New York – Eine literarische EInladung

New York - eine literarische Einladung

New York – die Hauptstadt der Welt, Big Apple, Moloch, Monstercity. Es gibt so viele Bezeichnungen für die Gigantenmetropole, dass sich mindestens genauso viele Autoren an einer Beschreibung versuchten. Die besten (Autoren und Beschreibungen) sind in diesem kleinen roten Büchlein zusammengefasst.

Auf der ersten Umschlagseite empfängt den Leser eine graphische Übersicht, wo denn die einzelnen in diesem Buch vertretenen Autoren in NYC in ihren Geschichten rumgetrieben haben. Helene Hanff und Charles Reznikoff im Central Park. Grace Paley, Calvin Trillin und Eliot Weinberger im Village. Don DeLillo und Colum McCann im Financial District. Drei völlig unterschiedliche Orte, die alle zu einer Stadt gehören – genauso ist New York. Wie wohltuend, dass Sammlerin der Geschichten Beatrice Faßbender auf die tränenrührenden Geschichten um 9-11 und das World Trade Center verzichtet hat. Es war unfassbar schlimm, was damals passiert ist. Es hat unser aller Leben verändert. Aber die Erinnerungslitaneien sind und bleiben Amerika und den New Yorkern vorbehalten.

Eliot Weinberger geht in seiner Geschichte davon aus, dass der Schmelztiegel einen eigenen Staat verdient hat. Hier trifft sich die Welt. Hier arbeitet die Welt. Hier amüsiert sich die Welt. Und hier werden die Weltbewohner zu New Yorkern. Man ist grundsätzlich gegen die da aus Washington. Denn wie selbstverständlich hält man sich selbst für die Hauptstadt der USA (und somit der Welt).

Die Geschichten sind prädestiniert Reisenden, lesenden Reisenden, die Stadt näher zu bringen. Keine endlosen Einkaufstipps oder Hinweise, was man gesehen haben muss. Eine Stadt definiert sich über ihre Bewohner, und die stehen im Mittelpunkt der literarischen Exkurse.

Andy Warhol konnte hier arbeiten, alles andere war eh Zeitverschwendung. Dennoch konnte er sich über die Baumvielfalt und Menge Gedanken machen. Ein köstlicher Spaß ihm bei seinen Gedanken Zeile für Zeile zu folgen.

Ein Buch über New York ohne Paul Auster ist kein Buch über New York. „Auggie“ ist vielen aus dem Film „Blue in the face“ mit dem grandios agierenden Harvey Keitel bekannt. Hier die geschriebene Fassung.

Wer in New York eintauchen will, kommt an den geschriebenen Zeilen seiner Bewohner nicht vorbei. Doch wo anfangen? Kleiner Tipp: Rot, schmal, kompakt.

Nord- und Mittelengland

Nord- und Mttelengland

Nord- und Mittelengland? Gibt es diese Region überhaupt? Ja! Und warum sollte man dort hin? Im Süden gibt es doch viel wohlklingendere Ortsnamen wie Bigbury on Sea, Brighton, oder Seaton und Beer. Im Norden liegen die Industriehochburgen wie Manchester, Newcastle, Sheffield – Ortsnamen, die maximal bei Sportfans für Erregung sorgen.

Also ein Reiseziel für Sportfans? Auch, aber nicht vorrangig. Eine Stadt wie Liverpool war vor dreißig Jahren maximal eine Stippvisite wert, um zu schauen,, wo denn nun John, Paul, George und Ringo sich ihre ersten Meriten verdient. Heute ist es ein Zehn-Tages-Trip, um unter andere zu schauen, wo John, Paul … naja Sie wissen schon … Sporen usw.  Liverpool kann sich rühmen eine der wenigen Städte zu sein, für die es sich gelohnt hat Geld in den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ zu investieren. Fünf Milliarden Pfund (in English klingt es noch pompöser: Five billion pound!) wurden in das Makeover gesteckt. Heute kann sich Liverpool durchaus mit Barcelona, Chicago und LA messen, wenn es um kulturelle Events geht. Natürlich – das darf an dieser Stelle nicht vergessen werden – lebt die Stadt am River Mersey (den so klangvoll die „Ferry“ überquert) auch vom Fußball. Jahrelang quälten die Spielstafetten von Stephen Gerard & Co. die Gemüter der Fans, doch seit der vergangenen Saison spielt man wieder oben mit. Doch einfach mal so eine Partrie miterleben, ist schwierig. Nur Langzeitfans (und vor allem Langzeit-Clubmitglieder) erhalten Tickets. Und die sind dann auch entsprechend teuer. Nix mit acht Euro „für Euch in der Südkurve“! Ein Euro pro Spielminute ist da schnell erreicht.

