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Saison der Wirbelstürme

Da liegt sie nun, friedlich, fast meint man ein Lächeln auf ihrem entstellten Gesicht erkennen zu können. Doch wie kann ein so grässlicher Mensch lächeln, kann menschliche Züge haben? Und wie kann ein Mensch lächeln, dem so übel mitgespielt wurde? Bruja, die Hexe ist tot. Kein Kinderreim! Realer Wahnsinn in La Matosa, einer Gegend in Mexico, die nur Einheimische aus Mangel an Alternativen betreten. Wer kann, haut ab. Wer es nicht kann, und das sind die meisten, muss bleiben und zusehen, dass der nächste Tag nicht der letzte sein wird. Kinder haben den Leichnam bei ihren Streifzügen durchs Zuckerrohrdickicht entdeckt. Das Entsetzen werden sie nie mehr los.

Bruja stammte aus einer alten Familie verwahrloster Hexen. Wer ein Wehwehchen hatte, kam schon immer zu ihr. Ebenso, wem es im Schritt juckte. Dem Ruf der Hexe tat das keinen Abbruch mehr. Sie stand für alle eh im Bunde mit dem Teufel, dessen Gemächt sie Nacht für Nacht ritt. Das ihres Ehemannes konnte sie nicht mehr reiten. Der war schon lange tot. Sie, die Hexe habe ihn umgebracht, um Land und Geld zu erben. Ein echtes Herzchen eben. Wer konnte, machte einen großen Bogen um sie und ihr Haus. Doch irgendwer konnte nicht anders. Irgendwer fasste sich ein Herz und tötete die Hexe, bevor sie sein Herz zu fassen bekam. Nicht sinngemäß, wortwörtlich!

Fernanda Melchor beschreibt Menschen, die durch einen Landstrich Mexicos geprägt sind. So unwirtlich die Gegend, so rau sind ihre Bewohner. Hier wird nicht lang gefackelt, hier wird gehandelt. Und das nicht immer mit sanfter Hand, oft, fast immer mit der Faust, Machete oder dem Messer. Für Schmeicheleien ist hier kein Platz.

Und Frauen haben schon mal gar nichts zu melden. Sie sind vogelfrei. Wer sie will, nimmt sie sich. Brutal und schnörkellos wird der Leser durch diesen aufrüttelnden Roman gehetzt. Das liegt nicht nur an der ungeschminkten Wortwahl, sondern auch dem besonderen Stil der Autorin. Ohne Punkt – zumindest mit nur wenigen – dafür aber mit der geballten Ladung Kommas gibt sie dem Leser kaum eine Chance durchzuatmen. Genau wie ihre Protagonisten. Wenn man also davon spricht sich in eine Geschichte vertiefen zu können, dann ist „Saison der Wirbelstürme“ das Paradebeispiel dafür.

Dafür erhält sie 2019 den Anna-Seghers-Preis und ist außerdem für den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt nominiert.

Mobbing Dick

Dick Turpin war im 18. Jahrhundert ein gefürchteter Straßenräuber, der sich mit Degen und Pistole gegen den Adel auflehnte. Dickie Greenleaf lehnt sich gegen  das Establishment (besonders das in Person seiner Eltern) auf, um schlussendlich von Tom Ripley ins Jenseits befördert zu werden. Und Dick Meier? Um die Zwanzig, lebt in Witikon, Zürich, bei seinen Eltern, Reihenhaus. Wenn das Leben eine Linie mit Ausschlägen nach Oben und Unten, für Freude und Leid, ist, dann verläuft sein Leben geradlinig, monoton. Von den Eltern kann er diese Eigenschaft nicht haben. Die sind selber so monoton, einschläfernd, rechtschaffen, langweilig, borniert, enervierend. Es ist zum Haareraufen! Dick bricht das Studium ab, heuert bei der Schweizerischen Bankanstalt an, sucht sich eine Wohnung. Sagt den Eltern nichts. Warum auch. Für ihn hat sich ja nichts verändert. Er hat zwar einen Job, doch Lebensfreude will einfach nicht bei ihm aufkommen. Er ist schnippig, aufmüpfig, spielt Streiche – nix! Dick droht in der scheinbaren Routine seiner Arbeit, zwischen Mutters permanenter Sorgenmacherei und seinem misanthropischen Vater zu ersticken. Die Gefängnismauern um ihn herum rücken immer näher und rauben ihm die letzten Lebensgeister.

Der erste Schritt ins die sauerstoffreiche Zukunft lauert in einer heruntergekommenen Gegend mit horrenden Mieten. Aber das ist der Preis, den Dick zahlen muss, um endlich so etwas wie Freiheit auf der Haut spüren zu können. Die jahrelange Gängelei hat tief in ihm einen Hass aufkeimen lassen. Und der muss nun raus! Potentielle Anwärter, die nur darauf warten Dicks Lebensgeister um sich herum schwirren zu sehen, gibt es ja zum Glück haufenweise.

