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Sri Lanka fürs Handgepäck

Sri Lanka ist der Torwächter zum Paradies. Beim Lesen der ersten Seiten dieses Buches kann man gar nicht anderes denken. Jeder Autor dieser Anthologie bestätigt en ersten Eindruck mit der vollen Wucht seiner Worte.

Die Indigo Street ist das Füllhorn des Lebens. Spielende Kinder, der Krämerladen um die Ecke, die tosende See. Wer als Besucher diese Straße entdeckt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass er zwar auch ohne dieses Buch die Straße entdeckt, sie jedoch anders wahrgenommen hätte. Jede Zeile ein Volltreffer, der mitten ins Herz zielt … und vor allem auch trifft.

Und dann, gleich an zweiter Stelle, Hermann Hesse. Auf der Rückreise von Indien machte er Halt in Kandy. Ein Örtchen, das seinen Charme zu verstecken weiß. Doch nicht vor einem wie Hesse. Die nuancenreiche Sprache gibt jedem Grau den Regenbogen zurück. Ist man als Reisender in Sri Lanka, Kandy unterwegs, verleihen seine Worte dem Besucher Flügel.

Wen man wahrscheinlich weniger zu Gesicht bekommt, sind die Wedda. Helmut Uhlig ist dem Geheimnis dieser Ureinwohner auf der Spur. Nur wenige leben noch traditionell und schon ihre Nachfahren wurden von der Gesellschaft geschluckt und leben ein eher modernes Leben. Somit sind seine Zeilen ein echtes Zeitdokument, das jedem Reisenden einen staunenden Blick über den Tellerrand gewährt.

„Sri Lanka fürs Handgepäck“ – wie die gesamte Reihe – erlaubt tiefe Einblicke in ein Land, das so weit weg erscheint. Jedes Kapitel verjagt mit Wohlklang das Grau des Fremden und taucht es in ein farbenprächtiges Spektrum der Neugier. Mehr als nur kleine Tupfen von Wissen, die dem Leser das Gefühl geben Sri Lanka schon länger zu kennen, obwohl dieser maximal mit dem Finger auf dem Globus das Land gestreift hat.

Einem Reiseband kann man vertrauen, wenn es darum geht die Reise nach Höhepunkten zu sortieren. Schließlich will man ja nichts verpassen. Doch Zahlen, Wegweiser und nützliche Tipps sind nur die eine Seite der Reisemedaille. Sinngemäß in ein Land eintauchen kann man aber nur mit Büchern wie diesem. Als Leser profitiert man von den Eindrücken der Autoren. Und sie waren meist nicht nur als Vierzehn-Tage-All-Inclusive-Pauschalisten am Büffet, sondern sind ihrer Neugier gefolgt. Sie verfolgen einen anderen Ansatz als der einmalige Besucher der Insel. Wenn dann noch landestypische Erzählungen, de jahrhundertelang nur mündlich übertragen wurden in einem Buch erscheinen, ist man dem Eintauchen in eine fremde Kultur schon näher als man denkt. Reiseband – unbedingt zu empfehlen. Aber nur in Verbindung mit diesem Buch im Handgepäck!

Grado abseits der Pfade

Städtetouren haben immer das Image, dass es bei oberflächlicher Betrachtung hektisch werden könnte. Straßenlärm, geschäftiges Markttreiben, eine lautstarke Glocke von Stimmenwirrwarr deckt die Passanten ein. Da wünscht man sich einen Ort ganz in der Nähe herbei, der ein wenig Kontrast, ein wenig Abwechslung bietet. Nun ist beispielsweise Triest sicher keine Stadt, in der man im Wust der Masse unterzugehen droht. Dennoch hat sie ein Kleinod „vor den Toren“, dass sich das Prädikat „besonders erholsam mit allen Sinnen“ redlich verdient. Die Rede ist von Grado.

Michael Dangl kennt die Sonneninsel, die auch gern die Goldinsel genannt wird, am äußersten Rand des Golfs von Venedig wie seine Westentasche. Und so plaudert er ein wenig über seine Sehnsucht. Keine zehntausend Einwohner, dafür voller Geschichten und reich an Hinguckern links und rechts der Pfade.

