Das Geständnis der Löwin

Das Geständnis der Löwin

Mia Couto ist nicht irgendein Schreiber aus Afrika – er ist die Stimme Mosambiks. Wer’s nicht glaubt, wird sich von diesem Buch knapp dreihundert Seiten lang überzeugen lassen. Ein Dorf im Norden Mosambiks wird von Löwenangriffen erschüttert. So nah sind die Könige der Savanne noch nie gekommen. Immer wieder werden die Bewohner attackiert und gefressen. Eine normale Prozedur. Nicht so bei Mia Couto. Hier verschmelzen Jahrhunderte alte Überlieferungen mit den „Errungenschaften der Gegenwart“.

Ein Jäger wird bestellt. Der Letzte seiner Art. Er ist glücklich über das Angebot, denn er kennt den Ort und die Bewohner. Eine hatte es ihm schon einmal angetan, besonders ihre Honigaugen. Honigaugen! Benutzt in Europa noch jemand diesen Begriff? Man kann sich die farbenfrohen Weltenbetrachter förmlich vorstellen.

Die Jagd auf die Löwenmeute steht gar nicht so sehr im Vordergrund. Da taucht kein schwer bewaffneter Krieger aus dem Dickicht auf und meuchelt die Fleischfresser dahin. Vielmehr geht der Autor dem Grund für die plötzlichen Übergriffe auf den Grund. Und Gründe gibt es mehr als genug. Ein Verstoß gegen die Regeln des Anstands ist noch das geringste Übel. Nach und Nach verschmelzen Realität und Mythen. Gerade, wenn man sich wieder in der sprachgewaltigen Welt des schwarzen Kontinents wähnt, reißt einen ein neuerlicher Überfall wieder aus den Leseträumen.

Das Leben in Mosambik ist nur in wenigen Teilen mit unserem befriedeten Alltag zu vergleichen. Religion, der tägliche Kampf um den gefüllten Mittagstisch und bewährte Traditionen sind symptomatisch in dem südostafrikanischen Land. Hier werden den nachfolgenden Generationen hier längst vergessen Werte mit auf den Weg gegeben. Ehrlichkeit hat einen Stellenwert, irgendwo zwischen ganz oben und nicht ganz so weit oben. Und auch hier wird die Wahrheit ausgeschmückt. Mit Metaphern wie sie nur unter der sengenden Sonne Afrikas gedeihen können.

„Das Geständnis der Löwin“ ist das gefühlvollste Buch des Sommers. Selten zuvor wurde Afrika so echt und unverkitscht dargestellt. Modern und traditionell. Der nächste Preis ist Mia Couto sicher. Und es wird ein Leserpreis sein.

Die Witwe der Brüder van Gogh

Die Witwe der Brüder van Gogh

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war und ist weltberühmt und wurde darüber hinaus irre. Der Andere war ihm treu ergeben, half wann immer er konnte. Und es gab eine Frau, Gattin des Letzteren. Sie ist der Grund, dass die Werke des Erstgenannten heute immer wieder Rekordpreise bei Auktionen erzielen.

Die Rede ist natürlich von Vincent van Gogh, seinem Bruder Theo und dessen Frau Johanne van Gogh-Bonger. Camilo Sánchez fällt die ehrenvolle Aufgabe zu dieser Frau ein Denkmal zu setzen. Beziehungsweise setzt er ihr mit seinem Erstlingsroman einfach mal so ein Denkmal. Denn sie war es, die Theo in guten wie in schlechten Zeiten mit Rat und Tat zur Seite stand. Theos Leben war nicht immer einfach. Oft genug griff er seinem Bruder unter die Arme. Sie schaute weg, wenn ihr Gatte die raren Einnahmen mit Vincent teilte. Sie stachelte ihn an, wenn er es leid war Vincent zu protegieren.

Als Vincent van Gogh sich 1890 im Alter von 37 Jahren das Leben nimmt, bricht für Theo eine Welt zusammen. Da lebt er och mit Johanna in Paris, am Montmartre, dem Hügel der Märtyrer. Doch zu selbigem fühlt er sich einfach nicht berufen.

