Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

We are anders

Ein Buch zum Brexit, das nach ein paar Tagen schon überaltet ist? Das nennt man verlegerischen Mut! Doch es kam anders, könnte man jetzt großspurig behaupten. Der Brexit zum Ende März ist hinfällig. Auch der, der dann im Mai 2019 folgen sollte. Großbritannien nimmt doch an der Europawahl Ende Mai teil. Vielleicht ist das Buch ja im September nicht mehr aktuell. Oder später, oder verliert es niemals seine Aktualität? Wohl eher letzteres. Denn es geht nicht vordergründlich um den Brexit. Es geht um die, die der Brexit am tiefsten treffen könnte, nein, wird. Die Engländer, die Briten. Und ja, sie sind anders. Zum Glück! So wie Portugiesen, Albaner und Finnen auch anders sind. Und auch genauso wie die Zeitschrift Titanic anders ist als beispielsweise so manches Revolverblatt.

Ludger Fischer ist Teil des Establishments von Titanic. Er lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Brüssel und schreibt unermüdlich und streng satirisch über das, was neuerdings die Gemüter in Wallung bringt: Europas zuweilen echt witziger Bedienstetenapparat. Nun hat er GB im Visier.

Was wird hängenbleiben, wenn der Brexit vom Tisch ist. Wie auch immer das aussehen wird. Da wäre sicher an einer der vordersten Stellen John Bercow. Der Sprecher des Parlaments, des Unterhauses ruft effektvoll zur Ordnung (englisch „Order“, bei John Bercow „Ordeeer“), wenn sich die Abgeordneten wieder einmal wie kleine Kinder benehmen. Die Brexit-Debatten (wenn es denn tatsächlich welche wären, bisweilen ist es eher ein Gezanke und Gezerre) bieten ihm die Möglichkeit sich für weitere Aufgaben zu bewerben. Denn derartige Ordnungsrufe bleiben schon jetzt nicht unerhört.

„We are anders“ ist aber kein reines Brexit-Buch. Es ist ein Buch über die, die anders sind, es schon immer waren und es wohl auch immer belieben werden. Wie kann man das aber dem Rest der Welt (der ja auch anders ist als andere) am besten beibringen? Argument – Gegenargument? Oder in Zahlen. Ludger Fischer entscheidet sich für beides. Argument und Gegenargument unterfüttert mit Zahlen. Da wäre die Währung. Pence, Schilling, Pfund. Feet, Yard, Mile. Wer blickt da noch durch. Und dann kommen die Brüsselaner und wollen den althergebrachten Maßen das Dezimalsystem aufzwingen? Not amused ist man da auf der Insel.

Dieses Buch bringt die ganze – unsachliche und meist unnütze – Diskussion um Bleiben oder Gehen auf den Punkt. Die Briten sind anders. Das wissen sie auch, so wollen sie es haben. Aber deswegen gleich alles zu hinterfragen und auf den Kopf stellen zu wollen, kann nur Verlierer hervorbringen. Lediglich Satiriker wie Ludger Fischer finden das eine oder andere Goldkörnchen im verbalen Dreck der Krakelerei. Dem Leser soll’s recht sein. Wer nicht schon während des Lesens Lachanfälle erleidet, dem ist nicht zu helfen. Kein Hau-Drauf-Und-Hau-Ab-Buch, sondern genau hingeschaut und versiert niedergeschrieben.

Noch ein kleiner Ausblick Schrägstrich Wunsch an alle, die mit Worten die Bauchmuskeln strapazieren können. Man stelle sich vor, dass Schweden Bestandteil der EU wäre. Und dann wieder raus will. Analog zum einstigen Grexit und zum aktuellen Brexit, wäre das dann ein Sexit? Übrigens: Schweden hat die strengsten Gesetze gegen sexuelle Belästigung…

Held

Alles beginnt wie ein ganz normaler Einbruch. Der Täter trägt Handschuhe, um sich nicht zu verletzen und um natürlich keine Spuren zu hinterlassen. Scheiben klirren. Doch dann setzt ein Zweifeln beim Leser ein. Wieso hat er einen gefüllten Benzinkanister dabei? Der beißende Gestank verteilt sich großflächig in dem Hotel. Aha, ein Hotel muss also dran glauben! Das Haus steht in Flammen. Mittlerweile ist der Hintergrund der Tat offensichtlich: Hass! Hass auf alles, was anders ist als man es hier in Krakeloh kennt. Ausländer. Bloß nicht diese …

