Tom Ripley

Im Jahr 1955 betrat einer der anziehendsten Gauner die literarische Bühne: Tom Ripley. Fünf Romane schrieb Patricia Highsmith über ihren cleveren Betrüger und Mörder, gab ihm aber auch Kunstgeschmack und verstand mit an die Hand. Zahlreiche Verfilmungen, unter anderem mit Alain Delon, Matt Damon, Philip Seymour Hoffman und Cate Blanchett in tragenden Rollen, trugen dazu bei, dass er auch sechzig Jahre nach seiner Geburt immer noch für Furore bei den Lesern sorgt. Der Diogenes-Verlag setzt diesem Mann ein weiteres Denkmal. Die Romane „Der talentierte Mr. Ripley“, „Ripley Under Ground“, „Ripley’s Game“, „Der Junger, der Ripley folgte“ und „Ripley Under Water“ sind in einer geschmackvollen Sonderedition in einer Geschenkkassette erschienen. Ein Muss für Krimifans – ein ideales Geschenk für alle, denen verschlungene Pfade als Reiseroute willkommen sind.

 

Der talentierte Mr. Ripley

Raus aus New York. Weg von den Schwindeleien des alter ego George McAlpin und den dürftigen Einnahmen. Ab nach Europa! Italien, Süditalien! Mongibello! Und das Beste ist: Fürstlich entlohnt! Tom Ripley hat es geschafft! Er soll Dickie Greenleaf zurückholen. Zurück in die Heimat. Seine Eltern möchten, dass der Filius die Firma übernimmt und endlich sesshaft wird, dem Lotterleben entsagt. Und Tom soll den renitenten Sprössling genau dazu überreden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als zuzusagen. Schließlich kennt er Dickie ja sooooo gut.

Und Tom trifft Dickie, erzählt von der List des Vaters im fernen New York. Dickie ist nicht sonderlich beeindruckt. Er kennt seine Familie, will sich aber hier im Süden, am Meer selbst verwirklichen. Und eine ruhige Kugel schieben, malen und mit Marge, die enttäuschte Frau an seiner Seite, in den Tag hinein leben.

Tom ist diese Welt fremd. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er von der Hand in den Mund. Die monatlichen Schecks von Tante Dottie reichen hinten und vorne nicht. Und nun dieser Lebensentwurf! Keine Regeln, keine Grenzen. Und als Krönung: Keine finanziellen Sorgen. Auch Tom könnte so ein Leben, das Leben von Richard Greenleaf gefallen. Warum also nicht ein Leben als Richard Greenleaf leben? Die Klamotten von Dickie passen schon mal…

Was als Spaß beginnt, wandelt sich nach und nach in ein ernstes Spiel. Toms Passion für das sorgenfreie Leben schlummerte bisher in seinem Herzen. Jetzt ergreift die Idee langsam Besitz von seinem Kopf. Clever war Tom schon immer. Zahlenspiele beherrscht er aus dem Effeff. Parodien sind sein Steckenpferd. Unwiderstehlich reift in ihm reift der Gedanke daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Doch zum Erfolg muss Dickie aus dem Weg geräumt werden. Die erstbeste Möglichkeit – ein gemeinsamer Ausflug nach San Remo – nutzt Tom, um denjenigen aus dem Weg zu schaffen, der das Tor zum Paradies versperrt. Dickie ertrinkt bewusstlos vom Schlag Toms vor der Küste der Blumenriviera.

Eine Rückkehr nach Mongibello ist nun jedoch ausgeschlossen. Denn Marge ist dort und die kennt Dickie, und auch Tom. Rom ist nun das neue Sehnsuchtsziel. Doch auch hier lauert die Gefahr. Und zwar in Person von Freddie Miles. Tom empfindet ihn als abstoßend. Tom hatte Freddie nur kurz mal gesehen und sofort entschieden, dass er ihn nicht mag. Zu aufdringlich, zu überheblich, zu blass.

In Rom gesellt sich noch eine weitere Eigenschaft Freddies hinzu. Er ist gefährlich. Gefährlich für Tom. Denn Freddie wittert etwas. Weiß er von dem Mord an Dickie? Nein, aber er vermutet, dass Tom irgendwie involviert ist. Tom muss schnell handeln…

Zwei Morde, zwei Persönlichkeiten, die Polizei, Marge und Dickies Eltern in die Irre geführt – es könnte so schön sein ein unbescholtenes, sorgenfreies Leben zu führen. Doch der Zug ist schon lange für Tom Ripley abgefahren. Seine Spielchen treiben ihn immer mehr in die Enge. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Marges Misstrauen bestärkt auch die Greenleafs dem Verschwinden ihres Sohnes nachzugehen – da bleibt nur die Flucht. Die Flucht nach Venedig. Neue Stadt, neues Glück?

Tom Ripley ist ein komischer Kauz. Man weiß nicht recht, ob man ihn bedauern oder postwendend verteufeln soll. Dass er einen Knacks weg hat, steht außer Zweifel. Dass er hochgradig kriminell ist auch. Und doch fühlt man mit ihm, man tut sich schwer zu akzeptieren, dass er das personifizierte Böse sein soll. Wer Städte wie Rom und Venedig so begierig in sich aufsaugt, kann nicht von Grund auf böse sein.

Mit sorgfältig gewählten Worten schickt Patricia Highsmith ihren Helden auf eine Odyssee der Gefühle durch die beeindruckenden Stadtlandschaften Italiens. Wie eine Schlange windet sich der sehnsüchtige Tom Ripley immer wieder aus kniffligen Situationen heraus, vereinnahmt die Metropolen für sich.

