Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Straßburg

James Bond shoppte hier mit Vorliebe erlesene Pasteten. Theodor Heuss wurde hier getraut, und zwar von einem gewissen Albert Schweitzer (ja, genau dem Albert Schweitzer). Und in keiner anderen Stadt der Welt teilte man den Bewohnern immer wieder neue Pässe aus. Die Rede ist von Straßburg / Strasbourg. Zwei Schreibweisen einer Stadt – schon daran erkennt der neugierige Reisende, dass eine wechselvolle Geschichte vorhanden sein muss.

Und die ist noch lange nicht zu Ende. Denn Straßburg / Strasbourg ist eine europäische Stadt. Hier residiert das Europäische Parlament. Ein ausgedehnter Spaziergang durch das Europaviertel gehört zum Programm dazu wie der Besuch des Münsters. Die Autoren Antje und Gunther Schwab haben bei der Auswahl der sieben von ihnen vorgestellten Spaziergänge darauf geachtet, dass bewährte Pfade wie auch nicht sofort erkennbare kleine Schätze, die einen Straßburg-Besuch unvergesslich machen werden.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches bekommt man ein Gefühl für die Stadt. Klar, dass sich die offensichtlichen Highlights Straßburgs um den Münster drehen. Ein imposantes Bauwerk, das für viele sicherlich der ausschlaggebende Grund sein dürfte der Stadt am Zusammenfluss von Ill und Rhein-Marne-Kanal einen Besuch abzustatten. Und wer wirklich nur das sucht – also Münster plus ein paar (garantiert) überteuerte Geschäfte – der kommt mit einem Prospekt weit genug, um sich wohl zu fühlen. Wer aber Straßburg besuchen will, weil er davon überzeugt ist, dass Städte in dieser Größenregion mehr als eine Sehenswürdigkeit zu bieten haben, der wird auf den 200 Seiten über und über mit nützlichen Hinweisen versorgt werden.

Die farblich abgesetzten Kästen – passend zur neuen Leitfarbe der MM-City-Reihe – sind die Schatzkisten des neugierigen Individualisten, der nach der Abreise noch sehr lange von seiner Reise schwärmen wird. Auch und vor allem dank dieses Reisebandes.

Ausflüge in die Umgebung, beispielsweise zum Klosterberg Mont-Ste-Odilie, auch hier wieder mit einem „“Straßburg im Kasten“ versehen, der Infos beinhaltet, die andere Reisebände vermissen lassen, werten nicht nur das Buch auf, sondern vermitteln einen Einblick in das Lebensgefühl eines „Meiselockers“. So werden die Straßburger bzw. so wurden die Straßburger lange Zeit genannt. Warum? Steht alles im Buch.

Einen exzellenten Reiseband zeichnet aus, dass er einem nicht nur sagt, wo es lang geht, sondern, dass er dem Benutzer / Leser / Reisenden auf Anhieb das Gefühl gibt sich sicher zwischen fremden Mauern bewegen zu können. Antje und Gunther Schwab begleiten den Besucher Straßburgs nicht nur auf seinen Spaziergängen durch die Stadt – sie sind unaufdringliche und stets präsente Tippgeber.

Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

In der Schweiz

Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten Mark Twain zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Das gefüllte Wallet erlaubte dem Reporter Twain über den Tellerrand, sprich Atlantik, zu schauen. Nur um zu schauen, was in der „Alten Welt los ist“. Das geflügelte Wort „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ trifft in seinem Fall nicht ganz zu. Wenn Mark Twain eine Reise tut, so schreibt er ein Buch! „In der Schweiz“ ist nicht einfach nur ein Klassiker des Genres Reisebericht, es ist der Reisebericht, an dem sich seit fast anderthalb Jahrhunderten viele Reiseschriftsteller die Zähne ausbeißen.

1878/79 reiste Twain durch Europa. Italien und Deutschland lagen auf seiner Route. Und natürlich auch die Schweiz. Die Faszination Schweiz von heute ist mit der von damals durchaus zu vergleichen. Und so schippert Twain über den Vierwaldstättersee und der Leser kann – sofern er dieses Büchlein dabei hat und selbst auf dem See beispielsweise von Weggis nach Flüelen unterwegs ist – dieser Faszination nicht nur etwas abgewinnen, sondern immer noch so nachempfinden. Das Publikum ist ein anderes. Aber heute noch wird man so manches Unikat antreffen können.

