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Frey

Der Tag hätte auch anders verlaufen können. Nach dem Termin beim Therapeuten wäre Daniel Frey nach Hause gekommen. Ausnahmsweise hätte seine bessere Hälfte Sarah die Glotze mal ausgeschaltet gelassen. Man wäre vielleicht was essen gegangen. Und nicht allein durch Wien geschlichen. Dann würde er jetzt auch nicht in einem Flieger nach Tokio sitzen und sich mit Daniel Bernhaugen unterhalten. Und schon gar nicht würde das Reiseziel in Nagasaki umgewandelt werden, wo Bernhaugen und seine Frau Naoko eine Buchhandlung betreiben. Ach ja, und von dem Flugzeugabsturz hätte er nur in den Nachrichten gehört.

So beginnt „Frey“ von Roland Freisitzer. Kurios-famos. Aber der Autor hat noch mehr auf Lager. Denn Frey ist tot. Und Bernhaugen lebt. Kann sich aber partout an nichts erinnern. Dr. Miyamoto beantwortet ruhig und gelassen die Fragen des Patienten, der sich überhaupt nichts mehr sicher sein kann. Ja, er ist Daniel Bernhaugen. Seine Frau Naoko kommt auch gleich. Er ist nur einer von sieben Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Und er ist in Nagasaki. Auch Naoko bestätigt Daniel, dass er Daniel sei. Daniel Bernhaugen. Er selbst erkennt sie nicht. Aber er kann sich an Dinge erinnern, die er mit ihr unternommen hat. Schemenhaft, dennoch vernehmbar.

Auf eigene Faust recherchiert Daniel im Internet. Er sucht seinen Namen. Es dreht sich alles um den Flugzeugabsturz – klar, so berühmt ist der Buchhändler aus Nagasaki nicht als dass ihm tausende Seiten zu seinem Namen zufliegen würden. Und als er sich fast schon am Ende seiner Recherchen sieht, fällt ihm ein Artikel auf. Einer der Toten soll Daniel Frey sein. Österreicher wie er. Vermeintlich auf der flucht, weil er seine Frau ermordet haben soll! Na, das ist doch mal eine Sensation!

Das doppelte Lottchen in einer Neufassung. Könnte man meinen. Auch kann man nachvollziehen, wenn man nach dem Aufstehen feststellen muss, dass man sich unbewusst in der Nacht die Haut aufgekratzt hat. Aber aufzuwachen und nur noch durch Worte von scheinbar Fremden die eigene Identität zu vernehmen mag, dann ist man in einer echten Zwickmühle. Aber vielleicht ist genau das der Ausweg, den man eine sehr lange zeit suchte…

Deutscher Herbst

Ernest Hemingway besoff sich tagelang mit den Siegern im Paris des Jahres 1945. Der schwedische Journalist Stig Dagerman reiste mehr als ein Jahr später durch das Land, aus dem seine Ehefrau kam. Nicht zusammen mit anderen Berichterstattern, deren Höhepunkt die Nürnberger Prozesse waren, sondern als Nachwuchsreporter der Zeitung Expressen. Sie entschieden sich gegen einen alten Haudegen, der wohl behütet zwischen Kollegen durch das zerstörte Land geführt wurde. Sondern für einen Frischling, der dank seiner familiären Verbindungen relativ frei durch die Trümmerwüste reisen konnte. Der Schrecken, den die Deutschen einst verursachten, war teils einer Häme über das nun hereingebrochene Land gewichen. Andererseits gab es eben auch Reporter wie Stig Dagerman, die die Situation mit dem gebührenden Abstand und Respekt einzuschätzen konnten.

Nicht selten muss sich der Autor im Herbst 1946 zwingen nicht alles Deutsche mit dem braunen Sumpf in Einklang zu bringen. Er weiß, dass die, die nun tage-, wochen- monate- ja, sogar jahrelang in nassen Kellern (der bevorstehende harte Winter steht ihnen noch bevor) Abstand genommen haben von der braunen Ideologie, sofern sie ihr zuvor verfallen gewesen sind. Knöchelhoch das Wasser, orchesterartiges Magenknurren, Egoismus allenthalben. Früher war alles besser. Dieser erschreckende Satz erschrickt ihn nicht. Denn er weiß, dass diese Worte aus einer Unzufriedenheit und Desillusioniertheit stammen, die man zwar in Worte fassen kann, sie zu verstehen aber fast unmöglich ist.

