Der Mensch

Der Mensch

Dieses Buch ist das persönlichste Buch, das man haben kann. Denn es geht um jeden einzelnen von uns. Für Kinder geschrieben, aber bei Weitem nicht nur für Kinder gemacht. Den ersten Kinofilm, den man je gesehen hat, schaut man sich ja auch immer wieder gern an. Und außerdem: Was wissen wir schon über uns? Ganz ehrlich? Nach der Lektüre dieses Buches müssen die meisten von uns bekennen: Nicht viel. Wer weiß schon aus wie vielen Bausteinen wir bestehen. Mal raten? Eine Million, hundert Millionen. Falsch, ganz weit weg – siebenunddreißig Billionen Zellen ist jeder von uns schwer, leicht, wert … was auch immer. Das sind zwölf Nullen hinter der Siebenunddreißig. Allein unser Gehirn besteht aus sechsundachtzig Milliarden Nervenzellen. Und die sind manchmal alles bis zum Zerbersten angestrengt. Beim Lesen dieses Buch aus Verwunderung! Noch eine Zahl gefällig? Bevor wir wir sind, müssen wir uns zum ersten Mal einem Kampf stellen. Aber keine Angst, so viele Gegner werden wir nie wieder haben (es sei denn wir werden Diktatoren). Im Kampf um die eine Eizelle, die aus uns was macht, müssen wir uns gegen dreihundert Millionen Mitbewerber, Samenzellen, durchsetzen. Das ist eine Drei mit acht Nullen.

Es ist eine Wohltat dieses Buch zu lesen und nicht im Krabbeltisch der Pseudowissenschaften nachlesen zu müssen, dass der Mensch Mensch heißt, weil er ein Mensch ist. Sondern sich selbst anatomisch (schon allein die leicht verständliche Worterläuterung im Buch zeigt, was auf den Leser zukommt) durchzublättern.

Der menschliche Körper ist ein wahres Kraftwerk – Wunder verbringt er nicht, versteht es aber immer wieder zu verblüffen. Zahnweh muss nicht zwangsläufig auf zu viel Süßes hinweisen. Die Ursache liegt manchmal viel tiefer, bzw. weiter unten, zum Beispiel in den Füßen. Klingt komisch, … naja Sie wissen schon … ist aber so! Der Körper kann sich selbst heilen. Wenn wir Fieber haben, fühlen wir uns schlapp. Aber Fieber ist eine Abwehrtechnik des Körpers. Durch den Temperaturanstieg werden die Eindringlinge in die Flucht geschlagen.

Dieses Buch kann man nicht beschreiben. Man kann es schreiben, das hat Jan Paul Schutten bewiesen und mit Floor Rieder die wohl beste Wahl bei der Illustratorin gefunden. Ihre Bilder zeigen anschaulich für Groß und Klein wie wir ticken. Die Fülle an Informationen hebt dieses Buch auf einen besonders hohen Thron. Immer wieder wird man das eine oder andere Kapitel durchlesen. Und Staunen. Und Lernen. Und Freude daran haben. Es in einem Ritt durchzulesen, ist schwierig, weil so viele Informationen, so viel Neues erst einmal verarbeitet werden muss. Aber es schadet niemandem immer wieder ein Kapitel als Stimmungsaufheller zu lesen und das Blut zum Kochen zu bringen. Was man übrigens nicht machen sollte. Denn Blut ist einer der wichtigsten Indikatoren für unseren Gesundheitszustand. Für den Wissensdurst gibt es dieses Buch.

Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

1212Alles Mythos - 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

Na, auch schon mal zum Fest der Liebe selbiges ad absurdum geführt? Oder Jesus’ Geburt gefeiert? Einer Frau Parfüm oder / und einem Mann Technik geschenkt, weil man das halt so macht? Oder ungesundes Weihnachtsgebäck geschlemmt? Ja, Weihnachten ist ein tolles fest: Es gibt Geschenke, die Familie sitzt friedlich und komplett beieinander und alle haben sich lieb.

