Archiv des Autors: admin

Allein gegen die Schwerkraft

Würde Albert Einstein noch leben – immerhin wäre er 2017 erhabene 138 Jahre alt – hätte er sich wohl schon daran gewöhnt regelmäßig selbst zum Objekt von Forschungen gemacht zu werden. Der Strom an Biographien über den so gelehrten, geselligen, umtriebigen, unterhaltsamen, kämpferischen Einstein ebbt nicht ab. Denn Einstein ist es wert, dass so viel wie möglich über ihn erfahren wird. Bis heute sind seine Reden als Manifeste der Menschlichkeit aktueller denn je. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlagen von Forschungen und unseres Verständnisses der Welt.

Thomas de Padova zeigt in „Allein gegen die Schwerkraft“ ein sehr breites Spektrum der Persönlichkeit Albert Einsteins. In den Anfangsjahren seiner Arbeit tat sich der junge Einstein schwer eine Anstellung zu bekommen. Förderer wie Max Planck traten ihm zur Seite und sorgten dafür, dass er seinen Forschungen nachgehen konnte.

Wegbereiter wie zum Beispiel die zu oft verschmähte Marie Curie – immerhin zweimalige Nobelpreisträgerin, für Physik UND Chemie – kommen ebenso zu Wort wie seine Frau Mileva und seine Geliebte Elsa. Letztere war sicherlich mit ausschlaggebend, dass die Bemühungen Max Plancks Einstein nach Berlin zu holen Früchte trugen.

Ein bisschen Vorbildung ist von Nöten, um „Allein gegen die Schwerkraft“ vollends zu verstehen. Wer im Physikunterricht der Schwerkraft nur insofern nachgab, als dass der Kopf vor selbiger kapitulierte, kommt an manchen Stellen zum Stillstand. Wer sich hingegen auf Einsteins Theorien einlässt, entdeckt in de Padovas Buch viel Vertrautes und Neues aus dem Leben eines Genies.

Der Autor lässt den Leser nicht allein. Großzügig gibt er einen umfassenden Überblick über die Zeit und Umstände, in denen Einstein forschen konnte und musste. Unter dem Brennglas der Geschichte referiert de Padova zu Einstein und seiner Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Einstein die spezielle Relativitätstheorie, elf Jahre später – also mitten im Kriege – die allgemeine. Kollegen verteufelten den Mann mit dem Wuschelkopf, oder sie überschlugen sich vor Begeisterung. Einstein selbst genoss den Ruhm, ließ die Kritiker alsbald verstummen.

Wer auch nur ein wenig in diesem Buch blättert, um sich die Zeit zu vertreiben, wird schnell süchtig nach Einstein. Mit einfachen Worten schafft es der Autor die komplexe Theorie darzustellen, bzw. es deren Entdecker selbst zu überlassen. Dort, wo Erläuterungen angebracht sind, springt der Autor ein. Ansonsten spricht in diesem Buch nur einer: Albert Einstein.

Mein Bruder Che

Seit der Verabschiedung Fidel Castros aus dem aktiven Politikalltag kommt wieder Bewegung ins Interesse für Kuba. Die Revolucion ist noch nicht zu, und erst recht nicht am Ende. Doch die Ikonen werden nach und nach demontiert. Für viele Politiker, Anführer, Bosse war Ernesto Che Guevara Ikone und Staatsfeind Nummer Eins in Einem. Verklärter Held mit enormem Herz für die Unterdrückten auf der einen Seite, rücksichtsloser Egozentriker für die auf der anderen Seite. Pop-Art-Ikone mit dem Potential als T-Shirt ewigen Ruhm zu erlangen und gewissenloser Mörder. Ein echtes Bild von Che zu generieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Jahrelang hat Juan Martín Guevara den Mund gehalten. Als kleiner Bruder des großen Che saß er jahrelang im Gefängnis unter der Militärjunta Videlas in Argentinien. Der Name Guevara war keine Einnahmequelle, eher Grund sich ruhig zu verhalten. Nun bricht er sein Schweigen und gibt (s)einen Blick auf Ihn, den großen Freiheitskämpfer, Abenteurer und Bruder frei. Im fünfzigsten Herbst der feigen Ermordung Ches.

