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Das Rätsel von Paris

Das Rätsel von Paris

Die Weltausstellung 1889 war nicht nur wegen des eigens dafür errichteten Eiffelturms eine Sensation, sondern auch deswegen, dass sie bis heute nachwirkt. Denn zu eben dieser Weltausstellung wollen sich erstmals die Zwölf Detektive treffen. Leider kann der Initiator Renato Craig aus Buenos Aires nicht persönlich anreisen. Er schickt dafür seinen Adlatus Sigmundo Salvatrio.

Sigmundo ist der Sohn eines Schuhmachers, der f eine Zeitungsannonce hin bei dem großen Detektiv meldet. Dieser will sein Wissen weiterreichen, denn er spürt, dass die Zeit gekommen ist abzutreten. Zwanzig wissbegierige junge Männer machen sich munter daran den Meister nicht zu enttäuschen. Doch nur einer scheint das Rennen machen zu können. Sozusagen als Abschlussprüfung sollen sie dem Magier Kalídan das Handwerk legen. Denn in jeder Stadt, in der er auftrat, verschwanden junge Frauen. So auch dieses Mal. Einer der Schützlinge schafft es sich als Assistent in die Show einzuschleichen. Keine gute Idee. Denn der Magier kommt ihm auf die Schliche und das war’s. Der erfolgversprechendste und von allen am meisten beneidete Kandidat ist tot.

Nach einigem Zögern nimmt Sigmundo das Angebot an und reist nach Paris, um am Treffen mit Arzaky, Magrelli, Lawson, Hatter, Darbon, Madorakis, Rojo, Zagala, Novarius, Castelvetia und Sakawa teilzunehmen. Eine auserlesene Mischung von gescheiten Köpfen, von London bis Tokio, von Amsterdam bis Madrid.

Ein echter Abenteuerroman für große Jungens scheint dieser Detektivroman zu werden. Pablo de Santis macht sich einen Riesenspaß daraus die grauen Zellen der Helden und des Lesers zum Hüpfen zu bringen. Es klingt anfangs wie der Beginn eines typischen Detektivromans mit all seinen Klischees. Ein Dutzend Detektive, aus aller Welt, dann sind es nur noch elf usw. Doch Pablo de Santis beherrscht die Klaviatur des Bösen und der Ironie meisterhaft. Alle Detektive haben einen Assistenten. Außer Arzaky, dessen Schatten ist erkrankt. Und Castelvetias Helfer wurde noch von keinem einzigen gesichtet. Craig kann gar nicht erst kommen und schickt daher Sigmundo. Bei einem Treffen der ergehen sich die Detektive in Selbstbeweihräucherung. Jeder gibt seine besten Fälle zum Besten. Fälle, die sich – natürlich – allesamt gelöst haben! Dann ist auf einmal Darbon tot. Vom Eiffelturm gestürzt … worden. Arzaky bittet Sigmundo sein Assistent zu sein. Dabei scheint Arzaky derjenige zu sein, der am meisten vom Tode des Pariser Detektives profitiert. Denn nun ist er der Detektiv von Paris. Dazu muss er allerdings das Rätsel von Paris lösen.

Und dieses ist ein köstliches Lesevergnügen. Nicht nur für großes Jungens! Alle Spürnasen haben eine besondere Methode ihre Fälle zu lösen. Lawson aus London, beispielsweise, hat ein Gerät, um auch im Nebel zu sehen. Und der Nürnberger Hatter hat ein Spielzeug (!) entwickelt. Wer in der Welt der Krimis, der klassischen Krimis zu Hause ist, wird hier aus dem Lachen (vor Freude) nicht mehr raus kommen. Wer selbst gern Rätsel löst, braucht Grips und Durchhaltevermögen, gepaart mit einer Portion Organisationstalent. Wer sich an wohl formulierten Sätzen erfreuen kann, dem wird „Das Rätsel von Paris“ dazu verleiten im Bücherregal einen Ehrenplatz für dieses Buch freizuräumen.

50 Dinge, die ein Wiener getan haben muss

50 Dinge die ein Wiener getan haben muss

Sich einmal so fühlen wie ein Wiener, die Stadt genauso gut kennen wie die Bewohner der Stadt an der Donau. Als Tourist hat man meist nur das im Auge, was Prospekte groß ankündigen: Hofburg, Kunsthistorisches und Stephansdom. Doch selbst die Wiener kennen ihre Stadt meist nicht so gut wie man meint.

