Das schlafwandelnde Land

Ein typischer Ausflug am Samstagvormittag mit dem Opa: Der ergraute Mann erzählt von wilden Tieren und beginnt alsbald mit der Belehrung zu den verschiedenen Pilzarten. Dass manche giftig sind und man sie auf gar keinen Fall ernten darf. Immer die Zeit im Nacken, weil die Oma mit dem Essen wartet, das pünktlich um Zwölf auf dem Tisch stehen wird. Spannung? Fehlanzeige!

Anderes Szenario. Tuahir streift mit dem jungen Muidinga übers Land. Auf der Flucht vor dem Krieg. Der alte Mann hat den Jungen bei sich aufgenommen als im der Hauch des Lebens endgültig drohte aus dem Körper zu steigen. Gehen, sprechen, singen – alles musste er ihm wieder beibringen. Nur lesen, das konnte er ihn nicht lehren. Das hat sich Muidinga selbst beigebracht.

Mosambik ist ein karges Land, das nach unseren Maßstäben wenig zu bieten hat. Wenn man Einkaufsmeilen und Eisschlecken als Maßstab nimmt. Das ungleiche Paar ist immer auf der Hut. Hyänen menschlichen und tierischen Ursprungs lauern an jeder Ecke. Ein ausgebrannter Bus soll ihr Schutzschild für die Nacht sein. Denn Tuahir weiß, was einmal brannte, brennt nicht mehr. Zwischen den verkohlten Leichen, der Überresten eines Transports findet Muidinga einige Bücher, die er zum Feuermachen benutzen soll. Stattdessen beginnt er zu lesen. Laut, so dass auch Tuahir etwas davon hat. Es handelt sich bei den Zeilen um das Tagebuch von Kindzu, einem der Opfer, der verstümmelt zwischen Tuahir und Muidinga bereits den letzten Atemzug getan hat. Doch er ist mehr als nur stiller Zuhörer…

Kindzu berichtet von Junhito, seinem kleinen Bruder, der fast taub ist dem vom Vater der frühe Tod prophezeit wird. Es kommt anders, der Vater ist der Auserwählte, der den letzten Schritt wagen wird. Junhito hat es Muidinga angetan. Er und der kleine Bruder des Tagebuchschreibers sind Brüder im Geiste. Muidinga erkennt sich in dem kleinen Jungen wieder und vermutet Junhito zu sein. Tuahir tut dies als albern ab. Die Tagebücher reißen Muidinga und auch Tuahir, der äußerlich unberührt, doch innerlich aufgewühlt, aus ihrem tristen Alltag, der von Angst und Überlebenswillen gekennzeichnet ist. Geister, die nicht jeder sieht, Schiffe als Sinnbilder der Hoffnung und gefährliche Raubtiere bilden von nun an ihre Umgebung. Unbemerkt zerren die Tagebücher die beiden – Leser und Zuhörer – aus ihrem sorgengeplagten Alltag.

Mia Couto spielt mit den Mythen seiner Heimat Mosambik. Er entführt nicht nur die beiden Hauptfiguren, sondern vor allem den Leser in eine Traumwelt, die so nur in Köpfen existieren kann. Traumwandlerisch lässt er das Land wie im Schlaf sich drehen, wenden, aufbäumen und ernüchternd zu Boden krachen. Man muss nicht nach Mosambik fahren, um die Mythen zu verstehen. Es reicht dieses Buch zu lesen. Immer wieder!

101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Magnus Carlsen – Das unerwartete Schachgenie

Elfterelftersechzehn. Nullkommafünf zu Nullkommafünf. Einskommaeinsmillionen. Zahlenkauderwelsch, das nur Kennern etwas sagt. Es war der 11. November 2016. Schach-WM zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und dem Herausforderer Sergeij Karjakin. Unentschieden nach Partie Eins. Punkteteilung. Patt im Spiel um 1,1 Millionen Dollar.