Doch Nord- und Mittelengland ist mehr als nur Anfield und Beatlemania. Oxford und Cambridge sind klangvolle Namen in der Welt der Wissenschaft. Dutzende Nobelpreisträger lernten und lehrten hier. Die beiden Ortschaften haben sich dank großzügiger Spenden aus den verschiedensten Richtungen ihren Charme erhalten können. Cambridge leistet sich den Luxus seinen Studenten ein Auto im Umkreis von zehn Meilen rund um den Campus zu verbieten. Cambridge ist also eine Fahrradmetropole.

Was wäre England ohne seine Schrulligkeiten. Wo wir gerade in den Midlands sind. Die Region Cotswolds ist (bis zu diesem Buch) unbekannt. Wer seinen Urlaub auf Anfang Juni legen kann, sollte sich hier einfinden. Denn dann finden hier die Olimpicks statt. Welly-Wanging, Shin-Kicking und Sack-Races sind nur ein paar Disziplinen, in denen um den Ersten Platz gerungen wird. Zum Verständnis: Es geht um Gummistiefel-Weitwurf, Schienbeintreten und Sackrennen.

Dorothea Martin hat die Mammutaufgabe auf sich genommen den Norden und die Mitte Englands in einem reiseband zusammenzufassen. Allein die Fülle an Städten (die man meist auch schon mal gehört hat: York, Manchester, Liverpool, Stoke, Middlesborough, Leeds, Sheffield, Hull, Leicester, Worcester (Achtung, Aussprache! Nicht Wurschester, eher Wuster – die mit der Sauce! Oder doch Soße?), Nottingham, Birmingham, Newcastle) lässt den Reisenden verzweifeln, wo man denn nun seine Erholung suchen soll. Die Antwort muss sich jeder selbst geben, jedoch: „You’ll never walk alone“ mit diesem Reiseband.

Heilende Gewürze

Heilende Gewürze

Was wäre ein asiatisches Menü ohne Koriander? Oder ein Steak ohne Pfeffer? Oder Spaghetti Bolognese ohne Basilikum? Nicht mal halb so lecker. Gewürze verleihen den Gerichten Pfiff, Geschmack und das besondere Etwas! Doch sie sind mehr als nur schnöde Veredler! Denn so manches Pülverchen ist ein wahres Gesundheitswunder. In den richtigen Mengen. Muskatnuss zum Beispiel – fein zerrieben über die Speise verteilt, ist es auf einen Schlag ein vollkommen verändertes Geschmackserlebnis. Und Forscher fanden heraus, dass die Muskatnuss eine krampflösende Wirkung hat. Bei Epilepsie kann das durchaus hilfreich sein. In Thailand belegten Forscher, dass Muskatnussextrakt Leukämiezellen tötet. Ein verbessertes Gedächtnis, ein sinkender Cholesterinspiegel und eine beruhigende Wirkung werden ihr ebenso nachgesagt. So eine kleine Nuss (eigentlich es „nur“ der Kern des nussartigen Samens) und so eine große und umfängliche Wirkung! Dr. Bharat B. Aggarwal arbeitet seit über zwei Jahrzehnten am Anderson-Krebszentrum der Uni Texas. Künstlich hergestellte Medikamente sind bei der Gesundheitsvorsorge und Krankheitsbewältigung nicht das alleinige helfende Mittel. Ob als Begleitmittel oder als Präventivzusatz sind Gewürze eine willkommene Alternative. Dass sie dabei oft noch den Geschmack der Speisen verfeinern ist ein mehr als willkommener „Nebeneffekt“. Auf über fünfhundert Seiten gibt der Autor hilfreiche Anregungen zum Kauf, worauf man achten sollte, zur Aufbewahrung und zur richtigen Dosierung von Gewürzen. Das Inhaltsverzeichnis ist zweigeteilt. Zum Einen nach den Gewürzen, zum Anderen aber auch nach den Wehwehchen. Und er gibt Tipps welche Gewürze zu welchen Rezepten passen. Denn schmecken soll es ja auch!

