Aline

Ein Schweizer Bergdorf am Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier oben ist man nicht dem lieben Gott näher, weil es schon immer so war, sondern liegt generell dem Paradies zu Füßen. Die Sonne brennt gerade in den Sommermonaten erbarmungslos hinab. Im Aus dem Staub des Weges schält sich für Julien, der gerade das Gras mit der Sense mäht Aline heraus. Siebzehn Jahr, blond, sommersprossig. Diebeiden kommen ins Gespräch. Bald schon macht er ihr den Hof, schenkt ihr Ohrringe, sie büchst des Abends öfter mal aus, was ihrer Mutter Henriette überhaupt nicht schmeckt. Was will man machen, wenn die Liebe die Fauna in der Körpermitte zum Beben, zumindest aber jedoch zum Kribbeln bringt.

Auch Julien, der Sohn des Ammanns, in der Schweiz der Bürgermeister, ist ganz hin und weg von Aline. Vor allem gefällt ihm aber die Vorstellung die Macht zu besitzen Aline dirigieren zu können. Ein Spaß für den Hallodri, der den Wert einer Liebe und die seines (zukünftigen) Besitzes nicht zu schätzen weiß. Denn die Liebe des armen Dinges (Aline) ist größer als seine Zuneigung zu einer Person je sein kann. Er nimmt sich, was er braucht. Sie bekommt … ein Kind. Von Julien. Welch Glück! Welch Glück? Was für ein Glück? Das Kind ist unterwegs, ist da. Und Julien ist weg.

In solch einer misslichen Lage hilft nur noch die Familie. Hier wird man aufgefangen. Doch Aline hat auch hier eine Niete in der Lotterie des Lebens gezogen. Henriette ist nicht nur nicht erfreut über den unerwarteten Familienzuwachs, sie weist Aline auch gleich die Tür. Das ganze Dorf zerfetzt sich das Maul über das ungebührliche Benehmen von Aline. Von Julien, diese bittere Medizin hat Aline schon geschluckt, ist erst recht nichts zu erwarten. Er hatte seinen Spaß, von Verantwortung will er nichts mehr wissen. Die Dorfgemeinschaft ist sich einig, wenn der Großpapa des Bastards die wichtigste und einflussreichste Person im Ort ist, fließen aus seinem Munde nur Wahrheit und Reinheit. Aline ist allein mit der Frucht ihrer Lenden. Am Ende ihres Martyriums ist sie aber noch lange nicht. Das soll sich noch viel tragischer gestalten …

Charles-Ferdinand Ramuz gehört zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern französischer Zunge. Sein Konterfei ziert den 200-Franken-Schein. Mit seinem Roman „Aline“ haderte er. Schon kurz nach der Erstfassung überarbeitete er ihn immer wieder, kürzte, feilte am Stil. Das Ergebnis zieht den Leser van Anfang an in seinen Bann. Die so wunderbar unschuldige, naive Aline und der sicher keinen Deut intelligentere Julien sind Personen, die man mag. Bis Julien sein wahres Gesicht zeigt. Ein feiger Jüngling, der sich hinter dem Rockzipfel der Mama verstecken kann so lang er will und der sich der unbedingten Zuneigung Papas sicher sein kann. Und Aline? Völlig entblößt sieht sie einer Zukunft entgegen, die keine Fröhlichkeit erlaubt. Der klare Stil Ramuz‘ schafft einen Mikrokosmos einer schweizerischen Dorfgemeinschaft, die sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Leser werden in einen Sog aus Idylle und Verachtung gezogen, aus dem man nicht so schnell entkommt.

Das Schneckenhaus

Es ist eine Szene wie sie millionenfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Einer der beiden wird bald abreisen und den anderen zurücklassen. Es ist eine Szene wie sie tausendfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Sie will um alles in der Welt nicht, dass er davonfliegt. Sie fleht, bettelt, weint fast. Ihn zieht es in die Ferne, in die Heimat zurück. Die hat er seit Jahren nicht gesehen. Seine Heimat ist Syrien in den Achtzigerjahren. Hafiz al-Assad regiert das Land mit stahlharter Faust und hat Rückendeckung aus Moskau. In knapp zwei Jahrzehnten wird er seinen Posten an seinen Sohn Baschar vererben.

