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Der Teufel in der Schublade

Dichtersruh – ein Name wie Donnerhall. Hier zwischen den Giganten der Alpen liegt dieser kleine Ort. Sogar Goethe kehrte hier einst ein als er auf dem Weg gen Italien war. Noch immer ist der Streit, wo er denn nun abgestiegen war, nicht entschieden. Die Möglichkeit, dass er in keinem der heute ansässigen Unterkünften Rast machte, wird mit Konsequenz hinfort gewischt. Außerdem hat der deutsche Dichterfürst ein weiteres Erbe hinterlassen: So ziemlich jeder im Ort, der des Schreibens mächtig ist – was auf jeden zutrifft – fühlt sich berufen zum Schreiben. Klar, wenn Goethe hier war, muss das ja irgendwie abgefärbt haben…

Und so schreibt man das nieder, was sonst nur der Pfarrer zu hören bekommt. Eines Tages – bitte niemals den Goethe und schon gar nicht sein (Haupt)Werk außeracht lassen! – verschlägt es den Verleger Bernhard Fuchs, Dr. Fuchs, in das mehr oder weniger verschlafene Örtchen. Bei solch geballter literarischer Vielfalt muss man hier zumindest absteigen. So wie Goethe. Die Idee von einem Literaturpreis reift schneller als die Fallwinde das Tal erreichen können. Kantonsweit soll der Wettbewerb ausgeschrieben werden. Doch lieber wäre es allen, wenn er innerorts vergeben werden könnte. Auch wenn das den Zwist unter den Schreiberlingen vergrößern würde.

Ein Preisgeld gibt es auch schon. Nicht kleckernde zehntausend Franken winken dem Gewinner. Das Geld ist auch schon auf dem Weg. Versichert der Verleger. Die Bank ist eher eine kleine Bank, unbekannt. Aber das Geld ist unterwegs. Genau wie die Autoren des Ortes. Sie bedrängen den Verleger ihre Texte zu lesen, zu verlegen, preiszukrönen.

Naja es kommt alles anders als erwartet. Der Bürgermeister hat einen Unfall, ein Fuchs ist ihm vors Auto gelaufen. Ein echter Fuchs, nicht Doktor Fuchs. Der Pfarrer stirbt, sein Nachfolger, der sich oft mit Fuchs, also dem Verleger traf, muss nun alles regeln. Als dann auch noch ein Knall das Tal erhellt, bricht für so manchen die heile Welt entzwei.

Ich möcht‘ wissen was die Welt im Innersten zusammenhält. Mephisto hilf! Da hat Goethe was angerichtet! Das setzt er vor zweihundert Jahren das Gericht in die Welt, dass der Teufel immer noch sein Unwesen treibt. Und dass man den Gehörnten nicht auf den ersten Blick erkennt. Und nun steht der Leibhaftige in Dichtersruh seinen Schäfchen gegenüber? Ein köstlicher Spaß mit Schnitzeljagdcharakter. Denn die Geschichte wird aus allerlei Blickwinkeln erzählt. Mit jedem neuen Kapitel muss man sich einnorden auf den jeweiligen Erzähler. Ein teuflischer Plan des Autors!

Fränkische Schweiz

Hier bläst man nicht das Alphorn, hier rollt man das R so schön wie nirgendwo auf der Welt. Hier rauchen nicht nur die Schornsteine, hier raucht‘s auch im Braukessel. Und Rrrricharrrd Wagnerrrr wird hier nicht als Volksdichter verehrt, sondern als der Komponist, der Bayreuth (wieder ein R), der der Stadt einen anhaltenden Besucherstrom beschert.

Doch Spaß beiseite, Franken, die Fränkische Schweiz ist eine Region, in der man getrost zu jeder Jahres-, Tag- und Nachtzeit sich erholen kann. Kaum ein anderer Landstrich ist so gut zu erreichen. Die Berge sind für jedermann zu erklimmen. Die Küche ist für Groß und Klein ein Wohlgenuss. Und trotzdem gibt es noch Ecken, die den Massen verborgen bleiben. Das ist auch gut so. Dennoch wagen Hans-Peter Siebenhaar und Michael Müller den Versuch diese aufzustöbern und dem geneigten Publikum zu präsentieren. Das Ergebnis sind über dreihundert Seiten Fränkische Schweiz, die schon beim Durchblättern Lust auf Schäufele, Rauchbier, Äktschn, tiefes Luftholen – kurzum: Urlaub machen.

