Niemandsland

Der Erzähler (man kann davon ausgehen, dass es sich um den Autor handelt) und sein Freund Frank wachsen im Berlin der späten 60er / 70er Jahre auf. Ost-Berlin! Sie stromern durch Knallerbsenbüsche, schließen Blutsbrüderschaft, stürzen sich von vergammelten Kähnen in Seen, büchsen aus dem Kindergarten aus … halt alles, was man als fantasiebegabtes Kind im Rahmen der sozialistischen Möglichkeiten so tun kann. Von Indianerspielen – Ulzana aka Gojko Mitic ist ihr großes Leinwandvorbild – bis Fahrkartenautomatenknacken – die Beute wird ihnen allerdings schnell wieder abgenommen – ist alles dabei. Doch das ist alles nur ein Vorspiel für eine Jugend, die von Beklemmungen bestimmt sein wird, denen man nur mit Flucht begegnen kann.

Die liebevolle Mutter, der brutale Vater, die Engstirnigkeit der verblendeten Sittenwächter sind anfangs nur Nadelstiche auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Je älter die unzertrennlichen Freunde werden, umso tiefer sitzen die Stachel der Verzweiflung. Was als Dummerjungenstreich beginnt, endet abrupt mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben.

Matthias Friedrich Muecke gelingt es nicht nur mit Worten den Leser in eine Zeit zu locken, die vielen so weit weg erscheint wie sie gar nicht ist. Denn die Kindheit ist niemals weit weg. Erinnerungen mögen verblassen und die Eindrücke im Laufe der Jahre in einem andern Licht erscheinen, doch sie sind immer (noch) da.

Die Zeichnungen aus der Feder des Autors sind die eigentlichen Helden des Buches. Detailgenau (etwa das Glas mit den Dritten der Oma auf dem Staßfurt-Fernseher) und pointiert geben sie denjenigen, der eine andere Jugend erleben durfte ein exaktes Bild wider, was in den Texten schrill, skurril, melancholisch, aufmüpfig beschrieben wird. Wer ebenfalls mit Osceola, Muckefuck und Westpakete-Aufreißen aufgewachsen ist, wird aus dem vielsagenden Kichern nicht mehr rauskommen.

Poet X

Harlem, September. Hier wächst Xiomara auf. Shiomara wird das ausgesprochen, was ihr langsam aber sicher auf die Nerven geht. Noch kann man draußen auf den Stufen sitzen und das Leben einatmen. Nur wenn die Dealer kommen, sollte man sich ins sichere Haus verkriechen. X – so nennt sie sich – tut das nicht. Das gibt wieder Mecker von der Mutter. Was soll’s?!

In der Schule wurde sie früher Wal genannt. Wegen ihres Körpers. Der hat sich verändert. Jetzt wollen alle ein Foto von ihr, im String. Doch X hat sich ein dickes Fell angelebt. Die Anzüglichkeiten lassen sie kalt.

Der Poetry Slam Club ist ihre Welt. Hier kann sie ihre Gedanken in die Welt hinaus schreien. Auch das, was bisher unter dem angelebten Fell im Verborgenen blieb. Dort kann sie auch von ihrer großen Liebe sprechen. Aman.

Diese Liebe darf nicht sein. Wie so vieles im Leben von X. Ihr Zwillingsbruder benimmt sich nicht wie einer. Streber, Brillenträger, hat noch vor ihr die Kommunion empfangen. Weil sie immer wieder zurückgesetzt wurde. Bis sie eines Tages nicht mehr wollte. Das Donnerwetter folgte auf dem Fuße. Doch Aman und X sind unzertrennlich. Da passt kein Blatt Papier, nicht einmal ein auf dieses Blatt Papier geschriebenes Wort.

Poetry Slam war für viele bisher immer nur Comedy von Leuten, die sich keine Texte merken können und deswegen alles ablesen müssen. Eine Laune der Zeit. Hans Dieter Hüsch hat das schon vor Jahrzehnten gemacht, also ist Poetry Slam nichts Neues, nur hat man endlich einen Namen, eine Marke dafür gefunden. Dieser Roman füllt die Lücke, die Poetry Slam gerissen hat. Denn der Roman ist im Stile eines Poetry Slams geschrieben. Wenn es diesen eigenen Schreibstil überhaupt gibt. Kurze Texte, die erst im gesamten ein Bild ergeben und diese zu einem Roman anschwellen lassen. Ungewöhnlich und ungewohnt zu lesen. Doch die Rasanz der Worte bergen ungeahntes Potential in sich: X erwacht aus ihrem lethargischen Träumereien und wird zum gefeierten Star der Szene. Und je mehr man sich in diesen Roman vertieft umso mehr versteht man das Phänomen Poetry Slam.