Der unbekannte junge Mann, der Ich-Erzähler, stimmt in großen Teilen mit dem Autor des Buches Mustafa Khalifa überein. In Frankreich hat er Film studiert, Khalifa nicht. Was nach der Landung geschieht, hat sich niemand vorstellen können. Weder der Autor, seine Freundin, die er heiraten durfte, noch der Ich-Erzähler. Der Geheimdienst nimmt ihm seinen Pass ab, und gemeinsam fahren sie durch die Wüste. Die war einmal seine Heimat, die Heimat, die er so sehnlichst wieder sehen wollte. Den Koffer auspacken und sich heimisch fühlen – diese Handgriffe wird er für Jahrzehnte nicht mehr tun können. Jahr(!)zehnte!

In einem Gefängnis – das Gedächtnistagebuch kennt nur Tage, keine Jahreszahlen, geschweige denn Orte – wird er gleich mit Schreien, später mit Blut und Hautfetzen bekannt gemacht. Auch die Foltersituationen sieht er anfangs mit eigenen Augen. In einen Autoreifen gezwängt, der an der Decke befestigt ist, wird einem Gefangenen das Fleisch von den Fußsohlen geprügelt. Dem Ich-Erzähler blüht alsbald das Gleiche. Und alles nur, weil er in Paris, im Gespräch mit Freunden, einem zu aufgeschlossenen Ohr unverhohlen seine Meinung über den Präsidenten mitteilte. Dieses offene Ohr hatte nichts Besseres zu tun als seinen Bericht postwendend an die Behörden in Syrien weiterzuleiten.

Kaum gelandet beginnt eine Tortur, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Getauft und Atheist in einem islamischen Land, das sich eine funktionierende Diktatur aufgebaut hat – hier kann kein Freigeist existieren. Jeder Strohhalm wird ergriffen und im gleichen Moment fällt das Kartenhaus der Hoffnung krachend und schmerzvoll zusammen. Ein Alkoholiker kann seiner Welt entkommen, nur schwer, aber er hat zumindest die Möglichkeit das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Die Gefängnisse in Syrien haben keine Tunnel. Und erst recht erlaubt man kein Licht. Nicht einmal Stifte und Papier sind erlaubt. Der Ich-Erzähler / Mustafa Khalifa hat nur eine Zuflucht: Sein eigenes Ich. Er zieht sich zurück wie eine Schnecke, die Gefahr wittert. Aus diesem Schneckenhaus heraus beobachtet er die rohe Welt ohne Horizont. Seine Gehirnwindungen sind die Schreibblöcke. Denn nicht nur die Gefängnisbetreiber und Bediensteten trachten ihm nach dem Leben. Er wird als Muslimbruder in den Büchern geführt. Die sind dem Assad-Regime ein Dorn im Auge. Die Muslimbrüder im Gefängnis beäugen ihn misstrauisch. Ist er einer von ihnen? Will er sie verraten? Hat er es vielleicht sogar schon getan?

„Das Schneckenhaus“ wird als das Evangelium der syrischen Revolution bezeichnet. Mit jeder Zeile, die man mit Kopfschütteln – ja, der Mensch ist tatsächlich zu so vielem im Stande zu tun – aufsaugt, beginnt man diesen Zeilen Glauben zu schenken. So was denkt man sich nicht aus! So was ist wirklich passiert, und passiert immer noch. Wer meint, dass so manche Widerwärtigkeit nicht immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss, sollte dieses Buch lesen. Man kann nicht oft genug an Derartiges erinnern!

Saxones

Die Sachsen haben die stille Revolution begonnen, die zum Zusammenschluss beider deutscher Staaten führte. Hier liegt die Wiege der deutschen Hochsprache, dank Lessing. Doch das Land, das von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Tschechien und Polen umrandet wird, trägt seinen Namen und seine Geschichte weit darüber hinaus. Das Land Niedersachsen ist nicht nur sprachlich den Sachsen verbunden. In einer Ausstellung, die bis zum 18. August im Landesmuseum Hannover und vom 21. September 2019 bis Ende Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum wird die nachhaltige Geschichte der Sachsen mit zahlreichen eindrucksvollen Exponaten erlebbar gemacht. Als Begleitband zur Ausstellung, als Appetithäppchen vor dem Museumsbesuch oder / und als Erinnerungsstück danach sind die knapp vierhundert Seiten ein wahres Füllhorn an überraschenden Einblicken in eine Kultur, die seit über tausend Jahren maßgeblich die deutsche Geschichte geprägt hat.

