Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Am Tiefpunkt genial

Ach Mensch, Paul! Du wusstest es doch! Als Stefanie so vertraut mit Markus war. Das Klingeln im Ohr?! Du hast es doch gehört. Nun ist sie weg, die Stefanie. Jetzt gibt es dafür Markus und Stefanie. Mensch Paul! Kippen, Bücher und Musik sind doch nicht alles.

Man möchte Paul anschreien, ihn wachrütteln. Ein bisschen Selbstmitleid sei ihm zugestanden, ihm dem Buchhändler, der so sehr an Zigaretten und Musik hängt. Und bis vor Kurzem hing er auch noch an Stefanie. Sie, das Modepüppchen, die nächtelang die Clubs unsicher machte, sehr, zu auf ihr Äußeres achtete und dieses hegte und pflegte. Stundenlang. Und Paul, der Mode zwar buchstabieren kann, aber ansonsten damit nichts anfangen kann. Warum hat Bernhard diesen Markus auch angeschleppt?!

Hass empfindet Paul nicht. Mit Klarissa hingegen spricht er sich aus. Seine Ex. Sie kennt ihn und mag ihn und fühlt sich immer noch ein wenig für ihn verantwortlich. Aber vor allem macht sie ihm Mut. Die Trennung war gut für ihn. Den Eigenbrödler. Und dann wieder Bernhard. Lass uns treffen. Alle zusammen. Auch Markus? Ja. Der Soundtrack des Lebens hält für den Musikliebhaber Paul aber auch immer wieder eine B-Seite parat. Kein stimmungsvoll-melancholischer B.B. King, keine immer passenden Stones, kein beruhigender Miles Davis.

Und wie im richtigen Muskleben enthält die B-Seite eine echte Rarität. Markus und Paul können sich in die Augen schauen, miteinander reden und sich sogar die Hand geben. The kids are alright oder doch Sympathy fort he devil?

Wer nun meint, dass mit Paul wieder alles in Ordnung ist, irrt. Mit Paul war schon immer alles in Ordnung. Aus falschem Pflichtgefühl heraus bildet er sich ein, dass Schicksalsschläge unbedingt mit tiefer Trauer, Selbstzweifel und vielleicht sogar Hass einhergehen müssen. Doch Paul hat seine Bücher, seine Kippen und seine Musiksammlung. Und wenn ihm danach ist, haut er sich einfach aufs Sofa. Nichts tun, den Herrgott einen liebe Mann sein lassen. Er verliert seinen Job und erkennt, dass Markus auch bloß ein Aufschneider ist, der gern andere in seine Machenschaften zieht. Im ersten Moment keine sonderlich schönen Ereignisse. Dennoch: Paul kann zufrieden sein. Denn schlussendlich ist da noch etwas. Das Leben!

Karoline Cvancara zeichnet mit Paul einen Lebemann, den man nicht auf Anhieb dieses Attribut verleihen würde. Er ist wie eine Katze, landet immer wieder auf den Füßen. Die Abgründe, die sich vor ihm auftun, kennt jeder. Man kann sich verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen, aber das zögert die Lösung des Problems nur hinaus. Man kann sich bewusst Hilfe suchen, aber dann muss man alles noch einmal aufrollen, ob’s hilft, weiß man vorher nicht. Oder man lässt alles erst einmal sacken und blickt nach vorn. So wie Paul.

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann

Das waren noch Zeiten, als man mit Kerze, Kerzenständer, Zipfelmütze und Nachthemd sich bettete. Ja, so nannte man das damals. Heute haut man sich mit Shirt und Boxershorts in die Falle. Oder wie Oberts Klink aus der TV-Serie „Ein Käfig voller Helden“ im breitesten Sächsisch verkündete in die „Furzmulle“. Doch wir sind beim Sich-Betten. Die Nacht zieht herauf, der Mond ist der stille Beobachter des Treibens auf Erden. Lediglich die Tiere machen hier und da noch ein paar Geräusche. Alles schläft. Alles? Alle? Nein! Ein paar Lichtstrahlen schimmern durch die dunkle Nacht. Leselampenlicht. Endlich mal eine gute Erfindung der Neuzeit. Und die nutzt man, um Neues zu entdecken.

