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Kalabrien und Basilikata

Ganz im Süden ist das Leben noch erfrischend. Die Luft riecht nach Abenteuer. Sie Sicht ist durch die flirrende Sonne getrübt. Kalabrien und Basilikata sind für Italienreisende schon eine gewagte Übung. Kurz hinter Neapel, kurz vor Sizilien. Dazwischen schien lange eine terra incognita zu liegen. Meer und Berge – das gibt’s auch woanders. Warum also bis hier runter reisen, warum nicht weiter bis Sizilien?

Ganz einfach! Weil man es kann, und weil es einen Reiseband vom Michael Müller-Verlag gibt! Zugegeben, nicht für jedermann ein Totschlagargument. Aber ganz von der Hand zu weisen ist es eben doch nicht.

Annette Krus-Bonazza ist die auskunftsfreudige Expeditionsleiterin in diesem Buch. Kalabrien als Alternative zu Sizilien und Apulien – das haben schon viele Touristen nicht eine Sekunde in ihrem wohlverdienten Urlaub so gesehen. Doch Basilikata, die Basilikata, fünf Silben, die erst einmal für Fragezeichen über den Köpfen sorgen, erzählt man wohin es demnächst gehen soll. Klingt schon nach Süden, nach geheimnisvollen Routen.

Das Gremium, das alljährlich die Kulturhauptstadt Europas zu europäischer Ausgelassenheit auffordert, hat die Stadt Matera als eine der beiden Städte (neben dem bulgarischen Plovdiv) auserkoren. Eine Stadt, die durch ihre Felsenkirchen, in den Fels gehauene Häuser und unterirdische Infrastruktur von außen wie innen den Besucher begeistert. Mit einem Mal waren Fernsehteams aus aller Welt in der kleinen Stadt, um zu berichten, was die Welt bisher nicht kannte.

Doch Matera ist bei Weitem nicht der einzige Ort, den man in der Basilikata besuchen sollte. Ihn auszulassen, wäre aber ein noch größerer Fehler. Ebenso irrt, wer meint, dass in dieser dörflichen erscheinenden Landschaft alles zu finden sei außer Nervenkitzel. Der Ponte alla Luna führt nicht wie der Name vermuten lässt in den Orbit, sondern lediglich an das gegenüber liegende Ufer einer Schlucht. Wer unbedingt ganz festen Boden unter seinen Füßen braucht, bekommt hier den Adrenalinkick seines Lebens. Die Belohnung wartet in Form eines gläsernen Skywalks und einer umwerfenden Aussicht. Ausgangspunkt ist das Dörfchen Sasso die Castalda in der Nähe von Potenza.

Nicht weniger Potenzial bietet Belvedere Marittimo und Cittadella del Capo. Schon allein die Namen künden von vollendeter Pracht und Erholung. Annette Krus-Bonazza hat auch gleich noch einen privaten Tipp für die zweite Seite eines gelungenen Urlaubs zur Hand: Die Familie Raffo-Monetta besuchen. Beziehungsweise ihr Fischrestaurant. Schon beim Lesen bekommt Appetit und sieht das Meer vor dem geistigen Auge Wellen schlagen.

Nicht erst durch die Dauerberichterstattung in Reisesendungen ist der Süden Italiens in den Fokus neuer Besucher gerückt. Die berichten aber nur von dem, was ohnehin sichtbar ist. Annette Krus-Bonazza übergeht diese Dinge nicht, schaut aber viel weiter als so manches Kameraobjektiv. Vor ihrer Neugier ist keine Höhle, kein Park, kein Aussichtspunkt, keine Taverne sicher. Spannend erzählt sie von den kleinen und großen Geheimnissen, den verborgenen Schätzen, den nachhaltig wirkenden Plätzen, die man nie wieder vergessen wird.

Als Leser erlebt man eine Metamorphose. Vom neugierigen Durchblätter wird man zum aufgeregten Umblätterer, nur um festzustellen, dass die Welt in Kalabrien und Basilikata schnellstmöglich erkundet werden muss. Angst, dass man etwas verpasst, muss man nicht haben. Annette Krus-Bonazza hat alles (alles!) genau im Blick und teilt ihr Wissen gern mit wissbegierigen Besuchern.