Die Hinterlassenschaften wie Schmuckstücke, Werkzeuge, Alltagsgegenstände auf einmal zu erfassen, ist unmöglich. Eine Vielzahl von Forschern hat sich auf diesem Gebiet hervorgetan und präsentiert in diesem Katalog die Erkenntnisse der Forschungen. Manchmal spannend wie ein Krimi, immer sachlich fundiert, liegt ein echter Schatz in den Händen des Lesers. Schon vor rund zweitausend Jahren bekamen die römischen Invasoren die scharfen Klingen der Sachsen zu spüren. In Hedemünden an der Werra wurden mehr oder weniger gut erhaltene Dolche aus dem Leib der Erde entnommen und sind nun wieder zu bestaunen.

Selbst so nützliche Alltagsdinge wie ein Eimer zeugen von der Kunstfertigkeit der Sachsen. Der Hemmoorer Eimer, der im Landkreis Cuxhaven gefunden wurde, beeindruckt durch die zahlreichen Verzierungen, die man heutzutage in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser vergeblich sucht.

Landkarten, Skizzen, Fotos von Ausgrabungsstellen bereichern jedes Kapitel in diesem Buch. Sie zeugen von der gewissenhaften Arbeit der Archäologen, die nicht müde werden unter der Oberfläche die Vergangenheit ans Tageslicht zu holen.

Der alte Gassenhauer von den Sachsen, der das reisen so sehr liebt, bekommt durch die Ausstellung und auch dieses Buch eine zusätzliche Komponente, die Sachsen, aber auch alle anderen Völker des deutschen Sprachraumes in Erstaunen versetzen wird.

99x Rheingau

Für alle, die noch nicht wissen sollten: Folgt man dem Sonnenuntergang von Mainz aus gelangt man unweigerlich in den Rheingau. Enthusiasten und Fans dieser Region sagen, wenn‘s am schönsten ist, ist man da!

Sabine Fladung und Lydia Malethon können dieser Behauptung nur zustimmen, denn sie sind Kinder dieses Landstriches. Ihre Begeisterung für ihre Heimat teilen sie in diesem Buch, das auf den ersten Blick knapp einhundert Orte, Dinge und wissenswerte Infos für den geneigten Rheingau-Neuling, aber auch für ausgefuchste Rheingau-Experten parat hält. Wer sich jedoch in dieses Buch vertieft, entdeckt den einen oder anderen Punkt mehr, so dass aus neunundneunzig Tipps ganz schnell hundert, hundert und ein Dutzend … Hinweise werden.

Schon gleich der erste Punkt ist nichts, was man anfassen kann. Nichts zum Herumwandern. Es ist die Geschichte des Freistaates Flaschenhals. Was nach einem Werbegag einer Brauerei klingt, war tatsächlich einmal Realität. Nach dem ersten Weltkrieg zeichneten die Siegermächte auf der Landkarte ihre Einflussgebiete auf. Mit dem Zirkel. Der kann bekanntlich keine Ecken zeichnen. Und so ergab sich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zwischen Lorch und Kaub. Es gab eigenes Geld, jedoch reichte das Land nicht, um seine Bewohner zu ernähren. Der Schwarzmarkt florierte. In Nacht- und Nebelaktionen wurden schon mal Kühe von A nach B, bzw. in oder aus dem Freistaat geschafft. Vier Jahre hielt die scheinbar heile Welt. Frankreich besetzte das Gebiet und dem Flaschenhals wurde der Kronkorken der Grande Nation aufgesetzt.

Dass der Rheingau weltoffen ist, beweist die Tatsache, dass das Bermudadreieck ebenfalls hier liegt. Was? Die beiden Autorinnen erlauben sich die Anleihe und schreiben über das kulinarische Bermudadreieck. Kronenschlösschen, Zum Krug und Adlerwirtschaft bilden die Eckpunkte dieses lukullischen Gebildes, das in der Mathematik und Physik als stabilste geometrische Verbindung gilt. Gediegen, gehoben, sternprämiert. Und immer lecker! Was hilft es davon zu reden oder darüber zu schreiben – Mund auf, Gabel rein und genießen.

