteure zum größten Teil vergessen sind. Wie im Rausch, wie Maria Orskas Leben liest man sich durch Skandale, wird aber im gleichen Atemzug vom Talent der Mimin in den Bann gezogen.

Skandale verkaufen sich besser als die Arbeit gut zu verrichten. Daran hat sich in den vergangenen hundert Jahren nichts geändert. Dass sie es schafft das Gleichgewicht beizubehalten, ist das große Verdienst der Autorin. Den Wenigen, die Maria Orska noch kennen, klingen ihre Skandale immer noch nach. Nur einer kleinen Zahl von Lesern ist die schauspielerische Leistung noch ein Begriff. Mit diesem Buch betritt eine Große der Schauspielkunst ein weiteres Mal auf die Bühne. Ein nicht enden wollender Applaus ist Autorin und Heldin garantiert. Anders als Frank Wedekind. Der war bei den unzähligen Vorhängen nur selten mit auf der Bühne…

Maria Orska lebte sich in einen Rausch, spielte wie im Rausch, und starb früh in Wien. Ihre Wiederauferstehung in Buchform kommt keinen Moment zu spät!

Robert Kochs Affe

Da. Steht. Ein. … Affe in der Tür und bittet Dr. Hesse herein. Klingt jetzt nicht nach einer Geschichte über den derzeit wohl berühmtesten Arzt Deutschlands. Es ist aber so! Dr. Hesse hat ein Vorstellungsgespräch bei Robert Koch. Dessen Institut ist seit Monaten jedem ein Begriff. Seine Forschungen zu Krankheitserregern sind maßgebend für die heutige Forschung. Er machte die Medizin zur Naturwissenschaft. Und dort will auch Dr. Hesse arbeiten. Kochs Frau passt es nicht, dass ihr Gatte andauernd mögliche Kollegen zu sich nach Hause einlädt. Dafür hat er doch sein Institut.

Dieser Affe, Storm wird er gerufen, hat eine Vergangenheit. Schon früh reiste Koch nach Afrika, in die damaligen deutschen Kolonien. Hier forschte er zur Schlafkrankheit. Die hatte unerklärlicherweise die Einheimischen befallen. Dass Koch auch auf britischem Gebiet forschte, passte vielen nicht in den Kram. Hinter vorgehaltener Hand bezichtigte man ihn der Spionage. Aber Koch hatte einen Ruf. An dem konnte man nicht einfach mal so kratzen. Nur einmal unterbrach er seinen Aufenthalt in Südost-Afrika. Als er nach Stockholm eingeladen wurde. Dort nahm er persönlich den Nobelpreis in Empfang. Dass in seinem Labor in Afrika derweil fast ein fataler Fehler gemacht wird, entgeht ihm. Denn sein Lösungsansatz ist mehr als fragwürdig. Wie konnte er nur annehmen, dass Rattengift die Lösung herbeiführen könnte?

Ein weiterer Ortswechsel und ein Zeitsprung führen den Leser nach New York. Kochs Familie ist auf der ganzen Welt verstreut. Ihm selbst geht es immer schlechter. Schon bald wird die Heimreise antreten und die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen (können). Doch auch hier, in der neuen – zivilisierten – Welt, wird er von Seuchen nicht in Ruhe gelassen. Die Typhoid-Mary, eine Patientin, die dank der Hearst-Presse einen jahrelangen Spießrutenlauf durchleben muss, schafft es unfreiwillig im wieder in die Gazetten. Koch würde gern helfen, kann es aber nicht. Doch er verfolgt ihr Schicksal mit wachem Verstand.

Michael Lichtwarck-Aschoff wagt es am Denkmal Robert Koch ein wenig zu kratzen. Ihm geht es nicht darum, den Lack von dem Bakteriologen zu entfernen. Vielmehr zeigt er einen Mann, der getrieben war vom Erfolg der Wissenschaft. Dass dabei, bei aller Vorsicht (auch wenn Koch selbst nicht als der reinlichste Mensch galt – Händewaschen war bei ihm Glückssache) immer wieder Fehlprognosen und Fehlinterpretationen auftraten, ist nur allzu menschlich. Die Fehler, sprich die Konsequenzen, jedoch können verheerender sein, als wenn man den falschen Treibstoff tankt. „Robert Kochs Affe“ liest sich leicht wie ein Roman, gibt Einblicke in  wissenschaftliche Arbeit und zeigt einen Mann, dessen Wirken bis heute nachvollziehbar ist.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.

Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume

Bei historischen Romanen muss man sich immer in Acht nehmen, dass man die Fiktion nicht der Realität gleichsetzt. Daten und Fakten sind heutzutage so leicht recherchierbar, dass der kleinste Fehler schon den Ruf des gesamten Werkes ruinieren kann. Armin Strohmeyr wird sich diesem Vorwurf nicht aussetzen müssen. Das liegt zum Einen an den exakt aufgearbeiteten Fakten, zum Anderen an der Geschichte selbst. Schon mal auf Ferdinandea gewesen? Wer jetzt ja sagt, braucht ganz schnell eine Ausrede. Wie zum Beispiel, „Ja, mit dem Finger auf der Landkarte.“. Zu mehr wird es nicht reichen. Denn Ferdinandea gibt es nicht! Nicht mehr.

Es ist Juli im Jahr 1831. Ein paar Meilen südlich von Sizilien. Da erhebt sich – tosend, grollend, leise, fast unmerklich … wie auch immer – eine Insel aus dem Meer. Ferdinandea wird sie genannt werden. Und damit beginnt auch schon das Unheil!

Ein neues Stück Land weckt Begehrlichkeiten. Das war so, das ist immer noch so, und so wird es wahrscheinlich auch bleiben. In Sichtweite liegt die Stadt Sciacca. Dort ist das Leben kein Zuckerschlecken. Weder für Fischer, für alleinerziehende Frauen, auch nicht für Vermieter von Ferienunterkünften. Was man da alles machen könnte?!

Doch den Einheimischen, was sie ja eigentlich noch nicht sind, denn die Insel ist ja gerade erst entstanden, stehen ganz andere Mächte entgegen. Das British Empire bringt auch schon seine Flotte in Stellung. Ein Stück Land mitten im Mittelmeer, mitten auf den Handelsrouten für Maschinen, Weihrauch, Oliven, Wein und Gewürze – da lecken sich die Strippenzieher der Geldvermehrung die Finger.

Überall auf der Welt staunt man nicht schlecht über dieses Naturereignis. Mitten im schönsten Sommer taucht da plötzlich ein neues Eiland auf. Träume könnten wahr werden. Hoffnung keimt auf. Die Gelehrten von Weimar bis Neapel, von London bis sonst wohin sind baff ob dieser Sensation. Auch sie spekulieren, was alles hier erstehen kann.

Doch der Spuk ist bald vorbei. An Weihnachten sieht man am Horizont wieder das, was bis Juni 1831 zu sehen war: Horizont und Wasser. Nicht mehr und nicht weniger. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schafft es Ferdinandea noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings zensiert. Als ein amerikanischer Bomberpilot sich gen Tripolis auf den Weg macht, um befehlsgetreu Gaddafi für den feigen Anschlag auf die Berliner Discothek „La Belle“ den Hintern zu versohlen, macht er ein U-Boot ausfindig. Er bombardiert es. Und erntet schallendes Gelächter für den Angriff auf einen Felsen, der rund einhundertfünfzig Jahr zuvor keck seine Nase aus dem Meer erhob. Heute liegt Ferdinandea rund acht Meter unter der Wasseroberfläche. Anfang des Jahrhunderts wurde eine Marmortafel angebracht, um an die Ereignisse im Juli 1831 zu erinnern – und um darauf hinzuweisen, wem die Insel gehört, Sizilien und den Sizilianern – doch auch die wurde mittlerweile zerstört. Was vor 190 Jahren begann, ist also immer noch nicht zu Ende…

Im Wald der Metropolen

Es gibt nicht viele Menschen, die man überall auf der Welt absetzen kann, und die überall auf der Welt zuhause sind. Sie stellen im Handumdrehen Assoziationen her. Ihnen kommen in Windeseile Geschichten in den Sinn, die nur sie und genauso erlebt haben. Karl-Markus Gauß ist einer dieser Auserwählten.

In dem einen Moment rauscht das Koffein von zu vielen Espressi durch seine Adern. Mit dem nächsten Atemzug schwärmt er von einer slowakischen Kleinstadt. Und wenn wir schon mal da sind: In Wien, in der Ungargasse, da war doch was! Hier wurde der Grundstein für den jugoslawischen Staat gelegt.