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen

Ein echtes Buch für Männer! Ein Buch für echte Männer! Und ein Titel zu dem man sofort eine Meinung hat bzw. etwas zu sagen hat. Mal im Spaß, mal im Ernst.

Doch so einfach macht es sich die Herausgeberin Barbara Sichtermann nicht! Es sind Texte die fast ein ganzes Jahrhundert alt sind. Der Begriff „moderne Frau“ oder eben „Frau von morgen“ existiert bereits. Die Goldenen Zwanziger sind schon Geschichte, wenn auch noch greifbar, da bat der E. A. Seemann Verlag Männer mit Gewicht in der Stimme Texte zu diesem Thema zu schreiben. 1929 sollten sie (und wurden auch) veröffentlicht werden. Zehn Jahre nach dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Frauenwahlrecht eingeführt? Ja so sachlich nannte man es damals – heute würde auch weniger Leidenschaft in die Formulierung gelegt werden. So viel hat sich seitdem also auch nicht verändert. Frauen durften wählen. Punkt!

Die wohl bekanntesten Namen in diesem Buch sind Stefan Zweig und Max Brod. Auch ihnen entging nicht, dass das vorherrschende Klischee der Frau am Herd wohl bald der Vergangenheit angehören wurde. Die industrielle Revolution – von Männerhand erdacht und erschaffen – zog in langen Bahnen auch den Kampf für faire Bedingungen am Arbeitsplatz hinter sich her. Sozialversicherungen wurden eingeführt. Alles so weit in Ordnung, doch die Frau durfte ihr angestammtes Revier, Herd und Bett, nicht verlassen.

Fast allen Texten – von den bereits erwähnten beiden Schriftstellern über den Journalisten Alfons Paquet und Robert Musil bis hin zu Otto Flake und Frank Thiess – ist es gemein, dass Inhalt und Überzeugung nicht die gesamte Strecke Hand in Hand gehen. Wüste Theorien aus utopo-kommunistischen Zeiten, in denen Kinder nach der Geburt in Kinderlagern erzogen werden, Frauen und Männer gleichberechtigt ausgebeutet werden, und Zeiten, in denen das Individuum in der Masse untergeht. Von Familie keine Spur. Nicht gerade realistisch. Aber das sollten die Texte vielleicht auch nicht sein.

Die Frau geht in ihrer Rolle als Sie neben Ihm auf. So war es und nach Ansicht der Autoren wird sich daran auch nicht so viel ändern. Überspitzt gesagt, ein bisschen mehr Haushaltsgeld und Entscheidungsfreiheit, was auf den Tisch kommt, dürfte für den Anfang reichen. Die gegenwärtigen Verhältnisse können modifiziert, aber um keinen Preis der Welt aus den Fugen geraten. Natürlich spricht das keiner offen aus. Wahrscheinlich denkt kaum einer in diese Richtung. Zu festgefahren sind die Rollenbilder.

Ist dieses Buch nun ein Buch für echte Männer? Aber ja doch. Nicht, um zu recherchieren, was an Katastrophen auf einen zukommt á la „man muss den Feind kennen, um ihn besiegen zu können“. Wie in so vielen Texten liegt die Wahrheit in den Worten und zwischen den Zeilen. So mancher Chauvi wird sich erstaunt die Augen reiben, was es denn tatsächlich bedeutet Gleichberechtigung Eins zu Eins umzusetzen. Es gehört mehr dazu als sich die meisten vorstellen können. Wem dieses Thema auch nach der Lektüre immer noch zu fremd und zu fern ist, der hat zumindest klangvolle Ideen gelesen, die trotz des Alters immer noch aktuell sind.