Die sechs Kapitel können unterschiedlicher nicht sein. Da ist Bamberg am westlichen Rand der Fränkischen Schweiz, das sich mit seiner prächtigen Architektur nicht verstecken muss. Forchheim und das Walberla hingegen sind schon eher was für Eingeweihte. Ob von Oben als Gleitschirmflieger oder als Erdbuddler mit archäologischer Präzision – wenn eine Region ein Komplettpaket anbieten kann, dann ja wohl hier. Und das gleich um die Ecke. Egal, ob nun ein Virus die Welt in Atem hält oder nicht, muss man hier mindestens einmal im Leben gewesen sein. Noch ein bisschen Geschichte gefällig? 10-19 lautet das Erfolgsgeheimnis des Tales der Wiesent. Zehn Burgen und Schlösser plus neunzehn Mühlen. Solch eine Einleitung gibt es in jedem Kapitel. Kurz und knapp wird Appetit gemacht, was auf einen wartet. Auf den Folgeseiten werden diese Thesen nicht nur erhärtet, sie werden derart anschaulich dargestellt, dass man gar nicht mehr umhin kann als weiterzulesen und den nächsten Urlaub herbeizusehnen.

Als Reisebuchverlag aus Franken gehört es sich auch einen Reiseband im Programm zu haben. Und der Chef packt selbst mit an. Als Autor kulinarischer Unikate („Do schmeckts!“, Teil Eins und Zwei) weiß er wie der Leser nicht nur an den Tisch, sondern in seine Region lockt. Hans-Peter Siebenhaar weiß wie man dorthin kommt. Links und Rechts der zahlreichen beschriebenen Weg finden die beiden Autoren das, was als unverwechselbar die Fränkische Schweiz auszeichnet. Mit kleinen Anekdoten und unterhaltsamen Beiwissen in farbig abgesetzten Kästen, erleichtern sie jedem Reisebuchleser die Lektüre. Da passiert es auch schon mal, dass man mitten im Schwelgen an Franken plötzlich in der Türkei landet. Wie das geht? Besuchen Sie Hollfeld, lesen Sie vorher diesen Reiseband und das entsprechende Kapitel.

Im Fallen lernt die Feder fliegen

Von einer Reise vom Regen in die Traufe zu sprechen, würde dem Schicksal Aidas nicht gerecht werden. Ihre Eltern flohen vor dem Kriege zwischen Iran und Irak in den feindlichen Iran (wo sie in einem Flüchtlingslager geboren wurde) bis sie ihre Reise schlussendlich in der Schweiz in ruhigere Bahnen gelenkt wurde. Sie wuchs hier mit ihrer älteren Schwester auf. Fast schon war die Schweiz so etwas wie Heimat. Fast, denn das ewige Nachhängen des alten Lebens im Irak, was ihre Eltern, besonders ihren Vater, umtreibt, belastet den Alltag.

Der Vater kann und will sich nicht eingliedern. Zu fremd das gastfreundliche Land, das sie aufnahm, aber nach und nach auch Integrationserfolge sehen will. Die Eltern wollen zurück. Denn der Krieg ist vorüber. Die Diktatur Geschichte. Dass dem nicht so ist, davor verschließen sie gedankentreu die Augen. Was soll Aida machen? Sie ist zu klein, um allein in einem letztendlich doch fremden Land zu bleiben. Und außerdem gehört ein Kind zu seinen Eltern!

Vater bestimmt, Mutter folgt, die Kinder haben keine Wahl. Der Irak soll ihnen eine neue Heimat werden. Doch die neue Heimat ist alles andere. Als ihre Schwester unter die Haube soll, ob sie will oder nicht, kreisen die Gedanken nur noch um Eines: Flucht. Wieder einmal. Wieder einmal in die Schweiz.

Doch auch hier wird Aida nicht so glücklich wie sie es in einer richtigen Heimat wäre. Niemand da, dem sie sich anvertrauen kann. Es sind nicht die materiellen Dinge, die sie eine Heimat vermissen lassen. Gespräche, freie Gedanken sprühen in ihrem Kopf herum- Sie beginnt sie aufzuschreiben.