Um nicht komplett schon vor einer Reise in den Rheingau alles zu verraten, sei an dieser Stelle angeraten, dieses Buch noch vor allem anderen ins Reisegepäck gehört. Sabine Fladung und Lydia Malethon haben nicht nur den Rahm der Region abgeschöpft, sondern sind tief in den Schmelztiegel Rheingau hinabgestiegen. Neben nützlichen Informationen verführen die beiden den Leser mit so mancher Anekdote. Die günstige Lage des Rheingaus in der Mitte Deutschlands erlaubt jedem mal schnell einen kleinen Abstecher nicht nur zum Weingenuss zu tätigen. Und mit diesem Buch von Kennern wird man selbst schnell zum Fan.

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Illinois

Da schlendert man so vor sich durch die Buchhandlung seiner Wahl. Lässt die Finger über die Bücher fahren. Bayrische Küche – Knödel und Schweinsbraten. Schwäbische Küche – Spätzle, Knöpfle und Co. Italienische Küche – Pasta in allen Variationen. Illinois – äh, ja, was hat es denn Illinois in den USA zu bieten? Auf Anhieb fällt da wohl kaum jemanden etwas Passendes ein. Chicago kennt man. Dass die Hauptstadt Springfield heißt, nein hier wohnen nicht die Simpsons, wissen nur wenige. Doch es gibt ja Mirko Reeh. Der kann kochen und war schon in Illinois. Und in seinem Buch über seine kulinarische Reise in den Präriestaat findet wirklich jeder etwas, das er gern einmal seinen Gästen kredenzen wird.

Die Küche von Illinois ist keine Küche mit besonderen Kreationen, die es ausnahmslos nur vor Ort gibt. Vielmehr hat man sich im Laufe bei anderen Küchen bedient und eigene Variationen entwickelt. Keine Angst, dass man in Chicago einen Blaue-Bohnen-Salat vorgesetzt bekommt. Die Zeiten von Al Capone sind vorbei. Doch eine Deep Dish Pizza wird man außerhalb des Staates kaum bekommen. Es ist eine besonders dicke Pizza, die in mehreren Lagen belegt wird. Der Teig bildet eine Schale, in die die Zutaten gegeben werden. Zum Schluss die Tomatensauce. Also alles in umgekehrter Reihenfolge. Und ein Chicago Style Hot Dog wird im Mohnbrötchen mit Senf und Selleriesalz, und einem quietschgrünen Relish serviert. Mirko Reeh empfiehlt nur denjenigen nach Ketchup zu fragen, die sich ungeniert als Touris zu erkennen geben wollen. Noch mehr Illinois Kitchen Style gefällig? Wie wäre es mit Datteln? Datteln in den USA, in Illinois? Ja, im Speckmantel und Mangochutney, oft auch mit einer Mandel und Chorizowurst. Klingt erst einmal ziemlich wüst. Schmeckt aber, wenn man es einmal ausprobiert hat. Und es beweist, dass die Küche des Staates Illinois bunt ist und seine Wurzeln überall auf der Welt hat.

Wie alle Bücher von Mirko Reeh ist auch dieses Buch kein reines Kochbuch, das man ab und zu aus dem Regal holt, ein bisschen darin herumblättert bis man das Richtige für den passenden Anlass gefunden hat. Ein bisschen Reiseband, ein bisschen Kultur und ganz viel Magenknurren beim Überfliegen der Seiten. Die Zutaten sind auch hierzulande leicht und zu einem erschwinglichen Preis erhältlich. Zum Beispiel für eine Risotto mit gerauchtem Kürbis und Bacon. Wer Eindruck machen will, probiert mal eine Suppe von Cherrytomaten mit gewürztem Popcorn oder Garnelen mit Knoblauch und Pernod. Und wer dann immer noch nicht genug hat, der bucht einfach seinen nächsten Urlaub zwischen Michigan-See und Mississippi.

