Ich bin eine befreite Frau

Fast scheint es, als ob es ein Vorrecht der Frauen ist, frei zu sein. Zumindest, wenn man Annette Seemanns Biographie über Peggy Guggenheim liest. Sie hatte ja auch genug Geld, um sich zu befreien, spötteln ihre Kritiker. Da muss wohl einiges zurechtgerückt werden…

Ja, es ist richtig, Peggy Guggenheim kam 1898 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt. Doch bis zu ihrem 21. Lebensjahr konnte sie nicht frei über ihr Vermögen bestimmen. Außerdem war sie ein Mädchen und nur die Jungens, ihre Brüder durften mit dem redlich erarbeiteten Geld arbeiten und es vermehren. Peggy war die dritte Generation der Liaison aus Franken und der Schweiz.

Schon früh setzte sich ihr Trotzköpfchen durch. Der gerade Weg war nie ihr Ding. Links und rechts ist es eh viel bunter und interessanter. Wenige Jobs füllten sie aus. Männer und Frauen weckten da schon eher ihr Interesse. Ohne luderhaft zu wirken, gab sie sich dem Bohemian-Life-Style – wie man es heute vielleicht nennen würde – hin. Paris war ihr Gravitationsfeld. Energisch sog sie das Künstlerleben in der Seine-Metropole auf. Der Surrealist Marcel Duchamp wurde ihr (nicht immer, letztendlich aber doch) treuer Weggefährte, der ihr den Unterscheid zwischen Kunst und Ramsch und Surrealismus und Abstraktion erklärte. Jean Cocteau gehörte genauso zu ihrem erlesenen Freundeskreis wie später der Schriftsteller Samuel Beckett und der Fotograf May Ray.

Peggy Guggenheim liebte es zu leben. Doch immer wieder rannte sie sehenden Auges ins Unglück. Ehen zerbrachen an Eifersüchteleien und Gewalt. Ihr eigener Lebensplan stand mehr als einmal auf der Kippe. Ihr Freundeskreis war – oft in wechselnder Besetzung – immer für sie da. Genauso wie sie immer für diejenigen da war, denen sie zu Dank verpflichtet war. Ihrer Lehrerin in Teenagertagen überweis sie bis ans Lebensende eine monatliche Rente – die Dame wurde über 90 Jahre alt.

Venedig sollte nach den Grauen des Weltkrieges ihr neues Paradies werden. Die Liebe zur Kunst und zu Künstlern – der Expressionist Max Ernst war ihr zweiter Ehemann, nachdem aus Paris vor den Nazis flüchten mussten – sowie ihr unbändiger Durst nach Rebellion machten sie zu einer angesehenen und vor allem einflussreichen Kunstmäzenin. In ihrer Familie war es seit jeher Gang und Gäbe Künstlern eine Präsentationsfläche zu bieten. Natürlich nicht ohne finanzielle Hintergedanken. Peggy wurde mit ihrer Galerie oft belächelt und sogar beschimpft. Von familiärer Seite! Schlussendlich war sie es aber, die beispielsweise Jackson Pollock den Weg ebnen konnte zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu reifen.

Ihrer Wahlheimat, und es war eine zweite Heimat für sie, Venedig blieb sie treu. Dort ist sie auch begraben, ihr Museum ist eines der meist besuchten Museen der Stadt. New York rühmt sich ebenso mit dem gleichnamigen Museum und Bilbaos Aufstieg zum Touristenmagneten ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden.

Peggy Guggenheim war sicherlich ein streitbarer Mensch. Wen sie nicht mochte, bekam das auch zu spüren. Doch über die Jahrzehnte hinweg versprüht ihr Name noch immer den Hauch von Eigensinn, gepaart mit Durchsetzungskraft und dem Willen zur Erneuerung. Das ist Freiheit, die sie meinte, und die sie sich erkämpfte.

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.