Oder auch nicht. Denn die Trennungsraten sind an Weihnachten höher als sonst. Allerdings werden zu dieser Zeit bedeutend mehr Kinder gezeugt. Das zeigen die Geburtenraten im September. Der Weihnachtsspeck hält sich auch eine Weile. Weihnachten darf man mal kulinarisch über die Stränge hauen. Auch wenn’s ungesund ist,… es schmeckt halt einfach. Dabei übersieht man dabei – Achtung, jetzt kommt eine Ausrede, die man guten Gewissens benutzen kann! – dass doch viele Weihnachtspezialitäten sehr gesunde Zutaten enthalten. Man denke nur an Früchtebrot. Oder die außergewöhnliche Vielfalt, die überall kredenzt wird. Ach ja, Frauen und Parfüm und Männer und Technik – das muss nicht immer stimmen. Meistens stimmt’s nicht! Aber dafür gibt es auch in diesem Buch keine allgemeingültige Regel.

Aber ansonsten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für unser „profundes Wissen“ über die geistreichste, liebenswerteste, besinnlichste Zeit des Jahres.

Es ist erstaunlich wie viel wir über Weihnachten NICHT wissen. Beziehungsweise wie viel Falsches wir über Weihnachten wissen. Es beginnt schon bei der Ortsbestimmung. Lag Jesus in Bethlehem oder doch in Nazareth? Tourismusmanager aus Bethlehem schwitzen jedes Jahr, wenn die vermeintlichen Wissenschaftsmagazine im TV wieder ihre Praktikanten ausschwärmen lassen, um den „Großen Mythen Weihnachtens“ auf den Grund zu gehen. Aber ist es nicht eigentlich egal? Nein! Wenn man schon feiert, dann sollte man schon wissen warum.

Das Titelbild macht es schon deutlich: Weihnachten ist zum Konsumfest verkommen. Es deswegen verteufeln oder gar abschaffen – es gibt ja immer wieder mal ein paar Querköpfe, parlamentarische Hinterbänkler oder Landesfürsten, die sich mit kruden Aufforderungen in die erste Reihe katapultieren wollen – wäre der falsche Weg. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung. Und mal ehrlich: An Weihnachten zu Hause sitzen, keine Geschenke auspacken, keine lukullischen Sünden begehen, wäre auch nicht das Wahre. Einziger Vorteil (vielleicht) wäre vielleicht ein annehmbareres Fernsehprogramm.

Claudia Weingartner hat – das wird einem sofort klar, wenn man nur ein paar Seiten gelesen hat – Dutzende von Büchern gewälzt, Statistiken ausgewertet und Vorurteile gesammelt. So überrascht manch einer unterm Weihnachtsbaum schaut, so verblüffend ist die Vielfalt an Mythen ums Fest. Mit erstaunlicher Akribie seziert sie jeden einzelnen Mythos, entkräftet ihn oder stellt fest, dass an jeder Legende etwas Wahres hängen kann. Es liegt am Leser wie viel Mythos er (v)erträgt. Fakt ist, dass dieses Buch Weihnachten in diesem Jahr in einem gänzlich anderen Licht erstrahlen lässt. Naja, so lange das Licht strahlt und nicht glimmt…

Die Alhambra

Die Alhambra

So was wird ja heutzutage überhaupt nicht mehr gebaut! Richtig! Und das ist auch gut so. Denn Exklusivität hebt das Ansehen. Die Alhambra hat dies allerdings nicht nötig. Eine Burganlage, die fast tausend Jahre auf den Mauern hat und seitdem immer wieder erweitert, verändert und verschönert wurde. Das, was wir heute als Alhambra millionenfach besuchen können, ist knapp achthundert Jahre alt. Der Zahn der Zeit nagt zwar an dem einen oder anderen Bereich, doch vom satten Teller-Bei-Seite-Schieben-Und-Zufrieden ist dieses UNESCO-Weltkulturerbe weit entfernt.

