Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

In der Schweiz

Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten Mark Twain zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Das gefüllte Wallet erlaubte dem Reporter Twain über den Tellerrand, sprich Atlantik, zu schauen. Nur um zu schauen, was in der „Alten Welt los ist“. Das geflügelte Wort „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ trifft in seinem Fall nicht ganz zu. Wenn Mark Twain eine Reise tut, so schreibt er ein Buch! „In der Schweiz“ ist nicht einfach nur ein Klassiker des Genres Reisebericht, es ist der Reisebericht, an dem sich seit fast anderthalb Jahrhunderten viele Reiseschriftsteller die Zähne ausbeißen.

1878/79 reiste Twain durch Europa. Italien und Deutschland lagen auf seiner Route. Und natürlich auch die Schweiz. Die Faszination Schweiz von heute ist mit der von damals durchaus zu vergleichen. Und so schippert Twain über den Vierwaldstättersee und der Leser kann – sofern er dieses Büchlein dabei hat und selbst auf dem See beispielsweise von Weggis nach Flüelen unterwegs ist – dieser Faszination nicht nur etwas abgewinnen, sondern immer noch so nachempfinden. Das Publikum ist ein anderes. Aber heute noch wird man so manches Unikat antreffen können.

So wie Twain, der hier als anonymer Erzähler in Erscheinung tritt, jedoch keinen Zweifel daran lässt, dass dessen Name Twain, Mark Twain ist. So trifft er einen äußerst aufgeschlossenen Landsmann. Einer wie er im Buche steht. Small Talk auf unterstem intellektuellen Niveau. Toleranz ja, Akzeptanz – da hört der Spaß mit und in der Fremde auf. Dieser Amerikaner gibt dem Erzähler / Twain Tipps, wo er abzusteigen hat. Er weiß alles, kennt jedes Hotel und kennt so ziemlich jeden Amerikaner, der zur selben Zeit wie er in der Schweiz weilt. Twain macht sich einen Spaß daraus diesen Landsmann zu foppen. Immer wieder lässt er sich beratschlagen, wo er absteigen solle. Natürlich dort, wo die meisten Amerikaner sind. Der Amerikaner verbringt so viel Zeit in Hotelllobbies, dass er alle kennt. Twain reist lieber außerhalb der Hotels und beschaut sich Land und Leute. Und kauft eine Kuckucksuhr…

Einhundert vierzig Jahre ist dieser Reisebericht alt. Und immer noch so frisch wie am ersten Tag. So duftend wie eine Alm. So rein wie ein kehliges Kinderlachen. So unübertroffen auf den Punkt wie Tells Pfeil im Apfel. Kann man sich doch einmal von der Umgebung loseisen, so sollte man sich in dieses Buch vertiefen und den Worten Twains folgen. Ein befreiendes Gefühl zu erleben, dass manches sich eben doch nicht ändern wird.

Wandkalender Büchergilde Gutenberg 2020

Ein Jahr lang Bücher gucken! Der Wandkalender der Büchergilde Gutenberg lädt 2020 dazu ein für die eigenen vier Wände Eintritt zu verlangen. Während Fernsehsender sich am laufenden Band dafür feiern, was sie alles vollbracht haben, um diese vier Wände mit Show-, Licht- und Aha-Effekten zum Erstrahlen zu bringen, präsentieren sich in zwölf Monatsblättern die eindrucksvollsten Illustrationen der Sondereditionen.

Da schauen Holly Martins und Harry Lime aus der Gondel im Prater auf das vom Krieg zerstörte Wien. Ein Cocktailglas aus „Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ schwimmt mutterseelenallein im Ozean. Die Farbwucht aus der „Euphoria“-Ausgabe zeigt die komplette Farbpalette, die man sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann.