Usama Al Shahmani zündet ein Feuerwerk der leisen Gefühle. Die Aida, die er schuf, reift zu einer Persönlichkeit heran, die so unnahbar ist wie eine Feder im Wind. Sie selbst ist immerwährend auf der Suche. Nach sich, nach Heimat, nach Verbindungen. Sie findet sie nur, wenn sie ihr Leben niederschreibt. Auch ihr Freund dringt nicht vollends zu ihr durch. Aber er ist die Stütze, die sie braucht. Ein erster Pfeiler in einem heimatlichen Boden. In selbigen gerammt vom Schicksal. Unerschütterlich.

Aidas Leben beginnt sich wieder zu drehen. Doch es geht dieses Mal nicht darum, eine Bewegung anzuhalten oder umzukehren, sondern den Weg beizubehalten und mit Würde und Freude beschreiten zu können. Ein endgültiger Zieleinlauf ist nicht absehbar, doch nach den zahlreichen Kurvenläufen, ist die Zielgrade sichtbar.

Ein wunderbar poetischer Roman, der jegliche Klischees einer Flucht außen vor lässt. Was Flucht mit Menschen macht, wird mit sensiblen Worten und nie gekannter Sprachgewalt dargestellt.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

Sturm über Hamburg

Kuriere haben es ab und zu mit wirklich sonderbaren Auftraggebern zu tun. Das ist heute fast schon Normalität, im Jahr 1848 darf sich ein junger Mann, der als Kurier auch nicht offen wundern, warum er mitten in der Nacht einen Kupferstich bei einem Kunden abliefern soll. Doch er wird seinen Auftrag nicht vollenden können. Oder doch? Bald schon findet man seine Leiche im Alsterfleet der Hansestadt Hamburg. Titus Heißig von der Polizei fällt nun die ehrenvolle Aufgabe zu dem Toten – soweit möglich – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hilfe bekommt er von unerwarteter Seite: Moritz Forck. Gerade mal zwei Jahrzehnt auf dieser Welt, ein Frischling im Handelsgeschäft im Hamburger Hafen. Und doch schon sein zweiter Fall. Autor Jürgen Rath betätigt sich ein weiteres Mal als Arbeitsbeschaffer.

Es ist vor allem die detaillierte Beschreibung der Umstände in dieser Zeit, die „Sturm über Hamburg“ so nachhaltig im Gedächtnis bleibt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Europa einem echten Umsturz ausgeliefert. Überall Revolution (fast überall), die Arbeiter streikten, die Arbeitsbedingungen, die Willkür der Staatsmacht, die wackelnde Macht des Adels etc.

Moritz Forck ist nicht mehr der Stift, der für jedermann den Dreck wegräumen muss. Das erledigen nun seine Nachfolger. Er ist sozusagen Azubi im zweiten Lehrjahr. Und zwar – um in der Sprache der Gegenwart zu bleiben – in der Logistikbranche. Wareneingang, Warenausgang – solche Sachen halt. Inklusive Buchhaltung. Wobei hier sein Aufgabenfeld mehr in der Vorbereitung der eigentlichen Arbeit liegt. Wer in seinem Bücherregal vorwiegend Krimis der Gegenwart liest, kommt schnell zu dem Entschluss, dass Telekommunikation für die heutigen Ermittlungen unerlässlich ist. Doch damals, vor mehr als anderthalb Jahrhunderten, war maximal eine Trillerpfeife zur Hand, um behördliche Hilfe herbeizu-, naja „trällern“. Mehr war nicht drin!

Jürgen Raths historischer Kriminalroman ist ein spannender Krimi aus einer spannenden Zeit, der vor allem durch sein hintergrundwissen lebendig wird. Die Hafencity Hamburg, wie sie sich heute gern nennt, war seit jeher ein Ort, in dem Geschichten entstanden, sie bis heute gern erzählt werden. Hier wurde die Welt nicht nur am Laufen gehalten, hier gab man ihr Schwung. So wie Moritz Forck den Ermittlungen im Fall des toten Kuriers Schwung gibt. Er ist kein Naseweis mit altklugen Sprüchen, sondern den Berufsspürnasen immer eine Nasenlänge voraus.

Großes Kino

Bis vor Kurzem war Carsten Wuppke noch engagierter Sozialarbeiter. Schon vorher, und jetzt noch mehr bekämpft er das System von innen. Als Sozialarbeiter kennt er die Schlupflöcher verteilt großzügig diese gekennzeichneten Landkarten. Doch eine Vorstrafe macht ihm nun den Garaus. Im Supermarkt kommt es dann zur Eskalation als ein Polizist in barschem Ton eine Kassiererin anpöbelt. Wuppke kann Ungerechtigkeit und Amtsmissbrauch nicht ausstehen und pöbelt gegen den Amtsträger zurück. Böser Fehler! Denn der will nun postwendend Wuppkes Legitimationspapiere sehen. Nisch mit Wuppke! Ab durch die Mitte. Raus uff de Straße. ‘Nen Mopedfahrer umgenietet, Ruff uffs Moped und wech. So weit so gut.