Eine Insel im Meer, eine Insel nah am Festland, eine Insel zum Verlieben. Wenn die Fischer ihren Fang anpreisen, wird die Straße der Fischer, die Via Dandolo, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In der Bar Manzoni genießt man die Tramezzini wie sie traditioneller nicht sein könnten. Und das alles in Ruhe, ohne Straßenlärm. Denn Straßen gibt es hier nicht. Nur ein wenig weiter haben die Fischer des Ortes ihre Bar gefunden und plaudern bei dem einen oder anderen cubi, was anderswo als Weinschorle bekannt ist.

Klingt schon sehr nach Erholung und Ruhe. Im Buch ist es gerade mal das erste Kapitel, das man geschafft hat. Und es schafft neue Sehnsuchtsräume, die gefüllt werden wollen.

Es ist wahrhaft ein außergewöhnliche Reiseziel, diese Insel Grado.. Und Michael Dangl ist der passende Reiseleiter. Auch wenn seine Tipps auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken mögen. Zum Beispiel empfiehlt er einen Nachmittagsspaziergang auf der Friedhofsinsel La cove bei großer Nachmittagshitze zu beginnen. Über die Brücke der Maulbeerbäume schlendert man über einen beruhigten und beruhigenden Ort. In der Nase mal schwächer, mal stärker der Duft von Oleander. Was wie ein Filmtitel klingt, begleitet einen den ganzen Tag.

Selten zuvor wurden Reiseimpressionen und Reiseband so eindrucksvoll wie hier zusammengeführt. Michael Dangl wandert nicht durch eine Stadt, die ihre Schätze offendarlegt, sondern legt die Juwelen einer Stadt frei, die erobert werden will. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht weiß, wo anfangen und wo lang schreiten. Michael Dangls Buch schmeichelt allen Sinnen und führte jeden, der dieses Buch intensiv liest an Orte, die er ohne das Buch nie gefunden hätte.

Verrat

In Bridget O’Neills  Gedanken spiegelt sich das gesamte Leid Irlands wieder. Ein geteiltes Land, hirnverbrannte Kinder der Insel bomben und morden sich bis zum zu erwartenden Ende, Familien werden im Hass zerrissen und zusammengeschweißt. In ihrem Dorf herrscht Tristesse. Als sie in jungen Jahren Francis kennenlernt, ist er ihre Chance. Denkt sie. Eigentlich hat sie alle Qualifikationen, um auf die Uni zu gehen, ihr Dorf zu verlassen und ein „normales Leben“ führen zu können. Doch das Glück mit Francis ist ihr näher.

Doch Francis ist wie so viele junge Männer Mitglied der Republikanischen Armee. Keiner, der ab und zu mal „ein krummes Ding dreht“. Die Offiziere bedienen sich gern des skrupellosen Killers. Wird’s knifflig, ist Francis ihr Mann. So verrinnen die Jahre, Bridget und Francis wachsen zusammen. Auf einer Reise nach Singapur, zur Hochzeit von Freunden, wird Bridget ihr elendes Leben klar. Was hätte sie nicht alles werden können? Wozu das Bomben, das Morden?

Sie trifft Sarah, die von ihrer Firma zu einem Meeting nach Singapur geschickt wurde. Die beiden sind froh jemanden gefunden zu haben, der sie vom Alltag, von ihren Gedanken ein wenig ablenken kann. Sie beschließen in Kontakt zu bleiben. Denn plötzlich will Francis noch vor der Hochzeit der Freunde wieder abreisen. Bridget ist irritiert. Was sie nicht weiß, ist, dass Francis in Singapur abgefangen wurde. Man wollte ihn umdrehen. Weglocken vom Kampf, die Gefährten verraten. Doch Francis ist verbohrt, fanatisch.

Zuhause ist Irland spitzt sich die Lage zu. Liam, Francis‘ jüngerer Bruder, bietet sich scheinbar den Prod (den Protestanten) an, um Informationen über Francis‘ Hintermänner zu liefern. Auch ein Jahr nach Singapur stehen Bridget und Sarah noch in Kontakt. Sarah bietet Bridget an mit ihr nach Frankreich zu fliegen. Ihren Bonus zu verprassen. Bridget riecht den Braten, doch jahrelanges Lieber-Den-Mund-Halten lässt sie lieber erstmal abwarten.