Bereits im Jahr zuvor überschlugen sich die Fachjournalisten beim Spiel des jungen Norwegers Magnus Carlsen. Nun hatte er die Möglichkeit sein außergewöhnliches Können noch einmal und schlussendlich unter Beweis zu stellen. Karjakin hatte zuvor mit allerlei Getöse auf sich aufmerksam gemacht. Carlsen ließ das scheinbar, zumindest äußerlich kalt. Es ging um Schach. Immer wieder wurde er gefilmt, wie er Schach spielte. Wenn andere aßen, Mails lasen, einkauften, telefonierten, Auto fuhren etc. spielte er Schach. Immer wieder. An den ungewöhnlichsten Orten, zu unmöglichsten Zeiten. Schach, Schach, Schach.

Zu Beginn des Turniers war er 25 Jahre alt. Als alter und neuer Weltmeister war er um ein Jahr gealtert. Was aber nur daran lag, dass er am Tag der Tie-Break-Partien Geburtstag hatte. Cleveres Marketing oder Zufall? Egal, selbst Schachablehner bekamen einen ungefähren Einblick ins Leben dieses Ausnahme-Könners. Die Fangemeinde wuchs. Die Zuschauerzahlen ebenso. Und Carlsens Bekanntheitsgrad übertraf im November 2016 fast schon den der Präsidentschaftskandidaten in den USA. Doch kennt man den jungen Kerl nur weil man ab und zu im Fernsehen das Ballett von Springer und Läufer gesehen hat? Nein.

Aage G. Sivertsen kennt Magnus Carlsen. Und dank ihm kennt Magnus Carlsen nur die ganze Welt ein bisschen besser. Ein Vierteljahrhundert alt und schon eine Biographie. Das gibt’s doch sonst nur bei enervierenden Melodievergewaltigern aus Castingshows, die meinen, weil sie ihr Pickelgesicht vor Millionen Followern im Netz zeigen, dass sie was zu sagen hätten.

Großartige Erkenntnisse über den Lauf der Welt kann man auch von Magnus Carlsen nicht erwarten. Aber das sollte man auch nicht. Es ist doch viel interessanter wie dieser junge Kerl dazu kam den wohl langweiligsten Sport der Welt auszuüben. Skifahren und Norwegen bilden sonst eine Einheit. Und bei der Ruhe, die er ausstrahlt, wäre doch eine neuer Ole Einar Björndalen (Biathlon) fast schon die logische Konsequenz gewesen. Doch Magnus Carlsen war schon als Kind vom Spiel der Könige fasziniert. Er wollte Schach spielen. Spielend Schach in sich aufsaugen. Druck gab es nicht. Mit dreizehn Jahren war er Großmeister, was vielleicht vergleichbar mit dem schwarzen Gürtel im Judo ist. Auf reisen zu Turnieren hatte er keinen Sinn für Sehenswürdigkeiten. Die einzigen Türme, die ihn interessierten, waren sie auf vier von 64 Feldern auf dem Schachbrett. Und royalen Häuptern die Hand schütteln bzw. sie umzustoßen (als Zeichen der Aufgabe), überließ er großzügig anderen.

Aage G. Sivertsen schafft es den stillen Mann der Figuren ins rechte Licht zu rücken, ohne an seinem ihm angedichteten Heiligenschein zu kratzen. Fernab von Lobhudelei lässt er Vorgänger Carlsens zu Wort kommen, die dem neuen Superstar ihren Respekt erweisen. Auch wer bisher noch nie mit Schach in Berührung gekommen ist, wird diese Biographie erst beiseitelegen, wenn nichts mehr zu lesen ist.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Vom Tunnel zur Himmelsleiter

Vom Fringsen zum Schmieren. Vom Durchlavieren zum Sesshaftsein. Vom Tricksen zum schelmenhaften Lächeln. Paul Zakowski ist zurück. Eigentlich ist er nicht zurück. Denn Paul ist Peter, der zwar zurück ist, aber eben nicht als Paul, sondern als Peter. Verwirrend? Verwirrend! Paul Zakowski ist das alter ego von Peter Zingler. Und der ist der Autor von „Im Tunnel“ und dem Nachfolger „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“.  Zur Erinnerung: Nach dem Krieg war es hart für den jungen Paul / Peter. Man musste sich „zu helfen wissen“. Und es kam wie es kommen musste. Paul / Peter wurde kriminell, saß mehr oder weniger brav seine Strafen (!) ab und wurde wieder kriminell. So ging das mehrere Jahre. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Einsicht, kommt die eine große Chance.

