Frühstück mit der Drohne

Es ist doch verrückt, geradezu pervers: Im Fernsehen, bei einem Sender, der das Wort „Fun“ im Namen trägt wird „Counter strike live“ übertragen. Krieg spielen, live im Fernsehen. Im Regal der ungelesenen Bücher liegt „Frühstück mit der Drohne“ von Atef Abu Saif. Er berichtet darin vom Krieg (live) in seiner Heimat Gaza, im Lager Jabalia. Hier gibt es keine Stadt, hier gibt es Lager! Man lebt wie in einer Stadt, dennoch ist man in einem Lager. Mehr als hunderttausend Einwohner auf knapp anderthalb Quadratkilometer. Es ist der 6. Juli 2014. Ein Tag, an dem an vielen Orten der Erde ausgelassen Geburtstag gefeiert wird. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Und in geselliger Runde riechen Atef Abu Saif und seine Freunde den Krieg. Sie konnten ihn schon immer riechen. Ihre Kinder werden es auch eines Tages können. Zwei Jahre Frieden ist das Höchste, was sie erleben durften. Immer wieder Bomben, Feuer, Rauchsäulen. Einen Tag später wird traurige Gewissheit, was ihre Nasen am Vortag vernahmen.

Atef Abu Saif führt ab diesem Tag Buch über die Geschehnisse. Bis zum 26. August 2014, dem Tag der Tage, wie er es hoffnungsvoll und erleichtert nennt – aber auch angstvoll, weil er weiß wie brüchig so ein Frieden sein kann.

Schon zwei Tage später haben die F16-Bomber ganze Arbeit geleistet. Familien, die ihre Mahlzeiten zubereiteten, wurden ausgelöscht. Im Fernsehen läuft das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien. Eine Parallele zwischen dem Elend in Gaza und dem Untergang der Seleção verbieten sich an dieser Stelle.

Die Straßen sind übersät mit den Überresten der Häuser. Glassplitter säume Flure, Betonreste zeichnen ein bizarres Muster auf den Asphalt. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Für die Kinder, die schon nach der Schule betteln. Für viele jedoch ist das Leben jäh beendet, wenn die Drohnen und die F16 ihre todbringende Fracht abwerfen. Wie Lottozahlen der perfidesten Lotterie der Welt beenden sie in Klammern das Leben der Menschen. Zehn, vierzig, fünfzehn, drei, siebzig. Das waren Menschenalter!

Ohne den Aggressoren vors Schienbein zu treten, ihnen die Anklagepunkte um die Ohren zu brüllen, ohne Frucht und Scheu beschreibt Atef Abu Saif das Leben in Gaza, das binnen Bruchteilen einer Sekunde zu Ende sein kann. Das Flirren der Drohnenmotoren ist Allerzeiten und allerorts zu vernehmen. Man nimmt es wahr, schiebt die permanente Gefahr gewissenhaft beiseite und weiß doch tief im Inneren, dass am anderen Ende der Leitung einer sitzt, der mit einer Fingerbewegung allem ein Ende setzen kann.

Der fatalistisch anmutende Titel „Frühstück mit der Drohne“ berichtet aus der Hölle eines jahrzehnteandauernden Krieges, der ganzen Generationen das Gefühl von Sicherheit mit Gewehrsalven und Bombardements entriss. Dem Autor gelingt es dem Leser in einfachen Szenen dem unvorstellbaren Leben mit der Angst (und der Drohne) eine ungefähre Vorstellung dessen zu geben. Dagegen sind die eingangs erwähnten Fernsehübertragungen ein Witz. Einer über den man nicht lachen kann.

Die letzte Meldung zum Autor stammt von Mitte März 2019: „Fatah Spokesman in Gaza Attacked by Masked Assailants Amid Protests“ – Atef Abu Saif wurde auf offener Straße von maskierten Angreifern krankenhausreif geschlagen. Das war live!