Jeder Monat wird so zu einem Kunstgenuss, den man im Vorbeigehen jedes Mal sinnlich wahrnimmt, und man sich einfach die Zeit nimmt noch einmal die nun viel größeren Abbildungen etwas genauer zu betrachten. Sicherlich fallen dem Einen oder Anderen einzelne Textpassagen aus den Büchern, denen diese Illustrationen entnommen wurden, wieder ein. Was gibt es Schöneres als bereits Erlebtes noch einmal zu erfahren. Christian Schneider verzichtet bei seinem Fauna-Potpourri gänzlich auf Farben. Ein Frevel denkt man zuerst, wenn man die einzelnen Tiere aus dem Bild seziert hat. Der Tukan, dem jegliches Blau, Grün, Gelb, Rot abhanden gekommen ist, ist trotz seiner Farbschwäche nicht minder beeindruckend wie seine dreidimensionalen, lebendigen Artgenossen. Das ist wahre Kunst!

Grün und Rot mit Unterstützung von Schwarz und Weiß hat sich Joe Villion „Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau genähert. Ein starker Kontrast zu Hans Tichas Idee zu Karl Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“, die in einem satten Grün und einem fröhlichen Frosch vor dem Mikrofon dem Betrachter ins Auge springt.

Dieser Kalender zeigt, was Buchkunst alles kann. Ein Buch allein kann schon ein Kunstwerk sein. Ein geistreich illustriertes Buch hebt ein gutes Buch auf eine höhere Ebene. Leider fristen die meisten Bücher nach dem Lesen ein Dasein im Bücherregal. Der Mehrwert dieses Kalenders besteht darin das eine oder andere exzellent gestaltete Buch noch einmal aus dem Regal zu nehmen, um es zumindest noch einmal durchzublättern. Das um ein Vielfaches größere Format der Bilder zeigt vielleicht Stellen auf, die man bisher übersehen hat.

Hans Ticha Wandkalender 2020 – Zeichnungen zu Ringelnatz

Es gibt Künstler, die können gar nicht groß genug gefeiert werden. Einem wie Joachim Ringelnatz kann man dieses Privileg nur schwer absprechen. Hans Ticha hat für die Büchergilde Gutenberg die Gedichtband „und auf einmal steht es neben dir“ die Illustrationen angefertigt. Sie verleihen den Texten des sächsischen Autors, der in München und Berlin seine größten Erfolge feierte, der seiner Ostsee so vielfältig und nachhaltig geschriebene Denkmale widmete, der Schauspieler wie Otto Sander zu unverwechselbaren Lesungen anstiftete, die gewünschte Untermalung.

Nein, es ist mehr als „nur“ eine Untermalung. Sie geben Ringelnatz‘ Texten die verdiente genreübergreifende Bedeutung. Zweitausendzwanzig ist nun das Jahr, in dem diese Illustrationen ganz groß auftrumpfen werden. Als Wandkalender auf 42 mal 60 Zentimeter. Größer ist kein Buch. Zumindest nicht im Format. Inhaltlich begegnen sich Ringelnatz und Ticha auf Augenhöhe.

Man stellt sich vor den Kalender und malt sich aus wie die beiden über ihre jeweilige Kunst fachsimpeln. Ein Fest für die Ohren! Klare Linien und kunstvolle Farbverläufe lassen den Betrachter die Zeit vergessen. Ein Punkt hier, eine Linie da. Übergänge, bei denen man sich das Hirn zermartert, wie Ticha das wohl gemacht hat. Die Bilder sind keine Rätsel, die dem Kunstinteressierten Gedankenverrenkungen abverlangen. Ihre Aussagen sind klar und schnörkellos. Dennoch ertappt man sich immer wieder auf der Suche nach der Intention. Einfach mal bei Ringelnatz nachschlagen. Das kann nie schaden!

Spätestens, wenn man den Raben entdeckt, der sich locker lässig an eine Vogelscheuche lehnt, ist man auf der richtigen Spur. Ernsthafte Sinnsuche weicht hier unterhaltsamer Motivsuche. Das Jahr 2020 wird das Jahr des Lächelns mit diesem Kalender an der Wand!

Viva

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – und schon hat man ein schmackhaftes Gericht, das nährt und die Sinne anregt. Jeder passionierte Koch kennt das! Als Schriftsteller tappt man schnell in die Falle des Faselns, der Unkorrektheiten. Patrick Deville hat mehrmals bewiesen, dass Fiktion und historische Fakten durchaus eine Liaison eingehen können, die auf Gleichberechtigung basiert. Er verwob die Geschichte Kampucheas zu einem atemberaubenden Thriller. Er durchstreifte das dunkle Herz Afrikas, den Kongo. Und er ließ eine Arzt und einen Abenteurer ihrem Drang nach Erlösung folgen. Nun also Mexico. Trotzki, Kahlo, Lowry. Leo, Frida, Malcolm.