Bleiben wir beim allgemein sichtbaren Wahrzeichen der Stadt, dem Steffl, oder Stephansdom. Ein imposantes Gebäude, ohne Zweifel. Von da aus die der Stadt „auf den Kopf spucken“, ist nur wenigen vorbehalten. Arbeitern, die das Dach instandhalten, zum Beispiel. Nicht nur. Denn in den Sommermonaten, samstags, ab 19 Uhr, bei schönem Wetter, kann man den Dachboden besichtigen und … in der Dachrinne „spazieren gehen“. Ja, das geht tatsächlich! Die Rinne ist kein handelsübliches Blech von ein paar Zentimetern Breite, einen halben Meter ist sie breit. Damit nichts passiert, ist sie mit Balustrade umzäunt. Zehn Euro kostet das einzigartige Vergnügen, das selbst nur wenige Wiener überhaupt kennen. Dieser Geheimtipp bildet den Auftakt zu neunundvierzig weiteren Dingen, die man in Wien erleben kann. Egal, ob man nun Einheimischer oder Gast ist. Und was für Wiener gut ist, muss für die Besucher der Stadt ja nicht schlecht sein.

Die Autoren Alexandra Gruber und Marliese Mendel geben dem Begriff „Geheimtipp“ einen ganz besonderen Glanz. Die kokettieren nicht mit dem abgedroschenen Klischee des Geheimtipps, sie zeigen sie auf, führen den Leser an sie heran und können sich der ewigen Dankbarkeit der Leser sicher sein.

Wer durch Wien schlendert – hetzen ist keine gute Idee in einer Stadt, die derart viel Kultur zu bieten hat – hat sie bestimmt schon bemerkt: Die Schlange vor der Staatsoper. Meist schon in den frühen Morgenstunden. Und das fast täglich in der Saison von September bis Juni. Klar, die stehen alle nach Karten an. Und jeder bekommt nur eine. Warum? Sie warten auf Stehplatzkarten. Die kosten nur ein paar Euro und garantieren Operngenuss auf höchstem Niveau. Wer eine Karte ergattert hat, stellt sich gleich in der nächsten Schlange an. Denn es geht bald los.

Unterirdisch, ebenerdig und überirdisch sind die Tipps, die in diesem Buch dem Leser offeriert werden. Selbst bei dem eher nicht so preiswerten Julius Meinl, einem der edelsten Kalorientempel Wiens, kann man sich mit einem nicht ganz so prall gefüllten Geldbeutel kulinarisch verwöhnen lassen.

Ein Teil des Autorenhonorars wird an das unbegleitete Mädchen im Haus Ottakring gespendet, einer Einrichtung für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die ohne Eltern auf der Flucht waren.

Ein Bauch spaziert durch Paris

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Sternekoch, Musiker, Autor … und nun auch noch Reiseleiter in Sachen Kulinarik. Vincent Klink nur als Fernsehkoch zu sehen, wäre schändlich. Denn viele seiner Kollegen haben nicht mal ein Restaurant (was zumeist auf der ersten Silbe betont wird, klingt wahrscheinlich fachmännischer). Schändlich wäre es auch in Paris sich nicht den lukullischen Genüssen hinzugeben. Und so trägt Vincent Klink seinen Bauch vor sich her – der Titel verrät es bereits – und die magenlärmende Sehnsucht im Herzen. Alle Sinne sind geschärft.

Ihm geht es nicht anders wie den meisten von uns. Vor Aufregung kann er die Nacht vor der Abfahrt kaum schlafen, ist überpünktlich am Bahnhof. Mit dem TGV dauert die Fahrt nur rund dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden bis man an der Gare de l’Est endlich Pariser Luft schnuppern kann. Und dann raus in die Stadt der Liebe, in die Stadt des Genusses, auf nach Paris. Würde er in der Gare de Lyon ankommen, würde die Flucht in die Stadt etwas länger dauern. Denn hier gibt’s das eindrucksvollste Restaurant der Pariser Bahnhöfe, das Le Train bleu.

Vincent Klink ist angekommen in Paris. Ein kühles Bier wäre ihm jetzt am liebsten, doch der heißeste Tag des Jahres verbietet dieser Leidenschaft nach zugehen. Ein kühles Blondes und die geballte Wucht der Sonnenstrahlen hätten nur eines zur Folge: Er würde noch mehr schwitzen. So macht er sich auf seinen ersten Erkundungsgang bevor es ins Hotel geht. Und das Rezept für die Jüdische Hühnersuppe liefert der Küchenmeister gleich mit.

