Auf Schienen um die ganze Welt

auf-schienen-um-die-ganze-welt

Mit dem Zug reisen, ist eine ganz besondere Art die Welt zu erkunden. Man ist ein Gefangener der Technik. Mit dem Kauf der Fahrkarte hat man keinen Einfluss mehr auf die Streckenführung. Abfahrt- und Ankunftszeit sind vorbestimmt. Was die Planung erheblich vereinfacht.

Die Planung von Kristian Ditlev Jensen war allerdings nicht einfach. Für ein Magazin sollte / wollte er um die Welt reisen. Im Zug. Die Redaktion half bei den Vorbereitungen, den Rest musste er allein bewältigen. Das Ergebnis: Dieses Buch. So entschleunigt die Fahrten von A nach B, so fesselnd sind seine Ausführungen. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich: Warum in die Ferne schweifen? Dänemark – der Autor ist Däne und startet somit folglich auch in Dänemark – ist so facettenreich wie der Rest der Welt. Nur halt eben nicht so weitläufig.

Zwölf Reisen sind auf diese Art zusammengekommen. Und gleich der erste Trip, in Japan, hat so gar nichts mit dem Untertitel des Buches zu tun. „Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ – im Shinkansen ein Treppenwitz. Knapp dreihundert Kilometer frisst sich der Stahlkoloss durch die Gebirgsketten des Inselstaates. Zweihundertachtzig ka-em-ha! Langsam sieht anders aus! Doch kein Rattern und kein Ruckeln stören das Erlebnis Zugreise. Im Gegenteil. Das Fehlen von jeglicher akustischer Ablenkung erlaubt es Kristian Ditlev Jensen seine Mitstreiter genauestens zu beobachten. Und in deren Kultur einzutauchen. Kurze Zwischenstopps lassen das Ende der Fahrt erahnen und unweigerlich näherkommen. Riesige Entfernungen gehören hier bald ins Reich der vergessenen Fabeln.

Ob von einem New ins Andere – man könnte auch sagen von einem Big ins Andere – gemeint sind New York und New Orleans, hoch in den Anden in Peru, quer durch Australien, von einem Moloch in den anderen (Shanghai – Peking) oder durch die heimatlichen Gefilde: Kristian Ditlev Jensen findet immer das richtige Thema. Es schaut nicht nur aus dem Fenster, macht Ah und Oh. Jedes Land hat so seine Eigenarten, also die Menschen, natürlich. Und die interessieren den Reisejournalisten mit dem vermeintlichen Traumjob.

Als Leser ist man in einer ähnlichen Lage wie der Autor. Das Ziel ist klar, doch welche Route genommen wird, erfährt man erst on the road. Ein kleiner Abstecher nach Kulinarien, ein Zwischenstopp in Drogistan, Fotostopp im Feine-Nasen-Land. Wer Schenkelklopfer erwartet muss in die zweite Klasse umsteigen. Hier wird First-Class geschrieben, gelebt und genossen. Wer vor oder auf Reisen immer vor der Frage steht, welchen Schmöker er denn nun zum Zeitvertreib verschlingen soll, dem sei dieses Buch als Appetizer empfohlen.

Weihnachten bei den Elchen – Die schönsten Wintergeschichten aus Skandinavien

1210die-schoensten-wintergeschichten-aus-skandinavien

Ach wie ruhig kann Weihnachten sein! Ach wie ruhig ist es auch! Meistens! Leise rieselt der Schnee, Glöckchen klingen, der Duft von Gebäck liegt in der Luft. Es ist Frieden! Und irgendwie kommen einem Bilder von Skandinavien in den Sinn. Warum? Keiner weiß es so recht. Vielleicht, weil dort immer, zumindest jedoch öfter als in unseren Breiten auch wirklich Schnee liegt?! Oder weil der Weihnachtsmann dort zu Hause ist?! Egal, Adventsstimmung und Skandinavien haben eine Verbindung. Und das lässt sich literarisch sogar beweisen. „Weihnachten bei den Elchen – die schönsten Wintergeschichten aus Skandinavien“ bildet den friedlichen Ringelreih zum Fest aus dem Schneegestöber-Norden.