Der Fünfte im Spiel

Als ob er sich seiner Wirkung auf Menschen, Menschen zu bewegen, schon in frühen Jahren bewusst wäre, duckt sich der zehnjährige Dunstable Ramsay an diesem 27. Dezember 1908. Er weiß, dass Percy Boyd Staunton noch einen letzten Schneeball nach ihm werfen wird. Dunston duckt sich also, kurz nachdem er sich vor Mary Dempster und ihrem Gatten postiert hat. Das Geschoss verfehlt wie geplant den Jungen, trifft dafür aber die hochschwangere Frau des Baptistenpredigers. Statt das Gefühl des Triumphes auskosten zu können, überfallen Dunston Schuldgefühle. Denn er hatte die Flugbahn berechnet, hat sich bewusst vor dem Paar platziert. Die Folgen konnte er nicht absehen. Eine Folge war die verfrühte Geburt von Paul. Paul Dempster. Ein schwächliches Kind, eine Frühgeburt. Ein sonderbares Kind.

Als Paul vier Jahre alt ist, ist Dunny sein Babysitter. Dessen Vater wünscht jedoch keinen Kontakt seines Sprösslings zu dem Heranwachsen. So muss Dunston sich immer ins Haus schleichen, mit Erlaubnis der etwas sonderbaren Mary Dempster. Und Percy Boyd Staunton? Der ist sich keiner Schuld bewusst.

Die Jahre verfliegen. Dunny wird zum Militär eingezogen und kämpft im Weltkrieg in Europa. Percy Boyd Staunton, der den ersten Vornamen und das D aus Boyd bald streichen wird, fühlt sich zu Höherem berufen. Ihm gelingt ein sagenhafter Aufstieg. Schon mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, wird er zum Nutznießer der prekären instabilen politischen Lage. Wer sich Süßigkeiten in dem Mund stopft, stopft die Taschen von Boy Staunton. Als der Krieg endlich vorbei ist, ist von dem Dreigestirn, das diesen Namen eigentlich nie zu Recht trug, nicht mehr übrig. Boy ist erfolgreicher Geschäftsmann, der seinem Freund (aber auch Feind) Dunny hier und das Tipps zur Geldanlage gibt. Dunny selbst kehrt als Verwundeter aus dem Krieg zurück und studiert Geschichte. Dass er offiziell – zumindest für eine Zeitlang – als vermisst gilt, bringt ihm eine Ehrenmedaille ein. Die wiederum beschert ihm den Studienplatz. Paul hingegen ist tatsächlich verschwunden. Erst Jahre später wird der Historiker Dunston Magier Paul wiedertreffen können. Die Zaubertricks, die er dem fast regungslosen vierjährigen Paul zeigte, waren wohl doch eindrucksvoller als vermutet.

Robertson Davies spannt einen großen Bogen um das Leben Dunstable Ramsays. Aus einem kleinen Nest in Ontario entwickelt sich aus dem nüchternen Jungen von einst ein hingebungsvoller Freund, der wenige Freunde sein eigen nennen darf. Er reist viel, eignet sich Wissen an und erforscht unerwartet und mit voller Hingabe sein eigenes Leben sowie das seiner Freunde aus der Kindheit. Mit sachlicher Distanz begegnet er Menschen, die ihm einst nahestanden, ohne dabei auch nur den leisesten Zweifel aufkommen zu lassen, dass Großes in der Luft liegt. Im letzten Abschnitt des Buches – jedes Kapitel ist sprachlich an das Alter des Protagonisten angelehnt, ganz große Kunst – wirft der Autor jegliche Rücksicht über Bord. Die Vergangenheit, die immer wieder aufblitzt, ist vielen näher als ihnen lieb ist.

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Philadelphia

Schon beim bloßen Erwähnen der Stadt Philadelphia gibt es nicht wenige, die eine kleine Melodie unter den Namen der Stadt legen. Die Werbung macht’s möglich!