„Ein Bauch spaziert durch Paris“ ist mehr als nur eine Reiseschilderung eines neugierigen und hungrigen Chefkochs. Es ist ein Kulturführer der besonderen Art für alle, die die Attraktionen der Stadt an der Seine bereits kennen. Es ist kein reiner Restaurantführer. Wie zufällig nimmt Vincent Klink Platz, studiert die Karte und beobachtet die anderen Gäste. Er formt sich ein Bild von Paris, das jeder nachvollziehen kann, der sich wie der Autor die Zeit nimmt Paris einzuatmen, es zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Immer wieder streut er Rezepte ein, man kann es zu Hause nachkochen oder man fährt selbst nach Paris. Denn auch Restauranttipps gibt der Koch aus Leidenschaft zuhauf.

So hat man Paris noch nie erlesen! Als belesener kulturinteressierter Mensch – seine Geschichten reichen von den Templern und Napoleon III. über Heine und Wagner bis zu den Impressionisten und den französischen Präsidenten – ist Vincent Klink der ideale Reiseleiter. Auch hat er sich seine neugierige Ader bewahrt. Nichts liegt ihm fern als den Leser zu bevormunden. Er gibt Hinweise und Tipps, wo man einkehren kann, und liefert dazu das passende Rahmenprogramm. Zahlreiche Anekdoten sind die Würze während der gastronomischen Ausflüge. Wenn Vincent Klink nicht schon einen Stern hätte, müsste man ihm einen für dieses exzellente Werk einen verleihen.

Dieses Buch genießt man wie ein Sterne-Menü. Jeder Gang, jedes Kapitel ein Genuss für sich. Wer die Zutaten, die Seiten hinunterschlingt, ist zwar satt, aber der Schmerz der Fülle fällt dem Vergessen anheim. Was ein Frevel!

Es ist erstaunlich, dass es immer wieder neue Bücher über Paris gibt. Die Seine-Metropole ist noch nicht satt an guter und bildgewaltiger Literatur. Die einschlägigen Hotspot-Aufzähler weit hinter sich lassend, sind es Bücher wie dieses oder die City impressions Paris, die es dem Leser schwer machen sich von Paris fernzuhalten. Ob nun mit dem geschulten Auge eines Fotografen oder der lukullischen Schnitzeljagd (nur im übertragenen Sinn) eines Sternekochs: Paris erobern ohne diese Bücher vorher gelesen zu haben, wäre wie Paris ohne die Seine. Möglich, aber nur die Hälfte wert.

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Es ist immer wieder schön zu sehen wie „die da oben“ auf die Nase fallen. Doch genauso sicher ist auch, dass „die da oben“ auch wissen wie man da wieder rauskommt. Louis XVI. König von Frankreich heiratete einst Marie Antoinette, die Schwester von Karl Joseph II., Kaiser von Österreich. Sie stand mehr als „normal“ unter dem Einfluss ihrer Mutter Maria Theresia.

Ihr Gegenspieler in dieser Posse, dieser Affäre, diesem Skandal war Kardinal-Erzbischof Louis René Édouard de Rohan. Er stammte aus einer der reichsten und einflussreichsten Familien Frankreichs. Seinen klerikalen Titel hatte er nicht umsonst bekommen… Natürlich suchte er die Nähe der Königin, doch die ließ keine Möglichkeit aus, ihn spüren zu lassen, dass sie ihm in keinster Weise zugetan ist.

Es war ein bisschen wie es heute noch oft der Fall ist: Hinterbänkler sucht mit fragwürdigen Methoden die Aufmerksamkeit der vor ihm Sitzenden zu erhaschen. Meist passiert das heute während der so genannten Saure-Gurken-Zeit, wenn das Parlament in der Sommerpause ist.

In Jeanne de la Motte, einer Adligen, die dank des Ungeschicks ihrer Ahnen nur noch per Namen blauen Geblüts war, bekommt Rohan scheinbar die Möglichkeit sich der Königin zu nähern. Er lässt sich dazu hinreißen ein sündhaft teures Geschmeide, ein Halsband, fertigen zu lassen, welches er der verarmten Jeanne de la Motte, geborene Valois, übergibt. Die denkt nicht daran es der Königin zu überreichen. Sie verduftet. Und der gehörnte Rohan bleibt auf den selbst für ihn enormen Schulden sitzen. Und auch der Juwelier wird nicht bezahlt.