Die Seele des Flusses – Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien

Als der Eiserne Vorhang Rost ansetzte und brüchig wurde, starteten Reisejournalisten und Neugierige aus aller Herren Länder, um wahre Abenteuer „gleich um die Ecke“, in Europa erleben zu können. Sie zogen über unendlich weite Felder, die nie von der Zivilisation wie wir sie kennen berührt wurden. Sie stapften durch Moore. Sie bereisten Flüsse. Drei Jahrzehnte später fällt es wieder einmal schwer Landschaften zu entdecken, die zuvor kaum jemand gesehen hat. Und da kommt Paolo Rumiz daher und behauptet den Po, also den Fluss (erster und letzter Sprachwitz zum Thema Po, versprochen) als erster entdeckt zu haben. Was? Ein Fluss, der durch die Industriemetropole Turin fließt, der Piacenza sanft streichelt, der die Musikstadt Cremona prägt, der zu Parma gehört, obwohl er die Stadt gar nicht berührt, ein Fluss, der das Dorf Brescello (hier wurden die Don Camillo & Peppone-Filme mit Fernandel gedreht) umschließt, der weit verzweigt in die Adria fließt, so dass sie als legitimer Bestandteile des Flusses gilt. Und diesen Fluss will noch niemand kartografiert haben? Noch nie irgendjemand erkundet haben?

Es ist mehr ein symbolischer Erkundungsakt, den Paolo Rumiz hier vornimmt. Denn natürlich wurde der Po schon erkundet. Und natürlich gibt es Karten. Aber es gibt keine ausgewiesene Erkundungstour von der Quelle bis zur Mündung. Und wenn doch, dann ist sie bei Weitem nicht so beeindruckend wie dieses Buch!

Bei Hochwasser ist der Fluss eine gefräßige Bestie, die ihre Hauer in die Böschung beißt und alles mitreißt, was nicht sicher im fruchtbaren Boden verankert ist. In den Sommermonaten ist der Fluss der ruhige Begleiter, der die erbarmungslose Sonne vergessen lässt.

Paolo Rumiz erkundet Italien von dem italienischen Fluss aus. An Land gehen und sich umschauen – ja, das tut er auch. Doch vor allem findet er auch die Geschichten, die das Leben am Fluss so schreibt. Fischer und Restaurantbesitzer sowie seine Mitstreiter auf den Flussgefährten (vom kleinen Bötchen bis zur Barke) erzählen sie ihm von ihrer Sicht auf den Fluss. Und Paolo Rumiz hört ruhig zu und berichtet in diesem faszinierenden Buch von eben diesen Leben. So langsam der Fluss in so manchen Abschnitten dahingleitet, so beruhigend wirken seine Worte auf den Leser. Wie ein Zugvogel gleitet er auf dem Fluss dahin, der vom Piemont über die Lombardei und die Emilia Romagna bis ins Veneto reicht. Paolo Rumiz ist der Po noch nicht genug, er will auch die Seitenarme und Zuflüsse erkunden. Und so treibt es ihn bis an die oberitalienischen Seen. Seine selbst gezeichneten (und im Buch abgebildeten) Karten sind die Grundlage für eine Reise, die nur ein Prädikat verdient: Abenteuer.

Ein Abenteuerroman auf höchsten sprachlichem Niveau, der jeden Leser in die Fluten reißt und ihn ein einmaliges Erlebnis beschert.

Jedem das Seine

Der 23. August 1964 hätte ein großer Feiertag für den Apotheker Manno und Doktor Roscio werden können. Bei der Jagd hatten sie elf Kaninchen, sechs Rebhühner und drei Hasen erlegt. Zu dumm nur, dass auch die beiden Schützen erlegt wurden. Von Weidmanns Dank keine Spur. Jetzt kommt so manchem die Geschichte von vor ein paar Tagen gar nicht mehr so unerheblich vor. Der Apotheker Manno bekam einen Drohbrief. Für das, was er getan hat, müsse er nun sterben. So was kommt immer mal vor, ein Scherz, so tat es der Apotheker ab. Schon der Postbote ahnte etwas von dem, was an diesem 23. August 1964 geschehen sollte.

Da die beiden Opfer – außerdem ist ein weiteres Opfer ist außerdem zu beklagen: ein Jagdhund des Apothekers – angesehene Personen des öffentlichen Lebens in dem kleinen sizilianischen Ort sind, und beide aus noch angeseheneren Familien stammen, rückt sofort die Polizei an. Doppelte Mannschaftsstärke, es darf auf keinen Fall irgendein Detail übersehen werden. Doch Maresciallo noch Carabinieri werden fündig. Überhaupt ist der gesamte Ort ziemlich schweigsam. Das kommt dem Lehrer Laurana seltsam ungewöhnlich vor. Er macht sich höchstpersönlich auf die Suche nach den Mördern – es müssen mindestens zwei gewesen sein. Denn wer begibt sich selbst in Gefahr, wenn er zwei versierte und mit geladener, zum Schuss bereiter Waffen tragende Jäger ermorden will? Ihm, dem Lehrer wird, schnell klar, dass hinter der ehrenwerten Fassade der beiden Jagdfreunde ein ordentlicher Haufen voller Hinterlist und Zwietracht liegt. Doch wie ermitteln ohne dabei Staub aufzuwirbeln?