Expeditionen ins dunkelste Wien

Wien von unten! Eine Rundreise durch das Wien, das keiner kennt. Und die, die es kennen, wollen es am liebsten vergessen. Max Winter galt als Pionier der Sozialreportage. Doch seine Recherchen führte er nicht mit gespitztem Bleistift und Notizblock durch. Er warf sich in Schale, um unter denen, die das dunkle Wien kannten und prägten, nicht aufzufallen.

Tarnung nennt man das. Und so steigt er in die Kanäle der Stadt hinab, nicht um „mal was anderes zu sehen“ (und dann daraus eine Reisereportage zu machen), sondern um denen, deren Tagesgeschäft dieser (Hin-)Abgang ist, über die Schulter zu schauen, mit ihnen auf Nahrungsjagd zu gehen, ihrem Broterwerb nahe zu sein.

Wien ist oben, unterm Himmel, eine Stadt voller Impressionen. Herrschaftliche Häuser und Paläste, elegante Boulevards, gediegene Kaffeehauskultur. Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Reportagenauswahl in diesem Buch, Max Winter hat weit über tausend in seiner Karriere geschrieben, ist ein Querschnitt seiner Arbeit. Und zudem eine Sozialkritik an den Zuständen ganz unten. Was Günter Walraff für das Nachkriegsdeutschland ist, war Max Winter für die österreichische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Für Max Winter waren Reportagen nicht nur Abbildungen der Wirklichkeit. Die kann man auch am Schreibtisch kreieren. Er ging voran, hinab, meist in Verkleidung. Die Ursachen des Lebens am unteren, äußeren Rand mussten erforscht, interpretiert und veröffentlicht werden. Als Chefredakteur einer Arbeiterzeitung sah er es als seine Pflicht an, denen eine Stimme zu geben, deren Hilferufe im Ansatz erstickt wurden.

Aus heutiger Sicht lesen sich die einzelnen Schicksale wie gerade erst geschrieben, obwohl sie ein Jahrhundert, zumindest aber fast so alt sind. Die Vehemenz der Worte, die unverstellte Sprache, der Wiener Dialekt, die schonungslose Offenheit, die unverblümte Wahrheit schockt den Leser. Von Seite zu Seite wünscht man sich die Helden in eine bessere Zeit versetzt. Man wünscht ihnen ein happy end. Doch alles ist echt. Nichts wurde hinzugedichtet. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht mehr als die Reflektion des Sonnenlichts durch die Öffnungen der Kanaldeckel.

Max Winter starb 1937 verarmt, verlassen und gekränkt in Amerika. Er floh vor den drohenden Konsequenzen, die ihm seine Texte bescheren würden. Zuvor war er Abgeordneter in Wien, sogar Vizebürgermeister.

Kurz nach dem Krieg wurde ein Platz nach ihm benannt, im zweiten Bezirk, Leopoldstadt. Gleich neben einem Park, der seinen Namen trägt. Eine Volksschule ist in unmittelbarer Nähe sowie Hotels. Eine Gegend, die Max Winter gefallen hätte.

Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Als 2016 Prince aus der aktiven Musikwelt schied, überschlugen sich die Schreiber mit Superlativen. Er war so ungemein produktiv wie kaum einer zuvor. Vielleicht noch mit Mozart zu vergleichen, dem man so manches Werl abspenstig machen könnte, da es unmöglich erscheint in so kurzer Zeit so viele Werke (von Weltruhm) zu produzieren. Wie immer im Überschwang der Gefühle, vergisst man dabei leicht den einen oder anderen „Großproduzenten“.

Gioacchino Rossini wurde 1792 in Pesaro geboren. Im Nachbarland Frankreich standen die Fallbeile nicht still, in Italien dümpelte man vor sich hin, salopp betrachtet. Noch keine dreißig Jahre alt hatte Rossini schon den Ruf eines Wunderkindes weg. Gesegnet mit einer glockenklaren Stimme war er früh ein kleiner Star – was ihn mit Prince durchaus vergleichen lässt. Was den frühen Ruhm betrifft. Mailand und Neapel stritten sich um das Engagement Rossinis. Stilistisch war die Oper stehengeblieben. Erst die Leidenschaft Rossinis für die buffa, die komische Oper, brachte neuen Schwung ins Kulturleben. Und Rossini war ihre Triebfeder.