So wie „Cadichon – oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ von – Achtung langer Name, nochmal Luft holen – Anna-Claude-Philippe de Thubìeres, de Grimoard, de Pestels, de Lévis, Comte de Caylus, der bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verfasst, doch erst 1775 veröffentlicht wurde. Da war der Autor schon zehn Jahre tot. Und nun ist der Text endlich auch auf Deutsch erschienen. Schlaflos nennt sich die Reihe bei Ripperger&Kremers. Doch kein actiongeladenes Büchlein sorgt hier für offene Lider, sondern die Poesie der Vergangenheit im Gewand (noch so ein Wort, das kaum noch verwendet wird) eines Märchens.

Fast fühlt man sich wie bei Jean Cocetaus „Belle et la bête“. Prinz Pétaud wird verstoßen, weil er ein Bürgerliche heiratet (wäre doch was für „Exclusiv“-Zuschauer, oder?!). Die arrangierte Hochzeit mit der, zum Zeitpunkt des Arrangements noch nicht geborenen, Tochter der Fee Gangan ist geplatzt! König und Königin, die nicht gerade durch übermäßiges Denken glänzen, sind empört. Doch der Prinz lässt sich nicht entmutigen. Zusammen mit seiner Frau und ihrem Vater lässt er es sich gutgehen. In seinem eigenen kleinen Reich. Nur der Nachwuchs lässt auf sich warten. Die Fee Gangan hat ihre Finger, bzw. ihren Fluch im Spiel. Siebenmal lässt sie Gilette, die Frau des Prinzen schwanger sein. Siebenmal am Stück! …Wer jetzt anfängt zu rechnen, kommt nie in Morpheus Arme – ja, es sind fünfeinviertel Jahre, die die beiden warten müssen, bis sich endlich Nachwuchs einstellt … Und wie es im Märchen ist – schließlich fängt alles mit „Es war einmal“ an – wird schlussendlich alles gut. Das darf man bei einem Märchen verraten.

Märchen für Erwachsene, Gute-Nacht-Geschichten als Alternative zu Castingshows und Schlagergedudel in der Glotze, Rückbesinnung auf das, was einmal war: Bücher, die einem nicht vor Langeweile die Lider schließen lassen, sondern einen friedlich ins Reich der Träume entführen und von paradiesischen Zuständen träumen lassen. „Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von Neuentdeckungen aus der Mottenkiste bzw. dem Bücherregal der Ahnen.

Sehnsucht Kuba

Kuba – hat schon ein bisschen was von Sehnsucht. Für Arne Retzlaff ein bisschen mehr als „nur ein bisschen“. Echte Sehnsucht. Und für ein Jahr ein echtes Zuhause. Nicht Havanna, nicht Santiago de Cuba. Manzanillo hieß der Ort, der zwölf Monate mit Heimat gleichgesetzt wurde.

Das Kuba von einst mit dem prachtvollen Havanna und seinen Casinos und den dazugehörigen Etablissements, den breiten, überfüllten Boulevards, dem Paris der Karibik, ist nicht mehr viel übrig. Die Köpfe der Revolution sind zweidimensionalen Ikonen an Häuserfassaden gewichen. Seit einiger Zeit strecken die amerikanischen Ketten, die vor mehr als einem halben Jahrhundert ein Grund für die Wendung zu besseren Zeiten und Idealen waren, ihre Fühler wieder gen Kuba aus. Die beschaulichen Zigarrenmanufakturen werden in absehbarer Zeit modernen klimatisierten Arbeitsräumen weichen müssen. Und das kubanische Lebensgefühl wird bald nur noch Zuschauern des Buena Vista Social Clubs eine Vorstellung von dem, was einst war, bieten können.

Umso erbaulicher ist die Lektüre dieses herzlichen Reise- und Lebensberichtes von Arne Retzlaff. Er lernte Kuba kennen als erste Reformen wieder individuelle Entfaltung möglich machten. Als Dollars auch den Kubanern zumindest auf dem Papier rosige Zeiten versprachen. Verträumt oder verklärt sind allenfalls die Vorurteile des neugierigen Lesers. Als sanfte Abrissbirne mit dem Feingefühl eines ewigen Kuba-Liebhabers fungiert der Autor. Schon beim ersten Durchblättern, wenn man den Fotoabschnitt Seite für Seite betrachtet, werden die Vorstellungen auf eine harte Probe gestellt.

