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Die Auslöschung der Mary Shelley

Die Auslöschung der Mary Shelley

Ein martialischer Titel: Auslöschung. Hat was Endgültiges. Mary Shelley – ja, der Name wurde nicht zufällig gewählt – ist Biologin. Eine hervorragende Biologin. So gut, dass sie an einem Computer arbeitet, der es erlaubt jeden und alles komplett zu überwachen. Aus aktuellem Anlass im Namen der NSA, der National Security Agency. Doch Mary Shelley hat auch ein Gewissen. Sie weiß, dass der Computer eine neue Zeitrechnung einleiten wird.

Und diese Zeitrechnung will sie beeinflussen. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zögert sie die Fertigstellung hinaus. Doch sie verfolgt auch eigene Ziele. Idealistisch wie sie ist, will sie ihr „Monster“ zur Kriminalitätsbekämpfung umprogrammieren. Das Übel bei den Wurzeln packen.

Marc Buhls Mary Shelley ist die moderne Jean d’Arc des digitalen Zeitalters. Ihre Religion ist eine friedvolle Welt. Ohne Heiland, ohne Dogmen. Doch sie hat die Rechnung ohne ihr Monster gemacht. Denn der Computer tut das, was er will, was er denkt. Und das ist nicht immer in ihrem Sinne. Der Computer sollte der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, doch jetzt ist „Victor“ – wie er bezeichnenderweise heißt – auf seinem eigenen Siegeszug durch das globale Netz. Und wo könnte der Thriller anders enden als im Death Valley …

„Die Auslöschung der Mary Shelley“ ist erst der Auftakt zur großen digitalen Verbrecherjagd. Jeder Leser hat – sofern er in sozialen Netzwerken organisiert und verknüpft ist – die Möglichkeit an dem Monster mitzuwirken. Näheres dazu gibt es auf der Verlagshomepage: blinkbooks.berlin.

Die endlose Stadt

Die endlose Stadt

Wo nichts ist, war nie was. Wo was war, sieht man. Was es war, versucht Holle mit der Kamera einzufangen. Sie ist Fotografin und lebt in Istanbul. Hier hat sie auch Celal kennengelernt, was sie nicht davon abhält – wie kann sich nicht erklären warum – Dr. Christoph Wanka interessant zu finden. Anziehend findet sie ihn nicht. Denn er lebt in einer anderen Welt. Vorstand. Die Kunst ist für ihn nicht Lebenselixier (wie bei Holle), sondern Gegenstand seines Status. Nicht aus Schwäche, nicht aus Resignation, sondern aus der Tatsache heraus, dass es in ihre Konzept passt, willigt sie ein, dass Wanka nach langem Drängen ihr einen Aufenthalt in Mumbai spendiert. Beide Städte sind vergleichbar und auch wieder nicht. Annähernd die gleiche Einwohnerzahl ist Istanbul mehr als achtmal so groß wie der indische Moloch. Wo eben noch etwas war, ist hier schon wieder etwas anderes. Anders als in Istanbul sind die Zeichen des Dagewesenen schnell verblasst. Holle verlässt Mumbai wieder Richtung Istanbul. Ihre Wohnung in Mumbai übernimmt Theresa. Sie ist Journalistin. Auch eine Künstlerin, aber eine, die im Korsett der Fakten und Deadlines gefangen ist.

Auch Theresa begegnet Dr. Wanka. Im Film wäre die Rolle des Wanka eine Nebenrolle: Was im Englischen als „supporting role“ bezeichnet wird. Eine Titulierung, die dem Charakter näher kommt. Die Namensähnlichkeit mit Willy Wonka aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ist beabsichtigt oder nicht. Im Film ist er die Antriebsfeder, in „Die endlose Stadt“ ist Wanka / Wonka Vehikel des Fortschritts. Beide Frauen begegnen ihm, ändern ihr Leben, folgen ihm und sagen sich von ihm los.

Istanbul und Mumbai sind der Ulla Lenzes Nährboden für die Schicksale zweier Frauen. Welche der beiden Städte die „endlose Stadt“ ist, bleibt dem Leser überlassen.  Der Roman ist keine leichte Kost für „mal eben zwischendurch“. Dafür sind die Charaktere zu ausgefeilt, zu komplex, zu streitbar. Die Abkehr vom Materialismus und der Zwang, sich mit der Bezahlung der Arbeit einen Lebensentwurf leisten zu müssen, wirft zahlreiche Konflikte auf. Ob lokal oder global, ist einerlei. Die Beschäftigung mit den Problemen lässt viele scheitern. Die Protagonistinnen sind sich noch nicht sicher, ob sie scheitern oder weitersuchen.

