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Kalender 2022 Wildwuchs

Das schönste Unkraut ist das, was man nicht als solches erkennt. Wo Gärtner sich die Haare raufen, erkennt der Genießer die Schönheit der Natur. Disteln gehören nicht zu den Freunden im eigenen Planquadrat des Wochenendglücks, doch wenn man sie – aus sicherer Entfernung – in all ihrer Pracht betrachten kann, kann man sich ihnen nicht entziehen.

Wildwuchs das ganze Jahr über. Von Lauch über Schlüsselblumen bis zu Ochsenzungen (ja, das ist ein Pflanze und keine unerwartete Liebesbezeugung eines Tieres, dem man zu nahe gekommen ist) begleiten den naturliebenden Betrachter durch gesamte Jahr. Jeder Monat hält ein üppiges Füllhorn an Simsenlilien, Herbstzeitlosen und Pfeifenwurzgewächsen parat. Schon beim Lesen der Namen kommen Erinnerungen hoch an das, was die Oma noch wusste. Die Natur ist ihr bester Repräsentant. Sie braucht keinen überflüssigen Schnickschnack, um den Betrachter zu gefallen. Sie ist sich selbst genug.

Die nostalgischen Abbildungen auf dem Graspapier unterstreichen den gemütlichen Charakter, den dieser Kalender Monat für Monat verströmt. Und man lernt sogar noch was dabei. Nicht nur, dass sie allesamt im Mai abgebildet sind, sie gehören zu einer Familie: Vielblütiger Weißwurz, Quirlblättriger Weißwurz, Maiglöckchen (ah jetzt klingelt’s) und Echtes Salomonssiegel. Jeder Pinselstrich ist gewollt und lädt zur Schnitzeljagd auf das nächste Detail ein.

Diese Illustrationen verschönern jede Wand, an der sie zum Verweilen einladen. Die Größe der Abbildungen verstärkt die Wirkung der Pflanzen, die man sonst mühevoll suchen muss. Von Gewürzen wie Thymian und Oregano (wer hat das schon mal in „freier Wildbahn gesehen“? – die wachsen nicht im Glas mit Dosierhilfe!) über Sanddorn bis hin zu den giftigen Pflanzen wie Tollkirsche und Stechapfel bietet die botanischen Illustrationen ein Potpourri, das man sich gern und lange anschaut. Ein echter Appetitanreger!

Kalender 2022 Kulinarische Plakate GenussKunst

Wie oft benutzt die euphemistischen, übertriebenen, oft auch falschen Aussagen aus der Werbung?! Wenn man ein „Ich tu doch schon mein bestes“ zu hören bekommt, kontert man mit einem „Mühe allein genügt nicht“. Oder wenn von einem selbst drei Sachen auf einmal verlangt werden, fühlt man sich wie ein Überraschungsei. Und wer will schon „gleich in die Luft gehen“? Erkannt, um welche Spots es sich handelt?

Werbung war schon immer ein probates Mittel eigene Produkte in einem besonders schimmernden Licht erscheinen lassen zu können. Es gab eine Zeit, in der die Macher der gedruckten Werbung – weit vor Radio und Fernsehen, und noch viel eher als das Internet uns permanent mit schlecht gestalteten Slogans penetrierten – echte Künstler waren. Lyonel Feininger zum Beispiel begann seien beeindruckende Karriere als Werbegrafiker.

Der Kalender „GenussKunst“ macht dem im Jahr 2022 ein Ende. Stilvolle Werbung, deren künstlerische Gestaltung vielleicht nicht zum Kauf des einen oder anderen Produktes animiert, dem Betrachter jedoch die „gute alte Zeit“ zurückholen wird.

Das Jahr beginnt süß. Pudding ist die Belohnung für harte Arbeit oder braves Benehmen. Je nach Alter des zu Beglückenden. Man fühlt sich wie ein König, genießt man die Desserts von La Favorite. Die Firma gibt es so nicht mehr, deswegen kann hier beruhigt der Name genannt werden. Die Werbung hingegen bringt es gekonnt auf den Punkt. Ein Pudding von dieser Firma und dem Tag wird die Krone aufgesetzt.

