Barroco tropical

Alles Gute kommt von Oben! Von wegen. Fragt man Bartolomeu Falcato, was er von dieser These hält, erntet man mehr als nur ein geringschätziges, viel mehr Wissen verheißendes Lächeln. Wenn man nicht sogar ausgelacht wird. Denn ihm ist etwas vor die Füße gefallen. Von Oben! Eine Frau. Was für Viele auf den ersten Blick wie eine Wunschvorstellung klingt, ist für ihn das Fanal für eine Odyssee, die vierundzwanzig Stunden anhalten soll. Dass er dabei in die tiefsten Abgründe seiner Stadt Luanda, der Hauptstadt Angolas, abtauchen wird, ist ihm zu Beginn noch nicht klar. Aber er hat eine Ahnung…

Die Tote hatte er ein paar Tage zuvor kennengelernt. Im Flugzeug. Núbia ist, war, ihr Name. Sie erkannte Bartolomeu, den Schriftsteller. Und sie machte ihm Avancen. Es war wie ihm Traum. Doch der Realist Bartolomeu blieb standhaft. Oder war er nur peinlich berührt? Nun sieht er im Fernsehen die Frau schon zum dritten Mal (Flieger, Straße, TV). Und er erinnert sich. Núbia berichtete ihm ganz freimütig, dass sie einst in höchsten Kreisen verkehrte. Verkehrte in jeder Hinsicht. Höchste Kreise, jawohl, bis hinauf zum Präsidenten. Das Telefonklingeln reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Raus hier! Weg da! Hau ab! Es klingt wie ein Befehl, wie ein Flehen, wie ein gut gemeinter Rat. Na, was soll man davon nun halten?! Und was macht Bartolomeu Falcato, Schriftsteller, Dokumentarfilmer, auf so mancher Todesliste Stehender? Er lässt die Zeit Revue passieren.

Es erzählt von geheimnisvollen Zentren für nichttraditionelle Medizin, unsagbaren, unter dem Deckmantel obskurer Rituale stattfindenden Folterungen und von zufälligen Begegnungen, die wie ein Spinnennetz allesamt miteinander verbunden sind. Die kleinen Regentropfen darin sind flüchtige Schicksale einzelner Beteiligter, die schlussendlich eine andere – manchmal größere – Rolle spielen als man anfangs denkt.

Es ist erstaunlich wie schnell José Eduardo Agualusa den Leser in diesem Spinnennetz gefangen nimmt. Nach der über dreihundert Seiten dauernden Welle des Erstaunens ist man verdutzt wie leicht es dem Autor gelingt die Welt um sich herum zu vergessen. Ohne Abzusetzen liest man sich in einen Rausch, der nur eine Nebenwirkung hat: Ein glückliches Lächeln, das man diesem Autor bei der Arbeit zusehen durfte.

José Eduardo Agualusa nimmt eine Ausnahmestellung unter den Autoren Afrikas ein. Seiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. So real die Geschichte wirkt, so viel Fiktion birgt sie in sich. Und das obwohl einiges in „Barroco tropical“ dem echten Leben entlehnt ist, wie er im Nachwort zu bedenken gibt.

Trügerisches Licht

Fábbio Cássio gehört zu der Sorte Fernsehstars, die so von sich überzeugt sind, dass sie es ein Leben lang nicht schaffen aus ihrem Kokon auszubrechen. Sie ergehen sich in schwülstigen Verbalergüssen und merken nicht wie sie sich selbst widersprechen. Ihre Sucht nach Anerkennung ist krankhaft. Jede Chance nach Anerkennung wird wahrgenommen. Fábbio steht nun endlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch die Kritiker sind sich einig: Es ist ein sehr wackliges Boot, auf dem der Serienstar hier agiert. Das Stück kommt beim Publikum gut an. Sie sehen in ihm immer noch den Star aus der Telenovela, schmachten ihn an, gieren nach seiner Aufmerksamkeit. Das Stück endet mit dem Rücken zum Publikum. Der Hauptdarsteller hält sich eine Pistole an die Schläfe. Peng, Vorhang, Applaus. So wie heute. Peng, Vorhang, Applaus … Blut, Hirnstückchen verteilt in den ersten Reihen wie Souvenirs an das gierige Volk. Jetzt ist Fábbio Cássio wirklich berühmt!