Die Katze ist aus dem Sack: Francis ist in Gefahr. Die eigenen Leute vertrauen ihm nicht mehr. Sarah ist Agentin und Bridget mittendrin. Seit ihrer Kindheit hält man sich – besonders als Frau – aus der Sache der Männer, dem Kampf um ein geeintes Irland heraus. Nun steckt sie mitten im Schlamassel.

Francis muss wieder an die Front, von der er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Doch Liams Verrat und Tod zwingen ihn zu diesem Schritt. Die erste Aktion verläuft einwandfrei. Die Zweite auch, nur dieses Mal verläuft die für die Gegenseite einwandfrei. Francis wird verhaftet. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Ebenso die Verräter…

Nicholas Searle beschreibt nicht das Irland, in dem man „Sunday bloody Sunday“ vor sich hin summt, über das „Belfast child“ sinniert oder „Zombie“ verflucht. Es ist das Irland der Familien, die in einem Land leben, dass innerlich zu eng miteinander verwoben ist und doch die tiefsten Gräben aufweist. Manchen gelingt der Ausbruch aus dieser Welt. Aber zu welchem Preis?

In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester

Das erste Buch? Ein Bilderbuch. Erinnerungsstück. Und nun? Wieder ein Bilderbuch, ein weiteres Bilderbuch. Neudeutsch graphic novel. Julia Hoße lässt ihre Erinnerungen wieder aufleben. Mehrfach, vielfältig, eindrücklich und nachhaltig.

Erinnerungen spielen uns oft gern mal einen Streich. Sie verblassen im Laufer Zeit oder versteifen sich zu einem Zerrbild. Ganz anders hingegen Julia Hoßes Illustrationen in diesem Buch. Stilistisch so abwechslungsreich wie das Wetter im April. So farbenprächtig wie der knalligste Indian Summer.

Mal möchte man die Seiten aus dem Buch reißen, um sie sich an die Wand zu hängen. Mal möchte man Handschuhe anziehen, um auf jeden Fall keine noch so kleinen Schmutzpartikel zurückzulassen. Knallbunt bis schwarz weiß. Satte Striche und grazile Linienführung. Verlaufende Farben und klare Konturen. Die Klaviatur der Zeichenkunst spielt Julia Hoße virtuos.

Ihr Streichorchester spielt ihr keine Streiche. Mit jeder Seite, die man in dieses Buch eintaucht, fügen sich die Farbnoten zu einer Sinfonie des Augenblicks zusammen. Düster und schwer die Erinnerungen ihrer Oma, die aus Königsberg fliehen musste. Kindheitserinnerungen von sorglosen Tagen am Strand erstrahlen in sonnengelber Leuchtkraft, die den Betrachter blendet.

Wer mit graphic novels bisher nicht viel anfangen konnte, wird mit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ die liebevollste Einladung in ein neues Genre ausgesprochen. Bilder sind die ersten Erinnerungen, die uns prägen und lange erhalten bleiben. Ihre Wirkung wird nicht angerührt. Die Interpretation schon. Eigene Erfahrungen im Laufe eines Lebens verändern die Sicht auf die Dinge, die einst wichtig waren. Äußere Einflüsse schieben einzelne Aspekte „von damals“ an den Rand und holen andere dafür hervor.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsstück, das den Betrachter beeindruckt. Interessant wie es in der Zukunft auf uns wirken wird…

Ein Attentat

Wien, Mariahilfer Straße. Vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ein namenloser Jura-Professor, steigt auf den Dachboden seiner Wohnung. Ein Paradies für Kinder, die unter der dicken Staubschicht aus der Vergangenheit ein Abenteuer machen können. Doch dieser namenlose Professor sieht mehr in diesem Chaos als so manch anderer. Eine Lafette, inkl. passenden Maschinengewehrs. Mit so einem Ding kann man gut geschützt riesigen Schaden anrichten. Doch woher kommt das Ding? Wer hat es aufgestellt? Und vor allem warum?

