Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Jeder, der schon mal eine Phase der Lethargie durchlebt hat, kommt es wie Hohn vor, wenn einem zum Trost die berühmte Medaille mit den zwei Seiten um die Ohren gehauen wird.

Gilles ist gerade in so einer Phase. Im Jahr 1967 ist er Journalist bei einer linken Tageszeitung in Paris. Doch alles in seinem Leben macht ihm keinen Spaß mehr. Die Arbeit ödet ihn an, die Kollegen lassen in ob ihres Zynismus verzweifeln. Und Eloïse, die ihn anscheinend mehr liebt als er sie … naja, ein Hilfe ist die auch nicht. Gilles muss raus. Das weiß er, das tut er. Limoges wird sein Fluchtpunkt, dort, wo seine Schwester ihr führt. Zwei Wochen lange gibt er sich dem Müßiggang hin, so wie zuvor schon in Paris. Bis es eines Tages seiner Schwester zu viel wird. Sie schleift ihn zu einer Party. Oh ja, das ist es, was Gilles nun braucht. Ein depressiver junger Mann, in der Provinz, auf einer Party. Wird bestimmt der Knaller!

Allen Unkenrufen zum Trotz kann genau dieses Ereignis ihn aus seinem Wachkoma befreien. Die passende Medizin kommt in Gestalt der anmutigen Nathalie daher. Umwerfend schön, eloquent und den Kopf mit Wissbegier und Schläue gefüllt. Soll er wirklich den Schritt wagen und mit Nathalie den weiteren Weg gemeinsam beschreiten? Was wird aus Eloïse? Und die neue Aufgabe als Ressortleiter Außenpolitik in Paris?

Die Antworten lauten ja, kein Problem und nein. Den Job will er nicht annehmen, weil er damit einen Kollegen vor den Kopf stoßen würde, den man übel mitgespielt hat. Eloïse zeigt erstaunlich viel Verständnis für Gilles‘ Wahl. Was den gemeinsamen Weg betrifft, ist sich Gilles nicht ganz so sicher. Doch die Lust auf Neues, die wieder erwachte Schaffenskraft lassen ihn alle Sorgen beiseite wischen.

Tja, was soll man sagen? Die Medizin hat geholfen. Gilles ist wieder der Alte. Raus in die Nacht, Saufen mit den Freunden und zuhause wartet Nathalie. Sie schaut Paris mit den Augen einer Touristin an. Denn mehr ist sie auch nicht. Gilles Freundeskreis ist sein Freundeskreis, nicht ihrer. Sie hat keine Freunde. Sie tut Gilles gut. Die Zeit zeigt Gilles jedoch auch, dass Nathalies gute Eigenschaften sich langsam aber sicher gegen ihn richten. Was natürlich nicht stimmt, ihm aber so vorkommt. So vorkommen muss. Denn zu wahrer Liebe – ob er will oder nicht – ist er nicht bereit. Das Ende jedoch konnte sich keiner, weder er noch seine Freunde, weder Nathalie noch ihre von ihr verlassene Familie so vorstellen…

Françoise Sagan macht in „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ keine Kompromisse. Alles taten haben unumstößliche Folgen, ohne Wenn und Aber. Da helfen kein Bitten und kein Flehen – so schonungslos war sie nur in ihrem eigenen Leben, ihren Romanfiguren ließ sie immer eine Hintertür offen. Gilles und Nathalie sind die Verdammten des Krieges, den sie selbst angezettelt haben ohne ausreichend bewaffnet zu sein. Und so gibt es am Ende im Roman nur Verlierer.

 

Laura oder die Reise in den Kristall

Band Neun der Schlaflosreihe ist das bisher dickste Büchlein. So viel vorweg. Das kleine Büchlein ist auch das phantasievollste dieser Reihe. George Sand, die mit Frédéric Chopin über Jahre eine Einheit bildete, vermischt in „Laura oder die Reise in den Kristall“ eindrucksvoll naturwissenschaftliche Kenntnisse und fast schon märchenhafte Phantasien.

Ein junger Mann kommt in ein Geschäft für Kristalle und Edelsteine. Durch seine Unachtsamkeit zerstört er eine Geode. Der Besitzer ist darüber nicht unerfreut, denn so kann er ihm eine Geschichte erzählen, die ihm selbst passiert ist. Oder die er glaubt selbst erlebt zu haben. Da beginnt schon der Strudel, in den der Ladenbesucher und auch der Leser gezogen werden. Denn von nun an ist nichts mehr wie es war, wie es sein soll.

