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Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Joki und die Wölfe

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Joki ist gerade umgezogen. Mit seiner Mutter zu Knut. Weg von der Oma und dem gelben Haus, das roch wie es aussah. Sanja von nebenan war immer für ihn da, wenn es jemanden zum Spielen braucht. Auch wenn sie ab und zu mal ein bisschen rauften, waren sie doch unzertrennlich.

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Schwarzohr hat gerade ein bisschen herumgetollt. Eine Maus, wollte sich aus dem Staub machen. Nicht mit ihm. Sein Jagdinstinkt ist geweckt. Eben hatte er noch mit seinen größeren Geschwistern ein bisschen gerauft … bis eben die Maus ihren Weg kreuzte. Doch nun sind alle weg.

Joki, hat ein Schwesterchen bekommen. Deswegen waren Mama und Knut auch nicht da, als er im neuen Heim aufkreuzte. Zuvor hatte er im Wald gespielt. Schon vor Tagen, noch vor der Zeugnisausgabe, hatte er noch nie gesehene Spuren im märkischen Boden entdeckt. Sanja meinte es sei ein Wolf. Aber das kann doch nicht sein! Die gibt es allenfalls noch im Märchen.

Zwei laute Knalle verändern das Leben von Joki und Schwarzohr. Schwarzohrs Eltern wurden von einer Kugel getroffen und sind nun auf der Flucht. Schwarzohr, der inzwischen bei Joki untergekommen ist, geht mit Joki auf eine lange Reise…

Grit Poppe zieht gekonnt Parallelen zwischen den beiden Welt der beiden Protagonisten. Doch anders als in der Mathematik kreuzen sich die beiden Lebenswege an einem dramatischen (Wende-)Punkt. Joki, der kleine zehnjährige Junge erfährt in seinen Schulferien das Abenteuer seines Lebens. Während zu Hause Fienchen (Jokis Schwester) mit allen Würden begrüßt und umhegt wird, kümmert sich Joki liebevoll darum, dass Schwarzohr wieder zu seinem Rudel kommt. Ohne die Wölfe zu vermenschlichen, wird eines offensichtlich: In Freud und Leid kommen sich Wölfe und Menschen so nah wie man es nicht für möglich hält. Die Fürsorge schweißt die Familien zusammen. Gefahren besteht man am besten gemeinsam.

Jedes Kapitel wird sowohl aus der Sicht des Kindes als auch aus der Sicht des Wolfsjungen Schwarzohr erzählt. Die Kapitel sind außerdem in verschiedenen Schriftgrößen und –arten gestaltet. Der Wolf kehrt zurück. Fast scheint es wie ein Hohn, dass die allzu oft und allzu heftig geforderte Rückkehr zur Natur auch Schattenseiten haben soll. Der Wolf ist hungrig, wie alle Lebewesen. Dass er dann auch mal zu eingepferchten Tier greift, ist normal. Doch seine Essgewohnheiten dann als schlecht auf das gesamte Wesen zu übertragen, ist eine mehr als fragwürdige Methode. Joki ist ein Kind. Ein gefühlvolles Kind, das den Wolfsjungen in seine Obhut nimmt, um es vor der Flinte des Stiefvaters zu schützen und zu seiner Familie zurückzubringen. Im Anhang des Buches wird der Jugendroman ins rechte, sachliche Licht gerückt. Fragen wie „Darf man ein Wolfsjunges mit nach Hause nehmen? Werden hier leicht verständlich zusammen mit anderen Fakten beantwortet. Immer noch Angst vorm Wolf? Dann ist dieses Buch die ideale Lektüre!

Die Lichter von Pointe-Noire

Für Alain Mabanckou hat die Zahl Dreiundzwanzig eine fast mystische Bedeutung. Mit dreiundzwanzig verließ er seine Heimat Kongo (das kleinere, Kongo-Brazzaville), um in Frankreich sein Jurastudium fortzuführen. Dreiundzwanzig Jahre später besucht er es wieder. Zum ersten Mal seit dem Tag, als seine Mutter ihm einen letzten Rat mit gab: Heißes Wasser vergisst nie, dass es einmal kalt war.