Bei all der Produktivität und Kreativität müsste Rossini eigentlich ein langweiliges Leben geführt haben. Meint man. Doch weit gefehlt! Eine sein Leben lang anhaltende Harnweginfektion sind erste Anzeichen für sein ausschweifendes Leben. Die Frauen waren ihm zugetan, er ihnen nicht abgeneigt.

Während Europa sich im Wandel nachhaltig verändert, sucht Rossini den Erflog auf der Bühne. Berühmt die Anekdote von der Katze während der Premiere von „Der Barbier von Sevilla“, die das Premierenpublikum zu Lachanfällen inspirierte. Wäre er nicht direkt davon betroffen gewesen, hätte er die Geschichte schrecklich amüsant gefunden. Denn Rossini galt als Liebhaber solcher Geschichten, die er gern zum Besten gab.

Die fetten Jahren gingen schnell vorüber, Autor Joachim Campe nennt sie auch die hellen Jahre. In Paris feierte er Triumphe, dirigierte in Madrid, wo er mit tosendem Beifall bedacht wurde, Doch zurück in Mailand war all der Ruhm wie hinweg geblasen. Neid, Missgunst und Unzuverlässigkeiten vergällten ihm den Alltag. Sein Stern begann zu sinken.

Ein wenig Fachwissen tut dem Leser gut, bevor er sich diesem Buch widmet. Eine Oper sich anzusehen, ist das Eine. Sie einzuordnen, Besonderheiten zu erkennen das Andere. Joachim Campe versteht es sein Fachwissen einem breiten Publikum nahezubringen ohne dabei die Hörer / Seher außeracht zu lassen. Rossinis Leben war spannend, zum Ende hin fast schon tragödienhaft. Geblieben sind fulminante Ouvertüren und eine riesige Anzahl an Werken, die bis heute begeistern. Rossinis Leben hingegen ist weitgehend unbekannt. Joachim Campe schiebt dem nun einen über 200 Seiten starken Riegel vor.

Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Was für ein Name: Zimmertür! Ein Doktor noch dazu. Genauer gesagt Psychoanalytiker. Aus dem Staunen wird verhaltener Respekt. Aus dem anfänglichen Amüsement Neugier. Wer sich mit dem Gedanken trägt ein kriminelle Laufbahn einzuschlagen, oder es im schlimmsten Fall schon getan hat, sollte nun die Beine in die Hand nehmen. Denn Dr. Zimmertür ist der Feind aller Übeltäter. Auch wenn sie noch so gewitzt sind. Oder gerade, wenn sie meinen dem gemeinen Ermittlervolk mit Tricks und Kniffen entkommen zu können.

Dr. Zimmertür, leicht dicklich, fahle Gesichtsfarbe, eingeschlafene Augen betreibt in Amsterdam ein ganz gut funktionierende Praxis. Zu hm kommt, wer es einfach nicht mehr aushält in und mit der Welt. Meist schon vor Betreten des Behandlungsraumes weiß der belesene Arzt, wo der Schuh drückt. Beängstigend, oder?!

Entspannung findet er in der Bodega von Beeldemaker. Er ist ein Genussmensch und wenn Kommissar Groot ihm Gesellschaft leistet, wird es oft spät. Denn Zimmertür ist – ob nun gewollt oder nicht, das lässt sich nicht endgültig klären – ein gewiefter Fallstrickentwirrer, ein Ermittler mit besonderen Methoden. Ovid und Baudelaire sind ihm genauso nah wie die Schriften Freuds.

Und so kommt es, dass ihm Kriminalfälle einfach so in den Schoß fallen. Er kann einfach nicht anders als sie zu lösen. Ein einfaches Beisammensein. Alle amüsieren sich, Zimmertür ist mehr eine Zufallsbekanntschaft als eingeladener Gast. Mehr Seltsamkeit als zugehöriges Mitglied der Gruppe. Beim Golfen entdeckt die Gruppe einen kleinen Schatz. Groß das Erstaunen über den Zufallsfund. Doch der seltsame Mann mit der ungesunden Gesichtsfarbe entpuppt sich als Spielverderber. Denn Kommissar Zufall hat mit dem Fund rein gar nichts zu tun.