Seine Frau Cayanne will noch berühmt werden. Sie sucht ihr Glück in einer abgeschmackten Realityshow. Dass sie und Fábbio schon länger kein Paar sind, ist bisher – wie durch ein Wunder – den sensationslüsternen Journalisten entgangen. Aber sie hat Fábbio in der Hand. Sie weiß Dinge, die ihm das Genick brechen könnten. Zumindest bis jetzt. Jetzt ist Fábbio tot. Selbstmord. Oder doch nicht?

Azucena leitet die kriminaltechnischen Untersuchungen im Theater. Eigentlich hat sie genug damit zu tun ihren Vater zu pflegen, ihre Schwester wieder in die Spur zu bringen (sie lässt ihr Studium schleifen), und außerdem hat sie gerade die Trennung von ihrem Mann hinter sich gebracht. Ganz ohne Rosenkrieg. Der Selbstmord war technisch gesehen einer. Aber was, wenn der Täter nicht wusste, was er tut?

Die Gewinner des dramatischen Abgangs von Fábbio sind seine Frau Cayanne, die als die trauernde Witwe nun zum Star wird und seine Mutter. Die stand schon immer genauso gern und oft im Rampenlicht wie ihr Bubi. Sie verzieh ihm alles, puschte ihn, beschützte ihn. Und dann sind da noch die Aasgeier der Regenbogenpresse. Ein gefundenes Fressen für die lauernde Meute. Doch der Platz an der Tafel der Geschmacklosigkeiten ist zeitlich begrenzt.

Patrícia Melo gibt ihren Protagonisten nur einen Weg vor, den direkten. Eine Ermittlerin, die strikte ihren eigenen Weg geht. Auch wenn das heißt, dass sie der Familie vor den Kopf stößt. Ein Toter, der zuvor für sich entschieden hat in einer Traumwelt zu leben. Eine Witwe, die die Gier aus jeder Pore rausschwitzt. Polizisten, die ihr mageres Gehalt mit Nebeneinkünften aufbessern und dadurch sich selbst in Gefahr bringen. Die Geier von der Presse, die nur den nächsten Scoop im Blick haben. In diesem Netz aus Gier und Lügen muss jeder zusehen, dass er im Dickicht Sao Paolos nicht kleben bleibt.

Sag dass Du mich liebst, Junie Moon

Ob das gutgehen kann? Diese schräge Truppe, ganz allein, nur auf sich allein gestellt. Im Krankenhaus ergibt es sich, dass Junie Moon, Arthur und Warren zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen. Im geeinten Kampf gegen die weißen Kittel, die Schwesternschaft und überhaupt den Rest der Welt. Wenn die Ärzte bei der Visite ans Bett treten, gibt man Contra. Wenn die Schwestern schon beim Füttern überfordert sind, erschwert man ihnen zusätzlich das Leben. Junie Moon, Arthur und Warren halten zusammen. Und Warren ist es auch, der vorschlägt nach der Entlassung zusammenzuziehen. Und wie durch ein Wunder (dem man ja immer nachhelfen muss…) klappt es sogar, dass die Drei am gleichen Tag entlassen werden.

Junie Moon war noch nie eine besondere Schönheit. Sie hat sich damit abgefunden. Jetzt wird sie an ihrem Aussehen erst recht nichts mehr ändern können. Aus verletztem Stolz, mangelndem Selbstbewusstsein und nicht zu bändigender Wut (allein jedes für sich schon kein Grund Gnade walten zu lassen), verprügelte ein Verehrer sie und übergoss sie mit Säure.

Arthur ist in jeder Hinsicht ein Nervenwrack. Er hat ein progressives Nervenleiden, was dazu führt, dass er ständig mit seinen Armen und Händen in und vor seinem Gesicht fuchtelt. Seine gesamte Motorik ist sehr auffällig.