Mit diesem Schmerz beginnt Camilo Sánchez seinen Roman. Und schon da muss dem Leser klar sein, dass es ab hier kein Halten mehr geben kann. Poetisch, einfühlsam und fortwährend der Geschichte verpflichtet. Theo vegetiert nur noch vor sich hin. Er stirbt ein halbes Jahr nach seinem Bruder, im Alter von nur 33 Jahren. So ist es an Johanna die Bilder Vincent van Goghs einem breiten Publikum zugängig zu machen. Und sie an den Mann oder die Frau zu bringen. Als Witwe eines Kunsthändlers, eines van Goghs, ist es eine Art Therapie für sie. Denn sie steht nun ohne Mann, ohne Einkommen da. Und das als alleinstehende Mutter eines kleinen Sohnes. Der heißt ganz in der Familientradition mit Vornamen Vincent. Sie führt Tagebuch. Dieses Tagebuch ist der rote Faden des Romans.

Im Jahr 2015 ist Mons im wallonischen Hennegau in Belgien Kulturhauptstadt Europas. Hier fand Vincent van Gogh zum Malen. Hier steht sozusagen die Wiege des einzigartigen Pinselstrichs. „125 years of inspiration“ – dieses Motto haben sich mehrere Museen, unter anderem auch das Museum der Schönen Künste in Mons, auf die Fahnen geschrieben. Vom 24. Januar bis zum 17. Mai sind hier eine Vielzahl der Werke Vincent van Goghs zu sehen. Mehr Informationen gibt es unter www.vangogh2015.eu und www.mons2015.eu. Als Einstimmung ist dieser Roman mehr als zu empfehlen.

Drei Worte hin und her

Drei Worte hin und her

Von Schweden nach Irland auswandern – für viele stellt sich die Frage ob Schweden oder Irland. Linn wohnt in Schweden. Ihr Mann wird nach Irland versetzt. Viel kann sie der kargen Landschaft nicht abgewinnen. Die Tradition des morning coffee lässt Linn ein wenig Hoffnung schöpfen. Dann treffen sich in dem kleinen Nest, in das es Linn und ihren Mann verschlagen hat, die Damen und schwatzen. Doch so richtig angekommen fühlt sie sich nie. Auch nicht als Michael Quigley in ihr Leben tritt. Doktor Michael Quigley. Nicht der Titel reizt sie, vielmehr seine Art. Er passt so gar nicht hier her. Verschlossen sind die Anderen. Michael ist offensiv, fast schon zu sehr. Beide spüren eine innere Verbindung miteinander.

Bei üblichen Liebesschnulzen würde man wohl jetzt „Bauchkribbeln pur“ lesen. Nicht bei Margret Steckel. Sie lässt Linn nachdenken, zweifeln, verlangen. Denn so schön das Gefühl begehrt zu werden, zu lieben ist, so gefährlich ist auch dieses Spiel.

Denn auch Michael ist verheiratet. Hat sogar Kinder. Linn nicht. Linns Mann ist oft unterwegs. Das ist die schlimmste Zeit für sie. Denn dann hat sie keinerlei Ablenkung. Dann denkt sie an und trifft sich mit Michael.

Zerwühlte Betten sind nicht Margret Steckels Ding. Ihre Helden denken sich durch ihre Liebe. Was wäre wenn? Die Konsequenzen spielen hier eine genauso große Rolle wie augenblickliche Gefühle. Ein starker Roman, der das Vorurteil der seichten Liebesromanlektüre ad absurdum führt. Wohl geformte Sätze verschmelzen im zarten Liebestaumel zu grandiosen Einblicken in die Seele zweier Königskinder. Und die berühmten drei Worte sind letztendlich nicht mehr als ein Ping-Pong-Spiel zwischen ihnen.

Mein ein und alles

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Giulio und Arianna – ein Traumpaar. Wenn man sie so sieht, glaubt man nicht, dass die beiden eine ungewöhnliche Beziehung leben. Verliebte Blicke, perfekt aufeinander abgestimmt, so schaut es für den Außenstehenden aus. Nur die Leute am Strand wissen Bescheid über ihr Geheimnis. Denn am Strand sind Giulio und Arianna nicht das verliebte, perfekte Paar, am Strand sind sie die sich verzehrende Arianna und der duldende Giulio. Doch beim Spiel mit den Jünglingen gibt es klare Regeln, über die der Strandwart wacht: Jeder nur zweimal! Und keine Anrufe bei ihr!

