Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Dresden MM-City

Es ist unbestritten, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die seit Jahren stetig wachsende Besucherzahlen zu vermelden hat, dann ist es Dresden. Die Neueröffnung der Frauenkirche war ein Fanal, das in die Welt hinaus hallte. Das bedeutet für Besucher aber auch, gutes Wartefleisch zu besitzen. Denn einfach mal so die Frauenkirche zu besuchen, ist in der Hauptsaison das Ziel der meisten Gäste. Dann vertreibt man sich die Zeit mit dem überaus üppigen „Nebenprogramm“, dass die Stadt an der Elbe noch zu bieten hat. Zwinger, Brühlsche Terrassen sind so fester Bestandteil eines Dresdenbesuches wie der Eiffelturm und Paris oder Ramblas und Barcelona – es geht nicht ohne.

Autorin Angela Nitsche empfiehlt danach noch ein wenig zu verweilen und Dresden noch intensiver kennenzulernen. Oder man macht es umgekehrt: Als Appetitanreger erst die vermeintlich versteckten Höhepunkte besichtigen und dann die Touri-Tour. So hat man schon ein wenig Dresdenluft geschnuppert und ist bestens gewappnet für die Postkartenerlebnisse des Barock. Doch wo anfangen?

Beispielsweise mit Tour 7. Wilsdruffer Vorstadt und Friedrichstadt. Wer Pech hat, erfährt schon bei der Anreise von Wilsdruff. Eine sehr unbeliebte Strecke bei allen, die auf der Autobahn die Zeit im Stau verbringen müssen. Die Autobahnabfahrt Wilsdruff gehört sicher zu den am meisten genannten Staupunkten des Freistaates. Ist man am Ziel angekommen, eröffnet sich eine Welt, die man vielleicht erwartet hat. Schließlich ist Dresden trotz seines Spitznamens „Tal der Ahnungslosen“ – was mit der geographischen Lage und der damit bis in die 1990er Jahre verbundenen schlechten Fernseh- und Radioprogrammversorgungslage zusammenhing – ein Juwel städtebaulicher Kunst. Diese Tour macht den Besucher zum Kenner der Stadt. Vom Sächsischen Landtag, einer Mischung aus Alt und Neu (mit grandiosem Elbblick), über historische Hinterlassenschaften eines gewissen Herrn Semper (der mit der Oper, ein weiteres Must-See Dresdens) am Eingang zu ehemaligen Orangerie bis hin zu einem Bauwerk, das schon immer im Inneren etwas ganz anderes verbirgt als es von außen vorzugeben scheint: Die Moschee. Was drin ist? Erst Tabakfabrik, dann Bürogebäude.

Dresden hat sich gemausert. Einst barocke Perle, dann zerstörtes Mahnmal gegen Krieg und Willkür, nun wieder blühende Metropole und Ausgangspunkt für einzigartige Ausflüge in die Umgebung.

Auch die lässt die Autorin nicht außen vor: Meißen, die Porzellanstadt sowie  Radebeul, das durch seine Architektur und Karl May die Besucher anzieht. Nicht zu vergessen – ganz im Gegenteil – die Sächsische Schweiz. Mit dem Dampfer der Weißen Flotte stilecht wie ein König die schrillen Felsformationen entdecken und per pedes zu erklimmen bis hinauf zur Festung Königstein. Auch eine Zugfahrt entlang der Elbe sorgt für Ahs und Ohs.

Die sorgfältig ausgewählten Hinweise, wo man sich getrost niederlassen kann, um den Gaumen weitere Erlebnisse zu gönnen, sind mehr als nur nachahmenswert, sie bilden den krönenden Abschluss eines jeden Tages. Ob nun Partygetümmel in der Neustadt oder Museumsbesuch im Hyienemuseum (den gläsernen Menschen muss man gesehen haben!) oder ausgedehnte Bummel entlang alter und neugestalteter Alleen und Bauwerke – neben Neugier, Entdeckerlust und Kamera sollte man unbedingt diesen Reiseband dabei haben.