Niva hat seine Arbeit getan. Die Rauchsäule, die den Nachthimmel über dem kleinen Ort erhellt, ist sein Werk. Das Hotel, ein ehemaliges Gefängnis (welch bedeutungsvoller Vergleich!), in dem seine Eltern glücklicherweise doch noch eine Anstellung einmal fanden (bis die da kamen) und das der Familie ein Einkommen bescherte, ist nicht mehr. Vor Monaten kamen erste Gerüchte auf. Dass hier Flüchtlinge aufgenommen werden sollten. Dass das Hotel deswegen schließt. Mit Flüchtlingen lässt sich mehr Geld verdienen als mit den wenigen Gästen, die sich hier her verloren haben. Dass überhaupt mal wieder Gäste kommen, nach Krakeloh, in den Ort, in dem die Bewohner Flüchtlinge mit Feuer und Gewalt empfangen, ist wohl auszuschließen. Ja, der Weitblick von Niva ist durch den Hass mehr als vernebelt. Aber was soll man machen, wenn selbst die Mutter offen ausspricht, was der „normale Bürger“ nicht mal zu denken wagt. Weil es falsch ist, nicht, weil es sich nicht gehört, wohl gemerkt!

Die Clique des sechszehnjährigen Niva ist begeistert von dem Feuerchen. Einer kennt sogar den Täter, gratuliert. Während die Community in den sozialen Netzwerken dem anonymen Täter heftig applaudiert. Doch Niva hält die Füße still und den Mund geschlossen. Ein stiller Held ist nichts mehr wert, wenn er einsitzt. Selbst die Polizei kann ihm nichts nachweisen. Erst nach einer weiteren „Dummheit“.

Die Justiz sieht in einer drastischen Strafe – Gefängnis – nur wenig Erziehungsgehalt. Eine Auszeit, mit Arbeit, fernab des Milieus, auch geografisch scheint da die beste Lösung zu sein. Ab in den Süden, der Sonne hinterher … von wegen! Ab in den Süden, Hütten bauen. Hütten für die, die alles verloren haben, selbst, wenn sie so gut wie gar nichts hatten. Nicht einmal mehr eine Heimat. Für Niva, den Nazi, alle wissen um die besonderen Umstände unter denen der Teenager hier seinen Dienst verrichtet, beginnt eine Zeit des Umdenkens…

Harald Schwinger schreibt ganz unaufgeregt – der Leser wird trotzdem gehörig aufgerüttelt – den Werdegang eines alternativlosen Teenagers zu nachdenklichen jungen Mann. Das Buch wurde mit dem Jugendbuchpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Der deutsche Gil Blas

Gil Blas war eine Romanfigur, die zu Beginn des18. Jahrhunderts in vier Bänden die französische Gesellschaft aufs Korn nahm. Gil Blas entsprang der Phantasie von Alain-René Lesage. Dieser Gil Blas, der deutsche Gil Blas hieß Johann Christoph Sachse, kam aus Thüringen und war echt. Ihn gab es wirklich. Er dient bei Goethe in der Anna Amalia Bibliothek. Bis er jedoch die wohl gerühmte und sicherlich gut bezahlte Stelle antreten konnte, war sein Weg von Kehrungen und Wendungen, von Biegungen und allerlei Widrigkeiten geprägt.

Das begann schon in der Kindheit. Immer wieder war der Vater fort, weil er an angestammtem Ort, in der Nähe von Gotha, keine Arbeit fand, um die Familie ernähren zu können. Gerade zweistellig an Alter, musste der junge Sachse bereits arbeiten.

Seine Arbeitssuche treibt ihn von Herren zu Herren, von Job zu Job, von Stadt zu Stadt. Er lernt reiten, frisieren, servieren. Und er kommt viel rum, wie man heute sagen würde. Über den Harz treibt es ihn gen Norden nach Mecklenburg, im Westen bis ins Rheinland und Amsterdam, im Osten bis Dresden. Immer wieder muss er lernen wieder aufzustehen, um kurze Zeit später erneut auf den Füßen landen zu müssen.

