Berliner Geschichte Kalender 2020

Berlin nicht als historisch bedeutsame Stadt anzuerkennen, zeugt von Unwissenheit. Hier wurden bedeutende Großen ihres Faches geboren, Weltgeschichte geschrieben, rauschende Feste gefeiert. Und jedes Mal war ein Fotograf oder Maler zur Stelle, der diese bedeutenden Ereignisse festhielt. Ihre geschaffenen Zeugnisse sind es, die Geschichte erlebbar machen. Und 2020 wird ein Jahr, in dem man jede Woche diese Geschichte(n) noch einmal fast schon hautnah in Erinnerung rufen wird.

Das Jahr beginnt mit einem nicht ganz so glanzvollen Jubiläum, dass die 70er Jahre einläutete. Der Franz-Klub wurde gegründet. Sagt nicht mehr vielen etwas, hallte aber noch lange nach. Kultur war auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei schon länger zuhause. Jetzt kamen Rock und Jazz hinzu. Regimekritik zwischen den Zeilen lockte die Musikfreunde wie Systemkritiker gleichermaßen an. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 1977 zeigt die Schönhauser Allee aus einem Blickwinkel, den nicht viele genießen konnten und können.

Berlin hatte wie ganz Deutschland und Europa auch dunkle Zeit zu durchleben. Am 22. Februar 1935 kam das Aus für eines der bekanntesten Musikensembles seiner Zeit, den Comedian Harmonists. Das der Nachweis der arischen Herkunft nicht für alle Mitglieder zu erbringen war, wurde ihnen die Aufnahme in die Reichsmusikkammer verwehrt. Auf Deutsch: Auftrittsverbot! Das abgebildete Plakat sorgt heute noch (nach 85 Jahren) für große, leuchtende Augen.

Einen Massenauflauf gab es im Osten der Stadt am 19. April 1970, dem Jahr, in dem der Rock in die Kulturbrauerei einzog, an heutigen Platz der Vereinten Nationen, damals Leninplatz. Ein gigantischer Granitbrocken wurde aufgestellt. Der abgebildete hatte drei Tage später seinen hundertsten Geburtstag. Die Rede ist von Lenin. Sein „Mietvertrag“ dauerte allerdings nur reichlich zwei Jahrzehnte. 1991 wurde er geköpft, abgebaut und im Köpenicker Forst vergraben.

Von der ersten Litfasssäule (drei S!) über die Reichstagsverhüllung bis zur Geburt von Prinzessin Luise Ulrike von Preussen (muss mit zwei S auskommen, die Ärmste) ist man im Jahr 2020 bestens informiert und unterhalten über das, was Berlin bewegte. Erschütternd, propagandistisch, nachvollziehbar, so muss Geschichte gezeigt werden!

Thorbeckes historischer Fahrradkalender 2020

Jedes Jahr im Sommer wird fast ganz Europa von einem rätselhaften Fieber erfasst. Man hockt stundenlang vor der Glotze und schaut gebannt zu wie sich erwachsener Männer – mehr oder weniger stimuliert – auf ihren Drahteseln von A nach B bewegen. Reporter versuchen diese Zeit – ebenso mehr oder weniger engagiert und eloquent – mit unterhaltsamen Fakten zu untermalen. Es ist wieder Tour de France. Drei Wochen Werbung für Frankreich.

Mahr als siebzehn Mal so lang wirkt dieser Kalender. Historische Bildzeugnisse aus Zeitungen, Illustrierten, Prospekten aus allen Sparten des Radsports zeugen von der Faszination Radfahren. Wie zum Beispiel das Titelblatt des „Le Petit Journal“ vom 26. September 1891, in dem ein gewisser Charles Terront vorgestellt wurde. Er war einer der ersten Superstars der Szene. Frisch geduscht, mit frischen Trikot wurde er nach seinem Sieg des Rennens von Paris nach Brest für die Nachwelt verewigt. Er selbst begann seine Karriere auf dem Hochrad. Nach dem „Abstieg“ auf „normale“ Vehikelgröße gewann er Bahnradrennen wie Straßenrennen.