 

Ripley Under Ground

Es ist ein paar Jahre her, dass der Ruf von Tom Ripley – hätte er denn einen zu verteidigen gehabt – stark beschmutzt worden wäre. Dickie Greenleaf ist Geschichte. Und Tom lebt nun an der Seine. Er hat eine gute Partie geheiratet. Heloise Plisson ist die Tochter eines schwerreichen Pharmaunternehmers. Kein Grund sich zur Ruhe zu legen. Tom Ripley hat auch ein ganz einträgliches Unternehmen. Er erhält zehn Prozent von Derwatt Ltd. Das ist natürlich nicht legal. Denn Derwatt gibt es nicht, nicht mehr. Er war Künstler, kam bei einem Unfall vor Griechenland ums Leben. Doch seine Bilder verkauften sich ganz gut. Derwatt war nicht bekannt, so fiel auch niemandem sein Tod auf. Als sich Firmen meldeten und unter dem Namen Derwatt ihre Artikel vermarkten wollten, wurde die Idee geboren: Derwatt ist ein verschrobener Maler. Lebt abgeschieden in einem Dorf in Mexiko. Über eine Galerie in London werden seine Werke exklusiv vertrieben. In Wirklichkeit sind es aber fast alles Fälschungen. Bernard Tufts ist dafür zuständig. Zum Imperium gehören auch eine Kunstschule und – was am einträglichsten ist – eine Immobilienfirma.

Nun will es der Zufall, dass der Sammler Thomas Murchison einige seiner Derwatts miteinander verglichen hat und feststellen musste, dass es Ungereimtheiten in Bezug auf Technik und Farbgebung gibt. Und nun ist dieser Murchison auf dem Weg von New York nach London. In der Galerie stehen alle Kopf. Nur Ripley bewahrt selbigen. Mit der ihm eigenen Coolness will er Murchinson davon überzeugen, dass er – Ripley, geschminkt und maskiert – der verschrobene Eigenbrödler Derwatt ist.

Ein wunderbarer Einstieg in einen erstklassigen Krimi. Wald-Und-Wiesen-Autoren würden Ripley nun schnell zur Tat schreiten lassen und damit wären knapp einhundert Seiten voll. Doch Patricia Highsmith hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Viertel ihres spannungsgeladenen Krimis vollendet. Ein Fest für den Leser!

Wer sich auch nur ein wenig in der Kunstszene auskennt, weiß um das Problem von Fälschungen. Schließlich kann die zu zahlende Differenz einen zwei-, sogar dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Mr. Murchison muss also irgendwie beruhigt werden. Noch ist Tom Ripley selbst ganz ruhig. Er trifft den Sammler und bietet an ihm seine Derwatts zu zeigen. Murchison nimmt dankend an. Denn je mehr Derwatts er untersucht, desto früher kann er seinen Derwatt als echt oder unecht deklarieren. Tom weiht aber nicht das ganze Team in seinen Plan. Denn Bernard hat sich still und heimlich mit Murchison getroffen… Denn es kommt wie es kommen musste: Thomas Murchison darf einfach nicht lebend Tom Ripleys Grundstück verlassen.

Ein zweiter Besucher kündigt sich bei Tom Ripley an: Ein Amerikaner. Blond, groß gewachsen, feinfühlig. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Wäre da nicht der Name: Chris Greenleaf!

Tom Ripley sitzt auf einem Angstpendel. Allerdings ein Pendel, das gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Von wem geht die größere Gefahr aus? Von Bernard, weil er die Nerven verlieren und alles verraten könnte? Von Chris, weil er so unverhofft auftaucht? Von Heloise, weil sie, wenn sie hinter seine Machenschaften kommt, ihm die Hölle heiß macht? Oder von der Polizei, weil sie unnachgiebig das Verschwinden von Murchison und Derwatt verfolgt?

 

Ripley’s Game

Das ist ein Leben! Zu Hause in einem herrschaftlichen Anwesen an der Seine, ein treues Weib und ohne finanzielle Sorgen. Tom Ripley geht’s gut. Niemand kann ihn wegen eventueller Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Dickie Greenleaf oder dem rätselhaften Selbstmord von Bernard Tufts etwas anhaben. Er ist und fühlt sich sicher. Und das soll gefälligst auch so bleiben! Deswegen lehnt er auch dankend ab, als sein alter Freund Reeves Minot aus Hamburg ihn um Hilfe bittet. Er braucht jemanden, der den perfekten Mord verübt. Oder gleich zwei. Und vielleicht noch einen Diebstahl. Mehr nicht.

Nein, Tom Ripley sieht Mord eher als letzten Ausweg. So vergnügt er sich derweil auf der Party des Bilderrahmers Jonathan Trevanny. Dort ist auch der Kunsthändler Gauthier und Trevannys bester Freund Alan McNears. Nicht besonders aufregend, aber eine Abwechslung. Aufregend wird es kurz nach der Party als Jonathan Trevanny einen Brief seines besten Freundes erhält, den dieser kurz vor seiner Abreise nach Amerika geschrieben hat. Alan drückt darin sein Bedauern aus, dass es gesundheitlich so schlecht um Jonathan steht. Letzterer ist verwundert. Klar, ihm geht es nicht gut, Leukämie. Aber so schlimm auch nun wieder nicht. Alan gesteht, dass er die Information von Gauthier hat. Seltsam! Gauthier ist sich sichtlich beschämt so über den Geschäftspartner (hin und wieder schanzt er Trevanny einen Kunden zu) geredet zu haben. Damit ist die Sache aus der Welt.