Was sollte er mit diesem Spruch anfangen? So poetisch der Abschied auf dem Papier aussieht, so bitter war es im wahren Leben. Alain Mabanckous Mutter starb, als in Europa Fuß gefasst hatte. Zur Beerdigung konnte er nicht kommen. Oder wollte er nicht? Sein Vater, der nicht sein Erzeuger war, starb ebenfalls in den Jahren des Exils. Mitte vierzig, als berühmter Schriftsteller kehrt er nun heim. Nach Pointe-Noire. Dorthin, wo er Tanten und Onkel, Neffen und Nichten, Großmutter und Großvater den Rücken kehren wollte, musste … konnte.

Endlich daheim. Der Ort, an dem man ungeschminkt und unverblümt der sein darf, der man wirklich ist. Doch die Fremde hat Alain Mabanckou verändert. Das wissen auch diejenigen, die er zurückließ, und auch diejenigen, die aus ihnen hervorgingen. Dass allenorts die Hand aufgehalten wird, ist nicht Befremdliches. Doch dass die Heimat nicht der Ort der Rückbesinnung ist, stört den Autor erheblich.

Das Kino, in dem er zu träumen begann, ist nur mehr ein Schatten seiner selbst. Freunde von damals, sind heute Familienväter. Und der Fortschritt ist immer noch eine jähe Vision, die immer wieder vor den Toren der Stadt haltmacht. Nichts Neues im Herzen Afrikas? Alain Mabanckou findet nicht recht die Zeit, um sich treiben zu lassen. Zu nah sind ihm die Geschichten derer, mit denen er aufwuchs. Traurigkeit? Ein bisschen. Er weiß, dass das Leben weitergeht. Weitergehen muss. Auch wenn in Pointe-Noire für viele die Lichter ausgehen, so sind sie für Alain Mabanckou immer noch an. Sie werden in seinen Erinnerungen leuchten wie die Filme und Stars einmal auf der Leinwand.

Schonungslos bricht Alain Mabanckou die Mauern des Schweigens und des Vergessens ein, um seinem Leben die Sporen zu geben. Erinnerungen spielten in all seinen Büchern die zentrale Rolle. Freunde und Gefährten fanden sich in seinen Zeilen wieder. Nun muss er sich der Realität stellen und den Figuren aus seinen Romanen gegenübertreten. Manche erkennt er nicht wieder, andere weisen ihn direkt auf sich hin. Das Knieschlottern vor dieser Reise war schlussendlich unnötig. Die Heimat ist und bleibt die Heimat. Sie verändert sich nicht, nur der eigene Blick auf sie rückt vieles in ein anderes Licht.

Lady Ducayne

Der Oktober ist so trist wie das Leben von Bella Rolleston und ihrer Mutter. Achtzehn Jahre ist das junge Ding und voller Tatendrang. Eine Anstellung als Gesellschafterin soll ihr und ihrer Mutter ein beruhigendes Leben bieten können. Doch die Agentur wiegelt ab, die Provision wird selbstverständlich einbehalten. Bella sei zu jung und zu unerfahren. So trist der Oktober, so erfreulich, dass nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen sich nun doch eine Möglichkeit findet Bella unterzubringen. So trist der Oktober, so verlebt das Antlitz dieses Funken Hoffnung in der Gestalt von Lady Ducayne. Italien soll es sein. Hier will die ausgemergelte Lady demnächst dem tristen Oktober die sonnige Schulter des Südens zeigen. Bella, ein Name wie gemacht für bella italia.

Bella blüht in Italien richtig auf. Voller Elan berichtet sie in Briefen von ihren Eindrücken, der Natur, die sie so noch nie gesehen hat. Und von Lotta, ihrer neugewonnen Freundin, die hier einige Zeit mit ihrem Bruder Herbert verbringt. Lady Ducayne ist die perfekte Arbeitgeberin. Sie fordert wenig und lässt Bella viel Freiraum. Doch mit der Zeit werden die Briefe trübseliger. Heimweh konstatiert die Mutter im trüben England, die nun schon mehrere Monate auf ihr geliebtes Kind verzichten muss. Herbert, der sich selbst einmal als Arzt niederlassen will, findet ziemlich rasch die Erklärung für Bellas plötzlich voranschreitende Lustlosigkeit. Der Arzt, der sonst Lady Ducayne behandelt, hat die naive junge Dame offenbar zu Ader gelassen. Lady Ducayne lässt die Prozedur über sich ergehen, weil sie länger (um nicht zu sagen ewig leben will). Doch, dass der Doc Hand an Bella legt, stört Herbert nicht nur aus berufsethischen Gründen…