Hochräder waren nicht zu übersehen. In luftiger Höhe überschaute man die Landschaft und schaute herab auf Fußgänger. Ein riskantes Unterfangen, denn bei plötzlichem Bremsen, war der unfreiwillige, und somit verletzungsanfällige Abstieg, vorprogrammiert. Die Werbung von Columbia Bicycle zeigt aber auch die Eleganz dieses grazilen Gefährtes.

Es sind nicht nur glitzernde Bilder aus der Welt des Radfahrens, die diesen Kalender zu einem echten Highlight des Jahrs 2020 machen. Auch technische Detailzeichnungen wie von einem Patentkurbellager oder eines Dreigang-Nabengetriebes zeigen die Präzision, mit der das Produkt Fahrrad beworben wurde. Rennszenen, schon damals – so zeigt es das Titelbild des „La Domenica del Corriere“ – erregten spektakuläre Rennverläufe, wie nach einem Sturz, die besondere Aufmerksamkeit der Leser.

Ein wenig Wehmut schwingt schon mit, wenn man schon vorher ein wenig durch den Kalender blättert. Echte Kerle, die ohne Begleitfahrzeug ihr Rennen bestritten. Keine Wasserträger, die ihren Kapitänen, das Wasser reichen, weil sie ihnen aufgrund mangelnder Unterstützung aus der medizinischen Abteilung das Wasser nicht reichen können. Kein Vergleich mit dem Heute.

Diesen Kalender als nur hübsch anzusehen, ist eine gewaltige Untertreibung. Mit großen Augen erwartet man den Montag, um ein neues Histörchen aus der pedalen Welt zu erfahren. Die kurzen Texte auf jedem Blatt halten so manche vergessene Geschichte parat.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!

Goldwäsche

Erst kommt das Fressen, dann die Moral – Bertolt Brecht hat es formuliert, was viele denken … und wonach viele handeln. Der Titel dieses Buch setzt ein gesundes Maß an Neugier und Gedankenfreiheit voraus. Als vor ein paar Jahren medienwirksam die steigenden Goldpreise zu Massenverkäufen des Familiengoldes führten und die These verbreitet wurde, dass das alle paar Jahre passiert (bei den vorangegangenen Preisexplosionen las man gar nichts darüber, oder?!), war Gold auf einmal wieder in aller Munde. In reißerischen Artikel und Beiträgen wurden Menschen gefunden, die den umgekehrten Weg gingen, und sich das Gold aus dem Munde nehmen ließen, um vom Erlös was auch immer zu erwerben. Deutschland, Europa, die Welt war im Goldrausch. Kleine Läden mit Goldankaufangeboten schossen aus dem Boden wie in osteuropäischen Hauptstädten zwielichtige Wechselstuben. Da störte sich niemand an der Nationalität der Käufer. Wie Brecht schon richtig erkannte…

Das glitzernde Edelmetall ist seit jeher mit Zahlen verbunden. Das Grab von Tutenchamun enthielt 110 Kilogramm Gold. Reines Gold, ohne irgendwelche Zusätze! Die Minenstadt Rinconada in Peru, der dreckigste Ort der Welt, zählt mittlerweile über 60.000 Einwohner. Und für ein Gramm Gold bekommt nach je nach Marktlage so um die dreißig Euro.

Der Autor Markt Pieth ist Strafrechtsprofessor und hat sich in den vergangenen 25 Jahren intensiv mit Gold, seiner Gewinnung, seinem Weg in die Auslagen der Läden und an die Körper der Menschen auseinandergesetzt. War Gold einst Symbol für Macht ist es heute im arabischen und indischen Raum für Frauen beispielsweise die einzige Möglichkeit Eigentum zu erwerben und zu verwerten. Währungen sind an das Gold gebunden. Ehepaare tragen es als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Doch zwischen Abbau und Präsentation liegt ein langer, fast immer menschenverachtender Weg.

Was Rinconada zum dreckigsten Ort der Welt macht, ist die Goldgewinnung. Jeder Arbeiter schuftet vier Wochen am Stück für den Minenbetreiber. Zwei Tage hat er dann Zeit weiter zu arbeiten, dieses Mal aber für in die eigene Tasche. Die Gesteinsbrocken werden mit Quecksilber gewaschen, Arbeitsschutzmaßnahmen Fehlanzeige, die Reste werden wie der Hausmüll einfach in die Umgebung geschüttet. Es stinkt zum Himmel, leider wortwörtlich.