Lew Dawidowitsch Bronstein ist viel und weit gereist. Von Sibirien über Finnland, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul. Er sah New York, Kanada und ist nun in Mexico gelandet. An seiner Seite, seine Frau. An seinem Herzen sein Pass. Sein gefälschter Pass auf den Namen Trotzki. Der Maler Diego Rivera konnte den Präsidenten, nicht nur die mexikanischen Behörden, überzeugen den Geflüchteten – einen Weltenbummler konnte man Trotzki wegen seiner zahlreichen Flüchte nun wirklich nicht nennen – Asyl zu gewähren. Wohnen wird er bei Frida Kahlo, der Malerin. Wäre alles nicht so tragisch, könnte man dieses Asyl als das Sommerhaus der Stars bezeichnen.

Malcolm Lowry ist ein mittelloser Schriftsteller, der von den Almosen seines Vaters lebt, die er sich pünktlich am Monatsersten persönlich an einem Bankschalter ins Portemonnaie steckt. Er hat große Pläne. Den Liebesroman zu schreiben, auf den die Welt gewartet hat. „Unter dem Vulkan“ wird er heißen, wird erfolgreich sein.

Rund um das Blaue Haus, dem Haus Frida Kahlos, schwirren weitere gestalten der Geschichte. Wie zum Beispiel B. Traven, der sagenumwobene Schriftsteller, der Mexico auf das literarische Aufmerksamkeitstableau hievte. Ob sich alle tatsächlich getroffen haben, ob sie sich mochten, sich anregten, mag bezweifelt werden. Doch der unbestechliche Schreibdrang, den Patrick Deville einmal mehr an den Tag legt, lässt diese Fragen erst gar nicht aufkommen. Alles könnte in den Tagen des Jahres 1937 wirklich so gewesen sein. Ein Jahr, in dem Spanien im Bürgerkrieg ertrank. Der deutschen Kultur die Grundlagen genommen wurden und die Welt in den gefräßigen Schlund des Krieges schaute.

Ein wenig Vorbildung ist  wie bei allen Romanen von Patrick Deville – schon vonnöten, um die Brillanz des Buches erkennen zu können. Wer die Bilder von Frida Kahlo auf Anhieb unter Tausenden erkennt, wem die Bedeutung Diego Riveras nicht ganz abhandenkommt, wer Trotzki nicht nur als sturen alles plattmachenden Revolutionär wahrnimmt, wer Mexico nicht nur als Land mit immensen Problemen ansieht, der wird in diesem Geschichtsspiel der Extraklasse ein Hochgefühl der Leselust erleben.

Kaltes Licht

„I found my thrill on blueberry hill“, schmachtete einst Fats Domino. Sergeant Alan Auhl findet seinen momentan auf der Blackberry Hill Farm Wrights. Die werden eines Tages durch eine Schlange in helle Aufregung versetzt. Lassen den Schlangenfänger holen und die unnütze Bodenplatte anheben, unter der sich das Vieh versteckt hat. Was da zum Vorschein kommt, ist ein Fall für die Cold Case Abteilung, für die Auhl aus dem Ruhestand geholt wurde.

Claire Pascal ist seine Partnerin. Sie empfindet so gar keinen Thrill bei dem Gedanken mit dem alten Mann an alten Fällen arbeiten zu müssen. Doch das Skelett mit den tadellosen Zähnen und der Münze in den schlaffen Klamotten sieht das anders. Die Münze ist von 2008, also können alle ungelösten Fälle davor ausgeschlossen werden. Ein Anhaltspunkt. Alan Auhl will, bevor er sich mit Claire über die Akten der letzten fünfzehn Jahre hermacht, in der Umgebung die Leute befragen. Wem gehörte das Grundstück, bevor die Wrights einzogen? Irgendwelche Auffälligkeiten, Besonderheiten?