City Trip Buenos Aires

Vorspann Buenos Aires 2014

Ohne viel Federlesen macht sich Maike Christen auf eine echte Metropole zu erobern. Buenos Aires – so erfährt der Leser gleich ohne Vorwarnung ist eine gigantische Stadt, die durch ihre Freizügigkeit in Bezug auf Größe punktet. Ein mehrspuriger Boulevard? Fehlanzeige! Es sind mehrere Boulevards, die auf fünf, sechs, acht Spuren ihre Schneisen durch die Hafenstadt ziehen. Portenos nennen sich die Einwohner von Buenos Aires. Über ein Dutzend Millionen Einwohner zählt die Stadt, die Traditionen pflegt, und sich immer wieder neu erfindet.

Im Szene-Viertel Palermo siedeln sich seit Jahren innovative Unternehmen an, die der Gegend ein modernes Flair verleihen. Auf der Plaza de Mayo demonstrieren immer noch regelmäßig die Madres de Plaza de Mayo Mütter, die auf ihr Schicksal während der verheerenden Militärdiktatur aufmerksam machen. Damals verschwanden tausende Frauen, Männer, Söhne und Töchter. Auch nach über dreißig Jahren lassen sich nicht locker und fordern Aufklärung – ganz ohne Folklore-Ansinnen.

Ein Rundgang durch Buenos Aires ist unmöglich – die Stadt ist einfach zu groß. Der beiliegende Stadtplan im Maßstab 1:25.000 (das Stadtzentrum befindet sich auf der Rückseite und wird im Maßstab 1:12.500 abgebildet) zeigt die praktische Rasterung der Stadt: Wie ein Schachbrett breitet sich die Metropole vor den Augen des Betrachters aus. Verlaufen fast unmöglich. Doch bei der Fülle an Sehenswürdigkeiten fällt es dem Besucher schwer sich an Vorgaben zu halten. Einfach drauf los laufen! Wenn man doch vom rechten Pfad abgekommen ist (bitte wortwörtlich nehmen!, nichts hineininterpretieren), einfach ein paar links oder rechts abbiegen – je nachdem. Dann findet man wieder zurück auf den geplanten Weg.

Was es links und rechts zu sehen gibt, weiß Maike Christen richtig einzuordnen. Prächtige Kolonialbauten, farbenprächtige Fassaden, die jedes Viertel zum Fotomodell machen, ausgedehnte Parkanlagen, Tango in erstklassig erhaltenen Jugendstilcafés – ach man könnte die Reihe endlos fortsetzen und würde dennoch nie ein Ende der Aufzählung sehen. Einfach mal hinfahren! Und dieses Buch als ständigen Begleiter mitnehmen. Einen besseren Reisebegleiter findet man nicht!

Kulturschock Argentinien

Kulturschock Argentinien

Argentiniens Name scheint es vorweg zu nehmen: Silber, Land des Silbers. Zweiter Platz. Nach der Fußball-WM bittere Wahrheit. Was nach Klischee klingt, birgt jedoch mehr als nur einen Funken Wahrheit in sich.

Carl D. Goerdeler sieht in seinem Buch „Kulturschock Argentinien“ aber ein kleines Flammenmeer. Wer als argentinischer Autor Erfolg haben will, muss es in der Alten Welt, also Europa, zu Ruhm und Ehre gebracht haben. Die Einwanderer aus Spanien, Italien und England haben in Argentinien, speziell aber in der Hauptstadt Buenos Aires ihre Ansichten in die Stadtplanung einfließen lassen. So wird Argentinien zum europäischsten Land auf dem amerikanischen Kontinent. Buenos Aires‘ In-Viertel heißt Palermo. Argentinien ohne Europa? Nur schwer vorstellbar.

Und doch ist Argentinien ganz anders als Europa. Wer hier Fußballfans ist – bleiben wir beim immer noch aktuellen Zeitbezug – der lebt Fußball. Während in Deutschland Jugendzimmer, ganze Häuserfassaden, teils sogar ganze Straßenzüge in ein Farbenmeer der bevorzugten Vereine getaucht werden, ergießt sich im zweitgrößten Land Südamerikas eine Chorwelle von Spottgesängen und Fanhymnen über das Land. Allein Buenos Aires zählt Dutzende Stadien. Ein Besuch des Duelle zwischen dem „reichen“ Verein River Plate und dem „armen“ Boca Juniors“ (dort, wo Diego Armando Maradona zum Gott wurde, was wörtlich zu nehmen ist) gerät schnell zu einer lautstarken und aggressiven Trip in eine andere Welt.