Unter den Reiseberichten über die Perle der Karibik sticht „Sehnsucht Kuba“ heraus, weil die Klischees dazu dienen den Leser auf eine andere Fährte zu locken. Nicht Hinterlist und Tücke sind die Antriebsfeder Retzlaffs, sondern das Bedürfnis Kubas wahres Gesicht zu zeigen. Die Schwierigkeiten beispielsweise ein Haus zu bauen. Wo in Deutschland der Amtsschimmel wiehert, grüßt hier die Mangelwirtschaft. Wo in Deutschland die Planung jedwede Vorfreude auf ein Fest nimmt, regiert auf Kuba die Improvisation. Und es gewinnt immer die Lebensfreude! Das spürt man in jeder Silbe.

Kuba als Reiseziel ohne das „Schnell nochmal hin, bevor alles wech ist“ – mehr als lohnenswert. Kuba mit Reiseband – sehr zu empfehlen. Kuba bereisen, ohne Arne Retzlaff zu Rate gezogen zu haben – ein Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Ein Stern, der in dein Fenster schaut

Die Sonne scheint überall, und zu jeder Tageszeit. Auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen. Doch was wissen wir schon über „Die da“? wie bringen sie ihre Kinder zu Bett? Welche Gute-Nacht-Geschichten werden Kindern in Afghanistan, Syrien, Burkina Faso oder dem Irak erzählt, damit sie am nächsten Tag trotz aller Qualen ausgeschlafen ihr Kinderleben leben können?

„Ein Stern, der in dein Fenster schaut“ vereint Geschichten aus eben diesen Ländern in einem Buch, und zwar auf Deutsch und der entsprechenden Landessprache, und vor allem deren Buchstaben. Das viel gescholtene und fast schon abgedroschene Wort von der Integration wird hier umgesetzt.

Schnell stellt man fest, dass die Bettappetizer sich nicht viel von denen unterscheiden, die einem einst von der Oma vorgelesen wurden. Zwei Freunde, die trotz eines heftigen Streites in der Not füreinander da sind. Geschwister, die sich gegenseitig die Angst vor der dunklen Nacht nehmen. Kinder, die nur Unfug im Sinn haben und ihren Eltern Sorgenfalten auf die Stirn zaubern.

Das Besondere an diesem Buch ist die sprachliche Vielfalt und die Hingabe, mit der jede einzelne Geschichte illustriert ist. Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil wirtschaftliche Interessen (und nur darum geht es weltweit, egal wie man es nun nennt) schwere wiegen als das Wohl einzelner oder einer Gemeinschaft, hinterlässt das Spuren. Kinder sind dafür besonders empfänglich. Und sie leiden mehr als andere, können aber ihren Kummer nicht artikulieren. Umso erhabener ist der Moment vor dem Schlafengehen, wenn ein bisschen Vertrautes wenigstens am Ende des Tages vorhanden ist. Und so ist dieses Buch auch zu verstehen. Nicht jeder von uns spricht aramäisch, geschweige denn, dass er es lesen kann. Wohl aber viele Englisch oder Französisch. Und warum nicht einmal eine Gute-Nacht-Geschichte mit den Worten eines Anderen (vor)lesen?

Thomas Max Pfeifer ist es zu verdanken, dass diese Geschichten aus fernen Ländern nicht in Vergessenheit geraten. Zusammen mit den zahlreichen Übersetzern und Illustratoren hat er ein Buch zusammengestellt, dass Groß und Klein, fernab von Herkunftsdenken und abseits jeglicher Vorurteile zusammen im Lesesessel vereinen wird.

Kiki die Mäusedame

„Ih, eine Maus, mach sie weg“, so reagiert wohl so mancher hysterische Mieter, wenn eine Maus seinen Weg kreuzt. In der Fliederstraße 15 in Stockholm, bei den Gulbranssons ist das ein bisschen anders. Arne, der Sohn der Gulbranssons ist der Grund, warum Kiki hier lebt und nicht bei Onkel Björk. Der wohnt nämlich in einem Supermarkt. Dort ist zwar der Tisch immer gedeckt, aber es ist eben auch sehr laut und hektisch.