Bevor Koch Mirko Reeh seine Nase in die Kochtöpfe der Stadt der brüderlichen Liebe steckt, macht er mit dem Leser einen kleinen Rundgang durch die Stadt, ihre Geschichte und zeigt, was die Stadt so einzigartig macht. Hier wurde die amerikanische Verfassung geschrieben und hier wird dieses hohe Gut immer noch hochgehalten. Philadelphia ist sicherlich eine der europäischten Städte auf dem amerikanischen Kontinent. Das spiegelt sich auch in der Küche wider. Dass man während der Philly Beer Week in Juni nicht unbedingt Cola oder Table Water beim Kellner bestellen sollte, versteht sich von selbst. Wer jedoch einen warmen Batzen Emmentaler oder Gouda erwartet, wenn er eine Cheesesteak bestellt, bekommt große Augen, wenn sich vor ihm ein Riesensandwich auftut. „Wiz Wit“ bedeutet, dass zwiebeln auf dem Fleisch liegen, wer’s nicht mag, bestellt sein Cheesesteak „Wiz Wit-Out“. Gleichzeitig outet man sich nicht sofort als Touri, der zwanghaft nur das Typische aus Pfannen und Töpfen ordert. Wenn man sich doch derart hervortun will, gibt es keine Ausrede 4300 Silverwood Street zu meiden. Pretzel vor der Silberbrezel – so viel sei verraten.

Und noch eine Besonderheit in Sachen Gaumenfreude bietet die Stadt. Hier gibt es – wegen der strikten Auflagen für den Alkoholausschank – BYOB-Restaurants. Bring You Own Beer bzw. Bring Your Own Bottle. Ja, wer nicht auf Alkohol zum Dinner verzichten will, bringt sein eigenes Getränk mit. Und ein paar Dollar Korkgeld sollte man auch einstecken.

Hat man diese Besonderheiten als gegeben hingenommen, fordert Mirko Reeh den Leser nun zum Tanz auf den heißen Kochplatten auf. Scrapple. Kein Schreibfehler, weil kein Buchstabenrätsel. Die Amish aus der Countryside Philadelphias haben dieses außergewöhnliche Rezept in die Stadt getragen. Maismehl undSchweinfleisch werden vermengt, in Scheiben gepresst und gebraten. Schon zum Frühstück eine deftige Variante.

Ebenfalls auf die Hand lassen sich Amish Donuts mit Nüssen und Rosinen leicht und schnell vertilgen. Als musikalischen Abschluss (dieser Aufzählung, nicht eines Dinners) wird einem Meat Loaf vorgesetzt. Nicht der Sänger, sondern – hier nur die Zutaten – Kalbfleisch, Basilikum, Rosmarin, Thymian, geriebener Käse, Eier, Zucchini, Paprikaschoten, Zwiebel, Mais, Öl, Salz, Pfeffer und Butter. Bis auf den Mais würde man bei dieser Einkaufsliste wohl kaum ein typisch amerikanisches Gericht erwarten, oder?!

Philadelphia ist anders als viele Städte der USA. So auch die Küche. Mirko Reeh arbeitet mit viel Liebe zum Detail die Besonderheiten dieser Küche heraus und serviert dem Leser ein reichhaltiges wie abwechslungsreiches Menü, das man sich allen Sinnen schmecken lassen sollte.

Unterwegs in meinem Apulien

Es gibt viele Sehnsuchtsorte über die es sich lohnt zu berichten. Und zwar genauso viele wie es Touristen gibt. Ingeborg Gleichaufs Sehnsuchtsort heißt Apulien. Gleich mehrere Jahre hintereinander verbrachte sie vor über zwanzig Jahren jeweils gleich mehrere Wochen im Süden Italiens. Familienurlaub und somit noch um einiges wertvoller als andere Urlaubsarten. Vor einiger Zeit gab sie dann endlich ihrer Sehnsucht nach und bereiste Apulien noch einmal.

Was wird sich wohl verändert haben? Auf alle Fälle nicht die Art der Vorbereitung. Die wichtigsten Eckpunkte standen schon vor Reiseantritt fest. Doch nicht allzu sehr in die Tiefe gehend. Denn dann würde ihr nicht mehr viel Raum für Neues bleiben.

Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass er hier keinen weiteren reiseband in den Händen hält. Ingeborg Gleichauf gibt zwar hin und wieder Tipps, wo man sich gern niederlassen könnte, um der köstlichen apulischen Küche zu frönen, doch nur mit diesem Buch im Gepäck Apulien zu erobern, wäre zutiefst frevelhaft.

Als Einstimmung nimmt die Autorin den Leser mit auf das Castel del Monte. Das achteckige Bollwerk, das dem Kopf Kaiser Friedrichs II. entsprang ist das gegensätzlichste Monument der Region. Ein Ort der Ruhe wegen der extrem dicken Mauern und zugleich ein Ort voller Lebendigkeit. Denn Kinder und Burgen – das kann nicht leise vonstattengehen. Zudem befindet man sich innerhalb eines echten Nationalmonumentes. Wer schon mal ein italienisches Ein-Cent-Stück in den Händen hielt, erkennt das Gemäuer sofort.

In einem Reiseband hat Ingeborg Gleichauf gelesen, dass Apulier nicht gerade offen auf Fremde zugehen. Zurückhaltung liegt ihnen näher als Offenherzigkeit. Pah, da kann sie nur drüber lachen (so auch über so manchen engstirnigen Deutschen, der dialektbeseelt am Morgen seine Brötchen kaufen will, köstlich). Vincenzo ist der lebende Beweis, dass das Vorurteil komplett falsch ist und wahrscheinlich einer einzigen, nicht repräsentativen Begebenheit zugrunde liegt. Kaum angekommen, fühlt sich Familie Gleichauf als Familienmitglied einer apulischen Gemeinschaft.

„Unterwegs in meinem Apulien“ hält, was es verspricht. Über einhundert Seiten höchstpersönlicher Eindrücke, die Essenz mehrerer Reisen in den Süden Italiens, dort, wo die Sonne erbarmungslos brennt, das Meer in kitschigem Blau erstrahlt und die Mahlzeiten auf den Tellern an Frische kaum zu überbieten sind. Als Reiselektüre immer wieder anregend und ein Erinnerungsstück nicht nur für die Autorin.

Zu Hause im 20. Jahrhundert – Hermann Kesten

Dieses Leben wartete nur darauf endlich komplett niedergeschrieben zu werden. Er war der niemals stille Beobachter des 20. Jahrhunderts. Geboren 1900, war seine Berufswahl von Anfang an klar: Schriftsteller. Worte formen und zusammenstellen, um zu berichten.

Im Alter von vier Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern aus dem heute ukrainischen Galizien nach Nürnberg. Hier ging er zur Schule, besuchte Kaffeehäuser, stürzte sich in die Bibliothek seines Vaters. Bis der Krieg seinem bis dahin sorglosem Leben die erste Schramme versetze. Sein über alles geliebter Vater fiel im Krieg. In der Stadt, in der seine Mutter geboren wurde. An dem Tag als seine jüngere Schwester ihren 14. Geburtstag feierte.

Schon früh war sich Kesten der Wirkung seiner Texte bewusst. Wenn er veröffentlichte, dann nur bei renommierten Zeitungen oder Verlagen. Ein Studienfreund lotste ihn schließlich zum Verlag von Gustav Kiepenheuer. Es ist die herrlichste Zeit in seinem Leben. Er kann selbst schreiben und wird veröffentlicht. Er holt Dichter in den Verlag, die veröffentlicht werden. Er heiratet. Doch Berlin ist seiner nicht gewachsen. Die ewigen Literatenzirkel engen ihn ein. Er kennt jeden, der schreibt. Alle, die schreiben, kennen ihn. Doch so recht dazuzugehören, scheint Hermann Kesten nicht. Die ungewöhnliche Arbeitssituation geht auch im Privaten vollkommen auf. Neben Toni, seiner Frau, die aus Nürnberg zu ihm kam, wohnt auch noch seine Mutter bei dem jungen Paar in Charlottenburg.