Das Räderwerk im Oberstübchen des Professors beginnt sich in Bewegung zu setzen. Schnell wird klar, dass hier etwas Großes im Gange zu sein scheint. Denn ein wichtiger Staatsgast hat sich angesagt. Die Augen der Weltöffentlichkeit, wie es so schön heißt, sind auf Wien gerichtet. Der Staatsgast trägt die Initialen N.C., und er kommt aus Moskau: Nikita Chruschtschow. Soll ihm von hier der Garaus gemacht werden? Aus dieser Mansarde im Sechsten? Die Auswirkungen wären immens, welterschütternd, langanhaltend bis zerstörerisch. Doch wem soll man sich anvertrauen?

Das Rätselraten mit den Freunden und Kollegen steigert sich fast zu einer Hysterie. Der Tanzbär aus Moskau – soll er wirklich hier in Wien um die Ecke gebracht werden? Von wem? Den eigenen Genossen? Ungarn, die sich für die Niederschlagung ihres Aufstandes rächen wollen? Den Amerikanern? Oder gar von einem oder mehreren verrückten? Die Gedanken sprießen wie Unkraut.

Der Professor schweift in dieser für ihn durchaus brenzligen Situation immer wieder ab. Wie verlief sein Leben bis hierhin? Was musste er tun, was hat er getan, um der zu sein, der er jetzt ist? Wie Blitzeinschläge holen in ihn die Lafette, die Waffe wieder zurück ins wahre Leben…

Ernst Brauner lässt seinen namenlosen Professor ganz schön schwitzen. Kriege hat er überlebt, Besetzungen überstanden, Genugtuung in seiner Arbeit und Frieden in seiner Ehe gefunden. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint. Und nun das? Unerhört! Doch der Kampfgeist ist noch nicht verschwunden. Intellektuell, komisch, dramatisch – „Ein Attentat“ fordert die volle Konzentration des Lesers. Kein Roman, der mit anderen zu vergleichen ist. Kein puff, peng, bumm, und alles ist wieder wie es mal war. Aktionismus, blind oder wütend, führt zur Katastrophe. Die Auswirkungen können die Handlenden selbst beeinflussen. Opfer gibt es am Ende immer. Tod und Flucht – wer hat eigentlich gewonnen? Viele Fragen, die der Autor nicht komplett beantwortet und die lange am Leser nagen werden…

Paris, Mai ’68

Anne Wiazemsky ist Cineasten ein Begriff. Als Schauspielerin, die mit Robert Bresson, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard arbeitete, mit dem sie auch verheiratet war. Auch als Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.

Das Jahr 1968 beginnt wie jedes andere auch für die junge Schauspielerin, die – gerade mal zwanzig – in Jean-Luc Godard die Liebe gefunden hat. Ihr Leinwandstern beginnt gerade richtig zu funkeln als in Paris erste Unruhen das öffentliche Leben zu stören beginnen. Im Frühjahr eskaliert die Gewalt auf den Straßen. Das Pflaster wird aufgerissen, um den Strand ans Licht zu holen. Knüppel und Schutzschilde auf der einen, Tücher vor dem Mund und eindeutige Parolen auf der anderen Seite. Und mittendrin ihr Gatte. politisiert, angestachelt von Kameraden und dem Drang mitzugestalten.

Jean-Luc Godard ist nun nicht mehr nur die Ikone der nouvelle vague, sondern will in die erste Reihe der Kämpfer hervorstoßen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne großes Grübeln über die Wahl der Worte, sehr wohl aber der Waffen, stürzt er sich ins Getümmel. Wer Widerworte gibt, bekommt die volle Breitseite seines Wortschatzes zu spüren. Unversöhnlich ist er. Nur gegenüber Anne ist er ab und an ein wenig zahmer.

Für sie ist der Mai 1968 ein Wendepunkt. Mit aller Macht wird sie in die Unruhen, die Kämpfe, die politischen Agitationen hineingezogen, obwohl ihr Filmemachen näher ist als der gesellschaftliche Umsturz. Bernardo Bertolucci macht ihr Offerten für einen Film. Die Beatles, wollen mit Godard drehen. Die Stones drehen mit Godard.