Alexis ist in seine Cousine Laura verliebt. Das arme Ding muss ohne Vater aufwachsen, der sich in den Orient verkrümelt hat. Dort ist er zu ansehnlichem Reichtum gekommen. Laura jedoch, die die Avancen ihres Cousins sehr wohl wahrnimmt, zeigt ihm die kalte Schulter. Für sie ist er ein kleiner Junge, der Hirngespinsten hinterherjagt. Im Laufe der Zeit begegnen sie sich immer wieder. Seine Zuneigung verflacht keineswegs. Ihre hingegen weicht nach und nach ihrer Skepsis.

Im funkelnden Spiel der Kristalle verlieren sich beide und steigen hinab in eine Welt, die niemals irdisch sein kann. Im Vexierspiel der Kristalle ist Laura so wie Alexis sie sich wünscht: Die Frau, die er liebt und die seine Liebe erwidert. Doch was ist real, und was ist Phantasie? Das Liebesgeplänkel dauert nicht lang. Bis Onkel Narsias auftaucht. Ein angsteinflößender Kauz, wie Alexis findet. Aber voller Forscherdrang, der alsbald Alexis in seinen Bann zieht. Und ehe er sich versieht, steigt Alexis zusammen mit dem Onkel hinab. Hinab ins Erdreich. In eine Welt voller Kristalle…

George Sand spielt mit den Gedanken des Lesers wie einst ihr Gefährte Chopin auf dem Klavier. Die Grenzen zwischen Realität und Gedankenreich verschwimmen zusehends. Von verklärter Romantik weit entfernt liest man sich in eine Traumwelt, die erst wieder aufklart als der Erzähler seine Kladde schließt. Verwirrt, beseelt, verzaubert lässt Sand den Leser zurück, der das Gelesene erstmal sortieren muss. Wohlige Träume sind hier nicht mehr dem Reich der Phantasie zuzurechnen, sondern greifbare Wirklichkeit.

Ungeteerte Straßen

Ein bisschen holprig ist es schon auf der Straße des Lebens. Und wenn der glatte Asphalt erdigem Boden weicht, wird die Fahrt auch nicht angenehmer. Pascal wuchs nicht gerade mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund auf. Geld war Luxus, Liebe auch, aber diesen Luxus gönnte sich seine Eltern selbst und ihren beiden Kindern Pascal und Marie-Louise.

Da musste auch schon mal das letzte Geschenk der Oma herhalten, damit die karge Wohnung mit einer behaglichen Temperatur gesegnet werden konnte. Apropos Segen. Die Kirche war in Mamas Augen Pflicht. Papa kam sie ihm nur entgegen, wenn die Kosten überschaubar blieben. Was in seinen Augen kostenlos hieß. Für Pascal war es der verheißungsvolle Moment Claudine zu sehen.

Das Glück kann man nicht in Zahlen ausmachen. Boden unter den Füßen, ein Dach über dem Kopf und im Herzen rein. So war die Kindheit in Frankreich als Pascal aufwuchs.

Gérard Scappinis Gedichte sind von besonderer Leichtigkeit, auch die Worte nach Schicksal schreien. Mit besonderer Freude blickt man in kecke Kinderaugen, und der dazugehörige vorurteilsfreie Kindermund tut sein Übriges, um jedem Leser ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Teer würde so vieles unter sich begraben, dass man es schon bald wieder vergessen hätte. Die Straßen, die Pascal beschreitet sind nicht nur hart und uneben, sondern auch echte und wahrhafte Teppiche des Glücks. Beispielsweise, wenn Papa ein Marionettentheater improvisiert oder Mama Apfeltorte bäckt.

Wer sich bisher sträubte Gedichte zu lesen, wird in diesem Buch einen wahren Schatz finden. Klar und direkt wird Pascals Kindheit in liebevollen, fast schon kindlichen Zeilen dargeboten. Man muss nur zugreifen und sich der Zeilen annehmen. So als ob Tom Sawyer nicht in epischer Breite einen Lausbubenstreich nach dem anderen spielt, sondern wie eine gelungene Sinfonie der Sinne auf zartem Papier, das nicht beschädigt werden darf.