Zweites Chancen hatte Peter – jetzt bleiben wir bei diesem Namen – Zingler immer wieder. Doch dieses Mal soll er sie nutzen. Mit der Zwei hat es der Autor. Der zweite Teil seiner Biographie, zwei Jahre nach dem ersten Teil. Mittlerweile ist Peter Zingler dem kriminellen Milieu entkommen, entwachsen könnte man meinen. Eine zweite (das ist die wieder, die Zwei) Karriere muss her. Schon in der ersten Hälfte seines Lebens ging es immer darum, mit einem Ding für immer auszusorgen. Der Traum von der ewig währenden Sorgenfreiheit muss doch aber irgendwie auch anders zu stemmen sein…

Sonntagabend, ARD, Tatort. Der Abspann läuft. Und da! Autor: Peter Zingler. Hat es also doch geklappt. Ein paar Jahre sind vergangen. Der Knast ist immer noch elementarer Bestandteil von Peter Zingler. Doch dieses Mal nicht als Insasse, sondern als Insider. Mitte der 80er Jahre ist Krimizeit nicht mehr dasselbe wie zuvor. Als Außenstehender mit detailliertem Fachwissen schreibt sich Peter Zingler an die Spitze der deutschen Fernsehkrimiautoren. Der Grimme-Preis, immerhin der am meisten geachtete und für Qualität stehende Medienpreis Deutschlands, winkt aus der Ferne.

Soll er nun dankbar sein, dass alles so war wie es war? Zumindest dankbar dafür, dass alles so kam, wie es kam. Denn im Knast entdeckt er sein Talent aus seinem Schicksal Kapital zu schlagen. Ganz legal, mit der Kraft der Phantasie und der Gabe wortstark formulieren zu können. „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“ ist mehr als eine Fortsetzung. Es ist der grandiose Abschluss eines langen Weges, den man nicht gehen muss. Aber wenn man ihn beschritten hat, ist es eine Wohltat (für Autor und Leser gelichermaßen) zu sehen, dass Happy ends nicht nur in der Phantasie entstehen können.

Der Weg dorthin war nicht minder schwierig und erforderte nicht weniger Phantasie als die Fluchtpläne, die Verfolgungsjagden, die Versteckspielchen im ersten Teil. Auch in der Legalität lauern überall Fallstricke und Missgunst. Nur haben die Strippenzieher jetzt andere Möglichkeiten der Machtausübung. Die Parallelen zu „damals“ sind für den Autoren Zingler sichtbar, und sie machen ihm nicht weniger Angst als „damals“ entdeckt zu werden. Durchbeißen heißt es ein weiteres Mal. Dieses Mal aber mit sauberen Mitteln, doch nicht minder gewitzt.

Zwei Jahre mussten Leser warten, um endlich Peter Zinglers Weg zum vorläufigen Ende verfolgen zu können. Diese Verfolger sind die ersten, die Peter Zingler keine Angst machen.

Für Christus und Venedig

Nur Wenige können eine echte Berühmtheit in ihrer Ahnenreihe vorweisen. Vielleicht mal ein Maler, der in einer Künstlerkolonie wirkte. Vielleicht ein Backgroundsänger bei einem echten (!) Superstar. Aber einer, der Geschichte schrieb, wird nur selten in Pausenerzählungen genannt. Sibyl von der Schulenburg kann da schon mit etwas mehr aufwarten. Feldmarschall Graf Johann Matthias von der Schulenburg – der Name macht schon was her. Auf der Insel Korfu im Ionischen Meer vor der Küste zwischen Albanien und Griechenland erlebte einen heißen Sommer 1716. Es war August. Wer Korfu schon einmal zu dieser Jahreszeit erlebt hat, kennt die klimatischen Gegebenheiten. Und zu dieser Zeit sollte sich das Schicksal des Eilandes entscheiden. Wird es weiterhin zum Abendland gehören? Oder werden die Horden aus dem Osten Korfu zu einer Insel ihres Reiches machen können?

