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Augenstern

Nichts ist mehr wie es einmal war. Damals als er in den Krieg zog, den Krieg gegen Irak. Er, Amir, auf iranischer Seite. Der Irak unter der Führung eines gewissen Saddam Hussein wird vom Westen mit Waffen unterstützt, um dem neuen Gottesstaat Iran den Garaus zu machen … was seit einem Jahrhundert immer wieder und fortwährend geschieht, aber niemals endgültig zu Erfolg führt. Die iranische Bevölkerung wurde Jahrtausende von einem Schah mit Folter und Bespitzelung unterdrückt. Jetzt hält eine Schar religiöser Führer das Land mit Folter und Bespitzelung im Schwitzkasten. Doch Amir zieht mit Begeisterung in den Kampf.

Momentan muss er nicht mehr an der Front kämpfen. Ein Arm fehlt ihm, genauso die Erinnerung an das, was einmal war. Reyhaneh ist an seiner Seite. Sie liebt ihn, doch die Zweifel an seiner Aufrichtigkeit nagen an ihr. Auf seinen Schultern – und darin liegt die Einzigartigkeit dieses Romans – leben, schreiben, lasten zwei Engel. Einer links, einer rechts. Sie notieren alles aus seinem Leben. Das haben sie auch schon vor dem Krieg getan. Ihre Niederschriften sind Amirs Gedächtnis. Doch die Engel spielen ihm immer wieder einen Streich. Da ist hinter einem dichten Schleier, der nur vage Andeutungen durchlässt diese Frau. Ein wildes Ding. Sie nimmt sich, was sie braucht. Auch von Amir. Er kann es ihr nicht geben.

Viel klarer sind dagegen die Kriegserinnerungen. Granaten, di in zerfetzten Körpern stecken und ihre Arbeit nicht verrichten, dennoch ihr Ziel erreichten. Widerwärtiger Gestank und poetische Träume lassen in Amir zwei Herzen schlagen. Nicht immer im Gleichklang.

Und zwischendrin das, was selbst Europäer immer wieder von einer fremden Welt schwärmen lässt. Die Basare des Landes. Das funkelnde Gold. Für Amir hat es eine tiefere Bedeutung. Das Gold, das so strahlend und funkelnd das Gesicht der geheimnisvollen Frau erleuchten lässt.

Shariar Mandanipur schafft eine geheimnisvolle Welt, die so real ist, dass man sich in ihr heimisch fühlt. So greifbar die Gedanken Amirs sind, so unnahbar sind im Gegenzug seine Erinnerungslücken. Man fiebert mit dem Protagonisten mit und wünscht ihm so sehr, dass seine Welt wieder in die richtigen Bahnen gelenkt wird, obwohl man weiß, dass dies mit großen Opfern verbunden ist. Liebesgeschichte vs. Kriegstrauma? Oberflächlich gesehen, ja! Doch hinter der Fassade des Bösen wartet ein Zaubergarten mit duftenden Blüten und wohlschmeckenden Früchten, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Das Jahr der Frauen

Noch ein Buch zu hundert Jahren Frauenwahlrecht? Nein, ganz bestimmt nicht! Obwohl es mit Wahl und Frauen zu tun hat. Aber ganz anders, als so mancher es vermuten mag…

Was macht ein PR-Heini, wenn es ihm zu bunt wird? Er geht zum Psychologen. Der hilft, so wie er jedem hilft, der zu ihm kommt. Man selbst muss nur aktiv werden. Proaktiv, überhaupt aktiv. Nicht reagieren. Bloß nicht das! Doch wenn der Seelenklempner keine Hilfe ist? Was dann? Dann wird es richtig spannend! Im Falle von Frank Stremmer entwickelt sich alles zu einem Spiel, einer Wette. Und Christoph Höhtker ist der Strippenzieher im Hintergrund. Lasset die Spiele beginnen! ADORA QUOD INCENDISTI, INCENDE QUOD ADORASTI! Bete an, was Du verbrannt hast. Verbrenne, was du angebetet hast!

