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Hanna

Sich am Dezembermorgen noch einmal so richtig schön in die warme Bettdecke einmummeln – das wäre schön. Doch wenn es dem Bruderherz nicht beliebt, dann muss man halt raus aus den Federn. Kriminalrat Benedict Schönheit ist es nicht vergönnt eine letzte Drehung im eigenen Bett zu tun. Sein Telefon klingelt. Jean-Bapitiste ist dran. Sein Bruder. Pfarrer. Und er hat eine Leiche … nein, nicht im Keller. Dafür aber im Pfarreigarten. Eine Obdachlose. Also raus in die nasse Kälte. Leiche noch da? Ja. Tot? Ja. Blut? Nein. Also sind der Tatort und Fundort nicht identisch. Und schon steht auch schon die Presse in Person der Beinhauserin auf dem nicht mehr ganz so grünen Pfarreirasen. Und das Meeting mit dem Chef auf dem Plan. Es gibt schönere Dezemberanfänge.

Nichts desto trotz muss der Fall irgendwie begonnen und im günstigsten Fall auch gelöst werden. Dem Kriminalrat Schönheit steht zum Beispiel der sehr ehrgeizige Kriminaloberrat Robert Theiss zur Seite. Dem sind seine Karriere und die Sprossen nach Oben von derart großer Bedeutung, dass man ihm ständig auf de Finger schauen muss.

Kurze Zeit später meldet sich Jean-Bapitiste ein weiteres Mal. Das Christkind ist weg. Benedict sollte sich zusammenreißen, kann aber bei dieser Steilvorlage nicht anders als seinen Bruder wiedermals aufzuziehen. Was soll denn bitteschön das gestohlene Christkind aus der Krippe mit dem Mord zu tun haben? Das Einfachste wäre, wenn der Dieb der Mörder wäre oder sich beide gesehen hätten.

Der erste Fall über Benedict Schönheit strotzt vor Selbstironie. Schönheits Wahrnehmung des Lebens und der Menschen, die ihn umgeben, ist einzigartig. Ein bisschen Schnodderigkeit, gewürzt mit der seltenen Gabe keinem Verbrecher auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, hat München mit diesem Ermittler einen Typen bekommen, den man hier nicht unbedingt vermutet. Geradlinig mit der Brise Humor – so muss ein Lokalkrimi sein.

Lesereise Nordirland

Hausboot, Straßenkämpfe, Gartenparadies – auf den ersten Blick eine allzu willkürlich und stark verkürzte Beschreibung dessen, was den Leser in diesem Buch erwartet. Hinzufügen sollte man noch, dass die Autorin Stefanie Bisping regelmäßig auf dem Treppchen bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet. Gold ist ihr näher als Silber. Und somit führt sie den Spruch, dass Schweigen Gold ist, ad absurdum.

Denn Stefanie Bisping schweigt nicht. Sie genießt das Reisen, aber sie schreibt auch darüber und lässt in diesem Fall jeden Wissbegierigen an einem Land teilhaben, das vielleicht immer noch einen Dornröschen-Dämmerschlaf frönt. Noch!

Der Name der nordirischen Hauptstadt Belfast ist ebenso eng mit der Titanic verbunden. Hier wurde das Rekordschiff gebaut, bevor es Monate später nicht minder rekordverdächtig in den Tiefen des Atlantiks versank. In Belfast erinnert heute ein gigantischer Titanic-Komplex an die Katastrophe, aber auch an die Schiffsbautradition der Stadt. Inkl. Kongress-Center, Pubs und natürlich dem größten Titanic-Museum der Welt. Erstaunlich, was an Wissen noch alles aus dieser Geschichte herauszuholen ist. Stefanie Bisping kitzelt wirklich das letzte unveröffentlichte Geheimnis aus dem Gebäude.

Belfast ist aber auch eine der wenigen Städte mit einer Mauer. Während man in Berlin dem antifaschistischen Schutzwall nur noch mit touristisch weit geöffnetem Maul entgegensteht, ist hier die Mauer tatsächlich immer noch Mittel zum Zweck (der Trennung). Und die alljährlichen Umzüge in Orange verleiten diejenigen, denen das Orange ein Dorn im Auge ist, dazu, dass man in die Sommerfrische flieht. Auch eine Art der Konfliktlösung, und nicht die Schlechteste.