Und so verstreicht kein Monat, in dem einen nicht der Mund wässrig gemacht wird. Von Zitronenlimonade aus England über Yoghurt (mit Y!) aus der Schweiz bis hin zu Olivenöl aus dem Süden Frankreichs. Man kann nicht anders als hinzusehen. Je näher man den Abbildungen kommt, desto mehr Details erkennt man. Die provenzalische Tracht der wenig marktschreierischen Anpreiserin, die harte Arbeit der Weinbauern, die sich in ihrer Körperhaltung widerspiegelt oder die unbändige Lust, die einen überkommt beim Genuss eines Tellers Spaghetti. Skurrile Gestalten lassen einen den strengen Geruch des Dargebotenen vergessen. Und wenn Schwein und Stöhr ein Glas umarmen, muss man schon genauer hinsehen, um die Hintergründe zu erforschen. Gar nicht so einfach, denn die kyrillischen Buchstaben sind nicht jedem geläufig.

Dass Werbung nicht nur störend sein kann, sondern durchaus die Sinne anregt, zeigt dieser Kalender ein Dutzend Mal. Sich die Zeit nehmen und die Tafeln sich aus der Distanz, dann wieder von Nahem anzusehen, lohnt sich wirklich. Man muss ja nicht gleich losrennen und Käse, Kakao und Würzmischungen kaufen…

Der Mond und die Feuer

Wiederkehren an einen Ort, den man einst verlassen hat, weckt unterschiedliche Gefühle. Besonders, wenn dieser Ort nicht der eigen Ort ist. Den Erzähler zieht es nach zwanzig Jahren wieder zurück in sein Dorf im Piemont. Ob es wirklich „sein Dorf“ ist, kann er nicht einmal mit Bestimmtheit sagen. Denn er wurde kurz nach seiner Geburt in einem Winzerkorb auf den Stufen der Kirche abgelegt. Ein Bauernpaar aus der Umgebung nahm ihn auf. Sie bekamen einen Silber-Scudo vom Findelhaus dafür, ein Akt der Nächstenliebe war es also nicht. Sie sahen in ihm die potentielle Kraft, die eines Tages mit anpacken wird.

Das Piemont am Ende der Vierzigerjahre ist nicht mehr das Piemont, das er damals verließ, um in Amerika sein Glück zu suchen und zu versuchen. Doch auch am anderen Ende der Welt traf er … Piemonteser. Einer kannte sogar seinen besten Freund Nuto. Den sucht der Erzähler nun selbst. Und findet ihn. Er selbst kehrt nicht als Krösus in den Ort seiner Kindheit zurück. Er ist ein Mann, ein stattlicher Mann, aber reich wurde auch er nicht. Hat ein bisschen Geld in Genua, wo er seit geraumer Zeit wieder wohnt.

Das Dorf hatte schon immer seinen eigenen Geruch. Dieser hängt auch dem Rückkehrer noch an. Es ist tief ins Fleisch eingezogen. Den anderen Dorfbewohnern ist er noch schemenhaft bekannt. Es beginnt für alle, mit denen er spricht, eine Zeitreise. Eine Reise, die vor langer Zeit begann und für viele niemals enden wird. Denn der Krieg hat das Dorf gespalten. Die Idylle der Berge, der Geruch des Bodens, die Früchte, die er hervorbrachte, waren auch Früchte des Zorns.

Nach und nach öffnet sich der ausgedorrte Boden und dürstet nach dem lebensspendenden Nass. Zuerst in Erzählungen. Nuto und der Aal, der namenlose Erzähler, holen in Gesprächen einen Teil ihres gemeinsamen Lebens nach. Was er nicht alles verpasst hat als er in Amerika sein Glück suchte und vielleicht auch fand?! Je tiefer das Nass in den Boden dringt, desto mehr kann der Erzähler selbst Wurzeln schlagen. Wurzeln, die er nie hatte. Er war immer der Beobachter, niemals Teil der Entwicklung. Doch was soll er nun mit den Wurzeln tun? Am Ort verweilen? Oder sich selbst aus dem Boden der Vergangenheit reißen, um einmal mehr andernorts … ja, was? Wurzeln schlagen?