Le spleen de Paris – Der Spleen von Paris

Der Sommer 2017 brachte der Literaturwelt und ihren Lesern ein besonderes Stück Weltliteratur zurück in die Herzen: Die Neuübersetzung von Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“.  Ein Buch, eine Gedichteflut voller Hingabe, die auch diejenigen überzeugte, die mit Gedichten nicht allzu viel anfangen konnten. Jetzt durften sie sich in die Schar derjenigen einreihen, die dem großen – zu Lebzeiten verkannten, verhassten und gescholtenen – Autor nun für immer folgen würden.

Der Sommer 2019 vervollständigt nun das Bild des Charles Baudelaire und seiner Kunst der wohligen Worte. Man muss kein Prolet sein, um Missstände direkt anzuprangern. Man muss nicht immer hinter vorgehaltener Hand das Offensichtliche, doch Unaussprechliche nach außen tragen. Baudelaire kannte keine falsche Scham. Ekstase und Kontemplation waren für ihn nicht einerlei, sondern zart verwobene Tatsachen, die einträchtig Hand in Hand gingen, sich umschlangen und sich nicht darum kümmerten, wer da pikiert zur Seite schaut.

Charles Baudelaire bezeichnet man als Erfinder der Prosalyrik. Nun, wer immer noch meint, dass Gedichte sich auf Teufel-Komm-Raus reimen müssen, der wird an diesem Werk keine Freude haben. Wer sich auf die kurzen Texte einlässt und sich Wortwucht erfreuen kann, kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Der Titel „Der Spleen von Paris“ ist vielleicht ein wenig irreführend. Denn so spleenig sind die Pariser auch wieder nicht. Jede Stadt, jedes Land hat seine Eigenarten – das nennt man Kultur. Das Bild von Baudelaires Kunst wird durch diesen Band abgerundet und in gewisser Weise abgeschlossen. Wieder entdeckte Gedichte genießen denselben Stellenwert wie Gedichte, die ihm zugeordnet werden sowie seine frühen Werke und die namensstiftenden Gedichte, die unter dem Titel „Le Spleen de Paris“ bekannt wurden. In ihnen eingeschlossen sind das Stück „Idéolus“ und „Die Fanfarlo“, eine Novelle, die persönlicher kaum sein kann.

Wer sich in die Seiten vertieft, kommt unweigerlich in Gedanken in der französischen Hauptstadt an, auch ohne sie je besucht zu haben. Parkanlagen, dunkle Kemenaten und zwielichtige Bars sind das Terrain von Charles Baudelaire. Über fünfhundert Seiten – zweisprachig, was den Reiz des Lesens durchaus verstärkt, auch wenn man des Französischen nicht mächtig ist – ziehen den Leser in eine Welt, die seit mehr als hundert Jahren Geschichte ist. Heute ist Paris laut, überlaufen und Karneval der Eitelkeiten. Letzteres war es übrigens auch schon zu Baudelaires Zeiten. Wer sich die Mühe macht ein ruhiges Plätzchen in Paris zu suchen (schwer, aber nicht unmöglich – ganz früh auf den Stufen von Sacre coeur) und auch nur ein wenig die Augen über diese Zeile fliegen zu lassen, versteht warum beispielsweise Jim Morrison von den Doors einst Paris als letztes Exil sich suchte. Dank der Übersetzung von Simon Wehrle ist Paris, ist Baudelaire um ein Geheimnis ärmer. Aber der Leser um ein Vielfaches reicher geworden.

Schloss Gripsholm

Ab in die Sommerfrische nach Schweden! Peter und Lydia haben es sich verdient. Er Schriftsteller, Sie Sekretärin. Ihr hängt die Arbeit noch ein bisschen nach. Zu sehr spielen die Arbeitsabläufe noch in ihrem hübschen Köpfchen Pingpong. Doch das soll sich rasch ändern, sobald sie in Schweden angekommen sind.

