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Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Tochter des Geldes

Der Name Mentona Moser wird nur von wenigen Experten mit Ehrfurcht in den Mund genommen. Diejenigen, die sie noch nicht kennen, lernen in diesem Buch eine Frau kennen, die mit eben solcher Ehrfurcht vor dem Leben ein wahrhaft revolutionäres Gedankengut verbreitete.

Ihr Vorname geht auf die Stadt Menton zurück. Dort hatten ihre Eltern die wohl glücklichste Zeit ihres Lebens. Doch die Zweisamkeit währte nur kurz. Der Vater – Uhrenfabrikant mit dem besonderen Händchen für gute Geschäfte – starb kurz nach Mentonas Geburt. Was die Mutter den beiden Töchtern – Fanny war ein paar Jahre älter als Mentona – verschwieg, waren die Halbgeschwister. Eine Handvoll weiterer Mosers gab es in der Schweiz.

Fanny und Mentona wuchsen wohlbehütet – zu sehr unter der Fuchtel der eigensinnigen Mutter – in einem Schloss im Zürichsee auf. Die Halbinsel Au mit ihrer Flora und Fauna war besonders für Mentona ein Ort des Glücks. Wer die Strecke einmal mit dem Zug entlang des Sees zurückgelegt hat, weiß wovon die Rede ist. Doch die strenge Mutter sah es nicht gern, dass ihre Töchter, besonders Mentona, sich „eigenen Studien hingaben“. So suchte Mentona früh die Flucht. London war ihr erstes Exil, als Studienort. Hier lernte sie auch die Schattenseiten des Lebens kennen. Allerdings nur als Beobachterin. Sie selbst war von unermesslichem Reichtum. Die Fabriken des Vaters, Pfandbriefe und so mancher Franken auf der Bank machten sie zu einer der reichsten Nicht-Adeligen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Doch goldene Löffel im Mund hinderte sie jedoch nie daran einen ungetrübten Blick auf die Welt zu haben.

Auf dem Berg Geld gluckte immer noch die kaltherzige Mutter. Ihrer Erstgeborenen Fanny enthielt sie ebenso Geld vor (Ihre Ehe mit einem Musiker war nicht gerade von Erfolg gekrönt) wie Mentona. Die verliebte sich nach ihrer Rückkehr nach Zürich ziemlich schnell in Hermann Balsiger, einen Sozialdemokraten, der wie sie für die Rechte der Rechtlosen eintrat. Mentona plante Spielplätze, machte sich für Ausbildungen im sozialen Bereich stark. Sie und Hermann waren ein unschlagbares Team, privat wie beruflich.

Doch dem Hoch der Gefühle folgt das Tief der Realität. Ihr Sohn Eduard erkrankt schwer. Nur durch das – späte – Eingreifen eines als Kurpfuscher bezeichneten Arztes kann das Schlimmste verhindert werden. Privat hat Mentona Moser weniger Glück. Die Ehe mit Hermann zerbricht. Ihr Kinderheim steht vor dem finanziellen Aus. Ihrer Schwester Fanny steht das Wasser bis zum Hals. Erst als Mentona Moser die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz miterlebt, bekommt ihr Leben wieder einen Sinn. Die zwanziger Jahre – Mentona ist da schon in den 50ern und hat das Vermögen ihrer Familie geerbt – sind von Reisen in die neu gegründete Sowjetunion geprägt. Nach dem Tod Lenins wird ihr jedoch gewahr, dass nicht alles Gold ist, was den roten Stern trägt.