Doch Argentinien ist mehr als nur ein fußballverrücktes Land.

Melancholie und überbordende Lebensfreude sind hier keine sich ausschließenden Gegensätze, sie sind der Kit, der Land und Leute zusammenhält.

Argentinien ist ein Land, das sich schwer regieren lässt. Zu viele Diktaturen haben das Land in den Ruin getrieben. Aktuell ist eine Klage des argentinischen Staates gegen die USA anhängig. Ob Peron, Videla, Menem oder Kirchner: Jede Regierung hat sich schlussendlich immer die eigenen Taschen vollgestopft und das Volk am langen Arm verhungern lassen.

Als Korrespondent für deutsche Zeitungen kennt der Autor die Probleme des Landes. Er sieht aber auch seine Schönheit, seine Besonderheiten, die auch lange nach dem Urlaub nachwirken. Unendliche Viehweiden, gigantische Herden von Rindern, die Traditionen im Familienleben, die Eigenheiten des Mate-Teetrinkens – wer Argentinien besucht, wird überrascht. Wer dieses Buch im Vorfeld liest, begegnet einem Land, das einem trotz der Fülle an Informationen immer noch überraschen wird. Ohne dieses Buch wird man von der einen oder anderen Begebenheit abgestoßen.

Der Mann der Hunde liebte

06 Der Mann, der Hunde liebte

Trotzki – ein Name wie Donnerhall. Bei Stalin in Ungnade gefallen, verbannt und ermordet worden. Fertig ist die Geschichte. An dieser Stelle setzt müdes Lächeln ein. Denn Leonardo Padura öffnet noch einmal die Geheimakte Trotzki. „Der Mann, der Hunde liebte“ lässt nicht unbedingt auf dieses schwarze Kapitel der sowjetischen Geschichte schließen. Es ist auch nicht so sehr dem (juristischen) tragischen Opfer gewidmet, eher dem vermeintlichen Täter. Der schlussendlich auch nicht mehr als ein Opfer ist.

Die Lebenswege beider – der des Mörders und der des Opfers – zeigen erstaunliche Parallelen. Denn beide kennen nicht ihren Weg, den das Leben für sie vorgeschrieben hat. Sie reisen quer durch die Welt: Paris, Madrid, Istanbul. Keine Stadt ist ihnen fremd. Doch sind sie immer wieder aufs Neue Fremde in einer fremden Welt.

Leonardo Padura ist der Marionettenspieler der Weltgeschichte. An jedem Fadenkonstrukt führt er die historisch verbürgten Personen. Doch auch der Autor unterliegt historischen Gegebenheiten: Er denkt sich nicht einfach etwas aus. Alle Plätze, alle Personen, alle relevanten Handlungen sind belegbar. Nur die Dialoge entspringen der – exzellent recherchierten – Phantasie des Autors.

Stalin und Trotzki waren einst ein Gespann, das den Großen (westlichen) Welt das Fürchten lehrte. Der Eigensinn und Machtwahn Stalins sollte Trotzki zum Verhängnis werden. Er musste unter enormen Anstrengungen seine Heimat verlassen. Unterwegs traf er immer wieder Unterstützer, Beschützer, Gönner. Doch nirgends auf der Welt konnte er sich sicher fühlen. Sein letztes Exil, das Mexiko Frida Kahlos und Diego Riveras, wurde für ihn nicht nur zu einer zweiten Heimat, sondern auch zum goldenen Käfig, der ihn letztendlich das Leben kostete.

Ramon Mercader – der Mörder Trotzkis – wird von Anfang an im Unklaren gelassen, weswegen er nun der Auserwählte sein sollte. Auch er hat Unmengen an Unterstützern um sich geschart. Doch die sind alle auf Geheiß eines Mannes bei ihm: Josef Stalin. Generalstabsmäßig wird der Täter auf seine Aufgabe vorbereitet ohne zu wissen, worum es geht. Die Ungewissheit ist nicht das Entscheidende für ihn. Er weiß nur, dass ein Auftrag erledigt werden muss. Dafür nimmt er so manche Ungereimtheit in seinem Leben hin.

