Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bio

Ihre Seite der Geschichte

Sie hatten nur einmal eine Wahl. Ja oder Nein zu sagen. Sie sagten Ja. Ja zu dem Mann, der einmal die Geschicke eines Landes leiten bzw. es repräsentieren soll. Sie waren die First Ladies. Sind es noch. Heike Specht hat sich auf Spurensuche gemacht und von Elly Heuss-Knapp und Bettina Wulff über Mildred Scheel und Hannelore Kohl bis zu Christina Rau und Lotte Ulbricht (die den Titel First Lady mit ihrer bekannten bissigen Zunge wohl zu gern zerfleischt hätte) so manches herausgefunden, dass das Protokoll noch unter Verschluss hielt. Auch der aktuelle First Husband, Joachim Sauer und die Hausherrin im Schloss Bellevue, Elke Büdenbender, kommen in diesem mehr als spannenden Sachbuch zu Wort.

Das Vorurteil, dass die Dame an der Seite des Ersten Mannes des Staates nur Beiwerk ist, ist nichts mehr als eben ein Vorurteil. Sie haben Einfluss, sind geschätzte Gesprächspartner und Ratgeber.

Die junge Bundesrepublik kommt mit einem Witwer und einem verheirateten Bundespräsidenten aus dem Kreisssaal. Konrad Adenauer hat rund ein Jahr vor Amtsantritt seine Frau, Gefährtin und engagierte Stütze Gussie verloren. Auch Theodor Heuss‘ Gattin geht es nicht gut, sie verstirbt noch während seiner ersten Amtszeit.

Kurt Georg Kiesingers Frau Luise war nach dem Krieg unerlässliche Stütze für ihren Gatten. Ihre Fürbitte verschaffte dem ehemaligen hochrangigen NSDAP-Mitglied im Reichsaußenministerium zu einer früheren Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.

Im Osten traten die Frauen viel öfter in den Vordergrund, der ihren Männern laut Protokoll vorbehalten war. Allen voran Margot Honecker, die eben nicht nur die Frau Honecker war, sondern auch gefürchtete Ministerin für Volksbildung. Ihr oblag die Bildung der neuen sozialistischen Generation, was sich nicht nur in endlosen Phrasen in den Lehrbüchern niederschlug.

Engagiert sollen sie sein, Empfänge organisieren und einfach repräsentieren. Das hat selbst in den Kinderjahren der Republik nur bedingt funktioniert. Sicher mussten die First Ladies in erster Linie den Staat und ihren Mann unterstützen. Das Lob dafür schmeichelte ohne Frage, aber sich einbringen, das begann erst ein paar Jahrzehnte nach der Staatsgründung. Loki Schmidt ist dafür das beste Beispiel. Als Biologin genoss sie weltweit Anerkennung. Nicht, weil sie Frau Helmut Schmidt war, sondern weil ihre Forschungen in Fachkreisen (und aufgrund ihres Bekanntheitsgrades auch darüber hinaus) Beachtung fanden. Hannelore Kohl, geprägt durch das selbst erlebte Elend der Kriegsjahre war für Helmut Kohl aktive Stütze bei der Ausarbeitung so mancher politischer Papiere. Doris Schröder-Köpf ist nach ihrer Scheidung selbst in die Politik gegangen, ihr Name war dabei kein Hindernis.

Das Jahr 2019 ist das Jahr, in dem einhundert Jahre Frauenwahlrecht und siebzig Jahre Grundgesetz gefeiert werden. „Ihre Seite der Geschichte“ ist mehr als nur ein Zeitdokument, es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit. Auch ohne Jubiläen längst überfällig.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

Der deutsche Gil Blas

Gil Blas war eine Romanfigur, die zu Beginn des18. Jahrhunderts in vier Bänden die französische Gesellschaft aufs Korn nahm. Gil Blas entsprang der Phantasie von Alain-René Lesage. Dieser Gil Blas, der deutsche Gil Blas hieß Johann Christoph Sachse, kam aus Thüringen und war echt. Ihn gab es wirklich. Er dient bei Goethe in der Anna Amalia Bibliothek. Bis er jedoch die wohl gerühmte und sicherlich gut bezahlte Stelle antreten konnte, war sein Weg von Kehrungen und Wendungen, von Biegungen und allerlei Widrigkeiten geprägt.