Schloss Gripsholm wird ihr Exil von der Welt werden. Daddy, so nennt Lydia ihren Peter liebevoll, manchmal auch Fritzchen, ist sofort angekommen. Dem Müßiggang kompromisslos nachgeben ist für ihn kein Problem. Prinzessin, auch er hat einen Spitznamen für Lydia, lässt sich leicht anstecken.

Auffällig in dieser Abgeschiedenheit ist nur die tägliche Kolonne an Kindern, die angeführt von einer Matrone namens Frau Adriani, tagein tagaus durch die Felder exerziert. Sommerfrische kann man das nicht gerade nennen. Militärischer Drill trifft es wohl eher. Ein Mädchen reißt sich immer wieder los von dieser In-Reih-Und-Glied-Manieriertheit. Ada. Sie schluchzt so herzzerreißend, dass Lydia sich genötigt fühlt dem kleinen Mädchen auf den Zahn zu fühlen. Frau Adriani sieht sich in ihrer Generalsfigur angegriffen. Wie könne sie nur! Sie allein habe hier das Recht selbiges zu sprechen! Und so weiter. Lydia ist geschockt. Hier in dieser Idylle so drohende dunkle Wolken?

Als Karlchen eintrifft, ist die heile Welt wieder hergestellt. Kurzfristig. Ein Schnorrer vor dem Herrn. Ein liebevoller Schnorrer, dem die Zigaretten von Anderen besser zu schmecken scheinen als die eigenen, wenn er denn welche hätte. Er passt in die kleine Gruppe wie Faust aufs Auge.

Als dann auch noch Billie aufkreuzt, sie hat sich gerade von ihrem Freund, einem Maler, getrennt, ist das fröhliche Ringelreih der ungetrübten Ausgelassenheit komplett. Und Peter und Lydia? Was wird aus ihnen? Was wird aus ihnen, wenn der Urlaub vorüber sein wird?

Kurt Tucholsky wurde von seinem Verleger Ernst Rowohlt um eine kleine unverfängliche Liebesgeschichte regelrecht angebettelt. So was wollten die Leute lesen. Nicht immer nur bierernste politische Diskurse führen. Das Leben sei eh schon hart genug. Rowohlt kam ihm finanziell sogar ein Stück entgegen. Für Tucholsky nicht genug. Dass der Roman heute immer noch ein Renner ist, darf wohl als Zeichen dafür gelten, dass Tucholskys Forderungen nachgegeben wurde. Der Briewechsel am Anfang des Buches lässt diese Vermutung naheliegen.

Hans Traxler, der für die Pardon und die Titanic nicht nur zeichnete, sondern sie auch mitgründete, hat seinen Zeichenstiften eine Dreißigerjahre-Kur verordnet. Keck wie die beiden Hauptakteure, mal mit blankem Busen und spitzer Nase, mal zärtlich verliebt, dann wieder in aufreizender Pose im frech geöffneten Pyjama. Schweden regte schon vor knapp einem Jahrhundert, der Roman erschien erstmals 1931, die Phantasie der Leser an und bis heuet die der Illustratoren. Traxlers Bilder geben Tucholskys Meisterwerk für Verliebte erst den richtigen Schliff.

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Mordechai Wolkenbruch, von allen nur Motti genannt, lebt in Zürich, ist Student und ist – sehr zum Leidwesen seiner mame – immer noch Single. Die versucht mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht ihrem Sohn ein mejdl vorzustellen. Mottis jüdische Familie ist für ihn ein Segen, keiner macht so leckere knajdl. Momentan ist sie aber auch Fluch. Denn seine mame lässt einfach keine Ausreden gelten. Der Junge muss unter die Haube! So wie seine Geschwister – die haben’s gut!