Leonardo Padura schafft es die hitzige Zeit vom Ende der 1920er Jahre bis 1940 in dem Schicksal der beiden Kontrahenten verständlich darzulegen. Europa, die Welt ist im Umbruch. Der erste große, weltumspannende Krieg ist vorüber. Die Gegner schütteln sich den Staub aus dem Gefieder. Es ist die Zeit, in der neue Diktatoren die Weltbühne betreten und Kriegsgefahr allerorten spürbar ist. In Spanien sprechen die Kanonen. Im restlichen Europa werden – nach alter Tradition neue Allianzen geschmiedet. Und zwischendrin zwei Männer, die ihrem Führer und ihrer Ideologie schonungslos folgen.

Die Geschichte hat bewiesen, dass das niemals gutgehen kann. Das einzig Gute daran ist dieses Buch, das zum Verständnis der Zeit einen unschätzbaren Beitrag leistet.

In die Pilze gehen

In die Pilze gehen

Nein, es ist kein Kochbuch. Auch kein Sammlerbuch. Kein Ratgeber. Es ist eine Hommage an die ersten Kindheitserinnerungen. Pilze sammeln, oder in die Pilze gehen, ist die unblutigste Form des Jagens. Es fließt kein Blut. Kein Wimmern beim Erlegen. Doch es ist gefährlich – nicht jeder Pilz ist genießbar. Genießbar hingegen sind die literarischen Erzeugnisse, die hier so liebevoll zwischen zwei feste Pappseiten gepresst wurden.

Die Geschichten reichen von Kindheitserinnerungen bis zu Giftpilzen in der Nachbarschaft. Mit Sorgfalt wurden Auszüge aus Werken mehr oder weniger bekannter Autoren ausgewählt, die dem „in die Pilze gehen“ ihre Tinte schenkten. Eugen Roth, der Lyriker, steuert zwei Gedichte bei, die selbst Lesern, die nicht so viel mit Gedichten anfangen können, Verständnis ins Gesicht zaubern.

Günter Grass erinnert in seiner Geschichte „Wir Oberpfälzer, sagt man“ an die Tschernobyl-Katastrophe, die zu einer hysterischen Hatz auf alles, was konterminiert sein könnte, führte.

Die Faszination fürs Pilze sammeln ist wohl eine den ältesten Ritualen der Nahrungsbeschaffung. Ob allein mit Körbchen und Messer „bewaffnet“ oder im Rudel und großem Korb, ob mit Pilzerkennungsratgeber oder mit Wissen im Kopf, ob Jagdglück erhaschender Frühaufsteher oder gemütlicher Resteverwerter, in die Pilze gehen ist wohl die Tradition, die man von den ersten bis zu den letzten Stolperschritten fortführt, jeder technischen Revolution zum Trotze.

Wer dieser Faszination noch nicht erlegen ist, kommt ihr mit diesem Buch auf die Schliche. Appetitanreger oder Lesebuch? Diese Frage stellt sich nicht. Der Untertitel „Lesen und Sammeln“ ist nicht nur mit einem Schmunzeln hinzunehmen. Er ist eine Vorankündigung, dass es in der Zukunft noch mehr dieser Bücher (zu anderen Themen) geben wird. Achten Sie auf das A am rechten Buchrand.

„In die Pilze gehen“ wird das Feuer für das eventuell vergessene Pilze sammeln wiederbeleben. Wer begeisterter Pilzsammler ist, wird sich auf der einen oder anderen Seite wiederfinden.

Lesereise Kopenhagen

Lesereise Kopenhagen

Kopenhagen ist nicht so richtig zu fassen. Jeder kennt die dänische Hauptstadt. Aber richtig weiß man kaum etwas über diese Stadt. Klar kennt man die Meerjungfrau. Der Ostteil Deutschlands wurde in den 70er und 80er Jahren mit der „Olsenbande“ für Dänemark und Kopenhagen sensibilisiert. Fußballfans können sich an das eine oder andere harte Match mit Bröndby Kopenhagen erinnern. Strandurlaub im eigenen Häuschen ist sicherlich eine der verbreitetesten Erinnerungen an unseren nördlichen Nachbarn.

Barbara Denscher nimmt den Leser mit auf eine Reise, die Appetit macht. Appetit auf Kopenhagen. Eine Stadt erkunden mal ganz ohne Reiseband. Denn die dänische Seele ist die Karte, nach der man seine Reise plant.