Wer bereits die beiden Vorgängerromane „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Ripley Under Ground“ gelesen hat, weiß, dass es sich bei dieser Sache nicht um einen Zufall handelt. Tom Ripley hat seine Finger im Spiel. Er will Reeves und Jonathan zusammenbringen. Ein fast sechsstelliges Honorar ist eine würdige Entschädigung für seine aufopferungsvollen Bemühungen. Er nennt Reeves Namen und Adresse des möglichen „neuen Geschäftspartner“ und will von nun an nicht mehr damit zu tun haben.

Getarnt als Wister nimmt Reeves Minot Kontakt zu Jonathan Trevanny auf. Er bietet ihm fast eine halbe Million Franc an, wenn er einen, unter Umständen zwei Menschen umbringt – und eventuell noch einen Diebstahl begeht. Wisters / Minots Hauptargument ist die überschaubare Lebenserwartung des möglichen Killers. Trevanny entgegnet, dass es gar nicht so schlecht um ihn stehe. Doch Wister setzt ihm den Floh ins Ohr, dass Dr. Perrier nicht ganz offen zu seinem Patienten war. So was nennt man wohl eine vertrackte Situation. Ein Killer, der nicht mal in die Nähe eines Verdachts kommt, weil er überhaupt keine Verbindung zu den Opfern hat. Die Strafe dafür – würde er dennoch geschnappt werden – übernehme kein Gericht dieser Welt, sondern Mutter Natur selbst. Und man könnte die letzten Tage, Wochen, Monate das Leben in vollen Zügen genießen und trotzdem noch ausreichend Erbe hinterlassen. Je mehr sich Jonathan Trevanny sträubt, desto interessanter klingt das Angebot. Zumal Wister aus Hamburg ist, und das liegt einige Flugstunden und noch mehr Fahrstunden entfernt…

Simone, Jonathans Ehefrau, glaubt ihrem Gatten, dass er wegen einer Untersuchung nach Hamburg fährt. Dass er dort zum Killer wird, wissen nur er selbst und die Auftraggeber. Reeves, der sich nun auch als Reeves Minot zu erkennen gibt, erklärt dem Amateur-Auftragskiller peinlich genau wie alles ablaufen soll. Und siehe da: Jonathan Trevanny ist ein Naturtalent. Alles verläuft reibungslos. Das Opfer ist tot, der Täter entkommt unerkannt.

Leider muss Trevanny erkennen, dass alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit geregelt wurde: Die Geldübergabe. Schließlich stehen ihm nun fast eine halbe Million Franc zu. Reeves druckst rum. Eigentlich sollten ja zwei Leute erschossen werden. Nur so kann ein Bandenkrieg im Hamburger Glücksspielmilieu entfacht werden. Einen Teil könne sofort ausgezahlt werden, fünftausend Franc. Ein Bruchteil! Mehr nicht. Der Rest der Teilsumme wird auf einem Schweizer Nummernkonto deponiert. Und die volle Summe gibt‘s erst, wenn der zweite Mord geschehen ist. Es wird Zeit, dass der Spielleiter ins Geschehen eingreift und Ordnung ins Spiel bring. Tom Ripley will helfen, muss helfen, macht aber alles nur noch schlimmer.

Ein treusorgender Ehemann und Vater, der zum Killer wird – geht das? Meistens nicht gut. Doch Patricia Highsmith lenkt ihre Helden – Ripley und Trevanny – so geschickt durch das Labyrinth der Gauner und Mafiosi, dass der Leser jede Zeile ernst nimmt. Sie geht sogar soweit, dass sie stellenweise den Sympathievorschuss (für Tom Ripley) des Lesers aufs Spiel setzt.

 

Der Junge, der Ripley folgte

Die einstige Souveränität weicht. Ein bisschen schreckhaft erscheint Tom Ripley zu Beginn des Buches. Oder ist es eine intensiver ausgelebte Vorsicht? Grund hätte er allemal. Oder besser: Mehrere Gründe. Schließlich ist er in mehrere Morde verstrickt. Einige hat er selbst begangen, an mindestens einem war er indirekt beteiligt. Andere waren eher zufällig und wurden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Im Café, bei Marie fällt Ripley ein Junge auf. Der scheint ihn zu beobachten. Als Ripley zahlt, zahlt auch der Boy. Und folgt ihm. Spricht ihn an. Bobby Rollins heiße er. Komme aus New York. Und er habe von Mister Ripley in den Zeitungen gelesen. Angriff ist die beste Verteidigung – Tom lädt den Burschen zu sich nach Hause ein. Bobby arbeite in der Nähe, als Gärtner. Und neugierig ist der Kleine. Ein Werbebrief erregt seine Aufmerksamkeit. Darin bitten „Wohltäter“ um eine Spende für vernachlässigte Tiere. Sicher ein Trick, um ahnungslosen Leuten ein paar Franc zu entlocken. Billy will der Sache nachgehen. Tom Ripley ist ein wenig amüsiert ob des Tatendrangs.