Und wieder ist es ein gewaltiges Erlebnis – nach dem kriegsbedingten Tod des Vaters – dass ihn zwingt die nicht unbedingt geliebte Heimat, Berlin, Deutschland zu verlassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist es für ihn, jüdischen Glaubens, unmöglich weiterhin in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dass er unbewusst die braune Brut im Verlag untergebracht hat, befeuert seine „Reisepläne“ immens und bestärkt ihn in seinem Beschluss. Keine schlechte Wahl. Als einer der ersten begibt er sich ins Exil nach Frankreich, wird später so was wie der Herbergsvater einer ganzen Schriftstellergeneration, als Dichter wie Mann, Feuchtwanger oder Roth im südfranzösischen Sanary sur mer einen zeitlich begrenzten Hort der Ruhe fanden.

1940 kehrt Kesten Europa endgültig den Rücken. New York wird seine neues zuhause, ein Jahrzehnt findet er dies in Rom und 1977, dem Jahr als seine Frau starb, lässt er sich in der Schweiz nieder, wo er 1996 starb.

Albert M. Debrunner hat sich jahrzehntelang mit Hermann Kesten beschäftigt. Seine Biografie eines unermüdlichen Schreibers, eines Verfechters der deutschen Sprache ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten, es ist ein spannungsgeladener Krimi eines Mannes, der sich seine Umgebung nicht immer zurechtbiegen konnte. Mit Liebe und Hingabe – so wie Kesten sich selbst auch verstand – gelingt ihm das Kunststück einen teils vergessenen Literaten die wohlverdiente Ehrung zukommen zu lassen. Kestens Weg und Kestens Werk sind aus den Bestsellerlisten längst verschwunden. Wer jedoch die Poesie in der deutschen Sprache sucht, findet sie bei Kesten in jeder Silbe. Debrunners Biographie ist das Silbertablett, auf dem Kestens Leben ein sanftes Ruhekissen findet.

Aline

Ein Schweizer Bergdorf am Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier oben ist man nicht dem lieben Gott näher, weil es schon immer so war, sondern liegt generell dem Paradies zu Füßen. Die Sonne brennt gerade in den Sommermonaten erbarmungslos hinab. Im Aus dem Staub des Weges schält sich für Julien, der gerade das Gras mit der Sense mäht Aline heraus. Siebzehn Jahr, blond, sommersprossig. Diebeiden kommen ins Gespräch. Bald schon macht er ihr den Hof, schenkt ihr Ohrringe, sie büchst des Abends öfter mal aus, was ihrer Mutter Henriette überhaupt nicht schmeckt. Was will man machen, wenn die Liebe die Fauna in der Körpermitte zum Beben, zumindest aber jedoch zum Kribbeln bringt.

Auch Julien, der Sohn des Ammanns, in der Schweiz der Bürgermeister, ist ganz hin und weg von Aline. Vor allem gefällt ihm aber die Vorstellung die Macht zu besitzen Aline dirigieren zu können. Ein Spaß für den Hallodri, der den Wert einer Liebe und die seines (zukünftigen) Besitzes nicht zu schätzen weiß. Denn die Liebe des armen Dinges (Aline) ist größer als seine Zuneigung zu einer Person je sein kann. Er nimmt sich, was er braucht. Sie bekommt … ein Kind. Von Julien. Welch Glück! Welch Glück? Was für ein Glück? Das Kind ist unterwegs, ist da. Und Julien ist weg.

In solch einer misslichen Lage hilft nur noch die Familie. Hier wird man aufgefangen. Doch Aline hat auch hier eine Niete in der Lotterie des Lebens gezogen. Henriette ist nicht nur nicht erfreut über den unerwarteten Familienzuwachs, sie weist Aline auch gleich die Tür. Das ganze Dorf zerfetzt sich das Maul über das ungebührliche Benehmen von Aline. Von Julien, diese bittere Medizin hat Aline schon geschluckt, ist erst recht nichts zu erwarten. Er hatte seinen Spaß, von Verantwortung will er nichts mehr wissen. Die Dorfgemeinschaft ist sich einig, wenn der Großpapa des Bastards die wichtigste und einflussreichste Person im Ort ist, fließen aus seinem Munde nur Wahrheit und Reinheit. Aline ist allein mit der Frucht ihrer Lenden. Am Ende ihres Martyriums ist sie aber noch lange nicht. Das soll sich noch viel tragischer gestalten …