Und wie es sich für einen Geschichtenband gehört, fängt es mit „Es waren einmal …“ an. Elsa Beskow erweckt die Wichtel zum Leben. Ein vorwitziger Wichteljunge erlebt durch seine Neugier und Vorwitzigkeit das Abenteuer seines Lebens. Er zaubert Lachen in die Gesichter der Kinder, doch vermisst er auch die Familie, bei der er und seine Familie ein Heim gefunden hat. Mit warmen Worten lässt die Autorin ihre Geschichte gut enden und den Leser mit dem guten Gefühl zurück, dass nicht jeder Fehltritt unendlich zu bereuen ist.

Henning Mankell begibt sich mit seiner Weihnachtserinnerung auf ein neues Gebiet. Keine Morde, keine Schicksalsschläge in weiter Ferne – nein, eine ganz normale Weihnachtserinnerung, die in ihrer Klarheit und Poesie mehr an Truman Capote erinnert, denn an düstere Komplotte und Intrigen.

Astrid Lindgren – ja, sie darf in solch einem Buch niemals fehlen, lässt den Schrecken von Gevatter Tod durch die besinnliche Zeit verblassen. Die Präzision ihrer Worte trifft den Leser mitten ins Herz. Der Geist der Weihnacht siegt über die Schatten des irdischen Seins.

Diese Geschichtensammlung hat es in sich. Nicht wegen der großen Namen – auch Selma Lagerlöf leistet ihren literarischen Beitrag – sondern wegen der sorgfältig ausgesuchten Kurzgeschichten. Kein verklärtes Heimatklischee kreuzt den Wohlklang lebensechten Einblicke ins Leben unserer nördlichen Nachbarn. Kindheitserinnerungen wechseln sich ab mit Rückblenden als alles überhaupt nicht besser war, sondern entbehrungsreich. Kleine Gesten schieben die trüben Wolken beiseite und lassen Kinder- wie Erwachsenenherzen höher schlagen. Dieses Buch in den Händen eines versierten Vorlesers, den Nachwuchs auf dem Schoß, ist der perfekte Einstand für die Adventszeit!

Hercule Poirots Weihnachten

1202hercule-poirots-weihnachten

Weihnachtfest auf Gorston Hall. Man sitzt vereint zusammen, genießt die deftigen Gaben aus der Küche, lässt so manchen guten Tropfen die Kehle herunter rinnen und lauscht – wenn man einen Gast wie Hercule Poirot schon mal zu Gast hat – blutrünstigen Geschichten. Der Fall liegt hier jedoch etwas anders. Denn der Gastgeber des Familienessens Simeon Lee ist tot. Und erst jetzt hat Hercule Poirot seinen Auftritt. Und auf seine Ausführungen hat keiner so recht Lust.

Simeon Lee war ein echter Tyrann. Schon die Tatsache, dass er seine Familie zum Weihnachtsschmaus einlud, verblüffte. Doch die Ernüchterung trat schnell ein. Simeon Lee kann einfach nicht anders als ein echtes Ekel zu sein. Ein gutes Haar an einer Sache oder an einer Person lasen, ist nicht sein Ding. Und da sich der Schwager von Agatha Christie wieder einen guten, brutalen Mord gewünscht hat, folgte die Queen of crime seinem Wunsch und beförderte den Hausherren sofort ins Jenseits. Das weiß der Leser schon vom Klappentext. Und gleich auf den ersten Seiten werden die potentiellen Täter vorgestellt. Und bei jedem Kapitel, bei jeder Vorstellung der Sippschaft denkt man sich „Der muss es sein!“. Gefolgt von einem „Nein, der war’s“ bzw. wird es sein. Ein herrliches Versteckspiel, das Agatha Christie da zur Weihnachtszeit inszeniert!