Als Sündenbock wird Rohan ausgemacht. An Mariä Himmelfahrt, dem 15.6.85, 1785, wird er abgeführt. Er hat zwei Möglichkeiten: Die Strafe des Königs, wir sind im Zeitalter des Absolutismus, da hat nur einer recht, und der trägt ’ne Krone, anzunehmen oder sich vor Gericht zerren zu lassen. Dumm nur, dass der König auch gleichzeitig Richter ist. Um die absolutistischen Neigungen zu verschleiern, lässt der König seine Untertanen seine Arbeit verrichten. Der Ausgang des Verfahrens hat keine Sieger. Ein paar Jahre später wird alles Royale einen Kopf kürzer gemacht. Die Intrigantin wird gefoltert, gebrandmarkt und verbannt. Kurze Zeit später kann sie ganz offiziell fliehen, ohne dass die Behörden ihr auf die Pelle rücken werden. Der Klerus insistiert gegen den König. Das Volk wird durch die Veröffentlichung der Prozessakten genau über die Machenschaften ihrer Regenten informiert.

Wer Parallelen zur Gegenwart ziehen will, ist herzlich eingeladen, dies zu tun. Auch 230 Jahre später „die da oben“ immer noch dabei ihr Tun und Handeln zu verschleiern. Ihre Skandale sind heute jedoch in der Mehrzahl Belustigungsobjekt und Teil der Zerstreuungsmaschinerie. Wer letztendlich Täter und wer Opfer war, kann sich nur schwer sagen lassen. Beide Lager haben ihren Beitrag geleistet. Es gibt keine Nur-Täter und keine Nur-Opfer.

Sich an das zu erinnern, was vor einem Jahr war, fällt schwer. Was vor zehn Jahren passierte, dafür braucht man meist schon Hilfe von der Familie und Freunden. Aber vor 230 Jahren: Dafür braucht man Bücher. Bücher wie dieses. Ein Ereignis, in dem sich die Mächtigen eines Landes des Verrates an selbigem strafbar machen, ein Buch zu widmen, macht Geschichte erlebbar. Nun sind es nicht mehr nur (Jahres-)Zahlen, die man für eine eventuelle Prüfung benötigt, es sind Menschen, echte Ereignisse und Skandale, die dem oft ungeliebten Fachgebiet Geschichte ihren Reiz verleihen. Vor allem, wenn sie so ansprechend formuliert und so detailreich beschrieben sind.

Meine Skandale

Meine Skandale

Wenn man den Namen Gabriel Astruc auf der deutsche Seite von Wikipedia eingibt, sieht man den Namen rot unterlegt. Kein Artikel. Eine kurze Nennung, mehr nicht. Er erbaute das Théâtre des Champs Èlyssée, das 2013 in Paris sein hundertjähriges Bestehen feiern konnte – der Name erinnert an den ursprünglich gedachten Platz. Fast vier Jahre dauerte der Bau des imposanten Gebäudes, von der Genehmigung bis zur Eröffnung, das vom ersten Tag an Erfolge feierte bzw. Skandale produzierte wie kaum ein anders Haus.

Claude Debussy und  Richard Strauss dirigierten hier ihre Werke. Das Ballett Russes wurde frenetisch bejubelt. Es waren die letzten Jahre der Belle Epoque. Paris war auf dem Höhepunkt der künstlerischen Schaffenskraft. Die Impressionisten waren anerkannt, der Kubismus und Expressionismus waren auf dem Sprung. In den Cafés traf man Künstler, deren Namen heute zu Synonymen geworden sind. Dennoch war es eine traditionelle Zeit. Man konnte sich nicht alles erlauben. Das musste auch Gabriel Astruc schmerzvoll lernen. Der zeitgenössischen Musik galt sein Herz, was ihm doch sehr schnell gebrochen wurde.

Zur Eröffnung des Tempels der Moderne wagte er das Risiko und hob „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz auf den Premierenspielplan. Ein Stück, das bei der Uraufführung schon für Furore sorgte und dem keine lange Spielzeit vergönnt war.

Das Théâtre des Champs Èlyssée war zwei Monate geöffnet. Claude Debussys „Jeux“ sorgte nicht gerade für Begeisterungsstürme, um es milde auszudrücken. Ende Mai 1913 sollte Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ uraufgeführt werden. Im Publikum saßen Picasso und Chanel. Auf der Bühne wirbelten die Tänzer zur Choreographie von Vaslav Nijinsky. Im Foyer, nach der Vorstellung, tobte das Publikum. Eine Fraktion war begeistert, und sah sich den Anfeindungen der Gegner ausgesetzt.

Gabriel Astruc hatte bereits Jahre zuvor im Théâtre du Châtelet einige Skandale auszuhalten. Er war sich seiner Sache immer sicher, weswegen auch kaum schnöde Beschimpfungen seiner Kritiker in seinen Memoiren zu lesen sind. Die Zeit gab ihm recht. Er hatte ein glückliches Händchen für Skandale. Für sich selbst übersetzt er Skandal mit Stolperstein.