Mit einer entwaffnenden Klarheit sieht er dem Elend in den Schlund. Er sieht blasse Leiber, hochrote Köpfe und farblose Augen. Die Zukunft ist hier kein Thema. Das Hier und Jetzt sind für ihn der Fang seines Lebens. Doch Stig Dagerman ist nicht der sensationshungrige Schreiber, der die Auflage vor die Geschichte setzt. Er weiß, dass er privilegiert ist, er zeigt es nicht und gibt den Beobachteten und Interviewten die Luft zum Atmen. Auch wenn sich so mancher daran verschluckt.

Ein Urteil wird er niemals fällen. Das machen andere. Stig Dagerman ist Beobachter, Schreiber und Außenstehender. Deswegen ist „Deutscher Herbst“ sicherlich eines der bedeutendsten Bücher über die direkte Nachkriegszeit in Deutschland. Der leicht irreführende Titel – mit Deutscher Herbst bringt man doch eher die Zeit der RAF Ende 1977 in Verbindung – birgt einen Schatz in sich, der gehoben werden will. Flüssig im Text, klar in der Argumentation, ohne jegliche verbrämte Rachegedanken. Stig Dagerman hätte allen Grund sich in den Reigen des Freudentaumels über die besiegten Deutschen einzureihen – seine Frau musste aus ihrer Heimat fliehen – er ist der Chronist einer zeit, die man nie erleben möchte. Und dennoch wird es solche Bücher immer wieder geben: In Afrika, in Lateinamerika, in Asien, in der Ukraine, im ehemaligen Jugoslawien… Hoffentlich auch mit Dagermans Erben!

Skandal

Endlich bekommt Suguro die verdiente Ehrung als Schriftsteller. Die Preisverleihung nutzt er, um sich bei den „üblichen Verdächtigen“ zu bedanken. Im Anschluss huldigen ihm Freunde, Weggefährten, und selbst die Kritiker sind in Anbetracht der Ehrung milde gestimmt. Da zupft ihm jemand am Ärmel. Eine junge Frau. Er, die sechzig schon hinter ich gebracht – sie die dreißig noch vor sich. Sie kennen sich doch, meint sie. Erinnere er sich nicht? Das Portrait, der schöne Abend in Shinjuku, im Tokioer Vergnügungsviertel Kabuki. Dort, wo die Pornokinos sind, die Leuchtreklamen kurzzeitigen Spaß verheißen, wo man anonym … na ja, was schon?!

Zu viel der Ehre für den verehrten Suguro. Er hat nicht den leisesten Schimmer wer die Dame ist, geschweige denn wovon sie überhaupt redet. Dann ist sie verschwunden. Die Presse hinter ihr her. Und Suguro ziemlich verdutzt. Er soll sich in diesem Viertel herumgetrieben haben? Wie es scheint sogar regelmäßig. Er, dessen Frau zuhause die Arbeit trotz Rheuma verrichtet. Rheuma, das er ihr wohl zugefügt hat, wie er meint. Er, der Schriftsteller, der Bigotterie und unchristliches Verhalten im tiefsten verdammt.

Was, wenn doch was an der Geschichte dran ist? Suguro schiebt diesen Gedanke beiseite. Denn für ihn gibt es nur eine Lösung: Ein Doppelgänger treibt einen gewaltigen Schabernack mit ihm. Und den muss er finden. Zur rede stellen. Und die Welt ist wieder in Ordnung. So weit so gut. Nach und nach kommen Suguro gehörige Zweifel an seiner Idee vom Doppelgänger. Immer öfter drängt sich ihm der Gedanke auf, dass die junge Frau vielleicht doch Recht haben könnte. Doch dann müsste er es doch wohl wissen, oder?!

Shūsaku Endō spielt Katz und Maus mit dem Leser und dem geplagten Suguro. Es wäre ein Skandal, wenn der honore Autor sich des Nachts in den dunklen Gassen der Millionenmetropole Tokio herumtriebe, um seinen Trieben freien Lauf zu lassen.