Es fühlt sich fast so an als ob Elizabeth Acevedo während des Lesens die ganze Zeit neben einem stehen würde. Sie trägt mit stoischer Ruhe bis hin zu furioser Aggressivität ihre Texte vor. Das haut einen echt um!

Australia – Living & Eating

Na, heute schon ans Auswandern gedacht? Nach Spanien, Brasilien oder Australien. Australien – das wär’s! Endloser Horizont. Am Strand liegen. Das Leben genießen. Nun hat sich aber vor das Leben die australische Regierung gestellt. Einfach so einreisen und nur schauen, essen, trinken, leben – is nich! Sonst wäre das Land mittlerweile mehrstöckig bewohnt. Und dann wäre auch die Faszination Australien dahin.

Sich einfach Australien nach Hause holen und zwischen Dienst und Pflicht immer mal wieder kleine Auszeiten gönnen, ist mehr als nur ein Anfang, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Harriet Birrell ist Australierin. Und ihre Rezepte sind nicht nur Kult (und das nicht nur in ihrer Heimat), sie sind vor Allem leicht nachzukochen ohne dabei gleich die gesamte Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Was als Erstes auffällt, ist der offensichtliche Zusammenhang zwischen Land und Buch. Großes Land – großes Buch. Kein Buch, das man aus Versehen verlegen könnte. So soll es sein! Der Inhalt besticht auf den ersten Blick durch die ganzseitigen Abbildungen, die spätestens ab Seite Fünf den Appetit ins Unermessliche steigern. Die Rezepte verstärken diesen Eindruck und lassen nur eine Konsequenz zu: Entweder verreisen oder am Herd die Reise „nachspielen“, sprich kochen, kosten, genießen. Lasagne mit Süßkartoffeln und Aubergine. Da kommen selbst eingefleischte Mittelmeerbewohner ins Schwärmen.

Australien ist ein Land, das durch Einwanderer geprägt wurde. Da verwundert es nicht, dass ein Mezze-Teller genauso Einzug ins Buch hält wie Tostaditas, kleine Mais-Tortillas mit allerlei frischen Kräutern und Avocados. Was auf den ersten Blick wie ein politisch korrekter Nachtisch ausschaut, entpuppt sich im Handumdrehen zu einem leckeren Dessert: Probiotischer Eiscreme-Kuchen mit Schoko und Minze. Selbst wer mit vegetarischer Küche nichts am Hut hat, dem läuft bei Regenbogen-Bowl mit knusprigem Tofu und Miso-Sauce das Wasser im Munde zusammen. Oder?!

Es muss nicht immer gleich der ganztägige Flug ans Ende der Welt sein, um fremde Kulturen zu erleben. Manchmal reicht es auch schon sich mit kulinarischen Verführungen wie diesem Buch die Sehnsucht in die heimische Stube bzw. an den heimischen Herd zu holen. „Australia – Living & Eating“ ist nicht einfach nur ein Kochbuch für Sehnsüchte, es lässt Australien mit am Tisch sitzen, wenn man in geselliger Runde von seinen Träumen schwärmt und konkrete Pläne schmiedet.

Eine moderne Familie

Man hätte es kommen sehen müssen. Sverre und Torill, der Wilde und die Donnernde. Wenn man nach den Namen geht. Aber es ging alles gut. Sverre und Torill sind glücklich verheiratet. Haben drei Kinder, die allesamt aus dem Gröbsten raus sind und dem glücklichen Paar auch schon zwei Enkel schenkten. Sverre feiert nun seinen 70. Geburtstag. In Italien. Mit der ganzen Familie. Eine Zusammenkunft, die bis auf das zu feiernde Jubiläum wie alle anderen ablaufen wird. Ja, so denken alle. Doch Sverre und Torill haben eine Überraschung für Liv, Ellen und Håkon, ihre Kinder. Sie wollen nicht nur, sie werden sich scheiden lassen!

Wäre dieser Roman ein typischer amerikanischer Film, wäre der Plot klar. Alle rennen aufgeregt hin und her. Reden nur noch darüber, was die Anderen von der Scheidung halten. Machen sich gegenseitig Vorwürfe. Und die, die es betrifft, machen sich beim Cocktail darüber lustig. Am Ende sind alle zufrieden und fahren nach Hause. Wenn‘s gut läuft an der Kinokasse, gibt’s eine Fortsetzung und schlimmstenfalls ein Musical. Aber Helga Flatland ist keine Amerikanerin, die für Hollywood schreibt, und „Eine moderne Familie“ ist mitnichten amerikanisch. Sondern norwegisch. Und Norwegen ist 2019 das Partnerland der Frankfurter Buchmesse.