Cesare Paveses letztes Werk – kurz nach Erscheinen nahm er sich mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben – sprüht über vor Lebenslust, Erinnerungen, aber vor allem vor Zweifel. Was hätte sein können? Wäre der Erzähler geblieben, hätte er dann Wurzeln schlagen können? Und wenn ja, hätte er das überhaupt gewollt? Die Eindrücke, die der Rückkehrer in sich aufnimmt, entfalten bis heute eine ungeheure Lust an den Handlungsorten des Buches die Gerüche aufzunehmen und am Leben in der Dorfgemeinschaft teilzunehmen. Auch wenn man nur Beobachter sein kann. So wie Pavese und der Erzähler.

Sommerlieben

„Trautantchen“ Marie-Luise Anger fährt mit den Kindern ihres Bruders in den Urlaub nach Usedom. Dem ist gerade die Frau abhanden gekommen. Sie ist ihm weggelaufen. So kann er sich sortieren und die Kinder einen unbeschwerten Urlaub verbringen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Klingt erst einmal wie ein schwer bedeutungsvolles Thema.

Doch es ist ganz anders. Zuerst: Die Autorin heißt Hedwig Dohm und war die Großmutter von Katia Mann. Sie gehört zur ersten Riege unabhängiger Frauen, die heute (oft abschätzig und immer noch belächelt) als Feministin bezeichnet werden. Und mit erster Riege ist sowohl ihre Bedeutung als auch die zeitliche Eingliederung gemeint.

Und Zweitens ist „Sommerlieben“ ein Briefroman, in dem die Autorin sich selbst eine Stimme gibt (die Vermutung liegt verdammt nahe, wenn man sich ihr Leben betrachtet), in dem sie Marie-Luise zahlreiche Briefe in die Heimat schreiben lässt.

Drittens: Der Roman wurde im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Hedwig Dohm war eine angesehene Stimme im Kampf für Gleichberechtigung. Was Anfang des 20. Jahrhunderts etwas ganz anderes war als heutzutage. Dank ihr.

Usedom war schon immer eine Reise wert. Die Kaiserbäder waren en vogue. Es war chic sich hier zu zeigen. Marie-Luise macht aber hier Urlaub, um wirklich Urlaub zu machen. Kein Sehen und Gesehenwerden. Um sie herum eine rabaukenhafte Kinderschar, die keine Möglichkeit auslassen sich ausgelassen auszutoben. Ihr selbst macht das wenig aus. Klar, dass ihr hier und da einmal der Geduldsfaden reißt, aber im Großen und Ganzen sind die Kinder ihr ans herz gewachsen und dürfen Tun und Lassen, was sie wollen. Vielmehr mokiert sie sich über das Kindermädchen, das die Rasselbande am liebsten an die – ganz kurze – Leine nehmen möchte. Und dabei kläglich versage muss. Auch die anderen Gäste im Ort bieten ihr reichlich Gelegenheit sich köstlich über sie zu amüsieren. Marie-Luise ist nicht frech, wenn sie sich ihr Umfeld vornimmt. Ihr macht es nur einen Heidenspaß sich über die gesellschaftlichen Zwänge ihre Meinung zu bilden. Als selbstbewusste Frau sieht sie mit einem weinenden, aber vor allem mit einem lachenden Auge die Welt um sich herum an.

Aus der heutigen Sichtweise wirkt so manches antiquiert. Hedwig Dohm sah diese Antiquiertheit schon vor über hundert Jahren. Deswegen liest sich dieser Roman wie eine frische Brise im verstaubten Regal der Gewohnheiten und Regeln, die später einmal aufgeweicht werden. Und heutzutage schon wieder in Mode zu kommen scheinen. Auch aus diesem Grund lohnt es sich Hedwig Dohm wiederzuentdecken.

Kalender 2022 Österreichische Geschichte

Franz-Josef, Rudolf, Maria Theresia und natürlich Sisi – Österreichs Geschichte verbindet man oft mit Namen, den Namen gekrönter Häupter. Doch die Alpenrepublik auf ein paar Namen zu reduzieren, wäre fatal. Auch wenn die Hinterlassenschaften der Adligen bis heute sichtbare und wahre Besuchermagnete sind. Wenngleich man zugeben muss, dass 2022 mit vielen Berühmtheiten einhergehen wird.