Mit sicherem Schritt führt Shūsaku Endō durch das wilde Leben in Kabuki. Hier herrschen eigene Regeln, mit eigenem Wortschatz, mit strengen Kodexe. Mit wachem Verstand schickt er Suguro in die Unterwelt, die ihm den Strick um den Hals zu legen scheint, der ihm das Genick brechen kann. Er wartet nicht auf den heldenhaften Retter auf dem weißen Pferd, der in letzter Sekunde den Strick mit Geschick durchtrennt. Suguro ist dieser Retter selbst. Doch vielleicht er noch viel mehr….

Thomas Mann – Glanz und Qual

Da ist er wieder, oder immer noch. Der Dauerbrenner der deutschen Weltliteraturszene, dessen Feuer niemals verglüht. Hanjo Kesting hat sich ein Leben lang mit dem Schriftsteller beschäftigt und im vorliegenden Buch eine Charakterisierung des Mannes erstellt, der bis heute Literaten, Literaturkritiker und Fans beschäftigt.

Ein streitbarer Autor war Thomas Mann zeitlebens. Das Kaiserreich war ihm näher als er sich vielleicht selbst eingestehen wollte. Die Demokratie in Deutschland sah er kritisch, weil er ihre Schwachstellen erkannte. Die Diktatur verabscheute er wie kein anderer wortgewaltig und mahnend, dass man es bis in die Nachkriegszeit übelnahm. Sein Exil in der Schweiz war mehr als nur ein Ausweg.

In dieser eigenwilligen (und das im rein positiven Sinne) Biographie zerpflückt Hanjo Kesting das Werk Thomas Manns. Aber nicht, um allwissend umherzuprahlen, warum genau dieser Satz, genau dort, genau so steht, weil er – Kesting – beim Herumströmern den Heiligen Gral des Erfolgsromans gefunden hat. Nein er geht ans Werk wie man es tun sollte. Er betrachtet die zeit, in der die Bücher entstanden. Beschaut sich ganz genau, was Thomas Mann „nebenbei so schrieb“ (und trieb). Er zieht Parallelen und folgert auf unnachahmliche Art und Weise.

Ebenso vermeidet er es den Götterstatus des großen Schriftstellers in den Vordergrund zu schieben. Denn dann müsste er sich dahinter verstecken. Selbstbewusst und unbeirrbar stellt er dem Leser einen Mann (DEN Mann) vor, der in der Welt der Literatur fest auf dem Thron sitzt. Dabei scheut er sich nicht seinem Helden (und nichts anderes muss Thomas Mann für Hanjo Kesting sein, denn nur so entsteht eine Biographie wie diese) auch mal hier und da nachzuahmen. Die gezielte, weil notwendige, Kommatasetzung, stellt ab und an eine Herausforderung dar. Auch Thomas Mann liebte es scheinbar sich in Haupt- und Nebensätzen zu ergehen, die erst Seiten später ein Ganzes ergaben. Studenten riet er beispielsweise den „Zauberberg“ zweimal zu lesen. Denn beim zweiten Mal ist der Fluss ein anderer. Und man solle den „Zauberberg“ in Ruhe lesen. Inder Abgeschiedenheit von Davos, beispielsweise – das rät Hanjo Kesting.

Glanz und Qual – ein gelungener, wenn nicht sogar der einzige wählbare Untertitel des Buches, der einmal mehr dazu verleitet, Thomas Mann (noch einmal) zu lesen. Doch wo anfangen? Bei diesem Buch!

Meister Floh

Wenn einem heutzutage oft zu willkürlich eine geschliffene Sprache vorgeworfen wird – „weil man spricht heute anders als früher“ – so sollte man diesen Sprachverteuflern dieses Werk um die Ohren hauen. Ausufernde Wortketten, exakte Zeichensetzung und wohl überlegte Formulierungen, die sicherlich im heutigen Sprachgebrauch inhaltlich überarbeitet, dennoch derart betörend geschliffen ans Ohr dringen, sind eine Wohltat im Strudel des kurzen Informationsaustauschs. Da ist zum Beispiel der Eheherr, der seinem Knaben den wundervollen Namen Peregrinus verleiht. Und eben dieser Peregrinus Tyß ist ein gemachter Mann. Mit einer besonderen Gemütsart. Und einer Weiberscheu. Unwillkürlich übersetzt man diese Worte automatisch ins aktuell gültige Deutsch. Einmal tief Durchatmen. Und weiter geht’s.