Besagter Frank Stremmer beginnt das Jahr auf der Couch seines Psychologen. Gelangweilt ob der belanglosen Fragestunde wirft Stremmer den Vorsatz in den Raum in diesem Jahr monatlich eine Frau zu verbrauchen. Einfach nur so! Prostitution ist dabei ausgeschlossen. Als Anreiz soll das Vorhaben – endlich hat der Patient mal einen Plan, scheint der Doc sich zu denken – als Wette getarnt sein. Der Doc darf sich was aussuchen, wenn er gewinnt. Stremmer setzt als Einsatz seinen Selbstmord. Sich jetzt schon Gedanken zu machen, wer gewinnt, wäre lächerlich. Denn noch stehen zwölf aufregende Monate – mit, für Stremmer, hoffentlich zwölf aufregenden „Verbrauchs-Frauen“ – ins Haus.

Ohne überhaupt eine Antwort von Yves Niederegger, seinem Psychoklempner, abzuwarten, macht sich Frank Stremmer an die Arbeit. Im Januar soll die Auserwählte über ein Dating-Portal ausfindig gemacht werden. Malin, Künstlerin aus Zürich, klingt ganz ansprechend. Alles ohne Zwang, aufregend, anregend – so soll es sein. So passiert es. Mit dem Zug von Genf nach Zürich, alles hinter sich bringen und wieder zurück in die eigene graue Gruft, die nur durch das Bildschirmflimmern des Laptops ein wenig Farbe erhält. Ein Zwölftel ist geschafft. Das Zweite bringt Frank auch ohne Verluste hinter sich. Es läuft. Sechzehn Komma sechs Periode Sechs Prozent schon geschafft. Doch der sportliche Ehrgeiz ist es nicht, der Frank Stremmer antreibt. Es gibt nichts auf dieser Welt, das ihn antreibt. Außer sein Chef, dessen Ego durch seine Arbeit als PR-Mann gelobt, gehypt, gewürdigt sein soll. Hat dieser Typ wirklich die Macht Frank Stremmer am Leben zu erhalten? Wenn ja, dann sollte das niemals an Frank Stremmers Ohren gelangen! Denn in Frank Stremmers Welt ist er allein für seine Situation verantwortlich. Und ein bisschen gefällt er sich auch in dieser Rolle. So kann er beweisen, dass er doch noch zu was zu gebrauchen ist…

Dieses Buch als Anleitung zu Frauenaufreißen oder als Legitimation zur zügellosen Verantwortungslosigkeit zu betrachten, wäre fatal. Denn die Frauen sind nur Beiwerk. In Wahrheit sucht Frank Stremmer gar nicht nach Frauen, sondern nach sich selbst und seinem Leben einen wahren Sinn zu geben. Dass dabei auch der eine oder andere Lustgewinn für ihn abfällt, nimmt er hin wie ein Mann.

Die Kunst, seine Schulden zu zahlen

Das ist die Ungerechtigkeit der Welt: Die Einen haben Geld, die Anderen haben keines. Und dann gibt es noch die, die kein Geld haben und trotzdem leben wie die, die Geld haben. Sie wurschteln sich durch, betrügen, lächeln und leben in den Tag hinein, auf das das Morgen nicht so grau werde wie die Wolken, die sich über ihrem Himmel zusammenraufen.

Der Herr Onkel des Verfasser, also Honoré de Balzac, einem Lebemann, dem man schon zu Lebzeiten seinen ungesunden Lebensstil ansah – er trank nicht den Kaffee, der schüttet ihn in sich hinein wie eine Baugrube, die fortwährend mit Beton gefüllt wird, ist so ein Typ, dem man gern etwas gibt. Auch wenn das bedeutet, dass man nie mehr etwas davon sehen wird. Der aber dennoch seine Schulden zurückbezahlt. Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Aber dieser verworrene Weg, der so lebensnah und fast schon komödiantisch beschrieben wird, lässt keinen anderen Schluss zu: Wer das System und seine Schwachstellen kennt, darf sie auch benutzen. Als Außenstehender – als Leser mit dem Abstand von fast zwei Jahrhunderten – darf, ja muss man, immer wieder schmunzeln.

„Die Kunst, seine Schulden zu zahlen“ hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber aktuell wie eh und je. Grundsätzlich gilt: Geduld, Chuzpe mit einem Spritzer Psychologie und Charme helfen doch sehr bei der Zahlung der Schulden. Beziehungsweise bei deren Vermeidung. Also nicht der Vermeidung der Schulden, sondern der Zahlung selbiger.