Seine Biographie „Meine Skandale“ ist kein Handbuch des Scheiterns. Es ist vielmehr die Bibel des Mutes. Man konnte ihn beschimpfen, anfeinden, sich über ihn beschweren. Doch Kleinkriegen ließ er sich nicht. Das ist sein Vermächtnis.

Alles ist nichts gegen Rom

Alles ist nichts gegen Rom

Bücher über Rom gibt es wie Sand am Meer. Man meint fast, es wäre alles gesagt und geschrieben worden über die Ewige Stadt. Doch dann kommt so ein kleines unscheinbares Buch daher und belehrt einem eines Besseren. Der nüchterne Untertitel „Ein Fotobuch“ verschleiert die wahre Identität.

Evelyn Fertl fotografiert nicht einfach fürs Familienalbum. Ihr Motive sind für jeden sichtbar, oft nur aus dem Augenwinkel doch da. Sie rückt sie in den Mittelpunkt. Flüchtige Momentaufnahmen und festverwurzelte Monumente im Ringelreih Großstadt. Sie die jetzt (2007 bis 2014) vor Ort ist, in der Hand ihre Kamera. Analog. Schwarz-weiß-Film eingelegt. Dadurch gewinnen die Aufnahmen an Schärfe und Intensität. Farbig kann jeder. So kontrastreich die Stadt, so auch Ihre Eindrücke.

Wie als Bestätigung setzt sie neben ihre mehr als sehenswerten Abbildungen Texte, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Und das obwohl sie schon bis zu über zweihundert Jahre auf dem Buckel haben. Wie einst Udo Struutz im Trabi mit Goethe Italienreise im Gepäck durchschreitet Evelyn Fertl die Metropole am Tiber. Sie fliegt hochmodern mit einer Drohne – sie bleibt auf dem Boden. Sie verfälscht nicht ihre Eindrücke, um selbige zu schinden – Ihre Bilder sind echt.

Alltagsszenen, Touristenmagnete, Panorama- und Detailaufnahmen – alles ganz speziell und einzigartig. Museen, öffentliche Plätze, Geschäfte, Ruinen: Rom wie man es kennt und doch wieder nicht.

Dieses Buch nimmt man mehrmals in die Hand. Immer wieder schlägt man es auf, schlägt nach, schaut, was man selbst gesehen hat oder noch unbedingt sehen muss. Ein kurzweiliger Bildertrip durch eine der spannendsten Städte der Welt. Attenzione impressione, um es mit den Worten von Gianna Nannini zu sagen. Achtung Eindruck. Und das auf jeder der über einhundert Seiten.

 

Montparnasse und Montmartre

Montparnasse und Montmartre

Für viele ist Paris mit Montmartre oder Montparnasse gleichgesetzt. Und tatsächlich sind die beiden Hügel nicht aus dem Stadtleben wegzudenken. Anfang des 20. Jahrhunderts bebte hier das künstlerische Herz Frankreichs, Europas, wenn nicht sogar der Welt. Wer sich hier die Klinke in die Hand gab, dessen Name hallt bis heute nach. Picasso, Satie, Proust, Cocteau sind nur ein geringer Teil derer, die Paris fast allein nur durch ihre Präsenz zum künstlerischen Epizentrum der Welt krönten. Dan Franck bringt Licht ins mittlerweile verblasste Paris des Post-Fin-de-Siècle. Wer heute durch Paris schlendert, muss schon ganz genau wissen wonach er sucht. Dieses Buch ist der Reiseführer für Erwachsene, die Paris poetisch, impressionistisch, expressionistisch, kubistisch, intellektuell, aufrührerisch, avantgardistisch erleben wollen.

Nicht jede Stadt auf der Welt kann sich rühmen derart geballt so viele führende Köpfe einer Epoche und so vieler Genres einmal beherbergt zu haben. Sie lebten, litten und wirkten auf einem Areal, das flächenmäßig kaum erwähnenswert ist. Mit kindlicher Freude schreibt der Autor vom Leben wie es kaum woanders möglich war. Hier war Paris am französischsten, aber auch multikulturell. Keine explosive Mischung, eher eine befruchtende. Man half sich untereinander aus. Agenten, Galeristen und Kunstsammler halfen so manchem Künstler über eine Durststrecke hinweg.

Wer Kunst sammelte, für den lag hier der heilige Gral. Für ein paar Francs konnte man Kunstwerke erwerben, deren Wert sich bis heute millionenfach auszahlt. Ein France entspricht heute ca. sechs Euro. Kaum zu glauben, dass ein Pablo Picasso für einen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen(Franc-)Betrag Auftragsarbeiten erledigte.