So begeht man 2022 den 150. Todestag von Franz Grillparzer, dem österreichischen Nationaldichter, feiert den 225. Geburtstag von Franz Schubert und erinnert sich am 4. September an ein einhundertfünf Jahre zurückliegendes Ereignis, dessen Entstehung man oftmals den Beatles zuspricht. Alexander Moissi war ein Schauspieler. An diesem 4. September im Jahr 1917 – in Europa wütete unerbitterlich der Krieg – stand er auf der Bühne der Volksbühne Wien. Sein Spiel, vor allem aber sicher sein Aussehen ließ die Massen an Mädchen und jungen Frauen anschließend die Orchesterreihen stürmen. Massenhysterie. Ein Fall für Freud und Schnitzler, der übrigens am 15. Mai seinen 160. Geburtstag feiern würde.

2022 wird für viele ein besonderes Jahr werden. Irgendwann einmal wird es vielleicht das Jahr sein, in dem man die Pandemie mit dem allzu plakativen Wort Covid-19, das eher an eine militärische Spezialeinheit erinnert als an eine weltumspannende Angst, in den Griff bekam.

Österreichs Geschichte in Bildern: Jede Woche ein Jubiläum, das man feiert, sofern man sich erinnert, oder zumindest ein erinnerungswürdiges Ereignis, das man dank dieses Kalenders mindestens für sieben Tage (man kann diese beiden Worte auch ohne das derzeit anschließende „Inzidenz“ verwenden, tatsächlich!) im Kopf behält.

Die Bandbreite ist enorm. Vom Jubiläum der Vierschanzen-Tournee und der „Schande von Gijón“ über Eroberungen von Festungen wie der von Belgrad bis hin zur Geburtsstunde der österreichischen Eisenbahn findet jeder etwas, um näher an den Kalender heranzurücken und sich der Geschichte bewusst zu werden. Denn eines ist sicher: Geschichte wird niemals enden!

Der Genosse

Er würde es niemals zugeben, aber insgeheim wünscht sich Pablo eine große Veränderung. Alle nennen ihn Pablo, weil er Gitarre spielt. Er spielt, die Anderen jubeln ihm zu. Er spielt, die Anderen amüsieren sich. Er spielt, die Anderen sind seine Jünger. Und doch ist alles wie immer.

Als Amelio, Pablos bester Freund einen schweren Unfall hat, lässt sich Pablo in eine kleine Affäre treiben. Mit Linda. Sie saß wohl auf dem Sozius als Amelio verunglückte. Amelio wird es wohl nie mehr so gut gehen wie zuvor. Sein ganzer Körper ist eingegipst. Er kann sich nicht bewegen. Schon gar nicht zu Pablos Gitarrenspiel. Linda schleicht um Pablo herum, dass er zu sich selber sagt, dass ihm keine andere Wahl bleibt als etwas mit ihr anzufangen. Doch auch Linda kann ihn nicht aus der lähmenden Ruhe befreien. Vielmehr hat er sie alsbald satt. Linda ist ihm zu unbeständig und … vor allem zu berechnend. Pablo sieht seine Freiheit in Gefahr.

Doch was soll er mit der Freiheit anfangen, wenn sie eh nur den ewig alten Trott für ihn parat hält? Jeden Tag das gleiche Spiel, selbst ein Ausflug bringt das wenig Veränderung.

Die kommt erst als Pablo in Rom eintrifft. Eine Flucht. Vor Linda? Vor der Berechenbarkeit des Morgen? Pablo weiß es auch nicht so richtig. Hauptsache weg aus Turin, aus der Umklammerung der Bequemlichkeit. In Rom wird er schnell in ein anderes Leben hineingezogen.

Der Mussolini-Faschismus manifestiert sich wie ein undurchdringliches Spinnennetz in allen Gesellschaftsschichten. Und die neuen Freunde – Kommunisten – haben alle Hände voll zu tun, nicht selbst in ihren kleberigen Fäden hängenzubleiben. Auch Pablo wird schnell zu einem der ihren. Und … landet im Gefängnis.