Giulio ist über ein Vierteljahrhundert älter als die begehrenswerte Arianna. Sie lernten sich kenne, als sie ihren Mann verlor. Dessen Familie war nie gut auf Arianna zu sprechen. Giulio schwebte botenhaft wie ein Engel in ihr Leben, dass von diesem Moment an ein anderes war. Finanzielle abgesichert konnte sie sich ihrer persönlichen Entfaltung widmen. Ganz oben auf dem Dachboden war und ist ihr Reich. Hier darf niemand rein.

Giulio ist Geschäftsmann. Klare Regeln sind für ihn die Basis eines jeden Geschäftes.

Und so läuft das angenehme Leben Tag vor Tag durch die beiden hindurch. Jeder hatte sein Leben bevor er den anderen kennenlernte. Jeder lebt sein Leben. Beide leben ihr Leben gemeinsam – das klingt auf den ersten Blick verwirrend. Doch Andrea Camilleri wäre nicht er selbst würde er es nicht ernst meinen und eine wunderbare Geschichte aufs Papier zaubern. Beim Lesen wird man das Gefühl nicht los, als sei diese Geschichte in einem fort geschrieben worden. Kleine Rückblenden in Ariannas Vergangenheit lassen den Nebel des Ungewissen verschwinden. Dem Leser öffnet sich eine traurige Welt, die Arianna längst verlassen zu haben scheint. Doch ist sie gerade dabei die Regeln zu verletzen. Mario – einer ihrer Auserwählten, den sie nur zweimal treffen darf, der sie nie anrufen darf – fühlt sich derart von ihr angezogen, dass er die Grenzen überschreitet. Arianna scheint das nur anfangs etwas auszumachen. Doch dann entscheidet sie sich anders: Wenn Arianna jemandem ihr ein und alles zeigt, ist das kein Vertrauensbeweis. Es ist viel mehr …

„Mein ein und alles“ gehört zu den stärksten Büchern des Sizilianers Andrea Camilleri. Was als ungewöhnliche Liebe zwischen einer jungen, vom Leben geschassten Frau und einem erfolgreichen, gönnerhaften Signore beginnt, entpuppt sich nach und nach als bittersüße Abrechnung mit dem Leben. Wer hier Opfer, wer Täter und wer Helfer ist, muss der Leser entscheiden. Montalbano hätte seine reine Freude an diesem Fall.

Lesereise Island

Lesereise Island

Wer Island besucht, sucht das Besondere. Keine Bettenburgen, die die Aussicht auf unvergessliche Natur verstellen. Keine Bartwurststände, die Heimatgefühle aufkommen lassen sollen. Kein Strand, an dem man in der Sonne brutzelt. Wer Island sucht, wird es auch schnell finden.

Das Auffälligste an Island ist, dass es jeden Tag anders auffällig erscheint. Wo gestern noch ein bizarrer Gletscher in den wolkenverhangenen Himmel ragte, versperrt heute eine Lavawüste den Weg. Okay, das ist vielleicht eher selten – aber Naturgewalten verändern in regelmäßig unregelmäßigen Abständen das Aussehen des Horizonts. Diesen Zauber fängt Susanne Schaber in ihrer Lesereise auf poetische Art und Weise ein.

Zaubern, also wirklich zaubern, etwas verschwinden und wieder auftauchen lassen, ganz ohne Trick, das können auch die Isländer nicht. Aber ihr Glaube an Trolle und Elfen, ihre Naturverbundenheit, ihre Gelassenheit lassen sie in unseren Augen zuerst verschroben, nach kurzer Besinnung besonders erscheinen. Sie leben mit der ständigen Gefahr, dass jederzeit einer der feuerspuckenden Vulkane ihnen alles nehmen kann. Sie kennen ihre Feuerberge, wissen das Grummeln zu deuten. Und wenn es doch mal zum Äußersten kommt, sind alle gewappnet. Für immer wegbleiben, kommt für kaum jemanden in Frage. Susanne Schabers Geschichte über eine Frage auf den Westmanninseln zeichnet das Bild einer willensstarken Frau, die den Naturgewalten die Stirn bietet. Bis zu vier Jahre kann es dauern bis wieder Normalität in den Ort gekehrt ist. Und wenn beim Nachbarn wieder Licht brennt, ist es die Mühen wert gewesen.