Entdeckungsreisen – Magische Bilder exotischer Welten

Wer heutzutage vermeintlich exotische Orte besucht, muss sich der Tatsache stellen, dass er nicht der Erste ist, der das Paradies entdeckt hat. Das ist der Wermutstropfen auf so manchem Spektakel. Vor Jahrhunderten noch, konnte man sich sicher sein eine unentdeckte Insel nach sich oder seinem Gönner benennen zu dürfen. Ein flüchtiger Blick in den Atlas beweist dies auf zigfache Weise.

Reisen waren im 17., 18. und 19. Jahrhundert noch echte Abenteuer, für echte Kerle. Die Rückkehrer, also eigentlich nur die Lenker und Denker dieser Reisen, wurden zu Vorträgen eingeladen und selbst von gekrönten Häuptern hofiert. Was sie mitbrachten von ihren Reisen ist heutzutage Alltag. Man denke nur an die Massen von Schokolade, die die Regale der Supermärkte füllen.

Sir Hans Sloane war so ein Entdecker, der sich um die – bleiben wir beim leckersten Beispiel für frühe Globalisierungsnachweise – Schokolade besondere Verdienste erwarb. Von 1687 bis 1689, vor mehr als dreihundert Jahren!, schipperte er gen Westen. Jamaika war nicht das vorrangige Ziel der Reise des Arztes mit irischen Wurzeln. Die Naturwissenschaften an sich hatten es ihm angetan. Die im Jahr seiner Geburt gegründete Royal Society „zur Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens“ förderte undorganisierte Fahrten in eben diese fremden, weil fernen Welten. Neugier und Wissensdurst, gepaart mit aggressiver Expansionspolitik, wovon die Forscher natürlich nichts wissen wollten, waren der Antrieb. Außer den Pflanzen, und oft auch Tieren brachten die Seefahrer und Forscher unendlich viele Zeichnungen mit, die der staunenden Menge wie der abgeschlagene Kopf des Teufels präsentiert wurden. Das Natural History Museum zu London könnte sich noch so sehr vergrößern, es würden immer noch nicht alle Exponate ausgestellt werden können. Die Archive quellen über vor Forschergeist und künstlerischer Ästhetik.

Dieser Prachtband ist nichts anderes als das „Best of the Best“ der zweidimensionalen Errungenschaften menschlicher Eroberungsgier und einmaligen Forscherdrang. Keine noch so moderne Kamera mit noch so vielen und detailgenauen Filtern kann die Einzigartigkeit der abgebildeten Objekte widergeben! Das Großformat ist die einzig sinngebende Maßeinheit für ein Buch dieser Ausdruckskraft. Jede Faser eines jeden Blattes, jedes noch so kleine „Blütenstäubchen“, jede Facette eines prächtigen Federkleides, ist den Gestaltern verborgen geblieben. Da kann keine Buntstiftkasten und keine 256 Millionen Farben anzeigende Bildersoftware mithalten. Mutter Natur ist und bleibt die einzig wahre Künstlerin. Die Schmetterlinge von Surinam sind durch Maria Sibylla Merians Zeichnungen einem vorher nie gekannten Publikum bekannt geworden. Die Fahrt der „Investigator“ von 1801 bis 1805 mit Matthew Flinders und Ferdinand Bauer an Bord hat die wohl schönsten Pflanzenzeichnungen überhaupt hervorgebracht. Die Küste Australiens wurde erstmals, wenn auch nur unzureichend kartographiert. Die Flora und Fauna war noch wenig erkundet und noch weniger dargestellt worden. Flinders und Bauer macht dem Unwissen ein Ende.

Wer unter anderem ihre detailreichen (doppelseitigen) Zeichnungen auf dem Schoß liegen hat, weiß um die Schönheit der Natur. Und um die Ausdruckskraft, die ein Buch entfalten kann, wenn es mit Liebe zum Detail und dem Drang nach Perfektion gestaltet wird. Hier trifft alles auf einmal zusammen!

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Die magnetischen Felder

Über diese Felder kann man nicht wandeln. Sie halten einen fest und doch kann man sich frei bewegen. So wie ein Elektron. Der Titel birgt in sich schon ein gewisses Faszinosum. Geheimnisvoll. Die beiden Autoren sind auch einigen bekannt. André Breton, der Mastermind der surrealistischen Bewegung, er schrieb das „Surrealistische Manifest“, das eine ganze Künstlergeneration – allen voran Salvador Dali – zum Sprudeln bracht.

Der „Andere“, Philippe Soupault ist hingegen nur einigen Eingeweihten bekannt. Doch auch ohne ihn wäre der Surrealismus nicht das, was er war und ist.