Cesare Pavese beschreibt einen Mann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Dabei kommt er ganz ohne Pathos aus. Hier sind keine Heroen am Werk, die eines Tages in Denkmälern für die Ewigkeit an ihre Taten erinnern. Es sind einfache Leute, denen es gegen den Strich geht, dass ihnen jemand vorschreibt, was gut, was böse ist, dass ihnen eine Ideologie aufgedrückt werden soll. Und Pablo mittendrin. Man kann sagen, dass er richtig aufblüht. Auch wenn die Illusionen nicht mehr sind als das, was sie sind: Illusionen. Je enger sich die Schlinge um seinen Hals zieht, desto freier wird er. Aus dem in den Tag hineinlebenden Klampfenzupfer wird ein politisch denkender und agierender Mensch.

Vogel Kalender 2022

Die Vögel sind schon da – dass wusste schon die Oma in Kindertagen so nachdrücklich darzubringen. Und nun ist es auch der nostalgische Kalender aus dem Jan Thorbecke Verlag. Schon seit Jahren beeindrucken diese Kalender durch ihre stilsichere Erscheinung ein ganzes Jahr lang. Woche für Woche taucht ein neues Bild an der Wand auf, das den Blick auf die Wochentage vergessen lässt.

Das beginnt schon kurz nach Weihnachten. Drei Merline sitzen auf einem Baum. Sie verzaubern – das Wortspiel musste sein – durch feine Pinselstriche, die das Federkleid so lebensecht aussehen lassen, dass man die Greifer fast schon füttern möchte. Im kurzen Text neben der Abbildung erfährt man, dass die kleinen Verwandten des Falken in Skandinavien zuhause sind und im Winter oft bis ans Mittelmeer fliegen. Ihre Beute ergreifen sie in der Luft, meist kleinere Vögel.

Im Laufe des Jahres lernt man auf diese äußerst beschauliche Weise Sperber, Tannenhäher, Schafstelze und Wiesenpieper kennen. Alle in ihrer natürlichen Umgebung, alle aus historischen Zeichnungen entlehnt. Groß, klein, bunt, unscheinbares Gefieder, mit und ohne Beute im Schnabel, mal scheinbar posierend, mal im natürlichen Habitat – ein abwechslungsreicher Fortgang des Jahres, der den Genießer erfreut und Kunstfreunde verwöhnt.

Jede Woche pfeift man vor Erstaunen wie vielseitig und kunstvoll Mutter Natur ihr Werk vollbringt.

Fahrraddiebe

Es dauert nur wenige Sekunden, die das Leben des Erzählers (wieder einmal, und dieses Mal wohl endgültig) verändern. Schon seit geraumer Zeit sucht er nach Schuhcreme, schwarz. Er findet sie nicht im Nachkriegs-Rom. Überall, wo einst die Läden überquollen – vor Schuhcreme? – herrscht nun gähnende Leere. Er fragt sich bei den Markttreibenden durch. Kommt in Viertel, in denen man besser aufpasst alles dicht am Mann und für sich selbst fühlbar zu tragen. Und dann der entscheidende Hinweis. Es gibt einen Laden, der hat schwarze Schuhcreme.

Der Erzähler schwingt sich auf seinen Drahtesel und radelt voller Vorfreude zu dem ihn zu gewiesenen Laden. An der Türschwelle fragt er in den Laden hinein, ob er hier richtig sei, es hier wirklich schwarze Schuhcreme gäbe. Sí, bekommt er als Antwort. Aber er müsse schon eintreten. Die Lieferung an die Türschwelle ist nicht vorgesehen. Alle Vorsicht außer Acht lassend, tritt der Mann in den Laden. Wohlwissend, dass da draußen eine dunkle Gestalt lauert, um den silbernen Drahtesel schnellstmöglich einem Besitzerwechsel zu unterziehen. Diese verschlagene Visage. Der Erzähler kennt solche Typen. Man hat ihm schon öfter das Fahrrad geklaut. Doch bisher hat er es auch immer wieder zurückbekommen. Ein wahrer Meister im Fahrradzurückholen. Kaum im Laden sieht der die dunkle Gestalt sich auf sein Fahrrad stürzen und davonradeln. Haltet den Dieb! Helft mir! Doch willige Gehilfen des Diebes versperren geschickt den Weg. Sie sind sogar so dreist zu behaupten, dass der Dieb gefasst wurde. Sehen Sie doch, da hinten! Alles nur Lüge, Fassade, perfides Spiel mit den Gefühlen eines Geprellten.