Warren sitzt im Rollstuhl seit dem ihn „ein Freund“ in den Rücken geschossen hat. Das ist lange her. Groll und Wut sind nur noch rudimentär vorhanden. Und diese Drei gründen also nun eine WG, in einem Haus, das von Pflanzen überwuchert ist, einen Feigenbaum im Garten stehen hat, in dem eine Ohreneule wohnt. Und die Nachbarn … ja, die sind natürlich nicht entzückt von den eigenartigen neuen Bewohnern. Einer versucht alles unmenschlich Mögliche zu tun den Drei das Leben zur Hölle zu machen. Es klappt nicht! So viel sei schon mal verraten. Denn die drei haben eine Geheimwaffe, die ihnen die Angst nimmt und sie zusammenschweißt: Schoko-Brownies und Limonade trinken.

Doch der Alltag holt auch die Drei ruckzuck ein. Freunde zu finden, ist nicht einfach. Auch wenn hier und da kleine Lichter am Horizont aufflackern. Es sind und bleiben drei Menschen, die sich sicher nicht gesucht haben, dennoch zueinanderfanden und nun die Chance bekommen, jeder für sich und alle gemeinsam das meistern, was sich Leben nennt. Ob das gutgehen kann?

Marjorie Kellogg lässt keine Möglichkeit aus ihren Helden das Leben schmackhaft zu machen, sie aber auch mit den Schattenseiten des selbigen vertraut zu machen. Immer eine kleine Träne der Rührung im Knopfloch liest man von drei Mutigen, die immer kurz vor dem Scheitern stehen und immer wieder einen Weg finden weiterzugehen.

Die Reise der Narwhal

Ich packe mein Expeditionsschiff. Ich nehme mit: Einen Kapitän, einen Aktenlurch, Whiskey, den Gönner in fast genauso rauen Mengen schicken wie gestrickte Handschuhe, Pflaumen (auch eine Gabe einer herzensguten Dame, die den Forschern „was Gutes tun will“), Plumpudding, gepökeltes Fleisch, Mikroskope, Chronometer, Arsenseife, Siegelwachs – was man halt so braucht, um Mitte des 19. Jahrhunderts in die Arktis aufzubrechen. Was selbst heute noch ein nicht ganz risikoloses Unterfangen ist – allerdings durch endlose Berechnungen und permanente Kontrolle durch Satelliten etc. eher einer Weichspülvariante gleichkommt – war vor mehr als anderthalb Jahrhunderten ein Himmelfahrtskommando.

Durch eine Zeitungsannonce wird Erasmus Wells auf die Expedition aufmerksam. Das traut ihm kaum einer zu. Zwischen Akten und verstaubten Papieren fühlt er sich doch sonst am wohlsten. Ein letztes Aufbäumen gegen die Lethargie des Alltags? Oder doch echter Abenteuergeist? Der Norden ruft. Die Arktis ruft. Der Nordpol ist noch nicht entdeckt, geschweige denn nachweislich besucht worden. Unter diesen Vorzeichen sticht die „Narwhal“ in See.

Bis die Reise ins Stocken gerät. Bis dahin hat man sich, sofern möglich und gewünscht, ganz gut amüsiert. Bis eben noch hat man ganz gut geforscht. Die Ruhe um die Crew herum ist ein echter Motor für Geistesarbeit. Doch nun steckt man fest. Das Eis der Arktis umschließt die Narwhal, und somit auch seine Besatzung, mit dem kristallisiertem Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, das als unbezwingbares Eis allen an Bord nach und nach die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Liebsten nimmt.

Aus Tagebuchaufzeichnungen, ihrem Wissensschatz (sie ist Zoologin) und der unbändigen Lust Geschichten zu erzählen, macht Andrea Barrett einen historischen Roman, der seinesgleichen sucht. Immer wieder lässt sie die Situation hoffnungslos erscheinen, und immer wieder lässt sie einen Funken Hoffnung am Horizont die Stimmung heben. Das Spiel von Macht und Ohnmacht, das Spiel zwischen den Geschlechtern (an Bord sind fortschrittlicherweise Vertreter beiderlei Geschlechts) sowie der Drang zu überleben, bilden in „Die Reise der Narwhal“ eine heilige Allianz. Die Hauptakteure hat sich die preisgekrönte Autorin ausgedacht. Die Spieler im Hintergrund – Nebendarsteller, die die Handlung vorantreiben, in einer supporting role – waren reale Gestalten ihrer Zeit. Ohne Kitsch und Klischees versteht es Andrea Barrett den Leser in den Bann des ewig erscheinenden Eises zu ziehen. Die Abwechslung, die den Akteuren zu fehlen scheint, erlebt der Leser auf über vierhundert Seiten immer wieder aufs Neue.

