Haïti

Lange nichts aus Haïti gehört. Das kann auch mal gut sein. Denn oft, zu oft in der Vergangenheit waren Nachrichten aus dem Karibikstaat keine guten Nachrichten. 2010 das verheerende Erdbeben. In den Jahrzehnten zuvor nur erschreckende Bilder von einem Regime, das von der Familie Duvalier errichtet wurde, um sich selbst zu bereichern und Tausende das Leben kostete. Was gab’s sonst aus Haïti?

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft musste das Team – als es doch in die USA einreisen durfte, denn auch da gab es seitens der Trump-Regierung wieder mal trouble – sein Trikot ändern lassen. In der unteren Hälfte war symbolhaft die Schlacht von Vertières abgebildet. Laut Hersteller eine Reminiszenz an die historische Schlacht und kein politisches Statement. Die Veranstalter zeigten sich uneinsichtig – das Trikot verschwand.

Schlacht von Vertières – nie gehört? Das liegt wohl daran, dass das Land so weit weg ist und Meldung aus Haïti fast immer nur Kopfschütteln verursacht und oberflächiges Mitgefühl. In Krimiserien gibt es die haïtianische Mafia, die gnadenlos Gegner um die Ecke bringt. Doch noch mal zurück zur Schlacht von Vertières. Die muss doch bedeutsam sein, wenn sie auf dem Trikot der Fußballnationalmannschaft abgebildet ist?! Ist sie auch! Denn hiernach begann das Freischwimmen von fremden Mächten. Das war 1803. Haïti war nicht länger französische Kolonie. Auf dem Papier klingt das alles wunderbar. Doch warum haben wir, die tausende Kilometer und etliche Flugstunden entfernt Lebende so ein verschwommenes und klischeebehaftetes Bild des Inselstaates?

Toni Keppler klärt auf. Er klärt auf, dass in dem Land ein Reichtum schlummert, der das Land zu einem fast schon einzigartigen Ort macht. Es ist die reichhaltige Kultur, die allen (!) Widrigkeiten zum trotz sich stets am Leben erhielt und weiterentwickelte. Selbst die Jahre der Duvalier-Diktaturen (zuerst Papa Doc, dann sein Sohn Baby Doc) konnten der prallen Phantasie der Bewohner wenig anhaben. Eine besondere Form der Kurzgeschichte, die Bewahrung der eigenen Sprache, die Vielfalt der Themen – immer wieder versuchten Machthaber der Kunst ihren Stempel aufzudrücken. Vergebens! Die Werke erschienen im fernen Exil, und verbreiteten sich.

Bis heute steht Haïti unter tatkräftiger Zuhilfenahme haïtianischer Schergen unter der Fuchtel diverser Goldgräber, deren Moral auf ein Minimum beschränkt ist. Dabei spielen Nationalitäten keine Rolle mehr. In diesem Buch werden Erinnerungen wachgerufen, bedeutende Namen hervorgehoben und der Hoffnung ein fruchtbarer Boden bereitet. Zusammen mit den Werken u.a. von Gray Victor, Kettly Mars und Frankétienne ergibt sich ein umfassendes Bild eines Landes, das viel zu lange ein Dasein im Dunkeln fristen musste.