Nur eine Geschichte der Diagnosen des Dr. Zimmertür. Verunsicherte Antiquitätenhändler, Justizminister in der Bredouille, Verleger in brandgefährlichen Situationen – alle kommen mit dem Gesetz in irgendeiner Art in Berührung. Nicht immer freiwillig.

Frank Hellers Doc ist bei Weitem kein gewöhnlicher Arzt und schon gar nicht ein „normaler“ Ermittler. Er war die erste skandinavische Spürnase, die international übersetzt und verlegt wurde. Eine echte Wiederentdeckung für alle Kriminalfans, denen ewig grübelnde Eigenbrödler die Lust auf neue Seiten verderben. Dr. Zimmertür ist gelassen wegen seines Erfolges. Er tut nur seinen Job. Eine Wohltat für alle Leser, denen die Literatur ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern vermag.

La Fidanzata

Ein Name wie Donnerhall schallt durch die Arenen der Welt: Juve kommt! Fans wie Spieler freuen sich bis heute, wenn die nationale Denkmal des italienischen Fußballs zu einer anderthalbstündigen Stippvisite vorbeikommt. Meist krallen sich die Spieler auf dem Platz gleich die Willkommensgeschenke mit gierigen Pranken und entführen regelmäßig drei Punkte von fremden Plätzen. Auf dem Platz standen und stehen Ikonen den Weltfußballs: Dino Zoff, Zlatan Ibrahimovic und Gianluigi Buffon und andere spielen mit Grandezza, während der Gegner noch darüber grübelt, ob die schwarz-weiß gestreiften Trikots nur Tarnung sind oder echten Gefängnisinsassen gehören.

Juventus Turin wird gern die alte Dame genannt. Echte Fans nennen sie La Fidanzata, die Verlobte. Zahlenjongleure sehen in Juventus Turin den trophäensammelnden Verein aus dem Norden, der unbarmherzig Spiele für sich entscheidet.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde dieser Unbarmherzigkeit (und dem Titelsammeln) der Riegel vorgeschoben. Und das nicht nur sprichwörtlich. 2005 wurde Juventus zum zigsten Mal italienischer Meister. Diese Meisterschaft war etwas ganz besonderes. Es wäre die achtundzwanzigste Scudetto gewesen. Doch der Titel musste noch ein paar Jahre warten. Denn aus Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft ging eindeutig hervor, dass Spiele manipuliert wurden und somit die Meisterschaft erkauft wurde. Im Jahr darauf wurde Juve wieder Meister, doch die beiden letzten Meistertitel wanderten unversehens in den Abfallkorb der Geschichte und La Fidanzata in die Serie B. Mit dem Handicap von 30 Punkten Minus. Daraus wurden später 17 Punkte, doch der Gang in die Zweitklassigkeit blieb unangetastet – anders als bei weiteren in diesen Skandal verwickelten Vereinen wie AC Milan, AC Florenz und Lazio Rom. Ein Jahr im Keller, auferstanden wie Phönix aus der Asche. Ein Jahr später war man wieder oben auf und zu Beginn des zweiten Jahrzehnts stärker denn je. Sechs Meisterschaften in Folge gaben wieder Anlass zu Kopfschmerzen bei den Fans der gegnerischen Vereine.

La Fidanzata ist die Spalttablette im Calcio auf dem Stiefel. Wie das Trikot der Spieler gibt es nur Schwarz oder Weiß, Liebe oder Hass. Einfach, ernsthaft, zurückhaltend ist das Spielsystem von Juve von jeher gewesen. Schon früh waren ausländische Spieler und Trainer die Säulen des Erfolges eines vereins, der von Gymnasiasten gegründet wurde und seit fast einhundert Jahren in den Händen einer Familie liegt: Agnelli. Die Nachfahren des Fiat-Gründers schafften es dem Kaufwahn der Ölmilliardäre zu widersteh und Juve bis heute von fremdem Geld unabhängig zu machen.