Es ist eine regelrechte Hatz durch Deutschland, wobei dies noch eine Untertreibung ist. Denn alle paar Kilometer Fußmarsch ist man bereits wieder im Ausland. Deutschland war Ende des 18. Jahrhunderts noch kein einheitlicher Nationalstaat. Neue Währung, neue Maße … an Abwechslung hat es Johann Christoph Sachse also kaum mangeln können.

Die Sprache fällt sofort auf. So gewählt, so vornehm … so altmodisch. Ohne dabei anstrengend zu sein. So manches Wort kommt einem etwas holprig über die Lippen. Hat man sich daran gewöhnt, ist dieser Reise-/Lebensbericht eine wahre Fundgrube an Abenteuern anno dazumal.

Der große historische Bezug kommt Form der letzten Monate der Französischen Revolution dem mittlerweile über Dreißigjährigen vor Augen. Immer wieder sieht er Pulverrauch am Horizont, versprengte Truppen und abrückende Soldateneinheiten. Ihm gelingt es – so schnell kann ihn aber auch nichts mehr aus der Ruhe bringen, zu viel hat er schon erlebt – immer wieder allen Irrungen und Wirrungen aus dem Weg zu gehen.

Es sind Bücher wie diese, die die eigene Geschichte erlebbar machen. Keine großen Heerführer, die Menschenmassen einen und in den Tod führen für die „große Sache“ sind es, die haften bleiben sollten. Sondern die Schicksale des einzelnen, der Tag für Tag darum kämpfen muss ein wahrhaftes Leben sich gönnen zu können. Der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ macht mit diesem Buch seinem Namen einmal mehr Ehre.

Das Gebot der Gewalt

Afrika, 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Die Kolonialherren aus Europa sind noch ferne Gedanken. Doch das fiktive Volk in Nakem, was ungefähr der Region des heutigen Mali entspricht, ächzt unter der Knute seiner Herrscher. Da ist sich keiner dem Anderen grün. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Wer widerspricht, wird nicht einfach aus der Welt geschafft. Der wird nach allen Regeln der Gewaltherrschaft gedemütigt, gefoltert und in aller Ruhe elendig verreckt gelassen. Es ist eine grausame Zeit, in der die Herrschernachfolger, um der Machterhaltung ihre eigenen Mütter heiraten und im Laufe der Zeit bei Festen das wirre Bild des Wilden im Busch bizarre Züge bekommt.

Die Dynastie der Saïf wird fast achthundert Jahre fortbestehen. Als die ersten Kolonialisten in Nakem eintreffen, sind die Machtverhältnisse schnell umgedreht. Die einstigen Herrscher müssen zusehen, dass ihre ihnen in die Wiege gelegte Macht nicht durch die Finger rinnt. Sie koalieren mit den neuen Herren, um sie ihre eigene Macht zu sichern. Das ist der Moment, in dem die fiktiven Aufzeichnungen anfangen konkret zu werden. Da tauchen deutsche Händler auf, die das greifbare kulturelle Erbe des Volkes in Nakem in Massen aus dem Land schaffen. Gouverneure leisten Hilfestellung als es gilt die Nachfahren der Saïf auf den rechten Bildungsweg außer Landes zu schaffen. Königlichen Geblüts studieren sie in Frankreich, der Heimat ihrer Unterdrücke und nehmen es als gegeben hin. Sie kämpfen im Weltkrieg für die Freiheit des Landes, das ihnen selbige mit Waffengewalt und perfider Raffinesse stahl.