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Potsdam MM-City

Das hatte man sich anders vorgestellt. Im Oktober sollten die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Potsdam stattfinden. Straßenzüge wurden schon umgestaltet, alles war präpariert und dann dieses Virus. Potsdam zog das kurze Streichholz und durfte sich nicht als sicherer exzellenter Gastgeber zeigen. Das Virus wird – hoffentlich bald – Vergangenheit sein. Die Vorbereitungen sind für die Katz gewesen. Doch Potsdam deswegen nun abzuschreiben, wäre ein unverzeihlicher Fehler. Die hatte, hat und wird immer etwas zu bieten haben, das es lohnt besichtigt zu werden. Und das ist eben nicht nur Sanssouci, auf dessen Gelände der momentan geforderte Mindestabstand niemals eingehalten werden könnte.

Nähert man sich Potsdam auf der B1 von Berlin kommend, wird einem schon um den Ortseingang die Geschichtswürdigkeit der Stadt bewusst. Die Glienicker Brücke ist auf den ersten Blick hübsch anzusehen. Doch ihre Geschichte ist mehr als nur eine Geschichte. Einst war er es der Ort, an dem Ost und West – wie es im Nachhinein so lapidar immer heißt – ihre Schnüffler, sprich Spione austauschten. Dass man von hier eine Aussicht über mittlerweile wieder viel befahrene Seen hat, entgeht denen, die ihr Fahrzeug nicht am Straßenrand parken und einen Bummel über diese historische Brücke wagen. Besonders zu empfehlen in den sommerlichen Abendstunden, wenn die Sonne ihr Antlitz in warme Rottöne taucht.

Und schon ein paar Fahrminuten weiter gen Potsdam City, links abbiegen, erreicht man einen Ort, der noch vor einem Vierteljahrhundert ganz woanders stand. Das Hans-Otto-Theater. Ein futuristisch anmutender Musentempel, der in einem kulturellen Schmelztiegel ein neues Zuhause gefunden hat. Die Uferpromenade am Nachmittag lädt zum Spazierengehen und Erholen ein, am Abend ein Hochgenuss der Extraklasse.

Potsdam versteckt sich nicht hinter der großen Schwester gleich nebenan, Berlin. In ihrem Schatten, besser in ihrem Fahrwasser entwickelte sich die Hauptstadt Brandenburgs zu einem Juwel, das es schon einmal war. Mittendrin der Alte Markt. Die Autoren Michael Bussmann und Gabriele Tröger weiten ihren Spaziergang in diesem Viertel auf knapp zwei Stunden aus. Zwei Stunden, in denen man von Minute zu Minute tiefer in die Geschichte eintaucht, ohne jemals in Versuchung innezuhalten, weil es nicht spannend genug sein könnte. Die Straße am Kanal lässt es schon vermuten, dass hier irgendwo ein Kanal ist. Naja, es war mal einer da. Bis Ende des 19. Jahrhundert war hier tatsächlich mal ein Kanal. Doch der trocknete nach und nach aus und so schüttete man ihn nach anderthalb Jahrhunderten wieder zu. Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde ein Teil wieder ans Licht gehoben, und zu besonderen Anlässen sprudelt es hier das kühle Nasse. Wie eingangs erwähnt, 2020 war es nicht der Fall, obwohl der Anlass es mehr als wert gewesen wäre.

Zwischen Bassin- und Luisenplatz führt die zweite von sechs vorgestellten Touren. Auch hier wieder der Bezug zu Berlin, das Brandenburger Tor. Kleiner, dafür älter als das um die Ecke. Die prunkvolle französische Kirche und die Stasi-Gedenkstätte Lindenhotel, wie es einmal genannt wurde, zeugen bis heute von der Bedeutung Potsdams.

Potsdam gehört nicht zu den größten Städten in Deutschland. Die Geschichte der Stadt und ihre Hinterlassenschaften laden immer noch zum Bummeln ein, und ein Wiederkommen ist für die meisten schon fest eingeplant.

Den Autoren gelingt es 200 Seiten die Stadt mit all ihren Facetten stilvoll einzufangen. Ob nur Stadtbummel oder mit anschließendem Ausflug beispielsweise auf die imposante Pfaueninsel (Achtung: Farbiger Kasten. Hier lebten auch mal Löwen!), ob Kulturgenuss oder einfach nur mal die Seele und Füße im Wasser baumeln zu lassen – wer Potsdam bisher nicht wahrnahm, bekommt hier die dickste Quittung für seine Ignoranz.