Der „ausgeliehene“ Roller gehört aber dem Chinesen, Ali al-Safa. Der hat in Berlin-Neukölln mehr zu sagen als so mancher Politiker. Sein Wort hat wirklich Gewicht. Und mit Wuppke versteht er sich ganz gut. Eine Hand wäscht die Andere – alles klar?

Der Chinese ist nun aber ganz und gar nicht angetan, dass Wuppke Salid den Roller unterm Arsch weggeklaut hat. Moment, von Klauen kann hier nicht die Rede sein, kontert Wuppke. Ali sieht das anders. Eine Wiedergutmachung würden die Wogen erheblich glätten. Wie soll das aussehen, fragen sich Leser und Wuppke. Ali will auf Solt, wie er sagt, gemeint ist Sylt, mal nach dem Rechten schauen. Ali wollte Land kaufen. Hat sich mit den örtlichen Verantwortlichen eingelassen. Doch nun herrscht Funkstelle zwischen Spree und Nordseestrand. Wuppke wird’s schon richten. Er kann reden. Kennt Schleichwege wie kein anderer. Doch so schnodderig Wuppke ist, so verflixt kompliziert ist die Sache mit dem Landkauf auf Sylt. Wuppke muss wohl zum ersten Mal in seinem Leben wirklich arbeiten. Und dann auch noch mit Nachdruck! Für Druck sorgt Ali al-Safa schon.

Wuppke hat sich inzwischen die politischen Gegebenheiten auf der Insel zu Gemüte geführt. Da ist eine Aktivistengruppe. Ein Beamter, der weiß wie man Aufträge so vergibt, dass das eigenes Mütchen stets kühl und die Brieftasche immer kurz vorm Zerbersten bleibt. Der kleene Sozialarbeiter aus Neukölln, der sich nie bei seinem Bewährungshelfer meldet, der die schiefe Schnauze zur Kunstform erhoben hat, pingpongt inzwischen im Spiel der großen und kleinen Ganoven vom feinsten Sandstrand bis zum Spreeufer. Ob det was wird? Zum Helden scheint Carsten Wuppke jedoch erst einmal nicht geboren…

Sascha Reh mit Wuppke eine echte Type. Mit der Mafia nimmt er es genauso auf wie mit dem Clan aus seinem Kiez. Listige Bauunternehmer und zukünftige Amtsträger können ihm zwar drohen, doch ernsthaft in Gefahr bringen, kann er sich nur selbst. Mit allerlei Anleihen beim Großen Kino (von E.T. bis Jackie Brown) und einer unschlagbaren Eloquenz schafft es Wuppke immer wieder zu beschwichtigen. Origineller kann ein Krimi nicht sein!

55x verführt Bamberg

Urlaub planen in der Coronakrise ist wie in der Ladeschleife bei dürftiger Netzleistung zu hängen. Man wartet, dass endlich was passiert. Da freut man sich, wenn es Konstanten gibt, die einem die leidvolle Zeit in angenehmer Art und Weise irgendwie erträglich machen können. Bamberg zählt sicher nicht zu den Gewinnern der Krise – die gibt es nicht wirklich. Aber eine Stadt, die über Jahrhunderte so manche Krise gesehen und überlebt hat, kann so leicht nichts aus den Angeln heben. Schon ein einfacher Spaziergang durch die ehrwürdigen Gassen mit der beeindruckenden Architektur hilft über so manche Einschränkung hinwegzusehen. Doch wie weiter?

Markus Raupach weiß da Rat. Er ist Bamberger, hat hier studiert, arbeitet hier. Und er hat fünfundfünfzig Leggerlis zusammengestellt, die jeden Besucher verführen sollen. Vorab schon mal so viel: Es funktioniert! Denn selbst, wer Bamberg noch nicht kennt, ist schon nach dem einfach Durchblättern zwar kein Kenner der Stadt, jedoch um die Sehnsucht nach Bamberg reicher.