Eveline Hasler gibt der reichsten Revolutionärin der Welt ihren Namen zurück. Nur engagierte Geschichtslehrer haben die Feministin und Kommunistin in ihren Lehrstoff aufgenommen. Ihr Wirken ist bis heute nachvollziehbar – der St. Annahof in der Zürcher Bahnhofstraße war die Idee der Eheleute Moser-Balsiger. Mentona Mosers Leben ist ein glühendes Beispiel für den unbedingten Willen Veränderungen auch unter schwierigsten Umständen als unerfüllbar nicht abzustempeln. Mit Detailwissen und empathischen Stil gelingt Eveline Hasler ein besonderes Portrait einer besonderen Frau zu entwerfen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Jules Verne

Es wird immer noch gern das Klischee gepflegt, dass Künstler arm sein müssen, um kreativ sein zu können. Bei Jules Verne kann, ja, muss man dieses Vorurteil mit einem Handstreich beiseite wischen. Den goldenen Löffel hatte er zwar nicht im Mund bei seiner Geburt 1828, jedoch erlaubten es die Einkünfte des Anwalts Pierre Verne, seines Vaters, der Familie finanziell sorgenfrei leben zu können.

Die Nähe zum Atlantik, Jules Verne wurde in Nantes geboren, war es dann wohl auch, die dem späteren Autor seinen Hang zu den Weltmeeren schriftstellerisch Ausdruck verleihen konnte. Als zehnjähriger war er einmal auf einer kleinen vorgelagerten Insel ein kleiner Robinson. Die Ebbe erlaubte es dem kleinen Jules jedoch klammen Fußes wieder nach Hause zu gelangen.

Paris sollte für Jules Verne die zweite Station seines erfolgreichen Lebens werden. Als Jurastudent genoss er das Leben in der französischen Hauptstadt, die für die meisten das Sprungbrett zu einer großen Karriere war. Doch es zog ihn zum Schreiben. Kunstkritiken – Gustave Courbet war einer seiner bevorzugten Maler, die er mit Genuss verriss – waren die ersten Gehversuche auf dem literarischen Feld. Er begegnete dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der als einer der ersten dem Beruf des Verlegers eine neue Dimension verlieh. In Zeitschriften fütterte er das Publikum an, um seine Bücher besser verlegen bzw. an den Leser zu bekommen. In Jules Verne erkannte er den idealen Partner. Wissenschaftliche Neugier und ebenso tiefgreifendes Verständnis, gepaart mit einem exzellenten Talent diese auch transportieren zu können – danach musst der Verleger von nun an nicht mehr suchen. Der Mythos Jules Verne schlug Wurzeln.

Die lagen von nun an aber in Amiens. Von hier aus – Jules Verne hatte sich auf einer Hochzeit unsterblich in eine junge Dame verliebt – hielt Verne Kontakt nach Nantes zu seiner Familie und nach Paris zu seinem Verleger. Es folgen die fetten Jahre. Schon der Erstling „Fünf Wochen im Ballon“ (der Titel wurde von Verleger Hetzel angepasst) ist ein Erfolg. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (beträchtlich inspiriert von einem riesigen Aquarium auf der Weltausstellung und durch die Schriftstellerin George Sand befeuert) und „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“ (als Theaterstück binnen kurzer Zeit hunderte Male aufgeführt)  besiegeln den Ruhm Jules Vernes, der bis heute anhält. Privat hingegen lief es weniger gut. Jules Vernes Sohn Michel bereitete mit seiner renitenten Art dem Vater immer mehr und anhaltend Kopfzerbrechen, wie er seinem Verleger mitteilte.

Ralf Junkerjürgen gelingt es mit der Akribie seines Helden Jules Verne dem Leser eine Biographie vorzulegen, die es an Spannung und neuen Elementen mit dem Werk des Schriftstellers aufnehmen kann. Jules Verne wird bis heute als Vater der Science-fiction-Literatur bezeichnet. Dabei hat er „nur“ das verwendet, was sowieso schon vorhanden war. Er nutzte die technischen Errungenschaften der und wob sie in seine Abenteuergeschichten ein. Schreckensszenarien waren der Zeit geschuldet und waren keineswegs rein Utopien. So wie diese Biographie. Ralf Junkerjürgen hat unzählige Fakten zusammengetragen und sie mit dem Werk Vernes verknüpft. So manche Episode aus Robur, geheimnisvollen Inseln und mutigen Kapitänen sind der damaligen Realität entlehnt. Sie zu erkennen ist von nun an ein Kinderspiel.