Balzac lässt die Puppen tanzen! Sechsundzwanzig Arten von Schulden zählt er (auf). Und acht Arten diese zu tilgen. Diese Differenz lässt das ganze System vom Geben und Nehmen in einem andern Licht erscheinen. Wer Schulden hat, hat meist mehr davon als Auswege daraus. Kleine Zahlenspielerei. Den Stress hätte demnach derjenige, der einem Anderen etwas schuldet. Hätte. Wenn der Schuldner nun aber diesen Ratgeber gelesen hat, sich mit dem Inhalt identifizieren kann, hält sich der Stress jedoch in Grenzen. Das ist wie mit so manchen Kollegen, die immer nur so viel tun, dass man ihnen nicht an den Karren fahren kann. Diejenigen, die mehr tun, weil sie die Notwendigkeit einsehen, kommen innerlich eher ins Schwitzen, da sie für das gleiche Geld mehr tun (müssen).

Dieses kleine Büchlein ist nicht das Buch zur Krise in Zeiten von Corona. Keine Anleitung sich etwas zu erschwindeln, das einem nicht gehört. Und damit auch noch durchzukommen! Nein, es ist ein durchaus amüsantes Stück Geschichte, das verdeutlicht, dass all das, was heute um uns herum geschieht, nicht neu ist. Wer hat, der hat und bekommt immer mehr. Wenn er sich geschickt anstellt. Kreditwürdigkeit ist nicht immer eine Frage des Habens, sondern des Scheins. Honoré de Balzac ist ein Klassiker, den man im Bücherregal stehen haben muss. Und warum nicht mit diesem Büchlein diese Sammlung beginnen? Stets aktuell, beißend, hingebungsvoll, offen – mehr kann man von einem Autor und seinem Werk nicht verlangen. Den Brückenschlag von altem Wissen und Gegenwart gelingt in dieser qualitativ hochwertigen Ausgabe dem Illustrator Volker Pfüller durch seine Abbildungen aufs Vortrefflichste. Das Gesicht der Schuld erkennt jeder, egal in welcher Epoche er sich gerade befindet. Kleine Hinweise in den Zeichnungen verraten jedoch, dass diese nicht aus der Entstehungszeit des Buches stammen können. Wer besaß 1821 schon einen Businessanzug, mit Cross body bag und Smartphone?

Damals in Alexandria

Was soll man zu dieser Familie sagen?! Sie küssten und sie schlugen sich? Liebe, Verachtung, Zusammenhalt, Prahlerei – hier kommt alles auf den Punkt, auf den Tisch, zur Sprache. Und alles in Alexandria. Die Stadt, die dieser jüdischen Familie eine Heimat geworden ist. Italien, England, Türkei – da kommen sie her, da werden sie einmal leben. Sie werden ihre neue Kultur lieben, im gleichen Atemzug nicht minder verachten. Sie werden sich anpassen. In Japan hat es schon mal nicht geklappt. Der Autohandel war mehr ein Experiment, als ein von Erfolg gekrönter Masterplan. Und so hockt man im Exil, während in Europa der Krieg wütet und sie als Juden mehr als nur laufende Zielscheiben sind.

Es ist keine einfache Familienbande. Frotzeleien gehören zur Tagesordnung. Aber eben auch der gemeinsame Einkauf auf dem Markt. Im Trubel der Zeit, des selbstgewählten Exils huschen Lichtblitze der Hoffnung an ihnen vorbei. An Gigi, Vili, Adele und alle den Anderen, die gar nicht so recht wissen wohin mit all ihrer Energie. Das ist vielleicht auch der Kitt, der sie zusammenhält. Lebenslust vs. Überlebenswillen. Und in der Ferne tönen die Kanonen von Rommels Armee. Bald schon wird auch Alexandria nicht mehr das Paradies sein, das man liebt, über das man sich so köstlich aufregen kann.

Die Sippe bekommt noch einmal Zuwachs, aus Deutschland. Wieder eine, die es geschafft hat, rauszukommen aus dem Elend und der schändlichen Umgebung. Wird Alexandria die Heimat bleiben, oder wird es einmal mehr der Ausgangspunkt einer weiteren Reise, einer Flucht werden?