Eine Flucht nach Vorn hat auch ein Gärtner angetreten, den die Autorin begleitete. Eigentlich wäre er längst im Ruhestand. Doch die Liebe zu Gärten und Pflanzen ließ ihn das süße Leben vergessen, und er trat einmal mehr in den floralen Dienst ein.

Große Geschichte und kleine Geschichten hat Stefanie Bisping gefunden, oder sie ließen sich von ihr finden. Immer wieder staunt man über jede einzelne. Und man möchte sofort selbst auf die grüne Insel fahren, wo immer noch tagein tagaus Traditionen gelebt werden. Das beginnt nicht erst bei Halloween und hört noch lange nicht beim Bier- und Whisky-Trinken auf.

Die Flucht der Dichter und Denker

Es gab nicht viele, die mit dem 1979 veröffentlichten Disco-Hit der Village People „Go West“ etwas anderes verbanden als die sagenumwobene Freiheit in San Francisco. Es gab eine Zeit, in der Go West der einzige Weg war, um überhaupt gehen zu können. Es gab zu viele, die diesen steinigen Weg gehen mussten.

Als 1933 die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen, gab es nicht wenige, die es für eine Frage der Zeit hielten bis der Spuk vorbei sei. Aber es gab auch die großen Mahner, die die dunklen Wolken nicht mehr nur am Horizont verorteten. Eine Massenflucht der Intellektuellen, Künstler, der Elite rollte an. Erst Frankreich, dann Spanien als Transitland nach Portugal. Dort wartete der erhoffte Dampfer in die USA. Hier war die Freiheit wohl grenzenlos. Dass dem nicht immer so war, erfuhren sie erst hinterher. Auch Jahre nach dem braunen Spuk wurden Widerständler unter der Fuchtel von Senator McCarthy mit Argusaugen beobachtet, bespitzelt und in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Der Weg, die Strapazen, die die Flüchtigen – Thomas, Heinrich, Erika und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, um nur einige zu nennen – sind oft beschrieben worden. Genauso oft aber blieben noch einige Fragen offen. Warum und an welchem Zeitpunkt wurde die Route bestimmt? Gab es Helfer? Herbert Lackner gibt in diesem Buch einige Antworten, die man so noch nie oder nur in Nebensätzen gelesen hat.

Es liest sich wie ein Krimi, wenn man von dieser Hetzjagd liest. Menschen, denen das Wohl eines ganzen Landes am Herzen lag, die sich zeitlebens der Kunst verschrieben hatten, die in ihrem Tun die Gegenwart als Basis ihres Schaffens verstanden, wurde die Lebensgrundlage entzogen. Ihr Freundeskreis war zersplittert, in alle Richtungen verstreut. Wiedersehen gab es nur sporadisch – umso heftiger die Freude. Denn überall lauerte Verrat. Misstrauen und Verzweiflung zerrütteten Allianzen.

Mit jedem Schritt gen Westen – im Osten lauerte Stalin, in Holland und Belgien war es ebenso unsicher wie im größten Teil Frankreichs und in Spanien warteten willfährige Helfer Francos auf fette Beute – wuchs die Hoffnung bald schon wieder einem halbwegs geregelten Tagwerk nachkommen zu können. Nicht jede Flucht war erfolgreich. Und die ersehnte Freiheit war auch nicht immer am ganzen Leib spürbar.

Man stelle sich vor wie die deutsche Kulturlandschaft heute aussehen würde, wenn die in diesem Buch so eindringlich beschriebenen Fluchtrouten nicht nötig gewesen wären…

Was mittwochs war, und freitags

Wenn von Afrika die Rede ist, rutscht man schnell in eine Argumentationskette, die einzig allein auf Armut und Elend ausgerichtet ist. Dass diese Armut und diese Elend nicht wegzudiskutieren sind, liegt ebenso auf der Hand. Dennoch lebt der schwarze Kontinent – noch so eine wunderbare Floskel, die verniedlichend, verharmlosend Afrika beschreibt. Dass wirklich einzigartige an Afrika ist, dass es auf diesem Kontinent ein relativ große Übereinstimmung gibt sich als Afrikaner zu sehen. Eine nationale Identität bildete sich erst in den vergangenen Jahren heraus.

Nicht minder sind es afrikanische Autoren, die mit ihrer an Traditionen gehefteten Schreibweise dem Kontinent in unaufhörlicher Weise Stimmen verleihen, die so vielschichtig sind, dass der Versuch sie zu zählen zum Scheitern verurteilt ist.