Schatten spendende Alleen, erhabene Säulengänge, wuchtige Türme, gigantische Höfe, filigrane Muster, ach die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Sie in Worte zu fassen, ihr gebührend Respekt zu erweisen, ist schwer.

Sabine Lata wählt einen einfachen und sehr beeindruckenden Weg die Alhambra greifbar zu machen. Auge und Mund sind ihre Werkzeuge. Sie fixiert einen Punkt im Raum, richtet ihre Kamera aus und, klick, ist der Moment als Foto festgehalten. Doch dabei belässt sie es nicht. Kenntnis- und detailreich schildert sie die Besonderheiten der Alhambra. Die, oft doppelseitigen, Bilder vermitteln eine unverhoffte Nähe. Man steht umgeben von grazilen Säulen, vor von Löwen umrankten Wasserbecken, unter im höchsten Maße kunstvoll gearbeiteten Bögen oder in verzauberten Gärten. Von draußen drängt kraftvoll das Sonnenlicht durch Fensteröffnungen, offene Dächer und durch geheimnisvolle Ornamente.

Die Nasriden hatten sich hier niedergelassen und wurden erst vor reichlich fünfhundert Jahren wieder vertrieben. Eine Trutzburg sollte hier entstehen. Ist es auch. Bei so viel Glanz und Gloria mag man als Besucher sich nicht die sicherlich oft blutigen Schlachten vorstellen. Denkt man sich die Touristenströme weg – auf den Bildern im Buch klappt das einwandfrei, es ist keine einzige weiße Tennissocke in Sandalen zu sehen – ist hier ein Ort der Ruhe. Und dieses Buch liefert den gedruckten Soundtrack zum Staunen. Wer noch nie die Alhambra besucht hat, könnte fast an seiner Urlaubsplanung zweifeln. Ist ja alles im Buch! Muss man nicht mehr sehen! Stimmt nur zur Hälfte. Denn das Buch liefert Unmengen an Eindrücken, erspart aber nicht die steigende Reisefieberkurve, vielmehr wird das Fernweh noch verstärkt.

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus

Wer wird denn gleich abhauen, wenn man Kritik einstecken muss? Niemand. Aber wenn die Kritik in offenen Hass, Behinderung der Entfaltung und Beeinträchtigung der Kreativität gelichzusetzen ist, keimen Gedanken vom Kofferpacken schneller und reifen früher als bei anderen. So müssen sich viele Architekten des Bauhauses gefühlt haben. Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie waren die Ersten, die sich den Bedürfnissen der Zeit in ihrer Arbeit annahmen. Wohnraum, ansprechender Wohnraum für alle. Kunst am Bau nicht um der Kunst Willen, sondern den Bedingungen angepasst. Ansonsten war Anpassung nicht ihr Metier.

Viele Bauhäusler wie Ernst May und Bruno Taut folgten den Verlockungen aus dem zu dieser Zeit verpönten Osten. Die Sowjetunion war mittlerweile eine feste Größe im Ränkespiel der Mächtigen geworden. Mit aller Macht versuchten die Oberen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ihr in ihren Augen fortschrittliches Gedankengut nach außen zu tragen. Die Elektrifizierung des Landes als elementarer Bestandteil des Kommunismus ging einher mit der Industrialisierung. Und wo gearbeitet wird, muss auch Wohnraum für die Arbeiter, die ja nunmal in ihrer eigenen Diktatur lebten, geschaffen werden.

Hier sollte nun das neue Paradies für neue Ideen entstehen. Die Bezahlung war außerordentlich gut. In harter Währung wurden sie bezahlt. Auf dem Papier hatte unter anderem die Bauhaus-Brigade Rot Front das, wovon sie immer träumten: Freiheit in jedweder Hinsicht, finanzielle Absicherung und Schutz vor Repressalien. Denn in Deutschland keimten die antisemitischen Parolen und die antikommunistischen Hassprediger aus allen Ritzen.