Als Che seine Familie, auch den kleinen Bruder Juan Martín nach Havanna zu den Revolutionsfeierlichkeiten einlädt, ist er doppelt so alt wie Juan Martín. Als Juan Martín zum ersten Mal den Todesort seines Bruders in Bolivien besucht und den Plan fasst ein Buch zu schreiben, ist dieser fast doppelt so alt wie sein großer Bruder geworden war. Dazwischen liegen Jahre des Schweigens, des Bangens, auch der Freude, vielmehr jedoch der Trauer. Juan Martín Guevara zieht nicht eine der Jubelarien ab, die immer wieder an Jahrestagen auf den Markt geworfen werden. Er war ja nicht dabei als in der Sierra Maestra die Kugeln den Kolonnen und dem Comandante um die Ohren flogen. Er war ja nicht dabei als im bolivianischen Dickicht die unterbesetzte, unterernährte, unmotivierte Truppe den Schergen des Militärs in die Hände fiel. Er war ja nicht dabei als aus dem Arzt mit Asthmaleiden und der wilden Mähne Ernesto Guevara der strenge, getriebene Revolutionär Che wurde. Aber er war immer sein Bruder und konnte ihn jahrelang beobachten und seinen Interpretationen lauschen und sie aufsaugen.

Und nun berichtet Juan Martín Guevara von seinem großen Bruder. Es ist ein stilles, liebevolles Portrait eines Mannes, der Menschen auf Anhieb begeistern konnte, der von seiner abgöttisch geliebt wurde, der das Wort revolutionär im wahrsten Sinne verkörperte und über den mit diesem Buch das wohl größte Mosaikstück im Puzzle Ernesto Che Guevara hinzugefügt wird.

Ein gewisses Lächeln

Eine Geste, ein Satz – und schon hat Dominique Bertrand, der nur schnell Zigaretten holen ist, vergessen und redet sich ein, dass Luc, der mit der Geste und dem Satz – Bertrands Onkel, ihr neuer Geliebter werden wird. Ja, vielleicht sogar muss.

Bertrand und Dominique studieren, stehen kurz vor ihrem Examen und genießen das freie Wochenende. Bei Luc, dem Weitgereisten, soll noch einmal Kraft getankt werden vor dem großen Tag des Examens. Wobei Bertrand viel mehr Gewicht in diesen Tag legt als Dominique. Sie studiert zwar, weiß aber gar nicht so recht warum. Sie ist mit Bertrand zusammen. Sie weiß warum – sie mag seine Liebe. Doch ihre eigene Bedeutungslosigkeit stört sie nicht.

Mit Luc erwacht plötzlich das eigene Verlangen wieder. Das Verlangen danach selbst zu lieben. Zwei Wochen Badeurlaub sind da die sprichwörtliche willkommene Abwechslung. Luc ist anders. Klar, erfahrener, anders. Und Dominique genießt die Zeit. Ohne zu merken, dass da mehr ist als nur jugendliche Neugier. Liebe? Oui, bien sûr. Doch Dominique ist immer noch im Überschwang der Gefühle, so dass ihr ihre Liebe erst gar nicht bewusst wird.

Der Urlaub ist vorbei. Der Alltag wieder allgegenwärtig. Auch Bertrand. Der hat von der Badeliebelei Wind bekommen. Freunde können halt nicht immer ihren vorlauten Mund halten. Er nimmt all seinen Mut zusammen und stellt Dominique vor die Wahl: Freundschaft oder Liebe. Luc oder nie wieder der Onkel. Verzeihen oder Vergessen. Dominique entscheidet sich für Freundschaft, Luc und Verzeihen.