Erfurt

Es wäre fatal Erfurt nur mit einer Attraktion in Verbindung zu bringen. Paris besteht schließlich auch nicht nur aus dem Eiffelturm und London nur aus der Tower Bridge. Und entgegen der derzeit fast vorherrschenden Meinung, dass Erfurt nur aus Bundesgartenschau und Krämerbrücke besteht, muss man diesen Reiseband lesen.

Ja, die Krämerbrücke, die seit Jahrhunderten mit ihren originellen (einst lebenswichtigen) Geschäften allen Suchen nach der gleichbleibenden Shopping-Experience in global agierenden Filialen eine Absage erteilt, muss man besuchen. Auch das ehemalige IGA-Gelände (Gartenschau, die in der DDR „bewies“, dass es hier sehr wohl alles zu kaufen gibt – was natürlich Nicht stimmte), welches momentan einen Teil der Bundesgartenschau 2021 beheimatet, ist mehr als nur einen Abstecher wert. Erfurt kann man auch als eine Stadt der Wunder umschreiben. Ein Blick auf das Titelbild zeigt … das ist doch … nee … das muss doch eine Fotomontage sein. Zwei Kirchen auf einem Platz? Direkt nebeneinander. In Italien ist das okay, aber Thüringen? Ja, ist aber so. Domplatz mit der beeindruckenden Treppe, die an erhellenden Sommertagen als Theaterkulisse trägt. Domkirche und St. Severi scheinen im Abendlicht miteinander zu schmusen, und die Domtreppe scheint zu verdecken, was im Verborgenen bleiben soll.

Verstecken, sich gar verbergen, muss sich Thüringens Hauptstadt nicht. Auch wenn der Liedermacher Rainald Grebe Thüringen als „Land ohne Prominente“ satirisch verarbeitete (von wegen: Max Weber wurde hier geboren, Luther zerbrach sich hier sein Hirn über Gott und die Kirche und Adam Ries verbrachte hier die erkenntnisreichsten vier Jahre seines Lebens), so kann man hier – mit diesem Buch in der Hand – erstaunliche Stunden, sogar Tage verbringen. Da man um die Krämerbrücke eh nicht herumkommt, beginnt man am besten auch hier seine Erkundungstour. Am Ufer der Gera – ja Erfurts Stadtfluss teilt sich den Namen mit der gleichnamigen ehemaligen Bezirksstadt der DDR – steht ein Metallobjekt. Muss man gesehen haben, da es auf Bildern ein wenig deplatziert wirkt. Es handelt sich hierbei um eine Mikwe, ein jüdisches Tauchbad, und es wurde bis Mitte des 15. Jahrhunderts auch als solches genutzt. Allein daran erkennt man schon, dass Erfurt viel Geschichte zu bieten hat. Bei einer Führung zur jüdischen Geschichte erfährt man einiges, was sich hier zugetragen hat. Vom Pogrom im Jahr 1349 bis zum UNESCO-Welterbe.

In der jüngeren Vergangenheit ist auch außerhalb der Stadt- und Landesgrenzen wieder das Erfurter Blau in den Fokus gerückt (worden). Schon zu Beginn des letzten Jahrtausends (!) begann man mit technischen Verfahren Kleidung zu färben. Für den Anbau des Färberwaides opferte man Getreidefelder und machte mit dem komplizierten Verfahren Erfurt weithin sichtbar bekannt. Auch heute noch gibt es kleinere Betriebe, in denen man sich sein eigenes Textil gestalten kann (mit einer Art Batiktechnik). Der Prozess dauert aber einige Tage, so dass man sich sein Einzelstück entweder nach dem Urlaub zuschicken lässt oder die Zwischenzeit nutzt, um alle BUGA-Stellen zu besichtigen.