Der dunkle Fluss

Der dunkle Fluss

Benjamin ist der vierte Sohn einer Familie aus Akure im Westen Nigerias. Der Vater wird in den Norden des Landes geschickt, womit das geordnete Leben der Familie ein plötzliches Ende findet. Denn der Vater war die Richtschnur des Idylls. Sein Wort war Gesetz. Die Kinder müssen nun sehen wie das Geld in die Kasse kommt. Sie werden Fischer. Dabei sollten sie nach den Vorstellungen des Vaters Anwälte, Doktoren, Ingenieure werden.

Alle zwei Wochen kommt der Vater aus dem Norden zu seiner Familie. Die Firma hat ihn dahin versetzt – er fügte sich seinem Schicksal. Zuhause fordert er von seiner Frau zu berichten wie sich die Dinge entwickeln. Seine Frau kommt seiner Bitte oft und gern ach. Als der Vater erfährt welcher Tätigkeit seine Zöglinge nachgehen, ist er erbost. Statt ihre Nasen in die Bücher zu stecken und eine angesehene Karriere machen zu können, gehen sie einem Vergnügen nach. Und dann auch noch am Omi-Ala, dem dunklen Fluss. Dort ist es verboten zu fischen.

Dieser Fluss, Omi-Ala, ist auch der Ort, an dem die Brüder einen selbsternannten Propheten treffen. Ein übler Geselle. Er mordet. Er verkündet Unheil. Ein Unheil, das die Blutsbande der Brüder entzweien soll. Was auch gelingt…

Chiogozie Obioma zeichnet mit seinem ersten Roman ein düsteres Bild Nigerias in den 90er Jahren. Sani Abacha war noch an der Macht. Ein Diktator, dessen Erlässe bis heute nachwirken. Unter anderem war er für den international viel beachteten Mord an dem Journalisten und Umweltaktivisten Ken-Saro Wiwa verantwortlich. Diese Zeit hat der Autor (geboren 1986)  als Kind miterleben müssen.

Mythos und Zukunftsängste sind die beherrschenden Themen in dem beeindruckenden Erstling von Chiogozie Obioma. Nigeria als zerrissener Staat, der in Teilen von ungeheurem Terror heimgesucht wird, als Land, in dem Korruption allgegenwärtig ist, als Heimstätte so vieler reichhaltiger Kulturen – hier erfährt der Leser mehr als die düsteren Nachrichten. „Der dunkle Fluss“ führt in seinen Wassern die DNS der Gewalt. Was auch die einst fröhlichen Kinder hart am eigenen Leib erfahren müssen. Zwischen  Kopfschütteln und faszinierender Folklore ist der Leser hin- und hergerissen.

Auf See

Auf See

Mit dreiundvierzig Jahren das Zeitliche zu segnen, ist wahrlich nicht erstrebenswert. Ein dahinsiechender Patient, der in geistiger Umnachtung stirbt, muss, um zufrieden abtreten zu können, einiges erlebt haben. Guy de Maupassant war sicherlich nicht zufrieden als er 1893 zu jung in einer psychiatrischen Klinik bei Paris starb. Aber er hat viel erlebt und es niedergeschrieben. So wie diese Geschichte einer zehntägigen Schifffahrt von Antibes nach Saint Tropez.

Nicht nur die Sicht auf die Dinge des Lebens – de Maupassant war zu diesem Zeitpunkt (1887) schon noch (!) bei bester Gesundheit, auch die Beschreibungen des Gesehenen machen „Auf See“ zu einem unverzichtbaren Werk, das sich am besten an den Stränden der Côte d’Azur genießen lässt.

Vorbei an den schneebedeckten Wogen aus Granit, wie er poetisch die Alpen nennt, schippern er und zwei Begleiter südwestlich an der azurblauen Küste entlang. Beim Anblick von so viel Erhabenheit schwelgen viele in Erinnerungen. Guy de Maupassant auch. Er denkt an Paganini. Der sollte nach seinem Tod von seinem Sohn nach Genua gebracht werden. Wegen der Cholera verwehrte man ihm aber in allen Häfen die Anlandung. Er Jahre später wurde der Leichnam von einer kleinen Insel nach Parma gebracht. So düstere Gedanken in solch farbenfroher Umgebung. Im Anhang erfährt der Leser, dass diese Geschichte komplett erfunden ist.