Eine Spur scheint Donna Crowther zu sein. Sie war in der Gegend als Babysitterin bekannt. Sie und ihr Freund Sean stritten sich des Öfteren heftig. Er ist mittlerweile als vermisst gemeldet. Vom Alter könnte er den Plattenmann sein.

Die Arbeit der Cold Case Abteilung ist nervenaufreibend. Alle arbeiten gleichzeitig an mehreren Fällen. Und die Chefin ist ein echtes Herzchen. Sie fordert, treibt an, ist aber fachlich nicht zu unterschätzen. Ein erfahrener alter Hase wie Auhl tut der Moral der Truppe gut, findet die Chefin. Die jungen Beamten sehen das ein bisschen anders. Was sie nicht wissen, ist, dass Alan Auhl eine Seele von Mensch ist. Er kümmert sich um die Nachbarn, und für deren Kinder nimmt er sich jede Zeit, die er hat, wenn sie ihn brauchen. Und er ist einer, der einer Kollegin in einer persönlichen Misere gern das Bett anbietet.

Zwischendurch immer wieder Leichen. Dr. Neills dritte Frau bedroht den Doktor. Der wendet sich an Auhl. Der wiederum kennt Neill schon seit Jahren. Zwei Frauen hat der schon verschlissen, soll heißen auf höchst verdächtige Weise verloren. Frau Nummer Drei bekam als „Begrüßungsgeschenk“ von Auhl die Warnung vorsichtig zu sein mit auf den Weg. Und jetzt soll Neill das potentielle Opfer sein?

Bleibt da noch Zeit für den Mann unter der Bodenplatte? Robert Shirlow hat er geheißen. Seine Schwester hat sich nach der Berichterstattung gemeldet. Es kann nur ihr Bruder sein. Die Hintergründe der Tat jedoch lassen selbst einen so erfahrenen Schnüffler wie Alan Auhl erschaudern.

Garry Disher bringt in diesem Buch, einer Reihe, genug Stoff zu Papier, um ganze Krimibücherregale zu füllen. Alan Auhl ist der richtige Mann, um solche Fälle lösen zu können. Besonnen, hartnäckig, gewieft. So einer fehlte schon lange!

Die Cannabis-Connection

So ziemlich jeder hat eine Leiche im Keller. Bei dem Einen stinkt’s, bei Anderen zahlt die Versicherung. Den Einen stört’s, der Andere ignoriert’s. Bei Dr. Marcel Kamrath kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der überhaupt einen Keller hat, in dem er eine Leiche deponieren kann. Ein Emporkömmling ohne Beigeschmack.

So scheint es, doch dem ist nicht so! Das Abi hinter sich, mitten in Amsterdam, die Zukunft weit vor sich hergeschoben. Anfang der Achtziger – Amsterdam – und mittendrin Marcel Kamrath. Straßenschlachten mit der Polizei, Hausbesetzerszene, Drogen. Nicht nur mal so einen durchziehen. Nein, richtig professionell mit Hasch den einen oder anderen Gulden verdienen. Bis die Jugos das angestammte Revier von Knabbel und Babbel übernehmen wollen. Knabbel, das ist Marcel, Babbel ist Sander. Sander van Haag. Sein Kompagnon. Das und vieles andere mehr ist über dreißig Jahre her. Sander ist nicht mehr. War ein trauriges Ende. Und für Marcel das Ende einer zweilichtigen Laufbahn.

Nun sitzt er im Bundestag, kann schon bald auf einen Ministerposten hoffen – die Kanzlerin hatte es ihm angedeutet. Immer noch fährt er Fahrrad. Die einzige Routine findet er in der Eckkneipe bei den drei Bs: Bier, Bulette und einen Bottich mit scharfem Senf. Hier ist er nicht der geschniegelte Politprofi, sondern der Stammgast mit dem nach ihm benannten Gedeck.

Knabbel, den Namen hat er vergessen, verdrängt, gelöscht. Doch dann bleibt ihm das zweite B fast im Halse stecken. Babbel, Sander steht vor ihm. Und mit ihm die alten Zeiten. Doch anders als bei einem Wiedersehen nach Jahrzehnten unter Freunden, beschleicht Dr. Marcel Kamrath das Gefühl, dass Babbels plötzliches Auftauchen nicht ganz so spontan ist, wie es scheinen mag.