Filme werden radikaler, die Kunst einmal mehr als Waffe installiert. Wirtschaftlich weitgehend abgesichert, lässt es sich besser kämpfen als mit knurrendem Magen. In der Wohnung von Jean-Luc Godard und Anne Wiazemsky tummeln sich die Agitatoren. Sie ekelt sich vor ihrer rüden Sprache, ihrem ungepflegten Aussehen, kann ihrer Logik nicht folgen. Jean-Luc ist Feuer und Flamme, stößt alte Weggefährten vor den Kopf. Die Ehe wackelt und wird bald schon vor dem Aus stehen. Doch darüber wird sie niemals schreiben. Da bleibt sie sich treu.

„Paris, Mai ‘68“ ist kein aufwieglerisches Manifest, das zum Kampf aufruft. Es sind Memoiren einer Frau, die in einen Kampf hineingezogen wurde, der nicht der ihre war. Sie gibt einen Einblick in Kreise, die ihr eigenes Leben führen. Elitär – ja, aber stets darum bemüht dem wahren Leben auf der Straße nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Daniel Cohn-Bendit, François Truffaut und Bruno Cremer treten in Episoden auf wie der Nachbar von nebenan, den man an der Supermarktkasse trifft. Gespickt mit Anekdoten, die das Lesen dieses ernsten Textes immer wieder auflockern, zeigt Anne Wiazemsky ihre Sicht auf die Dinge im Mai ’68 und die darauf folgende Zeit.

Quer durch Wien

Peter Payer reist mit allen Sinnen durch Wien. Doch er vermeidet es im Überschwall der Eindrücke einen weiteren Wien-Reiseband auf den Markt zu werfen. „Quer durch Wien“ ist keine Anleitung zum Hotspot-Suchen oder eine Geheimtipp-Anleitung für die Donau-Metropole.

Es sind die Dinge, die einem erst auf dem zweiten, vielleicht sogar erst dritten Blick auffallen, die ihn antreiben. Vieles fällt selbst Wien-Experten erst beim Lesen dieses Buches auf. Wie zum Beispiel die Anzahl an öffentlichen Uhren. Man ist es ja schon gewöhnt immer auf der Höhe der Zeit zu sein, sein zu müssen. Selbst auf Reisen sind Stunde und Minute für viele der Gradmesser an Erholung und Erfahrung. Wie viele Attraktionen kann ich bis zur nächsten Mahlzeit abarbeiten etc.? Nein, Peter Payer ist wahrhaft kein Sammler von Eindrücken, die Postkartenqualität haben.

Doch wer gerade Wien sich als Objekt der Begierde erwählt hat, wird so manches entdecken können, das Wien von anderen Städten unterscheidet. Die Geschichten, die dahinter stehen, sind es dieses Buch zu einem wahrhaften Schatz anwachsen lassen. Eine ruhige Viertelstunde auf einer Parkbank. Die Seele baumeln lassen und ein wenig in diesem Buch schmökern. Die Kapitel sind nicht lang, laden geradezu ein, sich inspirieren zu lassen. Da kann man gut und gerne mal ein paar Tage Wien erleben und dabei ganz vergessen, dass es grandiose Attraktionen en masse gibt. Doch die will jeder sehen. Jeder muss da hin. Und jeder steht in der Warteschlange vor einem.

Peter Payers Reisen durch Wien sind wie gemalt für Andersreisende. Ob Paternoster oder Gartenstadt, ob Schwimmbad oder Filmindustrie – Wer (mit) „Quer durch Wien“ ist, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Und bleibt nicht auf ihnen sitzen. Es ist die Vielfalt der Stadt und die Detailverliebtheit ihres Autors, der dem Leser das Gefühl vermittelt an etwas wirklich Großen teilzuhaben. Selbst gestandene Wiener werden mit großen Augen sich durch dieses Buch fressen und aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Die Essays verlangen wenig Vorwissen. Doch schon nach ein paar Kapiteln kann man sich getrost als „Wiener with benefits“ bezeichnen, der schon lange über das „Tauben vergiften im Park“ hinaus ist.

Bücher wie „Quer durch Wien“ lassen den Abenteuerdrang und den Forschergeist eines jeden wieder aufleben. Suchen, Haschen, Raten ist die Überschrift eines der Kapitel – kann aber auch als Untertitel für dieses Buch, die nächsten Besuche gelten.