„Les champs magnetique“, „Die magnetischen Felder“ ist der erste surrealistische Text. Einige Passagen, Kapitel haben die Schriftsteller einzeln verfasst, bei anderen hingegen haben sie zwar einzeln ihre Abschnitte verfasst, zusammengearbeitet. Was surrealistisch an diesem Buch ist, erschließt sich erst so richtig, liest man das Nachwort von Re Soupault, die Frau an Philippe Soupaults Seite, Bauhaus-Jüngerin und nimmer müde Schreiberin.

Breton und ihr Mann haben sich in einen Zustand versetzt, der es ihnen erlaubte alles um sich herum zu vergessen und der Phantasie freien Lauf zu lassen. Wenn überhaupt kannten sie den Weg, das Ziel konnten sie erst nach Überquerung der Ziellinie erkennen. Und das alles ohne Drogen! Nur um Missverständnissen vorzubeugen. Das war eher das Feld (ganz unmagnetisch) von Aldous Huxley…

Mit unvorstellbarer Kraft prasseln Sprachbilder auf den Leser ein, die ihn immer wieder absetzen lassen. Zu viele Einflüsse auf engstem Raum. Wer noch tiefer in dieses automatische Schreiben eintauchen will, der kann den Text auch in französischer Originalsprache nachlesen. Beide Varianten, französisches Original und deutsche Übersetzung, stehen sich gegenüber.

Wem also die weichen Uhren – für viele der Einstieg in die moderne Kunst – näherstehen als Postkartenmaler wie Ilja Repin, der findet in diesem Buch den literarischen Einstieg in diese für viele fremde Welt. Den Surrealismus versteht man dadurch bestimmt nicht auf Anhieb in Gänze. Das Buch nur als Appetithäppchen zu betrachten, würde aber genauso falsch sein.

Was das Leben will

Elli ist Anfang Dreißig, und ihr wurden gerade beide Brüste abgenommen. Brustkrebs, so wie schon ihre Mutter, die sie mit vierzehn verlor. Für viele ein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Ihr Zimmer- und Leidensgenosse Gustav gibt ihr einen Zettel. Darauf eine Adresse, zu der Elli gehen kann oder auch nicht. Aus Neugier und der Tatsache, dass ihr eh nicht Schlimmeres mehr passieren kann, betritt sie das Haus. Solara kommt ihr freudig strahlend entgegen. Sie sei das Leben. In einer Ecke hocken noch die Vergangenheit, Karl, und die Zukunft, Trudi. Der Tod lässt ein wenig auf sich warten, Martin ist schon wieder auf dem Sprung. Hat noch ein Date. Er ist der Einzige, der nicht autonom handeln darf. Er muss auf Jolas Anweisung warten. Sie ist das Schicksal. Ein makabrer Haufen, wie Elli meint.

Klingt ziemlich verrückt für so ein ernstes Thema. Mag sein. Aber wer, wenn Elli kann in einer aussichtslosen Situation lachen? Und wer will ihr verbieten dieses Lachen mit anderen zu teilen?

Auf alle Fälle kann sie mit dem Erlebten im Café Himmel nicht viel anfangen. Wem soll sie davon erzählen? Vom Café, in dem die Vergangenheit in Depressionen verfällt, weil sie von niemandem mehr erkannt wird. In dem die Zukunft auf den Marschbefehl des Schicksals wartet. In dem das Leben so schön, so einzigartig, so demütig ist. In dem der Tod unausstehlich ist.

Ellis Weg führt direkt dahin, wo man mit „solchen Leuten“ umzugehen weiß. Ins Irrenhaus. Doch auch hier sind alle ein bisschen anders als man es vermutet…

Bina Kratsch lässt ihrer Elli freien Lauf, wenn es darum geht Solara in sich aufzusaugen. Es gibt nicht nur Tod oder Leben, Solara oder Martin. Elli wird sich nach und nach bewusst, dass Karl und Trudi wie Solara und Martin, und vor allem Jola, Bestandteil ihrer selbst sind. Allein ist jeder nicht auszuhalten. In der Gruppe erst funktionieren sie wie ein geöltes Räderwerk.

Mit einer Träne in den Augen kommt man bei diesem herzhaften Roman nicht aus. Es müssen schon mehrere Tränen der Freude sein, um bis zum Schluss durchhalten zu können. Mit Wärme und Witz verführt Bina Kratsch den Leser ihr zu folgen in eine Welt, die rational nicht erklärbar ist. Und das ist gut so!

