Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Brunos Gartenkochbuch

Das Buch wirbelt ganz schön Staub auf, wenn man es in die frisch gepflügte Erde fallen lässt. Das liegt zum Einen an der Größe, mehr als doppelt so groß wie der „normale“ Bruno-chef-de-police-Krimi, zum Anderen liegt es vor allem am Inhalt.

Klar, Bruno ist ein Ermittler wie man ihn sich wünscht, wenn man nicht gerade ein Krimineller ist. Denn hat man ganz schlechte Karten! Brunos Netzwerk ist Saint-Denis. Hier lebt er, hier kennt ihn jeder, hier schätzt man seine ruhige besonnene Art die Dinge anzugehen. Und man schätzt seine Erfolge. Was man aber am allermeisten an ihm mag, sind seine Kochkünste. Kein Falle ohne Küchenzwischenspiel, bei dem auch Balzac, sein Basset niemals zu kurz kommt.

Die Krimireihe wu4rde in der Vergangenheit durch Kalender und ein Kochbuch ergänzt. Nun begibt sich Martin Walker, der geistige Vater von Bruno, in seinen eigenen Garten. Was da aus der Erde lugt, landet früher oder später in Töpfen und Pfannen und auf den Tellern. Zusammen mit seiner Frau Julia Watson hat er es sich im Périgord gemütlich gemacht. Hier in der Wiege der französischen Küche, anders kann man dieses Idyll nicht bezeichnen, findet er die Inspiration für Brunos Fälle, die immer (!) mit einem lukullischen Menü verfeinert werden.

Kleine Kostprobe gefällig? Salat aus Frühlingsgemüse mit weichem Ziegenkäse. Pamelas gekühlte Tomatensuppe mit Kräutermousse, ideal für den sonnendurchfluteten Sommer im Périgord. Kleine Walnuss-Birnen-Blauschimmel-Käse-Törtchen, schon beim zweiten Bindestrich läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und im Winter? Enten-Schwein-Pflaumen-Walnuss-Terrine. Ohne Worte. Buch, Augen und Mund auf – fertig ist das Paradies!

Martin Walkers Gartenkochbuch ist ein Ratgeber durch Gartenjahr, von denen es in den Bücherregalen wimmelt. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Hingabe des Autors und seiner Frau zu jeder einzelnen Zutat. Das spürt man beim Betrachten der ganzseitigen Bilder, bei den Rezepten mit den sorgfältig ausgewählten Ingredienzien, bei jeder Zeile, die die Zubereitung beschreibt. Hin und wieder ist der Einkauf der Zutaten mit ein bisschen Recherche verbunden, da sie nicht sofort greifbar sind. Aber wie bei einem guten Krimi, ist jeder Schritt in die richtige Richtung ein Fortschritt, der zu einem Ergebnis führt, das alle am Tisch in ein wohliges Schmatzen einstimmen lässt.

Wer Bruno mag, wird sich in dieses Gartenkochbuch verlieben. Als Zuckerli für die gespannte Krimileserseele gibt es zwei neue Geschichten um Bruno, das Essen, und das Périgord.

Ich schreibe, also bin ich

Was macht eine Schriftstellerin zu einer guten Schriftstellerin? Ihre Werke, ihre Preise, die Diskussion des Werkes? Für den Leser mögen dies alles Parameter für Erfolg bzw. Misserfolg sein. Für den Autor selbst zählt in erster Linie nur die Tatsache, dass er überhaupt schreiben kann. Als Autorin ist es nicht selbstverständlich (gewesen), neben Kindererziehung, Haus-In-Schuss-Halten, Küche und Garten auch noch die Zeit zum Schreiben zu finden. Erst wenn sie wirklich schreiben konnten, waren sie das, was sie selbst sein wollten: Autorinnen, Schriftstellerinnen, Geschichtenerzählerinnen, Mahnerinnen, Beobachterinnen.

Und das kann an ganz unterschiedlichen Orten geschehen. Es muss nicht immer das erhabene Anwesen sein wie es Virginia Woolf bewohnen durfte. Auch gehört nicht zwingend der Verzicht auf sämtliche Annehmlichkeiten – wie bei Marina Zwetajewa – zur Legendenbildung dazu. Und schon gar nicht die Enge einer Gefängniszelle, wie sie Rosa Luxemburg so „ihr eigen nennen durfte“.