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Atlas der verlorenen Sprachen

Im Urlaub steht man oft auf verlorenem Posten, wenn man mit einer Sprache konfrontiert wird, die rein gar nichts mit der eigenen Muttersprache zu tun hat. Wenn dann auch die Schriftzeichen an Kinderkritzeleien erinnern als an das in der Schule erlernte ABC, ist der Ofen aus. Nun gibt es aber auch Sprachen, die selbst den Einheimischen ein Fragezeichen über den Kopf malen. Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie nur noch von ein paar hundert Auserwählten verstanden und gesprochen wird. Archäologen und Historiker sehen darin eine Herausforderung. Für den Normalsterblichen sind das dann im besten Fall Bücher mit sieben Siegeln.

Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ vom Duden-Verlag – von wem sonst – gibt diesen Sprachen eine Stimme. Rund um den Globus gibt es tatsächlich noch Sprachen, für die es bei der UNO keinen einzigen Übersetzer gibt. Die Völker stehen nicht nur im Abseits, sie sind gezwungen eine allgemeinverständliche Sprache zu sprechen, die jedermann versteht, und die eigene Sprache als Relikt von anno dazumal als folkloristisches Schmankerl hinter dem Ofen zu verstecken.

Der Atlas zählt nicht nur Sprachen auf, die nur noch von ganz wenigen gesprochen werden oder gänzlich verschwunden sind. Es ist erstaunlich wie viel trotz aller Widrigkeiten noch über diese Sprachen bekannt ist. Welche Besonderheiten besaßen diese Sprachen? Welche Struktur wiesen sie auf? Und es gibt Wortbeispiele, die man im Bedarfsfall sogar anwenden kann. Beispielsweise, wenn man in Litauen unterwegs ist, und man einen der noch rund achtzig SprecherInnen antrifft, die Karaimisch sprechen. Die sprechen natürlich auch litauisch, doch wer spricht schon litauisch? Ein paar Brocken zieht man sich aus dem Reiseband. Aber ein richtiges Gespräch kann man damit immer noch nicht führen. Karaimisch ist eine so genannte Turksprache, eine Sprachgruppe, die man gemeinhin südlicher erwartet. Der Atlas gibt nicht nur ein paar Wörter preis, die auf alle Fälle als Start in ein Gespräch nutzbar sind, sondern gibt nachvollziehbar preis, wie die Sprache aufgebaut ist.

Von Alaska bis in die Anden, vom südlichen Afrika über die Savannen bis in den hohen Norden Europas und die entlegensten Insel der Südsee spricht oder sprach man Sprachen, die schon in Vergessenheit geraten sind, bevor die Worte Gentrifizierung und Globalisierung aufs Tapet gelangten. Sprache als Kulturmerkmal Nummer Eins einmal anders. Das Faszinosum des Verschwundenen und des Verschwindens beflügelt unsere Phantasie (wobei auch hier sicher bald das Ph verschwindet, um dem F Platz machen muss – so viel zum Verschwinden von Sprache und wie es geschieht).

Ein Irokese am Genfersee

Schaut sich das Gebiet zwischen Huron-, Erie- und Ontariosee an, und zoomt in der Karte, findet man den Hinweis auf das Six Nations Indians reserve, no. 40. Nicht viel zu sehen, doch die Geschichte dieses Reservates hat viel zu bieten. Sie ist verbunden mit Deskaheh, Chief der Cayugas, einem Stamm der Irokesen, ein echter Indianerhäuptling, der 1923 in die Schweiz reiste und für Furore sorgte. Während heute jeder, der nichts zu sagen hat, jedoch auffallen will, sich „‘nen Iro“ stehen lässt, hatte Levi General – Deskaheh – ein ehrliches und zutiefst menschliches Ansinnen. Er wollte sein Volk vor der endgültigen Vertreibung und Des Raubes seiner Kultur bewahren. Dafür sprach er vor fast einhundert Jahren beim Völkerbund, dem Vorläufer der UNO vor.