Das begann schon in der Kindheit. Immer wieder war der Vater fort, weil er an angestammtem Ort, in der Nähe von Gotha, keine Arbeit fand, um die Familie ernähren zu können. Gerade zweistellig an Alter, musste der junge Sachse bereits arbeiten.

Seine Arbeitssuche treibt ihn von Herren zu Herren, von Job zu Job, von Stadt zu Stadt. Er lernt reiten, frisieren, servieren. Und er kommt viel rum, wie man heute sagen würde. Über den Harz treibt es ihn gen Norden nach Mecklenburg, im Westen bis ins Rheinland und Amsterdam, im Osten bis Dresden. Immer wieder muss er lernen wieder aufzustehen, um kurze Zeit später erneut auf den Füßen landen zu müssen.

Es ist eine regelrechte Hatz durch Deutschland, wobei dies noch eine Untertreibung ist. Denn alle paar Kilometer Fußmarsch ist man bereits wieder im Ausland. Deutschland war Ende des 18. Jahrhunderts noch kein einheitlicher Nationalstaat. Neue Währung, neue Maße … an Abwechslung hat es Johann Christoph Sachse also kaum mangeln können.

Die Sprache fällt sofort auf. So gewählt, so vornehm … so altmodisch. Ohne dabei anstrengend zu sein. So manches Wort kommt einem etwas holprig über die Lippen. Hat man sich daran gewöhnt, ist dieser Reise-/Lebensbericht eine wahre Fundgrube an Abenteuern anno dazumal.

Der große historische Bezug kommt Form der letzten Monate der Französischen Revolution dem mittlerweile über Dreißigjährigen vor Augen. Immer wieder sieht er Pulverrauch am Horizont, versprengte Truppen und abrückende Soldateneinheiten. Ihm gelingt es – so schnell kann ihn aber auch nichts mehr aus der Ruhe bringen, zu viel hat er schon erlebt – immer wieder allen Irrungen und Wirrungen aus dem Weg zu gehen.

Es sind Bücher wie diese, die die eigene Geschichte erlebbar machen. Keine großen Heerführer, die Menschenmassen einen und in den Tod führen für die „große Sache“ sind es, die haften bleiben sollten. Sondern die Schicksale des einzelnen, der Tag für Tag darum kämpfen muss ein wahrhaftes Leben sich gönnen zu können. Der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ macht mit diesem Buch seinem Namen einmal mehr Ehre.

Zu Hause im 20. Jahrhundert – Hermann Kesten

Dieses Leben wartete nur darauf endlich komplett niedergeschrieben zu werden. Er war der niemals stille Beobachter des 20. Jahrhunderts. Geboren 1900, war seine Berufswahl von Anfang an klar: Schriftsteller. Worte formen und zusammenstellen, um zu berichten.

Im Alter von vier Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern aus dem heute ukrainischen Galizien nach Nürnberg. Hier ging er zur Schule, besuchte Kaffeehäuser, stürzte sich in die Bibliothek seines Vaters. Bis der Krieg seinem bis dahin sorglosem Leben die erste Schramme versetze. Sein über alles geliebter Vater fiel im Krieg. In der Stadt, in der seine Mutter geboren wurde. An dem Tag als seine jüngere Schwester ihren 14. Geburtstag feierte.