Simone Frieling stellt in ihrem Buch Autorinnen vor, die an den unterschiedlichsten Orten ihr Wirken ausleben konnten bzw. der Not trotzten und schrieben, was sie umtrieb. Luxus um einen herum ist kein Garant für Erfolg. Genauso wenig wie Kargheit einen nicht davor schützt erfolglos zu wirken. Es sind allesamt starke Frauen, die aufs Podest gehoben werden. Ja, aufs Podest! Denn nicht eine dieser Frauen ist bis heute vergessen. Sie lebten ihr Leben mal spärlich, mal öffentlichkeitswirksam. Ihre Werke wurden verkannt, bejubelt und sind immer noch verfügbar.

Hannah Arendt genoss von ihrem Schreibtisch den Blick über den Hudson-River in New York. Gertrude Stein war als Autorin weniger erfolgreich denn als Kunstsammlerin, so dass eine Stippvisite (angekündigt, bitteschön!) mehr einem Museumsbesuch glich. So viel Picasso in einem Raum, da werden selbst Prado, Albertina und Louvre neidisch. Elisabeth Langgässers Werk konnten selbst Vertreibung aus dem (Gruneweald-) Paradies nichts anhaben. Ihr sehr wohl.

Die in diesem Buch zusammengeführten Biographien zeigen eines ganz deutlich: Als Frau hatte man es noch nie leicht. Als Autorin noch einmal um ein Vielfaches schwerer. Doch wer an sich und seine Sache glaubt, dem gelingt auch auf engstem Raum Weitreichendes.

Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. So einen kann man doch gar nicht nett finden oder gar mögen. Semjon Golubtschik ist so einer. Mittlerweile lebt er in Paris. Auf Geheiß der Partei, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, irgendwann in der 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Tari-Bari ist der Ort, in dem man sich trifft. Kaschemme, Lokal, Bar – auf alle Fälle ist es hier dunkel, grau, verraucht, düster. Auch die Besucher, meist Emigranten aus aller Herren Länder, meist Russen, sind grau, verbraucht, runtergekommen, desillusioniert. Und wenn einer bunt, kann man davon ausgehen, dass man ihn kennt.

Der Erzähler wohnt direkt gegenüber des Tari-Bari. Man kennt ihn. Er ist Stammgast. Ist ein bunter Vogel. Nur ungern gibt er sich als Russe zu erkennen. Zu viele Spitzel. Außerdem könnte man ihn als Spitzel ansehen. Doch dann schnappt er – schließlich spricht er russisch – ein paar Wortfetzen auf. Mörder! Dieses Wort lässt ihn aufhorchen und sich umdrehen. Da hinten, das ist der Mörder. Ein Mörder? Unter uns? Es ist Semjon Golubtschik.

Ehe sich alle versehen, scharen sie sich um Semjon. Und der hat endlich genug von seinem Leben und gibt selbiges zu Besten. Alle sind gespannt auf seine Geschichte. Eigentlich heißt er Krapotkin. Sein Blut ist blau, da sein Papa, besser gesagt, sein Erzeuger, ein Fürst war. Eben ein Krapotkin. Wohlhabend, adelig und keinem amourösen Abenteuer abgeneigt. So kam es auch, dass er der Mutter von Semjon Golubtschik über den Weg lief. Und siehe da, schon kurze Zeit später – neun Monate (!) – war der kleine Semjon geboren. Sein Vater, der Förster, zog Semjon nach seinen Vorstellungen groß. Warum auch nicht, Semjon ist ja sein Sohn.

Schon früh lernt Semjon, dass nicht der Förster, sondern der Fürst sein Vater ist. Alt genug eigene Entscheidungen treffen zu können, stellt er sich ihm vor. Im Schlepptau hat er einen gewieften Geschäftsmann aus Budapest. Der ihn immer wieder ermuntert sein Pläne für die Zukunft in die Tat umzusetzen. Nicht ganz ohne Eigennutz. Der Fürst empfängt den Zögling, speist ihn allerdings nicht minder geschwind mit einer Art Abfindung und abschiedsgrußlos ab. Als Geheimpolizist macht Semjon dann rasch Karriere.

Der Abend verfliegt, die Geschichte wird immer schauriger. Bis Semjon zum Kern des Pudels vordringt: Dem Mord. Oder war es mehr als einer?