Birgit Schönau ist für die ZEIT und die Süddeutsche in Italien tätig. Sie schafft mit inbrunstiger Wortgewalt dem Mythos Juventus den würdigen Blätterrahmen zu verleihen. Wie in einem Almanach folgen die Augen den Worten wie einer galant geschlagenen Flanke. Wie den Elfmeterschuss erwartende kann man es kaum erwarten bis man die nächste Seit aufschlagen kann. Und schlussendlich der Volltreffer, wenn man die zweihundert Seiten vollendet hat. Spieler, Namen, Anekdoten sind nun vertraut die Tante Trude um die Ecke, die Faszination ist weiterhin ungebrochen, wenn nicht sogar noch verstärkt worden. Keine Lobeshymne, jedoch ein Buch, das Spaß macht gelesen zu werden – egal, ob man nun Fan ist oder nicht.

Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Seit dem Frühjahr 1996 lässt sich Johann Scheerer noch unlieber aufwecken als zu vor. Denn an einem Märztag überraschte ihn seine Mutter, dass sein Vater entführt worden sei. Zwanzig Millionen Mark wollten sie haben, die Polizei nach Möglichkeit außen vor lassen. Jan Philipp Reemtsma war kein normales Entführungsopfer. Ihm gehörte ein Tabakimperium, dass er geerbt hatte. Das wussten die Entführer, und deswegen hatten sie sich ihn ausgesucht. Seine Anteile hatte er aber schon Jahre zuvor verkauft und war als Publizist tätig, der in der Kunstwelt einen klangvollen Namen hat.

Ein bisschen Wild-West-Romantik könnte man meinen, wenn man hört, dass ein Angehöriger über den Entführungsfall nun, nach zweiundzwanzig Jahren, ein Buch veröffentlicht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Fast schon nüchtern distanziert kramt Johann Scheerer in seinem Gedächtnis die Tage im Frühjahr 1996 heraus. Gerade mal dreizehn Jahre war er als zum ersten Mal seine heile Welt Risse bekam. Risse, die bis heute unterschiedlich intensiv sichtbar sind.

Einen Tag zuvor paukte Johann noch für eine Latein-Klausur. Zusammen mit dem ungeduldigen Vater, der nur allzu oft seine Nase in Bücher steckte, und der auch nicht gerade vor Latein-Grammatik-Wissen strotzte. Jetzt ist alles anders. Die Polizei ist im Haus. Mehrfach, vielfach, rund um die Uhr. Inklusive der Familienbetreuer für die Angehörigen.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“, ein schnöder Spruch, der die hanseatische Gelassenheit widerspiegelt, die jedoch tief im Inneren von Angst, Ungewissheit und Furcht zersetzt wird. An Schule und die Latein-Klausur ist derzeit nicht zu denken. Die Entführer melden sich. Klar und konzentriert. Amateure sind das keineswegs.

Immer wieder scheitern Geldübergaben. Freunde und Familie sind für die Angehörigen da. Nur ein paar Dutzend Stunden soll alles dauern – es werden fast fünf Wochen. Wochen, in denen Jan Philipp Reemtsma in einem Keller angekettet sind und sein Bewegungsradius der eines Zollstocks ist. Für die Familie ist es ein Segen, dass sie das Geld mehr oder weniger schnell auftreiben kann. Hoffnung keimt auf. Doch die Entführer sind vorsichtig, extrem auf der Hut. Lauert auch nur ein Funken Gefahr, brechen sie die Übergabe ab. So scheitern mehrmals Übergabe. Der Funke Hoffnung scheint gar bald zu ersticken. Und Johann. Keine Schule. Besuch bei Verwandten. Fingerübungen auf der Gitarre. Chips. Gedanken über sein Verhältnis zum Vater, den er beim Vornamen nennt. Und Briefe des Vaters an die Familie. So viel lassen die Entführer zu. In dreiundreißig Tagen wird er vom Sohn zum Angehörigen.