Bestes Beispiel dafür ist diese Geschichtensammlung aus dem Leipziger akono-Verlag. Uganda, Nigeria, Südafrika sind nur ein paar Länder, die mal kürzer, mal länger von einem Leben berichten, das voller Begehren ist. Und um es kurz zu machen: Ja, auch ums liebe Geld geht’s – ABER: Niemals nur allein, und schon gar nicht vordergründig. Treue und Liebe, Zuneigung und Verlangen, Hingabe und Verzweiflung sind die scharfen Zutaten dieser literarischen Köstlichkeiten.

Da betet eine Frau zu Gott ihr Halt zu geben und Stütze zu sein. Gerade bene lag sie noch mit ihrem Liebhaber in den Federn als plötzliche seine Frau nach Hause kommt. Wie peinlich. Voller Scham wendet sie an den, der ihr die richtige Wahl zu sein scheint. Einzig Zeit und Ort scheinen nicht die rechte Wahl zu sein…

Die Liebe ist heftig, andauernd, aber auch gefährlich und findet oft im Geheimen statt. Typisch afrikanisch? Nicht minder als anderswo. Aber nicht überall wird so offen und hemmungslos darüber geschrieben. Die Kurzgeschichten in diesem Buch brennen vor Leidenschaft. Es lodert nicht, hier sind die Feuer weithin sichtbar.

Die Landschaft hat immer recht

Was für ein Titel – „Die Landschaft hat immer recht“. Auf dem Cover ein einsames Haus und jede Menge Meeresgetier. Schon allein dieses Bild erweckt im Leser eine Vorstellung von dem, was ihn erwarten wird, schlägt er die erste Seite auf.

Doch es kommt ganz anders. Oder besser: Es wird ihn umhauen! Denn – ja, es geht um Fischer und ihre Einsamkeit in der selbst für isländische Verhältnisse trostlosen Gegend – hier kommt eine geballte Ladung Energie auf den Leser zu. Das mag auf den ersten Blick missverständliche aussehen. Halldor ist der Fischer, um den es geht. Er lebt in einem Fischerwohnheim. Hier leben tatsächlich nur Fischer – noch. Man vertreibt sich die zeit mit Spielen, Geschichten von der Arbeit und den Fragen des Lebens wie „Sind Schafe Engel?“. Für die Schönheit der Landschaft hat man wenig übrig. Das Augenmerk der Männer, die in diesem Fischerwohnheim leben, ist in die andere Richtung gerichtet. Aufs Meer. Immer den Horizont im Blick. Und die Fischernetze. Schließlich geht es um den Fangerfolg. Und doch spürt jeder, das hier was fehlt. Ohne es auszusprechen. Wenn sie sprechen, dann ist das Gesagte roh und unverschnörkelt. Eine Frau passt hier nicht rein.

Und trotzdem passiert das Unerwartete. Eine Haushälterin tritt über die Schwelle. Per Annonce hat man sie gesucht – und scheinbar auch gefunden. Halldor spürt mit einem Mal, das noch mehr als Fischer, Netze, Erfolge, Spiele, Zänkereien sein Leben ausmachen. Hier ist etwas im Gange, das er zwar kennt, aber noch lange nicht weiß wie er damit umzugehen hat.

Bergsveinn Birgisson ist ganz behutsam, um die Stille der Einsamkeit nicht zu stören. Auf sanften Pfoten schleicht ums Haus, um die Bewohner und zwickt sie in ihr Gewissen.

Nicht erst beim Zuklappen des Buches ist man baff erstaunt wie ruhig eine so aufwühlende Situation beschrieben werden kann. Wie in einem Meditationsritual führt der Autor den Leser durch seine Geschichte.

Die Versuchung von Syrakus

Reiseimpressionen sind immer ein Appetitmacher auf ein Reiseziel, bei dem man sich entweder nicht sicher ist, ob es das richtige ist oder sie sind der Tropfen, der das Fass der Sehnsucht zum Überlaufen bringt. Oft spaziert man neben dem Autor einher und nickt zustimmend – Ja, das sehe ich genau so. Und dann gibt es Reiseimpressionen, die packen einem am Schlafittchen und treiben einen in den Wahnsinn. Warum nur war ich nicht schon früher hier? Was habe ich schon alles verpasst? Wie um alles in der Welt konnte ich nur so lange warten? „Die Versuchung von Syrakus“ gehört eindeutig in die letzte Kategorie, wenn dieses Buch nicht sogar diese Kategorie auf ein neues Level hebt.

