Der Fengshui-Detektiv und der Geisterheiler

02- Der Fengshui-Detektiv und der Geistheiler

Das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wiederherstellen, ist der Beruf, die Berufung von Mister Wong. Als Fengshui-Meister berät er seine Kunden in Sachen Yin und Yang. Dieses Mal stößt er – zusammen mit seiner blutjungen Assistentin Joyce – auf ein ganzes Meer Yang, also das Böse. Ein Kind wurde entführt, ein Gauner holt sich Rat bei einer Wahrsagerin (sie soll ihm das Todesdatum seiner „Auserwählten“ nennen, damit er weiß, ob es sich lohnt eine Lebensversicherung abzuschließen), und bei Wong im Büro verschwindet die Klimaanlage.

Alles sehr mysteriös. Joyce McQuinnie als modernes Girlie, die den Meister mit ihrer Jugendsprache zwar nicht auf die Palme bringt, dennoch so manches Mal ein Staunen ins Gesicht zaubert, ist hocherfreut als C.F. Wong mit Ihr auf seine Rechnung nach Australien fliegt. In ihr Geburtsland. Nach Sydney. Denn dort scheint die Lösung des Problems, der Probleme zu liegen.

Wong sucht den Ort der Millionenmetropole mit dem schlechtesten Fengshui. Und findet ihn. Auf dem Dach der weltberühmten Oper.

Nury Vittachis Ermittlerduo verlässt das heimische Singapur, um auf der südlichen Erdhalbkugel eine Frau vor ihrem vorbestimmten Schicksal zu retten. Die Polizei ist keine große Hilfe, denn ohne handfesten Beweis wollen die gar nicht erst eingreifen. Und eine weitere Macht ist im Spiel. Mysteriös bis sie ihre Masken fallen lässt: Ein Triaden-Clan aus Hongkong.

Mister Wong und Jo müssen erkennen, dass mit Fengshui Vieles zu erklären ist, viele Sachen aber eben nicht zu verhindern sind.

Der Fengshui-Detektiv und der Computertiger

03 - Der Fengshui-Detektiv und der Computertiger

Alles ist im Fluss. Der Körper befindet sich – dank hochmoderner Analysegeräte und –techniken – im absoluten Gleichgewicht. Wer in so einem Fitnessstudio trainiert, dem kann so schnell nichts aus den Sneakers kippen. Denkt man! Denken sich auch die Mitglieder. Doch schlechtes Fengshui macht ihren Gedanken einen Strich durch die Rechnung. Man könnte auch sagen, dass ein Mitglied beim Training ums Leben gekommen ist. Vielleicht weil die Dosis Sport zu hoch war, falsch berechnet wurde?

C.F. Wong, der rührige Geomant, das ist ein Fengshui-Meister, und seine Assistentin Joyce sollen der Ursache für den Todesfall auf den Grund gehen. Leicht verdientes Geld. Eine schicke Reise. Und der Fall ist so einfach, dass Joyce den Fall allein lösen kann. Ach, Mister Wongs Welt könnte soooo schön und erholsam sein…

Das ist nur eine Geschichte dieses Bandes. Der Fengshui-Meister und seine um Einiges jüngere Assistentin Joyce McQuinnie müssen außerdem noch die Garage des neununddreißigstreichen Asiaten ausrichten. Ja, der neununddreißigstreiche Asiate! Mister Wong steht auf solche Spielchen. Das ist gut fürs Geschäft. Denn der rundliche, Harmonie schaffende Meister ist auch Geschäftsmann. Und was für einer! Er kann zwar den Wert der Oldtimer, die in der Garage schlummern, nicht einschätzen, weiß jedoch, dass das ein so reicher Kunde weitere ähnliche Kunden im Schlepptau haben kann.

Nury Vittachis Geschichten über Wong und Joyce sind die moderne Verknüpfung von althergebrachten Weisheiten und Ritualen, gepaart mit den Annehmlichkeiten und Errungenschaften der Gegenwart. Obgleich er seine Assistentin nicht immer versteht – ihre Jugendsprache ist aber auch manchmal wirklich zum Verzweifeln krass – beweist sie ihm ein ums andere Mal, dass er ohne sie nicht so schnell voran kommen würde.

Die Fälle, die beide dieses Mal zu lösen haben, sind keine knallharten Action-Fälle mit viel Tam-Tam. Vielmehr verlangen sie Grips und Gelassenheit. Und dafür ist Mister Wong genau der Richtige!