Schon früh war sich Kesten der Wirkung seiner Texte bewusst. Wenn er veröffentlichte, dann nur bei renommierten Zeitungen oder Verlagen. Ein Studienfreund lotste ihn schließlich zum Verlag von Gustav Kiepenheuer. Es ist die herrlichste Zeit in seinem Leben. Er kann selbst schreiben und wird veröffentlicht. Er holt Dichter in den Verlag, die veröffentlicht werden. Er heiratet. Doch Berlin ist seiner nicht gewachsen. Die ewigen Literatenzirkel engen ihn ein. Er kennt jeden, der schreibt. Alle, die schreiben, kennen ihn. Doch so recht dazuzugehören, scheint Hermann Kesten nicht. Die ungewöhnliche Arbeitssituation geht auch im Privaten vollkommen auf. Neben Toni, seiner Frau, die aus Nürnberg zu ihm kam, wohnt auch noch seine Mutter bei dem jungen Paar in Charlottenburg.

Und wieder ist es ein gewaltiges Erlebnis – nach dem kriegsbedingten Tod des Vaters – dass ihn zwingt die nicht unbedingt geliebte Heimat, Berlin, Deutschland zu verlassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist es für ihn, jüdischen Glaubens, unmöglich weiterhin in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dass er unbewusst die braune Brut im Verlag untergebracht hat, befeuert seine „Reisepläne“ immens und bestärkt ihn in seinem Beschluss. Keine schlechte Wahl. Als einer der ersten begibt er sich ins Exil nach Frankreich, wird später so was wie der Herbergsvater einer ganzen Schriftstellergeneration, als Dichter wie Mann, Feuchtwanger oder Roth im südfranzösischen Sanary sur mer einen zeitlich begrenzten Hort der Ruhe fanden.

1940 kehrt Kesten Europa endgültig den Rücken. New York wird seine neues zuhause, ein Jahrzehnt findet er dies in Rom und 1977, dem Jahr als seine Frau starb, lässt er sich in der Schweiz nieder, wo er 1996 starb.

Albert M. Debrunner hat sich jahrzehntelang mit Hermann Kesten beschäftigt. Seine Biografie eines unermüdlichen Schreibers, eines Verfechters der deutschen Sprache ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten, es ist ein spannungsgeladener Krimi eines Mannes, der sich seine Umgebung nicht immer zurechtbiegen konnte. Mit Liebe und Hingabe – so wie Kesten sich selbst auch verstand – gelingt ihm das Kunststück einen teils vergessenen Literaten die wohlverdiente Ehrung zukommen zu lassen. Kestens Weg und Kestens Werk sind aus den Bestsellerlisten längst verschwunden. Wer jedoch die Poesie in der deutschen Sprache sucht, findet sie bei Kesten in jeder Silbe. Debrunners Biographie ist das Silbertablett, auf dem Kestens Leben ein sanftes Ruhekissen findet.

Tirza Atar. Wenn alles berührt

Eine Biografie über eine Frau, die nicht einmal bei Wikipedia erscheint? Da sind die herkömmlichen Medien den digitalen endlich mal einen Schritt voraus. Aber mal ganz ehrlich, wer kennt Tirza Atar? Das wird sich mit diesem Buch schlagartig ändern.

Die israelische Poetin Tirza Atar wurde 1941 in Tel Aviv geboren, wo sie auch sechsunddreißig Jahre später starb. Sie war die Tochter des bekannteren Literaten Nathan Alterman. Der Untertitel „Wenn alles berührt“ weist auf eine verletzliche Seele hin, wie man so schön sagt. In Essays und texten kommt der Leser der unbekannten Tirza Atar auf die Spur.

Der Nachname ist ein Pseudonym. Nach einem abgebrochenem Schauspielstudium in New York kehrt Tirza Atar zurück in ihr Heimatland. Die Texte aus ihrer Feder werden allerdings erst Jahre nach ihrem Tod im Archiv ihres Vaters entdeckt. Zu Lebzeiten war Tirza Atar immer die Tochter von Nathan Alterman. Ein trauriges Schicksal für eine empfindsame Frau, die der Welt so viel zu verraten, im Sinne von preiszugeben hatte.

Einzelne Texte hat die Autorin Gundula Schiffer in diesem Buch zusammengetragen und den entsprechenden Rahmen mit Erläuterungen versehen.