Die BUGA 2021 gibt dem prall gefüllten Reisebuch den aktuellen Anstrich. Denn die Bundesgartenschau erstreckt sich nicht nur auf dem ursprünglich für eine Gartenschau erschlossenen Gelände, sondern verleiht beispielsweise dem Areal vor der Zitadelle Petersberg ein duftendes Œuvre. Weimar, Jena, Gotha, Sangerhausen, Bad Liebenstein sind Orte, die mit ihrem Einfallsreichtum der BUGA ein umfassendes Bild einer von Menschenhand entworfenen Natur verleihen. Auch dazu bietet das Buch eine reichhaltige Auswahl an Ausflügen.

Erfurt hat noch nicht jeder, der in eingeschränkten Reisezeiten mit Ab- und Anstand reisen möchte, auf dem Plan. Zu Unrecht. Auf 270 Seiten wird einem eine Stadt schmackhaft gemacht, die langsam aus ihrem Dämmerschlaf erwacht.

Venedig

Bei so viel Sehnsuchtsziel könnte man fast auf die Idee kommen, Winston Churchill hätte bei seiner berühmten Victory-Geste Werbung für die Lagunenstadt machen wollen. V für Venedig, das passt! Kaum eine andere Stadt kann auf so viele verträumte Gäste hoffen, wie die schwimmende Stadt, die auf Pfählen gebaut wurde, deren Ende öfter prophezeit wurde als das Ende der Pandemie, die sich allen Unkenrufen zum Trotz lebhafter Besucherströme gleichzeitig erfreut und zur Wehr setzt.

Venedig ist ein gespaltenes Verhältnis zu seiner eigenen Pracht. Ja, die Architektur und die Einzigartigkeit seiner Lage machen Venedig zu einem Juwel unter den Städten, weltweit. Andererseits möchte man angesichts der Unmengen an Besuchern und der gigantischen schwimmenden Hotels und ihrer alles bedrohenden Bugwellen in der Lagune sich fast schon wieder von dem Gedanken verabschieden die Stadt in Augenschein zu nehmen. Wer sich entscheidet die Stadt „sozialverträglich“ zu erkunden, hat mit den Reisebuchautoren Sabine Becht und Sven Talaron die einzige – beste – Wahl für das getroffen, was man machen muss, was man kann und – in Venedig gaaaanz wichtig – was man tunlichst unterlassen sollte. Wo in Deutschland die „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität für Schmunzeln sorgt, herrscht in Venedig die „Draußen-Nur-Scheine“-Doktrin. Wer im Café draußen sitzt, kann das Kleingeld da lassen, wo es war, im Portemonnaie. Wer dagegen – wie es Commissario Brunetti immer wieder vorlebt seinen Koffeinschuss an der Bar einnimmt, kommt mit ein paar wenigen Münzen zurecht. Die Stadt erkundet man schließlich nicht im Sitzen, obwohl eine Gondelfahrt fast schon das komplette Venedig-Klischee erfüllt. Man erkundet sie zu Fuß, mit diesem Buch in der Hand.

Es hat bis zum Jahr 2021 gedauert bis es zur ersten Ausgabe des Reisebandes kam. Das liegt sicher auch daran, dass die Stadt willentlich Attraktionen in Superlativen zu bieten hat. Das muss man erst einmal zusammentragen und dann den Reiseband auch noch handlich gestalten. Entweder lässt man etwas weg oder kreiert ein Buch, das eher an eine goldverzierte mittelalterliche Bibel erinnert. Der goldene Mittelweg ist den Machern mit diesem Buch gelungen. Handlich, handhabbar und voller Überraschungen. Zwischen den bereits erwähnten Gondelfahrten (teuer und oft nicht besonders einfallsreich) bis hin zu Fingerzeigen, die man wirklich braucht, wenn man das erste Mal in Venedig ist. Beispiel gefällig? Wer aufmerksam die Stadt auf sich wirken lässt, erkennt oft kleine hölzerne Terrassen auf den Dächern der Stadt. Na klar, hier trocknet der Lagunenbewohner seine Wäsche, ist doch klar. Doch was haben diese mit dem Biondo veneziano zu tun? Nur ein Histörchen, das man den zahlreichen farbig unterlegten Kästen entnehmen kann, die einen Venedig-Aufenthalt nicht nur einzigartig, sondern nachhaltig machen.