Detailreich und ungeheuer aufwendig recherchiert nimmt dieses Buch den erfahrenen Parisbesucher mit auf eine Reise durch das Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die zahllosen Anekdoten machen dieses über fünfhundert Seiten starke Buch zu einem Juwel unter den besonderen Parisgeschichten. Die Preisverhandlungen mit Clovis Sagot sprechen Bände. Anfangs bot er Picasso 700 Francs. Der Maler zögerte und verkaufte ein Bild schlussendlich für weniger als die Hälfte.

Ein weiterer ausgefuchster Kunsthändler war Ambroise Vollard. Eines Tages spazierte Gertrude Stein in sein Geschäft. Wie er der später bekanntesten Kunstsammlerin gekonnt die Franc aus der Tasche zog, bringt den Leser mehr als nur zum Schmunzeln. Doch keine Angst, die resolute Dame hat auch ihren Schnitt gemacht.

Wer Paris als riesige Einkaufsmeile betrachtet, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Wer die Hotspots von Paris wie seine Nachbarschaft kennt, wird hier ein wahres Wunder erleben. Mit genauen Adressangaben kann man anhand dieses Buches durch Paris flanieren, den Hauch der Kunst-Geschichte atmen und sich darüber freuen, dass La Butte („das Hügelchen“, so nennen die Parisienne Montmartre) und Montparnasse sicherlich als Sinnbild für ganz Paris herhalten, aber man nun ganz genau weiß warum. Über zweihundert Abbildungen unterstreichen den von der ersten Seite an exzellenten Eindruck.

Nekropolis

Nekropolis

Es gibt schönere Arten berühmt zu werden. Kommissar Sajan Dayal von der Polizei in Delhi hat es sich nicht ausgesucht diesen Sommer die merkwürdigsten Fälle zu lösen. Nach langer Hatz wird ein junger Mann gefunden, um dessen Hals eine Kette mit den Fingern seiner Opfer prangt. Zur gleichen Zeit verschwindet „Frau Oberst“, eine Frau, die durch ihren eigenwilligen, militärischen Kleidungsstil auffiel und viele Anhänger hatte. Zu allem Überfluss bekriegen sich auch noch Gangs in der Unterwelt. Sie wähnen sich nicht von dieser Welt. Es war, ist und wird eine heiße Zeit …

Von Frau Oberst, die von ihrer Gefolgschaft Razia genannt wird, erfahren Dayal und sein Team von den barbarischen Schlachten, denen des Nachts immer wieder junge „Kämpfer“ zum Opfer fallen. Ein Kämpfer tut sich dabei immer besonders hervor. Er hält sich für einen Vampir. Keiner, der das nur aus Mode tut, einer, der wirklich glaubt das Blut der Anderen verleiht ihm besondere Kräfte. Sind die Schlachten geschlagen, beugt er sich über sein Opfer und haut seine Zähne in dessen Nacken. Das Besondere: Die Schlachten und das blutige Ritual am Ende werden gefilmt und anschließend online gestellt. Doch auch Dayals Abteilung ist mit moderner Technik ausgerüstet.

Die Sonderkommission kommt nicht zur Ruhe. Ein junges Mädchen wurde brutal vergewaltigt. Und noch immer sind die Spuren zu den anderen Verbrechen nicht zufriedenstellend. Slumlords, Vergewaltigung, Mord, Drogen, Korruption – das Tätigkeitsfeld der Sonderkommission scheint unendlich dehnbar. Da heißt es kühlen Kopf bewahren.

Sajan Dayal ist der lebende Beweis, dass man die Gegenwart nur beherrscht, die Zukunft meistert, wenn man die Vergangenheit kennt. All der elektronische Schnickschnack, den moderne Ermittler heute benutzen, nützt nur, wenn man die Wurzeln kennt. Er zitiert alte Dichter, kennt die Traditionen des Landes, er versteht die Menschen, die sich der modernen Vehikel benutzen. So, und nur so, kommt er dem Geheimnis der heißen Zeit in der Nekropole Delhi auf die Spur.

Avtar Singhs Kommissar ist ein ruhiger besonnener Ermittler. Er schart eine ebenso konzentriert arbeitende Crew um sich. Kastendenken ist allen wohl bekannt, doch haben sie mit dieser Tradition im Riesenreich Indien wenig zu schaffen. Wer Geld hat, muss sich genauso an Spielregeln halten wie „die da unten“. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Wenn das den Kommissaren gelingen könnte, wäre schon viel erreicht.