Shanghai Dinner

04 - Shanghai Dinner

Wer etwas auf sich hält und sein Geschäft erweitern will, muss am Pulsschlag der Globalisierung horchen. Und wo kann man das am besten, am erfolgreichsten? In Shanghai. Kaum ein Tag ohne bauliche Veränderungen, die jeden Stadtplan ad absurdum führen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Mister Wong, der Fengshui-Detektiv sich hier niederlassen will. Denn hinter dem listigen kleinen Mann steckt ein Bär von einem Geschäftsmann.

Zusammen mit seiner Sekretärin Winnie Lim und seiner Assistentin Joyce will er den Milliardenmarkt China erobern. Doch auch hier steht vor dem Vergnügen die Arbeit.

Eine Woche ist er nun schon in der chinesischen Millionenstadt. Und er hat das Büro, das ihm besonders gutes Chi verspricht. Die Balance zwischen Yin und Yang stimmt. Mit einem gehörigen Übergewicht an Yin, also der „guten“ Energie. Mister Wong kann sich so seinem Vermächtnis, der Niederschrift asiatischer Weisheiten hingeben. Bumm! Die Erde bebt! Oder doch nicht? Was war das? Ein markerschütternder Knall durchbricht die Konzentration. Der Energiefluss des Büros wird empfindlich gestört. Mister Wong und seine Assistentin inkl. Sekretärin sehen sich einer riesigen Abrissbirne gegenüber! Shanghai ist wohl doch nicht das richtige Pflaster für die Drei?!

Nury Vittachi lässt seine Helden das komplette Shanghai-Programm durchlaufen: Stau (und was für einer!), militante Tierschützer (die außerdem noch ein ganz anders Ziel zu verfolgen scheinen) und die geballte Macht des chinesischen Machtapparates. „Shanghai Dinner“ macht Appetit. Mister Wong ist schwer zu erreichen – sei Büro wurde ja dem Erdboden gelichgemacht. Dennoch finden seine Klienten zu ihm. Ein verschwundenes Kind und ein Staatsbesuch – Nury Vittachi lässt nichts aus, um den Moloch Shanghai zu beschreiben. Und dabei huschen ihm und dem Leser immer wieder Lachfalten übers Gesicht. Wie bei der Geschichte über den weißen Elefanten, der … diese explosive Geschichte muss man einfach lesen!

Mister Wong fällt die ehrenhafte Aufgabe zu, sich Shanghai und dem aus den Fugen geratenen Energiefluss anzunehmen. Ihm wird klar, dass die Dinge auch auf den zweiten Blick oft anders sind als sie scheinen.

Der Fengshui-Detektiv im Auftrag ihrer Majestät

05 - Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät

Mister Wong, der Fengshui-Detektiv ist genervt. Sein Meditationsraum ist bis unter die Decke vollgestellt mit Toilettenpapier, und die Geschäfte liefen auch schon mal besser. Einzig allein die Tatsache, dass seine ihn nervende Assistentin Joyce (die ihm nebenbei gesagt – wenn er ehrlich ist – immer eine große Stütze war) nicht permanent um ihn herumschwirrt und ihn mit ihrer Jugendsprache an den Rand der Verzweiflung bringt, lässt ihn den Tag überstehen.

Doch da kommt sie schon! Überbordend vor guter Laune. Und schon gehen die Geschäfte auch wieder besser. Dieses Mal ist es ein besonderer Auftrag: Kein Haus, kein Appartement, kein Büro. Nein, ein Flugzeug! Doch nicht irgendeines. Ein Riesenvogel. Eine fliegende Bürooase oder ein fliegender Konferenzraum mit allen Schikanen. Leicht verdientes Geld – so mag es der geschäftstüchtige Geomant am liebsten. Eine Röhre mit Flügeln. Wenig Platz für schlechte Energie! Wenig Platz für schlechte Energie?

Hauptsache der Auftrag ist in Sack und Tüten. Doch es läuft nicht so wie es laufen soll. Ein Mord! Und ausgerechnet ein Schulfreund von Joyce soll der Mörder sein! Keine guten Voraussetzungen für einen Folgeauftrag bei der Queen. Der steht nämlich auch schon im Raum.

Nury Vittachi zieht alle Register seines Könnens. Sein Wortwitz zaubert auch den härtesten Krimi- und Spionagefan ein Lächeln ins Gesicht. Besonders, wenn Mister Wong zu verstehen versucht wie die Namensgebung der Royals funktioniert. Ein Fest für alle Liebhaber des britischen Humors!