Françoise Sagan ist schonungslos in ihrer Betrachtung von Dominiques Entwicklung. Sie gestattet ihrer Hauptfigur zum ersten Mal in ihrem Leben eigene Entscheidungen zu treffen. Und dann gleich so eine bedeutungsvolle Entscheidung! Die Liebe als Instrument der Befreiung von den eigenen Fesseln, die bislang weder Fleisch noch Seele einschnitten. Selbst als der Angebetete sich gefühlte Ewigkeiten nach einer Reise nicht meldet, reagiert Dominique nicht ausfallend oder ungewöhnlich (aggressiv). Sie ist vielmehr dankbar für die Einsicht, dass die Liebe nicht mehr nur für Andere gilt. Sie ist nicht länger die Empfängerin, sie kann auch geben. Das tat sie vorher schon, nur wusste sie es nicht zu schätzen. Und das ringt ihr ein gewisses Lächeln ab…

Costa de la Luz

Denk ich an Spaniens Küsten in der Nacht, … komme ich völlig durcheinander. Wo liegen die denn überhaupt. Costa del Sol, Costa brava, Costa de la luz? Letztere, die Küste des Lichts, ist der Teil im Süden Spaniens, der sich von Portugal im Westen bis nach Gibraltar erstreckt. Sevilla, Cadiz und Huelva sind wohl die bekanntesten Orte der Region. Sevilla ist in diesem Buch mit erwähnt, obwohl es eigentlich nicht direkt zur Costa de la Luz gehört, wohl aber als Ausflugsziel oder Ausgangsort einfach mit dazu gehört.

Schon die kleine Karte auf der Buchrückseite zeigt die ganze Vielfalt der Küste des Lichts: Gebirgszüge, ein Nationalpark, viel Wasser und wie es der Name schon sagt, viel Licht, sprich Sonne. Ideal zum Wandern, planschen, shopping, genießen. Und Thomas Schröder hat schon zuvor mehrere Reisebände über verschiedene Regionen Spaniens geschrieben. Einen besseren Reiseguide kann man sich nicht wünschen. Nur bei einer Frage kann auch er sich nicht entscheiden: Was bestelle ich nur im Restaurant? Die Vielfalt ist umwerfend. Da muss man als Gast ganz allein durch.

Das ist aber das einzige Mal, dass auch der Autor keinen echten Rat weiß. Ansonsten setzt er der Routine des Reisebuchschreibens die Leidenschaft für die Region entgegen. Das merkt man besonders, wenn man sich die gelb unterlegten Kästen durchliest. Hintergründe und kleine Anekdoten wie zum Beispiel über das „Schlemmen am Ufer der Meeresfrüchte“ oder den Karneval von Cádiz oder die Schlacht um den Thun lassen schon vor der Reise Urlaubsstimmung aufkommen.

Ein Füllhorn an Ausflugstipps und genauen Wegbeschreibungen lassen keine Wünsche offen. Huelva zum Beispiel war bis vor wenigen Jahren eine wenig besuchte Stadt, die Region nur bei Spaniern bekannt. Dabei ist das Hinterland mehr als sehenswert. Mittelalterliche Städtchen geizen nicht mit ihren Reizen, hier wächst ein leckeres Weinchen, und in El Rocío kommt Westernstimmung auf. Drei Tipps auf ein paar wenigen Seiten, von denen man bisher selten bis gar nicht gehört hat. Also immer dem Licht entgegen!

Thomas Schröder schafft es ab der ersten Seite den Leser die Costa de la Luz so nahe zu bringen, dass man sich schon vor der Abreise als Experte bezeichnen möchte. Auf der Landkarte nimmt dieser Flecken Erde nicht viel Platz ein. Doch vor Ort öffnet sich ein riesiges Areal, das es gilt zu erkunden. Verlaufen unmöglich, denn Thomas Schröder ist ja da, um hilfreich zur Seite zu springen.

Veit Stoß – Künstler mit verlorener Ehre

Beim ersten Hören, sagt einem der Name Veit Stoß gar nichts. Es sei denn, dass man sich intensiv mit Kunst des 15./16. Jahrhunderts beschäftigt. Doch dann blättert man ein wenig im Buch und bekommt nach und nach ein Bild von dem bislang unbekannten Künstler. Tilman Riemenschneider ist da eher ein Begriff. Veit Stoß gehört in die gleiche Liga. Der Altar der Marienkirche in Krakau wurde beispielsweise von ihm gestaltet. Und genau dafür, für eine Reise nach Krakau mit Besuch der faszinierenden Kirch am Rynek, am Marktplatz, ist dieses Buch ein idealer Zusatz zum Reisebuch.