Der Leser wird in ein Indien geführt, dass er so nicht kennt. Neben all den Negativschlagzeilen bietet dieser Roman dem Leser die Möglichkeit Delhi von einer anderen Seite kennenzulernen. Beim Lesen fungiert Sajan Dayal so ganz nebenbei als Fremdenführer durch die Millionenmetropole. Der Leser kommt an Orte vor denen in Reisebüchern gewarnt wird. Wenn‘s zu brenzlig wird, kann man das Buch zuklappen. Doch dann verpasst man das Beste.

1965 – Rue de Grenelle

1965 - Rue de Grenelle

Rue de Grenelle, Paris. Beste Wohnlage. Hier wird sich Steffen im Oktober 1965 auf seine Aufnahmeprüfung an einer Eliteschule vorbereiten und ein paar schöne Tage bei seinem Freund André verbringen. Lang haben sie sich nicht gesehen und sicherlich viel zu erzählen.

Doch es kommt ganz anders. Die unbekümmerte Vertrautheit der Vergangenheit ist geschäftigem Treiben gewichen. André ist schwer beschäftigt. Zusammen mit Anderen arbeitet er an einer Karte des Pariser Untergrundes. Vor zwanzig Jahren waren die Katakomben unter der Stadt Zufluchtsort für alle, die dem Naziterror entkommen konnten. André ist zeitweise richtig abweisend zu Steffen. Und über die überaus spannende Arbeit will er auch nicht reden.

Bei einem Konzert von Chet Baker lernt Steffen Sarah kennen. Auch sie scheint in Eile zu sein. Als Steffen eine unbedachte Äußerung macht, ist sie weg, bevor er sich für seine Torheit entschuldigen kann. Die Gelegenheit zur Entschuldigung kommt für ihn früher als er denkt. Sie ist Jüdin und fand seinen lockeren Spruch über Chet Bakers Aussehen, das er mit dem von KZ-Überlebenden verglich mehr als unpassend. Trotz seiner Naivität fühlt sich Sarah zu ihm hingezogen. Sie arbeite an einem Dokumentarfilm, erzählt sie ihm freimütig. Steffen beginnt sich für die Schönheit, die ihm doch nicht so viel von sich erzählt wie er anfangs meint, zu interessieren.

Andrés Art verstört Steffen zusehends. André, der weltoffene Freigeist, der dem deutschen Nachkriegskind die Vorzüge der französischen Kultur näherbrachte, wirkt ruppig, ja fast schon ablehnend. Steffen scheint André irgendwie zu stören bei dem, womit André sein Geld verdient.

Die Aufnahmeprüfung ist durch, die Heimreise steht bevor. Doch Sarah geht Steffen nicht aus dem Kopf. Viele raten ihm von der Beziehung ab. Aaron, der Steffen als Sarahs Vater vorgestellt wurde, mag Steffen nicht. Als Auschwitz-Überlebender hat er mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Die zwielichtigen Genossen, mit denen Aaron und Sarah öfter zusammenhängen erregen Steffens Aufmerksamkeit. Und er ihre! Grob und bestimmt bitten sie ihn seine Spionagetätigkeit einzustellen. Spionage? Was soll das jetzt? Als er André darauf anspricht, reagiert er wortkarg.

Sarah und Steffen finden zueinander, verbringen eine wunderbare Zeit. So hatte sich Steffen seinen Aufenthalt hier vorgestellt. Laissez-faire, une affaire, tres bien.

Sarah ist irgendwie in irgendwas verstrickt. Als Jurastudent, der sich mit der Schuldfrage seiner Generation nicht nur aus Studienzwecken beschäftigt, reimt sich Steffen einiges zusammen. Nicht immer zu seinem Vorteil. Die Einschläge der Gewissheit werden immer heftiger und kommen öfter…

JR Bechtle verwebt eine rührende Liebegeschichte im Dickicht der Ober- und Unterwelt der Stadt der Liebe mit einem waschechten Politthriller. Mehdi Ben Barka war einst Präsident Marokkos bevor er das Land verlassen musste. Ende Oktober 1965 wird er in Paris entführt und ermordet. Die Mörder wurden gefasst und verurteilt, die Hintermänner halten sich bis heute bedeckt.

Die Jüdin Sarah reist im Roman öfter zu Ben Barka nach Genf. Ihre Rolle in dem Drama ist schwer zu durchschauen, sowohl für Steffen als auch für den Leser. Selten zuvor wurden recherchierte Fakten derart gelungen in einem Roman miteinander verbunden. Dieses Buch ist eine Neuentdeckung, selbst für Paris-Kenner. Die Unterwelt als erlebbares Highlight heute nur nach Voranmeldung erlebbar, wird durch dunkle Gestalten und geheimnisvolle Bewohner der Stadt nachvollziehbar.