Im fünften Roman über den geschäftstüchtigen Fengshui-Detektivs und seiner flippigen Assistentin scheint C. F. Wong am Ziel seiner Träume angekommen zu sein. Er kann das Vielfache seines Honorars verlangen, steigt in einen elitären Kreis auf, der ihm Ruhm und Ehre einbringt, und er kann seine ganzes Wissen – weltlich wie spirituell – gekonnt einsetzen, um einen mörderischen fall zu lösen.

Die Kayankaya-Romane

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Das Entsetzen war groß als das Jahr 2013 mit dem Tod von Jakob Arjouni begann. Keine fünfzig Jahre war er alt. Doch schon lange eine feste Größe im deutschsprachigen Literaturmarkt. Seine Romane über den Ermittler Kayankaya in Frankfurt erlaubten ihm weitere Romanfiguren wie den „Heiligen Eddy“ reifen zu lassen.

Sein Hausverlag Diogenes gedenkt und dankt dem Ausnahmeautor mit einer ganz besonderen Ausgabe seiner Kayankaya-Romane. Fünfmal Hessenmetropole, fünfmal ungewöhnliche Ermittlungsmethoden, fünfmal Eloquenz vom Feinsten. Fünfmal Kayankaya, fünfmal Jakob Arjouni.

In dem edlen Schmuckschuber passen die Romane „Happy birthday, Türke!“, „Mehr Bier“, „Ein Mann, ein Mord“, „Kismet“ und „Bruder Kemal“.

Die Kayankaya-Romane haben Frankfurt in den Fokus der Leserschaft gerückt. War die Stadt jahrelang als Drogenhort und die Stadt mit der höchsten Kriminalität in Deutschland verschrien, erhebt Jakob Arjouni sie in den Stand einer Metropole mit charakterfesten Menschen. Der Privatermittler ist nicht perfekt. Seine Schlagfertigkeit lassen historische Helden wie einen Sam Spade oder einen Philip Marlowe in Erscheinung treten. Kayankaya ist keiner der beiden. Er orientiert sich an ihnen, doch er geht seinen eigenen Weg. Frauen ist er ebenso wenig abgeneigt wie dem Alkohol.

Frankfurt, auch mit seinen rot erleuchteten Fenstern in Bahnhofsnähe, ist Kemal Kayankayas Betätigungsfeld. Hier sind seine Klienten zuhause. Hier wird gedemütigt, geliebt, gehasst, gemordet. Kayankaya ist dort zuhause, wo andere Auswandererpläne schmieden.

Einundzwanzig war Jakob Arjouni als er Kemal Kayankaya, dem Türken, der in einer deutschen Familie aufwuchs Leben einhauchte. Es wurde ein erfolgreiches Leben. Leider war es nach fünf Romanen schon wieder zu Ende. Am 8. Oktober 2014 wäre Jakob Arjouni 50 Jahre alt geworden.

Auf Godot wartet keiner

Amila - Auf Godot wartet keiner

Kommt der Graf ein zweites Mal zurück? Fortsetzungen waren nie das Ding von Jean Amila. Doch das Schicksal des Grafen aus „Die Abreibung“ gierte sichtlich nach mehr. In „Auf Godot wartet keiner“ tauchen einige Charaktere wieder auf, die dem Leser bekannt vorkommen.

Riton Godot hat nicht nur das Geschäft des – schlussendlich doch – „verstorbenen“ Grafen geerbt. Auch Angèle Maine ist nun seine Frau. Aber auch nur auf dem Papier. Er kümmert sich ums Geschäft, sie darum ihm das Privatleben so schwer wie möglich zu machen. Als ihre Tochter mit dem Zug in Paris ankommen soll, wird sie von Leuten aus Paconis Bande (dem großen Gegenspieler Godots) angegriffen und fast entführt. Nur das entschlossene Eingreifen eines Passanten verhindert Schlimmeres. Doch auch der Passant ist kein Unbekannter: Es ist Felix. Der Vater von Colette.