Hat Motti endlich mal eine froj gefunden, ist mame nicht weit. Selbst wenn Motti also könnte, wie er wollte – das Damokles Schwert in Gestalt seiner Mutter würde über ihm schweben und darauf achten, dass der Sohn auch keine unkoscheren Gedanken auslebt.

In der Uni erblickt Motti Laura. Ihr blondes Haar, ihre blauen Augen … ja, Motti kommen da schon die einen oder anderen Ideen, dass er und Laura … Problem ist nur, dass Laura eine schickse ist. Eine, die mit der jüdischen Religion und der jüdischen Kultur nicht so viel anfangen kann. So was kommt mame nicht ins Haus! Das weiß Motti. Er muss einen Weg finden mit Laura zusammen sein zu können. Ohne gleich als merder der eigenen Kultur angeprangert zu werden. Mit so einer wie Laura kann man keine chassene machen!

Thomas Meyers erster Roman wurde umgehend zu einem Riesenerfolg und vor kurzem erst verfilmt. Ein bisschen Übung bzw. Eingewöhnung braucht das ungeschulte Auge. Denn dieser Roman ist voller jiddischer Begriffe. Die zum Glück im ausführlichen Anhang erläutert werden. Sonst würde man ja ganz meschugge werden…

Diese besondere Ausgabe der Büchergilde besticht durch die pointierten Illustrationen von Samuel Glättli. Anhand der Zeichnungen wird der Weg Mottis in die Eigenständigkeit zusätzlich untermalt. Und das im sinnbildlichen wie wortwörtlichen Sinne. Motti ist kein Modellathlet wie er im Buch steht. Aber auch nicht das viel zitierte Muttersöhnchen, das seine mame ihm unterjubeln will. Ohne viel Trickserei stehen die Abbildungen gleichrangig neben dem eindrücklichen wie witzigen Roman. Eine perfekte Symbiose!

Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Das Haus am Kongo

Die Sonne brennt unerbittlich auf das geneigte Haupt von Gelegenheitswahrsagerin Dolly. Sie stützt ihren Kopf auf die Reling des Bootes, das sie auf dem Kongo irgendwohin bringen soll, wo sie wahrscheinlich auch nicht glücklicher werden kann. Oder unglücklicher?! Egal, das Wahrsagergeschäft, ihre Show, läuft. Dafür sorgt schon ihr Partner Bill. Dieser Windhund, der ihr schon mehr als einmal an die Wäsche wollte. Doch Dolly hat Prinzipien. Und ein loses Mundwerk, das sie gern einsetzt. Zum Beispiel bei, oder besser gesagt gegen Lady Essex. Die will hier in der Ödnis am Ende der Welt ihren Gatten besuchen.

Es kommt wie es kommen muss, der alte Kahn gibt mit einem Knall seinen Geist auf. Zum Glück ist die ungleiche „Reisegesellschaft“ gerade in der Nähe von Doc Warwicks Anwesen. Das Boot ist hin, Dollys Laune hingegen hebt sich im Angesicht von so viel Zivilisation mitten in der Wildnis. Puderdöschen, ein gemütliches Bett. Und die Hausherrin, Mrs. Warwick, ist ein gute Gastgeberin und Gesprächspartnerin. Ein bisschen gelangweilt vielleicht, einsam auf alle Fälle. Eine Woche muss man hier ausharren, dann kommt das nächte Boot, die Royal,  und kann die Gestrandeten sicherlich aufnehmen.

Dolly findet Gefallen an dem alten Doc, der hier in seinem spärlich eingerichteten Buschkrankenhaus verzweifelt versucht der Schlafkrankheit auf die Schliche zu kommen. Doch es will ihm nicht gelingen. Der jungen Frau imponiert der unbedingte Wille des Doktors Gutes zu tun. So sehr, dass sie ihm bei einer Blinddarmoperation assistiert.