Im Mai 1477 kam Veit Stoß nach Krakau. Seine Einbürgerung ging relativ schnell und unkompliziert vonstatten. Er hatte Gönner, die wohl mehr als ein gutes Wort für ihn einlegten. Wenn man die Kirche betritt strahlt einem gleich der gigantische Flügelaltar entgegen. Es ist voll in der Kirche. Vereinzelt sieht man Aufsichtspersonal, die peinlich und umsichtig darauf achten, dass die Andacht nicht gestört wird. Der Touristeneingang befindet sich an der Seite, Eintritt muss entrichtet werden. Wer fotografieren will, darf das, aber nur gegen eine Gebühr von umgerechnet etwas mehr als einem Euro.

Besuchergruppen bzw. deren Reiseleiter sind die einzigen, die die Ruhe stören (dürfen).

Hat man den ersten überwältigenden Eindruck überwunden, sucht man sich am besten einen Sitzplatz und blättert ein wenig im Buch. Viel weiß auch die Autorin nicht über die ersten Jahre von Veit Stoß. Aufzeichnungen waren in der Mitte des 15.Jahrhunderts eben noch nicht an der Tagesordnung. Nach und nach liest man sich zum Krakau-Kapitel des Künstlers vor. Den Altar vor Augen, die Seiten aufgeschlagen in der Hand. Eine Reisegruppe lauscht andächtig ihrer Reiseleitung. Ein „besonderer Spaß“ ist es, wenn man sieht, wie der Reisegruppe mit einem läppischen A4-Blatt ein so prachtvolles Kunstwerk erklärt wird. Man selbst kann viel tiefer in die Materie eintauchen und sieht viel mehr in und am Altar als es eine kopierte Seite vermögen kann. Stolz und kenntnisreich gerät man automatisch ins Schmunzeln. Die Reisegruppe muss nach zehn Minuten wieder weiter. Man selbst kann noch ein wenig schmökern…

Und man liest, dass Veit Stoß unter mehreren Namen wirkte – je nach Landstrich und Akribie der Stadtschreiber – und dass er in seine fränkische Heimat wieder zurückkehrte mit einem Berg Schulden (die er noch zu bekommen hatte) und mitten in eine Intrige geriet. Fast wie im Krimi.

Inés Pelzl hat sich der Mammutaufgabe gestellt und zum Leben des bisher kaum bekannten Veit Stoß recherchiert. Das war nicht immer leicht, doch was bestätigt werden konnte, verarbeitete sie in diesem Buch. Einmalig und detailreich berichtet sie in diesem Buch aus einem spannenden Leben, das wie bei so vielen von Höhen und Tiefen geprägt war. Veit Stoß hatte das Glück fast alle Tiefen zu meistern und die Höhen zu genießen. Als Leser kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus.

Krakau MM-City

Die höchste Dichte an Nahrungsaufnahmemöglichkeiten. Ehemalige Hauptstadt. Die einzige Stadt der Welt, in der die jüdische Gemeinde wieder wächst. Wir sind in Krakau. Und Jan Szurmant und Magdalena Niedzielska-Szurmant sind die Reisebegleiter. Sie sind Wegweiser und Fabuleure zugleich. Über 300 Seiten und zahlreiche Karten helfen sich in der Stadt zurecht zu finden. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist die Buchbesprechung hier zu Ende. Alles drin, mehr braucht man nicht! Fertig, Aus, Ende! Doch dann hat man den Reiseband nicht richtig gelesen und schon gar nicht die Stadt erkundet!

Seit Kurzem zeigen sich die Kostbarkeiten der MM-City-Reihe im modernen Margenta. Inhaltlich hat sich nicht viel verändert, nur zum Besten allenfalls. In diesem Fall sind es vierzehn Spaziergänge durch die alte Königsstadt, von denen man gern auch mehrere an einem Tag „erledigen kann“. Denn teilweise gehen die Spaziergänge ineinander über. Die beiliegende Karte hat das richtige Format, um sich nicht umständlich zu verheddern. Ausgangspunkt ist fast immer die Altstadt, Stare Miasto. Hier befinden sich die meisten Sehenswürdigkeiten, doch auch außerhalb des turbulenten Platzes gibt es mehr als „nur ein paar Sachen noch zu sehen“. Die präzisen Angaben, wann man den Blick senken bzw. heben muss, wann sich ein Blick nach links oder rechts lohnt, wann man wohin abbiegen muss, wann man einfach dem Instinkt folgen kann, sind unerlässlich, wenn man Krakau erkunden will.