In Cannes lockert sich die Stimmung des Autors. Er lästert im Stile einer Klatschbase über die hier versammelten Fürsten, für die es nur eines zu geben scheint: Sich im Kreise Ihresgleichen sonnen zu können.

Im Leben Guy de Maupassants geht es auf und ab. Wie das Schiff, auf dem er sich befindet, geht es mit ihm Auf und Ab. Manchmal merkt er gar nicht mehr, dass er überhaupt schreibt. Je öfter er an Land geht desto näher ist er an den Menschen. Zwischen Mistral und wogender See philosophiert er über die Mentalität der Franzosen.

Auf See ist Guy de Maupassant ganz er selbst, nicht immer bei sich, doch stets der wortgewaltige Schriftsteller. „Auf See“ ist keine bloße Reisebeschreibung, das war nie sein Ding. Dennoch gelingt es ihm die Schönheit der Côte d’Azur in kraftvolle Worte zu kleiden und den Leser in Urlaubsstimmung hineingleiten zu lassen.

Der Anhang des Buches gibt Aufschluss über die Intentionen der Reise und die Quellen der soeben gelesenen Zeilen. Guy de Maupassant war ein Lebemann mit allen Konsequenzen. Dieses Buch gehört in die Hand an den Stränden der Côte, mit allen Konsequenzen.

Schlösser am See – Burgen und Landsitze am westlichen Bodensee

Schlösser am See

Mal ganz ehrlich. Wo würden Sie – gänzlich befreit von räumlichen und finanziellen Zwängen – sich eine repräsentative Unterkunft im deutschsprachigen Raum errichten (lassen)? Am Meer? In den Bergen? Auf dem flachen Land, um so viel wie möglich überblicken zu können? Oder in einer Industriebrache? Am besten eine Mischung aus den ersten drei Angeboten. Aber wo soll man so was finden?

Da muss man ganz schön weit reisen. Es sei denn, dass man am Bodensee wohnt. Denn dann ist man bereits angekommen. In unseren Breiten hat der Süden eine besondere Anziehungskraft (ein Feuerländer sieht das sicherlich anders). So verwundert es nicht, dass sich am Ufer des Bodensees so manch architektonische Kleinod verbirgt bzw. sich ganz schamlos dem Betrachter offenbart. Besonders im Westen, zwischen Konstanz und Schaffhausen, auf der Höri und am Überlinger See. Davon erzählt dieses Buch.

Eine wahre Pracht an herrschaftlichen Häusern säumt die flachen und steileren Ufer an Europas größtem See. Bei fast dreihundert Kilometer „Küstenlinie“ ist ja auch viel Platz, um der eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen. Tobias Engelsing und Anne-Katrin Reene haben ihre Wanderschuhe geschnürt und sind Burgen und Landsitzen auf die Pelle gerückt. Jedes Bauwerk wird kurz und knapp beschrieben, den Schluss bildet der Hinweis, ob man selbst einmal einen Blick hinter die herrschaftlichen Kulissen werfen darf oder nicht, sprich, ob es öffentlich ist oder nicht. Meist sind die Anwesen privat genutzt, nur ein Teil ist der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Bodenseeregion zählt jährlich fast zwanzig Millionen Übernachtungen. Im Durchschnitt bleibt jeder Besucher zweieinhalb Tage. Genug Zeit also um Villa Douglas, Burg Kastell, Scheffelschlössle Mettnau und die anderen in diesem Buch versammelten Gemäuer genauer unter die Lupe zu nehmen. Als Appetitmacher ist dieses Buch gerade recht. Historische und aktuelle Aufnahmen, kurze Abrisse aus der Geschichte und zahlreiche Informationen zu Besuchszeiten runden den exquisiten Band ab. Da die Bauwerke oft dicht beieinanderliegen, ist es kein Problem mehrere an einem Tag zu besuchen. Wer es ganz elegant mag, was am Bodensee quasi zum guten Ton gehört, erkundet die prächtigen Behausungen vom Wasser aus, verschafft sich in diesem Buch einen umfassenden Überblick und begibt sich tags darauf auf Schusters Rappen, um sich von der architektonischen Wucht erschlagen zu lassen. Schläge, die hängen bleiben, auch dank dieses Buches.