André Aciman lädt den Leser ein an der Tafel dieser großen Familie Platz zu nehmen. Es wird reichlich aufgetischt. Seitenhiebe gehören zum Hauptgang. Kleine Sticheleien sind als Aperitif ein willkommener Gaumenschmeichler. Und zum Dessert die ganz große Tragödie. Wie ein Getriebener liest man sich durch die Kapitel und ist fasziniert wie Familie in dunklen Zeiten funktioniert. Dass nicht jeder jeden mag gehört zum Spiel des Lebens. Doch der unbedingte Wille dieses Konstrukt – aus unterschiedlichen Gründen – am Leben zu erhalten, überwältigt dank der Sprachgewalt des Autors. Immer wieder schlägt er Haken und lässt den Leser mit einem erstaunten Ausdruck von „is alles gar nicht so schlimm“ zurück. Fängt ihn aber postwendend wieder auf, wenn Alexandria als Synonym für Weltoffenheit und Chancenteppich dargelegt wird.

„Damals in Alexandria“ verzichtet auf klischeehafte Andeutungen und Handlungen. Zimperlich darf man nicht sein, wenn man dieses Buch liest. Der Autor ist es auch nicht. Betroffenheitskitsch ist ihm ebenso fremd wie übertriebene Darstellung jüdischen Lebens. Ganz normale Menschen, die in diesem ungewöhnlichen Buch die besondere Zeit hochleben lassen.

Westböhmen und Bäderdreieck

Auch und vielleicht gerade in Zeiten geschlossener Grenzen ist es eine Freude sich den Träumen an eine Auszeit hingeben zu können. Und das war in diesem Fall schon im vorletzten Jahrhundert so. Denn Karlovy Vary (Karlsbad), Marianske Lázně (Marienbad) und Františkovy Lázně (Franzensbad) gehören seit zwei Jahrhunderten zum festen Bestandteil eines erholsamen Urlaubs. Selbst olle Goethe kurte schon hier. Weswegen das Heimweh ob der zahlreichen Goethe-Tafeln und Denkmäler sehr geschmälert wird.

Da scheint es nicht verwunderlich, dass Westböhmen – die Region, in der die drei Städtchen liegen – oft stiefmütterlich als die „Region drumherum“ bezeichnet wird. Gabriele Tröger und Michael Bussmann setzen auch in der siebten Auflage ihres erstklassig recherchierten Reisebandes diesem Vorurteil die Macht der Fakten entgegen.

Wer nicht wegen der Wunderwasser in die Gegend kommt, kommt trotzdem nicht ums teure Nasse herum. Denn hier liegt auch Plzeň, besser bekannt als Pilsen, und noch bekannter als die Stadt ist das Produkt, dass die Stadt in die Unsterblichkeit führt: Pilsner Bier, Pilsner Urquell. Eine kompakte Stadt, die es dem Besucher leicht macht sich zurechtzufinden. Denn wie auf einem Schachbrett läuft oder hüpft man durch enge Gassen, vorbei an eleganten Geschäften und urigen Kneipen und Wirtshäusern. Hundert Prozent Urlaub, und einige Promille Leichtigkeit, ohne dabei das Maß zu verlieren, bitte.

Es sind die Beschreibungen der Wege und Ausflüge ins Umland der kolossalen Namen, die dieses Buch zu einem Rüstzeug machen, das man niemals in einem der zahlreichen, gastfreundlichen Hotels vergessen sollte. Mit diesem Buch in der Hand markiert man sich selbst als wissend und wissbegierig und läuft niemals Gefahr in die falsche Richtung zu irren. Trafen sich noch vor ein paar wenigen Jahrzehnten hier Familien aus Ost und West, um gemeinsam Zeit verbringen zu können, so trifft sich heute hier die ganze Welt, um seinen Sinnen ein wohltuendes Wellnessprogramm für alle Sinne zu gönnen.

Touristenfallen gibt es hier genauso zahlreich wie in anderen Regionen, die auf ihre Geschichte verweisen, um in der Gegenwart die Zukunft zu gestalten. Diese Tretminen erkennen und benennen die Autoren und geben im gleichen Atemzug dem Leser Alternativen an die Hand. Für Kurzausflüge sind Westböhmen mit seinen Juwelen, den drei Bädern, das Ideal an Freiheit. Wer länger bleibt, kommt ebenso auf seine Kosten. Egal, wie lang man bleibt, wie man nächtigt, welche Art des Reisens man bevorzugt – dieses Buch ist für jedermann und jede Zeit. Und es kommt die Zeit, in der Grenzen wieder offen sind und Karlovy Vary, Marianske Lázně und Františkovy Lázně wieder mit Leben erfüllt sein werden. Dann ist es gut vorbereitet zu sein.