Im ersten Weltkrieg soll sein Volk an der Seite der Kanadier gegen die Deutschen kämpfen. Deskaheh lehnt es ab. Wer nicht wählen darf, muss auch nicht an der Seite seiner Peiniger kämpfen. Eine logische Schlussfolgerung. Die Repressalien nehmen nicht ab. So beschließt er sich an den Völkerbund zu wenden. Wozu soll der denn sonst gut sein? Als die Regierung davon Wind bekommt, schlottern denen die Knie. Wie wird sich Dekahehs Ansinnen auf die Reputation des zweitgrößten Landes der Erde auswirken? Doch Deskaheh ist fest entschlossen. Wenn schon der englische König – formal der „Chief“ seines Volkes – wenn auch nur auf dem Papier – ihn nicht empfangen will, dann eben gleich zur höchsten Instanz, wenn es um Völkerrechte geht.

Doch niemand will mit ihm reden, geschweige denn ihn empfangen. Er ist kein Vertreter eines Landes, sondern nur einer Volksgruppe. Das reicht nicht, um gehört zu werden. Er wird jedoch gehört. Er darf reden. Nicht mit Politikern. Es sind die Zeitungen, die über den „roten Mann“ schreiben. Er hat Gönner, doch auch die sind in ihrer Macht eingeschränkt. Er hält Vorträge, die Beachtung finden.

Eine Rückkehr zu den Seinen ist ausgeschlossen. Der Pass ist abgelaufen, einen neuen Pass zu bekommen, ist fast aussichtslos. Und dann tritt das Unerwartete ein. Plötzlich stirbt Levi General, Deskaheh…

Ein Krimi? Eine Biographie? Auf alle Fälle eine mehr als spannende Periode im Leben eines vergessenen Kämpfers, das Willi Wottreng so detailreich der unwissenden Mehrheit preisgibt.

Künstlerinnen und ihre Häuser

Hereinspaziert, hier werden Sie was erleben! Hier gibt es viel zu entdecken. Mal einer echten Designer-Ikone über die Schulter schauen? Oder einer Bühnenlegende beim Hüten einer Kinderschar zuschauen? Oder auf einmal so viele Kunstwerke betrachten wie in keinem anderen Museum der Welt? Einhundertvierzig Seiten geballtes Künstlerleben.

Die erste Wohnungsbesichtigung steht bei Gabriele Münter in Murnau an. Im so genannten Russenhaus. Ein nettes Häuschen, das man schon auf dem ersten Blick als gemütlich bezeichnen kann. Russenhaus, weil hier Wassily Kandinsky lebte, zusammen mit Gabriele Münter. Sie richtete alles ein, versteckte nach der Flucht Kandinskys seine Werke – erfolgreich. Selbst die braunen Spürnasen fanden nichts. Glücklich war sie hier nur eine kurze Zeit. Denn der geliebte Kandinsky starb in Exil.

Auch Karen Blixen wurde in ihrem M’bogani bei Nairobi nicht vollends glücklich. Zu oft wurde sie betrogen. Und finanziell war sie ebenso wenig gut aufgestellt. Sie pendelte zwischen ihre Liebe Kenia und ihrer Heimat Kopenhagen.

Vanessa Bell und Virginia Woolf – Schwestern – erging es nicht anders. So schön die eigenen vier Wände waren, so groß die Schar der berühmten Besucher – das Glück klopfte allzu oft an die Türen der Anderen.

Josephine Baker war zu ihrer Zeit der ungekrönte Star der Varieté-Bühnen. Doch privat erlitt sie derart viele Rückschläge, dass es heute noch größte Bewunderung verlangt, wenn man ihr soziales Engagement betrachtet. Ein Schloss sollte es sein. Es wurde ein Schloss. In der Dordogne in grünen Herz Frankreichs. Und es war erfüllt von Kinderlachen, die eingangs erwähnte Kinderschar. Sie hat sie alle adoptiert bzw. bei sich aufgenommen. Doch die Kosten verschlangen Unsummen. Ihre Auftritte, u.a. mit Maurice Chevalier, brachten nicht genug ein. Immer wieder stand sie finanziell am Abgrund. Am Ende ihres Lebens griff sogar Fürstin Gracia Patricia unter die Arme.