Kreta

Jetzt ist der Reiseband Kreta endgültig erwachsen. Einundzwanzigste Auflage, jetzt geht’s erst richtig los. Eberhard Fohrers Reiseband ist schon lange kein Geheimtipp mehr, vielmehr ein liebgewordener Freund, den man ab und an gern einlädt mit einem auf Reisen zu gehen.

Kreta ist die fünftgrößte Insel des Mittelmeeres. Noch vor Mallorca und Ibiza. Und Geburtsinsel von Göttervater Zeus. Von Deutschland aus ist die Insel binnen drei Stunden erreichbar. Soweit die Zahlen, soweit der Mythos.

Eberhard Fohrer wählt da einen anderen Ansatz. Ihm ist die Insel ans Herz gewachsen. Vor über vier Jahrzehnten war er das erste Mal hier. Und seit dem immer wieder. Im Gegensatz zu manch anderen „All-Inclusivlern“ allerdings nicht immer am selben Ort, bei denselben Gastgebern, mit der selben Menüfolge …, sondern immer wieder auf der Suche nach Neuem, nach Berichtenswertem, auf der Suche nach dem Besonderen Etwas.

Es ist wie bei der Auslosung der nächsten Runde im DFB-Pokal. Einfach das Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen und schon gibt es eine Überraschung. Spíli. Die Gartenstadt. Brunnen – Café – Heiliger Geist. Das ist die genüssliche Dreifaltigkeit. Wer’s nicht versteht, schlägt entweder Seite 361 im Buch auf oder reist nach Spíli. Am besten jedoch ist beides, erst Buch, dann Reisen und Aussicht genießen.

Nun ist Kreta schon seit einer gefühlten Ewigkeit besiedelt. Und jede Epoche hat ihre Hinterlassenschaften so zurückgelassen, dass sie heute noch besichtigt werden kann. Unübersehbar in den gelben Kästen künden sie vom kulturellen Reichtum der Insel, von ruhmreicher Geschichte, aber auch von dunklen Kapiteln, wie der Besatzung durch die Deutschen während der Nazizeit.

Kreta ist auch eine Insel, die sich gern per pedes oder per Rad erkunden lässt. Eberhard Fohrer hat einige Wanderungen und Touren zusammengestellt, die Anfänger wie Profis die Strapazen leicht vergessen lässt. Wer von Iráklion über Pezá in die Messará-Ebene möchte, streift beispielsweise, wenn er die Alternativroute über Knossós nimmt, den Morosini-Aquädukt. Bis vor einem knappen Jahrhundert wurde hier das Quellwasser in die Hauptstadt der Insel befördert. Die Venezianer haben es errichtet. Heute ist es mehr ein Augen- denn ein Gaumenschmaus.

Über 750 Seiten Kreta sind keine leichte Kost. Aber Kreta ist nun mal eine Insel, die man nur allzu gern erkundet. Über dreißig Touren, eine übersichtliche Karte und unzählige Tipps für jedermann und jeden Geldbeutel machen die inzwischen einundzwanzigste Auflage zu einem unerlässlichen Reisebegleiter. Getreu dem Motto: Ein Kretin, der Kreta ohne Kreta von Eberhard Fohrer besucht.

Fluffl und Sumsi

Fluffl, die Fledermaus flattert herum. Sie genießt die letzten Sonnenstrahlen. Denn bald schon kommt der Herbst mit all seinen Unbilden. Die Vögel fliegen dann gen Süden.

Plötzlich hört Fluffl ein Wimmern. Neugierig wie die kleine Fledermaus ist, muss sich sofort nachschauen, was da los ist. Eine kleine Schwalbe schluchzt fürchterlich. Sie hat ihre Eltern verloren, weiß nicht wo sie sind. Kopfüber am Schwalbennest hängend, aber nicht kopflos, fasst Fluffl den Entschluss Sumsi zu helfen. Zusammen flattern und fliegen sie herum. Doch keiner weiß wo die Eltern sein könnten. Nur der alte Rabe kann sich denken, was passiert ist. Die Eltern sind schon „abgereist“. In den warmen Süden. Und sie haben Sumsi wohl vergessen.