Laurana zieht es in die Ferne. Zu den Verwandten, nicht seinen, sondern denen der Opfer. Auch die Zeitungsausschnitte, mit denen der Drohbrief verfasst wurde, sind für ihn von Belang. Als er wieder in den Ort, an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, blickt er klarer in den Abgrund. Zu dumm nur, dass auch andere dieses Klarersehen erkennen… War alles nur ein Missverständnis oder doch ein klug ersonnener perfider Plan?

Leonardo Sciascia lässt die Puppen tanzen! Sie umgarnen den Leser mit ihrem Liebreiz und verschleiern ihm die Sicht. Nur der Geschichtslehrer lässt sich von den Ablenkungen nicht den Kopf verdrehen. Hier und da blitzen kleine wohl platzierte Hinweise auf. Das Offensichtliche lauert hinter elegant schwebenden Schleiern, die erst nach und nach sich liften, um das Ungewisse, doch Unvermeidliche ins Rampenlicht treten lassen. Mit fatalen Folgen!

Milch und Kohle

Der Ruhrpott in den 60ern: Die Beatles brachten noch Platten heraus. Pasta hieß Nudeln und al dente war nicht ganz durch statt köstlich. Der Eiswagen brachte Erfrischung in den wolkenverhangenen Sommer. Für Jugendliche wie Simon, 15, 16 Jahre alt, war die Zeit das Sprungbrett in den Ernst des Lebens. Mit dem Moped raus in die Natur. Bier trinken. Overstolz oder ‘ne Juno rauchen. Und am Wochenende wurde … naja ‘ne Frau klargemacht.

Trist? Nur auf den ersten Blick, vielleicht noch auf den zweiten. Und den dritten. Okay, es ist trist. Die Schlote qualmen als ob es kein Morgen gibt. Wie prophetisch die Schornsteine damals schon waren! Wer arbeitet, malocht. Und dafür will er dann zuhause aber auch seine Ruhe haben. Das Lob des kleinen Mannes ist, wenn man ihn in Ruhe lässt. Alles hat seine Ordnung.

Simons Vater bringt eines Tages einen Kollegen mit nach Hause, Gino. Italiener. Der der Familie exotisches Gemüse und fremde Gewürze vorstellt. Alles für die Pasta. Der Sauerbraten wird erstmal beiseite gestellt. Den gibt’s morgen. Simon ist irgendwie fasziniert von Gino. Nicht nur, weil der ein Rennrad hat. Simon hat ja nicht einmal ein Moped, geschweige denn einen Führerschein. Nein, es ist die uneingeschränkt offene Art. Sein Akzent. Was oll das Leben im Pott für Simon schon bereithalten? Gesellenprüfung, Maloche, Auto, Haus, Kind, Tod. Die heilige Sechsfaltigkeit der hoffnungslosen Jugend.

Doch ganz so düster ist die Welt dann doch nicht. Schließlich gibt es Bier und Frauen und Mopeds. Und die Freiheit all dies zu genießen. Eben noch ‘nen Milchbart, und schon kohlrabenschwarz im Gesicht. Buch allein ist immer noch aktuell. Auch wenn der Kohleabbau im Pott seit einiger Zeit passé ist. Die Nachwirkungen des exzessiven Kohleabbaus, der sich tatsächlich mal rentiert hat – zumindest für einige – sind immer noch zu spüren. Die Arbeitersiedlungen sind allgegenwärtig, ebenso der direkte Humor und die auf Außenstehende schroffe Lebenseinstellung der Pöttler. Ralf Rothmann hat ein zeitloses Pottwerk geschrieben, das niemals seinen Nachdruck verlieren wird. Die einfache Sprache der Menschen in ein Gewand aus geschliffenen Worten gekleidet, ohne dabei jemandem auf den Schlips zu treten, glänzt im matten Schwarz der Kohle.