Ob ein kleines Häuschen auf Hiddensee wie das von Asta Nielsen, in dem sich auch Joachim Ringelnatz und seine Muschelkalk (so nannte er liebevoll seine Frau) zu gern aufhielten, oder das E.1027, ein Buchstaben-Zahlen-Rätsel, das Eileen Gray mit ganzer Tatkraft einrichtete, oder eben das Schloss von Josephine Baker: Alle in diesem Buch versammelten Künstlerinnen schienen sich einen Traum erfüllt zu haben. Doch oft wurde es ein Gefängnis, das mit zwei Seiten einer Medaille geschmückt war.

Gabriele Katz nimmt den Leser mit auf Wohnungsbesichtigungen der besonderen Art. Diese Wände sprechen noch immer. Doch ihre Geheimnisse geben sie erst in diesem Buch preis.

Odenwald

Wer bei Odenwald die Assoziation mit Ödnis ins Spiel bringt, wird auf diesen über 300 Seiten, eigentlich schon ab den ersten Seiten, eines Besseren belehrt. Denn das Land zwischen Main und Neckar steckt voller Überraschungen. Vor allem für die, die eine verschlafene Enklave hinter hohen Bergen, zwischen tiefen Wäldern erwarten.

Sicher ist der Odenwald nicht die bevorzugte Destination für Adrenalinjunkies. Hier genießt man das Leben und die freie Zeit, die man sich verdient hat. Klar, Ebbelwoi ist eine Spezialität, die man auch über die Grenzen des Odenwaldes hinaus kennt. Doch wer kennt schon die Sarolta-Kapelle in Fränkisch-Crumbach? Kaum jemand. Wohl auch, weil sie nur an bestimmten Tagen zugänglich ist.

Von Darmstadt bis Heidelberg, von Heppenheim bis zum Limes. So lässt sich das Gebiet umreißen, das Autorin Stephanie Aurelia Staab dem Leser näherbringt. Immer wieder staunt man wie vielfältig die Region ist. Auf der einen Seite (in natura als auch im Buch) schwärmt man von weiten Apfelfeldern. Im nächsten Moment tut sich eine erhabene Burg auf. Oder die Natur gibt den Blick frei für tiefe Einsichten in die vulkanologische Geschichte. Erfüllende Aussichtspunkte, treffsichere Tipps für den knurrenden Magen – wer hier nicht sofort seine Siebensachen packen möchte, … muss einfach weiterlesen. Das Aha-Erlebnis stellt sich auf alle Fälle ein!

Wie zum Beispiel im Mümlingtal. Kennt auch kaum einer, der sich bisher noch nicht mit dem Odenwald und seiner Umgebung beschäftigt hat. Von Breuberg über Höchst, nicht das bei Frankfurt, und dann auf der B 45 immer Richtung Süden, bis zum Marbach-Stausee. Hat es immer noch nicht Klick gemacht? Macht nichts! Entlang der Mümling lässt es sich vorzüglich entspannen. Zauberhafte Fachwerkhäuser, Skulpturen, die den Wanderweg erhellen, ein Ort, indem man sich wie ein König fühlen darf, eine imposante Burganlage und zum Abschluss ein Sprung in ein Waldseebad – das sind nur ein paar wenige Höhepunkte, die man hier teils einsam, teils in geselliger Runde verbringen kann.

Fakt ist, wenn man eine Region als ein bisschen vergessen nennen kann, so ist es der Odenwald. Und noch einmal: Von Ödnis keine Spur! Die Wandermassen marschieren woanders. Bergstraße, Weinstraße, Heidelberg gehören zum Reiseband dazu wie das spannungsgeladene Warten auf den nächsten Urlaub. Nicht nur coronabedingt sollte man in seine Reisepläne den Odenwald unbedingt einbeziehen.

Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

The Five

Die Geschichte ist eigentlich klar: Jack the Ripper ermordet 1888 binnen weniger Wochen fünf Frauen. Niemand weiß wer er war. Mythen ranken sich seitdem um den Mann, der fünf Prostituierte mit dem Messer aufschlitze. Eigentlich alles klar. Nein, nichts ist klar! Weder die Identität des Täters, noch sein Motiv. Und von den Frauen nimmt auch kein Mensch Notiz – sind nur Prostituierte. Und hier setzt Hallie Rubenhold an. Und wie!