Kiki, die eigentlich Kinuski Kielo Lundgren heißt, ist eine Dame ersten Ranges. Die schönen Dinge des Lebens haben es ihr angetan – allein schon das Bild, auf dem Kiki (mit Schleife im Haar) zufrieden grinsend mit einer Tasse in ihrem Bettchen verstohlen in die Luft schaut, zeigt die ganze Eleganz der Maus und das Können der Illustratorin Marion Schickert. Zum Piepen!

Das Leben könnte so schön sein, wenn das nicht das dicke Katervieh Percy wäre. Zum Glück ist er ein fauler Kater. Dick und rund, und unbeschreiblich bequem. Und berechenbar. Pünktlich um acht Uhr morgens und um sechs Uhr abends trabt er zum Futtertrog.

Mit Freja, ihrer besten Freundin, ist es ein besonderes Vergnügen die Sonnenstrahlen unterm Brombeerbusch zu genießen. Dort sehen sie auch wie Arne von zwei Größeren drangsaliert und ihm sein Fernrohr, das er gerade erst von Onkel Peer geschenkt bekommen hat, weggenommen wird. So eine Frechheit. Das muss man einschreiten. Doch Kiki und Freja sind zu klein. Doch nicht im Kopf… Kiki und die anderen Mäuse fassen einen Entschluss. Sie wollen Arne helfen. Man muss es eben nicht nur hier haben, sondern auch hier. Jeder muss sich nun die entsprechenden Gesten dazu selbst ausdenken…

Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit Vier Pfoten – Stiftung für Tierschutz. Im hinteren Teil des Buches wird es so richtig melodiös. Autor Olaf Krätke hat eigens für dieses Buch ein Lied komponiert, das inkl. Noten hier abgedruckt ist. Und ganz am Endes des ersten Abenteuers von Kiki – JA! – es wird weitergehen – ist eine CD mit zwei Liedern beigelegt.

Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

Um es gleich vorweg zu nehmen, in diesem Roman geht es nicht um dunkle Machenschaften, Geldschiebereien und / oder Immobiliengeschäfte. Dieses Haus ist das vom Großvater. Ein geachteter Mann. Wahrlich kein reicher Mann, wenn man den Kontoauszug zugrunde legt. Doch reicher als die meisten, wenn man deren Kontoauszüge zugrunde legt.

Sein offenes Herz ist der wahre Wert des Großvaters und des Hauses. Hier trifft sich so ziemlich alles, was laufen kann. Gefallene Mädchen, kleine Gauner, Seelendiebe und andere Gestalten, die das Dorfleben in dem namenlosen nigerianischen Ort mit selbigem erfüllen. Eine Sinfonie in Dur und Moll über die gesamte Bandbreite der Notenblätter: Improvisierter Jazz, strukturierte Klassik, ein bisschen Rock, aber vor allem ganz viel Soul.

E.C. Osondu gibt in seinem Erstlingswerk „Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ einen liebevollen, unverstellten Einblick in das echte Leben des schwarzen Kontinents. Kein blauäugiges Abenteuer, das im Desaster endet. Vielmehr wird dem Leser ein Nigeria beschrieben, das so niemals in den Nachrichten und Magazinen vorkommen wird. Dafür sind die Probleme des Landes zu gravierend, Ölleitungen, die leckgeschlagen werden, entführte Mädchengruppen, Korruption und Gewalt.

All das lässt Osondu nicht außen vor, macht es aber auch nicht zum Dreh- und Angelpunkt seiner kurzen Abrisse der Dorfgemeinschaft. Die Gratwanderung zwischen Kritik und originärer Abbildung gelingt ihm mit Leichtigkeit, ohne Wesentliches auszulassen.

Wer Afrika bereist, stellt schnell fest, dass es ganz anders ist als in den Romanen, die man ach so gern verschlungen hat. Nur wenigen afrikanischen Autoren gelingt es ihren Kontinent, ihr Land, ihre Region so erlebbar darzustellen. E.C. Osondu gehört mit seinen Geschichten – und nun auch mit seinem ersten Roman – sicher zu den schillerndsten Sternen über den Landstrichen des schwarzen Kontinents. Mit jeder Zeile merkt man ihm seine Liebe zu jeder der einzelnen Figuren an, die in Großvaters Haus ein offenes Ohr, etwas zu essen oder einfach nur ein Dach überm Kopf finden. Ohne Gegenleistungen zu verlangen lässt er sie sein, was sie sind: Menschen. Sie haben alle ihre Macken. So wieder jeder andere auch. Religiöse Rituale, die uns fremd sind, Essgewohnheiten, die Einstellung zum Leben und Wert von Tieren und und und …