Helga Flatland gibt ihren Figuren das Rüstzeug an die Hand mit dieser Situation umgehen zu können. Denn jeder hat seine eigenen Probleme. Liv, die Große, hat selbst zwei Kinder. Als sie die Große wurde – als Ellen zur Welt kam – war das für die die größte denkbare Änderung in ihrem Leben. Als Ellen dann auch noch schneller „erwachsen“ wurde – also körperlich – begann der Zorn Livs auf die kleine Schwester. Erst als Liv schwanger wurde und sah, dass Ellen noch viel sehnlicher sich ein Kind wünschte, was bis heute nicht geklappt hat, kamen sich Liv und Ellen wieder näher.

Die Rahmenhandlung – die angekündigte Trennung der Eltern – dient allen Gästen als Spielweise, um über ihr eigenes Leben noch einmal nachzudenken.

Wer bin ich? Wohin will ich? Nur zwei Fragen. Die jedoch so existenziell sind, dass man es sich nicht traut die Antwort zu verweigern. Mit viel Hingabe zu ihren Figuren erlaubt sich Helga Flatland einen Riesenspaß und formt eine Minigesellschaft, die nur so und nicht anders funktionieren kann. Dieses Buch ist wie ein Urlaub, an den man sich wegen der guten Gespräche erinnern wird, nicht wegen der Sehenswürdigkeiten, die man besichtigt hat.

Perwanas Abend

Was für eine grausame Welt?! Da warten Männer mit Säure vor Schulen, um die, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, zu verstümmeln. Frauen werden aufgeschlitzt und enthauptet. Religiöse Fanatiker zeihen durch die Stadt und stecken Friseurläden in Brand. Als Frau in dieser Stadt – irgendwo in Kurdistan – hat man es mit den übelsten Typen zu tun. Den Mund halten, sich mit ereifern, ist das Schicksal der älteren Frauen. Keine Welt für einen Freigeist wie Perwana. Sie und ihre Schwester Khandan, der man schon oft nahgesagt hat, dass sie mit dem Teufel im Bunde stehe, Stürme heraufbeschwören könne, leiden wie kaum jemand anderes im Ort. An Liebe, wie auch immer diese aussehen mag, ist nicht zu denken. Und der Teufel ist nicht nur ein Wesen, das man mit Bösem in Verbindung bringt, es ist real in den Köpfen der kuschenden wie übereifrigen Bewohner: Es ist Perwana.

Sie will lieben, leben. Lieben will sie Fareydun Malak. Und das tut sie auch. Und er liebt sie. Doch es darf nicht sein, was nicht sein darf. Und so beschließen sie die bedrückende Enge ihres jungen Lebens hinter sich zu lassen. Nur ein Satz bleibt: „Erinnere Dich an mich!“.

Khandan, die jüngere Schwester Perwanas saugt diese Worte auf wie ein Schwamm klares Bachwasser. Sie versteht noch nicht ganz die Bedeutung der Worte. Die Luft ist blutgeschwängert. Das Opferfest steht an. Jedes Tier wird bestialisch und öffentlich geschlachtet. Perwana und Khandan müssen nun von Haus zu Haus gehen und das Fleisch verteilen. Die stickige Luft, die nach Fleisch und Blut stinkt, schnürt ihnen die Kehle zu und erstickt jeden Gedanken an eine bessere Welt.

Rings um die Stadt wurde eine Straße gebaut. Die Felder wurden vermint. Gründe gibt es in den Augen der Verantwortlichen genug. Unsittliches Benehmen mit einem folgenschweren Exodus im Nachgang. Die, die noch geblieben sind, haben Angst oder müssen Erniedrigungen unmenschlichen Ausmaßes ertragen. Khandan ist noch da. Perwana ist verschwunden. Keiner weiß, wo sie ist. Geschweige denn, ob sie es geschafft hat. Geschafft hat, dem Höllenschlund ihres Martyriums zu entkommen. Aussichten auf Nachricht hat Khandan keine. Doch sie hat ihre Erinnerungen. An die Schwester, die Freundin, die mutige Rebellin, die ihr einen Funken Lebenswillen dalässt.