Es ist kein Zufall, dass Felix auch in der Stadt ist. Colette wuchs in seiner Obhut und der seiner Frau Janine auf. Bis Janine vor einigen Jahren bei einem Kaufhausbrand ums Leben kam. Felix bezweifelt die Theorie eines Unfalls. Jetzt hat er Beweise und will die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen. In Riton Godot scheint er einen willigen Gefährten gefunden zu haben. Doch scheint auch er seine eigenen Interessen zu verfolgen. Es geht um Millionen. Felix hat gute Vorarbeit geleistet – die Schuldigen an den Pranger zu stellen, wird ein Leichtes.

Eine vom eigenen Gatten und vielleicht sogar vom eigenen Leben angewiderte Femme fatale. Ein rachsüchtiger Mann, der die Hintermänner seines Witwertums zur Strecke bringen will. Ein Gangsterboss im Kampf um Machterhalt. Ein junges Ding, dessen Knospen zur zerbersten angespannt sind. Na wenn das kein Plot für einen spannungsgeladenen Thriller ist?! Und dann noch aus der Feder eines der Meister der Série noire…

Jean Amila spinnt ein verzwicktes Geflecht aus Eigennutz und Rachsucht. Der Leser wird immer tiefer in die Geschichte hineingezogen – es gibt keinen Ausweg. Keiner entkommt der Phantasie des genialen Autors der schwarzen Serie. Verschreckt Blicke nach links und rechts. Nichts zu sehen. Doch hinter einem lauert die Gefahr. Spannungsgeladen von der ersten bis zur letzten Seite. „Auf Godot wartet keiner“ ist die gelungene Fortsetzung von „Die Abreibung“. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Fortsetzungen doch spannend sein können.

Bis nichts mehr geht

Amila - Bis nichts mehr geht

Voller Tatendrang reist Marie-Anne nach Nomville. Sie wird dort ihre erste Stelle als Lehrerin antreten. Doch wie ernüchternd ist dieser trostlose Ort mitten in der Normandie. Ernüchternd trifft es vielleicht nicht ganz: Nomville ist die Hochburg der Schwarzbrenner. Calvados ist das Gold der Normandie. Die gesamte Einwohnerschaft scheint in dieser Apfelschnapswolke dahinzudämmern. Selbst die Kinder.

Im Dorfteich ist Francoise ertrunken. Welch ein Unglück! Denn ausgerechnet heute sollte doch gebrannt werden. Da sollte sie helfen. Und die Polizei wird auch erst geholt, wenn die Duftwolke sich verzogen hat. Und in so einem Ort, einem Ort, indem sogar der Pfarrer im Delirium predigt, soll Marie-Anne den Jüngsten etwas beibringen? Na Prost Mahlzeit!

Immer tiefer in den Strudel des Schwarzbrennens und des Alkoholschmuggels gerät sie als ihr Pierrot den Hof macht. Er verfolgt zwei Ziele. Zum Einen will er Marie-Anne beeindrucken. Zum Anderen will er ein erfolgreicher Geschäftsmann werden. Wie? Das ist klar – mit dem Gold der Normandie. Was er nicht weiß: Marie-Annes Cousin ist bei der Polizei.

Sie selbst ist eine Verfechterin des nüchternen Lebensstils. Als sie entdeckt, dass die Kinder, die sie unterrichtet, ungeniert Schnaps mit Kaffee im Unterricht zu sich nehmen, und sie anschließend auch keine Unterstützung der Direktorin erhält, weiß sie, dass das avisierte Jahr in Nomville kein Zuckerschlecken wird.

Einziger Ausblick: Pierrot. Doch der hat sein Leben auch dem Rauschgold verschrieben. Sein Karriereweg scheint steil nach oben zu zeigen.

Verfolgungsjagden, rigide Lehrmethoden, gewitzte Gauner und clevere Flics sowie ein krachender Showdown – Jean Amila liefert mit „Bis nichts mehr geht“ einen allumfassenden Krimis mit Witz und Charme ab. Knallhartes Kalkül und eine lockere Lebensauffassung der Einwohner von Nomville machen aus einem Krimi der Serie noir einen unterhaltsamen Thriller mit geradlinigen Charakteren, die das Gesetz gern nach ihrem Gutdünken auslegen. Man merkt in jeder Zeile den diebischen Spaß, den Amila beim Schreiben gehabt haben muss.