Für den Leser eine neue Erfahrung. Denn wer nicht gerade den Dokumentarfilm „Bird in the room“ über die israelische Autorin gesehen hat, der wird mit den meisten Formulierungen nicht viel anfangen können. Ob Tirza Atar traurig war, heutzutage würde man vorbehaltlos von Depressionen sprechen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aber ist das wichtig? Nein! Sie lässt ihre Texte für sich sprechen. Eine gewisse Schwermut kann man hier und da schon feststellen. Doch im gleichen Maße aber auch eine unbändige Lebensfaszination, die sie ergriff und nie los ließ. Bis zu jenem 7. September 1977, als sie wahrscheinlich die Bauarbeiter von gegenüber um etwas Ruhe bitten wollte. Sie verlor den Halt und stürzte mehrere Stockwerke tief in den Tod.

Über vierzig Jahre sollte es dauern bis man auch in Europa etwas von Tirza Atar vernehmen soll. Dem Verlag Edition Karo ist es zu verdanken, dass Tirza Atar nicht mehr nur eine Randbemerkung der Literaturgeschichte Israels ist – die Gesamtausgabe ihres Werkes ist auch dort erst seit ein paar Jahren erhältlich – sondern dank ihrer Gedichte und Texte eine kleine Renaissance erleben kann.

Audrey Hepburn

Nein, es gab und gibt keinen Menschen, der nicht ihrem natürlichen Charme erlegen ist. Kaum zu glauben, dass die ewig jugendliche Audrey Hepburn im Mai 2019 ihren 90. Geburtstag feiern könnte. Wir können es! Mit diesem Buch.

Schwer vorzustellen, dass eine Holly Golightly (Breakfast at Tiffany’s) von einer Marilyn Monroe ähnlich nachwirkend gespielt worden wäre. Nichts gegen die Monroe. Ihr reduziertes Spiel hätte ebenso für Furore gesorgt wie ihre Kurven. Truman Capote hatte ihr den Stoff schließlich auf den Leib geschrieben. Doch Audrey Hepburn – figürlich das Gegenteil der ewig lockenden M.M. – konnte sie noch toppen. Capote fluchte über die Besetzung und verfluchte jeden, der nicht seiner Meinung war. Vielleicht war er einer der ganz wenigen, die doch nicht ihrem Charme erlagen? Capote wollte ihr einfach nicht erliegen. So war er halt.

Der Krieg ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt vorüber, da erleuchtet ein neuer Star den Himmel über Rom, Hollywood, der Welt: Audrey Hepburn. „Roman Holidays“, auf Deutsch „Ein Herz und eine Krone“ bringt bella italia auf die Leinwände. Unnachahmlich verkörpert durch eine belgisch-stämmige Schauspielerin, die Hollywood und ihren Partner Gregory Peck ins Schwärmen versetzt. Zierlich und stilsicher, mit einer kindlichen Naivität, dass man sie stante pede in den Arm nehmen möchte, um sie vor sämtlichem Unbill dieser Welt zu beschützen. Als Prinzessin incognito will sie diese Welt mit Haut und Haaren auffressen, in sich aufsaugen. Nur ein Reporter erbarmt sich ihrer.

Hubert de Givenchy, der Modedesigner, konnte sich nicht wehren als er – wie wenn er es gewusst hätte – den Auftrag bekam Miss Hepburn einzukleiden. Sein minimalistischer Stil passte zu der grazilen Gestalt in seinem Atelier wie die Faust aufs Auge. Sie und er waren auf dem Weg nach ganz oben. Er kleidete sie ein, sie trug seine Kreationen wie selbstverständlich. Hepburn und Givenchy gehören zusammen wie Hepburn und UNICEF.