Ach ja, Hercule Poirot vervollständigt den Reigen des Familientreffens. Der Connaisseur schreitet dem aristokratischen Anlass entsprechend durch die heiligen Hallen von Gorston Hall. Manchmal jedoch tritt er dabei jemandem gehörig auf die Füße. Das ist ja auch ganz einfach, bei dieser Familie. Da ist Harry, so was wie das schwarze Schaf. Ein Lebemann, der immer Geld gebrauchen kann. Nach Jahren der Abstinenz ist er wieder da. Was die Brüder wundert – sie dachten er wäre tot – und Simeon Lee freut. Alfred ist immer da. Zusammen mit der beherrschten Lydia wohnt er hier, leitet das Familienunternehmen. Was den Simeon Lee freut. George kommt zu Besuch, ein weiterer Sohn. Abgeordneter, seine Frau Magdalene hält dem Weichei den Rücken frei. Das freut Simeon Lee. David und Hilda sind auch angereist. David, das Müttersöhnchen, das den Tod der Mutter immer noch nicht verkraftet hat. Das freut Simeon Lee. Doch zwei weitere Gäste erfreuen den Alten noch viel mehr: Pilar, seine Enkelin, Tochter seiner einzigen Tochter. Sie wuchs in Spanien auf. Und dann ist da noch Stephen Farr. Bereits im Zug machte er die Bekanntschaft der reizenden, naiven, reinen Pilar. Stephen ist der Sohn des ehemaligen Geschäftspartners von Simeon Lee aus Südafrika. Eine illustre Gesellschaft. So bunt, so verschieden, so geheimnisvoll. Und der Alte freut sich über jeden einzelnen. Bis zu seinem letzten Atemzug.

Der, der sich so gern im Blut der eigenen Sippe suhlte, liegt nun in seinem eigenen Saft. Kein schöner Anblick für seine Lieben. Alle lieben sich, weil sich gleichen Blutes sind. Alle hassen sich, weil sie gleichen Blutes sind. Und doch sind die scheinbar Unbeteiligten die mit den größten Geheimnissen…

Gebrauchsanweisung für Wien

gebrauchsanweisung-fuer-wien

Wien, Wien, immer wieder Wien! So geht es Monika Czernin. Einmal pro Saison muss sie da hin. Und immer wieder findet sie Neues in der Donaumetropole. Und endlich hat sie es aufgeschrieben. Und endlich kann jeder es lesen! Muss es lesen! Denn wer Wien besucht und dieses Buch nicht mindestens einmal gelesen hat, findet sich nicht auf der sagenumwobenen Ringstraße wieder, sondern auf der Verliererstraße.

Monika Czernin redet keinen Besucher – sei er zum ersten oder zum wievielten Mal hier zu Gast – aus, die üblichen Verdächtigen zu besuchen. Wien ohne Stephansdom wäre wie Paris ohne Eiffelturm. Das muss man auch hoch. So richtig Appetit auf Wien bekommt man schon auf den ersten Seiten. Klar mit Sachertorte lockt man jeden Neugierigen hinterm Ofen vor. Wer behauptet Wien sei hässlich, unnahbar oder überhaupt nicht besuchswert (echt, solche Leute soll’s geben…), bleibt halt auf Balkonien und regt sich über den Straßenlärm auf. Für den Rest gibt‘s dieses Buch!

Heimlich, still und leise hat sich Wien zu dem gemausert, was man eine Metropole nennt. Die Lebensqualität ähnelt der von San Francisco oder Boston. Berlin als hipper place to be? Existent, aber Wien ist hipperer, eleganter, moderner. Hinweg geblasen der Staub der Monarchie, doch den Charme eben dieser erhalten. Traditionen wie die des Kaffeehauses werden geradezu zelebriert. Doch Vorsicht! „Hallo, ich hätte gern ein Brötchen, Herr Kellner“, führt schnell zu Augenbrauenzusammenziehen. „Herr Ober, eine Semmel bittschön und einen Braunen“, damit kommt man weiter. Und nach unzähligen Besuchen darf man den Herrn Ober sogar beim Vornamen nennen. Kosmopolitik ganz einfach. Darauf versteht sich Monika Czernin.