Seine Sinne sind geschärft. Irgendwas an dem Jungen ist falsch. Zumindest verdächtig. Ripley ahnt was, ist sich aber nicht sicher. Frank Pierson heißt der Bengel! Sohn eines millionenschweren Unternehmers. Und dessen Sohn hat sich aus dem Staub gemacht. Verschwunden. Ja, Bobby Rollins ist Frank Pierson!

Voller Stolz berichtet Bobby / Frank von seinem Erfolg. Er habe den Gaunern, die mit ihrer Mitleidstour sich ein schönes Leben machen wollen, einen Schreck eingejagt, behauptet er bei einem neuerlichen Essen mit Tom Ripley. Auch dass er in Wirklichkeit Frank heißt und von zu Hause abgehauen ist, gibt er zu. Tom ist abermals beeindruckt ob der Courage. Doch was will Frank wirklich? Was will er von Tom Ripley?

Tom will sehen wie Frank lebt. Er fährt ihn zum Anwesen der Boutins ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Haus wartet ein Wagen mit Pariser Kennzeichen. Als die beiden ihn entdeckten wendet er und rauscht ab. Madame Boutin ist inzwischen wach geworden und steckt Frank, dass heute zwei Männer nach ihm fragten. Tom sieht darin eine gewisse Gefahr für seinen neuen jungen Freund und nimmt ihn großmütig bei sich auf. Heloise soll er aber vorerst als Bobby den neuen Gärtner vorgestellt werden.

Tom beschäftigt sich mit Frank immer mehr, so dass der Junge Vertrauen fasst. Und dann rückt er mit der Wahrheit raus. Er habe seinen Vater umgebracht – die Polizei geht weiterhin von einem Unfall aus, doch die Tat nagt an Frank Piersons Nerven.

Und Ripley? Er versucht sich zur Abwechslung mal als Wohltäter. Fast schon väterlich kümmert er sich um den Ausreißer. Er reist mit ihm nach Berlin, zeigt ihm die geteilte Stadt. Und macht Pläne. Frank solle so schnell wie möglich in die USA zurückreisen, um alles zu klären, seinen Frieden mit der Familie machen. Die hat inzwischen einen Detektiv zusammen mit Johnny, Franks Bruder, nach Europa geschickt, um Frank zu suchen. Doch dann wird Frank vor dem Augen Tom Ripleys entführt! Blitzschnell reagiert Tom und setzt sich mit der Familie und dem Detektiv in Verbindung. Er will die Sache regeln – dank seiner „Kontakte“ kann er schnell Hilfe organisieren. Reeves und seine Kumpane sind endlich mal zu was Gutem nütze. Und der talentierte Tom Ripley kann endlich das tun, was er schon zuvor hätte tun sollen…

 

Ripley Under Water

Da ist es wieder dieses unangenehme Gefühl. Ripley fühlt sich verfolgt. Seit Neuestem treiben sich die Pritchards in Villeperce herum. Hier, wo Tom und Heloise Ripley auf Belle Ombre ihr Leben genießen. David und Janice sind ziemlich aufdringlich, findet er. Er mag sie nicht. Vielleicht sind sie ja hinter ihm her. Privatdetektive oder gar Schlimmeres. Vielleicht aber auch nur Einbildung. Tom und Heloise werden bald verreisen. Nach Tanger, Marokko. Dann ist die Aufregung eh vergessen. Nur noch wenige Tage. Was kann da schon passieren? Na zum Beispiel kann Reeves Minot wieder mal anrufen. Ihn um einen „kleinen Gefallen“ bitten. Ein Päckchen entgegennehmen, es für vier, fünf Tage aufbewahren und dann weiterleiten. Zum Beispiel. Ihm kann Tom nichts abschlagen, auch wenn er seine „Geschäftsbeziehungen“ zu ihm auf ein Minimum begrenzen möchte. Was kann noch passieren? Ach ja, die Pritchards können Tom und Heloise zum Dinner einladen. Gleich am nächsten Tag. Was tun? Langeweile ertragen und Gewissheit erlangen oder in Ruhe mit der Ungewissheit leben? Kompromiss: Tom Ripley geht allein zu den Pritchards.

David Pritchard ist ein vulgärer Typ, dem es Spaß macht die Menschen in seiner Umgebung zu provozieren, zu brüskieren, vor den Kopf zu stoßen. Er stichelt für sein Leben gern. So fragt er unverhohlen Tom, ob er Cynthia kennt. Cynthia, die Freundin von Bernard Tufts, der aus Angst vor dem Geist Ripleys in den Tod sprang und von Tom verbrannt wurde. Auch zu den Greenleafs scheint David Pritchard eine Verbindung zu haben. Ripley muss handeln. Er setzt sich mit London in Verbindung. Dort ist die Galerie, in der die (unter anderem in Ripleys Auftrag) gefälschten Derwatts verkauft werden. Janice Pritchard spielt eine weitere seltsame Rolle. Sie telefoniert heimlich mit Tom Ripley, will ihn treffen. Aus Versehen (oder doch nicht?) gesteht sie dem neugierigen Ripley von Davids Eskapaden. Ab und zu rutsche ihm mal die Hand aus. Und außerdem zeigt er gern Anderen seine Macht. Tom Ripley ist geschickt, er lässt sich keine Angst anmerken, fragt kaum sichtlich nach. Denn er weiß nicht, welches Spiel Janice spielt. Sofern sie es tut.