Joachim Sartorius, ehemaliger Intendant der Berliner Festspiele verbringt einen großen Teil seines Lebens in Syrakus aus Sizilien. Wie viel andere auch. Er muss also wissen, was man in der Stadt sehen muss, was sie erlebbar macht. So wie viele andere auch. Doch er schafft mit einer Leichtigkeit dem Leser, dem Sehnsüchtigen diese Stadt schmackhaft zu machen, dass man sich gar nicht getraut zur Serviette zu greifen und sich den Sabber vom Mund zu wischen.

Selbst so eine profane Handlung wie zum Friseur zu gehen, wird zu einer Sache, die man seiner To-Do-Liste unbedingt hinzufügen muss. Wer bisher dachte, dass sich der Ruhm der Stadt einzig allein auf „Heureka-Ich-Hab’s“-Archimedes gründet, wird schnell eines anderen belehrt. Einmal mit Joachim Sartorius durch de engen Gassen der Altstadt zu wandeln, gleicht einer 3D-Animation, in der man sich wie im bequemsten Federbett fühlt. Ortigia, die Altstadt, ist auf einer Insel der Stadt vorgelagert. Sie zu umlaufen, dauert nicht lang. Sie in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Einen umfassenden Vorgeschmack bekommt man hingegen auf den reichlich einhundertsiebzig Seiten dieses Buches. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, verweist auf Eisdielen, Orte zum Erholen und Staunen und richtet den Blick auf großes Offensichtliches und die Kleinigkeiten, die zu einem Giganten anwachsen, wenn man sie entdeckt.

Bei jedem gelesenen Kapitel, bei jedem Umblättern möchte man einen Freudentanz aufführen, weil man sich nun zu hundert Prozent sicher sein kann, dass man den Besuch von Syrakus mit einem echten Kenner in der Hand vollends genießen kann.

U2 zurück in Berlin

Das war ein Aufschrei: U2 nehmen in Berlin ihr neues Album auf. In den Hansa-Studios. Dort, wo David Bowie seine wohl besten Alben aufgenommen. Wo eigentlich jeder, der hier irgendwas aufgenommen hat, das Beste aus sich herausholen ließ. Und dann diese Tour. Zoo TV. Jeder wusste, dass hier ein Tor aufgestoßen wird, das Touren in der Zukunft bestimmen wird.

Achtung Baby, ein bisschen Stolz schwang bei einigen mit. U2 haben einen deutschen Plattentitel. Die einstige Agit-Prop-Band, die mit Bob Geldofs Band Aid in die erste Liga aufstieg, die ein paar Jahre zuvor ihr rebellisches Image grundlegend veränderte, vollzieht nun eine noch größere Wende. Als Vorbands sind Newcomer wie StereoMCs engagiert, die den Soundtrack für einen entspannten Sommer liefern werden. Und Die Toten Hosen, die sich gerade auf dem Sprung nach ganz oben befinden. Ihre „Kleine Horrorshow“ katapultiert sie alsbald in den Olymp des deutschen Pop. Was einige im Publikum dazu veranlasst sie als „Kommerzschweine“ zu beschimpfen.

Und dann kommt der große Meister. Mephisto. Greift zum Hörer – für alle sichtbar, da er über eine gigantische Leinwand zu sehen ist – und ruft Helmut Kohl an. Das Publikum johlt. Zwischen den Songs werden kurze Einspieler gezeigt. Das Publikum wechselt die Seite. Es ist nun Zuschauer und Objekt in einem. Denn in den aufgestellten Beichtstühlen kann man kurze Videobotschaften aufnehmen, die während des Konzerts abgespielt werden. Das war 1993, Juni, Olympiastadion Berlin. Wer die Karte noch besitzt, wird sich tierisch freuen, wenn er beim bloßen Durchblättern dieses Buches das Design der Karte wieder erkennt. Damals gab es noch echte Karten. Stabiles Papier, ein Design, Hologramm etc.