Doch die Ernüchterung ist groß. Misswirtschaft, Inkompetenz bis hin zu Lebensmittelknappheit sind an der Tagesordnung. Wer irgendwie rauskommen kann, geht. Doch wohin? Nach Deutschland? Niemals. Hier sind inzwischen die Nazis so gut wie bzw. schon an der Macht. Viele der roten Bauhäusler stehen auf der schwarzen Liste der Nazis. Nur wenige treten die Heimreise an, aber nur, um versteckt zu rasten, denn der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Weitere Exile sollen folgen. Die Alternative lautet Sowjetbürger zu werden. Aber eine echte Alternative ist das nicht. Denn auch der Verschlossenste merkt, dass in diesem Staat kein Staat zu machen ist. Einmischung in Pläne, Vorgesetzte und Planer, die von vielem Ahnung haben, aber eben nicht von Architektur und Bauen, bringen die überzeugten Kommunisten des Bauhauses an die Grenzen der Belastbarkeit.

Ursula Muscheler setzt der vermeintlich zweiten Reihe des Bauhauses – ihre Namen klingen nicht so erhellend wie Gropius, Le Corbusier oder Mies van der Rohe – ein Denkmal, dass zum Nachdenken anregt. Ideen sind gut, notwendig, erforderlich, um vorwärts zu kommen. Doch ohne entsprechende Durchsetzung der selbigen bleiben sie das, was sie sind: Ideen. Oft ernüchternd berichtet sie vom Kampf wackerer Männer für ihre Ziele, von der Resignation vor der fatalistischen Kultur der Planwirtschaft und den zerbrochenen Träumen einer ganzen Generation von Architekten, deren Bewegung bis heute ob der Strahlkraft große Schatten wirft.

Die liest unter anderem am 19. September bei den Freunden der Staatsbibliothek in Berlin, am 23. Oktober beim Göttinger Bücherherbst und am 25. November in der Buchhandlung Bücherfass in Schaffhausen.

Albert Einstein & Elisabeth von Belgien – Eine Freundschaft in bewegter Zeit

Albert Einstein und Elisabeth von Belgien

Da ist man doch geneigt zu sagen, dass alles, aber auch wirklich alles, über Albert Einstein gesagt ist. In Bern ziert das Einstein-Museum ein prachtvolles Gebäude, man in seiner bescheidenen Wohnung flanieren wie in der Obstabteilung eines Supermarktes. Und Bücher von und über ihn gibt es wie Sand am Meer. Und nun das! Er, der hochgebildete, engagierte Humanist, der Zeit seines Lebens Konventionen als bekämpfenswert erachtete und Sie, die Adelige des Hauses Wittelsbach am belgischen Hofe, Elisabeth? Dass Einstein sich einen gewissen Ruf als Schwerenöter „erarbeitet“ hatte, ist bekannt. Doch mit einer Adeligen? Nein, dieses Buch ist kein Pamphlet über die amourösen Abenteuer eines Genies und eines Freigeistes. Es ist die Reminiszenz an eine respektvolle Beziehung zweier Menschen, die nur auf den ersten Blick so unvereinbar wie Feuer und Wasser waren.

Elisabeth Gabriele wuchs wohlbehütet am Westufer des Starnberger Sees auf. Adel verpflichtet! Goldene Bälle und extrovertiertes Verhalten waren verpönt. Albert Einstein wurde zwar nicht mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, doch darben musste er auch nicht. Kämpfen sehr wohl. Um die Gunst der Eltern wie auch um die Anerkennung an Lehranstalten. Seine – heute würde man sagen „große Klappe“ – waren ihm öfter im Wege als dass sie ihm half.

1911 reiste er nach Brüssel. Hier traf sich – von nun ab in regelmäßigen Abständen – die wissenschaftliche Elite der Welt. Marie Curie war unter anderem Stammgast bei der Veranstaltung, die vom Sodakönig Ernest Solvay abgehalten wurde. Zu dieser Zeit war Einsteins Relativitätstheorie in aller Munde, er ein gern gesehener Gast und anerkannter Wissenschaftler. Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Jahre Königin von Belgien. Auch sie musste um Anerkennung kämpfen, denn ihr Schwiegervater war wenig begeistert von der schwächlichen Wittelsbacherin.