Puh, was ein Tempo! Und die Geschwindigkeit reißt nicht ab. Immer weiter treibt es den Autor, treibt er den Leser durch die Geschichte Europas. Wie schon in seiner „Abenteuerlichen Reise durch mein Wohnzimmer“ macht er vor keinem Ereignis unseres Kontinents halt. Es sind die kleinen Anekdoten, die den großen Ereignissen vorauseilen, damit diese sich entfalten können. Das steht so in keinem Geschichtsbuch der Welt! Und das ist auch gut so! Denn Karl-Markus Gauß auf seinen Expeditionen begleiten zu dürfen, ist nicht nur ein Privileg, es ist ein Erlebnis. Nur allzu oft übersieht man die wirklich historischen Stätten beim Durchstreifen von Märkten, Boulevards und Gassen. Man ergötzt sich an der Schönheit der Architektur, besucht manchmal die Heimstätte eines großen Namens, oder lässt sich einfach nur treiben. Gedenktafeln nimmt man als Appetithäppchen wahr. Doch die Geschichte hinter der Geschichte bleibt im Dunkeln wie ein Ölfleck in der nächtlichen Wüste.

Der Mann, der Licht ins Dunkel bringt heißt Karl-Markus Gauß. Bukarest, Opole, Arnstadt haben für ihn den gleichen Stellenwert wie Siena, Belgrad und Brüssel. Die Geschichten scheinen ihm förmlich zuzufliegen, er muss kaum suchen. Das ist nur eine Vermutung, die einen überkommt, wenn die Selbstverständlichkeit seiner Zeilen oberflächlich betrachtet. Sie sind jedoch das Ergebnis intensiver Recherchen, die man nur durchführen kann, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Im Wald der Metropolen“ ist kein Lehrbuch, in dem es darum geht noch einmal Jahreszahlen abzufragen oder sich wieder in Erinnerung zu holen. Hier trifft ein Wortkünstler auf Geschichte, die wirklich passiert ist. Und jedes Wort sticht jeden Zweifel darüber aus!

Giganten der Gelehrsamkeit

Da ist man schnell dabei, wenn es darum geht Leonardo da Vinci als Universalgenie zu bezeichnen. Er war Maler, Bildhauer, Brückenbauer im herkömmlichen Sinn (ein beliebtes Spielchen bei Assessment-Centern) und und und. Dass er Zeit seines Lebens Schwierigkeiten hatte Latein zu schreiben, übersieht man dabei gern einmal. Doch es geht hier und in diesem Buch nicht darum die Götter des Wissenschaftsolymps vom Sockel zu stürzen, sondern darum einmal genau aufzuzeigen, dass eben nicht nur der Gelehrte aus dem toskanischen Vinci ein solcher Universalgelehrter war.

Peter Burke geht mit dem ganz feinen Kamm durch die Archive der Welt und durchkämmt sie mit Akribie und Hingabe. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass er seine Kapitel nicht nach Namen, sondern nach der Zeit aufbaut. So umgeht er den Stallgeruch des neuerlichen Versuches einmal „alle Universalgenies noch einmal aufzuzählen“, so dass jeder mit Zahlen und Daten um sich schmeißen kann, der eigentlich gar nichts von der Materie versteht. Wer also meint nach dieser Lektüre ALLE Genies aufzählen zu können, muss sich schon die Mühe machen auch zwischen den Zeilen zu lesen. Vielmehr bedarf es einer gewissen Vorbildung. Denn Burke verkneift es sich noch einmal kurze Abrisse der Biographien zum Besten zu geben. Er ordnet die Arbeit der Giganten der Gelehrsamkeit ein. Auch wenn man im Physikunterricht zum Beispiel mehr mit der Stirn auf dem Pult lag als den Blick gen Tafel zu richten, liest man sich schnell in einen Rausch. Denn wer sein Handwerk versteht, kann als Experte bezeichnet werden. Wer darüber hinaus sein Wissen auch noch einem breiten Publikum zugängig machen kann, rückt zweifelsfrei in die Nähe eines Genies. Somit haben wir es hier mit einem Genie zu tun, das über Genies schreibt!

Peter Burke versteht es scheinbar mühelos seine in jahrzehntelangen Forschungen erbrachten Kenntnisse dem Leser näherzubringen. Seine Ausführungen gehen dabei über die pure Aufzählung und Einordnung der Genies und ihres Werkes hinaus. Peter Burke zieht Bilanz und wagt im Nachgang einen Ausblick auf das, was wir noch zu erwarten haben. Denn mit dem Ende der Renaissance, der Hochzeit der Universalgelehrten – das kann man unumwunden schon so behaupten – ist diese außergewöhnliche Spezies nicht ausgestorben.