Denn die Frauen waren keineswegs ruchlose Frauen, die ihre körperlichen Reize einsetzten, um willenlosen, triebgesteuerten Männern Momente des Glücks zu bescheren. Sie waren – und so ehrlich muss man sein – Gelegenheitsprostituierte und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, erlangt eine gewisse Berühmtheit, weil sie Opfer Nummer Eins ist. Am 31. August 1888 wird ihr Leichnam in Whitechapel, einem der düstersten Stadtteile Londons gefunden. Identifiziert durch ihren Mann, der mittlerweile mit der Nachbarin zusammenlebt. Ihre Gesichtszüge lassen nur einen Hauch ihrer einstigen Erscheinung erahnen. Sie lebte eine Zeitlang in ganz ordentlichen Verhältnissen. Finanziell gesehen. Doch die Kinderschar wuchs, das Einkommen jedoch nicht. Fehlgeburten, Typhus, Tuberkulose waren die häufigsten Todesursachen. Auch Polly wurde vom Schicksal schwer gebeutelt. Eine Trennung, gar eine Scheidung war kaum vorstellbar. Dazu hätte ihr Mann sie grausam verprügeln müssen, mit seiner Schwester schlafen und / oder weitaus Schlimmeres tun müssen. Doch ohne Mann an der Seite, waren Frauen Freiwild. Ohne Einkommen konnten sie stehlen oder ihren Körper verkaufen. Die Ohnmacht wurde mit Alkohol betäubt. Polly war ein Opfer ihrer Zeit.

Nur ein paar Tage später fand man Annie Chapman. Die Presse stürzte sich wie weidwundes Vieh auf den neuerlichen Mord. Mitten in der Hatz aus Pollys Mörder traf rechtzeitig vor der einschlafenden Jagd ein neues Opfer ein. Wieder Alkohol, wieder verlassene Frau.

Ende September schlug Jack the Ripper in einer Nacht gleich zweimal zu. Elizabeth Stride, eingewanderte Schwedin, die nur wenige Jahre zuvor das große Los gezogen zu haben schien und Catherine Eddowes. Auch die war schon einmal auf der scheinbaren Zielgeraden zum Glück.

Ganz im Gegenteil zu Mary Jane Kelly. Die war lebensfroh, leidlich zufrieden mit ihrem Leben „auf der Straße“. Sie war attraktiv, was wohl auch erklärt, warum ihr Leben oft und ausführlich erforscht wurde.

Fünf Frauen innerhalb weniger Wochen hat Jack the Ripper zur Strecke gebracht. Alle waren Frauen, die in ihrer Verzweiflung nur einen Weg einschlugen (mussten) – die Prostitution. Ob nun als Vollzeit- oder Teilzeitjob – wie es gern in den Geschichtsbüchern steht – ist für ihr Schicksal erst einmal irrelevant. Sie wurden Opfer eines Mannes, der Frauen nicht so zugeneigt war, wie man es annehmen sollte. Er hasste Frauen. Seine Opfer waren zufällig ausgewählt. Die Tatsache, dass alle Fünf dem Alkohol zugesprochen haben, ist auch keine Entschuldigung für ihr abrupt endendes Schicksal. Hallie Rubenhold gibt ihnen erstmals eine Stimme, ein Gesicht. Die Taten treten in den Hintergrund. Die Autorin rückt die damaligen Verhältnisse in den Fokus ihrer Berichte. Als Frau war man Mensch zweiter Klasse. Frauen hielten Haus und Hof in Schuss, kümmerten sich um den reichlichen Nachwuchs. Je mehr Köpfe im Haushalt, desto geringer das „Pro-Kopf-Einkommen“. Auf- und Abstieg waren abhängig vom Einkommen und der Anzahl der Haushaltsangehörigen. Betrug diese Zahl weniger als Fünf, konnte man „ganz gut auskommen“. Stieg die Zahl der Kinder, musste man sich etwas einfallen lassen. Verstarb ein Kind, was sehr oft vorkam, wurde die Trauer hinweg gewischt. Das Leben musste weitergehen! Dieses Buch zeigt eindringlich wie gefährlich der soziale Stand sein konnte. Die Opfer sind heute vergessen. Der Täter ist unbekannt. Und dennoch ist er immer noch präsenter als die Frauen, die er meuchelte. Dieses Buch wird das ändern!