So wie Twain, der hier als anonymer Erzähler in Erscheinung tritt, jedoch keinen Zweifel daran lässt, dass dessen Name Twain, Mark Twain ist. So trifft er einen äußerst aufgeschlossenen Landsmann. Einer wie er im Buche steht. Small Talk auf unterstem intellektuellen Niveau. Toleranz ja, Akzeptanz – da hört der Spaß mit und in der Fremde auf. Dieser Amerikaner gibt dem Erzähler / Twain Tipps, wo er abzusteigen hat. Er weiß alles, kennt jedes Hotel und kennt so ziemlich jeden Amerikaner, der zur selben Zeit wie er in der Schweiz weilt. Twain macht sich einen Spaß daraus diesen Landsmann zu foppen. Immer wieder lässt er sich beratschlagen, wo er absteigen solle. Natürlich dort, wo die meisten Amerikaner sind. Der Amerikaner verbringt so viel Zeit in Hotelllobbies, dass er alle kennt. Twain reist lieber außerhalb der Hotels und beschaut sich Land und Leute. Und kauft eine Kuckucksuhr…

Einhundert vierzig Jahre ist dieser Reisebericht alt. Und immer noch so frisch wie am ersten Tag. So duftend wie eine Alm. So rein wie ein kehliges Kinderlachen. So unübertroffen auf den Punkt wie Tells Pfeil im Apfel. Kann man sich doch einmal von der Umgebung loseisen, so sollte man sich in dieses Buch vertiefen und den Worten Twains folgen. Ein befreiendes Gefühl zu erleben, dass manches sich eben doch nicht ändern wird.

Wandkalender Büchergilde Gutenberg 2020

Ein Jahr lang Bücher gucken! Der Wandkalender der Büchergilde Gutenberg lädt 2020 dazu ein für die eigenen vier Wände Eintritt zu verlangen. Während Fernsehsender sich am laufenden Band dafür feiern, was sie alles vollbracht haben, um diese vier Wände mit Show-, Licht- und Aha-Effekten zum Erstrahlen zu bringen, präsentieren sich in zwölf Monatsblättern die eindrucksvollsten Illustrationen der Sondereditionen.

Da schauen Holly Martins und Harry Lime aus der Gondel im Prater auf das vom Krieg zerstörte Wien. Ein Cocktailglas aus „Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ schwimmt mutterseelenallein im Ozean. Die Farbwucht aus der „Euphoria“-Ausgabe zeigt die komplette Farbpalette, die man sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Jeder Monat wird so zu einem Kunstgenuss, den man im Vorbeigehen jedes Mal sinnlich wahrnimmt, und man sich einfach die Zeit nimmt noch einmal die nun viel größeren Abbildungen etwas genauer zu betrachten. Sicherlich fallen dem Einen oder Anderen einzelne Textpassagen aus den Büchern, denen diese Illustrationen entnommen wurden, wieder ein. Was gibt es Schöneres als bereits Erlebtes noch einmal zu erfahren. Christian Schneider verzichtet bei seinem Fauna-Potpourri gänzlich auf Farben. Ein Frevel denkt man zuerst, wenn man die einzelnen Tiere aus dem Bild seziert hat. Der Tukan, dem jegliches Blau, Grün, Gelb, Rot abhanden gekommen ist, ist trotz seiner Farbschwäche nicht minder beeindruckend wie seine dreidimensionalen, lebendigen Artgenossen. Das ist wahre Kunst!

Grün und Rot mit Unterstützung von Schwarz und Weiß hat sich Joe Villion „Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau genähert. Ein starker Kontrast zu Hans Tichas Idee zu Karl Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“, die in einem satten Grün und einem fröhlichen Frosch vor dem Mikrofon dem Betrachter ins Auge springt.

Dieser Kalender zeigt, was Buchkunst alles kann. Ein Buch allein kann schon ein Kunstwerk sein. Ein geistreich illustriertes Buch hebt ein gutes Buch auf eine höhere Ebene. Leider fristen die meisten Bücher nach dem Lesen ein Dasein im Bücherregal. Der Mehrwert dieses Kalenders besteht darin das eine oder andere exzellent gestaltete Buch noch einmal aus dem Regal zu nehmen, um es zumindest noch einmal durchzublättern. Das um ein Vielfaches größere Format der Bilder zeigt vielleicht Stellen auf, die man bisher übersehen hat.

Hans Ticha Wandkalender 2020 – Zeichnungen zu Ringelnatz

Es gibt Künstler, die können gar nicht groß genug gefeiert werden. Einem wie Joachim Ringelnatz kann man dieses Privileg nur schwer absprechen. Hans Ticha hat für die Büchergilde Gutenberg die Gedichtband „und auf einmal steht es neben dir“ die Illustrationen angefertigt. Sie verleihen den Texten des sächsischen Autors, der in München und Berlin seine größten Erfolge feierte, der seiner Ostsee so vielfältig und nachhaltig geschriebene Denkmale widmete, der Schauspieler wie Otto Sander zu unverwechselbaren Lesungen anstiftete, die gewünschte Untermalung.