Jörg Hülsmann untermalt in dieser Sonderedition der Büchergilde die eingehenden Passagen mit nicht minder eingängigen Bildern. So düster die Gestalten auf den Betrachter wirken, so farbenfroh wirkt der gesamte Band. Schwarz als Synonym für Eleganz – hier wird es zum düsteren Star, der allen Gesetzmäßigkeiten zum Trotz erstrahlt. Für Kenner gibt es eine Vorzugsausgabe (limitiert auf 120 Exemplare) mit einer signierten und nummerierten Originalgrafik im Pappschuber.

Mein Opa ist Imker

Na das war doch wieder mal ein Thema für die Massen: Die Bienen sterben. Allenthalben schlagen alle um sich, wenn sich die fleißigen Bienchen auch nur auf Armlänge nähern und plötzlich wird jeder zum Bienenfreund. Vorteil der ganzen Diskussion ist, dass nun wirklich jeder weiß wie wichtig die Insekten sind. Und dass wir ihnen außerdem noch den Honig verdanken, versüßt uns die innere Aufruhr.

Bienen stechen, das tut weh. Einem Kind die Nützlichkeit der Bienen nahezubringen, wird also nicht ganz einfach sein. Bienen sind die Tiere, die maßgeblich dazu beitragen, dass die Pflanzen sich vermehren. Das geschieht durch bestäuben. Das weiß nun wirklich jedes Kind! Nicht erst seit den endlosen Jammerarien in den Medien.

Nils ist ein aufgeweckter kleiner Junge, der sich mindestens genauso viele Fragen stellt, wie so mancher, der das Bienensterben beklagt. Nils hingegen weiß auf Anhieb, wo er Hilfe findet. Bei seinem Opa. Denn der ist Imker. Vor diesem Hintergrund schreiben Patricia Günther und Hirst Lengning ihr Buch zum Naturschutzthema Nummer Eins in Deutschland. Sie verzichten auf detailversessene Nahaufnahmen der geflügelten Agrarhelfer. Die Zeichnungen von Maria van de Rae sind eindrucksvoller als jede Naturaufnahme. Im Inneren des Buches wird neben der Geschichte um Nils und seinen Opa ein kleines Lexikon der Bienen zum Leben erweckt. Was unterscheidet eine Amme von einer Königin? Warum sind Drohnen so wichtig? Und warum sollte man sich kein Gelée Royale aufs Brot schmieren?

Ein wichtiger Beitrag zur Zeit, der nicht nur Zeitgeist widerspiegelt, sondern aktiven Naturschutz unterstützt und befeuert.

Lord Lasse und Prinz Willi

Da ist ja wieder einiges los auf dem Hof von Pauline und ihren Eltern. Eine neues Fohlen springt quietsch vergnügt über das Anwesen, Rosa-Rosinchen schläft lange, nur Lord lasse, der Hofhund wirkt irgendwie ein bisschen betrübt. Sind es die überzähligen Pfunde, die ihn träge werden lassen? Oder hat er den Blues? Oder ist er am Ende sogar krank? Keine Bange. Lord Lasse fehlt einfach nur ein Gleichgesinnter zum Spielen.

Zum Glück hat die Hündin von Oma Herz, gleich die Straße runter, Welpen zur Welt gebracht. Und einer dieser tapsigen Gesellen soll nun der neue Spielgefährte von Lord Lasse werden. Pauline ist schon ganz aufgeregt. Zum Einen, weil sie zu Oma Herz darf, hier ist es wie im Paradies mit Kakao und Keksen. Zum Anderen, weil sie weiß, dass Lord Lasse nun wieder ein fröhlich herum hopsender Hund sein wird. Wie wird der neue Mitbewohner aussehen, welchen Schabernack wird er treiben?

Kaum bei Oma Herz angekommen, scheint das neue Familienmitglied schon gefunden zu sein. Denn ein kleines Wollknäuel löst sich aus der Gruppe der Welpen und wankt auf samtenen Pfoten zu Lord Lasse herüber. Wenn es so was wie Liebe auf den ersten Blick gibt, dann hier.

Da Lord Lasse schon adeligen Blutes ist, versteht es sich von selbst, dass der Neuling dem in nichts nachstehen darf: Prinz Willi.

Welche Abenteuer die beiden erleben werden – und das werden sie – verrät Gabi Meyer sicherlich im nächsten Band ihrer Kinderbuchreihe um Pauline, ihre Eltern und die zahlreichen Tiere auf ihrem Bauernhof.