Gewisse Momente

Die Vierzigerjahre waren für Andrea Camilleri schmerzvolle Jahre. Nicht nur wegen des Krieges, auch wegen der Tritte in den Unterleib. Erst der Minister für Volkskultur, Allessandro Pavolini und später als die Alliierten das Heft in der Hand hielten, ein amerikanischer Offizier.

Mit Pier Paolo Pasolini konnte Camilleri nicht so recht warm werden. Pasolinis und Camilleris Vorstellungen über die Besetzung eines Stückes von Pasolini passten Camilleris nicht ins Konzept. Pasolini wollte Laien von der Straße, Camilleris ausgebildete Sprecher, die man auch in der letzten Reihe noch hört. Man einigte sich auf ein letztes – klärendes – Gespräch. Was nie stattfand. Pasolini wurde ermordet.

Dem Patriarch von Venedig allerdings bot Camilleri eine anders Vorstellung. Eine Gruppe von Geistlichen wohnte einer Probe bei, die Camilleri leitete. Es lief nicht alles wie geplant und so wurde der Autor zuerst ungeduldig und dann laut. Am nächsten Tag wollte er sich bei dem Patriarchen entschuldigen. Mit zitternden Knien schritt er zu Kreuze, doch der Patriarch zeigte Verständnis. Wenige Tage später wurde aus dem Patriarchen von Venedig Papst Johannes XXIII.

Und doch eine Begegnung ist Camilleri in Erinnerung geblieben, und sie wird dem Leser nicht minder eindrucksvoll zurücklassen. Die Federala war ein faschistische Institution, eine Person, die Königsgleich die Geschicke einer Region in der Hand hielt und leitete. Sie war es, die Camilleri, der damals schon gegen die Faschisten schrieb, ein Buch in die Hand gab, das es gar nicht geben durfte…

Es sind diese gewissen Momente, die einen Menschen formen. Kleine Geschichten, plötzliche Begegnungen, unverhofft, selten geplant – doch sie brennen sich ins Gedächtnis ein ohne Narben zu hinterlassen. Die Taubheit der Narben weicht tief sitzenden Erinnerungen. Sie sind das Salz in der Biographie eines jeden. Andrea Camilleri hat das Glück all diese Erinnerungen noch präsent zu haben. Und der Leser strahlt, dass er sie niedergeschrieben hat.

„Gewisse Momente“ ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Es sind Bruchstücke im Leben eines Mannes, der dem Leben verpflichtet ist ohne dies als Verpflichtung anzusehen. In jeder dieser kurzen Kapitel gibt er ein bisschen von sich preis. Wer wissen will, wie manche Geschichten aus der Feder Camilleris entstanden sind, warum er immer noch Scharen von Lesern mit einem Handstreich verzaubern kann, wird in diesem Buch eine Ahnung erhaschen können warum dem so ist.

Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Goldeneye – Ian Fleming und Jamaika

Dass ein Urlaub das Leben beeinflussen kann, hat man schon gehört. Wenn ein Urlaub das ganze Leben verändert, wird man neugierig. Wenn ein Besuch auf einer Insel dazu führt, ein Leben auf den Kopf zu stellen, dem Arbeitsgeber zwei Monate bezahlten Urlaub jährlich abzuringen, um auf eben dieser Insel leben zu können … und wenn dann auch noch die ganze Welt daran teilhaben kann, ist es wert ein Buch darüber zu schreiben.

Goldeneye nennt sich der Flecken Erde. Moment mal, Goldeneye, James Bond … eine Insel? Von Vorn: Während des Zweiten Weltkrieges, der tatsächlich auch in der Karibik stattfand, sah sich das britische Empire gezwungen Maßnahmen gegen die Übergriffe der deutschen Marine zu ergreifen. Auf einer Konferenz in Jamaika beriet man darüber. An eben dieser Konferenz nahm ein gewisser Ian Fleming teil. Und der verliebte sich prompt in die Insel. Schon kurze Zeit später war er Grundbesitzer im Norden des Eilands, mit einer praktikablen, aber nicht zwingend repräsentativen Ausstattung. Und dieses nannte er Goldeneye. Die Legende will es, dass Goldeneye mit einer ansehnlichen Bibliothek ausgestattet war, in der sich auch ein Vogelkundebuch eines gewissen James Bond befand. Ja, jetzt ist alles klar.