Yambo Ouologuem lässt kein gutes Haar, an keiner der kämpfenden Parteien. Das Elend der Einen ist immer die Chance der Anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, ist man geneigt zu sagen. Doch auch die neuen Herren sind nicht viel anders als die alten Peiniger. Als das Buch in den 60er Jahren erscheint, tritt Yambo Ouologuem eine Welle der Entrüstung aus. Unterdrücke und Unterdrückte krallen sich an den expliziten Erläuterungen widerwärtiger Rituale fest. Gewalt geht niemals nur auf Kosten einer Partei. Wer die rohe Beschreibung beispielsweise einer Genitalverstümmelung an einer jungen Frau liest, kann sich einfach nicht mehr entscheiden, ob er für die eine oder andere Seite in dieser Geschichte sein kann. Man wähnt sich in einem Film von Oliver Stone oder Quentin Tarantino – so schnörkellos werden alte Bräuche und moderne Versklavung dargestellt.

„Das Gebot der Gewalt“ ist fiktiv, doch in seiner Detailversessenheit derart real, die es einem unmöglich macht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Plagiatsvorwürfe zwangen den Autor sich zurückzuziehen, der Verlag stampfte ganze Auflagen wieder ein. 2017 starb Yambo Ouologuem zurückgezogen in seiner Heimat Mali. Dass sein Erstling zum Klassiker wurde, hat er noch erlebt. Aber auch die Demontage seiner Leistung.

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen

Ein echtes Buch für Männer! Ein Buch für echte Männer! Und ein Titel zu dem man sofort eine Meinung hat bzw. etwas zu sagen hat. Mal im Spaß, mal im Ernst.

Doch so einfach macht es sich die Herausgeberin Barbara Sichtermann nicht! Es sind Texte die fast ein ganzes Jahrhundert alt sind. Der Begriff „moderne Frau“ oder eben „Frau von morgen“ existiert bereits. Die Goldenen Zwanziger sind schon Geschichte, wenn auch noch greifbar, da bat der E. A. Seemann Verlag Männer mit Gewicht in der Stimme Texte zu diesem Thema zu schreiben. 1929 sollten sie (und wurden auch) veröffentlicht werden. Zehn Jahre nach dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Frauenwahlrecht eingeführt? Ja so sachlich nannte man es damals – heute würde auch weniger Leidenschaft in die Formulierung gelegt werden. So viel hat sich seitdem also auch nicht verändert. Frauen durften wählen. Punkt!

Die wohl bekanntesten Namen in diesem Buch sind Stefan Zweig und Max Brod. Auch ihnen entging nicht, dass das vorherrschende Klischee der Frau am Herd wohl bald der Vergangenheit angehören wurde. Die industrielle Revolution – von Männerhand erdacht und erschaffen – zog in langen Bahnen auch den Kampf für faire Bedingungen am Arbeitsplatz hinter sich her. Sozialversicherungen wurden eingeführt. Alles so weit in Ordnung, doch die Frau durfte ihr angestammtes Revier, Herd und Bett, nicht verlassen.

Fast allen Texten – von den bereits erwähnten beiden Schriftstellern über den Journalisten Alfons Paquet und Robert Musil bis hin zu Otto Flake und Frank Thiess – ist es gemein, dass Inhalt und Überzeugung nicht die gesamte Strecke Hand in Hand gehen. Wüste Theorien aus utopo-kommunistischen Zeiten, in denen Kinder nach der Geburt in Kinderlagern erzogen werden, Frauen und Männer gleichberechtigt ausgebeutet werden, und Zeiten, in denen das Individuum in der Masse untergeht. Von Familie keine Spur. Nicht gerade realistisch. Aber das sollten die Texte vielleicht auch nicht sein.

Die Frau geht in ihrer Rolle als Sie neben Ihm auf. So war es und nach Ansicht der Autoren wird sich daran auch nicht so viel ändern. Überspitzt gesagt, ein bisschen mehr Haushaltsgeld und Entscheidungsfreiheit, was auf den Tisch kommt, dürfte für den Anfang reichen. Die gegenwärtigen Verhältnisse können modifiziert, aber um keinen Preis der Welt aus den Fugen geraten. Natürlich spricht das keiner offen aus. Wahrscheinlich denkt kaum einer in diese Richtung. Zu festgefahren sind die Rollenbilder.