Die Geschichte ist echt. Nichts erfunden, nicht hinzugedichtet. Sieben Menschen waren unmittelbar an der Entführung beteiligt. Vater, Mutter, Sohn sowie die vier Entführer. Hintermänner, Freunde und weitere Angehörige nicht mit eingerechnet. Johann Scheerer klagt nicht an. Weder die Entführer, noch die Polizei, die nicht immer richtig gehandelt hat (was heißt schon richtig in einer derartigen Situation?). Er lässt mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten das Geschehene noch einmal Revue passieren. Er ist reifer geworden, hat Familie. Der Schnellschuss ist nicht sein Ding. Analysiert und reflektiert holt der die Vergangenheit zurück, ohne dabei gekünstelt die Schleusen ins Tränental aufzudrehen. Gelungener Rückblick auf ein Stück deutscher Geschichte, auf das so viele mit Freuden gern verzichten können.

Marrakesch

Schon mal einem Besessenen gegenüber gesessen? Keine Angst, dieser hier beißt nicht. Er pflanzt nur eine Sehnsucht in Ihre Gedanken. Und das ist ausschließlich positiv gemeint. Jalid Sehouli, wobei das J in Jalid wie ein CH gesprochen wird – warum wird im Anhang so wunderbar erklärt – ist in Berlin geboren, hat durch seine Eltern die marokkanischen Wurzeln nie verleugnet.

Und jetzt lässt er sie sprießen. Marrakesch trägt die Sehnsucht irgendwie schon im Namen. Ein mystischer Ort? Nicht unbedingt. Ein sagenumwobener Ort? Schon eher, aber das trifft es auch nicht exakt. Ein bunter Ort? Oh ja! Und wie!

Djemaa el Fna ist der zentrale Platz in der roten Stadt, wie Marrakesch auch genannt wird. Der Platz der Gehängten, was nicht ganz korrekt übersetzt ist, denn eigentlich ist es der Ort der Rechtsprechung oder die Versammlung der Toten. Lässt man alle Vorurteile mal beiseite, kommt man der wahren Bedeutung schon auf die Spur. Oder man fährt selbst nach Marrakesch, was der einzige Ausweg ist, dieses Buch vollends zu verstehen.

Die zahlreichen Geschichten, die Jalid Sehouli, heute Ordinarius der Charité in Berlin, sind ein Füllhorn an Emotionen, Träumen und Sehnsüchten, die in ihrer Buntheit, Unterschiedlichkeit und Bandbreite so eindrucksvoll von der tausendjährigen Stadt erzählt werden. Ihnen entkommt man nicht!

Wie ein roter Faden – da ist es wieder das Rot Marrakeschs – zieht sich auch die Sehnsucht nach Pastilla. Dem Leibgericht des Autors. Wie man es zubereitet, das ist die Belohnung für seitenlanges Lesen und Gedulden. Denn am Ende des Buches lüftet er ein paar Zubereitungsgeheimnisse dieses Gerichtes. Viele waren selbst ihm zuvor noch nicht bekannt. Doch wie „im richtigen Leben“ beginnt eine Reise schon mit dem Gedanken an selbige.

Jalid Sehouli zu folgen ist eine wortgewaltige Freude. Jeder Absatz kündet von einem Abenteuer, das man gern mit dem Autor zusammen erleben möchte. Er ist kein Reiseführer, er ist ein ReiseVERführer. Man stelle sich vor, dass man wie zuvor schon beispielsweise Truman Capote, die rote Stadt besucht. Man atmet den Duft der Gewürze ein, stöhnt über die bis tief in die Abendstunden hinein wirkende Hitze, folgt den Staubwolken des Alltags und hat dieses Buch zur Hand. Eine Befriedung der schlechten Gedanken, eine Bestätigung dessen, was vor Reiseantritt alles getan wurde. Marrakesch ohne Jalid Sehoulis Buch, ist wie ein Schnitzel im Dschungel. Möglich, aber unvorstellbar.