Ian Fleming ist nun Jamaikaner. Zumindest zwei Monate im Jahr, in denen er schreibt. Und zwar an den Romanen, die Weltruhm erreichen und durch Kinofilme ein Synonym für loyale Agenten werden, die verbrannte Erde hinterlassen, damit nicht noch mehr anbrennt.

Von Beginn an macht Fleming Werbung für die Insel. Auch der Schauspieler Errol Flynn und seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus Jamaika in den Himmel zu loben. Und die High Society folgt ihrem Rufen wie die Lemminge. Von Charlie Chaplin bis zu Laurence Olivier und Vivien Leigh lassen sie es sich auf der Insel gutgehen. Autor Matthew Parker beschreibt genüsslich wie sie sich alle nackt am Pool räkelten oder David Niven nur knapp einem Skorpionangriff entging, sich dafür Zecken an delikater Stelle einfing. Niven – da ist wieder die Verbindung zu Bond. Er war die erste Wahl für den ersten Bond-Film.

Doch Matthew Parker zieht es vor die kleinen Anekdoten in ihrer Schmuddelecke zu belassen. Jamaika in den 50er Jahren, das ist ein Land im Umbruch. Ein Land, das das koloniale Dasein abschüttelt und sich emanzipiert. Das Geld wird immer noch von Ausländern (Kolonialisten) verdient. Und der kalte Krieg geht im tropischen Regen auch nicht unter. Fleming und Bond – je tiefer man in dieses Buch eindringt, desto deutlicher wird, dass Erfinder und Figur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen – stehen mittendrin. Flemings Werke verkaufen sich gut, exzellent sogar. Alles, was er auf Jamaika wahrnimmt, was ihn als britischen Gentleman ausmacht, fließt ungefiltert in seinen Helden.

Matthew Parker seziert jede Textestelle der Romane und Geschichten mit James Bond und zeigt Parallelen zu Jamaika, Fleming und der Zeit auf. Wer James Bond nur aus den Filmen kennt, wird überrascht sein, wie groß die Diskrepanz zwischen originaler Druckvorlage und filmischen Abklatsche sein kann. Und vor allem zeigt wer, wie viel Einfluss eine einzige Insel auf eines der erfolgreichsten Kunstprodukte des vergangenen Jahrhunderts haben kann. „Goldeneye“ ist die spannendste Biographie des Jahres.

Um die Welt mit James Cook

Zweieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass der Pazifik aus seinem schwarzen Loch der Unwissenheit ans Tageslicht befördert wurde. Und dieses erhellende Ereignis ist mit einem Namen verbunden: James Cook. Dreimal um(k)reiste er die Welt auf den Weltmeeren und machte dabei Weltgeschichte. Darunter hat er es einfach nicht gemacht! Weltklasse!

Das kann man auch von diesem Buch behaupten, Weltklasse. Es sind vor allem die Tagebuchaufzeichnungen von über einem Jahrzehnt aus der Feder dieses Seemanns, der doch über einen außerordentlichen Spürsinn für den Leser verfügte. Von Friedrich Gerstäcker über Karl May bis zu Mark Twain haben wohl viele von James Cook ihm mindestens eine Lehrstunde in Sachen Abenteuer erhalten.

Und erst die Reiseziele! Hawaii, Osterinseln, Dusky Bay – das konnte man alles gar nicht in Reisebüros oder sonstwo buchen. Das gab es offiziell gar nicht! Die Routen waren auch noch nicht bekannt. Das musste er sich alles selbst erarbeiten. Ach was ein Abenteurerleben!