Erstmal Urlaub – Tanger – die Seele baumeln lassen. Neue Leute treffen. Ha, da hat sich Tom Ripley getäuscht. Denn wird sitzt da an der Bar und macht seine makabren Späßchen? David Pritchard! Jetzt muss Ripley handeln. London ist sein nächstes Ziel. Er muss wissen inwieweit Cynthia in die ganze Sache verstrickt ist. Und er braucht einen Plan. Am besten einen todsicheren…

Seit sechzig Jahren versetzt Patricia Highsmith ihre Leser mit ihrem Tom Ripley in atemberaubende Spannung. Jäger und Gejagte sind gleichermaßen auf Post, Flugzeuge und nicht auf infiltriertes Internet und Mobiltelefone angewiesen. Hier zählt noch der Grips! Hilfsmittel sind eine gehörige Portion Skrupellosigkeit, Erfindungsreichtum und Sorgfalt. Ihre Charaktere sind bis heute die unumstrittenen Helden der dunklen Seite. Auf der einen Seite kann man nicht gutheißen, was Tom Ripley alles anstellt, um zu Geld und Ruhm zu gelangen. Andererseits ringen ihm seine Geschick und seine Eleganz Bewunderung ab.

Happy birthday, Türke!

„Alles Liebe zum Geburtstag, Gesundheit und Glück“, sagt man so, wenn man jemandem zu seinem Ehrentag gratuliert. Kemal Kayankaya bekommt nicht mal diese Floskeln um die Ohren gehauen. ’Ne Flasche Whiskey und Kippen sind seine Begleiter am Jahrestag seiner Geburt. Unrasiert beginnt er den Tag mit einem tiefen Lungenzug. Ein harter Hund, ja, das ist er. Privatschnüffler mit schlagkräftigen Argumenten und einer Schnauze, die jedem Ganoven die Kinnlade offen stehen lässt. Tja, wieder ein Jahr älter und immer noch kein festes, geregeltes und vor allem ausreichendes Einkommen.

Als der Kater so langsam beginnt seine Runden außerhalb Kemals Kopfes zu drehen, scheint ein Sonnenstrahl das Grau des Tages zu erhellen. Ein Auftrag. Die Witwe eines Landsmannes beauftragt das Rauhbein den Mörder ihres Gatten zu finden. Der hat vor ein paar Tagen (glücklich?!) das Zeitliche gesegnet. Im Hinterzimmer, im Hinterhaus, in der hintersten Ecke des Frankfurter Bahnhofviertels. Dort, wo die Mädchen … naja Sie wissen schon. Die Polizei versteckt sich hinter Routine und bringt keine zählbaren Ergebnisse hervor. Deswegen hockt nun die Witwe beim Geburtstagskind und klagt ihr Leid. Da es sich um den Auftakt einer Krimireihe, einer der erfolgreichsten überhaupt, handelt, kann man es ahnen: Der Fall wird gelöst.

Man soll nichts und niemanden nach seinem Äußeren beurteilen. Schon gar nicht Bücher! Doch im Fall von Jakob Arjounis „Happy birthday, Türke!“ in der grandios gestalteten Neuauflage von edition büchergilde wird die Ausnahme von der Regel zur neuen Norm. Für eine Type wie Kemal Kayankaya hat die Farbpalette Schwarz und Grau, vielleicht noch ein schmutziges Grün oder Braun erfunden. Und nun das! Pink, Rosa, Violett – fehlen nur noch die Blümchen. So einer kann doch nicht im Rotlichtmilieu ermitteln! Oh doch, und wie! Philip Waechter zeichnet hierfür verantwortlich.

Auf den ersten Blick ist die Farbwahl gewöhnungsbedürftig. Pink und bäng-bäng geht eigentlich gar nicht. Doch in Japan gilt ja auch Gelb als bedrohliche Farbe. Also warum nicht pink für den Kebab-Mann?! Hippe Teens tragen ja auch keine Bluejeans. Echte Kerle – solche wie Kemal Kayankaya – können alles tragen, auch pink. Denn erst, wenn man sich an die außergewöhnliche Farbe gewöhnt hat und der Kern zum Vorschein kommt, treten ihre eigentlichen Charakterzüge aus dem Schatten.

In dieser Ausgabe des schon als Klassiker zu bezeichnenden Buches des viel zu früh verstorbenen Jakob Arjouni ist der Tabubruch Programm. Zum Einen ist es der Ermittler selbst, der nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen will und wird, niemandem sonst. Zum Zweiten ist es die grafische Umsetzung des Erfolgsromans. Für Fans, für Einsteiger, für Querdenker, für Feingeister, für Ästheten.

Frauen

Von den Alten lernen … über das Schreiben, was man kennt … niemals den Respekt verlieren. Oder kurz gesagt: Andreas Camilleris neues Buch „Frauen“. Man hätte es ja fast schon ahnen können, worum es geht. Auch wenn seine erfolgreichste Figur ein männlicher Sizilianer ist, so sind es doch die Frauen, die Andrea Camilleri zum Schreiben anregen, antrieben, ihn umgarnen.

So wie Elvira. Eigentlich sind es zwei Elviras. Die Eine war seine Großmutter, dem ist nichts mehr hinzu zu fügen, das sind eh die Frauen, die den größten Einfluss haben. Die Andere war seine Verlegerin. Eine echte Freundin, die ihm auch in einer Schreibpause nie aufgab.