Nach der geballten Wucht der offensichtlichen Höhepunkte der Stadt, führt die Autorin den Leser ins Wien der Künstler und das der Spione, in die Ecken des roten Wiens, der Stadt Sigmund Freuds und vorbei an den Schaufenstern der besonderen Läden. Dort, wo man das findet, was man eigentlich überall sucht, das man aber nur findet, wenn man sich richtig vorbereiten kann, indem man eben Bücher wie die „Gebrauchsanweisung für Wien“ liest. Unverzichtbar ist dieses Buch! Man kann es sogar ohne Stadtplan beim Herumschlendern aufgeschlagen, mit dem Finger als Lesezeichen herumtragen, immer mal ein paar Zeilen lesen. Und schon ist man wienerischer als so mancher Wiener. Ortsangaben wie „Sechster“ oder „Josefstadt“ gehen einem genauso flott über die Lippen wie Fiaker oder Zentralfriedhof. Würde es einen Einbürgerungstest für Wien geben, wäre dieses Buch die ultimative Vorbereitungslektüre.

Nehmen Sie den unterschwelligen Ratschlag Monika Czernins an, und suchen Sie sich Ihr Lieblingskaffeehaus. Ob nun eines, in dem die Großen der Welt ein- und ausgingen, oder ein uriges mit dem besonderen maroden Charme oder ein Modernes – es lohnt sich sich in Wien heimisch zu fühlen.

Gutes von Gestern – Wie man höflich rülpst und andere Tipps aus über 1000 Jahren

gutes-von-gestern

Gestern. All der Ärger scheint so weit weg. Heute? Die Verrohung der Sitten greift um sich. Kaum einer hält mehr an sich, auch wenn er es vermeiden kann. Sodom und Gomorrha wo man steht und geht! Naja, malen wir den Teufel nicht an die Wand. Obwohl man schon gern mal seinem smartphone-affinenen Gegenüber die Leviten lesen möchte, wenn es wieder unerwartet piept und brummt. Dann müsst der aber erstmal googeln, was Leviten sind, wo man sie bekommt und wie hoch die Versandkosten sind. Außerdem ist Lesen eh nicht sein Ding, wenn er mehr als hundertsechzig Zeichen lesen muss.

Für alle denen die „Hundertsechziger-Regel“ am Allerwertesten vorbeigeht, die also wissen, dass man im Falle eines Husten an eben dieser Stelle, mal kurz den Raum verlassen könnte, sollte, müsste … für all diejenigen hat Elizabeth P. Archibald ihr aus Jahrhunderten gesammeltes Wissen zusammengetragen. Kein Ratgeber á la „was die Oma noch wusste“, sondern ein amüsanter Streifzug durch die Sitten der Vergangenheit.

Es ist wie beim Auto. Heute nehmen Computer beim Fahren dem Fahrer den gesamten Fahrspaß. Assistenten regeln alles, so dass man fast geneigt ist sich zurückzulehnen und sich wecken zu lassen, wenn man angekommen ist. Selbst ist der Mann? Kaum noch möglich! Ältere Modelle fahren auch. Und das gar nicht mal so schlecht. Vielleicht ein paar Zipperlein, aber die kann man selbst beheben.

Einige der Ratschläge sind einfach nur zum Schmunzeln. Man stelle sich vor, dass im Wasserbett Bettwanzen hausen. Nicht schön! Aber der Ratschlag Schießpulver auf der Lagerstatt zu verteilen, und es dann auch noch anzuzünden, ruft im besten Falle die Versicherung auf den Plan. 1777 sah man das halt noch anders…

Hilfreicher und zeitlos zugleich ist dagegen der Tipp wie man nüchtern wird. Aber Achtung: Wie alles Gute gibt es auch hier einen Haken. Im „Booke of Pretty Conceits“ aus dem Jahre 1612 wird es genau beschrieben. Hier die Kurzfassung: Den Intimbereich in Essig baden. Soll helfen. Viel Spaß beim Vorspiel und erst recht danach! Dann klappt’s auch wieder mit den Mädels. Wie man die beeindruckt, wurde schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben. Kleiner Tipp: Tanzen.