Für den Seelenstriptease wählt sie einen lehrreichen Einstieg: Es geht um die Eigenheiten der dänischen Sprache. Obwohl die skandinavischen Sprachen einen gemeinsamen Ursprung haben, kommt es oft zu Irritationen. Was bei den Einen Frühstück heißt, ist bei den Dänen das Mittagessen. Flink ist nicht das Versprechen einer schnellen Bedienung im Restaurant, sondern das, was man generell erwartet: Freundlichkeit. Mit fast schon spitzbübischer Leichtigkeit führt Barbara Denscher den Leser mit Hilfe ihres berühmten Kollegen Kurt Tucholsky in die Besonderheiten der Konversation ein. Und ohne Worte ist man nur nach einem Kopenhagen-Besuch…

Kopenhagen lebt von seiner Geschichte. Aber nicht nur. Spaziergänge auf den Spuren von Hans Christian Andersen gehören zum Standardprogramm wie moderne Architektur. Ørestad heißt ein Stadtteil, den es bis vor wenigen Jahren nur auf dem Reißbrett gab. Zumindest in der jetzigen Form. Wer Kopenhagen zur Jahrtausendwende besuchte, fand hier nur Brachland vor. Heute ist dieses Areal nicht wiederzuerkennen. Beeindruckende wahrgewordene Architektenphantasien zieren den Horizont. Man ist noch am Anfang, derzeit leben hier achttausend Menschen. Diese Zahl soll sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen.

Als Gegenentwurf ist da der Freistaat Christiana anzusehen. Auf dem ehemaligen Kasernengelände versuchen sich Idealisten an einer neuen Art der Selbstverwirklichung. Eigenbesitz ist hier verpönt. Dumm nur für die, die hier gebaut haben, und nun einen anderen Lebensweg einschlagen. Denn verkaufen ist nicht drin. Auch der Aktienwert – wer will kann Aktien des Areals erwerben – ist mehr ideeller Natur.

Wer mit Barbara Denscher durch Kopenhagen spaziert, erfährt so manche landes- und städtetypische Anekdote. Fernab der Touristenpfade führt sie den Leser durch eine zurecht fast schon vergessen scheinende Metropole im Norden des Kontinents.

Ein Kommunist in Unterhosen

Ein Kommunist in Unterhosen

Das halbe Dutzend ist voll: Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Themenauswahl Claudia Pineiros ist breit gefächert. Vom Schicksal einer gebeugten Frau schrieb sie, über Verlustangst schrieb sie, über die durch einen Mord getrübte Vorstadtidylle schrieb sie, über eine Kehrtwendung im geradlinig verlaufenden Leben schrieb sie. Und über eine listige Privatdetektivin. Und jetzt? Über den eigenen Vater.

In ihrer ganz eigenen, liebreizenden, hingebungsvollen Sprache setzt sie ihm ein Denkmal. „Ein Kommunist in Unterhosen“ ist die Liebeserklärung einer Tochter an die erste wichtigste Bezugsperson. Verliebt, respektvoll, analysierend. Der Vater war ein stattlicher Kerl, dem die Frauen im Schwimmbad hinterher schauten. War er wütend, war er leise, in sich gekehrt. War er glücklich, ließ er die ganze Welt daran teilhaben. Die Erzählerin, die Tochter, Claudia Pineiro ist auch auf dem Titelbild zu sehen. Ein fröhliches Mädchen an der Hand ihres Vaters badend im Meer. Es ist dieses Bild, das die ganze Geschichte vorwegnimmt. Ein Mann fröhlich die Sommerbrise sich um die Nase wehen lassend zusammen mit seiner Tochter am Meer. Eine innige Verbindung, die erzählt gehört.

Nicht alles in diesem Buch ist so geschehen, nicht alles in diesem Buch ist erfunden. Die Mischung macht’s.

Argentinien in den 70er Jahren. Peron hinter sich, die Diktatur Videlas vor Augen. Eine Jugend, die ausgelassen die Welt entdeckt und gleichzeitig aufpassen muss nicht entdeckt zu werden. Wer ist Freund, wer nicht? Was darf man sagen, was nicht? Die Erzählerin weiß, dass ihr Vater Kommunist ist. Was auch immer das bedeutet – er hat es selbst gesagt. Doch die anderen dürfen das nicht wissen. Als Vertreter für Turboventilatoren schlägt er sich den Sommer über durch, um die Familie ernähren zu können. Der Vater ist Vorbild und Respektperson, aber auch der Anker in unsicheren Zeiten, der unwissentlich seine Ansichten auf die Kinder überträgt.