Das Leben der Surrealisten

Vielen kommt die Lage im Frühjahr 2020 ein bisschen surreal vor. Doch das ist nicht ganz richtig. Irreal wäre wohl der passende Ausdruck. Surreal kommt mehr aus der Intuition heraus. Klare Formen verschwimmen absichtlich oder bekommen im neuen Kontext eine ganz andere Bedeutung. Salvador Dali kommt einem immer als erstes in den Sinn, sobald die Sprache auf Surrealismus und die Surrealisten kommt. Doch er stand nicht allein als Ikone im Kunstmarkt. Desmond Morris – er selbst hatte Ausstellungen als Surrealist – porträtiert einunddreißig weitere Weggefährten in diesem Buch.

Schon in der Einführung und dem Vorwort erfährt man, was es heißt ein Surrealist zu sein. Der Zeit geschuldet, wandten sich Künstler gegen das, was da im Namen der Ehre vorging: Krieg. Krieg in den Schützengräben, Krieg in den Städten, den Dörfern. Die widerwärtige Fratze des Bösen!

Ihr wollten sie ins Gesicht lachen und dem Greifbaren das Geheimnisvolle entgegensetzen, den Betrachter in ihre – bessere – Welt hineinziehen. Doch schon die Fortsetzung des Bösen – noch widerwärtiger und menschenverachtender als jemals zuvor – ließ die organisierte Gruppe der Surrealisten zerbrechen. Morris konzentriert sich in seinen Schilderungen und Kurzportraits auf bildende Künstler, die von André Breton geduldet wurden, die der gruppe wohlgesonnen waren. Denn Breton war es, der zusammen mit Philippe Souppault das Surrealistische Manifest verfasste und mit fortschreitendem Alter immer verbohrter auf die Einhaltung der Regeln und Prinzipien pochte und sie überwachte. Wer nicht mehr surrealistisch war, flog. Auf Schriftsteller und Musiker verzichtet Desmond Morris, denn dann wäre dieses Buch schwerer und größer als so manches sakrale Bauwerk … Breton hätte das sicherlich gefallen.

Viele der Künstler hat Desmond Morris besucht und interviewt. Teils unverblümt berichten sie aus ihrem Leben und schaffen so ein Bild, das es dem Leser erlaubt sich ein selbiges über ihr Werden zu machen. Eine derartig geballte Ladung Surrealismus können bisher nur eine Handvoll Museen aufbieten: Hans Arp, Francis Bacon, Max Ernst, Marcel Duchamp, René Magritte, Salvador Dali, Joan Miró, Henry Moore und Pablo Picasso bilden einmal mehr die Speerspitze der Bewegung. In der Hinterhand treten Eileen Agar, Leonor Fini, Arshille Gorky, Roberto Matta oder auch Meret Oppenheim ins Rampenlicht, das weniger Kunstfans schon einmal gesehen haben. Jedes Kapitel hat Morris bewusst mit einem Portrait aus der Hochzeit des jeweiligen Künstlers und einem epochemachenden, charakteristischen Werk angereichert. Herausgekommen ist ein elegantes Werk, das oberflächlich für Aufsehen und im Inneren für Erstaunen sorgt. Wer beim nächsten Besuch einer Surrealisten-Ausstellung mehrere Menschen tuscheln sieht, kann davon ausgehen, dass sie in diesem Buch über die Künstler gelesen haben. Denn die Texte sind eingängig und bleiben dank des Autors lange im Gedächtnis.

Ein Witz für ein Leben

Schon bei Durchlesen des Klappentextes steht fest, dass in diesen Kurzgeschichten nichts so sein kann, wie es beschrieben wird. Da folgt ein Junge einer Kuh. Warum? Na, weil sie in einem Kino saß und dann davon trabt. Doch warum ist sie in einem Kino? Na, weil sie vor einer Falle türmte als sie in einem Panzer saß. Alles klar?

Mazen Maarouf lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass seine Geschichten tatsächlich so passiert sein können. Unbeirrt setzt er Ideenfackeln in eine Welt, die real ist. Doch in ihr zu leben, ist nicht einfach. Wie auch, wenn neben einem Granaten einschlagen und man trotzdem zur Schule gehen muss? In einer Welt, in der Schläge vom Vater als Adelung gelten. Ein Paprikastrauch zum Symbol für Überleben und Verantwortung reift. In der ein Aquarium zum Kinderzimmer mutiert.