Acht Touren haben die reisebucherfahrenen Autoren zusammengestellt. Immer mit Bedacht, ohne dabei die essenziellen Höhepunkte auszusparen. Und wenn es was zu sparen gibt, dann lassen die beiden den Leser gern daran teilhaben. Was genau? Steht alles im Buch, lässt sich auch dank der einleuchtenden Übersichtlichkeit leicht finden.

Kurzum: Venedig besuchen – ja. Venedig auf eigene Faust erkunden – ja. Venedig ohne dieses Buch entdecken – möglich, aber nur der halbe Spaß zum doppelten Preis.

Kalender 2022 Wildwuchs

Das schönste Unkraut ist das, was man nicht als solches erkennt. Wo Gärtner sich die Haare raufen, erkennt der Genießer die Schönheit der Natur. Disteln gehören nicht zu den Freunden im eigenen Planquadrat des Wochenendglücks, doch wenn man sie – aus sicherer Entfernung – in all ihrer Pracht betrachten kann, kann man sich ihnen nicht entziehen.

Wildwuchs das ganze Jahr über. Von Lauch über Schlüsselblumen bis zu Ochsenzungen (ja, das ist ein Pflanze und keine unerwartete Liebesbezeugung eines Tieres, dem man zu nahe gekommen ist) begleiten den naturliebenden Betrachter durch gesamte Jahr. Jeder Monat hält ein üppiges Füllhorn an Simsenlilien, Herbstzeitlosen und Pfeifenwurzgewächsen parat. Schon beim Lesen der Namen kommen Erinnerungen hoch an das, was die Oma noch wusste. Die Natur ist ihr bester Repräsentant. Sie braucht keinen überflüssigen Schnickschnack, um den Betrachter zu gefallen. Sie ist sich selbst genug.

Die nostalgischen Abbildungen auf dem Graspapier unterstreichen den gemütlichen Charakter, den dieser Kalender Monat für Monat verströmt. Und man lernt sogar noch was dabei. Nicht nur, dass sie allesamt im Mai abgebildet sind, sie gehören zu einer Familie: Vielblütiger Weißwurz, Quirlblättriger Weißwurz, Maiglöckchen (ah jetzt klingelt’s) und Echtes Salomonssiegel. Jeder Pinselstrich ist gewollt und lädt zur Schnitzeljagd auf das nächste Detail ein.

Diese Illustrationen verschönern jede Wand, an der sie zum Verweilen einladen. Die Größe der Abbildungen verstärkt die Wirkung der Pflanzen, die man sonst mühevoll suchen muss. Von Gewürzen wie Thymian und Oregano (wer hat das schon mal in „freier Wildbahn gesehen“? – die wachsen nicht im Glas mit Dosierhilfe!) über Sanddorn bis hin zu den giftigen Pflanzen wie Tollkirsche und Stechapfel bietet die botanischen Illustrationen ein Potpourri, das man sich gern und lange anschaut. Ein echter Appetitanreger!

Kalender 2022 Kulinarische Plakate GenussKunst

Wie oft benutzt die euphemistischen, übertriebenen, oft auch falschen Aussagen aus der Werbung?! Wenn man ein „Ich tu doch schon mein bestes“ zu hören bekommt, kontert man mit einem „Mühe allein genügt nicht“. Oder wenn von einem selbst drei Sachen auf einmal verlangt werden, fühlt man sich wie ein Überraschungsei. Und wer will schon „gleich in die Luft gehen“? Erkannt, um welche Spots es sich handelt?

Werbung war schon immer ein probates Mittel eigene Produkte in einem besonders schimmernden Licht erscheinen lassen zu können. Es gab eine Zeit, in der die Macher der gedruckten Werbung – weit vor Radio und Fernsehen, und noch viel eher als das Internet uns permanent mit schlecht gestalteten Slogans penetrierten – echte Künstler waren. Lyonel Feininger zum Beispiel begann seien beeindruckende Karriere als Werbegrafiker.

Der Kalender „GenussKunst“ macht dem im Jahr 2022 ein Ende. Stilvolle Werbung, deren künstlerische Gestaltung vielleicht nicht zum Kauf des einen oder anderen Produktes animiert, dem Betrachter jedoch die „gute alte Zeit“ zurückholen wird.