Charles-Ferdinand Ramuz gehört zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern französischer Zunge. Sein Konterfei ziert den 200-Franken-Schein. Mit seinem Roman „Aline“ haderte er. Schon kurz nach der Erstfassung überarbeitete er ihn immer wieder, kürzte, feilte am Stil. Das Ergebnis zieht den Leser van Anfang an in seinen Bann. Die so wunderbar unschuldige, naive Aline und der sicher keinen Deut intelligentere Julien sind Personen, die man mag. Bis Julien sein wahres Gesicht zeigt. Ein feiger Jüngling, der sich hinter dem Rockzipfel der Mama verstecken kann so lang er will und der sich der unbedingten Zuneigung Papas sicher sein kann. Und Aline? Völlig entblößt sieht sie einer Zukunft entgegen, die keine Fröhlichkeit erlaubt. Der klare Stil Ramuz‘ schafft einen Mikrokosmos einer schweizerischen Dorfgemeinschaft, die sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Leser werden in einen Sog aus Idylle und Verachtung gezogen, aus dem man nicht so schnell entkommt.

Das Schneckenhaus

Es ist eine Szene wie sie millionenfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Einer der beiden wird bald abreisen und den anderen zurücklassen. Es ist eine Szene wie sie tausendfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Sie will um alles in der Welt nicht, dass er davonfliegt. Sie fleht, bettelt, weint fast. Ihn zieht es in die Ferne, in die Heimat zurück. Die hat er seit Jahren nicht gesehen. Seine Heimat ist Syrien in den Achtzigerjahren. Hafiz al-Assad regiert das Land mit stahlharter Faust und hat Rückendeckung aus Moskau. In knapp zwei Jahrzehnten wird er seinen Posten an seinen Sohn Baschar vererben.

Der unbekannte junge Mann, der Ich-Erzähler, stimmt in großen Teilen mit dem Autor des Buches Mustafa Khalifa überein. In Frankreich hat er Film studiert, Khalifa nicht. Was nach der Landung geschieht, hat sich niemand vorstellen können. Weder der Autor, seine Freundin, die er heiraten durfte, noch der Ich-Erzähler. Der Geheimdienst nimmt ihm seinen Pass ab, und gemeinsam fahren sie durch die Wüste. Die war einmal seine Heimat, die Heimat, die er so sehnlichst wieder sehen wollte. Den Koffer auspacken und sich heimisch fühlen – diese Handgriffe wird er für Jahrzehnte nicht mehr tun können. Jahr(!)zehnte!

In einem Gefängnis – das Gedächtnistagebuch kennt nur Tage, keine Jahreszahlen, geschweige denn Orte – wird er gleich mit Schreien, später mit Blut und Hautfetzen bekannt gemacht. Auch die Foltersituationen sieht er anfangs mit eigenen Augen. In einen Autoreifen gezwängt, der an der Decke befestigt ist, wird einem Gefangenen das Fleisch von den Fußsohlen geprügelt. Dem Ich-Erzähler blüht alsbald das Gleiche. Und alles nur, weil er in Paris, im Gespräch mit Freunden, einem zu aufgeschlossenen Ohr unverhohlen seine Meinung über den Präsidenten mitteilte. Dieses offene Ohr hatte nichts Besseres zu tun als seinen Bericht postwendend an die Behörden in Syrien weiterzuleiten.