Zum Beispiel Tour Zehn. Da hat man die Altstadt schon hinter sich gelassen. An der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler, ja, genau der mit der Liste geht’s los. Beziehungsweise verharrt man erst einmal. Denn in der Fabrik ist nun ein Museum. Die Gegend drumherum ist nicht gerade ein optisches Highlight, drinnen im Museum dafür umso mehr. Schon vor Öffnen der Türen, sammeln sich erste Touristen und Besuchergruppen. Vorher also im Internet buchen – das steht nicht nur so im Buch, es ist auch so! Fact checking (das Wort wird ja heute gern benutzt) abgeschlossen und Hinweis aus dem Buch bestätigt) abgeschlossen. Kleiner Tipp: Wenn man zur Fabrik geht, am besten am Ufer der Weichsel entlang laufen. Der Blick auf die Burganlage Wawel vom anderen Ufer ist unbezahlbar. Und wer will kann ganz leicht immer wieder über die zahlreichen Treppen „nach oben steigen“ und hier und da in die kleinen Straßen reinriechen. Weiter geht es dann ins ehemalige Ghetto und dem Platz der Helden des Ghettos. Auch hier wieder ein Tipp, den man beherzigen sollte. Nicht über die Straßen laufen, sondern die Unterführung nutzen. Denn die Polizei steht tatsächlich da und kassiert kräftig bei denen ab, die die Straße queren. Und außerdem gibt’s in der Unterführung einen klitzekleinen Laden, der die leckersten und größten Äpfel der Stadt hat…

Kurz danach erreicht man die Rekawska. Keine besonders schöne Straße. Eine typische Straße für und in Krakau. Doch am Ende, wenn man die Reste der ehemaligen Ghettomauer passiert hat, rechts abbiegt, die Straße über den Zebrastreifen, die es hier zuhauf gibt, quert, und wieder rechts abbiegt, befindet sich ein Haus mit Geschichte. Denn hier wohnte vor seiner erfolgreichen Flucht Roman Polanski. Vorher kommt man an einem kleinen Stück Natur vorbei, wo man sich genau vorstellen kann, wie der kleine Roman hier rumstromerte. Ein bisschen weiter, bergauf, steht man nun vor der Wahl: Rechts in den Park Bednarskiego mit seinen über einhundert verschiedenen Baumsorten – herrlich ruhig und ideal zum Eichhörnchen beobachten – oder weiter über eine große Wiese, vorbei an einer Kirche, die nur zweimal im Jahr geöffnet hat, einer alten Ruine, über deren Schicksal noch entschieden wird, und dann immer dem Lärm nach. Diese Angabe ist nicht ganz so präzise. Ist aber auch nicht schlimm. Denn egal welchen Weg man wählt, das Ziel hat man immer vor Augen: Den Kraku-Hügel. Man kann sich ein wenig verlaufen. Doch Krakau ist ideal zum Verlaufen. Es gibt immer was zu sehen. Und hat man den Hügel erklommen, wird man mit einem grandiosen Rundblick belohnt.

Noch ein Wort zum Fact checking: Die beste Eisdiele der Stadt ist es auch wirklich. Und die preiswerteste. Die Zweitbeste (kann man alles nachlesen, muss hier nicht gesondert erwähnt werden) bietet zwar ein leicht cremigeres, doch nicht ganz so schmackhaftes Eis. Außerdem ist es in der „besten Eisdiele“ bedeutend preiswerter. Anstehen muss man in beiden. Die Wahl fällt also relativ leicht.