Die Welt dreht sich weiter. Bei Mazen Maarouf dreht sie sich nicht schneller, nur manchmal in eine andere Richtung. Mit faszinierten Augen stellt man fest, dass alles aus den Fugen geraten scheint, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Immer wieder zieht Mazen Maarouf den Leser in seine surrealen Phantasien hinein. Und immer wieder fühlt man sich darin wohl. Wenn Milizen ihren perfiden Geschäften nachgehen, ist man angewidert. Wenn ein Junge seinen Bruder verkaufen will, um dem Vater ein Glasauge zu kaufen, schockiert die Selbstverständlichkeit der Worte, mit der der Autor den Leser verführt.

Palästina ist die Heimat von Mazen Maarouf. Mittlerweile lebt er als Autor und Übersetzer in Reykjavik und Beirut. Wer in seinen Geschichten den einen Witz sucht, wird ihn nicht finden. Das ganze Buch ist gespickt mit doppelten Böden, irren Begegnungen, kindlichem Reigen. Man verbietet sich selbst mehr als einmal zu schmunzeln. Wie kann in einer derart verdorbenen Welt ein Lächeln über die Lippen kommen. In einer Geschichte fragt sich das auch der Protagonist. Seit seinem neunten Lebensjahr hat er seine Lippen nicht mehr zu einem Lächeln geformt. Aus Protest. Und doch huschen immer wieder ein Lachen oder ein Anflug dessen über das Gesicht. Humor ist die einzige, die kein Embargo aufhalten kann.

Kurt Wolff – Ein Literat und Gentleman

Mit dem Namen Kurt Wolff verbinden nur sehr wenige einen der größten Namen der deutschen Verlegergeschichte. Bei Besuchen von Buchmessen fällt einem mancherorts die Kurt-Wolff-Stiftung auf, die kleinere Verlage unterstützt. Es sind die Autoren, die dem Leser in Erinnerung bleiben. Doch ohne Verleger, keine Autoren. Und so wurde es Zeit, dass auch die Macher im Hintergrund einmal ein bisschen ins Rampenlicht treten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Verlag Ernst Rowohlt auf dem aufsteigenden Ast. Kompagnon war ein gewisser Kurt Wolff. Er war mit seiner Frau Helen nach Leipzig gezogen, um Bücher zu verlegen. Aus diesem Verlag erwuchs der Kurt-Wolff-Verlag. Ihm verdankten damals die Leser unter anderem die Werke von Franz Kafka und Fran Werfel. Der Krieg ließ die Geschäfte schlecht laufen. Doch die Anzahl der veröffentlichten Titel ließ erahnen, dass da ein neuer Platzhirsch das Terrain betrat.

Als nur kurze Zeit später die Zeiger wieder auf Widerstand, Repressalien und Terror standen, musste das Ehepaar Wolff in die USA flüchten. Dort entstand der Pantheon-Verlag. Günter Grass‘ „Blechtrommel“ wurde so auch jenseits des Atlantiks bekannt. Nur ein Beispiel für die Weitsicht des Verlegers Kurt Wolff. Das Kennenlernen von Kurt und Helen Merck wird übrigens so wunderbar wildromantisch in dem Buch „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff beschrieben. Sie führte den Verlag nach dem Tod Kurt Wolffs 1963 weiter.

Nun ist es sicherlich nicht jedermanns Geschmack eine Biographie von jemandem zu lesen, der „nur im Hintergrund wirkte“. Die Rampensäue liefern oft die gefälligeren Stories. Doch deren Geschichten versiegen nur allzu oft im Sande des Vergessens, wenn der Hype schnell vorüber ist. Die Nachhaltigkeit von Kurt Wolffs Wirken ist bis heute spürbar. Und das nicht nur wegen der eingangs erwähnten Stiftung, ohne die viele kleinere Verlage ihrem Tatendrang nicht Folge leisten könnten.