Denn nach ihrer Karriere als Schauspielerin begann ihre Karriere als Mutter, eine Rolle, der sie alles unterordnete. Schon da begann ihr Interesse den Bedürftigen der Welt ein Licht der Hoffnung zuteilwerden zu lassen. Als die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, begann ihr unerschütterliches Engagement für die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ließ es sich nicht nehmen vor Ort zu sein, sich persönlich ein Bild der verheerenden Situation in Lateinamerika, Asien und Afrika zu machen. Bloßes Lamentieren und Spendenerbitten war ihr zu wenig. Sie war die erste Kämpferin für diejenigen, die nicht mehr zum Kämpfen in der Lage waren. Heute muten so manche halbherzige Auftritte von Promis wie durchgestylte, aber herzlose PR-Projekte an. Bei Audrey Hepburn kamen sie direkt aus dem Herzen. Denn ihre Kindheit war von Hunger und Krankheit geprägt. Sie konnte genau einschätzen, was es bedeutet Hilfe unaufgefordert empfangen zu dürfen.

Daniela Sannwald nennt ihr Buch eine Hommage. Es ist mehr. Zum Einen die geballte Ladung Erfolg einer verhinderten Primaballerina, die durch ihre Natürlichkeit zum Leinwandstar wurde. Zum Anderen die geballte Ladung Menschlichkeit einer überzeugenden Frau, die sich ihre Freiheit erkaufen konnte. Und diese dann auch uneigennützig weitergab.

Wir sehen uns in Venedig

Wie begegnet man einem Tumor? Mit Humor? Weil es sich so schön reimt? Man begegnet ihm wie einem Menschen, den man nicht mag, von man aber weiß, dass man ihn ein Leben lang nicht wieder loswerden wird. Ist man dazu noch in der Lage sein Leben, seine Gedanken und Gefühle in Worte kleiden zu können, kann man sich glücklich schätzen. Ganz ohne Pathos begegnet Autor Georges Hausemer seinem ungebetenen Gast. Er ist Ende fünfzig als der Tumor bei ihm klingelt. Und schon hat er einen Fuß in der Tür. Gegen ihn ankämpfen? Ja! Aber wie? Mit Worten!

Ein Blog, ein Blog. „Mein Tumor und ich“, später dann „Ich und mein Tumor“. Es wird eine intensive Zeit, in der Georges Hausemer mit dem ihm eigenen Humor seinem Hausgast die Stirn bietet. Die Angst schwimmt im gleichen Fahrwasser wie die Hoffnung. Ein ständiges Auf und Ab. Eine Krebserkrankung ist (zum Glück? – normalerweise? – leider?) keine gerade Linie, würde man sie ihn ein Diagramm pressen wollen.

So ein Tumor nistet sich jedoch nicht nur im Körper des Wirtes ein, sondern befällt folglich auch das Umfeld. Nicht viel um einen herum wissen dann vom neuen Bewohner. Doch diejenigen, die ihm früher oder später begegnen bzw. das Ausmaß der Einmietung zu Gesicht bekommen, sind tiefer betroffen als es auf dem Papier aussehen mag.

Ein Tagebuch ist immer eine Reise zurück. Denn nur das bereits Erlebte kann man niederschreiben. Der Krebs schließt jegliche Art von Planung konsequent aus je länger er sich eingenistet hat. Dennoch finden Georges Hausemer und seine Frau Susanne Jaspers die Zeit neue Bücher ins Auge zu fassen und wollen keineswegs aufs Reisen, wie in ihr geliebtes San Sebastian, verzichten. Immer im Gepäck: Er, der sich so aufdrängend unkomisch auf Humor reimt.

Unumgehbare Untersuchungen, unerschütterliche Diagnosen, unbeirrbarer Kampf – das ganze Leben beginnt auf einmal mit un-. Bis es irgendwann nicht mehr geht. Im Juni 2018 setzt Georges Hausemer unverrückbar (da ist es wieder, dieses un-) den letzten Punkt in seinem Blog. Von nun an ist der Blog ein digitales Erbe in einer Welt, die man nur von außen betrachten kann.

Eine Woche nach dem Tod Ihres Mannes füllt Susanne Jaspers den Zeitraum von Anfang Juni bis Mitte August. Die Kliniken, die keine sind. Die Pfleger, die ihrem gottgegebenen Recht auf Pause unentwegt frönen. Die Ärzte, die Termine vergeben, die dann doch nicht eingehalten werden. Der Patient ist eine Nummer, hinter verschlossenen Türen.