Bachtyar Ali übertrifft sich mit „Perwanas Abend“ selbst. So blütenreich die Erzählung um den Freiheitsdrang der beiden Schwestern ist, so düster sieht ihr Leben aus. Hin- und hergerissen von der Sprachgewalt liest man sich in einen Rausch, der einem Derwischtanz nahekommt. Man schüttelt den Kopf, fiebert Nachrichten von Perwana mindestens genauso entgegen wie ihre Schwester und ist geschockt vom religiösen Fieberwahn der Bewohner der Stadt. Wenn so der Lesespätsommer aussieht, möge es niemals Herbst werden!

Trost

Na das ist ja mal eine Reise: Lissabon, Berlin, Brüssel. Und aus jeder Stadt kommt eine Geschichte. Nicht irgendeine, sondern jeweils eine großartige. Alle zusammen: Noch großartiger. Und die Frau, der das alles passiert ist, die das alles niedergeschrieben hat, heißt … nein, diese Frau hat keinen Namen. Sie hat nur ihre Erinnerungen, ihr Vergangenheit (in drei Städten) und ihre geistige Mutter – die Autorin dieses Romans – eine riesige Menge neuer Fans.

Sie ist in Lissabon. Auf der Flucht vor etwas Unausgesprochenem. Hier am Atlantik soll ihr neues Leben beginnen. Es beginnt mit einem Blick, einem Blick zurück, gefolgt von weiteren Blicken. Er steht am anderen Ende der Bar. Sie fasst sich ein Herz und gibt im Vorbeigehen, doch mit der Vehemenz ihrer Sehnsucht ihre Telefonnummer. Ein Date? Oh ja! Mehr als das. Eine Affäre, die als heiß zu bezeichnen den Zweck mehr als verfehlen dürfte. Er ist aufmerksam, zurückhaltend, genau das, wonach sie sich sehnte. Aber auch die Zeit schreitet voran. Und mit ihr das unauslöschliche Gefühl des Alltags. Trott und eine gewisse Unsicherheit umfangen sie. Ist es das Ende für sie? In Lissabon?

Ja, denn Berlin wartet. Und mit Berlin kommt Kimmy ins Leben der Fremden. Und wieder ist das dieses Kribbeln, dieses Verlangen … aber auch die Zweifel, ob hier das Ende der Reise beschieden sein wird. Ist es nicht. Denn Brüssel ruft schon aus der Ferne.

Drei Städte, eine Frau, drei Affären, eine einzige Suche nach Vollendung. Sie darf nicht glücklich sein. Nicht dauerhaft. Sie ist für den Moment geschaffen, verpasst jedoch immer wieder den rechtzeitigen Absprung in den nächsten Glücksmoment. Ein Trost sind die Erinnerungen, die flehentlichen Abzweigungen des Schicksals, die sie erst vorantrieben und dann auf der Stelle verharren lassen.

Iga Hegazi Høyer ist nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. Direktheit dort, wo sie angebracht ist. Zurückhaltung da, wo der Leser sich selbst ein Bild machen soll. Will man mit ihr tauschen? Nein, ja, oder doch, nein, lieber nicht. So unentschieden sie ist, so sehr knabbert man selbst an den eigenen Fingernägeln, wenn man versucht herauszubekommen, ab man sie beneiden oder bedauern soll.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.

Worum es wirklich geht

Das Jahr 2019 hielt und hält wieder zahlreiche Jubiläen parat, die mit viel Pomp und Betroffenheit in mehr oder weniger großem Rahmen begangen werden. 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz usw. Dass aber eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in diesem Jahr, am 22. Oktober, einhundert Jahre alt geworden wäre, geht im Wust der Bedeutsamkeiten unter: Doris Lessing, 2007 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Sie war nicht der angenehmste Interviewpartner für Journalisten. Ihre Bücher waren der breiten Masse zwar zugänglich, doch sie endgültig zu verstehen, war nur einem Teil vergönnt. Oft muss man als Leser die eigenen Gehirnzellen anstrengen, um der Geschichte den roten Faden zu verleihen.

So ist es auch in diesem Geschichtenband. Während des Lesens ist die Szenerie klar. Will man jedoch einzelne Stränge oder gar die ganze Geschichte nacherzählen, wird es knifflig. Doris Lessing verstand es meisterhaft dem Leser das Heft des Handelns bzw. des Abrundens der Geschichte in die Hand zu geben.