Die Abreibung

Amila - Die Abreibung

Der Graf ist zurück! Zurück in der Stadt! Zurück aus seinem (nicht ganz) freiwilligen Exil. Keiner seiner ehemaligen Kumpane weiß von seiner Rückkehr. Denn es sind noch ein paar Rechnungen offen. Bedächtig und entspannt lässt sich der Unterwelt Rene Lecomte, den alle nur Comte, den Grafen nennen, von Roger durch die Straßen chauffieren. Es ist abends, nach sieben. „Die Abreibung“ wird sich noch in dieser Nacht vollziehen. Am Morgen werden sich die Wogen wieder geglättet haben.

Der Graf will unvorsichtigerweise einige Schulden eintreiben. Allein. Roger soll im Studebaker ein paar Meter entfernt warten und die Füße still halten. Dann schallen Schüsse durch die wuchtige Stille der Nacht.

Im Krankenhaus gleich nebenan machen sich die Schwesterschülerinnen Thérèse, Aline und Sylvie für ihren Nachtdienst fertig. Säuglingsstation und Bettpfannen wechseln werden die nächsten Stunden ihren Rhythmus bestimmen. Dazu kommen noch die unsäglichen Annäherungsversuche der Ärzte, deren sie sich erwehren müssen. Auch sie werden in den Strudel aus Gewalt und Intrigen hineingezogen.

Als Roger die Schüsse hört, ist er zwischen Neugier und Pflichtgefühl hin und her gerissen. Schließlich verlässt er doch den angewiesenen Warteplatz und macht sich auf die Suche nach seinem Chef. Da ist auch schon die erste Leiche. Es ist nicht Rene Lecomte. Der liegt ein paar Meter weiter. Stark blutend. Roger fackelt nicht lange. Er überlegt und fasst einen Entschluss. Da keiner weiß, dass der Graf zurück ist, sich also alle sicher fühlen, ist das die Gelegenheit das Geschäft im Namen des Grafen weiterzuführen. Der ist schließlich einiges wert. Man munkelt, dass der Graf sogar Milliardär ist.

Einen Verbündeten findet Roger in Riton Godot. Der ist erst skeptisch, doch die Aussicht auf einen riesigen Batzen Geld, lässt ihn in das Geschäft einschlagen. Doch zuerst muss die Leiche verschwinden. Am Tatort ist jedoch kein Graf – weder tot noch lebendig zu sehen. Der hat sich mit seinen letzten Kräften ins nahe gelegene Krankenhaus geschleppt. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Jean Amila, der vor etwas mehr als einhundert Jahren als Jean Meckert das Licht der Welt in Paris erblickte gehört zu den berühmtesten Vertretern der Serie noire. Seine Romane zeichnen sich durch eine schonungslose Ausdrucksweise und exzellenten Geschichten aus der Unterwelt aus. Ab der ersten Zeile ist der Leser mittendrin im Geschehen. Platz für Sympathien gibt es nicht. Die Hauptakteure sind rigoros in ihrem Handeln. Seine Milieuschilderungen sind eindeutig. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden rasch. Die üblichen Liebchen, kaltes Eisen und geschickte Wendungen tragen dazu bei, dass man diese Krimis erst aus der Hand legt, wenn das letzte Wort gesprochen ist.

Mitleid mit den Ratten

Amila - Mitleid mit den Ratten

Bienvenue – Willkommen bei den Lenfants. Vater Julien arbeitet bei Simca, einer Autofirma. Mutter Yvonne ist Hausfrau und Solange, das  Nesthäkchen besucht das Gymnasium. Eine ganz normale Familie. Merde! Nein, es sind Gauner, Diebe, die Fremden in die Wohnungen steigen und ihnen ihr Hab und Gut wegnehmen. Zugegeben, sie sind geschickt. Julien ist ein exzellenter Kletterer.

Und bei einer dieser Klettertouren passiert, was einmal passieren musste: Gerade als er ein Seil mit einem Teil der Beute herablassen will, trifft ihn ein Lichtstrahl. Und da! Ein Schuss! Julien wird knapp über dem Ohr getroffen.

Jean Amila wäre nicht Jean Amila, wenn er diese Begebenheit als Auftakt zu einer beispiellosen Kriminalgeschichte nehmen würde. Der Leser wird im Dunkeln gelassen. Julien wird verarztet – von seinem Bruder André, der die „Expeditionen“, wie er es nennt, überhaupt nicht gutheißen kann. Nicht zuletzt wegen der 17jährigen Solange. Inständig bittet er Yvonne auf die Nebeneinkünfte zu verzichten, oder zumindest das Geschäftsgebaren zu überdenken.