Der Autorin gilt der uneingeschränkte Dank all jener, die sich kultiviert durch das moderne Leben schlagen wollen, die ihre Geschichte und Kultur – und die von Anderen – achten und wirklich in Ehren halten. Keine Spinner, die die Vergangenheit verteufeln und als Sinnbild des Schlechten anprangern. Die Autorin kam durch Zufall auf dieses Thema. Beim Stöbern in alten Schriften traf sie auf Ratschläge aus längst vergessenen Zeiten. Als Historikern in Baltimore ließ sie aber das Thema nicht los. Sie startete einen Blog und schon kam die ersten Anfragen zu Sitte und Anstand. Wie anständig, dass sie die hehre Tradition des Buchdruckes nicht in Vergessenheit geraten lässt und die hilfreichsten Tipps in einem, diesem Buch zusammengetragen hat.

Lippen abwischen und lächeln

U1_978-3-87134-177-9.indd

Die (erste) Frage lautet: Ist das Alltägliche buchtauglich? Ja, wenn … der König (mit Rädern unten dran) der deutschen Vokabular-Maximalanwendung sich an Werk macht, dann schon. Und nun das Best of… seiner Texte, die prachtvollsten aus diesem Jahrtausend und ein paar von früher. Jeder Text ein Schenkelklopfer für den aufgeklärten, modernen Leser. Max Goldt zwingt den Leser nicht unbedingt zwischen den Zeilen zu lesen. Er ist da ganz offen. Jeder kann lesen, was er sich ausgedacht hat.

Er legt den Finger in die Wunde der Kleinbürger. Die scheinbar geregelte Welt der Spießer und Möchtegern-Großbürger in Ost und West. Könnten Bienen fliegen, dann wäre dieses Buch die unabdingbare Alternative zum verschnupften Herbstwetter mit all seinen Unbilden. Die Zeiten, in denen „betrunkene Frauen“ per „Kaiserschnitt“ das „schimmlige Brot“ „aus dem Leibe der Erde gerissen“ wurde, sind vorbei. Es überwiegt die Faszination, was man alles aus dem Alltäglichen ziehen kann, um es in Buchform zu veröffentlichen.

Max Goldt ist weit entfernt von Banalitäten. Doch man muss sich auf die Texte einlassen können. Von gesponserten Ausflügen in die Wüste bis zu S-Bahn-Fahrten hat Max Goldt alles in diesem Buch versammelt, was man heutzutage alles machen kann. Und an allem findet er was Spannendes, Berichtenswertes. Er redet von planvoller Zeitvergeudung, Coolness-Handicaps bei Paul McCartney oder redundantem Meinungsausfluss, pardon Meinungsausfluß. Auf das ß legt er besonderen Wert.

„Lippen abwischen und lächeln“ ist nichts anderes als das gesunde, regionale Produkt, das unser eingefahrenes Leben mit einem Schuss gutem Gewissen – endlich mal was Gutes zu lesen – aus dem Angeln hebt. Kleine Appetithäppchen, die schnell süchtig machen. Dieses Buch reicht, um den Herbst zu überstehen. Erst einmal durchlesen, dann Stück für Stück noch einmal lesen und dann noch einmal und … Und nicht vergessen: „Lippen abwischen und lächeln“!

Ein Zimmer im Hotel

U1_978-3-498-07373-2.indd

Na, Urlaub gut überstanden? Erholt? Gut. Und, sind noch irgendwelche Erinnerungen präsent? Von romantischen Sonnenuntergängen, besonderen Erlebnissen, erhabenen Eindrücke. Oder überwiegen immer noch die Unannehmlichkeiten in der Unterkunft? War es zu laut? Zu schmutzig? Das Bett zu hart oder zu weich?