Internationale Standards für einen fairen Abbau und Handel sind vorhanden, aber lückenhaft. Und deren Einhaltung ist weit davon entfernt lückenlos dokumentiert zu werden. Und in diesen Lücken hat sich die ganze Branche eingenistet.

„Goldwäsche“ ist die erste Wahl für alle, die dem Glanz des Goldes nicht allzu leicht erliegen, sondern wissbegierig hinter die glänzende Fassade eines Geschäftes schauen wollen, die mehr als ein Gesicht trägt. Eine Weltreise von den Anden bis nach China, von Indien bis ans Kap der Guten Hoffnung. Mark Pieth benennt Ross und Reiter und scheut auch nicht davor ihr Geschäftsgebaren offenzulegen. Der schöne Schein trügt wie so oft im Leben, doch weitab von Klischees und wilden Spekulationen gibt dieses Buch tiefe Einblicke und bietet obendrein noch Lösungen dafür, wie aus reinem Gold sauberes Gold werden kann.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Die Adern Wiens

Straßen als Adern einer Stadt zu bezeichnen, ist schon seit Jahren in Mode. Wer in Wien während der Rush hour im Stau gestanden hat, könnte leicht das Gefühl bekommen, dass ein verlangsamter Puls nicht zwingend zum Herzstillstand führen muss. Man kann sich links und rechts an der Architektur erfreuen. Nach ein paar Wochen wirkt allerdings auch das nicht mehr.

Norbert Philipp studierte in Wien und schwimmt mit in seinem Buch durch die Arterien und Venen einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die eine oder andere Straße ist so bekannt, dass man meint sie müsse nicht mehr vorgestellt werden. Doch selbst die Kärtner Straße birgt noch Geheimnisse in sich, die man erst durch dieses Buch erkennt. In dem Kapitel über die berühmteste Einkaufsmeile Wiens wartet der Autor gleich mit einem interessanten Fakt auf. Wer Wien allein erleben will, der macht am besten einen großen Bogen um die Kärntner, besonders zwischen halb und um Fünf. Dann ist diese Fußgänger-Straße am belebtesten, am beliebtesten … am vollsten.

Ein sehr langes und abwechslungsreiches Leben hat die Währinger Straße hinter sich und sicher auch noch vor sich. Es geht Auf und Ab. Burgerbuden und Häuser mit Geschichte, dichter Verkehr und lauschige Plätze zum Entspannen bilden auf sowie links und rechts der Währinger Straße ein Netz, das moderne Urbanität stilvoll vorlebt.

Auf seiner inspirierenden Reise auf Wiens Straßen, den Adern der Stadt, trifft Norbert Philipp zwangsläufig auf die ereignisreiche Geschichte der Mariahilfer Straße. Vor nicht allzu langer Zeit war hier das Infarktrisiko am größten. Beginnend am Museumsquartier lieferten sich Autos und Fußgänger ein atemraubendes Rennen. Bis die Stadt beschloss die Bergaufstrecke (vom Museumsquartier kommend) – und natürlich auch die Gegenrichtung – nur noch für Lieferanten zu öffnen. Die anliegenden Geschäfte liefen Sturm. Wie sollen denn jetzt die Kunden in die Geschäfte kommen? Das ist der Untergang! Doch alles kam anders. Heute trollen sich, besonders am Abend Musikanten, Skater und Bummler auf der verkehrsberuhigten Straße und machen sie zu der Straße mit dem ungehindertsten Menschfluss der Stadt.

Eine Stadt muss sich entwickeln, um überleben zu können. Eine Metropole wie Wien immer wieder neu zu erfinden, weiterzuentwickeln, bedarf Mut und Weitsicht. Nicht immer sind die Veränderungen sofort spürbar und noch seltener werden sie umgehend angenommen.

„Die Adern Wiens“ sind besonders strapazierfähige Ströme, die den Besucher aufnehmen und ihn an die unterschiedlichsten Orte führen. Als Bettlektüre ist dieses Buch die ideale Einstimmung auf den folgenden ereignisreichen Tag und eine Ergänzung zu so manchem Reiseband. Wer die beiden Bände „Wien abseits der Pfade“ vom Braumüller-Verlag schon als unerlässlich kennengelernt hat, wird mit diesem Buch eine unkonventionelle Ergänzung mit enormem Hintergrundwissen entdecken.