Das scheinbar sorgenfreie Leben mit den gelegentlichen, doch gut geplanten, Ausflügen in die weitere Umgebung wird durch Michel und später auch seine Kumpane empfindlich gestört. Michel ist auf der Flucht vor der Polizei. Und Duval, sein Freund, macht daraus keinen Hehl. Auch nicht aus der Tatsache, dass er die Kleinganoven Lenfant nicht leiden kann. Deren Geschäfte sind für ihn irrelevant. Der Kampf, den Michel, Duval und die anderen führen, ist viel bedeutender. Denn sie gehören zu einer Organisation, die Frankreich ins Wanken bringen will. Sie benötigen das Haus der Lenfants als Waffenkammer. Dass Michel nicht nur der Tochter, sondern auch Yvonne den Hof macht, verbessert nicht gerade das Verhältnis der Kleinganoven zu den politischen Terroristen.

„Mitleid mit den Ratten“ bringt das Blut des Lesers ab der ersten Seite immer wieder in Wallung. Jean Amila lässt die Familie Lenfant immer wieder durch ein verzwicktes Gefühlschaos waten. Der geheimnisvolle Fremde, der zuerst dem Mann aus einer schier ausweglosen Situation hilft, und ihm so das Leben rettet. Dann gräbt er ungeniert die Frau des Hauses an. Verführt sie zu weiteren Straftaten. Die Lenfants sind Diebe. Sie stehlen materielle Werte. Moralisch verwerflich ist die Tatsache, dass sie ihre Tochter Solange in ihre „Geschäfte“ einbeziehen. Ansonsten haben sie strikte Regeln, an die sie sich halten. Mord gehört nicht zu ihrem Repertoire. Ihre Dankbarkeit zu dem Lebensretter wird mit Füßen getreten, in dem sie ihre Festung für politische Querköpfe löchrig gestalten. Mitleid mit den Ratten?

Mond über Omaha

Amila - Mond über Omaha

Zwei Jahrzehnte nach D-Day, dem Angriff der Alliierten in der Normandie, sind die Wunden der Erstürmung noch nicht geheilt. Immer noch kommen Soldaten, um sich ihrer Kameraden zu erinnern, Grabpflege zu betreiben. Manche hat es nach dem Krieg hierher verschlagen. Sie sind hier hängengeblieben, haben sich eine neue Existenz aufgebaut. Manch einer sogar mit neuem Namen…

Sergeant Reilly ist so einer, der hängengeblieben ist. Durch den Todesfall eines Freundes, Fernand Delouis, kommen alte Erinnerungen wieder hoch. Doch es bleibt nicht bei den bloßen Erinnerungen.

Denn in den Gräbern der Soldaten liegen nicht immer die, deren Namen auf den Grabmalen stehen. Da ist auch schon mal eine Kuh oder anders Getier „dazwischen gerutscht“. Was auf den ersten Blick nicht weiter dramatisch klingt, wirft auf bei genauerer Betrachtung die Frage auf, wo denn der eigentliche Besitzer des Grabes seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Oder finden wird?

Jean Amila – einer der vollkommensten Vertreter der Série Noire – zeichnet in „Mond über Omaha“ ein düsteres Bild der Erstürmung der Normandie. Heldentaten hin oder her – beim D-Day lief nicht alles so wie gewünscht. Menschliche Dramen nahmen hier ihren Anfang, zu viele fanden hier ihr Ende. Wenige entzogen sich dem Grauen des Krieges durch Desertation.

Die Strandabschnitte in der Normandie, die im Juni 1944 erstürmt wurden bekamen Decknamen amerikanischer Bundesstaaten wie Utah oder eben Omaha. So ist auch der Titel des Buches zu erklären.

Sergeant Reilly kommt während der Trauerfeier einem perfiden Geheimnis auf die Spur. Es geht um Millionen und eine neue Identität. Mit traumwandlerischer Sicherheit verknüpft Amila historische Fakten mit einer spannungsgeladenen Geschichte, die so passiert sein könnte. Die Schlussfolgerungen der Handelnden sind derart nachvollziehbar, dass so mancher historischer Fakt in einem neuen Licht erscheint. Verschwörungstheoretiker werden ihre wahre Freude daran haben. Wer mit wem? Wer gegen wen? Jean Amila vollführt ein Freudentänzchen auf den Gräbern der Krieger vergangener Tage. Dem Leser gefriert das Blut in den Adern. Kriegshistorie, geschickt verpackt im Gewande einer Mord(s)geschichte.