Unverschlossen (ja, wieder mal ein un-) und aufgeschlagen hingegen liegt das Leben mit dem Tumor vor dem Leser. Ein erfülltes Leben, sagt man im Nachhinein so gern. Mag stimmen. Aber wie will man etwas beurteilen, das man nicht bis zum Schluss auskosten konnte? Georges Hausemer hat die Welt gesehen und sie mit den Lesern geteilt. Er bereiste Orte, die manche erst gar nicht auf dem Globus finden. Er begegnete Menschen, die selbst erfahrene Globetrotter nur aus seinen Büchern kannten. Er berührte Menschen, die als sie vom Tod des Autors erfuhren ins Schwanken gerieten. Verlust, das ist das Wort, das man immer wieder hört und sicher noch lange hören wird. Ein Gewinn ist dieses Buch. Kein Hoffnungsgeber. Ein Tagebuch. Jeder muss für sich selbst entscheiden wie er das Buch auf- und annimmt. Georges Hausemers letzte Reise ist der lange Weg, den man als Ziel anerkennen muss.

Dem Paradies so fern. Martha Liebermann

Max Liebermann erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten hautnah von seinem Balkon aus. Bis heute ist sein Ausspruch von Völlerei und Erbrechen in aller Munde. Wie in so vielen Künstlerleben – Liebermann war im Gegensatz zu vielen anderen jedoch in der Lage stets seine Rechnungen begleichen zu können – stand hinter diesem großen Mann eine nicht minder starke Frau. Martha war ihr Name. Als ihr Max 1935 starb hatte sie noch acht harte Jahre vor sich. Acht Jahre, in denen ihr Haus am Wannsee, das Paradies, nicht mehr selbiges war. Acht Jahre, in denen sie jeden Tag auf Erlösung hoffte. Acht Jahre Warten auf die Ausreise in die Freiheit. Freiheit hieß in ihrem Sinne Amerika. Dort, wo schon Tochter Käthe und Enkelin Maria auf sie sehnsüchtig warteten. Vergebens.

Martha Liebermann war an Kummer gewöhnt, könnte man lapidar argumentieren. Denn ihr Gatte war selten das, was man als Mustergatten bezeichnet. Die Nazis jedoch trieben diesen Zynismus auf die Spitze. Oft boten sie ihr an ihre Heimat verlassen zu können. Zu einem Preis, wohlgemerkt. Einem hohen Preis. Einen, den sie nie und nimmer hätte bezahlen können. Ihr Haus am Pariser Platz, dort wo am 30. Januar 1933 die braunen Schergen im Fackelglanz und mit Marschmusik ihren Triumph bildgewaltig zelebrierten, und wo ihrem Gatten das Kotzen kommen konnte (eingangs erwähntes Zitat), als auch das Haus am Wannsee gehörten ihr schon lange nicht mehr. Finanzielle Ressourcen waren aufgebraucht.

Die Unterstützung aus dem so genannten Solf-Kreis, einer intellektuellen Widerstandsgruppe verpuffte ebenso wie sämtliche Anstrengungen das geliebte Heimatland still und heimlich zu verlassen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – eine gewissenlose Phrase wie sie nur ein menschenverachtendes System benutzen konnte.

Martha Liebermann entkam ihrer persönlichen Endlösung nur durch eigene Vergiftung. Als sie im März 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, lag sie bereits im Koma. Das war ihre Antwort auf die Perfidität der herrschenden Klasse.

Sophia Mott rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Romans, die allzu lange im Schatten ihres übermächtigen Mannes stand. Die acht Jahre harten Kampfes um Selbstentwurzelung (ein Wort, das wohl nur LTI-Fetischisten in Erstaunen versetzt) reichert sie mit Rückblenden aus einem Leben an, das materiell reichhaltig, inhaltlich gut bestückt, seelisch jedoch ein Stück weit vom Glück entfernt war. Umso wichtiger ist dieses Buch!