Glücksmomente am Gardasee

Wer am Gardasee Urlaub macht, hat das Glück an sich schon gepachtet. Strahlend blauer Himmel, kühles Nasse und eine Aussicht, die Ihresgleichen sucht. Und wenn man den Autoren Monika Kellermann und Thilo Weimar glauben darf, findet man zusätzlich zu diesen drei unschlagbaren Erholungsmomenten noch weitere 146 Glücksmomente, die den Urlaub unvergesslich machen. Und jeden Moment ewig währen lassen…

Neben zehn Badestränden, die nicht nur die Top Ten bilden, sondern von Natur aus (und das ist hier wortwörtlich zu nehmen) langanhaltende Glücksmomente bescheren, sind es so genannte Highlights, die man vor Ort als gegeben hinnimmt. Wie zum Beispiel San Zeno, das Maroni-Paradies. Zur Monatswende Oktober / November werden die Früchte geerntet. Wer zu dieser Zeit am Lago di Garda urlaubt, darf dieses Ereignis nicht verpassen. In der Taverna Kus kann man es sich gut gehen lassen. Und Maroni in allen Variationen genießen. Die Autoren können allerdings noch einen drauf setzen. Nach dem Weinkeller fragen, soll ihrer Meinung nach den Genussmoment noch verstärken und verlängern.

Desenzano ist ein Paradies für Modebewusste. Tessilandia heißt das Zauberwort – Stoffe und Muster, dass einem das Auge übergeht. Je nach Muße kann auch dieser Glücksmoment länger dauern als so manche Eiskreation am Wegesrand. Die verschafft ja auch oft – nur leider auch zu oft zu kurz – einen Glücksmoment.

Dieser kleine Reiseband verspricht nicht reißerisch Highlights und versteckte Kleinode, er präsentiert sie kurz und prägnant. Vor allem aber übersichtlich und leicht nachvollziehbar. Das praktische Format lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen, ob man nun noch ein Reisebuch über den Gardasee einpacken soll oder nicht. Dieses Buch gehört mit auf Reisen, auf jedem Spaziergang, zu jeder noch so kurzen Erkundungstour. Auch wenn man schon das eine oder andere Mal am Gardasee die schönste Zeit verbracht hat. Selbst Experten werden überrascht sein, was ihnen bisher entgangen ist.

Tierische Jobs

Wenn dieses Buch Schule macht, sind die Warteschlangen in Zoohandlungen bald länger als die in den Praxen der Fachärzte. Denn Tauben können Tumore besser erkennen als so mancher Spezialist, wenn man sie trainiert Röntgenbilder zu betrachten. Und Ratten sind um ein Vielfaches schneller als der Mensch bei der Tuberkuloseerkennung. Nicht alle Ratten, sondern nur die Gambia-Riesenhamsterratte. Und wer kennt nicht die spanische Fliege? Natürlich nur vom Hörensagen. Ein kleiner Käfer, also keine Fliege, der Cantharidin enthält. Das hilft einigen Menschen nicht sich zu entspannen, sondern genau das Gegenteil in bestimmten Körperregionen zu fördern. Blöd nur, dass die Menge, die dafür benötigt wird, nur geringfügig geringer ist als die tödliche Menge dieser Substanz. Spricht man deshalb in Frankreich auch vom kleinen Tod …?

Es gibt halt Arbeiten, die will man einfach nicht verrichten. Sehr zuvorkommend von den Tieren, sich anzubieten dieses Jobs zu verrichten. Kapuzineraffen sind – vorrangig in den USA, da sind die Tierschutzgesetze nicht so streng wie anderswo – für Behinderte oft Haushaltshilfen par excellence. Vom Müll rausbringen, über Brille aufsetzen bis hin zum Kratzen an Stellen, die man selbst nicht erreichen kann, sind sie unersetzlich. Und – an diesem Thema kommt niemand mehr vorbei – sie kosten nichts. Für die Ausbildung werden 40.000 Dollar veranschlagt, doch das Tierchen kann nach bestandener Prüfung und Eingewöhnungszeit zwei bis drei Jahrzehnte „arbeiten“. Der Schimpanse, der dem Menschen so ähnlich ist, bekommt das nicht hin. Wenn er geschlechtsreif ist, stellt er für den Menschen immer öfter eine Bedrohung dar.