Island aber nur als Insel der Inneren-Frieden-Suchenden zu sehen, die sich nichts Schöneres vorstellen könne als einsam auf einem Gletscher ins Nichts zu schauen, der irrt. Reykjavik, die Hauptstadt, verwandelt sich Wochenende für Wochenende in eine metropole Partymeile. Vorwiegend aus Skandinavien fliegen oder fallen Gruppen von Menschen ein, um hier die Nacht zum Tage zu machen.

Ob nun einsamste Herberge der Welt oder Partygetümmel, ob lukullische Ausflüge und Treffen der Mächtigen der Welt, ob ungestüme Natur und entlegene Landstriche – Island zieht den Besucher in seinen Bann, dieses Buch den Leser. Susanne Schaber schafft dem blassen Image der Insel Farbe zu verleihen. Sie schaut in die Kochtöpfe, erzählt von immensen Aufbauarbeiten, schwärmt von unberührter Natur, so dass man schon beim Lesen gedanklich die Koffer packen will. Doch zuerst muss man zu Ende lesen. Es lohnt sich!

Lesereise Côte d’Azur

Lesereise Cote d'Azur

Es gibt sie noch, die Sehnsuchtsorte. Trotz Globalisierung und Gleichschaltung bei der Gestaltung von Orten verheißen einige Landstriche immer noch Glanz, versprühen ihren Zauber nur durch ihren Klang. So wie die Côte d’Azur. Ein Hauch von Eleganz, Extravaganz, Verruchtheit, aber auch Exklusivität. Helge Sobik hat dem Mythos Côte d’Azur auf den Zahn gefühlt.

Und er gibt dem Affen Zucker, wenn er seine Lesereise mit dem Klischee der Schönen und Reichen beginnt. Am Cap d’Antibes liegen die paradiesischen Anwesen der oberen Zehntausend. Wer hier ein Anwesen sein Eigen nennt, hat es geschafft. Finanziell zumindest. Ein Blick über die Hecke werfen und vielleicht einen A-Promi beim Sonnenbad erblicken – eher selten. Man bleibt gern unter sich. Um denen da oben ganz nah zu sein, muss man hier arbeiten, als Strandbademeister zum Beispiel. Man muss diskret sein (können). Dann erhascht man vielleicht sogar mal ein Autogramm.

Sobiks Geschichten wechseln zwischen Privatkonzerten von Bono, Sänger von U2, und einzigartigen Naturschönheiten. Wie der Insel Porquerolles. Georges Pompidou rettete die Insel vor der maßlosen Kommerzialisierung als er anwies die Insel vom Staat kaufen zu lassen. Oder Port-Cros. Unbewohntes Eiland, Nationalpark. Rauchen verboten! Wer erwischt wird, dessen Geldbeutel wird um den größten Euroschein erleichtert. Also Kippen weg, Augen auf, und das Atmen nicht vergessen! Denn die Insel verleitet regelrecht zum Atemstillstand.

An der Côte d’Azur trifft Helge Sobik auf Erinnerungen an Stars wie Curd Jürgens, Pablo Picasso und Marlene Dietrich. Auch sie erlagen dem Charme dieses Landstriches, der so viel verspricht. Und es auch hält. Doch er trifft auch auf Menschen, denen die Gäste und ihr Geld egal sind. Sie lieben es hier ihr Leben zu leben. Andere wiederum können ohne die großen Namen nicht leben. Sie profitieren vom Ruhm und Geld der Paparazziopfer. Vielleicht ist es ja gerade diese Mischung, die die Côte d’Azur so reizvoll macht?