Dirk Timmerman und Thilo Schmied wagen sich mit ihrem Buch etwas. Kein Buch zu einer Band, um die ersten zu sein, die eine Biographie auf den Markt werfen. Es ist auch nicht der rührselige Versuch das persönliche Erlebnis in den Fokus zu rücken. Es ist die Biographie zu einer Tour inkl. Platte. Sicher, das war keine normale Tour mit Plakatierung, Bühnenaufbau, Licht aus, Musik, Licht an, Good Bye und weiter geht’s. Nein hier wurde wirklich Geschichte geschrieben. Außer Pink Floyd verwendet niemand so große Leinwände, und schon gar nicht so exzessiv. Keine Band änderte so radikal ihren Musikstil. Und dies bis heute tut. In diesem Buch blättert man gedankenversunken, liest von Dingen, die man vielleicht übersehen hat, erinnert sich, teilt alles um dieses eine Konzert mit den in diesem Buch gesammelten Erinnerungen von anderen Fans, und ist erstaunt über die Vielzahl von Fakten, die die Autoren dreißig Jahre nach der Tour immer noch zusammentragen konnten. Für echte Fans ein Muss. Denn hier wird jedes Konzert der Tour genauestens unter die Lupe genommen. Mit exklusiven Bildern, noch exklusiveren Statements, Abbildungen der Tickets – besonders beeindruckend – Tourfotos, Backgroundstories – ein Füllhorn der Emotionen und Erinnerungen.

Wer denkt sich die Wörter aus?

Eine Frage wie sie nur ein Kind stellen kann. Aber auf keinen Fall eine Frage, die jeder nicht „mehr so schnell Wachsende“ beantworten kann. Unsere – jede – Sprache besteht aus Buchstaben und Lauten. Darauf baut sich unser gesamtes Kommunikationssystem auf. Damit sind jetzt nicht vordergründig die Grunzlaute gemeint, die man von sich gibt, wenn man im ungünstigsten Augenblick eine wichtige Frage beantworten muss.

Wenn man sich schon sein ganzes Leben mit Sprache beschäftigt, d.h. sie benutzt, wird es immer schwieriger ihre Ursprünge zu erkennen. Geschweige denn sie erklären zu können. Warum sagt man zum Beispiel „Guten Tag“. Warum heißt der Tag Tag? Öh, ähm, – ja, genau so sehen dann die Antworten aus. Kann keiner so richtig sagen.

Die Autoren dieses Buches haben in erster Linie Kinder als Zielgruppe (auch so ein Wort, das man nicht unbedingt verstehen muss) im Sinn. Als Lesehilfe sind die Großen gefragt. Und doppelter Effekt: Sie lernen auch gleich noch etwas (hinzu). Das beginnt schon bei der Frage wie man anfängt die Titelfrage zu beantworten.

Das ist sicher kein Buch, das man Kindern vorliest wie „Hänsel und Gretel“. Es ist das geheime Buch der Antworten. Auch auf die Frage, warum es so viele Worte (oder sagt man Wörter?) für ein und dieselbe Sache gibt.

Spielerisch kommt man der eigenen Sprache auf die Spur. Wie zum Beispiel mit Tabu. Wörter erklären, ohne bestimmte Begriffe nicht zu verwenden. Immer wieder stößt man als erwachsener Leser auf Sachen, die man selbst erlebt hat. Ohne zu wissen, dass dies bewusst geschah. Wurde man also hinters Licht geführt? Nein, bestimmt nicht. Aber wenn wir schon mal dabei sind – wieso hinters Licht führen?

Auf alle Fälle ist es ein Riesenspaß den Wurzeln der Sprache auf den Grund zu gehen. Der Staungrad (gibt es dieses Wort tatsächlich?) ist immens.

Die Hungrigen

Es waren einmal zwei Brüder. Die lebten in einem Städtchen in Süditalien. Um sie herum war nichts. Auch das, was da war, war nichts. Paolo schuftete auf dem Bau. Sein Chef gängelte ihn, wo er nur konnte. Paolo ließ ihn reden. Fraß die Wut in sich hinein. Antonio, der Jüngere der beiden, würde bald die Schule abschließen. Er kannte keine Wut. Nur Hoffnungslosigkeit. Aber die würde sich legen. Davon war er überzeugt. Dass er selbst etwas dazu beitragen müsse, war ihm nicht klar.

Die Mutter verließ die Brüder schon vor Jahren. Ließ sie zurück mit dem gewalttätigen Vater. Doch auch dieses Kapitel ist schon gelesen – den Vater gibt es nicht mehr. Das Nichts um sie herum kompensieren Paolo und Antonio mit Kiffen, Pizza und belanglosem Sex. Das Morgen ist ebenso weit entfernt wie das Gestern.