Joseph Roth malt mit Worten ein düsteres Bild eines düsteren Menschen. Die Golubtschik / Krapotkin ist keiner, den man sich gern zum Feind macht. Ist er ein Opfer der Umstände oder bringen eben diese Umstände nur das Schwärzeste in ihm ans Tageslicht? Fasziniert und gebannt hechelt man der nächsten Perfidität des Widerlings hinterher. Denn man weiß, dass die Geschichte immer weiter gehen wird…

Klaus Waschk malt mit groben Linien ein nicht minder düsteres Bild. Genauer gesagt sind es fünfzig Bilder. Schroff, fast ausnahmslos Kohlezeichnungen, bieten sie dem Leser eine Leben dar, das gänzlich auf ehrliche Gefühle verzichtet. Der Drang sich selbst in ein Licht zu setzen, das weder strahlt noch eine glänzende Aura verströmt, lässt nur diese eine Art der Illustration zu. Eindrucksvoll und pointiert sind sie mehr als nur Beiwerk, sie sind die ideale Ergänzung zu Joseph Roths einmaliger Erzählweise.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Naturerkundungen mit Skizzenheft und Staffelei

Das waren noch Zeiten: Ohne GPS, WiFi und flinken Fingern sich durch wirklich unentdeckte Regionen kämpfen. Stattdessen mit dem unbedingten Willen etwas ans Tageslicht zu fördern, das die Welt überhaupt noch nicht gesehen hat. Das ist lange her. Und die, die damals mit Pinsel, Stift und Machete durchs Dickicht huschten, sind immer noch in aller Munde. Haben sogar Hashtags in den sozialen Medien.

Charles Darwin ist sicherlich einer der bekanntesten Abenteurer, wobei der Begriff Forschungsreisender sicherlich passender sein dürfte, dessen Wirken in diesem Buch so eindrucksvoll dargelegt wird. Ebenso Maria Sibylla Merian, deren detailgetreue Schmetterlingszeichnungen bis heute den Betrachter in Staunen versetzen. Alfred Russel Wallace war zu seiner Zeit ein Superstar unter den Forschern. Seine „Mitbringsel“ vom Amazonas füllten damals schon Museen. Von deutscher Seite ist Alexander von Humboldt mehr als nur eine Randnotiz wert. Der Orinoco ohne Humboldt? Unvorstellbar!

Dieses Buch setzt 23 Forschern ein gedrucktes Denkmal, das umfassend deren Arbeit ins rechte Licht rückt. Die 18 Autoren gehören entweder direkt zum Londoner Natural History Museum oder sind mit ihm eng verbunden. Ihnen sind die ausgestellten Exponate so nah wie den beschriebenen Forschern die sie antreibende Neugier.

Jedes einzelne Kapitel besticht durch Fachwissen und den Drang dem Leser eine Welt zu eröffnen, die durch den modernen Informationsfluss immer weniger Spielraum für eigene Phantasien lässt. So viel wie man meint zu wissen, weiß man dann doch nicht. Die Essays sind wahre Fundgruben für jeden, der die Vergangenheit als mindestens genauso spannend erachtet wie die Zukunft. Immer wieder ertappt man sich beim Lesen, dass eigene Pläne im Hinterstübchen gemacht werden. Mit den Möglichkeiten der Gegenwart muss es doch auch möglich sein Neues zu entdecken und der Nachwelt zu erhalten. Allerdings liegt die Messlatte durch Thomas Waitling, Joseph Hooker oder Margret Elizabeth Fountaine sehr hoch!

Die souveräne Leserin

Fahrende Bibliotheken sind die einzigen Fahrzeuge, die generell überall parken dürfen. Denn sie bringen Geschichten zu den Menschen. Mr. Hutchings fährt so einen Bücherbus. Immer dieselbe Route. Mittwochs ist er den Royals immer sehr nah. Denn dann parkt er direkt vor deren „Niederlassung“. Norman aus der Küche ist einer der treuesten Leser und macht sich schon im Bus immer über das erste Buch her.

Doch eines Tages, eines Mittwochs wird es ganz still im Bus. Eine ältere Dame besteigt den Bus. Sie ist ganz erstaunt als sie das Innere des Busses sieht. Eine fahrende Bibliothek. Das ist ja fabelhaft! Man kann es sich schon denken: Die ältere Dame ist keine Geringere als die Queen. Ihr fehle leider zu oft die Zeit zum Lesen. Und ob Mr. Hutchings ihr nicht etwas empfehlen könne. Kann er. Und so schnell wie die Queen kam, verschwand sie auch wieder.