Auf über 240 Seiten breitet sich die Stadt an der Regnitz, die die Stadt zu umarmen scheint – schließlich gibt es hier den rechten und den linken Regnitzarm – vor dem Auge des Lesers, später des Betrachters, Besuchers aus. Wie die Tipps über die Kneipenszene momentan ausgelebt werden können, kann niemand voraussehen. Aber ohne die Tipps würde man das Eine oder Andere garantiert verpassen. Also, auch diese Kapitel sorgsam lesen!

Manchmal gibt das Buch gleich mehrere Tipps auf einmal. Die Altenburg ist seit Jahrhunderten (1109 wurde sie erstmals erwähnt) ein Blickfang und Abenteuerspielplatz für Groß und Klein. Der Blick vom Greifenklau-Biergarten ist wohl der Schönste auf das imposante Bauwerk. In dem hat sich zu Lebzeiten schon E.T.A. Hoffmann mit Graffitis verewigt. Bier, Burg – ein guter Einstieg Bamberg zu erobern.

Apropos Bier. Daran kommt man hier nicht vorbei. Das berühmte Rauchbier gehört zur Stadt wie der Eiffelturm zu Paris. Nur dass es in Bamberg wohl nicht so recht Zweifel gab, ob man es wirklich braucht. Selbst im so genannten Bierkrieg, wurde die Notwendigkeit nicht angezweifelt.

Auf dem Weg durch die Stadt werden einem immer wieder Skulpturen auffallen. Sie gehören zum Bamberger Skulpturenweg. Nicht alle Werke sind noch zu besichtigen, aber die wichtigsten sind im Buch mit Ort und Namen samt Künstler benannt.

Neben den fast schon versteckten Orten, die Bamberg so einzigartig machen, sind es aber vor allem die im strahlenden Sonnenlicht schimmernden Augenschmäuse, die Besucher nach Bamberg locken. Auch hier hat der Autor so manche Anekdote parat, die man sich gern noch einmal erzählt, wenn man rund ums prächtige Rathaus schlendert oder dem Naturkundemuseum einen Besuch abstattet.

Ein rundum gelungener Stadtreiseband, der nicht mehr verspricht als er hält. Ehrliche Recherchen in einer der beeindruckendsten Städte, die mit der Bahn dank ICE-Anbindung so einfach zu erreichen ist. Und dank dieses Buches nun kein Buch mit sieben Siegeln ist.

Die verlorene Schwester – Elfriede und Erich Maria Remarque

Da sitzt ein Mann in einem Zug Richtung Osten, von Kalifornien gen Chicago. Er sehnt sich nach seiner deutschen Heimat. Als Exilant muss er jedoch noch zwei Jahre warten. Denn das aktuelle Deutschland ist nicht sein Deutschland. Er versinkt im Bombenhagel und willkürlicher Brutalität. Die Hitze der Brandbomben reicht bis New York. Doch echte Nachrichten, die er nicht sucht, und auch nicht bekommt erreichen ihn später, viel später, zu spät.

Etwa zur gleichen Zeit wird eine Schneiderin barsch aus ihrer Arbeit und umgehend aus ihrem Leben gerissen. Das energische Klopfen an der Tür verheißt nichts Gutes. Staatsschutz. Festnahme. Anklage. Wehrkraftzersetzung. Ihr Bruder hat einen der größten – vielleicht den wichtigsten – Antikriegsroman aller Zeiten geschrieben, „Im Westen nichts Neues“. Die Neuigkeiten aus dem Osten, von ihm aus gesehen, erreichen ihn erst Monate später.

Der Mann im Zug ist Erich Maria Remarque, die Schneiderin seine fast fünf Jahre jüngere Schwester Elfriede Scholz. Sie hat mit Freunden, Kunden und ihrer Vermieterin über den Krieg gesprochen wie ihr Bruder in seinem Roman. Sie ließ kein gutes Haar am Krieg und schon gar nicht an den Verantwortlichen. Die erste Hinrichtung wird verschoben. Die Zweite findet statt. Sie hat nicht mehr die Zeit um auf ihr niemals glamouröses Leben zurückblicken zu können. Zu schnell das Fallbeil in Plötzensee.