Albert Einstein ist öfter mal „bei Königs“ eingeladen. Die Chemie stimmt zwischen dem Physiker und dem Königshaus. Daran können auch Krieg und Wirtschaftskrise nichts ändern. Als die Nazis immer präsenter werden, ihre Terrorherrschaft in Deutschland jeden spüren lassen, findet Einstein in Belgien eine erste neue Heimat. Bis es ihm auch hier zu heiß wird. Überall auf in Europa werden Gleichgesinnte ermordet. Einstein flieht in die USA.

Der Briefkontakt bleibt, man schickt sich regelmäßig Bilder. Erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kann man sich wieder in die Arme nehmen. In Briefform. Elisabeth ist da schon Witwe. Ihr Gatte, der belgische König kam schon vor Jahren bei einem Unfall ums Leben. Die „Liebe Königin“ soll auch ihren „lieben Professor“ überleben.

Rosine de Dijns Buch über eine echte, weil Jahrzehnte, alle Irrungen und Wirrungen überdauernde, Freundschaft zeugt vom Respekt der Autorin ihren Helden gegenüber als auch von humanistischen Gedanken der Beiden, die sich ihrer herausragenden Rolle bewusst waren, jedoch nie einen Gedanken daran verschwendeten ihre Stellung schamlos auszunutzen. Beide waren künstlerisch begabt und musizierten so oft es ging gemeinsam. Die tiefe Zuneigung kommt in den zahlreichen Briefen an den jeweils anderen so schnörkellos daher, dass beide Größen ihrer Zeit so nahbar sind wie selten zuvor.

Die Spur des kleinen Prinzen

1204Die Spur des kleinen Prinzen

Auf dem Papier hat es Julius Wortschmidt geschafft: Eine exzellente Anstellung bei einem Pharmakonzern in den USA, eigene Abteilung. Er ist im Hamsterrad der Zahlenoptimierung gefangen und dreht an seinem eigenen Rädchen. Er fasst Arbeitsprozesse in zahlen und verkauft sie an Leute, die sie sowieso gleich wieder vergessen. Da kommt der Bewerber Paul Anders wie gerufen. Auch Deutscher, aus dem gleichen Bundesland, an der gleichen Schule gewesen wie Wortschmidt, die gleiche Theater AG besucht. Und die gleiche Leidenschaft für „Der kleine Prinz“. Wortschmidt kann sogar noch ganze Passagen auswendig. Doch Anders bekommt den Job nicht – kein neuer Freund im Firmengewand.

Dennoch: Der kleine Prinz bzw. die Erinnerungen daran, setzen in Julius Wortschmidt etwas frei. Damals, der Besuch im Zoo, und am Abend die erste Geschichte aus dem Buch der Bücher. Was in seinem Fall „Der kleine Prinz“ war. Er erinnert sich an die Bandproben mit den Freunden, der trauten Gemeinschaft, die – je älter er wurde – nach und nach zerbrach.

Nun ist er ein angesehener Mitarbeiter eines global players, fügt Zahlen aneinander, weist ihnen ihre Bedeutung zu, doch seine einstige Unbekümmertheit blieb im mathematisch gesteuerten Weg nach oben stecken.

Die kurze Begegnung mit dem Bewerber lässt in Julius Wortschmidt zarte Hoffnung aufkeimen. Immer öfter flüchtet er sich – unbewusst – in die Geschichten des kleinen Prinzen, erinnert sich an unschuldige Zeiten, in denen der Forschergeist noch selbst initiiert war. Das Fanal, das Antoine de Saint-Exuperys Buch in ihm auslöste, beginnt von Neuem zu keimen. Mal im Traum, mal in der Realität, immer häufiger ergreift der kleine Prinz von ihm Person. Um ihn herum ist alles echt und plastisch zugleich. Steril kommen ihm Arbeit und Kollegen vor. Lebendig sind nur die Versatzstücke der Kindheit. Selbst eine wahre Begegnung mit der Vergangenheit verkommt zu einem flüchtigen Hallo!