Peregrinus Tyß ist wieder in Frankfurt. Nach jahrelanger Abwesenheit – Lehrjahre, die bekanntlich keine Herrenjahre sind – kehrt er als gemachter (Kauf-) Mann in sein Elternhaus zurück. Die Eltern sind nicht mehr. Doch ihm ist einsam. Eine Depression würde man heute sagen, hat ihn ergriffen. Er erinnert sich an seine Kindheit- verbringt Weihnachten wie einst. Kauft sogar die gleichen Spielsachen. Bis auf eine Schachtel, die ist verschwunden, ist alles so wie damals. Und dann auch wieder nicht. Die Befriedigung aus Kindertagen ist wie weggeblasen. Und so schenkt er die Spielsachen den Kindern von Buchbinder Lämmerhirt. Hier trifft er eine junge Frau, die seinem Kindermädchen verdammt ähnlich sieht. Und die hat auch noch die verschwundene Schachtel dabei. Ab jetzt entspinnt sich eine Phantasiereise, die man selbst lesen muss. Denn Realität und Vorstellung verschwimmen auf seltsame Weise…

Sieben Abenteuer schreibt E. T. A. Hoffmann seinem Peregrinus Tyß auf den Leib. Er wirbelt ihn durch die Luft wie ein Zirkusartist, lässt ihn fallen und hebt ihn behutsam wieder auf. Allein schon das erste Abenteuer lässt die Kraft der Gedanken mit jedem Satz spürbar werden. Eindrucksvoll in Szene gesetzt durch die Illustrationen von Alexander Pavlenko.

Die teils ausufernden Endlossätze, die gedrückte Stimmungslage des Protagonisten und die vernebelte Szenerie bilden die Dreifaltigkeit für die einzig gültigen gestalterischen Mittel, die dieses Buch zu einem Erlebnis für die Sinne machen. Das Buch wurde von Beginn an zensiert. Erst ein knappes Jahrhundert später war es in voller Pracht erhältlich. Und nun auch in der ihm gebührenden Form.

Italiens Provinzen und ihre Küche

Schon beim Erblicken des Titels weiß man, das kann nur gutgehen. Und dieses Vorurteil wird auf den folgenden 160 Seiten ein ums andere Mal bestätigt. Denn Italien und Essen – das passt wie Roma e storia und  Napoli e vesuvio. Dolce vita zwischen zwei Buchrücken, mit Gaumenfreuden alla nonna. Davon kann man nie genug bekommen!

Das hat sich auch Alice Vollenweider gedacht. Und räumt mit dem Vorurteil auf, dass nur Pasta und Pizza auf dem Stiefel auf die Teller kommen.

So unterschiedlich die Regionen sind, so unterschiedlich sind auch die kulinarischen Gepflogenheiten. Im Laufe der Zeit hat sich sogar der vino zur Pizza in eine gepflegte Hopfenkaltschale verwandelt. Ja, mittlerweile hat der Bierkonsum den Weinverzehr überholt. Das aber nur als Randnotiz für all diejenigen, die mit offen stehendem Mund und stotternder Stimme in bella italia sich entrüsten wollen, dass der Traubensaft so sehr nach zuhause ausschaut…

Liest man das Buch nun mit oder ohne Lätzchen? Das muss jeder für selbst entscheiden. Wer jedoch bei Minestra di fagioli (Triestiner Bohnensuppe), Conchiglie e broccoli (Teigmuscheln mit Broccoli) oder Torta di ricotta (muss man wohl nicht übersetzen) ein leichtes, freudiges Grummeln in der Magengegend verspürt, sollte vorsorgen.

Denn es geht weiter. Region für Region, vom Trentino bis Sizilien, von Venetien bis Sardinien reicht die Menükarte. Und auf ihr hinterlassen Kalb, Hühnerleber und Kaninchen einen leckeren Nachgeschmack.

