Manchmal ist es ganz einfach, manchmal eben auch nicht: Kauft man zum Beispiel Obst bei einem Händler und stellt dann fest, dass es matschig ist (und man das nicht mag), und gibt ihm, dem Händler, dann doch noch ein Chance und kauft ein weiteres Mal matschiges Obst, hat dieser, der Händler, alle Chancen verspielt, dass man noch einmal bei ihm einkauft.
In der Politik ist ein bisschen schwieriger. Hat man einmal eine Partei gewählt und war dann unzufrieden und gibt ihr dann doch noch einmal eine Chance, sind acht Jahre vergangen. Acht Jahre, die ausreichen, um sich, als Partei, entweder neu zu positionieren (aber welche Partei macht das schon?!) oder Verbindungen zu schaffen, die es dem politischen Gegner verdammt schwer machen, einen zu bekämpfen UND dem Wahlvolk (das Wort „Volk“ ist immer noch ein Hingucker, Hinhörer) fortlaufend Sand in die Augen zu streuen. Denn wenn man etwas vorhat, das nicht ins demokratische Konzept (was weitgehend über Landesgrenzen hinaus funktioniert) passt, muss man tricksen, verschleiern und täuschen. Besonders, wenn in der Geschichte schon einmal etwas gehörig in die Hose gegangen ist – dieser Wortlaut mag etwas verharmlosend klingen, ist aber bei Weitem nicht so gemeint.
„Deutschland 2033“ lässt keinen Zweifel daran worum es geht. Hundert Jahre nach Machtergreifung der Nazis steht Deutschland vor dem größten Umbruch seit Kriegsende und kann bei entsprechend fehlender Wehrhaftigkeit auch die Errungenschaften der Wiedervereinigung nicht mehr als Erfolg ins Feld führen. Auch hier wieder: „ins Feld führen“ wurde bewusst gewählt – wem die Wortwahl zu schroff vorkommt, sollte noch einmal in Victor Klemperers „LTI“ nachlesen!
Justus Bender beobachtet, beschreibt und folgt der AfD – denn um die geht es in diesem Buch – seit ihren Anfängen. Seine Analysen sind messerscharf. Er vermeidet es konsequent Parallelen zu den Jahren vor 1933 als alleiniges Argument gegen die Partei ins Feld zu ziehen. Denn die sind offensichtlich. Dass immer noch nicht konsequent daraus gelernt wurde, beweist allein die Tatsache, dass es Bücher wie dieses immer noch gegen muss. Justus Bender kann sich sicherlich vorstellen über angenehmere Themen zu schreiben. Denn eine gewisse Angst vor dem, was auch einmal kommen mag, ist mittlerweile latent vorhanden, schaut man sich die momentanen Umfragen an. Und wenn man beruflichen Mittagstisch Parolen wieder salonfähig wurden, kann mit einem (traurigen) Augenzwinkern nur sagen: „zum Glück haben wir schon genug Autobahnen – diese Ideen haben die geistigen Väter ihren unerzogenen Nachkömmlingen gehörig versalzen“.
Das Szenario , das Justus Bender in diesem Buch entwirft, dient dem eigentlichen Gegner kaum. Es rüttelt auf. Das Szenario verbreitet keine Angst, es regt zum Hinschauen, und Argumentieren an, wenn der Kollege von nebenan wieder davon spricht, dass er nur deutsche Autos kauft, weil er dem wirtschaftlichen Aufschwung dienen will – und somit keine Ausländer mehr gebraucht würden. Und zieht jedem den letzten muckernden Zahn, der nach der starken Hand ruft. Und für alle, denen die letzte und einzige deutsche Kanzlerin als Wurzel alles aktuellen Übels gilt, sei gesagt. Justus Bender stellt dem bitte niemals wahr werdenden Szenario eine Frau an die Spitze. Justus Bender muss die AfD nicht entzaubern (wieder so ein Wort, das in „LTI“ seines Zaubers beraubt wird), das tut sie von ganz allein. Tricksen, verschleiern, täuschen – da helfen auch keine Konferenzen an idyllischen brandenburgischen Seen… Hier steht dem Konjunktiv des „War wäre wenn…“ ein knallharter Präsens im Futur entgegen. Mit Fakten und unzähligen Argumenten, damit später niemand behaupten kann, dass wir Deutschen allen Unkenrufen zum Trotz aus der Geschichte lernen … können.