Nein, es ist mehr als „nur“ eine Untermalung. Sie geben Ringelnatz‘ Texten die verdiente genreübergreifende Bedeutung. Zweitausendzwanzig ist nun das Jahr, in dem diese Illustrationen ganz groß auftrumpfen werden. Als Wandkalender auf 42 mal 60 Zentimeter. Größer ist kein Buch. Zumindest nicht im Format. Inhaltlich begegnen sich Ringelnatz und Ticha auf Augenhöhe.

Man stellt sich vor den Kalender und malt sich aus wie die beiden über ihre jeweilige Kunst fachsimpeln. Ein Fest für die Ohren! Klare Linien und kunstvolle Farbverläufe lassen den Betrachter die Zeit vergessen. Ein Punkt hier, eine Linie da. Übergänge, bei denen man sich das Hirn zermartert, wie Ticha das wohl gemacht hat. Die Bilder sind keine Rätsel, die dem Kunstinteressierten Gedankenverrenkungen abverlangen. Ihre Aussagen sind klar und schnörkellos. Dennoch ertappt man sich immer wieder auf der Suche nach der Intention. Einfach mal bei Ringelnatz nachschlagen. Das kann nie schaden!

Spätestens, wenn man den Raben entdeckt, der sich locker lässig an eine Vogelscheuche lehnt, ist man auf der richtigen Spur. Ernsthafte Sinnsuche weicht hier unterhaltsamer Motivsuche. Das Jahr 2020 wird das Jahr des Lächelns mit diesem Kalender an der Wand!

Viva

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – und schon hat man ein schmackhaftes Gericht, das nährt und die Sinne anregt. Jeder passionierte Koch kennt das! Als Schriftsteller tappt man schnell in die Falle des Faselns, der Unkorrektheiten. Patrick Deville hat mehrmals bewiesen, dass Fiktion und historische Fakten durchaus eine Liaison eingehen können, die auf Gleichberechtigung basiert. Er verwob die Geschichte Kampucheas zu einem atemberaubenden Thriller. Er durchstreifte das dunkle Herz Afrikas, den Kongo. Und er ließ eine Arzt und einen Abenteurer ihrem Drang nach Erlösung folgen. Nun also Mexico. Trotzki, Kahlo, Lowry. Leo, Frida, Malcolm.

Lew Dawidowitsch Bronstein ist viel und weit gereist. Von Sibirien über Finnland, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul. Er sah New York, Kanada und ist nun in Mexico gelandet. An seiner Seite, seine Frau. An seinem Herzen sein Pass. Sein gefälschter Pass auf den Namen Trotzki. Der Maler Diego Rivera konnte den Präsidenten, nicht nur die mexikanischen Behörden, überzeugen den Geflüchteten – einen Weltenbummler konnte man Trotzki wegen seiner zahlreichen Flüchte nun wirklich nicht nennen – Asyl zu gewähren. Wohnen wird er bei Frida Kahlo, der Malerin. Wäre alles nicht so tragisch, könnte man dieses Asyl als das Sommerhaus der Stars bezeichnen.

Malcolm Lowry ist ein mittelloser Schriftsteller, der von den Almosen seines Vaters lebt, die er sich pünktlich am Monatsersten persönlich an einem Bankschalter ins Portemonnaie steckt. Er hat große Pläne. Den Liebesroman zu schreiben, auf den die Welt gewartet hat. „Unter dem Vulkan“ wird er heißen, wird erfolgreich sein.

Rund um das Blaue Haus, dem Haus Frida Kahlos, schwirren weitere gestalten der Geschichte. Wie zum Beispiel B. Traven, der sagenumwobene Schriftsteller, der Mexico auf das literarische Aufmerksamkeitstableau hievte. Ob sich alle tatsächlich getroffen haben, ob sie sich mochten, sich anregten, mag bezweifelt werden. Doch der unbestechliche Schreibdrang, den Patrick Deville einmal mehr an den Tag legt, lässt diese Fragen erst gar nicht aufkommen. Alles könnte in den Tagen des Jahres 1937 wirklich so gewesen sein. Ein Jahr, in dem Spanien im Bürgerkrieg ertrank. Der deutschen Kultur die Grundlagen genommen wurden und die Welt in den gefräßigen Schlund des Krieges schaute.

Ein wenig Vorbildung ist  wie bei allen Romanen von Patrick Deville – schon vonnöten, um die Brillanz des Buches erkennen zu können. Wer die Bilder von Frida Kahlo auf Anhieb unter Tausenden erkennt, wem die Bedeutung Diego Riveras nicht ganz abhandenkommt, wer Trotzki nicht nur als sturen alles plattmachenden Revolutionär wahrnimmt, wer Mexico nicht nur als Land mit immensen Problemen ansieht, der wird in diesem Geschichtsspiel der Extraklasse ein Hochgefühl der Leselust erleben.