Wortschmidt sieht ein, dass er erwachsen geworden ist, ohne es zu bemerken. Er ist nicht mehr der kleine Prinz, der aufwachsen darf, wie es ihm beliebt. Er ist Teil des Systems. Doch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, gelobt er Besserung. Dank der Sanddüne, dem Stern und dem blonden Jungen, der ihm seit Jahrzehnten begleitet…

City impressions Lissabon

1218Lissabon

„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Französisch ganz leicht – Jubiläumsausgabe – Sprachkurs für Anfänger

Französisch ganz leicht Jubiläumsausgabe

Bongschur, Bongsoah, orevoahr. Sieht nicht gut aus! Klingt aus nicht besonders professionell! Aber der Wille ist zu erkennen. Wenigstens etwas. Für alle, die sich vom Buchstabensalat beirren lassen: Bonjour, Bonsoir, Au revoir! Guten Tag, Guten Abend, auf Wiedersehen. Dafür braucht man keinen Sprachkurs! Sofern man es nicht schreiben muss…

Es ist immer ratsam auf Reisen ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen. Das erleichtert den Zugang zum Land, zu den Menschen, zur Kultur. Außerdem … nein … keine Vorurteile. Viele Reisebücher werben damit ein paar Brocken Französisch auf ihren Seiten den Leser mit auf den Weg zu geben. Das ist löblich, doch schon bei einfacher Konversation stößt man an seine Grenzen. Doch extra nur für einen Urlaub sich noch einmal wochen- oder gar monatelang auf die Schulbank zu setzen und Vokabeln zu pauken, nur um im Urlaub ein wenig glänzen zu können? Ist auch übertrieben.

Der Sprachkurs für Anfänger „Französisch leicht gemacht“ findet spielerisch das überzeugende Mittelmaß. Nicht zu viel, nicht zu wenig, doch genug, um im Falle plötzlich einsetzenden Interesses weiterzumachen. Echte Szenarien, denen man garantiert begegnen wird, bilden die Grundlage des Einsteigerkurses. Vorbildung braucht man nicht. Von Nöten sind nur ein wenig Zeit und der Wille sich ein wenig auf die neue Sprache einzulassen.

Ohne viel Anlaufzeit geht es schon los. Begrüßung, Vorstellung und dazwischen immer wieder die Eigenheiten der französischen Sprache. Denn das deutsche und das französische Alphabet sind zwar gleich auf dem Papier, doch fließen Vokale und Konsonanten ganz anders aus den Mündern – ganz am Ende des Buches werden die Ausspracheunterschiede noch einmal klar aufgegliedert, das erleichtert in mancher Situation das mühselige Nachschlagen.

Die einzelnen Kapitel werden immer wieder von Hinweisen zu den beiden mitgelieferten CDs unterbrochen. Das dient nicht nur der Auflockerung, sondern vor allem dem Verstehen. Keine Angst, wenn es nicht sofort klappt. Denn nicht immer geht es darum jedes einzelne Wort exakt zu bestimmen. Manchmal ist es völlig ausreichend den Gesamtzusammenhang zu erfassen. Oft reicht es schon aus, wenn man ungefähr weiß worum es beispielsweise bei einer Durchsage auf einem Flughafen oder Bahnhof geht.

Wer sich die Mühe macht und Kapitel für Kapitel in regelmäßigen Abständen durchzuarbeiten, wird schnell auf den Geschmack kommen. Dann kann man Frankreich viel entspannter genießen und hat nicht immer nur die Wahl zwischen vin blanc oder vin rouge, sondern kann exakt seinen Wunsch vortragen. Und vielleicht klappt’s dann in der Hauptstadt der Liebe auch mit der Liebe, wie bei den beiden auf dem Cover der Box…

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

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Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.