Die Lesereise Côte d’Azur macht Appetit auf eigenes Erleben. Man muss ja nicht gleich im teuersten Hotel am Platze absteigen und einen Eisbrecher für einen zweistelleigen Betrag bestellen. Das geht hier an jeder Ecke. Die Côte d’Azur lebt von ihrer Natur. Sie ist die Basis für das, was heute sehnsuchtsvolle Tränen in die Augen der Träumer treibt. Saint Tropez, Nizza, Cannes, all das kam im Laufe der Zeit. Ohne das reizvolle Klima, die betörende Landschaft wären auch die Stars wie Brigitte Bardot hier niemals hängen geblieben. Und der Mythos Côte d’Azur wäre niemals an Tageslicht gekommen. Aber dann hätte es auch dieses Buch niemals gegeben. Das wäre wirklich schade!

Dem Himmel nah

Dem Himmel nah

Anfang Juli 1990. Die Sonne brennt. Im Land, wo die Zitronen blühen kämpfen zweiundzwanzig Spieler gegen die Hitze und einen Goldpokal. Der eine Teil Deutschland schaut reisetechnisch gen Wesen (endlich!), ein kleine Gruppe aus dem westlichen Teil schaut sehnsuchtsvoll und teils auch bange gen Osten. Drei Bergsteiger machen sich auf den Weg den Pik Kommunism zu erklimmen. Qullai Samani heißt der wieder, nachdem die Sowjetunion und der gesamte Ostblock als abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern stehen.

Papiere besorgen von Ländern, die gerade im Entstehen sind bzw. gerade zerfallen, ist keine leichte Angelegenheit. Die Drei haben sich aufgeteilt. Jeder übernimmt eine andere Aufgabe. Das erste Abenteuer ist die Zugfahrt von Köln nach Moskau. Unterwegs müssen die Achsen gewechselt werden, weil es in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, dem Nachfolger der Sowjetunion, eine andere Spurbreite gibt. Endlich angekommen im Pamirgebirge werden die Drei gleich auf eine erste harte Bewährungsprobe gestellt: Eine Expedition hat den Aufstieg nicht überlebt. Im Camp mit Bergsteigern aus allerlei Nationen herrscht Betroffenheit. Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern sind die drei Rheinländer Amateure. Ihre Ausrüstung ist ausreichend – sie alle sind wahrhaft keine Anfänger mehr – im Vergleich mit der Profiausrüstung der teils gesponserten Teams wirkt ihre Equipment aber eher simpel.

Nach Tagen der Eingewöhnung macht sich das Dreigestirn auf den Weg in die bisher unerklommenen Höhen über 7.000 Meter. Die Luft ist dünn, die Kraft lässt nach, der Wind nicht. Wer Bergsteiger ist, kennt die Strapazen, die von einem auf den anderen Moment auftreten können. Klaus Auen gibt in seinem Buch einen Einblick darin, was es heißt Bergsteiger zu sein. Die Beine werden schwer, der Kopf leer. Auch wenn es sich reimt (und das soll ja angeblich gut sein), ist es eine Tortur, die keiner jemals zuvor erlebt hat. Den Drachenfels hochsprinten (wie in der Vorbereitung) ist dagegen ein Klacks.

Wer Bergsteigergeschichten mag, wird hier vollends auf seine Kosten kommen. Wem die Bergwelt bisher ein Buch mit sieben Siegeln war, leckt Blut. Ausführlich und dennoch nicht ins Bedeutungslose abdriftend verleiht Klaus Auen seiner Faszination für die Berge Ausdruck. Der Leser fiebert mit. Schaffen die Drei den Aufstieg? Und wenn ja wie? Ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Montagsblues

Montagsblues

Dem Alltagstrott entfliehen. Den Montag mal anders beginnen als mit Müdigkeit und tendenzieller Depression. Ein echtes Abenteuer erleben. Melanie (die Erzählerin), Tina und Carmen sind frustriert. Nicht weil sie Singles sind. Das ist schon in Ordnung. Es ist der Alltag, der ihre Seele frisst. Kurzerhand – und das ist in diesem Roman wörtlich zu nehmen, planen sie einen Banküberfall, den sie auch gleich in die Tat umsetzen, flüchten aus der Tristesse ihres Lebens. Und schon sonnen sie sich unter der Sonne Thailands. Das ist doch kein Krimi! Nein ist es auch nicht. Es ist ein Antikrimi.