Kaum gelandet beginnt eine Tortur, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Getauft und Atheist in einem islamischen Land, das sich eine funktionierende Diktatur aufgebaut hat – hier kann kein Freigeist existieren. Jeder Strohhalm wird ergriffen und im gleichen Moment fällt das Kartenhaus der Hoffnung krachend und schmerzvoll zusammen. Ein Alkoholiker kann seiner Welt entkommen, nur schwer, aber er hat zumindest die Möglichkeit das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Die Gefängnisse in Syrien haben keine Tunnel. Und erst recht erlaubt man kein Licht. Nicht einmal Stifte und Papier sind erlaubt. Der Ich-Erzähler / Mustafa Khalifa hat nur eine Zuflucht: Sein eigenes Ich. Er zieht sich zurück wie eine Schnecke, die Gefahr wittert. Aus diesem Schneckenhaus heraus beobachtet er die rohe Welt ohne Horizont. Seine Gehirnwindungen sind die Schreibblöcke. Denn nicht nur die Gefängnisbetreiber und Bediensteten trachten ihm nach dem Leben. Er wird als Muslimbruder in den Büchern geführt. Die sind dem Assad-Regime ein Dorn im Auge. Die Muslimbrüder im Gefängnis beäugen ihn misstrauisch. Ist er einer von ihnen? Will er sie verraten? Hat er es vielleicht sogar schon getan?

„Das Schneckenhaus“ wird als das Evangelium der syrischen Revolution bezeichnet. Mit jeder Zeile, die man mit Kopfschütteln – ja, der Mensch ist tatsächlich zu so vielem im Stande zu tun – aufsaugt, beginnt man diesen Zeilen Glauben zu schenken. So was denkt man sich nicht aus! So was ist wirklich passiert, und passiert immer noch. Wer meint, dass so manche Widerwärtigkeit nicht immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss, sollte dieses Buch lesen. Man kann nicht oft genug an Derartiges erinnern!

Saxones

Die Sachsen haben die stille Revolution begonnen, die zum Zusammenschluss beider deutscher Staaten führte. Hier liegt die Wiege der deutschen Hochsprache, dank Lessing. Doch das Land, das von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Tschechien und Polen umrandet wird, trägt seinen Namen und seine Geschichte weit darüber hinaus. Das Land Niedersachsen ist nicht nur sprachlich den Sachsen verbunden. In einer Ausstellung, die bis zum 18. August im Landesmuseum Hannover und vom 21. September 2019 bis Ende Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum wird die nachhaltige Geschichte der Sachsen mit zahlreichen eindrucksvollen Exponaten erlebbar gemacht. Als Begleitband zur Ausstellung, als Appetithäppchen vor dem Museumsbesuch oder / und als Erinnerungsstück danach sind die knapp vierhundert Seiten ein wahres Füllhorn an überraschenden Einblicken in eine Kultur, die seit über tausend Jahren maßgeblich die deutsche Geschichte geprägt hat.

Die Hinterlassenschaften wie Schmuckstücke, Werkzeuge, Alltagsgegenstände auf einmal zu erfassen, ist unmöglich. Eine Vielzahl von Forschern hat sich auf diesem Gebiet hervorgetan und präsentiert in diesem Katalog die Erkenntnisse der Forschungen. Manchmal spannend wie ein Krimi, immer sachlich fundiert, liegt ein echter Schatz in den Händen des Lesers. Schon vor rund zweitausend Jahren bekamen die römischen Invasoren die scharfen Klingen der Sachsen zu spüren. In Hedemünden an der Werra wurden mehr oder weniger gut erhaltene Dolche aus dem Leib der Erde entnommen und sind nun wieder zu bestaunen.

Selbst so nützliche Alltagsdinge wie ein Eimer zeugen von der Kunstfertigkeit der Sachsen. Der Hemmoorer Eimer, der im Landkreis Cuxhaven gefunden wurde, beeindruckt durch die zahlreichen Verzierungen, die man heutzutage in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser vergeblich sucht.

Landkarten, Skizzen, Fotos von Ausgrabungsstellen bereichern jedes Kapitel in diesem Buch. Sie zeugen von der gewissenhaften Arbeit der Archäologen, die nicht müde werden unter der Oberfläche die Vergangenheit ans Tageslicht zu holen.

Der alte Gassenhauer von den Sachsen, der das reisen so sehr liebt, bekommt durch die Ausstellung und auch dieses Buch eine zusätzliche Komponente, die Sachsen, aber auch alle anderen Völker des deutschen Sprachraumes in Erstaunen versetzen wird.