Lady Essex kommt die Abwechslung ganz recht. Obwohl sie sich – nach außen – schrecklich darum sorgt, dass ihr Mann sich schrecklich um sie sorgen könnte, weil sie noch immer nicht bei ihm sei, gibt sie sich dem Müßiggang hin. Mehr als Lesen, Essen, Schlafen steht bei ihr nicht auf der Agenda.

Mrs. Warwick kennt dieses Leben. Sie lebt es seit fast einem Jahr. Zuvor war sie eine lebenslustige junge Frau, die begehrte und begehrt wurde. Hier im Dschungel außer Reichweite von Zerstreuung verblüht sie zusehends in der Gluthitze Afrikas. Dem Doc fällt das nicht auf. Genauso wenig wie das Scharwenzeln von Bill um des Doktors Frau. Dolly warnt ihn. Er solle nichts Unüberlegtes tun. Denn verbrannte Erde hat er schon genug hinterlassen…

Wilson Collison gibt seiner Dolly die Waffen einer Frau an die Hand. Geschickt in allem, was sie anpackt, mit einer Portion Durchsetzungsvermögen und dem unfehlbarem Drang allen Untiefen des Lebens auch noch etwas Positives abzugewinnen. Die kurze Zeit, die das Anwesen von Doktor Warwick von den Gestrandeten in Beschlag genommen wird, reicht aus, um mehrere Leben ein für allemal zu verändern.

Club der Romantiker

Peter Becker hatte Glück. Vor fast einem Vierteljahrhundert bekam er die Chance in Oxford zu studieren. Mit Stipendium. Weg von zu Hause, dem Mief und der Aufbruchsstimmung der Wendejahre in Deutschland. England, Oxford. Es war wie im Traum. Nun ist die Zeit gekommen sich der Vergangenheit zu stellen. Die Ehemaligen treffen sich noch einmal. Um zu sehen, was aus den Langhaarigen von damals so geworden ist. Eine Ansammlung von Doktoren wird es nur auf dem Papier sein.

Dass die Gruppe sich fast vollständig versammeln wird, steht so gut wie fest. Denn es gibt einen weiteren Grund für ein Treffen. Die Beerdigung von

Laureen Mills, der Bibliothekarin. Ihre Leiche wurde nun endlich, zwei Jahrzehnte nach ihrer Ermordung, gefunden. Ein mulmiges Gefühl beschleicht Peter, der mittlerweile in Wales lebt und wieder verheiratet ist, zwei Kinder hat. Denn er war es. Er war es, der abgedrückt hat. Er war es, der abgedrückt hat und Laureen Mills erschoss! Peter ist ein Mörder! Und die anderen sahen zu. Taten nichts. Sind mitschuldig. Wie wird es sein, nach so langer Zeit? Hält sich jeder an das, was damals verabredet wurde?

Dass auch die Polizei auf der Beerdigung erscheint, überrascht niemanden. Detective Chief Inspector Osmer soll den Fall endlich zu den Akten legen, doch dafür hätte er gern einen Namen, den er in das Protokollfeld „Täter“ eintragen kann. Der Fall ist über zwanzig Jahre her. Zeit ihn abzuschließen.

Peter denkt zurück an die Zeit als er in Oxfrod ankam. Sein Zimmergenosse, ein Russe und seine Wodkaflaschenarmada, die Mädchen-WG im oberen Stockwerk und den Club der Romantiker. Dem trat er bei, weil die sportlichen Angebote ihm allesamt nicht zusagten. Was Peter nicht weiß, ja nicht einmal ahnen kann, ist die Tatsache, dass er auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Und das nicht erst seit er in Oxford angekommen ist. Die unsichtbaren Augen sehen ihn, alles um ihn herum und die Eigentümer dieser Augen stehen miteinander in Kontakt.