Jutta Brettschneider geht es nicht um wilde Schießereien und noch wildere Verfolgungsjagden. Ihr Augenmerk liegt auf der Zeit danach. Denn die kann man nicht planen. Wenn man zum Beispiel einen Anhalter mitnimmt, kann man nie wissen, ob der nicht vielleicht Drogen im Gitarrenkoffer versteckt. Oder wenn Polizisten mehr oder weniger zielstrebig auf einen zulaufen, kann man nie wissen, ob sie einfach nur einem die schweren Taschen tragen wollen. Bis zu ihrem ersten Ziel Bangkok erleben die Drei einige vermeintlich brenzlige Situationen.

Endlich angekommen in Bangkok meinen sich die drei Gangsterbräute im Paradies. Endlich mal einkaufen ohne Reue. Zwei Millionen Euro Beute, das reicht schon eine Weile. Auf Koh Samui – dort, wo sie ihr Leben nicht beschließen, dennoch genießen wollen – fühlen sie sich endlich angekommen. So wie einst: Job, Wohnung, Leben. Jetzt: Hotel, Wellness, Strand.

Doch der Reiz des Neuen speist sich eben auch nur aus dem Neuen, der neuen Umgebung. Wenn das Neue Alltag wird, ist es eben auch nur Alltag. Und der ist in Thailand vielleicht nicht ganz so grau, eher sonnengelb, dennoch nicht minder blass.

Jutta Brettschneider lässt ihre drei Heldinnen leiden. Zuerst auf ganz hohem Niveau. Sie können sich ihre lang gehegten Träume verwirklichen. Doch Konsum und scheinbarer Luxus sind nur ein Bruchteil des Glücks. Besonders, wenn einem andere dies nicht gönnen …

Lesereise Helsinki

Lesereise Helsinki

Finnland im Allgemeinen und Helsinki im Speziellen finden im Bewusstsein vieler nur während der Wintersaison der Sportler statt. Da ist es viel zu kalt. Und im Winter wird‘s nie richtig helle, im Sommer niemals dunkel. Vorurteileüber Vorurteile, die … naja … stimmen. Aber ist das ein Grund Helsinki und Finnland mit Nichtachtung zu strafen? Nein! Rasso Knoller erklärt in diesem erstklassigen Büchlein warum.

Natürlich ist es im Winter hier oben im Norden verdammt kalt. Aber in Zeiten von Funktionskleidung dürfte das ja wohl kein Problem sein, oder?! Und außerdem überleben die Finnen die lange kalte Jahreszeit ja auch. Sie rennen nicht vor der Kälte davon. Apropos Flucht. Im Sommer fliehen die Finnen. Nicht – wie jetzt vielleicht manch einer denkt in die Kälte, weil sie es halt gewöhnt sind – nein, sie fliehen aufs Land. Jedes Jahr im Sommer setzt eine organisierte Stadtflucht aus Helsinki ein. Jeder, der kann, setzt sich richtig Natur in Bewegung. Alle auf einmal! Stau? Na und! Der Finne an sich ist geduldig. In einer Runde zu schweigen, animiert die meisten von uns Mitteleuropäern zum anhaltlosen Plappern. In Finnland kennt man nur den Begriff des behaglichen Schweigens.

Rasso Knoller stöbert weiter in der Ostsee-Metropole. Er trifft auf Werktags-Abstinenzler, die dafür am Wochenende (mit Erlaubnis der Gattin!) so richtig ihrem über der Woche aufrecht erhaltenen Alkoholentzug entsagen. Ein geflügeltes Wort besagt, dass Alkohol ohne Rausch vergebens ist. Dabei bleibt der Autor immer neutral – er wertet dieses Gebaren nicht. Auch die verwunderten, ja manchmal sogar bedauernden, Blicke seiner Kollegen, weil jeden Tag zur Mittagszeit sich ein kleines Bier genehmigt, sind für ihn bald Normalität.