Ein moderner Vampirroman, der Bram Stokers Klassiker voranging und bei genauerem Hinsehen ein paar Vorlagen liefert. Mary Elizabeth Braddon schrieb zu Lebzeiten (1837 bis 1915) eine Fülle an Bestsellern. Ihre Themen wurden vom prüden Sittenwächterbürgertum angeprangert, sie selbst verfemt. Es half alles nichts, heute steht sie vielleicht immer noch im Schatten von Mary Shelley und Bram Stoker, doch ihre Werke sind keineswegs in Vergessenheit geraten.

Im schummrigen Licht der Bettleuchte (auch Energiesparlampen können die Stimmung niemals zerstören) ein bisschen von der unheimlichen Verwandlung der lebensfrohen Bella zur ermatteten Gesellschafterin mit zu verfolgen, jagt einem heutzutage vielleicht keine Angst mehr ein. Aber das Wissen, dass im Schlafe jemand an einem herumdoktort …

Eine einzige Nacht

Na was ein Kuddelmuddel! Sie ist anonym, verheiratet, hat einen Geliebten und Damon, den sie begehrt. Der wiederum ist gebunden an eine ältere Geliebte. Sie, die Anonyme ist außerdem die Freundin seiner Geliebten. Keine guten Voraussetzungen für ein Tête-à-Tête. Doch dann ergibt sich unverhofft die Chance auf eine einzige Nacht, in der Konventionen nichts zählen, die Vorsicht über Bord geworfen werden kann, die Liebenden den Pfad der Tugend verlassen können…

Amour fou nennt man das wohl. Die Spannung erwischt zu werden, ist wie vom Erdboden verschwunden. Eine höhere Macht gab ihnen die Erlaubnis das Unaussprechliche wahr werden zu lassen.

Dominique-Vivant Denon war weniger für seine literarischen Werke bekannt als für sein kulturelles Wirken für Napoleon. Dessen Beutezüge wurden von Denon im Musée Napoléon ausgestellt, dessen Fundus bis heute im Louvre zu besichtigen ist. Doch diese Geschichte machte ihn unsterblich, bekannt eher nicht. Louis Malle nahm sie als Vorlage für „Die Liebenden“ mit Jeanne Moreau.

Weit über 200 Jahre ist diese Geschichte alt. Der Zahn der Zeit konnte ihrer Intensität nichts anhaben. Wohl gewählte Formulierungen, die heute gern als political correct ins Lächerliche gezogen werden könnten, verleihen dem Ringelreih der Liebenden eine gewisse Spannung. Wer ungeduldig auf die Vollendung drängt, wird gehörig auf die Folter gespannt. Die wenigen Seiten bieten mit dem sorgfältig gewählten Vokabular, die Übersetzung von Franz Blei strotzt nur so vor Erotik, ein Magnetfeld, dessen Anziehungskraft sich niemand entziehen kann.

Es gibt Texte, die zurecht vergessen sind. Dieser hier reifte noch ein wenig in der Versenkung, so dass er jetzt sein komplettes Bouquet verströmen kann. Gute-Nacht-Lektüre, die einem lang anhaltend süße Träume bescheren wird.

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

A.I. – artificial intelligence oder all inclusive? David Foster Wallace wäre Erstes lieber. Doch er springt in den Spaßpool des all inclusive und gibt sich dem ewigen Zahnpasta-Service-Lächeln und dem minutiös getakteten Wahnsinn auf hohe See hin.

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“ war bereits bei Erscheinen Mitte der 90er Jahre ein Klassiker. Kreuzfahrten waren der neue Trend im Tourismus. Häfen wurden erweitert, Fahrrinnen in Lichtgeschwindigkeit ausgehoben und Massen von schlecht gekleideten Erholungssüchtigen an extra für sie perfekt gestylten Orten ausgespuckt. Jeder konnte nun im Stundentakt die Welt erkunden. Nichts für Individualisten wie Wallace.