Venedig ist damals das schützende Schild der Insel. Europa hat sich eingerichtet. Hier und da flackern Konflikte auf, doch hier im beschaulichen Mittelmeer sind die Wogen noch weitesgehend glatt. Das Osmanische Reich jedoch streckt seine Fühler gen Westen aus. Doch die Fühler verwandeln sich in nach allem greifenden Tentakeln. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, dass das Osmanische Reich dem Sonnenuntergang entgegenreitet und dem Westen östliche Manieren beibringen will.

Schnelles Handeln ist gefordert. Seit einiger Zeit steht Graf Johann Matthias von der Schulenburg in Diensten des Dogen von Venedig. Dem „gehört“ auch Korfu. So kurz vor dem europäischen Festland, dort, wo heute Albanien und Griechenland eine gemeinsame Grenze haben, ist es von nicht unerheblicher strategischer Bedeutung. Fällt Korfu, fallen die Türken von einer weiteren Seite in Europa ein. Europas Streitmächte ziehen von dann, um den Eroberungsplänen Einhalt zu gebieten. Doch so schnell wie man möchte, kommt man einfach nicht voran. Und immer mehr kristallisiert sich Korfu als Dreh- und Angelpunkt einer möglichen Wende im Kampf der Systeme heraus. Korfu darf nicht fallen! Aufopferungsvoll wirft sich der Graf in die Schlacht.

Sibyl von der Schulenburg hat uneingeschränkten Zugang zu den Archiven ihrer Familie und nutzt diesen Vorteil, um Geschichte für Geschichte aus der Geschichte auszugraben, zu analysieren und in diesem historischen Roman ihrem berühmten Vorfahren ein Denkmal zu setzen. Sie setzt ihm keinen Glorienschein auf. Wohl aber inszeniert sie ihren Urururur … großvater als wahren Helden, der diese Auszeichnung nur zu gern in Empfang genommen hätte. Als Leser, als Korfu-Besucher – übrigens hat die zweitgrößte Ionische Insel eine weitere adelige Persönlichkeit von Weltrang hervorgebracht: His Royal Highness Prinz Philip, Duke of Edinburgh, dem Gemahl der Queen – ist man dankbar für den liebevoll geschrieben und tiefgehend recherchierten Roman, den man als Strandlektüre genauso verschlingen wird wie als Wanderroutenbuch für Ausflüge über die Insel. Die Hitze im August ist übrigens immer noch die gleiche…

Der Riss

Ein Buch über einen Konflikt zwischen zerstrittenen Parteien im Krieg braucht eigentlich nur zwei Zutaten: Partei A und Partei B. Der sich daraus erschließende Zwist ist oft bekannt und das Buch bietet nur selten etwas Erhellendes. „Der Riss“ von Paolo Eimilio Petrillo – der Name lässt es erahnen, von welcher Seite das Problem/der Konflikt betrachtet wird – nimmt sich eines weiteren Themas an. Eines Themas, das man so nicht vermutet hat und dass auch sonst kaum Beachtung findet.

Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Europa wird vom Mantel des Schreckens verhüllt. Menschenmassen werden ermordet. Und die Allianz zwischen dem Führer und dem Duce steht fest wie ein Fels in der Brandung. Ein Band, das auch die Alliierten nur schwer zerschneiden können. Doch dann kam der 8. September 1943. Italien löst die Verbindung zum Deutschen Reich. Wie kam es dazu? Und vor allem, welche Spuren hat die Vertragsauflösung hinterlassen?

Fünf Jahre hat Paolo Emilio Petrillo für die Recherchen zu diesem Buch aufgewendet. Fünf Jahre, die ihm viel Neues zeigten und nun als Buch auch auf Deutsch zu neuen Erkenntnissen führen werden. Die Komplexität des Buches erlaubt es nicht auf einzelne Begebenheiten in einer Buchbesprechung einzugehen. Irgendwas würde immer fehlen – und somit den ersten Eindruck verfälschen.