Eine Jahr mussten die Leser auf den neuen Roman von Claudia Pineiro warten. Ein Jahr voller Spannung, was sie als nächstes aufs Papier bringt. Das Warten hat sich gelohnt. Sachlich und trotzdem spannend gibt sie ihrer Jugend eine Stimme. Von Verbitterung ob vorenthaltener Chancen keine Spur. Mal mit einem Augenzwinkern, mal verliebt wie ein Teenager, mal nüchtern betrachtend, spiegelt „Ein Kommunist in Unterhosen“ Argentinien Mitte der 70er Jahre wider. Eine Geschichtsreise, die lange nachhallt und Lust auf mehr Geschichtsunterricht mit Senora Pineiro macht.

Das Testament des Herrn Napumoceno

Das Testament des Herrn Napumoneco

Da liegt er nun, Senhor Napumoceno da Silva Araújo. Hat sein Leben gelebt. Bedächtig schreiten die hoffnungsvollen Erben den Raum, in dem der Notar nun das Testament verlesen wird. Sie sind nicht gierig, sie sind erwartungsvoll. Eigentlich weiß jeder, was er bekommt. Zumindest, dass man etwas erhält aus dem langen ereignisreichen Leben des Senhor Napumoceno.

Doch die Testamentseröffnung gerät zur Lebensbeichte. Ein ganzer Roman liegt vor dem Notar, der durchaus gedruckt werde kann. Germano Almeida lässt das Testament, die Lebensbeichte in seinen Roman einfließen. Immer wieder wechselt er die Sichtweise. Mal ist er der Erzähler, mal der Senhor.

Senhor Napumoceno ist, nein, war ein erfolgreicher Geschäftsmann auf den Kapverdischen Inseln. Hier wurde er geboren, verbrachte seine Jugend und baute ein Geschäftsimperium auf. Jeder auf der Insel, der etwas kaufte, kaufte es meist von ihm. Doch der Senhor war nicht der übliche harte Hund, der seine Angestellten an der kurzen Leine hielt. Er war ein ganz normaler Geschäftsmann, der öfter mal Glück gehabt hat. Seinen Reichtum stellte er nur selten zur Schau. Doch war er der Erste, der ein Auto besaß. Einen Ford Modell T. Als das Auto geliefert wurde, stellte er fest, dass er gar nicht fahren kann. Doch er war sich nicht zu schade dies zuzugeben und Fahrstunden zu nehmen. Die dann aber bitte abgeschottet von der Öffentlichkeit.

Seine Gutgläubigkeit hat ihn fast einmal ein riesiges Geschäft vermiest. Bestellt hatte er Sonnenschirme. Bei der geographischen Lage der Kapverden – mitten im Atlantik, weit vor der Küste Afrikas – eine sichere Sache. Doch der Verkäufer lieferte Regenschirme. Bei der aktuellen Wetterlage hätten seine Vorräte mehrere Jahrzehnte gereicht. Doch Senhor Napumoceno ist ein Glückspilz. Es kommt wie es kommen muss, wenn ein erfolgreicher Geschäftsmann sein will: Es regnet.

Auch privat hat der Verstorbene nichts anbrennen lassen. So zeugte er mit einer Angestellten eine Tochter. Und die soll nun das gesamte Vermögen erben. Und nicht Carlos, sein Neffe, der schon seit Jahren in der Firma seinem Mann steht.

„Das Testament des Herrn Napumoceno“ ist eine herrlich satirische Geschichte von den Kapverden und erinnert in großen Zügen an Geschichten von Carson McCullers, Truman Capote und Harper Lee. Detailversessen wird jeder Sachverhalt bis ins Kleinste ausgehöhlt ohne dabei auch nur den Funken von Langeweile zu verströmen. Germano Almeida schafft es in seinem Buch, das übrigens auch schon verfilmt und preisgekrönt wurde, das Leben eines bislang unscheinbaren Geschäftsmannes vor sonniger Kulisse auf eine neue, zum Teil allzu menschliche Eben zu heben. Herrlicher Urlaubsschmöker!