Die Perfektion hat allerdings ab und zu auch Risse. Spätestens bei den hergerichteten Betten oder den Bühnenshows des Personals. Das fällt dann einem auch sofort ins Gesicht, ins Gewicht fällt es aber schlussendlich auch nicht mehr. Permanentes Pampern ist eine Zeitlang ganz nett, versaut aber den Charakter.

David Foster Wallace genießt die Aussicht an der Reling. Zumindest für wenige Augenblicke ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Doch dann kommen sie wieder. Die übereifrigen Gäste, die jedem alles über ihre Kreuzfahrtkarriere erzählen müssen. Das zu sehr zuvorkommende Personal.

Bei all der Penetration übersieht Wallace nicht die Annehmlichkeiten solch einer besonderen Reise. Jede Zutat einer jeden Mahlzeit ist von erlesener Qualität. Selbst, wenn man lange sucht, wird man kein Haar in der Suppe finden. Und Wallace sucht wirklich intensiv.

Chrigel Farner verleiht dem bunten Treiben an Bord und der farbenfrohen Sprache von David Foster Wallace einen nicht minder bunten Anstrich. Und genauso abwechslungsreich. Ein Cocktail, der aus der Feder vom Mel Ramons stammen könnte. Schiffsluken, die selbst die Enterprise vor Neid im Wurmloch versinken lassen und die Schiffssilhouette, auf der der große Gatsby eine seiner legendären Parties geben könnte.

Fast ein Viertel Jahrhundert war dieses Buch einfach nur eines der lustigsten Bücher. Jetzt ist es außerdem auch noch eines der am schönsten illustrierten.

Nur das Geistige zählt

Wenn jemand fünfundneunzig Jahre alt geworden ist, kann er nicht nur viel erzählen, sondern hat sich das Attribut „Niemals aufgeben!“ redlich verdient. Meta Erna Niemeyer kennt heute kaum noch jemand. Ré Soupault ein paar ausgewählte Kunstinteressierte. Ihre Erinnerungen strotzen nur so vor Lebensfreude und Lebensmut, dass Madame Soupault sich ihren Platz in der Geschichte bald wieder zurück erobern wird.

Sie begleitete fast das komplette 20. Jahrhundert hindurch das Leben diesseits wie jenseits des Atlantiks. Aus der pommerschen Provinz ins thüringische Weimar katapultiert, gehörte sie den Bauhaus-Absolventen, deren Namen vielleicht nicht in erster Reihe standen. Ihre Dozenten hielten große Stücke auf sie. Ludwig Mies von der Rohe gestaltete später noch ihre Büroräume und Ateliers als sie als Verlagsmitarbeiterin in Paris weilte. Doch die Nazis machten ihrer Karriere einen Strich durch die Rechnung. Über Marseille gelangte sie nach Tunesien.

Da war sie schon die Frau an der Seite von Philippe Soupault, der in Tunis einen Widerstandssender als Gegenstück zum faschistischen Radio Bari gründete. Auch dafür kam er ins Gefängnis. Ré Soupault blieb immer an seiner Seite, hielt durch. Durch ihren Einsatz und den von anderen durften die beiden bald Tunesien verlassen. Über Algier ging es in die neue Welt, New York war ihre erste Anlaufstelle.

Eine ausgedehnte Weltreise durch Südamerika lässt den Krieg, der immer noch in Europa herrscht, ein wenig in Vergessenheit geraten. Als dieser vorbei ist, ist auch die Ehe von Philippe und Ré zunächst einmal unterbrochen. Doch die Zeiten sind hart. Als Deutsche im Land der Sieger hat sie wenig Chancen. Sie über nimmt die Wohnung von Max Ernst. Muss jedoch einsehen, dass die Mieten in New York für sie nicht bezahlbar sind. Doch aufgeben gilt nicht. Wer mit André Gide Schach gespielt hat, sich von Antoine de Saint-Exupery Fliegergeschichten anhörte und die Schriften von Romain Rolland übersetzen kann, den haut so schnell nichts um. Mittlerweile lebt Ré Soupault in der Schweiz, erhält ein karges Einkommen. Ohne die Unterstützung derer, die sie einst unterstützte, wäre sie am Ende…