Dieses Buch lädt jeden ein mit den Bewohnern zu lachen, mit ihnen zu weinen, mit ihnen am Tisch zu sitzen, die alltägliche Arbeit zu verrichten, aber vor allem an ihrem Leben teilzuhaben. Die Schlichtheit der Sprache fasziniert immer wieder. Eine andere Art der Übersetzung würde das Buch zerstören. So ein Haus zu besitzen, ist der größte Schatz, den man finden kann. Zum Anfang reicht aber dieses Buch vollkommen aus.

Das alte Böse

Wie nähert man sich einem Roman, der „Das alte Böse“ heißt? Mit Humor? Die alte Böse, muss es heißen, und die ist tot. Oder doch mit freudiger Erwartung? So wie Brian, der im Internet Estelle kennengelernt hat. Die lässt sich von ihrem Enkel Stephen zum Rendezvous chauffieren. Enkel? Internet-Dating-Portal? Moment, wie alt sind die beiden denn? Sagen wir es so: Sie sind in der Mitte zwischen einer dreistelligen Altersangabe und dem Renteneintrittsalter. Und sie heißen eigentlich Betty und Roy. Und sie sind alt. Und einer von beiden (oder doch beide?) ist böse!

Schnell macht Autor Nicholas Searle klar, wer hier Dreck am Stecken hat: Brian aka Roy. Und zwar richtig viel Dreck. So viel, dass er schon gar nicht mehr zu entfernen ist. Der Dreck.

Enkel Stephen steht der Liaison der beiden skeptisch gegenüber. Auch und gerade, weil sie doch ziemlich schnell auch räumlich zueinander finden. Roy zieht bei Betty ein. Roy bemerkt die unterschwellige Feindseligkeit Stephens mit jedem Wort, das die beiden wechseln. Doch sowohl Roy als auch Stephen halten mit ihren wahren Gefühlen dem anderen gegenüber hinterm Berg.

Betty ist die mit dem Geld in der Beziehung, Roy hat zwar auch was zurückgelegt, ist aber bei Weitem nicht so vermögend wie Betty. Er kommt allerdings permanent an sein Geld ran, während sie es fest angelegt hat. Und Stephen? Der ist mit seiner Forschung genug beschäftigt. Er ist Historiker und mit den Gedanken immer ein paar Jahrhunderte zurück.

In nicht ganz vollendeten Rückblenden offenbart Nicholas Searle dem Leser die nicht ganz einwandfreie des windigen Roys. Schnelles Geld mit zwielichtigen Leuten, doch immer vorsichtig, dass ihm niemand auf die Schliche kommt. So ist Roy, so war er. Roy scheint geläutert. Hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Vereinzelte Kontakte mit der alten Gang sind der klägliche Rest mit dem vergangenen Roy. Vincent ist derjenige, den Roy immer noch regelmäßig trifft. Er ist sein „Finanzberater“, einer der auch Betty Finanzen zur Vermehrung antreiben kann.

Und Betty? Betty ist die Liebenswürdigkeit in Person. Harmlos. Freundlich. Generös. Wird sie am Ende von Roy nur ausgenutzt? Setzt er sich ins gemachte Nest der distinguierten freundlichen alten Dame? Oder will er nur an ihr Geld? Mittlerweile ist Roy dem Leser immer unsympathischer geworden. Betrug und Verrat sind noch die am wenigsten unanständigen Dinge, die er auf dem Kerbholz hat. Auf der anderen Seite (eigentlich ist es ja die gleiche Seite – schließlich dreht sich bei Roy immer alles nur um Roy) ist er ein echter Glückspilz. Sein ganzes Leben lang ist er lediglich mit ein paar Blessuren davon gekommen. Doch sein Leben ist noch nicht zu Ende.

Nicholas Searle lässt den Leser bis zum Schluss zappeln. Kapitel für Kapitel versucht man das Rätsel um Roy und um seine Beziehung zu Betty zu ergründen. Die Auflösung verbirgt sich hinter dichten Nebelschwaden. Und wenn sie zutage tritt, ist man mehr als überrascht. Grandioses Finale furioso!