Babbel gibt ihm ein vorsintflutliches Handy, mit dem er immer erreichbar ist. Er macht Andeutungen, die Kamrath so manchen Schauer über den Rücken jagen. Kann Babbel Kamraths Aufstieg verhageln? Oh ja. Denn Babbel weiß Dinge, die einen Minister zu Fall bringen können. Doch wird er es auch tun? Und wenn ja, warum?

Hinter dem Autorenduo Hoeps / Toes verbergen sich Thomas Hoeps aus Deutschland und der holländische Gerichtsreporter Jac. Toes. Thomas Hoeps übersetzt die Kapitel seines Kollegen ins Deutsche und zusammen sind sie das perfekte  Autorenpaar für europäische Kriminalgeschichten. Zeit zum Ausruhen gönnen sie weder ihren Figuren noch dem Leser. Auf zwei Zeitebenen – Amsterdam vor mehr als drei Jahrzehnten und die Gegenwart – kreieren sie ein Schreckensszenario, das den Leser einfach nicht mehr loslässt. In einer Zeit, in der die Cannabis-Legalisierung nur noch eine Frage der Zeit erscheint, kommen dunkle Machenschaften ans Licht, die diesem Fortschritt das Licht der Erkenntnis gehörig abdunkeln.

Literarische Ostsee 2020

Für viele ist es der Inbegriff der Erholung: Am Strand ein Buch endlich mal in Ruhe und nachhaltig lesen zu können. Für einige ist ein noch höheres Gut am Meer ein Buch zu schreiben. An der malerischen Ostsee haben sich schon vor Jahrzehnten, ja sogar vor mehr als einem Jahrhundert die Dichter und Denker eingefunden, um Inspiration zu finden und diese dann zu Papier gebracht. Doch nicht nur Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann, beide immerhin Literatur-Nobelpreisträger, auch Günter Grass lebte in Lübeck an der Ostsee – da muss was ganz besonderes in der Luft liegen – ließen sich eine Brise Salzwasser um die Nase wehen, während sie Großes schufen.

Vladmir Nabokov wuchs in Sankt Petersburg auf. Und das liegt bekanntlich an der Ostsee. Dort wurden die Grundlagen gelegt für zeitlose Romane wie „Lolita“. Seine Familie musste das östliche Baltikum verlassen, London, Berlin und Frankreich waren seine Exilorte. Leider allesamt meereslos.

Jules Verne hingegen verbindet man nicht sofort mit der Ostsee. Doch Professor Otto Lidenbrock, der Held der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ hatte den Salzwassergeschmack im Munde als er zu seiner abenteuerlichen Reise aufbrach. Und ein weiterer – unbekannterer – Roman Jules Vernes spielt in einem Ostseestaat: „Ein Drama in Livland“.

Einmal kurz durch den Kalender geblättert und schon hat man die ganze Welt des Ostseeeinflusses versammelt. Im weiteren Verlauf des Jahres (ein Tag mehr, 2020 ist ein Schaltjahr) kommen einem immer wieder berühmte Namen unter, die an der Ostsee geboren wurden, ihre Romane dort spielen lassen oder an diesem Meer geschrieben wurden. Namen wie Karen Blixen aus Dänemark, deren Hauptwerk „Jenseits von Afrika“ wärme Wassertemperaturen nicht nur erahnen lässt. Oder Hans Fallada und Asta Nielsen, die auf Usedom im Sommerhaus Müller unter anderem den Ostseejünger Joachim Ringelnatz empfing.

Es ist ein bunter Reigen an prominenten und weniger bekannten Namen der Geschichte. Die Kreidefelsen auf Rügen sind ohne Caspar David Friedrich undenkbar. Siegfried Lenz und die Küste von Schleswig-Holstein bis Pommern bilden eine derart enge Verbindung, das man sich gar nicht getraut beide in zwei verschiedene Sätze zu bringen.