Sizilien: Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Sizilien - Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Wow was für eine Reise! Diesen Ausspruch kennt man, wenn man aus Sizilien zurückkehrt. Neidisch lauschen Freunde und Familie den Schilderungen der Reisenden. Es kann aber auch als Fazit dieses Buches gelten. Bleiben wir bei Letzterem.

Das Autorenduo Weber / Sehn beginnt mit einem literarischen Rundumschlag. Sie zeigen anhand sizilianischer Autoren, die über Sizilien schreiben, wie Sizilien ist, wie die Menschen ticken. Zitate und Analysen verschaffen dem Leser und Sizilienenthusiasten einen umfassenden Überblick über das, was die Insel ausmacht. „Die Königin der Inseln“ offenbart sich am besten in Büchern, keine Binsenweisheit – eine Tatsache. Pirandello, di Lampedusa, Camilleri und Sciascia und viele andere gaben ihrer Heimat eine Stimme. Den historischen Zusammenhang der Bücher stellen Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn unumstößlich dar.

Literarisch geht es auch weiter, wenn Sizilien als Reiseland entdeckt wird. Rund zweieinhalb Jahrhunderte erst wird die größte Insel des Mittelmeeres als Reiseziel wahrgenommen. Natürlich war auch Goethe hier, dem es fast die Sprache verschlagen hat. Johann Gottfried Seume war Sizilien einen Fußmarsch wert. Von Sachsen aus lief er zu Fuß nach Sizilien. Heutzutage ist das schon wieder ein eigenes Buch wert…

Die folgenden Kapitel sind den Wurzeln Siziliens gewidmet. Griechen, Deutsche, Normannen und Araber haben allerorten ihre Zeugnisse hinterlassen, die teils heute noch besichtigt werden können. Kenntnisreich und moderat führen die Autoren durch die wechselvolle Geschichte der Invasoren und Herren Siziliens. Das Zeitalter des Barocks hat in Sizilien zahlreiche, überbordende Denkmäler hinterlassen. Da hier die Erde sehr oft bebte und immer noch bebt, wurde so mancher Ort dem Erdboden gleichgemacht. Noto im Südosten wurde barock und farbenfroh wieder aufgebaut. Nur halt ein paar Kilometer weiter. Fachkundig und begeistert zugleich berichten die beiden Autoren von den nicht zu übersehenden barocken Besonderheiten der Stadt.

Bei einem Streifzug durch Sizilien dürfe zwei Dinge nicht fehlen: Die Küche und die Mafia. Nach über zweihundert Seiten Geschichtsunterricht, der auf keiner der Seiten auch nur ansatzweise langweilig wird, nun der folkloristische Teil. Hier verlassen die Autoren ihre Sach-Komfortzone und geben handfeste Tipps. Zum Beispiel geben sie den Ort preis, an dem Commissario Montalbano, Andrea Camilleris Vorzeige-Kommissar, am liebsten seine Leibspeise einnimmt. Und wenn wir schon bei Ermittlern sind, ist die Mafia nicht weit. Sie ist untrennbar mit Sizilien verbunden. Man sieht sie nicht immer und überall, jedoch ist sie da. Seit jeher. Auch dafür haben Weber und Sehn ein Auge. Von den Ursprüngen, die nur selten erwähnt werden, bis hin zum aktuellen Stand wird dem Mob auf den Zahn gefühlt.

Literaturliste, Geschichtsbuch, Legendenbildung, Kochtopfneugier – Sizilien wird bei Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn zum umfassenden Leseerlebnis. Sizilien ist ein Reiseziel für Kopf und Herz. Beides wird in diesem Buch hervorragend gefüttert.

Konstantinopel von unten

Konstantinopel von unten

Pitsche-patsche nass stehen sie da. Die Männer, die für Viele die letzte Rettung bedeuten. Seefahrt war und ist (und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben) ein hartes und gefährliches Geschäft. Die Geschichten von gesunkenen Schiffen, die Schicksale von Besatzung und Passagieren beflügeln von jeher die Phantasie der Menschen.