Schon beim Lesen fällt auf, dass es zwischen den Regionen sehr wohl gewaltige Unterschiede gibt. Während im Norden Polenta auf den Tisch kommt, vertreten Makkaroni bei einer Blindverkostung eindeutig Sizilien.

Neben den Unterschieden verbinden aber auch – zwischen den Zeilen – die Gemeinsamkeiten die cucina italiana. Wo andernorts mächtig Butter verwendet wird, schwören italienische Köche auf Olivenöl. Die barbarische Verwendung von Butter – die ersten italienischen Einwanderer in Deutschland staunten nicht schlecht wegen der Brocken Butter in deutschen Tiegeln – wird hier niemals das reine Öl ersetzen.

Wer Italien liebt, tut dies auch wegen der kulinarischen Entdeckungen. Dieses Buch strotzt nicht nur wegen der einfühlsamen Beschreibungen der Küche Italiens, sondern punktet nicht zuletzt wegen der enormen Anzahl an leicht nachzukochenden Rezepten. Achtundachtzig an der Zahl – und jedes einzelne ein Stück Italien. Buon appetito!

Das letzte Gericht

In so ein Restaurant geht man gern. Hier schwingt eine echte Enthusiastin den Kochlöffel: Sabine. Ihre Kreationen sind der Hit! Und wer einmal hier speiste, den hat es umgehauen. Voller Lob taumeln die Gäste aus dem Etablissement und schwören sich bald schon wiederzukommen. Doch hinter der Leidenschaft der Köchin verbirgt sich ein Geheimnis. Nichts, dass man gleich Angst haben müsste. Es sei denn, dass man vor Jahren etwas getan hat, das Sabines Leben von Grund auf änderte. Was könnte da in Frage kommen? Ihr das Pausenbrot in die Pfütze schmeißen? Nein. Sie geschubst haben? Nein. Ihr gar noch viel Schlimmeres? Ja, es wird schon wärmer.

Eines Tages steht Sabine dem Mann gegenüber, der ihr ganzes Leben mit seiner Gewalt und Widerwärtigkeit in ganz andere Bahnen lenkte. Rache ist ein Gericht, das man kalt serviert. Altes Klingonensprichwort. Ein gefundenes Fressen für eine Köchin mit Rachegedanken. Und mit einer Brise Hass wird dem einstigen Peiniger der Garaus gemacht. Reue? Nein. Weder er noch sie kommen gar nicht dazu so etwas wie ein Gewissen zuzulassen.

Sabine hat Blut geleckt. Wenn’s so einfach ist der Welt was Gutes zu tun, warum soll man dann aufhören? Es ist weder am schönsten, noch ist sie auf dem Höhepunkt ihrer (neuen, geheimen) Karriere. Aus der engagierten Köchin mit gut laufender Gastronomie wird der Rachenegel mit dem grünen Daumen. Ihr Fleischklopfer … na ja, soweit wollen wir mal nicht gehen. Sabine mordet – rächt – raffiniert. Der süßliche Geruch des Todes hängt in der Luft…

Andreas Breidert schafft mit Sabine eine Frau, die durchaus das zeug zur absoluten Sympathieträgerin hat. Wäre da nicht ihr Hang zum Weitermachen. Die Rachegelüste nach so vielen Jahren Lebens mit der Scham sind im Rahmen des Vorstellungsvermögens irgendwie nachvollziehbar. Dass sie jedoch sich zum Erlöser mit Kräuterhexenattitüde aufschwingt, lässt an ihren Motiven zweifeln. Ein Lesespaß ist „Das letzte Gericht“ allemal. Sabine zweifelt nach und nach an sich selbst, was sie dann doch im Laufe des Buches immer sympathischer erscheinen lässt. Wenn der Pfarrer mit dem Kinde, wenn der Alki mit der Eisenfaust, wenn der gerissene Betrüger ohne Gewissen bei Sabine einkehren, ahnen sie noch nicht, was Kehraus für sie alle bedeuten wird. Und wenn sie es doch bemerken, ist es zu spät. Die Rechnung übernimmt Sabine selbst.