Dieses besagte Datum war ein Einschnitt im Verhältnis Deutschlands zu Italien. Und umgekehrt natürlich auch. Aber war es auch ein Bruch für die Italiener und Deutschen? Oder doch nur für das, was als Italien und Deutschland bezeichnet wird? Fakt ist, dass schon kurze Zeit später dieses Mal in friedlicher Absicht die Deutschen zurückkamen – als Besucher. Als Sonnenanbeter. Und die Italiener? Begrüßten sie mit offenen Armen. Doch kein Riss, der nicht zu kitten ist? Ein eindeutiges Ja!

Der Journalist und Deutschland-Korrespondent Petrillo nimmt sich die Verflechtungen der Jahre 1915 bis 1943 vor. Nicht einmal dreißig Jahre, die aber für Europa, für die Welt eine wegweisende Zeit war. Zwei Weltkriege ließen selbige aus den Fugen geraten, führten Veränderungen in ungeahntem Ausmaß in einer sehr kurzen Zeit herbei. Derartige Umwälzungen kannte man nicht. Und man (in Deutschland sowieso, im Rest der Welt mit unterschiedlichem Ergebnis) gewöhnte sich nur schwer daran.

Mit akribischer Recherche und nicht nachlassender Energie befragt Petrillo Historiker, Politiker und Diplomaten wie sie – mit einigem (zeitlichen) Abstand – sie den 8. September 1943 bewerten. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches Abbild der Geschichte zweier Länder, die noch geographisch so nah, gefühlt aber weit auseinander liegen. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges muss nicht neugeschrieben werden. Viel Neues wird es nie mehr geben. Doch Paolo Emilio Petrillo ist es zu verdanken, dass ein bislang unterbewertetes Kapitel in den Fokus gerückt wird.

Kapstadt und Garden Route

Welche Worte verursachen zu 99 Prozent hundertprozentig Fernweh? Süden und Afrika. Ach, wie glücklich müssen die Touristiker aus Südafrika sein?! Und wer es geschafft hat eine Reise nach Südafrika, Kapstadt entlang der Garden Route zu buchen, ist dem Paradies so nah wie nie zuvor. Doch eine Sache fehlt noch? Der richtige Plan, um diese Reise nicht vor der Himmelspforte zu beenden, sondern durch sie hindurch zu schreiten und auf ewig davon in Erinnerungen zu schwelgen.

Einmalige Erfahrungen sammeln, entlegene Aussichtspunkt für immer im Kopf verankern, geheimnisvolle Plätze erkunden. Doch wo suchen? Auf einer millionenfach besuchten Internetseite? Gefangen im Stechschritt-Tempo einer organisierten Reisegruppe? „Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie den Atlantik. Und rechts der Indische Ozean. Und hinter uns – das ist ein Elefant, ein typisches Tier für dieses Land.“ Na toll, und dafür soll man nun Monate, wenn nicht sogar Jahre gespart haben?

Für alle, die sich entschieden haben das großartige Südafrika auf eigen Faust zu bereisen, gibt es nur eine Alternative zum von A bis Z durchorganisierten Gruppenerlebnis: Dieses Reisebuch. Über fünfhundert Seiten, gespickt mit Tipps für alle, die Freiheit nicht nur vom Stammtisch kennen, sondern sie riechen, schmecken, fühlen wollen.

Marita Bromberg und Dirk Kruse-Etzbach kennen die Sehnsucht nach dem Süden und nach Afrika. Es hat sie schon vor Jahren gepackt. Und seit den ersten Besuchen hat es nicht nachgelassen. Mittlerweile ist die elfte Auflage dieses Reisebuches erschienen. Noch immer finden sie Tipps für all diejenigen, denen es genauso gehen wird. Fast scheint es so als ob sie ihre eigenen Nachfolger als Autoren mit ihrem Buch, ihren Büchern, heranzüchten. Denn in ihren Ausführungen sind sie so detailliert, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst als Südafrika-Experten mit dem Spezialgebiet Kapstadt und Garden Route zu bezeichnen.