Es ist sicherlich nicht einfach heutzutage Universalgelehrte von Blendern zu unterscheiden. Die immense Flut von Informationen kann gar nicht so schnell verarbeitet werden. Wer in vergangenen Zeiten lesen konnte, hatte schon mal die unumstrittene Grundlage sich viel Wissen aneignen zu können. Dass wir heute noch von Pythagoras und da Vinci reden, ist kein Zufall. Sie waren oft die Ersten, die ihre Erfindungen anpriesen. Man kann an ihrem Ruf kratzen, aber der Lack wird deswegen noch lange nicht abfallen. Peter Burke legt der Schickt Glanz noch eine mehr als dicke Unterschicht Wissen bei. So scheint alles in einem noch helleren Licht.

 

Vorboten

Der Krieg ist vorüber. Nichts ist und wird mehr so sein wie es war. Doch die Rückkehr von Wieland Göth aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges ist um Einiges anders als die der meisten, die als Kanonenfutter in den Schützengräben um ihr Leben bangen mussten. In zerschlissener Kleidung, abgemagert ist Rombelsheim, ist die Heimat kein freundlicher Ort, an dem man ihn mit offenen Armen empfängt. Seine überstürzte Abreise ist vielen noch im Gedächtnis. Und fast ebenso vielen immer noch ein Rätsel. Auch wo er all die Jahre – immerhin sieben an der Zahl – verbracht hat, lässt die Phantasie Purzelbäume schlagen. Ja, er hat viel Leid gesehen und erfahren. Doch das ist jetzt vorbei!
Ist es nicht! Das Erste, was er sieht ist ein Plakat mit dem Konterfei einer vermissten Frau. Gleich daneben das Gesicht des mutmaßlichen Entführers. Und Mörders! Denn der Russe Oleg kann die Frau, Josepha, Wielands Schwester, nur ermordet haben. Da sind sich alle einig. Der Russe war’s!
Bauer Neubert war für Wieland sehr lange mehr Vater als der eigene. Doch Bauer Neubert ist tot. Erhangen. Wieland schneidet den Unglücklichen höchstpersönlich vom Seil. Zuhause wartet sein Bruder auf ihn. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch und einem Schwall böser Worte. Auf dem Dachboden vegetiert der wenig geliebte Vater vor sich hin. Und dass der Graf auf den Heimkehrer ungeduldig wartet, schürt die Feindseligkeiten gegenüber Wieland. Was will der Graf nur von ihm? Dicke Freunde waren sie nie. Wohl auch, weil der Graf mehr als nur eine Auge auf Wielands Mutter geworfen hatte. Sie wird es nicht mehr verraten können. Mutter ist tot. Und täglich liegen auf ihrem Grab frische Blumen. Wer die wohl dort hingelegt hat?
Der Graf bekommt schlussendlich seinen Willen und Wieland zu Gesicht. Er will Wieland für sich gewinnen, für seine Sache. Die ist gegen den so genannten aufgezwungenen Friedensvertrag von Versailles. Die linksrheinischen Gebiete, also auch Rombelsheim, sind in französischer Hand. Das kann ein guter Deutscher nicht akzeptieren. Doch Wieland ist so viel Politik, so viel Hasse, so viel Verblendung ein Graus. Ihn interessiert vielmehr das Schicksal seiner Schwester. Und dann ist da auch noch die Vergangenheit in Gestalt einer Frau. Wie soll Wieland agieren? Kann er erklären, warum er vor sieben Jahren Hals über Kopf das Dorf verlassen hat? Und wie wird sich die Zukunft entwickeln?
Jürgen Heimbach bringt Spannung ins fiktive Rombelsheim, indem er der einstigen Realität die Bühne gibt, die in der Nachbetrachtung gemieden wird. Vor dem Hintergrund einer erstarkenden Revanchistenidee fixiert er den Fokus des Lesers auf das Schicksal eines Dorfes. Eines Dorfes, das durch Grabenkämpfe und Missgunst nichts mehr von Idylle und Gemeinsinn hat. Der Krieg, der große und die kleinen, haben tiefe Gräben hinterlassen, in denen das Vergessen keinen Platz mehr hat.