Wer Bücher mag, wer sich Neuem nicht verschließen kann, trifft auf seinem Weg immer wieder den Einen oder Anderen, der den Namen Kurt Wolff in den Mund nimmt. Denn auch wenn das Geschäft die Basis allen Handelns ist, ohne den Mut und die Hingabe sich in dieses Geschäft stürzen zu wollen und zu können, wäre jeder Geschäftsakt sinnlos. Autoren und Verleger bildeten in Kurt Wolffs Fall immer ein Gespann, das nur ein Ziel kannte: Den Leser erreichen.

Der Titel „Ein Literat und Gentleman“ ist eine Verbeugung vor einem Verleger, der eine ganze Branche bis heute beeinflusst. Buchreihen sind an sein Schaffen angelehnt. Geschäftskonzepte folgen seinem Beispiel. Im Graphischen Viertel in Leipzig erinnert eine Plakette an ihn. Ein Buchladen trägt seinen Namen. Aber eine Straße wurde bisher noch nicht nach ihm benannt, um an ihn zu erinnern. Zum Glück gibt es dieses Buch, das einen unermesslichen Fundus über das Leben eines der ungewöhnlichsten deutschen Verleger darstellt.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

Das Pferd würde von der falschen Seite aufgezäumt werden, wenn man behauptet, dass Egon Schieles Charakter seinen Werken entsprechen würde. Die kantigen Konturen erinnern stark an die Wirkung der Bilder, mit denen er Zeit seines kurzen Lebens aneckte. Die explizite Darstellung des Körpers, meist des weiblichen, sorgt bis heute – also über hundert Jahre später – immer noch für zumindest große Augen.

Immer wieder wurde Egon Schiele angefeindet. Doch hinter vorgehaltener Hand fragten sich die meisten Kritiker doch, woher der dünne Schlacks seine Modelle bekam. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass Prostituierte bei ihm ein und ausgingen. Auf Edith und Adele, Schwestern, kennen das Gerücht. Sie wohnen direkt bei ihm gegenüber. Können alles ganz genau sehen. Alles! Wirklich alles! Und Schiele selbst? Auch er hat die Blonde und die Dinkelhaarige schon entdeckt. Er weiß nur nicht wer Edda und wer Adda ist. Eine kleine Notiz ins Haus gegenüber soll Abhilfe schaffen. Der Rest ist verbürgte Geschichte. Aus Edith Harms wird Edith Schiele. Sie und Modell stehen? Niemals! Diese Posen, diese Freizügigkeit – niemals! Adda, Adele ist da ganz anders gestrickt. Ein bisschen älter als Edith ist sie der neuen Kunst nicht unaufgeschlossen. Auch Egon ist nicht ohne Reiz. Doch Egon entscheidet sich für Edith. Sie wird seine Frau. Und Adele seine Muse und Geliebte.

Egon Schiele war als er Edda und Adda kennenlernte, wie umwarb mit Wally zusammen. Auch sie war seine Muse. Und als Gouvernante beim Date mit Adda fast schon so was wie unverzichtbar. Ebenso Moa Nahuimir. Und Gerti. Sie alle waren Egon Schiele zu Diensten. Standen Modell. Waren da, wenn er rief. So expressionistisch seine Arbeiten, so exzessiv war auch sein Leben. Als Künstler trennt man nicht zwischen Leben und Arbeit.

Dem lange verkannten, oft verfemten, angeklagten Egon Schiele war der verdiente Ruhm niemals zugesprochen worden. Erst viele Jahre nach seinem Tod im Alter von 28 Jahren besann man sich seiner. Heute hängen seine Bilder im Museum Leopold und der Albertina in Wien. Der Stadtteil Hietzing, wo er, aber auch Gustav Klimt lebte und arbeitete, Johann Strauss „Die Fledermaus“ komponierte, Franz Schubert starb, Maria Lassing ihr Atelier hatte, Hans Moser herrschaftlich residierte, ist für Kunstliebhaber ein wahres El Dorado. Nur einen Steinwurf von Schloss Schönbrunn entfernt, entfaltet sich hier das künstlerische Wien der vergangenen anderthalb Jahrhunderte.