Der Untertitel „Die illustrierten Entdeckungsfahrten“ trifft den Kern des Buches. Doch wer das Buch an irgendeiner Stelle aufschlägt, überschlägt sich alsbald vor Freude! Intensive Farben. Kernige Details. Ausdrucksstarke Ein- und Ausblicke. Die Illustrationen unterstreichen die eingehenden Texte James Cooks und beflügeln die Phantasie. Und als Brückenschlag in die Gegenwart – und wohl auch, weil niemand an Bord einen Malkasten zur Hand hatte, und weil man nicht von Bord ging, als die Antarktis umrundet wurde – preisverdächtige Fotos von den Orten, die Cook entdeckte.

Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas muss bei der Arbeit an diesem Buch aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen sein. Die Texte an sich regen in jedem das kindliche Entdeckergen an und die Bilder verstärken dieses Gefühl um ein Vielfaches. Bücher stehen im Regal, werden ab und an herausgeholt, zeigen dem Betrachter nur ihren Rücken. Für dieses Buch könnte man ein ganzes Fach ausräumen, um tagein tagaus die volle Pracht zu präsentieren.

Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Walter Gropius ist der Mann des Bauhaus. 2019 ist das Jahr des Bauhaus und somit auch sein Jahr. Dessau, Berlin und Weimar werden das Bauhaus und Walter Gropius feiern wie selten zuvor eine Kunstrichtung. Ursula Muscheler stellt in ihrem Buch die Frauen um den großen Künstler und Architekten. Und davon gab es mehrere.

Schon als Kind verstand es Walty, wie er von seiner Großmutter Luise genannt wurde, die Menschen um ihn herum zu beeindrucken, zu beeinflussen und in seinen Bann zu ziehen. Der sprichwörtliche silberne Löffel im Mund, golden war er dann doch nicht, erlaubte es ihm die Welt kennenzulernen und zu studieren. Allerdings war sein Handgelenk nur allzu locker, sobald diese sich einer  Geldbörse näherten. Nachschub von zuhause musste zwar flehentlich erbeten werden, doch der monetäre Fluss verebbte nicht.

Auch bei den Frauen hatte er bemerkenswertes Glück. Alma Mahler war die erste, die ihm verfiel. Noch als Frau Mahler, Gattin des berühmten und gefeierten Komponisten, wurde ihre Affäre schlussendlich doch aufgedeckt. Als Gustav Mahler schwer erkrankte – zwischenzeitlich hatte er Wind von der Affäre bekommen, ließ sich allerdings von Alma beschwichtigen – beendete Alma die Liaison. Walter Gropius wurde eingezogen und zog „bester Stimmung“ in den Krieg. 1915 wiederum flammte die Liebe wieder auf. Wieder Alma. Hochzeit und Nachwuchs waren die Folge, doch die Beziehung hielt nicht lang. Er im Krieg, sie im sich wandelnden Wien. Er mit Kameraden im Schützengraben, sie mit Oskar Kokoschka im Austausch. Als Gropius mitbekommt, dass sein Kind nicht von ihm ist, reicht er die Scheidung ein. Und kurze Zeit später steht er dem Bauhaus in Weimar vor. Das nennt man wohl Bilderbuchkarriere.

Walter Gropius war den Frauen immer zugetan, sie ihm nicht minder. Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ilse, die dann doch noch seinen Namen tragen durfte, waren für ihn die wichtigsten Begleiterinnen. Zugegeben hat er das nie. Doch die Briefe an ihn, von ihm, zeichnen ein eindeutiges Bild.

Ursula Muscheler rückt Frauen in den Vordergrund, die es gewohnt waren im Hintergrund zu agieren. Einzig Alma Mahler, Alma Werfel war es vergönnt schon zu Lebzeiten das Korsett des Schweigens durchzuschneiden. Walter Gropius und die Frauen, oder sollte es heißen Walter Gropius im Leben der Frauen? Die Frage könnte nur einer abschließend beantworten. Doch der wird den Mantel des Schweigens über sein Leben legen und ihn liegen lassen. Ursula Muscheler erhascht den einen oder anderen Blick darunter und zieht mit Eloquenz und Eleganz so manches Geheimnis darunter hervor.