Das Jahr beginnt süß. Pudding ist die Belohnung für harte Arbeit oder braves Benehmen. Je nach Alter des zu Beglückenden. Man fühlt sich wie ein König, genießt man die Desserts von La Favorite. Die Firma gibt es so nicht mehr, deswegen kann hier beruhigt der Name genannt werden. Die Werbung hingegen bringt es gekonnt auf den Punkt. Ein Pudding von dieser Firma und dem Tag wird die Krone aufgesetzt.

Und so verstreicht kein Monat, in dem einen nicht der Mund wässrig gemacht wird. Von Zitronenlimonade aus England über Yoghurt (mit Y!) aus der Schweiz bis hin zu Olivenöl aus dem Süden Frankreichs. Man kann nicht anders als hinzusehen. Je näher man den Abbildungen kommt, desto mehr Details erkennt man. Die provenzalische Tracht der wenig marktschreierischen Anpreiserin, die harte Arbeit der Weinbauern, die sich in ihrer Körperhaltung widerspiegelt oder die unbändige Lust, die einen überkommt beim Genuss eines Tellers Spaghetti. Skurrile Gestalten lassen einen den strengen Geruch des Dargebotenen vergessen. Und wenn Schwein und Stöhr ein Glas umarmen, muss man schon genauer hinsehen, um die Hintergründe zu erforschen. Gar nicht so einfach, denn die kyrillischen Buchstaben sind nicht jedem geläufig.

Dass Werbung nicht nur störend sein kann, sondern durchaus die Sinne anregt, zeigt dieser Kalender ein Dutzend Mal. Sich die Zeit nehmen und die Tafeln sich aus der Distanz, dann wieder von Nahem anzusehen, lohnt sich wirklich. Man muss ja nicht gleich losrennen und Käse, Kakao und Würzmischungen kaufen…

Der Mond und die Feuer

Wiederkehren an einen Ort, den man einst verlassen hat, weckt unterschiedliche Gefühle. Besonders, wenn dieser Ort nicht der eigen Ort ist. Den Erzähler zieht es nach zwanzig Jahren wieder zurück in sein Dorf im Piemont. Ob es wirklich „sein Dorf“ ist, kann er nicht einmal mit Bestimmtheit sagen. Denn er wurde kurz nach seiner Geburt in einem Winzerkorb auf den Stufen der Kirche abgelegt. Ein Bauernpaar aus der Umgebung nahm ihn auf. Sie bekamen einen Silber-Scudo vom Findelhaus dafür, ein Akt der Nächstenliebe war es also nicht. Sie sahen in ihm die potentielle Kraft, die eines Tages mit anpacken wird.

Das Piemont am Ende der Vierzigerjahre ist nicht mehr das Piemont, das er damals verließ, um in Amerika sein Glück zu suchen und zu versuchen. Doch auch am anderen Ende der Welt traf er … Piemonteser. Einer kannte sogar seinen besten Freund Nuto. Den sucht der Erzähler nun selbst. Und findet ihn. Er selbst kehrt nicht als Krösus in den Ort seiner Kindheit zurück. Er ist ein Mann, ein stattlicher Mann, aber reich wurde auch er nicht. Hat ein bisschen Geld in Genua, wo er seit geraumer Zeit wieder wohnt.

Das Dorf hatte schon immer seinen eigenen Geruch. Dieser hängt auch dem Rückkehrer noch an. Es ist tief ins Fleisch eingezogen. Den anderen Dorfbewohnern ist er noch schemenhaft bekannt. Es beginnt für alle, mit denen er spricht, eine Zeitreise. Eine Reise, die vor langer Zeit begann und für viele niemals enden wird. Denn der Krieg hat das Dorf gespalten. Die Idylle der Berge, der Geruch des Bodens, die Früchte, die er hervorbrachte, waren auch Früchte des Zorns.