Wo gibt’s das beste Brot? Welche Museen lohen sich? Was gibt es außerhalb der Stadt zu sehen? Welche Geschichten verbergen sich hinter welchen Gebäuden? Wann lohnt sich ein Abstecher? Wie wurde Krakau das, was es heute ist? Fragen über Fragen, die den Besucher plagen und nur in diesem Buch beantwortet werden. Selten zuvor wurde eine Stadt so nah und so tiefgehend in einem Reiseband vorgestellt. Die beiden Autoren leben hier und bieten selbst auch Stadtrundgänge an. Das merkt man auf jeder einzelnen Seite, in jedem Abschnitt dieses unverzichtbaren Buches.

Der Mann mit dem Saxofon

Hannahs Leben war bis eben ein Desaster. Da kam der Auslandsjob – sie ist Schauspielerin – wie gerufen. Einfach bloß weg, sich ablenken, sich mit anderen Dingen beschäftigen … eine neue Liebe. Doch auch das ist nun vorbei. Sie liest in ihrem Tagebuch, das sie eigentlich gar nicht schreiben wollte. Und sie liest, obwohl ihr alles noch so präsent ist, dass auch die neue Liebe passé ist. Tot, der Geliebte, die Klappe auf der Bühne war schuld. Peng!, sie fiel zu – der Geliebte im Jenseits. Nicht nur auf der Bühne. Ihre Schuld? Ihre Schuld! Hannah findet keine andere Lösung, so sehr sie auch sucht. Sie ist schuld am Tod ihres Geliebten.

Doch das Leben hat die Angewohnheit fortzuschreiten. Beim Casting für ein neues Projekt fällt sie auf. Lviv, Lwow, Lemberg ist der temporäre Lebensmittelpunkt. Und auch hier in der Fremde gibt es Vertrautes. Vertraut die Fremdheit des Hotelzimmers. Alles so clean, so stringent, alles an seinem Platz, aber ohne Liebe, ohne persönliche Note. Fremd ist die Stadt, fremd das Gefühl wie ein Star behandelt zu werden. Hannah bemerkt beide Seiten der Medaille, doch ist wenig beeindruckt.

Sie schlendert durch den Park und trifft ihr Schicksal in Person von Aaron, dem Saxofonspieler. Seine wachen Augen, seine behändes Spiel, seine Fähigkeit im richtigen Moment das richtige Zitat zu bringen, verblüfft sie.

So lebensbejahend Aaron auch ist, so betrübt ist sein Herz. Und Hannah versteht ihn besser als je ein Mensch zuvor. Wenn das Wort Seelenverwandtschaft je zutraf, dann auf Aaron und Hannah…

Sibylle Schleicher schickt den Leser auf eine Reise durch das unbekannte Lviv/Lemberg. Das Schicksal der beiden endet in einem Labyrinth der Gefühle, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen. Gewolltes Exil oder Schicksalsergebenheit? Jedes Umblättern ist Nervenkitzel par excellence. Wie in einem düsteren Krimi noir schreitet man mit den Hannah und Aaron auf den Abgrund zu, der unausweichlich scheinen mag. Die Suche nach dem Grabe des Vaters und die Suche nach Befreiung führen auf ein und denselben Weg.

Zwischendrin, kaum merklich, verwandelt sich der Roman in einen Reiseführer. Das einstige Lemberg erwacht in den Worten von Sibylle Schleicher zum Leben. Die Spaziergänge, die Hannah unternimmt, sind kleine Ausflüge durch eine Stadt, die ihrer Blüte hinterherhinkt und der Pracht nachweint. Doch die Spuren der Vergangenheit sind weder bei Hannah noch bei Aaron noch bei der Stadt komplett verschwunden. Wer ein wenig an ihnen kratz, wird belohnt werden.

Der Tote, der nicht sterben konnte

Es heißt, dass den Tod vor Augen das Leben noch einmal an einem vorüberzieht. Martin Heinz hat den Tod vor Augen, eine Leitschiene wird sich jeden Moment in seinem Körper bohren und Magen, Darm und Nieren zu Brei zermalmen. Nur eines im Leben ist sicher, der Tod. Außer bei Martin Heinz.