Und wenn wir schon bei den Büchern von Andrea Camilleri sind: Ingrid. Studentin. Skandinavierin mit dem Hang zur überbordenden Spontaneität. Er, also Camilleri, der Professor, der die italienische Kultur und Kunst näherbringen soll. Sie, die wissbegierige und leidenschaftliche Studentin, die ihm mehr als nur Kopfschmerzen bereiten soll. Der Ausgang der Geschichte ist weniger leidenschaftlich als gedacht (herbeigewünscht?). Was bleibt ist die Freundin von Commissario Montalbano, Ingrid.

Schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses – Camilleri ist ganz Gentleman und ordnet die Frauen in seinem Leben alphabetisch – wird deutlich, dass es hier nicht um eine Abrechnung geht. Antigone, Carmen, Desdemona. Allesamt literarische Helden, denen er immer noch zutiefst verbunden ist. Helga, Beatrice, Inés waren und sind real. Jede auf ihre eigene Art. Pedantisch, emotional, fordernd.

Es ist ein Vergnügen den Erinnerungen eines Mannes zu folgen, der das Leben als lebenswert angenommen hat. Kein böses Wort fließt aus seiner Feder. Wohlwollen und Verständnis, Freude über das Zusammentreffen, Erinnerungen voller Lachen und Träume, Verzückung und ohne Reue.

Angelica ist die Erste. Zunächst nur pure Phantasie, später zum Greifen nah und dann doch durch die Finger rinnend wie der feine Sand in der Sanduhr, die das Warten so unerträglich macht. Frust? Niemals.

Andrea Camilleri besitzt die unerschütterliche Gabe Frauen zu lieben und dieser Liebe Ausdruck zu verleihen. Nicht einmal der Anflug von Plumpheit, selbst in Jugendtagen, lassen die Frauen – und den Leser – erschaudern. Keine Szene wirkt gestelzt oder künstlich herbeigeführt. Man könnte fast neidisch werden…

Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen

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Endlich ungeniert die leichten Mädchen betrachten dürfen! Ja, … nein, so ein Buch ist das hier nicht! Es ist ein Buch, das voller Überraschungen steckt. Schon die erste vorgestellte Dame, Aspasia, war vermutlich gar keine Kurtisane, Konkubine, Mätresse oder gar Hetäre. Sie stand an der Seite von Perikles, der jedoch den Rückhalt beim Volk verlor. Schuld an der ganzen Misere war natürlich die Frau. Zumal sie auch aus dem Ausland stammte. Aus einer Kolonie. Das war vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. Und die Sichtweise auf Frauen, die keinen lupenreinen Lebenslauf vorweisen können, die einfach da waren, ohne erkennbare Leistungen, hat sich seitdem kaum bis gar nicht verändert. Auch und ganz besonders, wenn ihre Wurzeln außerhalb des eigenen Hoheitsbereiches lagen…

Die Damen, die in diesem Buch ihre Meriten erfahren (Achtung! Eine weitere Überraschung wartet auf den Leser: Es sind nicht nur Damen, die hier in den Fokus gerückt werden.), waren hart arbeitende Personen. Verve und Hingabe, Intelligenz und Gerissenheit unterscheiden sie gravierend vom Vorurteil der Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch wenn beispielsweise Messalina, Kaiserin durch, bei, unter Claudius, dem scheinbar zu widersprechen scheint. Ihre Lust war ungebändigt. Und sie hatte Macht. Sie war die Kaiserin! Doch starb sehr früh. Zuvor lebte sich jedoch ihre Machtgeilheit aus. Wer sich ihr verweigerte, konnte gesichert davon ausgehen, dass das nicht ohne Folgen blieb. Und einmal soll sie sich heimlich in ein Bordell geschlichen haben. Nicht aus Neugier, sondern aus purer Lust, um unerkannt sie derselben hinzugeben.

Im lustvollen Hinterhof der Geschichte lässt sich immer noch so manches Histörchen aufdecken. Gerade als man sich als Leser an die ihre Reize einsetzenden machtbewussten Damen gewöhnt hat, treten im Buch pflichtbewusste, kämpferische Damen auf den Plan. Sie entwerfen Manifeste, vertreten selbstbewusst ihrer Ideen, sind Männer nicht Untertan, sondern gleichgestellt. Ihre Reize halten sie galant, ob mit oder ohne Berechnung im Zaum, und führen ein unabhängiges Leben. Madame Pompadour ist sicherlich die bekannteste aus dieser Riege dieser Spezialistinnen. Das profane „Schau, was ich habe – gib mir, was ich will und es ist Deins“ wandelt sich stetig in ein „Ja, ich hab was, aber warum soll ich es Dir gegen?“. Stilbruch oder Fortschritt? Letzteres! Den Abschluss des Buches bildet die einst „berühmteste Hure Deutschlands“, Domenica. Ihr Ende war tragisch. Am Rande der Gesellschaft, links liegengelassen von der Öffentlichkeit gab sie ihre Erfahrungen im Gewerbe an den Nachwuchs weiter. Sie half unterbewusst Generationen von Frauen, die den Strich als Ausweg sahen oder als Ausdruck ihrer selbst beschritten.

Und auch das gab (und gibt) es! Männer als Günstlinge der eigenen Ausstrahlung. Vaslav Nijinsky, der Gott der Sprünge im Ballets Russe und Muse des Impresarios Sergej Dhiagilev. Er faszinierte beide Geschlechter, gab sich beiden hin. Als er heiratete (und auch noch zwei Kinder zeugte) war die Liaison mit Dhiagilev vorbei, ein für allemal. Doch die Herzen der Zuschauer gehörten stets ihm und seiner wuchtigen Bühnenpräsenz.