Da sind zwei Paare. Die Männer sind befreundet und wissen doch gar nichts vom Liebesleben des Anderen. Die Freundin des Einen ist empört ob dieser Tatsache, als sie den besten Freund ihres Schatzes anruft. Wie kann das sein? Steckt da vielleicht mehr dahinter? Oder ist sie gar nicht wichtig, dass man sich über sie unterhält? Ruck zuck ist man in der Geschichte, und somit im Werk Doris Lessings drin. Gefangen im Netz der Worte, im Reich der formunvollendeten Geschichten.

Es ist ein komfortables Gefängnis. Es gibt reichlich Futter für die grauen Zellen. Und der Ausblick – fantastisch! Doris Lessing saß auch einst in einem Gefängnis. Es mangelte aber an Komfort, Futter und Aussichten. Mit Fünfzehn verließ sie die Familie – vor allem die Mutter – und gelangte mit dreißig Jahren, einem Sohn und weniger als Nichts im Portemonnaie von Rhodesien kommend im weitläufigen London. Hier konnte sie sich selbst verwirklichen. Feministin, Kämpferin, Autorin – nur drei Berufe/Berufungen, denen sie nachging. Schließlich war sie auch Mutter, alleinerziehend.

Für alle, die Doris Lessing nur dem Namen nach kennen, ist dieses kleine Büchlein mit ausgewählten Geschichten ein Einstieg in Doris Lessings Werk. Voller Kraft und doch zerbrechlich, dass man es ganz leise liest, pflanzt sich die Sehnsucht nach mehr im Kopf fest.

Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

Wir waren eine gute Erfindung

Heute Abend kommt wieder die ganze Familie zusammen, um mit dem Sederabend das Pessachfest zu feiern. Salomon freut sich schon darauf. Dieses Jahr ist jedoch allesanders. Sarah ist nicht mehr da. Seine geliebte Sarah. Die mit so viel Hingabe das Essen zubereitete und mit noch mehr Liebe dieses Fest zu einem ganz besonderen Fest machte.

Was nicht immer einfach war, und es wohl auch niemals sein wird. Salomon wird wie immer seine Witze reißen. Witze, die nur er machen darf. Witze, die viele vor den Kopf stoßen. Witze, die sich um Auschwitz handeln. Er kennt die Hölle von Auschwitz. Er überlebte sie. Deswegen ist es sein Recht sich darüber lustig zu machen. Die Erinnerungen daran sind auch Jahrzehnte danach immer noch präsent.

Wie immer liegt er am Morgen noch in seinem Bett. Seine Seite der Schlafstätte zerwühlt, neben ihm alles wie am Abend zuvor. Heute Abend geht es wieder rund. Wenn seine Jüngste Michelle und ihr Gatte Patrick mit ihren Kindern Tania und Samuel auftauchen. Hoffentlich hat Patrick dieses Mal seine Verdauung im Griff! Wahrscheinlich eher nicht. So wie schon bei seiner Bar Mizwa. Salomon ergreifen die Erinnerungen.

Sarah hat immer die Familie über alles gestellt. Sie schaffte es mit Leichtigkeit Streit zu ertragen und niemandem Vorwürfe zu machen. Der Sederabend mit Sarah war immer ein Ereignis. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wird dieses Fest nur das Fest der Juden sein, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern soll.

Auch Salomons und Sarah Älteste Denise wird vorbei kommen. Wie immer zu spät. Wie immer mit einer ordentlichen Portion Mut im Gepäck. Mut allem, was ihr nicht passt die Stirn zu bieten. Die Stunden bis die Familie eintrifft, sind für Salomon Stunden der Erinnerung. An Urlaub mit den Kindern, an vergangene Sederabende, an die Fragen der Kinder, die ihren Vater und Opa durchlöcherten mit ihrer unschuldigen Neugier. Und an die Witze, die Salomon riss. An die beiden Goldfische, die er für Michelle und Denise auf dem Jahrmarkt eroberte. Göbbels und Göhring. So nannte er die beiden Fische. Salomons Humor war schon immer ganz speziell.

Joachim Schnerf schildert mit wohltuender Ruhe vom Wechselbad der Gefühle eines Mannes, der seiner Familie mit ganz besonderer Zuneigung entgegentritt. Sarah war es, die Harmonie versprühte, die die Autorität besaß jedwedem Zwist den Garaus zu machen. Leicht wurde es beiden nie gemacht. Streit und Geschrei gehörten zum Sederabend wie Lesen der Texte über die Flucht aus der Sklaverei. Die Bissigkeit des eigenen Schicksals, verbunden mit der Leichtigkeit der Liebe sind die Zutaten für ein gelungenes Fest, das dieses Buch kompromisslos feiert.