Blau-weiß-rot sind nicht nur Trikolore und Union Jack, sondern auch sein Körper. Blau der Penis – das Blut schoss ihm kurz vor der Durchbohrung ins Gemächt und gerann sofort. Weiß sein Körper wie eine frisch gedeckte Kaffeetafel. Rot das Loch, wo die Mitte des Körpers liegt. Den Ärzten ist er ein Rätsel. Den Menschen in dem kleinen Ort in Österreich ist er ein Wunder. Noch hält sich die Meute der Journalisten fern von ihm. Seine Familie weiß auch nicht wie sie jetzt damit, mit ihm, dem Zombie umgehen soll. Ein echter Zombie ist Martin Heinz aber gar nicht, denn dazu müsste er erst einmal richtig tot gewesen sein…

Martin Heinz will sterben, er kann es aber nicht. Sein Lebenswille ist nicht mehr existent. Und schlafen kann er auch nicht mehr. Seine Körpertemperatur stagniert bei fünf Grad Celsius. Sex – die besten Voraussetzungen bringt er ja immer noch mit – ist auch keine Lösung.

Als weitere Fälle des Ambrosia-Virus auftauchen – inzwischen weiß man, dass ein Virus die Ursache für die seltsame lebensverlängernde Erscheinung ist – wird Martin Heinz wieder aktiv. Er sucht den Tod. Im Hades. In Nevada. Als er ihn endlich trifft, ist die Zusammenkunft mehr als ernüchternd. Denn der Gevatter beliebt zu spotten. Oder hat er auch bloß keine Ahnung?

Die Lager, in denen die Ambrosianer, wie die vom Supervirus Betroffenen genannt werden, wachsen an. Fluktuation kann es nicht geben, da ja niemand sterben kann. Positiver Nebeneffekt: Krieg werden völlig sinnlos. Das sind sie auch schon vorher gewesen, nur haben das nie alle bemerkt. Eine perfekte Welt? Ja! Allerdings keine ganz perfekte Welt…

Hermann Knapp beginnt „Der Tot, der nicht sterben konnte“ als ironisches Stück, das den Leser schmunzeln lässt. Im Laufe der Seiten wandelt sich das Blatt und immer klarere werden die unausweichlichen Konsequenzen der Unsterblichkeit. Immer noch schmunzelnd muss der Leser miterleben, dass auch in einer perfekten Welt jede Medaille zwei Seiten hat. Nur leider hat dieses Buch ein Ende.

Sonntag der beleuchteten Fenster

Saucismus – diese Erfindung will und wird Diana Anfimiadi für sich beanspruchen. Malen mit Saucen. Zu kindisch, zu flapsig? Dann verabschieden wir uns an dieser Stelle von allen, denen das Essen auf den Magen schlägt und nicht zu Herzen geht.

Diana Anfimiadi ist Georgerin. Sie ist Autorin. Sie isst gern. Sie schreibt gern übers Essen und ihre Erfahrungen beim Essen und natürlich über ihre Erinnerungen an Freunde und Familie beim Essen. So weit so gut. Aber. Sie schreibt nicht einfach nur darüber, sie verführt. Wer Diana Anfimiadi zu sich einlädt, ob als Autorin oder persönlich, wird den geselligsten Abend überhaupt erleben. Überschwang der Gefühle kommt einem als Erstes in den Sinn, liest man die ersten Zeilen dieses Buches. Und es geht weiter. Kurze Erholungsphasen vom Studium mit Essenfassen, die Düfte in Omas Küche bis hin zu eben den eingangs erwähnten Malen mit Saucen.

Vorblättern bis auf Seite 86. Wieder eine Erinnerung an einen „sehr wundersamen, sehr begabten Kollegen“. Ein Maler. Doch dieses Mal sind es nicht Gerüche und Geschmacksnoten, die sie beeindrucken, sondern Farben. Rote Rüben, gelbe Sauce aus Eiern und Senf, orange Sauce aus Karotte etc. Das alles bringt sie zu der Erkenntnis, dass Malen mit Saucen noch gar keinen Markt hat. Sie meldet schon mal Ansprüche auf das Copyright an.

Während man sich durch das Buch liest, wird der Lesefluss immer wieder von den Rezepten unterbrochen. Und vom Magenknurren. Ohne viel Tamtam werden in Windeseile die Rezepte dargeboten. Bilder? Fehlanzeige. Sind auch nicht nötig, da die Kraft der Worte jede Abbildung überflüssig macht.