Es wird dieses Mal nicht so glimpflich ausgehen – so viel sei schon verraten. Der Dieb ist schnell ausgemacht. Doch das Rad ist sicher schon in seine Einzelteile zerlegt und gewinnbringend – was sonst, bei Null-Lire-Anschaffungskosten? – an den nächsten verhökert. Die Polizei … die Polizei macht nichts. Warum auch? Die Gefängnisse sind voll von Dieben, Hehlern und sonstigem Abschaum. So bleibt dem Erzähler nur eine Wahl: Er schreibt sich seinen Frust von der Seele. Es ist die Zeit als Faschist wieder ein Schimpfwort geworden ist. Die Zeit, in der die Polizei sich sarkastisch ihrer eigenen Ohnmacht bewusst wird und diese stolz nach Außen trägt. Niemand wird dem armen Mann nun helfen. Alle ergehen sich in endlosen lamenti, echte Hilfe sucht man vergebens.

Luigi Bartolini beschreibt eine alltägliche Situation in den Straßen Roms kurz nach dem Krieg. Ein Fahrrad ist für viele der größte Schatz, weil sie ohne dieses „Ding“ nicht zur Arbeit kämen, ihre Freiheit mehr als nur „ein bisschen eingeschränkt“ wäre, einfach, weil es der einzige halbwegs erschwingliche Schatz ist, den man sich gerade noch so leisten kann. Was er aber aus dieser alltäglichen Banalität macht, ist großes Kino. Verfilmt von Vittorio de Sica, oscarprämiert als bester nicht englischsprachiger Film. Das ist lange her. Und immer noch zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Die zweihundert Seiten liest man ohne Unterbrechung durch und versucht anschließend den Film irgendwie aufzutreiben. Jedes, Buch und Film, für sich schon ein Meisterwerk – im Doppelpack unerreichte Perfektion.

Das Haus auf dem Hügel

Wenn am Abend die Dunkelheit über Turin hereinbricht, ist das von doppelter Bedeutung. Zum Einen ist es das sich täglich wiederholende Wetterphänomen, wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, zum Anderen ist es das Signal zum Aufbruch in die Berge der Umgebung. Tagsüber ist Corrado Lehrer. Ein respektierter Mann, den man mit „Herr Lehrer“ anredet. Am Abend flüchtet er wie viele in die Hügel. „Le Fontane“ ist der Zufluchtsort. Hier ist der Krieg geografisch weit weg, in den Gesprächen der Männer näher als viele ihn jemals gesehen haben. Hitzig diskutiert man. Schmiedet eifrig Pläne. Warnt man vor dem, was noch kommen kann und wird.

Und hier oben in den Hügeln ist Cate. Corrado und sie waren einmal ein Paar. Für sie war es Liebe. Für ihn ein Zwischenspiel mit vielen Höhepunkten. Und dann ist da noch Dino. Ein aufgeweckter Junge und Cates Sohn. Sie eröffnet Corrado, dass der Junge, der von allen nur Dino gerufen wird, in der Geburtsurkunde den Namen Corrado eingetragen hat. Ja, sie nannte ihren Sohn, IHREN Sohn, nach dem Mann, den sie einst so sehr liebte. Corrados Herz, das des Lehrers Corrado, pocht so sehr wie auf der Flucht vor dem Bombenhagel. Ist Dino etwa sein Sohn? Cate wischt mit der Vehemenz einer enttäuschten, stolzen Frau seine Erwartungen und seine Ängste hinweg.