Jürgen Rath auch. Er begibt sich in die Archive von Seefahrtsämtern und –gerichten, in denen er die Fakten für seine Geschichten findet. Alles ist so passiert wie in den Geschichten. Die Dialoge sind wohlwollend erdacht. Hier setzt die hohe Kunst der Literatur ein. Fakten und eigene Erfahrungen in Einklang zu bringen. Jede Bugwelle, jeder Schrei, jedes Aufsetzen auf Meeresgrund wird nachvollziehbar. Die spritzende Gischt, die die Sicht behindert, das Donnergrollen am Himmel, das jedes Wort erbarmungslos schluckt, das Krachen der Balken, das die Tore zur Hölle aufstößt: Das alles sind keine Geschichten wie die vom Klabautermann. Alles so passiert, alles so niedergeschrieben.

Ob menschliches Versagen oder der Zorn von Mutter Natur, kaum ein Leser entkommt den spannungsgeladenen Abhandlungen Jürgen Raths. Wer zart besaitet ist und demnächst eine Kreuzfahrt unternehmen will, dem wird der Schrecken in die Glieder fahren. Aber keine Angst! Nicht jede Welle endet in einem Fiasko. Denn es gab schon immer mutige Männer, die Augen offenhielten, um Schiffbrüchigen die helfende Hand zu reichen. Auch diese Helden werden in den Geschichten besungen.

Es müssen nicht immer die erfolgversprechenden Riesenkatastrophen sein, die den Leser packen. Der Untergang der Titanic fasziniert auch heute, über hundert Jahre später, die Massen. Nicht weniger schrecklich für die Opfer und die Hinterbliebenen sind die Katastrophen, von denen heute kaum noch jemand spricht. Jürgen Rath gibt Opfern und Helfern ihre Stimmen zurück und setzt ihnen mit „Konstantinopel von unten“ ein Mahnmal. Zehn kurze Geschichten vom Wehen und Flehen, vom Retten und Ohnmacht. Für echte Seewölfe und Abenteurer!

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Wien gehört mit seiner städtischen Architektur zu den schönsten Städten der Welt. Das ist unbestritten. Wozu also noch Werbung machen, die Touristen kommen eh an die Donau. Doch sie wollen auch was erleben, erfahren, nachvollziehen. Da Wien sich nun aber rühmen kann für jeden Geldbeutel, jede Art des Reisens, für jeden Geschmack etwas anbieten zu können, braucht man einen gedruckten Ratgeber.

Christina Rademacher hat nach ihrem Erstling „Vom Hinterhof in den Himmel“, in dem sie die versteckten Kleinode der Metropole offenlegte, nun den offensichtlichen Prachtbauten der Stadt gewidmet. Denn auch hier gib es noch so manches zu entdecken, was in kaum einem Reisebuch steht.

Die Hofburg im Herzen der Stadt ist ein Muss für jeden Wienbesucher. Wie ein offenes Buch lädt sie ein zum Verweilen, zum Staunen, zum Kopf-in-den-Nacken-legen. Kolossale Skulpturen, herrschaftlich Gänge und eine großzügige Auslegung des Begriffes Platz beeindrucken den Betrachter. Die kleinen Anekdoten und Histörchen, die Christina Rademacher gesammelt hat, machen jeden Spaziergag zu einem besonderen Erlebnis. Und was ist schöner als zu erfahren, was bei Königs früher los war und wie sich ihr Wirken bis heute auswirkt?!

„Auf den Spuren von Prunk und Pomp“ passt zu Wien wie die Faust aufs Auge. Kaum eine andere Stadt hat so viele royale Hinterlassenschaften, die so eng mit der Gegenwart verbunden sind. Als Zusatz zu einem Reiseband der Stadt Wien ist dieses Buch eine ideale Ergänzung für einen kurzen oder längeren Trip an die Donau. Selbst wer mehrere Tage die Schlösser in und um Wien besuchen will, findet immer wieder Neues in diesem Buch. Ob nun die Top-Attraktionen wie Hofburg oder Schloss Schönbrunn oder die nicht so bekannteren Schlösser Alterlaa, Liesing, Altmannsdorf, Hetzendorf, um nur ein paar zu nennen, Christina Rademacher lässt den Leser / Besucher nicht im Regen stehen.