Frank P. Meyer entführt den Leser hinter die dicken Mauern des Schweigens und des Universitätsbetriebes von Oxford. Wie ein Tourenguide weist er mit wehenden Talarärmeln auf die Eigenheiten dieses Mikrokosmos und deckt so manches Verborgenes auf. Schon nach ein paar Seiten ist man selbst ein Oxforder Student, allerdings ohne schicksalshafte Vergangenheit wie Peter Becker. Ein Grummeln im Magen hat dieser sehr wohl. Das schlechte Gewissen plagt ihn mehr als er sich gern eingestehen würde. Das Misstrauen von Ed, Louise, Brandy und den anderen tritt erst nach und nach zu Tage. Als Peter die gestellte Falle entdeckt, ist es fast schon zu spät…

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Der geheimnisvolle Fremde

Eine Reisegesellschaft, die auf einer Reise ist, die sie nie anzutreten vermutete und die für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer darstellt. Hoch zu Ross die Adeligen, die ein Schloss in Beschlag nehmen werden, das Teil der Erbmasse ist. Der verstorbene Bruder hat sie vermacht, obwohl sich die Brüder spinnefeind waren. In der Kutsche die unglückliche Franziska. Sie wird einmal heiraten, doch der Erwählte ist nicht ihre Wahl, schon gar nicht die Erste. Sie stellt sich schlafend, um einem weiteren Diskurs um die Vermählung aus dem Weg zu gehen.

Draußen weht unerbitterlich der Bora, ein Fallwind, der das Karstgebirge vor den Ufern der Adria in Bewegung versetzt. In der Ferne jaulen die Wölfe. Noch bevor die Reisegesellschaft den Zielort erreicht, fallen Schüsse. Nicht auf, sondern von der Kutsche. Da jedem Beteiligten eh schon ganz mulmig ist, beschließt man die Reise ohne viel Palaver fortzusetzen.

Kaum auf dem Schloss angekommen, steht auch schon Besuch vor der Tür. Bertha, die so vehement der verschüchterten Franziska die Ehe mit Franz ans Herz legt, weil sie selbst beseelt von der Idee ist so bald als möglich ihren Ritter Woislaw zu ehelichen, der bald eintreffen soll, frohlockt schon. Doch der nächtliche Besucher erzählt den neuen Schlossherren schauerliche Märchen. Spuk und Geister. Die Herren der Runde bedenkt er mit Nichtbeachtung und Spott. Nur zu Franziska ist er süßholzraspelnd freundlich. Die ist hellauf begeister von dem Fremden, der sich später als Azzo von Klatka vorstellt. Klatka, so heißt auch das Schloss. Während der Zeit, als Schloss Klatka im Dornröschenschlaf lag, war er oft in den Gemäuern, weswegen ihm erlaubt wird sich den Namenszusatz zuzulegen.

Ritter Woislaw kehrt ruhmreich und um seine rechte Hand erleichtert aus der fernen Schlacht zurück. Des Nachts – Azzo ist nur nachts aktiv, tagsüber vermeidet er es dem Tageslicht zu begegnen – treffen sich Azzo und Woislaw. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Fast wie alte Kumpel, die nach Jahren der Trennung alte Geschichten ausgraben. Woislaw hat in Azzo etwas entdeckt, dass ihn aufhorchen lässt. Woislaw kennt solche wie Azzo. Und er weiß mit ihnen umzugehen…

Bram Stoker lässt grüßen. Ja, Ritter Azzo von Klatka, das lichtscheue Wesen, mit der Appetitlosigkeit für alles Feste, dem Alkohol nicht bekommt, hat ein Geheimnis. Eines, das Franziska fasziniert. Wenn sie es kennen würde, wäre sie vorsichtiger. Die Geschichte kursierte schon vor fast zwei Jahrhunderten in Europa und jagte den Zuhörern einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bram Stoker diente es als Vorlage für seinen Dracula. Dieses kleine Büchlein, allein im Bett, bei schummriger Beleuchtung … erhöhtes Lesevergnügen und Albträume für alle, deren Nervenkostüm aus leichtem Stoff gewebt ist.