Paris als Tummelplatz für Künstler und Agenten – „1965 – Rue de Grenelle“ zieht unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Steffen ist kein Agent, kein neugieriger Junge, der auf Tom Sawyers Pfaden wandelt. Dennoch lässt er sich unmerklich in den Strudel aus politischer Intrige und gefühlvoller Romanze hineinziehen. Den Leser im Schlepptau. Immer tiefer, immer weiter in den Untergrund von Paris. So hat man Paris noch nie gesehen.

Für die Oberfläche empfiehlt sich der Band „Impressions of Paris“ aus der City Impressions Reihe von Vagabond books. Beide Bücher beeindrucken durch ihren Detailreichtum über die Stadt an der Seine. Beide sind auf ihre Art Schwergewichte für jeden, der Paris ober- und unterhalb von Tour Eiffel und Arc de Triomphe kennenlernen möchte. Das Licht des Alltags erstrahlt derart intensiv, dass das Ungewöhnliche als normal erscheint.

City impressions – Paris

Paris City Impressions

Eine Stadt sieht man zuerst immer durch ein Zugfenster, ein Guckloch im Flieger oder durch die Autoscheibe. Dieses Paris sieht man zuerst durch Paris. Klingt unlogisch? Wie alle Bücher der beeindruckenden Reihe City Impressions ist der Einband mit dem Umriss der Stadt durchbrochen und gibt den Blick auf die ersten optischen Leckerbissen preis. Im Gegensatz zu anderen Bildbänden wird in diesem Band das Niveau auf ganz hoher Linie gehalten.

Bernd Rücker fotografiert Einzigartiges, Momentaufnahmen, die nie wiederkommen. Er setzt Paris so gekonnt in Szene, dass einem beispielsweise die Glaspyramide des Louvre so neu vorkommt, dass man daran zweifelt jemals dort gewesen zu sein. Alltagsposen werden auf ein Podest gehoben, das man als Tourist niemals als solches wahrnehmen würde.

Paris kennt man, entweder war man schon mal dort oder hat eine der zahlreichen Reportagen im Fernsehen mit Interesse verfolgt. Die Seine und der Triumphbogen taugen schon lange nicht mehr als Quizfragen. Auch, dass das Original der Freiheitsstatue in der Seine auf Entdecker wartet ist ein Mythos. Das weiß jeder. Und jeder hat dies alles schon mal fotografiert, um zu beweisen, dass man auch zu den jährlich über fünfzehn Millionen ausländischen Besuchern der Stadt der Liebe zählt. Doch was kommt nach dem Urlaub, dem Citytrip? Alltag. Trist und grau. Das Eis bei Berthillon auf der Île de la Cité – vergessen. Der vin rouge im Pigalle – ein fader Nachgeschmack, mehr nicht.

Die Paris-Ausgabe der City Impressions von Vagabond-books lässt die Erinnerungen wieder hochleben und vieles, das man so im Vorbeigehen mitgenommen hat in einem völlig neuen Licht erstrahlen. Close ups, die das augenblickliche Paris für immer festhalten und die Sehnsucht nach baldiger Wiederkehr schüren.

Irgendwo zwischen „das kenn ich doch“ und „kommt mir irgendwie bekannt vor“ blättert man sich sorgsam Seite für Seite durch das opulente Schwergewicht. Wie in Paris gibt es immer was Neues zu entdecken.

Und wer noch niemals in Paris war, der erlebt ein bildgewaltiges Wunder. Doch er wird mit dem Gesehenen nicht allein gelassen. Ein weiteres Markenzeichen der City Impressions sind die kleinen Geschichten. Florence, die Ausreißerin, die die Stadt mit den Augen (in diesem Falle) einer Unschuldigen sieht. Adrien, der Straßenmusiker, der nur hier die Musik atmen und sich ihr ganz und gar hingeben kann. Paris als Stadt der Träume und der Musik, aber vor allem der Liebe. Die kurzen Abschnitte gönnen den Augen die nötige Ruhe, um nach ein paar Minuten wieder in den Bilderrausch eintauchen zu können.

Auch „Paris – Eindrücke aus Paris / impressions of Paris“ ist in zwei Varianten erhältlich: Deutsch / Englisch und Französisch / Spanisch. Bei einer Grüße von 32 mal 30 Zentimetern und einem Gewicht, das man schon in Kilogramm misst, sicherlich kein Buch, dass man in Paris ständig unterm Arm trägt. Aber hinterher – also nach dem Urlaub – immer wieder hervorkramen wird.