Man sollte nicht den Fehler begehen und nach diesem Buch sofort die Klatschblätter und Promimagezine im Fernsehen schauen. Denn die aufgehübschten, so brachial ungeziemten Instagram-Sternchen, die im normalen Gespräch keinen vernünftig gebildeten Satz herausbringen mit den im Buch beschriebenen Damen gleichsetzen. Sie wollen so sein, sind es aber nicht! Medienpräsenz ist nicht gleichzusetzen mit Erfolg. Hätte es zu Zeiten des Sonnenkönigs schon die sozialen Medien gegeben, wären die Server längst zusammengebrochen. Der heutige Hype um Castingshow-Viertelfinalistinnen ist geplant und nicht erarbeitet. Dieses Buch bestätigt, dass Frauen mit ihren Waffen – wenn man es so bezeichnen will – schon immer mehr erreichen konnten als man ihnen zutraute. Der Ruhm erreichte sie meist nur zu spät.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.

Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin der Fotothek des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann

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Lange Zeit hatte man das Gefühl, dass deutsche Literatur nur von einem Autor geschrieben werden konnte: Goethe. Der war ja überall und nirgends. Ein echter Tausendsassa. Der Wachwechsel wurde mit der Wiederentdeckung von Thomas Mann eingeläutet. Alle überschlugen sich, der interessierte Leser konnte sich mit Biographien eindecken bis er nicht mehr atmen konnte. Mann soweit das Auge reichen konnte. Auch die Frauen der Manns wurden ausgiebig besprochen. Vorteil Manns.

Elisabeth Tworek scheint ins gleiche Horn zu stößen. Doch nur oberflächlich. Sie interessiert sich für die Zeit und (vor allem) den Ort, an dem Thomas Mann, der Wegbereiter des Mannschen Ruhms, und seine Familie wirkte. München. Ein Stadt, die heute für markante Fußballkunst, das größte Volksfest der Welt und eine Landesregierung bekannt ist, die den Großen der Welt die Stirn bietet, sich anbiedert und immer wieder ins Rampenlicht drängt. Doch Literatur und München? Mundart, bitte schön! Das sehr wohl.

1894 führt der Weg der Manns in die bayrische Landeshauptstadt. Ein pulsierender Quell des künstlerischen Ausdrucks. Bertolt Brecht, Karl Valentin (da ist er wieder, der Dialekt), Oskar Maria Graf, Frank Wedekind und eben Thomas, Klaus, Erika, Heinrich, Katia und wie sie alle hießen. Die Manns eben. Sie alle – nicht nur die Manns – waren von München beeinflusst, leisteten im Gegenzug ihre Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Wer was werden wollte, wer als Schriftsteller vom Ruhm der Autoren profitieren, sich inspirieren lassen wollte, musste in München sein. Und leben.

Das war und blieb so bis ins erste Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Dann änderte sich das Bild der Stadt. Freigeister wurden zuerst zögerlich, dann immer öfter und offener zum Freiwild. Hauptstadt der Bewegung nannten die Nazis München. Das ungezwungene Leben wurde immer schwieriger, reglementierter bis hin zur Repression. In den Dreißiger Jahren packten viele gezwungenermaßen ihre Koffer und flohen vor Verfolgung und Berufsverbot. Die Auswirkungen sind bis heut spürbar.

Der Autorin gelingt mit scheinbarer Leichtigkeit das süße Leben der „nördlichsten Stadt Italiens“, die Leichtigkeit des Seins, die musischen Kräfte der Isar-Metropole einzufangen. Sie durchforstete Familienalben, recherchierte in Archiven, sammelte Anekdoten und fügte alles zusammen in diesem wunderbaren Band. Das hochdeutsche München der Bohème vor rund einhundert Jahren. Mehr als nur eine Fortsetzung in der Reihe der zahlreichen Biographien über die Manns. Vielmehr ein Kaleidoskop der Umgebung, des menschlichen Diskurses und des Kampfes gegen Engstirnigkeit für den viele einen zu hohen Preis gezahlte hatten.

Im Labyrinth des Kolosseums

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Wer sich ein Haus baut, will, dass es lange steht und bewohnbar ist. Die Grundstücksauswahl ist somit nicht nur der erste Schritt, sondern ein elementarer. Niemand würde sich ein Heim auf schwachem Grund bauen.

Doch die Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. Wer Rom besucht – eigentlich jeder, egal ob er schon in Rom war, dort hin will oder es nie vorhaben wird – kennt die Anziehungskraft, die vom Kolosseum ausgeht. Ein gigantischer Bau, von dem, wenn man das Alter des Bauwerks bedenkt, noch sehr viel zu sehen ist. Und noch mehr zu erahnen ist. Und dieses Bauwerk steht an einer Stelle, die heutzutage als natürlicher Spa-Bereich durchgehen würde. Bauherr war Kaiser Vespasian, er regierte von 69 bis 79 unserer Zeitrechnung. Und zu eben dieser Zeit war an dieser Stelle zwischen Via Celio Vibenna und Via Nicola Salvi, die es damals garantiert noch nicht gab, ein See.