Währenddessen genießt Erich Maria, die Maria hat er ihr geklaut, hat sie immer belustigt kundgetan, das Leben des erfolgreichen Autors in den Staaten. Er floh früh, rechtzeitig. Die Tantiemen seines Romans und die Filmrechte daran sichern ihn bis an sein Lebensende exquisite Gemälde, Teppiche und nie versiegende Champagnerflüsse. Seine Affären sind fast schon legendär: Marlene Dietrich, Greta Garbo Paulette Goddard (Chaplins Ex). Er schreibt, er lebt, er liebt. Fern der Heimat erfreut er sich des Lebens, das er selbst retten konnte. Viele hatten kein Glück, Andere flohen über Monate, Jahre unter unmenschlichen Bedingungen.

Heinrich Thies eignet sich Remarques Schreibstil an und vollführt einen grandiosen Veitstanz in der biografischen Literatur. Erich Maria und Elfriede hatten ein spannendes Leben. Nicht immer gewollt, doch immer bei vollem Bewusstsein. Keine Kinder von Traurigkeit. Aber immer klar im Denken und bereit die eigene Einstellung zu vertreten. Wenn nötig auch öffentlich. Ein gutes Ende konnte beiden – im Nachgang kann man immer schnell urteilen – eigentlich niemals angedeihen. Zu groß die Leidenschaft, zu immens der Druck. Berlin, New York, Osnabrück, Porto Ronco – Stationen zweier Leben, die unterschiedlicher nicht verlaufen konnten. Erst in der Endgültigkeit sind sie wieder vereint.

Nächtliche Erklärungen

Manchmal passiert es, dass man sich bedanken möchte ein bestimmtes Buch lesen zu dürfen. Im Falle von „Nächtliche Erklärungen“ ist es so und Edem Awumey lässt den dankbaren Leser sogar am Entstehungsprozess teilnehmen.

Ito Baraka ist Autor. Er lebt in Kanada, in der Nähe von Ottawa. Er will schnellstmöglich sein neues Buch abschließen. Denn er wird sterben. Das müssen wir alle irgendwann einmal. Doch sein Irgendwann steht fast schon vor der Tür. Leukämie. Für sich und für seine drogensüchtige Freundin Kimi Blue will er den Roman abschließen, der sein Leben nicht mehr verändern wird.

Ito Baraka stammt aus Westafrika, aus einem Land, in dem ein Diktator mit unnachgiebiger Brutalität seiner Angst vor Machtverlust versucht der Lage Herr zu werden. Ito ist Student. Zusammen mit anderen übt er Theaterstücke ein, ist politisch aktiv. Die Prügelschergen des Regimes kommen ihnen bald auf die Schliche. Ito wird verhaftet, eingekerkert, verhört, gefoltert. Sein Zellengenosse Koli Lem gehört zu einer zweiten Sorte Gegner, die mit Vorliebe von den Diktatorensöldnern verfolgt wird. Intellektuelle und Menschen, denen man aufgrund ihres Charismas und ihrer angeblichen magischen Kräfte von Natur aus nicht trauen kann. Zumindest wenn man als Alleinherrscher ein ruhiges Leben führen möchte. Koli und Ito werden Freunde. Ito liest Koli immer wieder aus Büchern vor, denn Koli hat man das Augenlicht genommen. Wochenlang zwang man ihn ungeschützt in die Sonne zu starren.

Schon in den ersten Absätzen zieht der Autor den Leser in eine Zeit und in ein Land – es könnte Togo in den 80er Jahren sein, wo Edem Awumey geboren wurde – in dem jeder Funken von Freigeist mit äußerster Härte erstickt wird. Ito konnte fliehen. Er hat sich in Kanada ein neues Leben aufgebaut. Kein Luxusleben. Aber ein freies Leben. Er ist sogar so frei, dass er seine eigene Vergangenheit nun mit Abstand betrachtet anderen zugängig machen will und es vor allem auch kann.

Die Wucht der Worte fegen jeden eventuellen Zweifel hinweg, dass es wieder ein Buch über Folter und Flucht sein könnte, wie es schon so viele (zu viele?) gibt. Es als eindringlich zu beschreiben, würde der Wahrheit nicht annähernd gerecht werden. Ganz tief wühlt Awumey lässt Ito Baraka in seinem Leben wühlen. Das Blut gerät in Wallung, aber statt zu hassen, sieht Ito in seiner Vergangenheit mehr die Chance für einen Neubeginn. Auch wenn seine Zeit endlich ist.

Im riesigen Bücherstapel afrikanischer Literatur und Literatur über Afrika sticht „Nächtliche Erklärungen“ durch seine Schonungslosigkeit und die einzigartige Wortwahl heraus.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!