Wir, Europa – Fest der Völker

Der Untertitel „Fest der Völker“ wurde auch schon missbraucht. Leni Riefenstahls Olympiafilm der Spiele 1936 wird bis heute ob der Optik unter diesem Titel gefeiert. Laurent Gaudé setzt mit seinem Stempel „Fest der Völker“ ein weiteres Denkmal für unseren Kontinent.

Auch wenn bei dem Namen Europa immer mehr sich die Hände vors Gesicht knallen, ist es doch die Idee, die hinter der Marke Europa steht, die im Vordergrund stehen sollte. Laurent Gaudé ist Europäer, nicht, weil es immer mal wieder en vogue ist ein bisschen verklausuliert und mysteriös wirkend sich hinter dem Kontinent Europa zu verstecken, sondern weil es im Herzen fühlt. Per Passport ist er Franzose. Auch Laurent Gaudé ist aufgefallen, dass das Prädikat Europa immer mehr an Glanz und Durchschlagkraft verliert. Woran liegt`s?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, und auch der Autor kann Teilen der Wahrheit nur nahe kommen. Er wählt den nicht einfachen Weg der Poesie sich seinem Kontinent und dessen Geschichte zu nähern. Ohne dabei auf unbedingten Reimzwang zu achten – sicherlich ein Dorn im Auge der Bürokraten europäischer Kommissionen, Dienste und Abteilungen. Doch es geht nicht um Normen und Richtlinien, sondern um die Wurzeln Europas.

Mazzoni, Garibaldi, Paris, Wien, Kohle, Prag, Berlin – die Liste der Schlagworte ließe sich fast unendlich fortsetzen. Mit nicht enden wollender Empathie fabuliert sich Laurent Gaudé durch die zerstückelte Geschichte Europas. Ein bisschen Vorkenntnisse sollte man schon mitbringen. Nicht Tiefgreifendes, aber Namen und Orte sollten im Groben schon vorhanden sein. Dann liest sich dieses Endlos-Gedicht-Ohne-Reimanspruch wie eine Kurzgeschichte, die man sich gern auch ein zweites, drittes … Mal durchliest. Oder man genießt „Wir, Europa“ häppchenweise. Wie einen guten Wein, der ja auch zur europäischen Geschichte der Blaue Reiter oder Crystal Palace.

Europa so gesehen, ist immer noch eine Erfolgsgeschichte. Leider sind die Erfolge nicht mehr so leicht zu vermarkten wie sie einmal waren. Den Umschwung einmal mehr hinzubekommen, darin sollte die Stärke Europas liegen.

Nostalgia

Columbo lässt grüßen: Man weiß, wer der Mörder ist. Jetzt muss nur noch geklärt werden wie es dazu kam. Und bei dieser besonderen Erzählstruktur beweist Ermanno Rea begnadetes Geschick. Eigentlich beginnt die Geschichte mittendrin…

Felice Lasco kehrt nach 45 Jahren in sein Rione Sanità zurück. Dieses Viertel ist selbst in Neapel verrufen. Wer nicht von hier ist und trotzdem hier hin geht, braucht schon einen verdammt guten Grund. Felice hat so einen wichtigen Grund: Seien Mutter. Sie ist schwer krank und wird bald sterben. Er will sich um sie kümmern. Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, dass er Sanità verlassen hat. Nun ist er zurück und will erst einmal nur schauen, was sich verändert hat, was er noch kennt. Und ob er alte Freunde wiedersehen wird.

Allen voran Oreste – sein Bruder im Geiste. Unzertrennlich waren die beiden. Damals, als Teenager. Oreste der Draufgänger, der kein Risiko scheute, um die eine oder andere Lira an sich zu nehmen. Und Felice, der Besonnene, der in Oreste aber sehr wohl sein Gegenstück fand. Bis eines Tages … naja, jugendlicher Leichtsinn oder doch schon erkennbare kriminelle Energie? Der geplante Einbruch ging gehörig in die Hose. Sosehr, dass Felice fliehen musst. Bis zum heutigen Tag.

Don Luigi Rega, der Pfarrer der Gemeinde ist Felices erster Gang. Er wird ihm helfen sich wieder zurechtzufinden. Denn noch immer schwebt das Damokles Schwert des Verrates über Felice. Und erst recht über Oreste, die Kanaille, wie man ihn nannte. Das Henkerschwert schwebt indes über beiden.