Am Ende sind die Memoiren dieser einzigartigen Frau mit der letzten Seite des Buches noch lange nicht. Es ist das Jahr 1949. Ein halbes Leben. Ein Fortsetzung ist also mehr als gewünscht und sicher in absehbarer Zeit erhältlich. Sie Selbstverständlichkeit, mit der Ré Soupault ihr Leben annahm, ringt höchsten Respekt ab. Immer wieder kommen einem Gedanken in den Kopf, wie es wohl gewesen wäre, wenn Ré Soupault nur ein paar Jahrzehnte später geboren wäre. Ohne Krieg, ohne Einschränkungen für Frauen, ohne staatlich unterstützte Ressentiments gegenüber Ausländern. Gegenwärtig hat man das Gefühl, dass Letzteres schon wieder salonfähig werden kann…

Liebe mich!

In seinen Romanen gab es nur ansatzweise ein Happy end. Im wahren Leben des Erich Maria Remarque ebenso. Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war es gerade alt genug, um in den Schützengräben den Allmachtsphantasien der Generäle folgeleisten zu können. Seine Erinnerungen wurden zum meist publizierten Buch des 20. Jahrhunderts: „Im Westen nichts Neues“.

Es war der Anfang einer Schriftstellerkarriere, die ihn finanziell sorglos machte. Doch Geld allein kann niemals glücklich machen. Vom Erfolg überfordert, ihn selten akzeptierend suchte er Erfüllung in den Armen der Frauen. Sie überhäuften ihn mit Zuneigung, er gab ihnen das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Er war ein Geber. Es liegt in der Natur der Sache, dass er folglich scheitern musste.

Ilse Jutta Zambona begleitete Erich Maria Remarque fast sein gesamtes Leben lang. Sie trieb ihn an, und es mit anderen. Sie liebten und stritten. Sie heirateten und ließen sich scheiden. Ob sie die große Liebe seines Lebens war? Zeitlich begrenzt – ja. Ewig – niemals. Deutschland war dem Autor nicht immer wohlgesonnen. Nach Erscheinen von „Im Westen nichts Neues“ warf man ihm vor, die Kriegserinnerungen zu verteufeln. Deutschland musste schließlich enorme Reparationszahlungen leisten. Das musste als Sühne reichen. Da brauchte man nicht noch jemanden, der den Krieg in den Dreck zieht. Mit dem Aufkommen des neuen Nationalstolzes und der damit einhergehenden Verfemung alles Fremden, kommt für Remarque der Abschied von seiner geliebten Kultur. Er reiste schon vorher – die finanziellen Mittel hatte er sich redlich verdient – in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Doch diese Länder waren nun auch nicht mehr eine sicherer Halt in unruhigen Zeiten.

In den USA konnte er endlich wieder aufatmen. Die Folgeromane waren ebenso Kassenschlager wie sein Erstlingswerk. Wie ein roter Faden zieht sich der Erfolg als Schriftsteller durch seine Leben. Doch genauso das Scheitern als Mann an der Seite einer Frau. Marlene Dietrich wickelt ihn nonchalant um den Finger. Ihre Karriere steht an einem Wendepunkt. Doch auch sie kann ihn nicht halten. Oder er sie nicht?

Als Lebemann hat er sich nie gefühlt. Im Kreise von Paulette Goddard, die mit Chaplin verheiratet war, mit und durch ihn zu Weltstar wurde, war die letzte große Dame in Remarques Leben. Er setzte sie als Alleinerbin ein, sie jedoch trat seine letzten Wünsche mit Füßen.

Gabriele Katz lässt in „Liebe mich!“ eine Parade an Damen auffahren, die Remarque verehrte, die ihn verehrten, die jedoch niemals zur Liebe fähig waren. Um ihn herum versank die Welt im Pulverdampf, im Herzen sucht er das Kanonenfeuer. Lichtblitze waren das einzige, die ihm blieben. War er unglücklich? Tief im Inneren sicherlich. Karen Horney, Psychologin und Mutter der Schauspielerin Brigitte Horney (alle Damen in Remarques Leben zeichneten sich nicht durch gewöhnliche Lebensläufe aus) öffnete ihm als einzige wohl dauerhaft die Augen. Aber auch ihre Untersuchungen, die Sigmund Freuds Thesen widersprachen, konnten Erich Maria Remarque kein dauerhaftes Glück bescheren. Lediglich der Leser dieses Buches darf sich eines Happy ends erfreuen. Kompakt, detailreich und spannend geschrieben, gibt die Autorin Einblick in die Welt eines Menschen, dessen Geburt sich im Sommer 2018 zum 120. Mal jährt. Es wird Zeit Erich Maria Remarque die gebührende Ehrung zuteilwerden zu lassen. Dieses Buch ist mehr als nur ein Auftakt. Es legt die Latte sehr hoch!