Hier oben in den Hügeln ist Corrado halbwegs frei, soweit das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Er nimmt Farben und Gerüche wahr, die so gar nichts mit dem Grau der Großstadt Turin zu tun haben. Hier oben in den Hügeln ist der einfach nur ein Mensch. Allerdings ein Mensch mit Sorgen, dem das Geschehen um ihn herum nicht kalt lassen kann. Er kann dem Faschismus und seinem drohenden Ende nicht entkommen. Als das Gerücht die Runde macht, dass der Krieg vorbei sei – die Alliierten sind auf dem Stiefel gelandet, keimt erste Hoffnung auf. Doch die wird vom Dreck unter den Soldatenstiefeln jäh beendet. Die Deutschen sind nun überall. Der freie Weg in die Berge ist mit Kontrollpunkten gespickt. Die Partisanen haben sich verschanzt. Beide Seiten sind misstrauisch gegenüber jedem, der die Wege benutzt. Sieht so der Sieg aus?

Cesare Pavese schrieb seinen Roman als sich Italien schon ein gutes Stück vom Mussolini-Faschismus entfernte. Hoffnung und Aufschwung gingen hand in Hand. „Das Haus auf dem Hügel“ ist fiktiv. Pavese verabscheute die Vermischung von Reportage und Literatur. Wohl auch deswegen sind die Schrecken des Krieges scheinbar so fern des Alltags. Auch wenn die Bedrohung permanent das Leben bestimmt, findet Corrado die Zeit sein privates Glück zu suchen und stellenweise zu finden. Und das alles auf dem Schachbrett des Krieges. Die Wucht der sanften Worte haut den Leser nicht um. Vielmehr lässt man sich genüsslich in ihren Sog ziehen.

Sanfte Debakel

Sanfte Debakel – so poetisch, so grausam. Port-au-Prince, die Hauptstadt Haïtis trägt diesen Beinamen nicht zu unrecht. Das weiß jeder (!), der hier lebt. Korruption und Gewalt, aber auch Lebensfreude und der Drang sich diese zu bewahren.

Wer sich der Wirklichkeit nicht verschließt, die Gegebenheiten nicht einfach so hinnimmt, macht sich verdächtig und Feinde. So wie Raymond Berthier, ein Richter. Nun ist er tot. Seine Frau hat den Tod noch nicht verwunden. Sie versucht sich an dem zu erfreuen, was Schönes um sie herum ist. Und sie will ihre Tochter Brune vor schlechten Erinnerungen bewahren. Brune flüchtet sich in die Musik. Doch das reicht nicht. Eine zeitlang war sie mit Cyprien zusammen. Der junge Anwalt war gefesselt von der Schönheit der betörenden jungen Frau. Sie schaffte es durch ihre pure Anwesenheit alles vergessne zu machen. Doch nun ist ihr Vater tot, die Täter noch auf freiem Fuß. Raymond Berthier war einem Täter auf der Spur, der Fahrerflucht begangen hat. Im Juristenjargon klingt das so nüchtern. Doch es gibt mehr als nur ein Opfer zu beklagen. Die Angehörigen müssen mit der Erkenntnis leben, dass Justitia nicht nur blind ist, sondern ihr auch noch die Hände gebunden sind.

Der Bruder des Ermordeten, Pierre lässt seine Verbindungen spielen, um Einsicht in die Ermittlungsakten zu bekommen. In Auszügen liest er, was vorgefallen ist, welche Erkenntnisse es bereits gibt. Und er weiß, dass das, was er in den Händen hält nicht ausreicht, um Raymonds Mörder ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Und außerdem braucht es noch einen Mann, einen Richter, der den Mut hat bis zur Urteilsverkündung mitzuziehen.

Yanick Lahens zeichnet ein buntes Bild einer bunten Gesellschaft, die in ihrer eigenen – selbst geschaffenen – Blase lebt. Die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Der Tod ist ständiger Begleiter. Einschüchterungen jedweder Art zwingen die Aufrichtigen nicht selten zur Aufgabe. Den Mutigen gehört dennoch die Zukunft. Zwischen Gewaltverzicht, schlitzohriger Raffinesse und Ohnmacht blitzt immer wieder ein Funken auf. Der Funke der Hoffnung. Für Raymond Berthier wird dieser Funke niemals ein Feuer entfachen können.