Von nun an hat der Bücherbus eine neue Stammkundin. Nicht immer kann sie selbst vorbeischauen. Dann bittet sie Norman, der mittlerweile ihr Amanuensis ist, ihr literarischer Assistent und sie eine Opsimathin, eine Spätlernende, die Bücher zurückzubringen und neuen Lesestoff für die zu besorgen. Sie liest Proust, vertieft sich in „Englische Liebschaften“.

Doch das Hofprotokoll in Person von Sir Kevin macht der Monarchin und ihrem Gehilfen einen Strich durch die Rechnung. Die Bücherbusroute wird verlegt als die Presse Wind von der neuen Leidenschaft der Queen bekommt. Doch als Majestät lässt man sich nicht beirren. Ihr Wissen bereichert so manche Unterredung mit dem Premierminister, und Staatsbesuche bekommen von nun an einen literarischen Anstrich. Nicht jeder „Amtskollege“ ist Ihrer Majestät gewachsen…

Alan Bennett setzt mit dieser ergreifenden Geschichte seiner Queen und den Büchern, die er so gern gelesen hat ein unverrückbares Denkmal. Eine liebenswerte Frau reiferen Alters verspürt noch einmal einen Schub. Ihr Wissensdurst wird durch Termine (Kunstturnen in Nuneaton) immer wieder auf die lange Bank geschoben. Der Bücherbus ist willkommene Abwechslung und das Fanal in eine neue wissensreiche Zeit. Mit viel Zuneigung zur Queen lässt er den Hofstaat mit all seinen Intrigen dabei nicht gut aussehen. Einzig allein die Queen und die Bücher sind die strahlenden Stars in „Die souveräne Leserin“. Die Zeichnungen von Kai Würbs unterstreichen den zärtlichen Charakter der Geschichte. Wem treibt es nicht die Freudentränen in die Augen, wenn er die mächtigste Frau der Welt nach einem Buch greifen sieht. Auf einem Schemel. Auf Zehenspitzen… Zum Totlachen.

Pnin

Na das geht ja gut los! Timofey Pnin ist russischer Collegeprofessor in Waindell. Und das obwohl seine Englischkenntnisse immer noch des Öfteren zum Schmunzeln einladen. Er ist auf dem Weg nach Cremona, nicht das lombardische, berühmt für seine Streichinstrumentenbauer, sondern ein Städtchen in der Nähe seines Wohnortes. Um Zeit zu sparen nimmt er nicht den empfohlenen Zug, sondern den mit dem er sag und schreibe 14 Minuten Fahrweg spart. Wozu hat er sonst jahrelang Fahrpläne gesammelt, wenn er sie nicht gewinnbringend einsetzen kann. Blöd nur, dass die Fahrpläne allesamt veraltet sind. So muss er unterwegs Station machen, und den Bus nutzen, um am Ende des Tages zwei Stunden verloren zu haben. So ist er, unser Pnin. Der Umwelt immer einen Schritt voraus, doch der Zeit gnadenlos hinterherhinkend.

Pnin stolpert mehr durchs Leben als dass er einem wirklichen Plan folgt. Er ist ein gutherziger Mensch, den man einfach mögen muss. Doch er ist auch ein dankbares Opfer für Spott. Und sein Job ist auch nicht so sicher wie Pnin meint. Im Hintergrund ziehen jedoch Leute für ihn Strippen, die er kennt und mag, und die im Gegenzug auch ihn mögen.

Vladimir Nabokov wollt eigentlich seinen Helden sterben lassen. Diese Idee verwarf er und bereute sie niemals. Was ein Glück! Denn Timofey Pnin darf nicht sterben. Leute wie er – ein wenig aus dem Rahmen fallend ohne dabei Schaden anzurichten – braucht jede Gesellschaft. Sei sie auch noch so groß oder so klein!