Klaus Stefan Freyberger und Christian Zitzl sezieren das Bauwerk, die vorhandenen Pläne und die Niederschriften dazu bis ins kleinste Detail. Als Leser ist man mitten im Geschehen. Ein bisschen Vorbildung ist allerdings vonnöten, wenn man den gesamten Text voll umfänglich verstehen will. Die Sitzanordnung, architektonische Besonderheiten und die Lage ergeben einen Sinn. Das Kolosseum ist von nun an nicht mehr nur eine touristische Attraktion, sondern ein vertrautes Bauwerk, das den Vergleich mit ähnlichen Amphitheatern wie denen in Verona, Pompeji oder Nîmes (auch diese werden in diesem Buch ausführlich beschrieben) nicht scheuen muss.

Doch dann der Bruch! Vielleicht war alles ganz anders? War das, was wir als Neubau sehen, nur ein Erweiterungsbau? Warum wurde dann nicht schon früher über ein Theater an dieser Stelle geschrieben? Wieso kennt das niemand? Fragen, die sich bis heute Wissenschaftler stellen. Und die der Leser nur zur Kenntnis nehmen kann. Doch Freyberger und Zitzl geben mögliche Antworten. Man darf diese Lücke nicht mit heutigen Maßstäben schließen. Heute schaut man ins Netz und ist oft schlauer, meist jedoch mit einer Theorie betraut.

Eindeutige Antworten können auch die beiden Autoren nicht liefern, doch ihre Überlegungen überzeugen den Leser. Wer Rom besucht, kommt unweigerlich am Kolosseum vorbei. Pflichttermin nennt man so was. Ob man nun dieses Buch vorher eingehend studiert hat oder es aufgeschlagen bei der Besichtigung mitführt, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass es wohl nur wenige Guides gibt, die so kenntnisreich informieren können. Jeder Bogen, jedes Tor, jeder Rang erscheint in einem neuen Licht. Und warum nicht im Urlaub Erholung mit Wissen verbinden. Schaden kann’s nicht!

Paris abseits der Pfade I

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Über die Boulevards schlendern, den Eiffelturm erklimmen, auf den Treppen vor Sacré Cœur ein Eis schlecken – Paris. Ein Traum! Viel zu erleben, aber auch viel zu verpassen. Denn nur Boulevards, Turm und Ausblick mit Eis macht aus keinem Gast einen Paris-Experten. Das unter anderem beweist dieser Reiseband, der jedem Paris-Besucher unters Kopfkissen gelegt gehört.

Und wenn man es dann wieder hervorholt und auch nur ein bisschen darin blättert, erlebt man Paris wie es selbst viele Pariser nicht jeden Tag erleben. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch „hintereinander wegzulesen“, ist nur was für Menschen mit fotografischem Gedächtnis. Die Dichte an Informationen erschlägt den Leser. Fast! Denn so manche Straße ist dem Besucher schon bekannt. Doch erfährt man nun erst, was man alles übersehen hat, welche Histörchen sich hier zugetragen haben. Auf einzelne Beispiele kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden.

Georg Renöckl hat all seine Sinne geschärft, um dem Leser das Flanieren so einfach wie möglich zu machen. Der Duft von exotischen Kräutern aus aller Herren Länder steigt in die Nase, das Auge zuckt von einem denkwürdigen Platz zum Anderen, die Ohren vernehmen schon ab den ersten Seiten den Klang von Paris. Mit dem Autor genießt man ein krosses Baguettes und blickt auf die Ratten von Paris. Nicht sprich-, sondern wortwörtlich. Keine Angst, die tun nichts mehr!

Mit Victor Hugo durch Paris laufen, Haussmanns Erbe in sich aufsaugen, mit Napoleon die Welthauptstadt erobern und zwischendurch die kleinen, in keinem Reiseführer verzeichneten Geheimtipps aufsuchen. Georg Renöckl hat viel gelesen, hat in Paris gelebt, ist also der ideale Paris-Guide für Anfänger und Paris-Kenner. Romantisch verklärte Klischees sucht man vergebens in diesem Buch. „Augen auf!“, heißt es vielmehr, wenn man durch das Häusermeer spaziert. Den Blick immer schweifen lassen, kein Detail außer Acht lassen.

Bei der Fülle an Eindrücken gibt der Autor immer wieder Tipps zur Erholung, sprich wo man es sich schmecken lassen kann. Am Ende der Kapitel noch einmal kompakt zusammengefasst. Egal, wo man sich gerade befindet. Auch in den so genannten No-Go-Areas. Die liegen eh im Auge des Betrachters. Wer sich von den hypermodernen Hipster eher abgestoßen fühlt, meidet andere Quartiers als die Stubenhocker, die immer nur auf ihre eigene ach so tolle Kultur pochen. Alles ist relativ. Nur Paris nicht! Paris ist absolut: Lecker, bestaunenswert, vielfältig und abwechslungsreich. Und mit oder nach der Lektüre dieses Buches eine Stadt, die man so noch nicht gesehen hat.

Oft heißt es in einem Gespräch, dass man eine gute und eine schlechte Nachricht hat. Hier ist es anders: Es gibt einen Lichtblick und die Frage „Wie liest man dieses Buch?“. Der Lichtblick ist der Titel „Paris abseits der Pfade – Band 1“, d.h. die Reise wird weitergehen. Die Frage nach der Leseart ist da schon schwieriger zu beantworten. Beim Gehen schmökern? Dann verpasst man ja alles! Vor dem Flanieren lesen oder hinterher? Beides! Eindeutig beides. Zuerst anfüttern und am Abend Revue passieren lassen. So liest man „Paris abseits der Pfade“. Und Paris ist kein Traum mehr, sondern das wahre Leben!

Dahamm und Anderswo

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Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.