Unmerklich geraten beide – unabhängig voneinander – in einen Strudel, der ihr Leben gar nicht noch mehr durcheinander wirbeln könnte. Dennoch tut er es. Gewalt und Hass, stumpfsinniger Leichtsinn und eine gehörige Portion Trauer werden alsbald mit Paolo und Antonio ein Triumvirat der Verzweiflung bilden. Immer wieder wünscht man sich beim Lesen, dass der Anfang bitte niemals das Ende sein darf. Denn im Tiefsten ihres Herzens sind die beiden nur verlorene Seelen, die sich krampfhaft aneinander schmiegen, um bloß nicht den Kitt, der sie zusammenhält, fressen zu müssen, um überleben zu können. Doch das Schicksal hat andere Pläne…

Mattia Insolia lässt zwei hoffnungslose Gestalten die Szenerie beherrschen, die eine viel zu große Bühne für zwei Brüder ist, denen jegliche Erfahrung im Leben versagt geblieben ist. Ihnen ist der einfache Weg mit Schuldzuweisungen der einzig verbliebene Weg, um voranzukommen. Die Hürden umlaufen sie, an Klippen hangeln sie sich hinunter. Dem Kick des Springens können sie nichts abgewinnen. Und so betreten sie die unheilvolle dunkle Halle des Abstiegs, um erst am Boden des Grundes zu erkennen, dass ihre Zweisamkeit das einzige Mittel ist, um überleben zu können. Doch da ist es schon zu spät.

Frau Helbing und der tote Fagottist

So ein netter Mann, der Herr von Pohl. Fagottist ist er und hat seiner Nachbarin Frau Helbing Karten für eine Matinee geschenkt. Zusammen mit ihrer Freundin Heide lauschen die beiden den sanften Klängen von Mozart. Und sie beobachten welch ein Charmeur Henning von Pohl ist. Das schlohweiße Haar, das freundliche Gesicht – das bringt Frauenherzen zum Schmelzen. Für Frau Helbing mehr Amüsement denn Grund zur Sorge. Denn Grund sich um Henning von Pohl zu sorgen hat sie später noch genug. Ein paar Tage später sitzt er quietschvergnügt in ihrer Küche, schlürft Kaffee und schwärmt davon wie schön der Tag doch sei. Und verschwindet so schnell wie er gekommne war. Doch ohne sein Instrument, das Fagott, das wohl so einiges wert sein dürfte, mutmaßt sie. Als kurze Zeit später zwei weitere Kollegen sich nach von Pohl erkundigen – sie haben ihn vermisst – steht für die einstige Fleischereifachverkäuferin fest: Henning von Pohl ist etwas zugestoßen. Als passionierte Krimileserin hat sie da auch schon einen Verdacht, was das sein könnte… Mord!

Naja, so verkehrt liegt sie vorerst nicht. Von Pohl ist tot. Drei Wespenstiche haben einen allergischen Schock ausgelöst und sein Leben ausgelöscht. Dennoch: Frau Helbing bleibt bei ihrer Theorie. Und die lautet nun mal Mord. Kommissarin Schneider tut dies als Spinnerei einer alten Dame ab, die eindeutig zu oft und zu tief ihre Nase in Krimis gesteckt hat. Wo die Nase auch gefälligst zu bleiben hat. Ebenso Heide. Die ist wenig angetan vom Übereifer ihrer Freundin. Nur der Schneider Herr Aydin, der damals nach dem Tod von Frau Helbings Gatten deren Fleischerei übernahm und daraus eine ansehnliche Werkstatt machte, folgt den Gedankengängen der sympathischen Alten. Doch was nützt das alles?! Frau Helbing muss auf eigene Faust ermitteln… Ja, sie muss.

Krimiautor Eberhard Michaely traut seiner Frau Helbing einiges zu. Eine rüstige Frau, die sich ihr Leben lang in den Dienst des Familienbetriebes gestellt hat, schiebt man nicht einfach so aufs Abstellgleis. Sie ist nicht die resolute Matrone, die mit Worten und Lammkeulen gleichermaßen jongliert. Sie ist die bescheidene hanseatische Arbeiterin, die sehr wohl weiß, was sie sich zutrauen kann. Ab und zu mal einen Schritt zu weit wagend, doch immer Frau ihrer Sinne. Ganz ohne feministische Tendenzen. ’Ne Frau, die weiß, was sich gehört. Im Hamburger Grindelviertel ist es nämlich nicht so vertraut und geruhsam wie man es vermuten könnte. Und Frau Helbing stößt in ein Horn, das selbst Wespennester durchlöchert…