40.000 Euro hingegen muss man heutzutage für ein Kilo Sommergras-Winterwurm hinblättern. Ein seltenes Wesen, das nur in den Höhen des Himalaya-Gebirges vorkommt. Die Geistermotte legt ihre Eier ab. Daraus entwickeln sich Raupen. Diese werden von den Sporen des Raupenkeulenpilzes befallen. Nach und nach wächst ein Pilzfruchtkörper heran, der in China als Universalheilmittel gilt. Und es ist ein … man kann es sich schon denken … Potenzmittel.

Es ist eine Wonne das Buch von Mario Ludwig zu lesen. Von Drogenspürhunden hat man schon gelesen. Auch von widerwärtigen tierischen Einsätzen in Kriegsfällen. Doch diese Ansammlung an teils mehr als außergewöhnlichen Einsatzgebieten von Tieren in menschlicher Umgebung, lässt aufhorchen. Kröten als Schwangerschaftstest sind da nur die originelle Spitze eines Eisberges, den kaum ein Wissensreisender je gesehen hat.

Frankenstein oder der moderne Prometheus

Welcher Autor kann schon von sich behaupten über zwei Jahrhunderte Generationen von Lesern mit nur einem Buch begeistert zu haben? Die Aufzählung dürfte reichlich dürftig ausfallen. Mary Shelley könnte dieser Herausforderung gelassen entgegen sehen. Sie und ihr Frankenstein sind derart eng miteinander verwoben, dass kein beschriebenes Blatt zwischen Kreateur und Kreatur passt. Als dann auch noch Hollywood und die Hammer Studios in England dem Stoff ihre besondere Note verliehen, war es in Stein gemeißelt: Dieses Buch wird niemals in Vergessenheit geraten!

Die zahlreichen Verfilmungen und Verfremdungen haben aber auch eine dunkle Seite. Denn viele meinen, dass der Film ausreicht, um den Stoff zu kennen. Falsch! Boris Karloff, Bela Lugosi, Peter Cushing, Christopher Lee und wie sie alle hießen, interpretierten ihren Frankenstein auf ihre eigene Art und Weise – künstlerische Freiheit. Und dass Lord Byron einer der Anstifter zu dieser Geschichte war, ist fast schon in Vergessenheit geraten. Die düsteren Bilder, die dem Zuseher vor den Augen flimmern, lassen einem schon fast vergessen, dass der Geburtsort Frankenstein nicht in einem vom Moor umgebenen verwunschenen englischen Schloss liegt, sondern in einem Labor in der Westschweiz, nahe Genf. Der Student Viktor kann die Finger einfach nicht von der Wissenschaft lassen. Sein Forscherdrang ist derart unnachgiebig, dass er ein Geschöpf kreiert, das bald schon eigene Entscheidungen treffen kann. Es sind die falschen Entscheidungen!

Bei der aktuellen Diskussion um Künstliche Intelligenz, in der erstaunlicherweise mehr Wissenschaftsjournalisten als „echte Wissenschaftler“ die Agitation übernehmen, wirkt dieses Buch wie ein Warnsignal. Künstliche Wesen schaffen nie etwas Gutes! Es gibt immer jemanden, der ihren guten Kern ins Gegenteil umwandelt.

Diese Ausgabe zeichnet sich durch ihre exquisite Aufmachung aus. Jede Abbildung von Martin Stark sitzt wie ein Stich ins Herz des Lesers. Passend zur düsteren Stimmung des Buches, das erstmals im Jahr 1818 veröffentlicht wurde, wirken die Schwarz-Weiß-Illustrationen wie ein Wink des Himmels. Dafür gab es zu Recht bei den European Design Awards die Goldmedaille in der Kategorie „Book & Editorial Illustration“. Und so liest man dieses Buch zweimal. Erst den Text, und ein zweites Mal die Zeichnungen. Man erinnert sich an einzelne Textpassagen, die zu den Bildern gehören, und wird sich ein weiteres Mal der Tragweite dieses Buches bewusst.

Ein Bücherregal ohne Frankenstein ist möglich. Ein Bücherregal mit ähnlicher Literatur ohne dieses Buch ist so nutzlos wie die meisten Verfilmungen des Frankensteins!