Die einzigartige Aufmachung dieses Buches, das vor fast siebzig Jahren zum ersten Mal erschien, rücken Nabokov und einen fast schon vergessenen Roman ins Rampenlicht. Wer ihn nicht kennt, meint auf dem Cover „Pinn“ zu lesen. Doch nein, es heißt wirklich Pnin. Ein Russe, der vor der russischen Revolution floh (die Parallelen zu Nabokov sind unübersehbar) und über Paris in die Staaten kam. Der Sprache kaum mächtig, einen riesigen Wissensschatz im Gepäck, bleibt für ihn nur eine Möglichkeit zu überleben: Russisch zu unterrichten. Und das im Amerika der 50er Jahre! McCarthy wütet gerade erfolgreich und verteufelt alles, was auch nur im Ansatz die Farbe Rot in sich trägt. Diesen Aspekt lässt Nabokov außer Acht. Keine Hetzjagd, keine Anfeindungen wegen Pnins Herkunft. Dennoch ist Pnins Leben in den Staaten kein Zuckerschlecken. Das liegt in erster Linie an ihm selbst. Weiß er das? Egal! Pnin ist da, lebt und lässt andere daran teilhaben. Die knallbunten Zeichungen von Thomas M. Müller sind kein Widerspruch zum farblos erscheinenden Pnin – sie sind vielmehr eine Ergänzung seines Charakters.

Herrn Arnes Schatz

Kein lauschiges Wintermärchen im wohligen Mantel eines Kindheitsabenteuers. Vielmehr eine Geschichte, die dem Leser Schauer über den Rücken jagt. Fast schon kindgerecht zubereitet von der Lieblingsautorin unzähliger Generationen von Kindern, Selma Lagerlöf.

Es ist kalt und dunkel im schwedischen Februar. Torarin, der Fischkrämer zuckelt mit seinem Karren übers eisige Land. Das Meer ist bis zum Horizont zugefroren. In der Ferne leuchtet ein, das Haus von Pfarrer Arne. Dem geht‘s gut. Er hat’s warm, seine Familie um sich und immer genug Essen auf dem Tisch. Torarins Arm ist gelähmt, weswegen er nicht richtig arbeiten kann, so wie es sich gehört für einen echten Kerl in dieser unwirklichen Gegend. Sein Hund Grim ist sein einziger Freund.

Doch die Stimmung bei Herrn Arne ist angespannt. Man hört wie die Messer in weiter Ferne gewetzt werden. Herr Arne sieht das gelassen. Alles Humbug. Torarins Heimfahrt ist von Zweifeln geplagt. Was, wenn die geheimnisvolle Alte am Tisch von Herrn Arne recht hat und tatsächlich die Messer geschärft werden? Trachtet da jemand Herrn Arne nach dem Leben? Hat es jemand auf die Silbermünzen in der riesigen Truhe abgesehen?

Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu. Das Haus samt Hof in Schutt und Asche. Die Familie niedergemetzelt. Nur Elsalill, die Pflegetochter in Herrn Arnes Haus hat überlebt. Zitternd vor Angst bringt sie kaum ein Wort aus ihrem Mund. Doch das, was sie hervorzubringen im Stande ist, was alle verstehen können, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Sie wolle die Übeltäter am Leben sehen. Damit sie ihnen ihren Schmerz ins Gewissen schreien kann. Und sie will Rache! Für Elsalill gäbe es nichts Schlimmeres als wenn die Mörder ohne ihr Zutun den Weg ins Jenseits finden. Die Geister der Verstorbenen sind an ihrer Seite.

Auf der Suche nach den Mördern – Elsalill konnte die Gestalten nur schemenhaft im flackernden Licht des Feuers erkennen – trifft sie aber nicht auf die Mörder, sondern auf die Liebe. Sir Archie ist mit seinen Gefährten Sir Reginald und Sir Philip auf dem Weg in die Heimat. Als Söldner waren sie lang in fremden Diensten. Doch leider sind ihre Taschen leer. Was für alle – alle – weitreichende Folgen haben wird…

Die Geschichte von Selma Lagerlöf ist nichts für zarte Leseraugen. Hier geht es richtig zur Sache, wenn es gilt die Taten der Mörder zu beschreiben. Schwer zu toppen. Roberta Bergmann hat sich der Herausforderung gestellt und die Geschichte mit nicht minder düsteren Bildern illustriert. Von skandinavischer Winterdunkelheit zerfressene Gesichter, weite Kapuzen über den Gesichtern der zwielichtigen Gesellen, scharfe Konturen, die die Nachtkälte realistisch abbilden. Die beste Gute-Nacht-Lektüre für alle, die eine gute Geschichte zu schätzen wissen.