Wem die Garden Route auf Anhieb nicht so viel sagt, dem sei ein Blick in die beiliegende Karte ans Herz gelegt. Denn dieser Weg führt von Kapstadt im Westen nach Port Elizabeth im Osten des Landes. Vorbei an Weinanbaugebieten, Orten, die so vertraut klingen (Heidelberg), Botanischen Gärten (wie dem der Stellenbosch University), die diesem Namen alle Ehre machen … und zwischendurch geben die Infokästen immer wieder Einblicke in Geschichte, lockern Anekdoten den Lesefluss und weisen exakte Karten den richtigen Weg. Wie immer in den Büchern des Iwanowski-Verlages: Farbig abgesetzte Abschnitte wie „Was kostet das Reisen in Südafrika?“, die die Urlaubsplanung nicht nur erleichtern, sondern fast schon wie ein Kinderspiel erscheinen lassen. Dieses Buch als unverzichtbar zu bezeichnen, würde nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Jeder, der eine solche Reise bucht, sollte per Gesetz dazu verpflichtet werden, dieses Buch zu lesen.

Cazzaria

„So ein Ferkel“, sagt man, wenn jemand ungehörig über die schönste Sache der Welt spricht. Schon mal einem „echten Männergespräch“ zum Thema Fortpflanzung bzw. dem Lösung von Übungsaufgaben zu diesem Thema zugehört? Und? Hat’s gefallen? Ja? Dann ist dieses Buch nichts, es sei denn man will sich bessern.

Siena in der Toskana in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In geheimen Zirkeln trifft man sich und tauscht sich aus. Über Sprache, Kunst, Philosophie und auch über das Zwischenmenschliche allzu Natürliche. Über Sex! Auch in der Zeit der Renaissance waren solche Schriften nicht gern gesehen. Eigentlich hat sich bis heute kaum etwas daran geändert. Auch heute noch wird Sex nicht gerade als gesellschaftfähig angesehen. Und doch macht’s jeder!

Wie auch immer – Antonio Vignali schlüpft in die Rolle des Arsiccio. Er hält seinem Schüler Sodo (!) einen Vortrag über den Umgang der primären Geschlechtsorgane, woher sie kommen und was man mit ihnen anstellt. Doch Sodo ist nicht blöd. Er kennt sich aus!

Die Theorie, dass Frauen eher schlichte Gemüter bevorzugen, erregt bei beiden sofort den Drang nach … nein, nach Diskussion. Jetzt muss man aufpassen wie man es formuliert. Mmmmh. Während der Eine meint, dass zu viel wissen durchaus einem befriedigenden Ergebnis zuträglich ist, behauptet der Andere, dass das Wissen um die Anatomie der Frau selbigen mehr Erfüllung bereiten würde. Kurze Unterbrechung: Wie würde das wohl am Stammtisch klingen? Bestimmt nicht: Wer kein Latein kann, versteht nichts von Sex.

Band Zwei der Schlaflosreihe die zum – Achtung Wortspiel – Liderknien ist, besticht durch die intellektuelle Ausarbeitung eines an sich profanen Themas. Der Argumentaustausch zwischen Lehrer und Schüler als Stilmittel verblüfft auf ganzer Linie. Schroffe Worte wird man eher vom Adlatus erwarten als vom spiritus rector. Doch Arsiccio provoziert bewusst durch die Wahl der derben Sprache. Sodo ist verwirrt. Und ein ums andere Mal verschlägt es ihm fast die Sprache. Dem Leser ebenso.

„Cazzaria“ ist schwer zu übersetzen, am besten trifft es wohl „Die Schwanzerei“, womit wohl alles über das Buch gesagt sein dürfte. Nicht ganz.

Egal, ob nun Männlein und Weiblein, Weiblein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Männlein und Männlein – dieses Buch im Dialog zu lesen, ist eine Offenbarung. Zuerst kichert man an der einen oder anderen Stelle. Doch je mehr man sich ins Buch vertieft, desto größer der Genuss. Aber wie im richtigen Leben kann man dieses Büchlein auch ganz allein, bei Kerzenlicht, bevor die Lider sich schließen vor sich hinlesen…

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.