Liebe geht durch den Magen – nach diesem Buch kommt der Liebeskummer. Buch schon zu Ende, kein Essen mehr, keine georgische Tischkultur? Man kann es ja noch einmal lesen, und noch einmal. Und vor allem kann man alles nachkochen.

„Sonntag der beleuchteten Fenster“ ist eine Einladung mal in die Kochtöpfe Georgiens zu schauen. Deftig, würzig, scharf, bitter, süß – abwechslungsreich und (nicht aber!) immer geschmackvoll. Ein Appetizer, den man nicht ablehnen kann!

Der Pakt – Hollywoods Geschäfte mit Hitler

Wer sich auch nur ansatzweise im Hollywood der dreißiger und vierziger Jahre auskennt, wird von einer Sensation sprechen, wenn er über dieses Buch spricht. Hollywoods Hochzeit, auf dem Thron der Filmwelt, Filmkunst in Perfektion. An der Spitze der großen Studios saßen Männer, die einst aus der alten Welt ins gelobte Land gingen, um ihre Visionen zu verwirklichen. Ihre Angestellten, Regisseure, Schauspieler, Autoren, Kameramänner mussten teilweise alles stehen und liegenlassen, um nicht dem Naziterror zum Opfer zu fallen. Ganze Straßenzüge Hollywoods waren von Größen wie Brecht, Mann, Lang, Dietrich, Feuchtwanger, Bois, Veidt gesäumt. Und nun die kühne Behauptung, dass Hollywood sich dem Diktat eines einzelnen Mannes, der die Filme von beispielsweise Laurel und Hardy so sehr liebte, untewarf?

Ben Urwand stellt diese Behauptung auf. Und er kann sie unterfüttern und beweisen: Hollywood war schon immer der geldgierige Schlund, der wenig auf das gab, was ihn ausmachte: Seine Stars.

Auf deren Schicksale konnte keine Rücksicht genommen werden. Viele Filme mit vordergründiger Kritik am Naziregime wurden geschnitten oder erst gar nicht realisiert. Dafür durften MGM und Co. ihre Filme in Deutschland (gekürzt und geschnitten) zeigen. Ein enormer Markt. Mit enormen Gewinnen. Für beide Seiten. Denn das Geld floss nicht nur über den großen Teich zurück, sondern wurde Göbbels für seine Wochenschau zur Verfügung gestellt. Soweit die These, aber auch die Beweislage. Die Akten und Papiere waren immer da, nur verschollen. Ben Urwand hat sie wieder ausgegraben und ein kleines Erdbeben ausgelöst.

Zur Ehrenrettung muss man aber sagen, dass nicht alles, was filmisch gegen die perfiden Machenschaften des zwölfjährigen Reiches angedacht war, der selbstauferlegten Zensur zum Opfer fiel. Filme wie „Casablanca“ wurden dennoch gedreht und sind heut Klassiker. Auch wenn, gerade „Casablanca“ nicht gerade durch cinematographische Brillanz glänzt.

Viele Entscheider in Hollywood, wie Louis B. Mayer, Chef und daszweite M in / von MGM, – ein Karriere- und Menschenzerstörer erster Klasse –  waren jüdischen Glaubens. Undenkbar, dass gerade sie mit dem Teufel paktierten. Doch der schnöde Mammon hilft so manches Leid ertragbar zu machen. Und umgekehrt ist es nicht weniger unmissverständlich aufzufassen. Ein Nazihasser wie Göbbels paktiert mit den Juden? Ja, denn die haben das Geld, das ihm fehlt. Perfide, pervers? Ben Urwand enthält sich weitgehend der Stimme. Doch die Fakten, die er auf den Tisch legt, sprechen eine eindeutige Sprache. Die Medien als Mittel, um sich Gehör zu verschaffen, das ist nicht neu. Und kommt aber gerade wieder ganz groß in Mode. Mit seinem Buch „Der Pakt – Hollywoods Geschäfte mit Hitler“ kratzt Ben Urwand an der Leidenschaft fürs „große Kino“. Er desillusioniert ein wenig den Mythos Hollywood – und das ist gut so. So manchen Film sieht man nun mit ganz anderen Augen.