Mamas wunderbares Herz

Mamas wunderbares Herz

Sizilien ist Italien und doch wieder nicht. Die Sonne brennt erbarmungsloser. Der Trubel auf den Straßen ist lauter, das Pesto grober. Palermo setzt dem Ganzen die Krone auf. Man spricht italienisch, in maurisch-normannischer Architektur. Wer Sizilien kennt, will es intensiv erleben, nie mehr loslassen müssen. Wer Nino Vetri liest, wird es nicht wieder erkennen.

Drei Geschichten, die Palermo, Viale Michaelangelo so darstellen wie es ist und niemals auch nur annähernd von einem Touristen erlebt werden kann. So liebevoll wurde die Nähe zu einer Respektsperson – das Wort Pate wäre hier völlig unangebracht – noch nie beschrieben. Mit voller Inbrunst beschreibt Nino Vetri die Düfte des Viertels. Die Flora von Michelangelo wiegt sich im Wind der Worte. Die ganze Blütenpracht der Welt vereint sich in diesem Mikrokosmos. Hier schreibt das Leben die besten Geschichten. Und der Leser ist hautnah dabei.

Eigentlich ist Nino Vetri Musiker. Er gründete „La Banda di Palermo“ – googeln lohnt sich. So mitreißend ihre Musik, so bezaubernd sind auch die Geschichten Nino Vetris. Unprätentiös, echt, voller Liebe für die Menschen und mit wachem Auge beobachtet er die Menschen um ihn herum. Was dabei herauskommt, muss sich nicht vor Andrea Camilleri und Leonardo Sciascia verstecken.

Jede einzelne Begebenheit wird zu einem echten Ereignis. Kurz und kraftvoll schlägt das Schicksal zu. Der Leser kommt kaum hinterher ohne sich gehetzt zu fühlen. Die Hitze der Mittelmeerinsel ist spürbar. Die Härte des Lebens engt den Leser nicht ein, sie gibt ihm Raum sich einzufühlen.

Die Geschichten sind gespickt mit kleinen Anekdoten, die zusammengefügt ein farbenfrohes Bild Palermos zeichnen. Doch die Gefahr lauert überall…

Begräbnisse zum Totlachen

Begräbnisse zum Totlachen

Papa Shango lacht furchteinflößend in die erschrockenen Gesichter. Gevatter Tod schwenkt vergnügt seine Sense. Eine Brass-Band spielt fröhlich in den Straßen New Orleans‘ zum letzten Geleit. Der Tod kann auch fröhlich sein. Doch niemals so fröhlich wie in diesem Buch.

Kathy Benjamin hat Geschichten gesammelt, die einem die (Freuden-) Tränen in die Augen treiben.

Viele Rituale rund um die Toten haben sich bei den (noch) Lebenden eingeprägt. Die Ursprünge sind selten nachvollziehbar bzw. werden nicht hinterfragt. Zum Beispiel warum Tote mit dem Kopf nach Westen begrabe werden. Oder warum Tote mit den Füßen voraus getragen werden (damit man sie nicht am Kopf stößt?, mutmaßt die Autorin lakonisch).

Die Geschichten und Histörchen werden allesamt nicht so todernst genommen. Es ist ein heiteres Buch, das mit Bonmots von (teils bereits verstorbenen Komikern und Schriftstellern) gewürzt wird. Die kurzen Kapitel erlauben es, dass das Buch in vielen kleinen Abschnitten gelesen werden kann, was es zu einem dauerhaften Lesebuch macht.

Der Tod ist erstinstanzlich eine traurige Sache. Der Tote kommt nicht wieder zurück. Er wird nie wieder jemanden auf den Schoß nehmen, singen, lachen oder die Welt erklären. Man kann dem Tod auf verschiedene Art und Weise begegnen: Heulend, fluchend, verzweifelt. Aber auch mit einem Lächeln im Gesicht. Der Fratze die Stirn bieten. Die schöne Tradition des Leichenschmauses gehört zu Letzterem. Anregungen wie man ein letztes Mal des Verstorbenen gedenkt, bietet dieses Buch allemal.

Fest steht: Die letzte Reise, die man unternimmt, wird nicht mit dem Kapitel „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Und damit die Hinterbliebenen doch was erfahren, hat Kathy Benjamin mit diesem Buch schon mal vorgesorgt. Ein kurzweiliger Trip ins Reich der Toten.