Ist dieses Buch nun ein Buch für echte Männer? Aber ja doch. Nicht, um zu recherchieren, was an Katastrophen auf einen zukommt á la „man muss den Feind kennen, um ihn besiegen zu können“. Wie in so vielen Texten liegt die Wahrheit in den Worten und zwischen den Zeilen. So mancher Chauvi wird sich erstaunt die Augen reiben, was es denn tatsächlich bedeutet Gleichberechtigung Eins zu Eins umzusetzen. Es gehört mehr dazu als sich die meisten vorstellen können. Wem dieses Thema auch nach der Lektüre immer noch zu fremd und zu fern ist, der hat zumindest klangvolle Ideen gelesen, die trotz des Alters immer noch aktuell sind.

Der Fünfte im Spiel

Als ob er sich seiner Wirkung auf Menschen, Menschen zu bewegen, schon in frühen Jahren bewusst wäre, duckt sich der zehnjährige Dunstable Ramsay an diesem 27. Dezember 1908. Er weiß, dass Percy Boyd Staunton noch einen letzten Schneeball nach ihm werfen wird. Dunston duckt sich also, kurz nachdem er sich vor Mary Dempster und ihrem Gatten postiert hat. Das Geschoss verfehlt wie geplant den Jungen, trifft dafür aber die hochschwangere Frau des Baptistenpredigers. Statt das Gefühl des Triumphes auskosten zu können, überfallen Dunston Schuldgefühle. Denn er hatte die Flugbahn berechnet, hat sich bewusst vor dem Paar platziert. Die Folgen konnte er nicht absehen. Eine Folge war die verfrühte Geburt von Paul. Paul Dempster. Ein schwächliches Kind, eine Frühgeburt. Ein sonderbares Kind.

Als Paul vier Jahre alt ist, ist Dunny sein Babysitter. Dessen Vater wünscht jedoch keinen Kontakt seines Sprösslings zu dem Heranwachsen. So muss Dunston sich immer ins Haus schleichen, mit Erlaubnis der etwas sonderbaren Mary Dempster. Und Percy Boyd Staunton? Der ist sich keiner Schuld bewusst.

Die Jahre verfliegen. Dunny wird zum Militär eingezogen und kämpft im Weltkrieg in Europa. Percy Boyd Staunton, der den ersten Vornamen und das D aus Boyd bald streichen wird, fühlt sich zu Höherem berufen. Ihm gelingt ein sagenhafter Aufstieg. Schon mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, wird er zum Nutznießer der prekären instabilen politischen Lage. Wer sich Süßigkeiten in dem Mund stopft, stopft die Taschen von Boy Staunton. Als der Krieg endlich vorbei ist, ist von dem Dreigestirn, das diesen Namen eigentlich nie zu Recht trug, nicht mehr übrig. Boy ist erfolgreicher Geschäftsmann, der seinem Freund (aber auch Feind) Dunny hier und das Tipps zur Geldanlage gibt. Dunny selbst kehrt als Verwundeter aus dem Krieg zurück und studiert Geschichte. Dass er offiziell – zumindest für eine Zeitlang – als vermisst gilt, bringt ihm eine Ehrenmedaille ein. Die wiederum beschert ihm den Studienplatz. Paul hingegen ist tatsächlich verschwunden. Erst Jahre später wird der Historiker Dunston Magier Paul wiedertreffen können. Die Zaubertricks, die er dem fast regungslosen vierjährigen Paul zeigte, waren wohl doch eindrucksvoller als vermutet.

Robertson Davies spannt einen großen Bogen um das Leben Dunstable Ramsays. Aus einem kleinen Nest in Ontario entwickelt sich aus dem nüchternen Jungen von einst ein hingebungsvoller Freund, der wenige Freunde sein eigen nennen darf. Er reist viel, eignet sich Wissen an und erforscht unerwartet und mit voller Hingabe sein eigenes Leben sowie das seiner Freunde aus der Kindheit. Mit sachlicher Distanz begegnet er Menschen, die ihm einst nahestanden, ohne dabei auch nur den leisesten Zweifel aufkommen zu lassen, dass Großes in der Luft liegt. Im letzten Abschnitt des Buches – jedes Kapitel ist sprachlich an das Alter des Protagonisten angelehnt, ganz große Kunst – wirft der Autor jegliche Rücksicht über Bord. Die Vergangenheit, die immer wieder aufblitzt, ist vielen näher als ihnen lieb ist.