Ein Helsinki-Aufenthalt ohne Sauna ist nur die Hälfte wert. Das Wort Sauna ist das einzige, was weltweit mit dem kalten Landstrich in Verbindung gebracht wird. Ok, Nokia vielleicht noch. Die Finnen sind nicht verrückt nach Sauna, für sie ist elementarer Bestandteil des Alltags. Manche gehen soweit ihrer Passion Räder unterzuschnallen. Ob nun vier- oder zweirädrig. Sauniert wird immer und überall.

Rasso Knoller macht Appetit auf Finnland und Helsinki. Geschichte und Geschichten wechseln sich im fröhlichen Reigen ab. Wer Helsinki nur aus den Nachrichten kennt, und sich bisher kaum für unseren nordöstlichen Ostseeanrainer  interessiert hat, dem wird mit diesem kleinen Büchlein klar, dass er bisher was verpasst hat. Ein Appetitmacher auf Heiß und Kalt!

Mit dem Fahrrad durch die USA

Mit dem Fahrrad durch die USA

Sich einfach auf den Drahtesel schwingen und ab geht’s. Ja, das kann man machen, wenn man zur Arbeit will, oder zum Einkaufen, oder einen kleinen Ausflug unternehmen will. Aber in einem fremden Land, fernab von der Heimat? Schon als Teenager war Peter Lindwedel von Karten und fernen Ländern fasziniert. Als passionierter Radfahrer kam für ihn nur ein Fortbewegungsmittel in Frage: Das Rad! Und einmal die USA durchqueren, von San Francisco an den Atlantik. Das war sein Traum. Von West nach Ost. Denn es gibt mehr West- als Ostwinde. So war der Traum, so war der Plan. Bis es in die entscheidende Planungsphase ging. Um es kurz zu machen: Aus dem West-Ost-Trip wurde ein Ost-West-Trip. Schon die Vorbereitung ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Denn man kann nicht einfach so sein Fahrrad aufgeben. Dazu benötigt man eine Schachtel, die gewisse Maße nicht überschreiten darf. Die zu bekommen, ist allerdings unmöglich. Improvisation ist das Zauberwort. Diesem Zauber wird er auf seiner Reise noch öfter unterliegen (müssen).

Als endlich amerikanischer Boden unter den Sohlen des Pedalritters brennt, kann es losgehen. Naja, nicht gleich. Der Transport hat am Rad Spuren hinterlassen. Doch nachdem die behoben sind, kann es endlich losgehen. Losgehen mit falschen Routen, Umwegen und … einem Reifenplatzer. Die Ausschilderung im Ausgangsort Savannah (Georgia) lässt zu wünschen übrig. Genauso wie das Wetter. Es regnet Bindfäden. Der Regen füllt Schlaglöcher, und es kommt wie es kommen muss: Reifen platt!

Das fängt ja gut an, denkt man sich als Leser. Murphys Gesetz ist stets präsent. Doch wie so oft im Leben, kommt ein Unheil zwar selten allein, dafür aber nur einmal. Insofern hat Peter Lindwedel das Gröbste hinter sich. Seine Reise führt ihn nicht ihn die Metropolen New York, Chicago oder New Orleans – er will Amerika entdecken. Für sich entdecken. Einzig die Golden Gate Bridge in San Francisco steht unverrückbar als Zieldurchfahrt fest. So radelt er mit sechs Stunden Musik auf dem mp3-Player, einem Smartphone, jeder Menge Gepäck und dem unbedingten Willen das Frühjahr 2013 als Pedalritter auf dem fremden Kontinent zu durchqueren, durch menschenverlassen Regionen, vorbei an erstaunlichen Gesteinsformationen, über Berg und Tal, durch Georgia, Kentucky, Kansas, Colorado, Utah, Nevada, Kalifornien. Ein echter Abenteuertrip! Er trifft Menschen, die ihm Obdach geben, campiert in den schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann und erlebt das, was Pauschaltouristen nur vom Hörensagen kennen.

Fast sechseinhalbtausend Kilometer strampelt er durch die USA. Von April bis Juni macht Peter Lindwedel die Reise seines Lebens. Zum Glück hat er alles in seinem Tagebuch für den Leser niedergeschrieben. Wer Ähnliches vorhat, kann dieses Buch als Ratgeber benutzen. Wer außergewöhnliche Reiseerlebnisse bevorzugt, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.