Spiel des Lebens

Der Mensch als Krone der Schöpfung. Dieses geflügelte Wort kennt jeder. Doch wie jeder (okay, fast jeder), der eine Führungsposition inne hat, braucht er Helfer. Deren fleißige Hände dienten ihm zum Aufstieg und dienen ihm diese Position halten zu können.

War der Mensch anfangs (also vor Tausenden von Jahren) von der Natur derart abhängig, dass sie den Ton angab, so haben sich die Machtverhältnisse im Laufe der Zeit gedreht. Der Mensch beherrscht die Natur. Dass ihr das ab und zu nicht passt und deswegen ein wenig trotzt, muss der Mensch aushalten. Was ist schon ein Tsunami im Vergleich zu überdimensionalen Reisfeldern, die Millionen Menschen weltweit den Magen füllen? Zynisch? Jawohl, aber …

Alice Roberts, Paläopathologin, Medizinerin in Birmingham hat sich den Menschen in seiner heutigen Form genauer betrachtet. Interaktion, dieses scheinbar so ferne Wort ist der Schlüssel zu unserer Welt. Das Spiel zwischen Mensch und Apfel, Reis oder Kartoffeln, zwischen Mensch und Hund. Rind oder Huhn ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen (vielleicht schon zu sehr und zu wortwörtlich), dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Es war wie bei Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen. Mutter Natur gibt gern und viel, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Seit Jahrzehnten unkt man immer wieder, dass dieser Punkt erreicht sei. Und immer wieder gibt es neuere Forschungen, die uns fortschrittsgemäß vom Aufschub dieser Thesen unterrichten und überzeugen wollen. Ein gefundenes Fressen(!) für Verschwörungstheoretiker.

Wer sich selbst ein Bild machen will, ohne Einflüsse von außen, kommt an den Grundlagen nicht vorbei. Und die liefert – eindrücklich, besonnen, großartig ausformuliert – Alice Roberts. Ihren Erkenntnissen folgt man ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es liegt alles auf der Hand.

Mit zahlreichen Anekdoten – zum Beispiel, dass der Neandertaler eigentlich homo var. calpicus heißen müsste – wird dieses Sachbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, dessen Ende der Leser zwar nicht allein, aber in der Gesamtheit in den Händen hält. Das Leben ist mehr als ein Spiel. Und dieses Buch mehr als „nur“ ein Buch!

Ihre Seite der Geschichte

Sie hatten nur einmal eine Wahl. Ja oder Nein zu sagen. Sie sagten Ja. Ja zu dem Mann, der einmal die Geschicke eines Landes leiten bzw. es repräsentieren soll. Sie waren die First Ladies. Sind es noch. Heike Specht hat sich auf Spurensuche gemacht und von Elly Heuss-Knapp und Bettina Wulff über Mildred Scheel und Hannelore Kohl bis zu Christina Rau und Lotte Ulbricht (die den Titel First Lady mit ihrer bekannten bissigen Zunge wohl zu gern zerfleischt hätte) so manches herausgefunden, dass das Protokoll noch unter Verschluss hielt. Auch der aktuelle First Husband, Joachim Sauer und die Hausherrin im Schloss Bellevue, Elke Büdenbender, kommen in diesem mehr als spannenden Sachbuch zu Wort.

Das Vorurteil, dass die Dame an der Seite des Ersten Mannes des Staates nur Beiwerk ist, ist nichts mehr als eben ein Vorurteil. Sie haben Einfluss, sind geschätzte Gesprächspartner und Ratgeber.

Die junge Bundesrepublik kommt mit einem Witwer und einem verheirateten Bundespräsidenten aus dem Kreisssaal. Konrad Adenauer hat rund ein Jahr vor Amtsantritt seine Frau, Gefährtin und engagierte Stütze Gussie verloren. Auch Theodor Heuss‘ Gattin geht es nicht gut, sie verstirbt noch während seiner ersten Amtszeit.

Kurt Georg Kiesingers Frau Luise war nach dem Krieg unerlässliche Stütze für ihren Gatten. Ihre Fürbitte verschaffte dem ehemaligen hochrangigen NSDAP-Mitglied im Reichsaußenministerium zu einer früheren Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.