Auf nach Afrika! Ein Gedanke, den sich nicht nur Vögel machen, wenn es draußen anfängt zu stürmen und zu regnen. Doch die Reise ist für Fluffl zu beschwerlich. Denn Fledermäuse verschlafen den Winter gern.

Gerade noch rechtzeitig erreichen sie die afrikanische Küste. Mit Hilfe des Kranichs und völlig erschöpft, hängt sich Fluffl erstmal an den nächsten Ast. Sumsi, voller Sorge um den neuen Freund, versorgt ihn mit unzähligen Tropfen Wasser.

Doch Sumsi muss immer noch ohne seine Eltern auskommen. All das Fragen, das Herumfliegen führt einfach nicht zum gewünschten Erfolg. Zwischenzeitlich geht es Fluffl wieder besser. Bis eines Tages Sumsis Vater neben Sumsi auf einem Ast Platz nimmt. Das war knapp! In dem Sturm hatten sie irrtümlich ein anderes Vogelkind mitgenommen und Sumsi zu Hause im Nest gelassen. Jetzt wird erst einmal die Wärme Afrikas genossen und Kraft getankt für den langen Rückflug in ein paar Monaten.

Eine Schwalbe und eine Fledermaus als Helden eines lehrreichen Kinderbuches, das durch seine Illustrationen Groß und Klein begeistert.

Austria – A Soldier’s Guide

Man spricht ja gern mal salopp vom Einreiten oder Einmarschieren, wenn man in einen Gasthof einkehrt. Im Falle dieses Buches sollte man sprachliche Sorgfalt walten lassen. Denn dieses Büchlein war einmal eines der meistgedruckten Bücher überhaupt. Es wurde an die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee ausgegeben, die in Österreich einmarschierten (!) bzw. während und nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren.

Reisen war damals Luxus. Das Internet noch ferne Zukunftsmusik. Der Informationsfluss in Sachen fremder Kultur so gut wie kaum vorhanden. Wie sollte man nun seine Soldaten, die als Befreier das Land einnahmen darauf vorbereiten, dass hier, tausende Kilometer weg von der Heimat der aus einer anderen Richtung bläst?

Solche Art von Büchern gab es für einige Länder, auch Deutschland. Zuerst einmal muss dem Leser klar sein, dass dieses Buch vor über siebzig Jahren gedruckt wurde. Deutschland, inkl. des einverleibten Österreichs gegen den Rest der Welt. Zum Lesen hatten die Soldaten kaum Zeit. Verknappung wohin man nur schaute. Auch bei den Informationen. In Österreich können überall Gefahren lauern. Ein versprengter Nazitrupp oder Einzeltäter – niemals die Waffe unbeaufsichtigt lassen. Nicht fraternisieren! Man könnte die neuen Freunde nicht wieder loswerden.

Krankheitsgefahr. Die Nazis hatten unter der Ärzteschaft, die vorrangig aus Juden bestand, radikal die Anzahl verringert. Ärztemangel war die Folge und in Folge dessen auch Krankheiten. Den Sold sollte man als bewaffneter Staatsdiener besser sparen, es gab eh nichts zu kaufen. Die Bevölkerung wurde von anderer Seite versorgt.

Es ist ein abgeklärter, direkter, nicht interpretierbarer Text, der schon fast schroff anmutet. Die düsteren Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Auch wenn einige Passagen auch heute noch nachvollziehbar bzw. anratbar sind. In politische Diskussionen im Ausland mischt man sich nicht ein. Man kann nur verlieren. Denn die eigene Sichtweise muss nicht immer mit der Sichtweise – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – des Anderen übereinstimmen.

Dieses Buch liest sich trotz der gewaltigen Zeitspanne zwischen Erscheinen und Gegenwart wie aus einer anderen Welt. Ein Knigge für Soldaten, die gerade als Befreier kommen und denen man nicht unbedingt den roten Teppich ausrollt, sollen sich zusammenreißen. Sie sind Vertreter ihres Landes. Machen sie Fehler, fällt das auf Jahre auf eine gesamte Nation zurück. Lange her? Schon bei den Namen Abu Ghraib, Guantanamo, Charleston wird es zahlreiche Menschen und Gruppierungen geben, die sich wünschen solche Leitfäden würden heutzutage noch gedruckt und nach ihnen gehandelt werden…