David Wagner erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für „Leben“, seitdem reist er viel. Und er übernachtet logischerweise im Hotel. Fast scheint es als ob er nicht genügend Zeit hat sich die Städte anzuschauen, und deswegen seinen Fokus auf die Schlafstätten richtet. Wie sind sie eingerichtet? Wie weit kann man im Teppich versinken? Welche anderen Annehmlichkeiten der Heimwehabwehr bieten die Hotels?

Nur wenn die Hotels nicht so viel hermachen (Qualitätsmerkmal Bleistift statt Kugelschreiber als Schreibgerät), lässt er sich von der Umgebung vereinnahmen. Jedes einzelne Hotel ist benannt, inkl. Ortsangabe. Eine Einladung zur persönlichen Inspektion. Im Anhang sind die Besuchsdaten vermerkt.

Nun reist man von Hier nach Da, erlebt so manche Rare oder auch Erwartete. Doch Hotelzimmer studieren zu können, ist nur wenigen vorbehalten. David Wagner nimmt sich die Zeit, um die Unterschiede aus der Masse herauszuschälen. Von wegen Globalisierung! Der Einheitsbrei der Hotelerie trifft nur diejenigen, die mit Scheuklappen durch die Gänge schlurfen. David Wagner hat immer sein Schreibuntensil gespitzt, sei es nun ein Kuli oder ein Bleistift. Er genießt den Luxus des Gastes, Früchte in Hülle und Fülle – oder eben nicht, betrachtet die Wandgestaltung – oder eben nicht, ergötzt sich an der Möbelgestaltung – oder eben nicht. Mal witzig, mal nüchtern zeigt er dem Leser die unterschiedlichsten Logis-Bauten von Oslo bis Turin, von Tartu bis Barcelona, von Peking bis Cambridge.

Wer selbst viel reist, dem kommt einiges bekannt vor. Auf manches wird man erst bei der Lektüre gestoßen. Wer achtet schon auf die Motivwahl der Bodengestaltung?

Egal, ob Whirlpool  in der Junior-Suite oder fehlender Stift im Zimmer – David Wagner bewertet die Unterkünfte nicht. Er stellt fest, freut sich über Kleinigkeiten wie ein Bonbon als Abschiedsgeschenk. Was in dem einen Hotel für einen zufriedenen Gesichtsausdruck sorgt, wird anderswo als normal hingenommen. Was dort fehlt, wird hier nicht als Verlust gewertet.

Dieses kleine Büchlein ist die Bettlektüre für alle Hotelbettenbewohner dieser Welt. Das zum Volkssport verkommene Kritiküben ist für all diejenigen vorüber, die sich an diesem Buch nicht sattlesen können.

Ein Sack Kopfnüsse

ein-sack-kopfnuesse

Autsch, das tat weh! 9. Juli 2006, eine lauschige Sommernacht. Für Zinedine Zidane eine hitzige Nacht. Mit der wohl berühmtesten Kopfnuss setzte sich die Fußball-Legende auch in den Köpfen derer fest, die sonst nicht allzu viel mit Fußball zu tun haben (wollen). Zehn Jahre hat es gedauert bis Kopfnüsse wieder salonfähig wurden, allerdings ohne Schmerzen zu verursachen.