Im Osten traten die Frauen viel öfter in den Vordergrund, der ihren Männern laut Protokoll vorbehalten war. Allen voran Margot Honecker, die eben nicht nur die Frau Honecker war, sondern auch gefürchtete Ministerin für Volksbildung. Ihr oblag die Bildung der neuen sozialistischen Generation, was sich nicht nur in endlosen Phrasen in den Lehrbüchern niederschlug.

Engagiert sollen sie sein, Empfänge organisieren und einfach repräsentieren. Das hat selbst in den Kinderjahren der Republik nur bedingt funktioniert. Sicher mussten die First Ladies in erster Linie den Staat und ihren Mann unterstützen. Das Lob dafür schmeichelte ohne Frage, aber sich einbringen, das begann erst ein paar Jahrzehnte nach der Staatsgründung. Loki Schmidt ist dafür das beste Beispiel. Als Biologin genoss sie weltweit Anerkennung. Nicht, weil sie Frau Helmut Schmidt war, sondern weil ihre Forschungen in Fachkreisen (und aufgrund ihres Bekanntheitsgrades auch darüber hinaus) Beachtung fanden. Hannelore Kohl, geprägt durch das selbst erlebte Elend der Kriegsjahre war für Helmut Kohl aktive Stütze bei der Ausarbeitung so mancher politischer Papiere. Doris Schröder-Köpf ist nach ihrer Scheidung selbst in die Politik gegangen, ihr Name war dabei kein Hindernis.

Das Jahr 2019 ist das Jahr, in dem einhundert Jahre Frauenwahlrecht und siebzig Jahre Grundgesetz gefeiert werden. „Ihre Seite der Geschichte“ ist mehr als nur ein Zeitdokument, es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit. Auch ohne Jubiläen längst überfällig.

Secret Citys Europa

Paris, London, Rom – ohne Zweifel lohnenswerte Reiseziele für jedermann, die keine Wünsche offen lassen. Aber bei Weitem sind diese Städte nicht das Nonplusultra unter den Städtedestinationen Europas. Allein die geographischen Abmessungen sind ein Garant dafür, dass man sich keine Minute langweilen muss. Bei der Planung eines Städtetrips fallen Städte wie Stralsund, Lodz oder Aarhus aus dem Sichtfenster. Zu Unrecht!

Wer ein bisschen Trubel abseits der großen Metropolen sucht, bekommt rechtzeitig vor der Urlaubssaison mit diesem Buch gleich siebzig neue Vorschläge – das sollte erstmal für einige Jahre reichen!

Wie wäre es mit Augsburg mit seiner Fuggerei und der Puppenkiste? Oder dem schweizerischen Basel? Oder dem steierischen Graz, das sich neben dem Titel Genusshauptstadt Österreichs auch zu einer erstklassigen Kunstmetropole entwickelt?

Auch Hauptstädte wie das elegante Ljubljana in Slowenien oder das slowakische Bratislava (nicht verwechseln!) oder das litauische Vilnius bereichern mit ihren Silhouetten und exzellent in Szene gesetzten Schätzen diesen Prachtband.

Wer seine Sinne schärft, wird überall auf der Welt zuhause sein. Dieser Band ist der Schärfstein für die Sinne. Prächtige Abbildungen, farbenfrohe Impressionen und eingehende Texte stellen Städte vor, die sich nicht hinter den Metropolen ihres Landes verstecken müssen. Kleinode wie Česky Krumlov, Cork oder Groningen buhlen mit feinster Architektur, ideenschwangeren  Events und köstlichen Leckereien um die Gunst des Besuchers.

Allein schon beim oberflächlichen ersten Durchblättern markiert man sich im Stillen den einen oder anderen Ort, den man in der Zukunft mit Sicherheit besuchen wird. Ob Ost, West, Nord oder Süd – das viel beschworene Potpourri Europas wird auf jeder Seite erlebbar. Jedes Kapitel macht nicht nur süchtig, sondern gleich noch Weblinks zur Vertiefung dieser Sucht mit auf den Reiseweg. Prächtiges Flandern in Gent, und gleich um die Ecke diskreter Charme in Malmedy. Die wohl abwechslungsreichste Stadt Frankreichs Lille zusammen mit dem prickelnden Reims. Auch oder gerade paarweise machen die Städteportraits Lust Europa neu zu erkunden.

Ein Buch zum Verlieben, das Appetit macht sich den Magen so richtig vollzuschlagen mit den Schätzen Europas, ohne dabei je an Völlegefühl leiden zu müssen.