Ich bin eine befreite Frau

Fast scheint es, als ob es ein Vorrecht der Frauen ist, frei zu sein. Zumindest, wenn man Annette Seemanns Biographie über Peggy Guggenheim liest. Sie hatte ja auch genug Geld, um sich zu befreien, spötteln ihre Kritiker. Da muss wohl einiges zurechtgerückt werden…

Ja, es ist richtig, Peggy Guggenheim kam 1898 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt. Doch bis zu ihrem 21. Lebensjahr konnte sie nicht frei über ihr Vermögen bestimmen. Außerdem war sie ein Mädchen und nur die Jungens, ihre Brüder durften mit dem redlich erarbeiteten Geld arbeiten und es vermehren. Peggy war die dritte Generation der Liaison aus Franken und der Schweiz.

Schon früh setzte sich ihr Trotzköpfchen durch. Der gerade Weg war nie ihr Ding. Links und rechts ist es eh viel bunter und interessanter. Wenige Jobs füllten sie aus. Männer und Frauen weckten da schon eher ihr Interesse. Ohne luderhaft zu wirken, gab sie sich dem Bohemian-Life-Style – wie man es heute vielleicht nennen würde – hin. Paris war ihr Gravitationsfeld. Energisch sog sie das Künstlerleben in der Seine-Metropole auf. Der Surrealist Marcel Duchamp wurde ihr (nicht immer, letztendlich aber doch) treuer Weggefährte, der ihr den Unterscheid zwischen Kunst und Ramsch und Surrealismus und Abstraktion erklärte. Jean Cocteau gehörte genauso zu ihrem erlesenen Freundeskreis wie später der Schriftsteller Samuel Beckett und der Fotograf May Ray.

Peggy Guggenheim liebte es zu leben. Doch immer wieder rannte sie sehenden Auges ins Unglück. Ehen zerbrachen an Eifersüchteleien und Gewalt. Ihr eigener Lebensplan stand mehr als einmal auf der Kippe. Ihr Freundeskreis war – oft in wechselnder Besetzung – immer für sie da. Genauso wie sie immer für diejenigen da war, denen sie zu Dank verpflichtet war. Ihrer Lehrerin in Teenagertagen überweis sie bis ans Lebensende eine monatliche Rente – die Dame wurde über 90 Jahre alt.

Venedig sollte nach den Grauen des Weltkrieges ihr neues Paradies werden. Die Liebe zur Kunst und zu Künstlern – der Expressionist Max Ernst war ihr zweiter Ehemann, nachdem aus Paris vor den Nazis flüchten mussten – sowie ihr unbändiger Durst nach Rebellion machten sie zu einer angesehenen und vor allem einflussreichen Kunstmäzenin. In ihrer Familie war es seit jeher Gang und Gäbe Künstlern eine Präsentationsfläche zu bieten. Natürlich nicht ohne finanzielle Hintergedanken. Peggy wurde mit ihrer Galerie oft belächelt und sogar beschimpft. Von familiärer Seite! Schlussendlich war sie es aber, die beispielsweise Jackson Pollock den Weg ebnen konnte zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu reifen.

Ihrer Wahlheimat, und es war eine zweite Heimat für sie, Venedig blieb sie treu. Dort ist sie auch begraben, ihr Museum ist eines der meist besuchten Museen der Stadt. New York rühmt sich ebenso mit dem gleichnamigen Museum und Bilbaos Aufstieg zum Touristenmagneten ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden.

Peggy Guggenheim war sicherlich ein streitbarer Mensch. Wen sie nicht mochte, bekam das auch zu spüren. Doch über die Jahrzehnte hinweg versprüht ihr Name noch immer den Hauch von Eigensinn, gepaart mit Durchsetzungskraft und dem Willen zur Erneuerung. Das ist Freiheit, die sie meinte, und die sie sich erkämpfte.

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.