Rätsel zu lösen war schon immer ein besonderer Genuss. Egal welcher Herkunft, welchen Standes man war, des Rätsels Lösung zu finden, gab manch öder Runde den gewissen Kick. Bis heute sind Rätselclubs oder Krimidinner gut besuchte Veranstaltungen. Dieses kleine – nun aber wirklich nicht unauffällige – Büchlein sorgt für so manche Nuss, die es gilt im Kopf zu knacken. Das Knifflige: Die Rätsel haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, so dass man also nicht vorhersagen kann, ob denn nun ein einfaches oder ein schwieriges Rätsel kommt. Oft ist die Lösung so nah, oft scheint sie nur zum Greifen nah. Die Rätsel reichen von Rechenaufgaben wie die von den neun Goldklumpen, von denen einer unecht und schwerer ist als die Anderen (und man nur zweimal wiegen darf) über die Altersbestimmung eines Leguans bis hin zu logischem Denksport, wenn es darum geht Verhältnisse zu errechnen.

Das Besondere an diesem Buch ist neben den einhundert „diabolischen Knobeleyen“ die besonders liebevolle Gestaltung. Wie ein Schatz aus der Truhe vom Dachboden, die Opi damals von seinen Reisen mitgebracht hat. Ein bisschen angeknabbert, mit vergilbten Klebestreifen und Bildern, die „heute so gar nicht mehr hergestellt werden“. So manche Abbildung erinnert an die Zigarettenbilderalben, die bis heute einzigartig nostalgische Stimmung verbreiten.

Schon das Durchblättern macht einen Riesenspaß. Doch schon bald muss man die ersten Rätsel lösen. Kurz und knackig sind die Kopfnüsse, die die teils exotischen Tiere in diesem Buch dem Mastermind bereiten. Tränen werden fließen, wenn man die Rätsel wieder und wieder durchliest und einfach nicht den roten Faden aufnehmen kann, der das Wollknäuel entwirrt. Keine Angst: Hilfe naht am Ende des Buches. Die Lösungen stehen in einem separaten Heftchen, das in die letzte Umschlagseite eingeschoben ist.

Der Weg zum Schafott

der-weg-zum-schafott

Du sollst nicht töten! Für dieses hehre Gebot bedarf es keiner Religion, sondern „nur“ gesunden Menschenverstand. Und doch betrachten sich eine Minderheit als Richter über den Tod. Allein 2015 wurden eintausendsechshundertvierunddreißig Todesurteile vollstreckt. Aus China liegen keine genauen Angaben vor. Amnesty International geht von einer Zahl über eintausend aus. Was die 1634 sich fast schon verdoppeln lässt.

Der Staat dient dem Wohle den Volkes und der Gemeinschaft. Er erlässt Richtlinien des Zusammenlebens. Rund zwei Dutzend Staaten bzw. deren Vertreter nehmen sich die Freiheit darüber hinaus auch Richtlinien zur Beendigung des Lebens auszuformulieren und umzusetzen. In einer Zeit, in der das Wort Aufklärung fast schon antiquiert klingt, sollten derart kurzsichtige Entscheidungen wie die Todesstrafe (und vor allem deren Umsetzung) eigentlich in der Mottenkiste ruhen. Doch selbst – nach allgemeinem Sprachgebrauch – hoch entwickelte Länder wie die USA vollstrecken in einzelnen Bundesstaaten noch die Todesstrafe. Getreu dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ werden statistisch täglich mindestens vier Menschen mit dem Segen des Staates ermordet. Mord, weil ein Vorsatz vorliegt. Es sind Mörder, die zum Schafott, zur Giftspritze, zum Galgen geführt werden. Bis ins vorletzte Jahrhundert waren Hinrichtungen noch Opium fürs Volk. Eine Art Rummelplatz mit einer Niete und mehreren Gewinnlosen.

Doch schon immer gab es mahnende Stimmen, die sich gegen die Barbarei des staatlich sanktionierten Mordes wanden. Dass Angehörige von Opfern (vorschnell) dazu neigen das ihnen widerfahrene Unheil gleichermaßen auszugleichen, ist emotional verständlich, rechtfertigt es aber in keinster Weise.

In diesem Buch kommt Koryphäen der Weltliteratur wie Victor Hugo, Charles Dickens oder Fjodor Dostojewski zu Wort. Hugo gibt einem zum Tode Verurteilten eine Stimme, in dem er dem Leser sein (fiktionales?) Leid klagen lässt. Er weiß um seinen Todeszeitpunkt. Elitär und doch irgendwie auserwählt fühlt er sich dabei gar nicht.