Oreste hat inzwischen Karriere gemacht. Die vorhersehbare Karriere. In einem Viertel, in dem solche Karrieren so vorhersehbar sind wie ein Wintereinbruch in der Stadt am Vesuv.

Emanno Rea packt den Leser tief in der Seele. Die engen Gassen, der Duft der Verzweiflung, die einzigartige Aura Neapels fängt er mit Worten ein, die man so nur selten zu Gesicht bekommt. „Nostalgia“ ist der Roman über Neapel, den man lesen muss, will man die Stadt auch nur ansatzweise verstehen. Kein permanentes (durchaus oft gerechtfertigtes) Klagen über die Hoffnungslosigkeit, sondern schnörkelloses Aufzeigen eines Lebensstils, der jedem Bewohner von Sanità in die Wiege gelegt wird. Fernab von Klischees zeigt er aber auch den Kampfeswillen der Bewohner dem Schicksal die Stirn zu bieten und ihm ab und zu einen gewaltigen Hieb in die Magengrube zu geben. Neapels Touristen sehen meist nur (zum Glück?) die perfekte Symbiose von Verfall und Charme. Ermanno Rea zeigt die Welt hinter der bröckelnden Fassade. Dass hier das happy end nicht hinter jeder Ecke auf Kundschaft lauert, ist klar. Doch auch hier ist Ermanno Rea unbeirrbar. Manchmal ist das Offensichtliche eben auch nicht mehr als eben dieses.

Ob die Möwen manchmal an mich denken

Wenn es mit dem Urlaubsplatz an der Ostsee mal nicht geklappt hat, ist das ärgerlich. Dann sucht man sich halt was anderes. Wenn man aber die Ostsee nicht besuchen darf, weil man Jude ist, dann ist das mehr als „nur ärgerlich“. Das Reden über Einschränkungen der Nazis gegenüber Juden ist noch nicht zu Ende. Noch immer sind nicht alle Auswirkungen der Rassengesetze aufgeschrieben. Mit diesem Buch kommt eine weitere Widerlichkeit hinzu. Badeverbot an der Ostsee.

Was so lapidar daherkommt, wiegt in Wahrheit viel schwerer. In Preerow zum Beispiel, wo Goebbels seine Sommerresidenz hatte, wurden schon vor 33 jüdische Badegäste darauf hingewiesen, dass es Lokale gibt, wo sie eventuell auf Gegenwehr treffen könnten. Es ist zynisch, wenn später dann behauptet wurde, sie hätten es wissen müssen. Dem Grafiker George Grosz geht der Flaggenrummel schon früh auf den Geist. Die im Wind wehende Fahne der Weimarer Republik ist weit weniger zu sehen als das Hakenkreuz der baldigen Machthaber. Und im Ort sei man stolz auf seine nationalsozialistische Gesinnung. Wehret den Anfängen!, ein Gebot, das heute noch Bestand hat.

Der weiße, makellose Sandstrand von Heringsdorf ist auch für die Familie von Victor Klemperer, der mit „LTI“ der linguistischen Kulturverunglimpfung der Nazis die Maske vom Gesicht reißen wird, ein echter Sehnsuchtsort. Doch dem sensiblen Sprachwissenschaftler fallen die Veränderungen prompt auf. Ende der Zwanziger war es das Paradies. Drei Jahre später – als Wahlen anstanden – ist der ganze Ort politisiert. Nazi-Propaganda, von der Zeitung bis hin zu Postkartenmotiven, lassen seine Alarmglocken schellen.

Anhand von Zeugnissen wie eben denen von Victor Klemperer zeichnet Kristine von Soden den allmählichen sichtbaren Judenhass und der Judenverbannung aus der „Badewanne Berlins“ nach. Das schleichende Gift der Vertreibung breitete sich spürbar und exponentiell aus. Das Idyll wurde zur verbotenen Zone für einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Bevölkerung. Die Großzahl an Quellen verblüfft vor dem Hintergrund der zahlreichen Unwissenden, die niemals etwas vom Treiben gegen die Juden vernommen haben wollten. Umso wichtiger, dass sie jetzt gesammelt in diesem Buch noch einmal sichtbar werden.