Nach und nach öffnet sich der ausgedorrte Boden und dürstet nach dem lebensspendenden Nass. Zuerst in Erzählungen. Nuto und der Aal, der namenlose Erzähler, holen in Gesprächen einen Teil ihres gemeinsamen Lebens nach. Was er nicht alles verpasst hat als er in Amerika sein Glück suchte und vielleicht auch fand?! Je tiefer das Nass in den Boden dringt, desto mehr kann der Erzähler selbst Wurzeln schlagen. Wurzeln, die er nie hatte. Er war immer der Beobachter, niemals Teil der Entwicklung. Doch was soll er nun mit den Wurzeln tun? Am Ort verweilen? Oder sich selbst aus dem Boden der Vergangenheit reißen, um einmal mehr andernorts … ja, was? Wurzeln schlagen?

Cesare Paveses letztes Werk – kurz nach Erscheinen nahm er sich mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben – sprüht über vor Lebenslust, Erinnerungen, aber vor allem vor Zweifel. Was hätte sein können? Wäre der Erzähler geblieben, hätte er dann Wurzeln schlagen können? Und wenn ja, hätte er das überhaupt gewollt? Die Eindrücke, die der Rückkehrer in sich aufnimmt, entfalten bis heute eine ungeheure Lust an den Handlungsorten des Buches die Gerüche aufzunehmen und am Leben in der Dorfgemeinschaft teilzunehmen. Auch wenn man nur Beobachter sein kann. So wie Pavese und der Erzähler.

Sommerlieben

„Trautantchen“ Marie-Luise Anger fährt mit den Kindern ihres Bruders in den Urlaub nach Usedom. Dem ist gerade die Frau abhanden gekommen. Sie ist ihm weggelaufen. So kann er sich sortieren und die Kinder einen unbeschwerten Urlaub verbringen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Klingt erst einmal wie ein schwer bedeutungsvolles Thema.

Doch es ist ganz anders. Zuerst: Die Autorin heißt Hedwig Dohm und war die Großmutter von Katia Mann. Sie gehört zur ersten Riege unabhängiger Frauen, die heute (oft abschätzig und immer noch belächelt) als Feministin bezeichnet werden. Und mit erster Riege ist sowohl ihre Bedeutung als auch die zeitliche Eingliederung gemeint.

Und Zweitens ist „Sommerlieben“ ein Briefroman, in dem die Autorin sich selbst eine Stimme gibt (die Vermutung liegt verdammt nahe, wenn man sich ihr Leben betrachtet), in dem sie Marie-Luise zahlreiche Briefe in die Heimat schreiben lässt.

Drittens: Der Roman wurde im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Hedwig Dohm war eine angesehene Stimme im Kampf für Gleichberechtigung. Was Anfang des 20. Jahrhunderts etwas ganz anderes war als heutzutage. Dank ihr.

Usedom war schon immer eine Reise wert. Die Kaiserbäder waren en vogue. Es war chic sich hier zu zeigen. Marie-Luise macht aber hier Urlaub, um wirklich Urlaub zu machen. Kein Sehen und Gesehenwerden. Um sie herum eine rabaukenhafte Kinderschar, die keine Möglichkeit auslassen sich ausgelassen auszutoben. Ihr selbst macht das wenig aus. Klar, dass ihr hier und da einmal der Geduldsfaden reißt, aber im Großen und Ganzen sind die Kinder ihr ans herz gewachsen und dürfen Tun und Lassen, was sie wollen. Vielmehr mokiert sie sich über das Kindermädchen, das die Rasselbande am liebsten an die – ganz kurze – Leine nehmen möchte. Und dabei kläglich versage muss. Auch die anderen Gäste im Ort bieten ihr reichlich Gelegenheit sich köstlich über sie zu amüsieren. Marie-Luise ist nicht frech, wenn sie sich ihr Umfeld vornimmt. Ihr macht es nur einen Heidenspaß sich über die gesellschaftlichen Zwänge ihre Meinung zu bilden. Als selbstbewusste Frau sieht sie mit einem weinenden, aber vor allem mit einem lachenden Auge die Welt um sich herum an.

Aus der heutigen Sichtweise wirkt so manches antiquiert. Hedwig Dohm sah diese Antiquiertheit schon vor über hundert Jahren. Deswegen liest sich dieser Roman wie eine frische Brise im verstaubten Regal der Gewohnheiten und Regeln, die später einmal aufgeweicht werden. Und heutzutage schon wieder in Mode zu kommen scheinen. Auch aus diesem Grund lohnt es sich Hedwig Dohm wiederzuentdecken.