Der italienische Aufklärer Cesare Beccaria – damals war das Wort keine Floskel, eher revolutionär – hatte sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts als einer der ersten gegen die Todesstrafe gestellt. Wie aktuell seine Worte heut noch klingen…

„Der Weg zum Schafott“ ist keine Anklage, es ist Argumentationsgrundlage und –hilfe für alle, denen Tötungsdelikte, besonders von staatlicher Seite, gegen das Gewissen gehen. Charles Dickens Briefe an den Herausgeber der Daily News und die Erzählung von William Thackeray (beide aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts) wurden für dieses Buch erstmals ins Deutsche übersetzt. Es keimt kein Hass beim Leser auf. Es ist ein zustimmendes Kopfnicken, gefolgt von einem verständnislosen Kopfschütteln. Zustimmung für die Argumente der Gegner und Kopfschütteln darüber, dass es immer noch Kleingeister gibt, die meinen, dass mit dem „Kopf ab“ alle Schuld gesühnt ist. Ein nützliches Buch, ein hilfreiches Buch, ein wichtiges Buch!

Anton zaubert wieder

anton-zaubert-wieder

Den Täter zieht es immer wieder an den Ort des Verbrechens zurück. Alte Kriminalistenweisheit. Auch Willa Stark zieht es wieder zurück. Nach Köln. Doch sie ist keine Täterin, vielmehr fühlt sie ihnen auf den Zahn. Sie ist Ermittlerin. Endlich wieder Heimatluft schnuppern. Wieder daheim. In Graz. Und nun können ihre ehemaligen Kollegen nicht mehr ohne sie. So manch einer fühlt sich bei so viel Begehr gebauchpinselt. Doch der Fall liegt etwas anders.

Die Kölner Ex-Kollegen haben einen vermeintlichen Mörder gefasst. Anton. Doch der hat nichts anderes zu tun als zu schweigen. Kein Wort kommt über seine Lippen. Erst als Willa Stark den Verdächtigen vernimmt, der schon als Kind so gern und so eindrucksvoll zaubern konnte, ist die Teilnahmslosigkeit des Delinquenten verflogen. Hier in Köln, der Stadt, die ihr einst Asyl bot und sie wieder ausspuckte wie ein von Geschmack befreites Kaugummi, ist sie ein willkommener Gast. In Graz, wo sie zuhause ist, sich geborgen fühlen sollte, war sie nie so recht angekommen. Und nun Anton! Der hat was. Willa gerät in einen gefährlichen Strudel aus Gefühlen und Pflichterfüllung.

„Anton zaubert wieder“ ist Willa Starks dritter Fall von Isabella Archan. Sie schickt ihre Heldin durch ein Labyrinth aus sich falschen anfühlenden Emotionen und realer Familienbande. Willa ist immer noch nicht hinweg über den Verlust des Onkels. Der war, als sie noch jung war, verschwunden. Von heut auf morgen. Doch nicht einfach so. Verschwunden ist auch nicht der richtige Begriff. Eingefahren trifft es eher. Als Mörder verurteilt. Die Familie zurückgelassen. Allein ohne Auffangnetz. Und Willa rutschte immer mal wieder durch die Maschen.

Und nun? Anton, der Mörder als Objekt der Begierde? Und der Onkel steht auch wieder vor der Tür. Isabella Archan mach es Willa Stark nicht einfach ihrem Nachnamen alle Ehre zu machen. Denn auch der Frauenmörder bleibt nicht untätig…

Was Willa Stark nicht weiß, ist, dass sie genau beobachtet wird. Vom Leser. Rundum-Betreuung an Bord der MS Willa Stark. Ständige Animation unter Leitung der Autorin garantiert, mit eigenwilligem und exzellent organisiertem Unterhaltungsprogramm.