Egon Schiele und die Frauen ist ein Kapitel für sich. In diesem Fall sogar ein ganzes Buch. Hilde Berger, die auch am Drehbuch zum gleichnamigen Film mitwirkte, lässt einen Exzentriker auferstehen und gibt dem Leser die Aufgabe mit, ob er die Frauen nur ausnutzte oder ob sie selbstbestimmt in den Abgrund rauschten. Denn jede Frau in Egon Schieles Leben wurde auf die eine oder andere Art durch ihn gezeichnet. Wien ohne Schiele ist wie Barcelona ohne Gaudí. Nur schwer vorstellbar und um einiges ärmer. Und Schiele ohne Frauen – das will man sich gar nicht erst vorstellen. Es ist unvorstellbar nach dem Genuss dieses Buches.

Der USB-Stick

Jeder große Herrscher der Geschichte hatte seine Handlanger, die ihm zu seinem Ruhm verhalfen. Die kleinen Helferlein stehen immer im Schatten. Man sieht sie nicht. Jean Detrez ist auch so ein kleines Helferlein. Doch er steht nicht so unerkannt im Schatten wie man es vermutet. Als Experte der Europäischen Kommission für Machbarkeitsstudien für Blockchain-Technologien – es wie immer ums Geld, Stichwort Bitcoin – wird immer mal wieder von Lobbyisten angesprochen. Meist lässt es ihn kalt. Seine Arbeit hat Vorrang, alles andere interessiert ihn kaum. Dass er geschieden ist, beweist diesen Wesenszug nicht unbedingt, verstärkt aber das Bild des Lesers von Jean Detrez.

Zwei Lobbyisten kommen wieder mal auf ihn zu. Sehr interessant, was er soeben in seinem Vortrag erzählt hätte. Jean kennt das schon. Man will ihn abwerben, seine Arbeit nutzen, sein Wissen für sich selbst nutzen. Alles wie immer. Nein, nicht ganz. Aus unerfindlichen Gründen spitzt Jean Detrez dieses Mal die Ohren. Die beiden Typen legen eine Hartnäckigkeit an den Tag, die es ihm fast unmöglich machen sie zu ignorieren. John Stavropoulos und Dragan Kucka, manchmal in Zusammenarbeit mit Yolanda Paul – mehr Weltläufigkeit kann man kaum in die Namensfindung investieren – laden ihn mal allein, mal im Zweier-, einmal auf im Dreierteam ein, in China sich mit ihrem Boss zu unterhalten. Ganz zwanglos! Na klar, wer‘s glaubt! Ein letztes Treffen zwischen Jean und John soll letzte Zweifel aus dem Weg räumen. Ganz wohl ist Jean bei der ganzen Sache nicht. Ein schleichender Prozess, der mit leichtem Verfolgungswahn beginnt, und mit dem Diebstahl seines Laptops noch nicht ganz beendet sein wird. Dazwischen liegen wenige Tage, die sein Leben komplett aus den Angeln heben.

Jean entschließt sich das Angebot nach China zu reisen anzunehmen. Er ist eh auf dem Weg nach Tokio. Zwei Tage Zwischenstation in China – was soll da schon passieren? Es werden zwei Tage, die offiziell niemals stattgefunden haben. Während dieser 48 Stunden existiert Jean Detrez nicht. Keiner weiß, wo er ist, nicht seine Ex-Frau, seine Kinder, seine Eltern (was am schlimmsten ist, denn sein Vater liegt im Sterben), ganz zu schweigen von seinem Arbeitgeber.

Als Jean endlich wieder zurückkehrt nach Brüssel, ist die Welt eine Andere. Der Terror hat Deutschland erreicht, sein Vater ist tot, seine Aufzeichnungen sind geklaut worden, sein Vortrag in Tokio abgesagt. Und er hat niemanden, mit dem er über das sprechen kann, was ihn die vergangene Zeit beschäftigt hat. Der USB-Stick, den John Stavropoulos verloren hat, den Jean gefunden hat, der ihn in die Welt der Cyberkriminalität auf so subtile Weise geschleudert hat – wurde er letztendlich „absichtlich verloren“? Was ist, wenn alles auf diesem Stick alles Dagewesene in den Schatten stellt?

Jean-Philippe Toussaint ist kein Autor, der die Welt in einen Feuerball aufgehen lässt. Ihn interessiert mehr was Veränderungen mit dem Einzelnen machen. Sein Held ist kein harter Kerl, der im Unterhemd die Welt rettet. Er ist einer, dem das Hirn näher ist als der Bauch. Ob er sich in dieser Rolle wohlfühlt oder sich insgeheim wünscht ein Anderer zu sein, das überlässt Toussaint dem Leser.