Alles in allem ein sehr bewegender Kalender. Alles in allem? Da war doch noch was? Ach ja, Simone de Beauvoir. Doch was hat die mit der Ostsee zu tun? In den 60er Jahren besucht sie immer wieder die Sowjetunion zusammen mit Jean-Paul Sartre. Der Abstecher nach Estland beeindruckte sie so sehr, dass sie im vierten Teil ihrer Memoiren mehr als überschwänglich davon berichtete. Und der hieß: „Alles in allem“. Joseph Roth, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka – sie genossen die Sommerfrische in schäumender Gischt, ließen den feinen Sand durch die Zehen rinnen und verewigten so manche Stunde und so manchen Ort in ihren Werken. Selbst Albert Einstein (noch ein Nobelpreisträger) konnte hier seien müden Knochen wieder auf Trab bringen. Dieser Kalender hält die kleinen grauen Zellen – nein, Agatha Christie war nie an der Ostsee – ein Jahr lang ordentlich auf Trab und lässt die Seele für wenige Momente ein wenig baumeln.

Thorbeckes Tiere und Pflanzen der Berge Kalender 2020

Tiere und Pflanzen der Berge – klingt nach Heimatidylle mit kitschigem Anstrich. Klingt aber auch nur so! Ist es ganz und gar nicht. Das Jahr grüßt mit einem Steinbock. Erhaben mit stolzem Geweih zeigt er seine Flanke und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass 2020 ganz im Zeichen nostalgischer Fauna steht. Flora folgt eine Woche später, wenn das Jahr bzw. man sich selbst im neuen Jahr eingefunden hat. Ein Potpourri farbenprächtiger Alpenpflanzen, mit dem Edelweiß, das auch im Jahr 2020 bei keiner Bergansicht fehlen darf. Doch die Pflanzen sind nicht nur hübsch anzusehen, sie sind nicht zuletzt auch nützlich. Flavonoide heißt das Zauberwort, Stoffe, die die Pflanzen, aber auch die menschliche Haut vor Schädigungen der UV-Strahlung schützen.

Die Trollblume – so erfährt aus einem der zahlreichen Texte, die die beeindruckenden Abbildungen vervollkommnen – ist eine bedeutende Blume. Ihren Namen hat sie – und da müssen jetzt alle Fantasyfans ganz stark sein – nicht von den Figuren ohne die kein echtes Fantasyabenteuer auskommt, sondern vom altdeutschen Wort troll, und das bedeutet kugelig. Sie kann entweder winzig kleine Insekten aufnehmen oder mit ihren starken Blättern nicht erwünschte Eindringlinge beiseiteschieben.

Wer schon mal in den Alpen geurlaubt hat, kennt den geistreichen Enzianschnaps. Gewöhnungsbedürftiger Geschmack – und wer weiß wie der Basisstoff dieses hochprozentigen Erlebnisses aussieht? Ende Mai ist man schlauer. Mit feinster Pinselführung werden kleinste Erhebungen und Details sichtbar gemacht. Ein Genuss für alle Sinne. Bis auf den Geruchssinn, der wird mit diesem Kalender leider nicht bedient.

Fast schon technisch wird Anfang Juli der Wacholder vorgestellt. Im Bildmittelpunkt ein Zweig mit den charakteristischen Nadeln und dichtem Fruchtstand, darunter die einzelnen Stadien der Fruchtwerdung. Zu finden ist der Wacholder dort, wo andere Bäume keinen Halt mehr und keine Nahrung finden. Und zwar von Hier bis in den Himalaya.

Im November, wenn man sich nur allzu gern zuhause verkriecht und mit sehnsuchtsvollem Blick jeden Sonnenstrahl erhaschen versucht, thront der Steinadler auf einem Felsen. Die Beute fest im Griff sondiert er die Umgebung, auf dass ihm niemand den Fang streitig macht.

So unverhohlen rein war die Natur der berge noch nie zu sehen. Ozonalarm, Smog und von Menschenhand geschaffene Einflüsse sind mit jedem Umblättern im Kalender – also jede Woche  – wie weggeblasen. Knallige Farben, dass man meint sie können nicht echt sein, machen aus jedem der 366 Tage des Jahres 2020 (es ist wieder Schaltjahr!) ein Fest für die Augen.