Vielleicht wendet sich doch alles zum Guten. Amy, seine Schwester zieht wieder zurück ins elterliche Haus. Dass sie von Dick dafür bezahlt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Dick entscheidet sich für einen anderen Weg. Jeden Tag, wenn er im Büro in Besprechungen sitzt, mit Kollegen redet, wird ihm die Verkommenheit des Bankenwesens im Speziellen, der Welt im Allgemeinen vor Augen geführt bzw. ins Ohr geschrien. Gutes Benehmen, Scham, Ehrlichkeit – pah, wenn überhaupt, dann war das einmal! Hier wird hinter den Rücken der Leute das Fallbeil gewetzt und der Auslöser fortwährend auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Dick lässt sich davon anstecken. Das Telefon ist sein roter Knopf in die Freiheit. Ein kleiner Anruf hier, ein Anklingeln da. Ein blöder Spruch, der dem Angerufenen den Schweiß auf die Stirn treibt. Ein gewisses Gefühl von Freiheit stellt sich bei Dick ein. Befriedigung selbst etwas geschaffen zu haben. Ohne das Zutun anderer. Und ohne, dass andere ihren Vorteil daraus ziehen können. Waren es bisher Mutter, Vater und Chefs, die ihn antrieben, so treibt er nun die Herde der ihn zerpflückenden Meute vor sich her. Doch kennt er wirklich seine Grenzen und die dieses perfiden Spiels? Kann er diese Grenzen erkennen und sie auch einhalten?

Tom Zürcher schreibt genüsslich über einen jungen Mann, dessen Welt bisher auf engen Pfaden verlief. Einmal abgebogen, findet er schwer den Weg zurück. Geheimnisumwitterte Konten, ein knausriger Vater, der plötzlich in einem ganz andere Licht erscheint, eine Mutter, die endlich aufwacht, Kollegen, deren Moral so weit im Keller ist, dass wohl niemals ein Lichtstrahl diesen erhellen könnte – und aus Dick Meier wird Mobbing Dick. Der Lesegenuss des Jahres!

Willnot

Wer ist Willnot? Will er einfach nicht mehr und setzt allem ein grausames Ende? Nein, die Frage muss lauten: Was ist Willnot? Willnot liegt irgendwo im Nirgendwo der USA. Kein Redneck-Country, in dem auf alles angelegt wird, was keine Latzhose trägt. Vielmehr ein Ort, in dem man viel Zeit hat nachzudenken. Abwechslung Fehlanzeige. Bis, ja bis eines Tages in einer Grube Leichen gefunden werden. Der Arzt Lamar Hale wird gerufen, es könnte ja sein, dass es hier noch was zu tun gibt. Nicht für ihn, für ein Spezialteam von Ermittlern dafür umso mehr.

Für Lamar Hale einmal mehr Anlass nachzugrübeln, Parallelen zu ziehen, sein eigenes Leben in Abschnitten Revue passieren zu lassen. Und wie es der Zufall will, bleibt es nicht dabei. Brandon Lowndes steht unversehens vor bzw. hinter ihm. Kennt er ihn noch? Weiß er, wer er ist? Ja! Nur zu gut. Brandon war einmal Patient bei ihm. Ist nun auf der Durchreise. Oder so was in der Art. Eine seltsame Begegnung. So schnell und emotionslos sie begann, so schnell und emotionslos ist sie auch schon zu Ende. Typisch Willnot. Kaum hier, will man auch schon wieder weg.

Die Eigenartigkeiten nehmen kein Ende. Auch das FBI ist auf den unauffälligen Ort aufmerksam geworden. Das FBI in Person von Agent Theodora Odgen. Wenn irgendwo (im Nirgendwo) eine Grube mit Leichen gefunden wird, sind die Schlapphüte, die schon lange nicht mehr getragen werden, nicht weit weg. Doch Agent Ogden ist nicht an dem Massengrab interessiert. Ein Brandon Lowndes ist das Ziel ihrer Fragen. Hale antwortet pflicht- und wahrheitsgemäß, was er weiß. Brandon war Patient bei ihm, ist auf der Durchreise und wird von den meisten nun Bobby genannt. Mehr kann er ihr nicht liefern. Ist halt so, in Willnot.

Sie weiß mehr über Brandon, der nun Bobby genannt werden will. Elitekiller, gutes Auge, ruhiger Abzug. Kriegseinsatz. Und fahnenflüchtig. Hat er was mit der Grube zu tun? Nicht als Täter, sondern als … ja als was eigentlich? Brandon taucht wieder auf. Freude darüber empfindet niemand. Denn Bobby, also Brandon, liegt im Krankenhaus. Schussverletzung. In den Rücken. Und da man in Willnot ist, passiert was? Brandon verschwindet wieder. Alles mysteriös ohne dabei Geister zu beschwören. Die einzigen Geister, die hier in Unwesen treiben, sind die Geister der Vergangenheit, die den Doc und alle um ihn herum ab und zu mal piesacken. Alles nicht so dramatisch.

James Sallis beschreibt in unnachahmlicher Art und Weise einen Ort, den man schlecht einordnen kann. Soll man ihn meiden? Warum? Alles ist friedlich. Die Grube? Ja, die könnte einem schon Angst einjagen. Aber so richtig greifbar ist die Gefahr nicht. Der Schleier des Verborgenen, des noir hüllt Willnot in ein dichtes Geflecht aus Ungesehenem, Unhörbarem und unstillbarer Neugier. Je weiter man in den Roman vordringt, desto konfuser wird das ohnehin nur spärlich brennende Licht der Erkenntnis. James Sallis trat (s)ein schweres Erbe von „Driver“ an. Mit „Willnot“ ist er fulminant zurückgekehrt auf die Bühne der Autoren, die ihr Geschichte zwischen den Zeilen erzählen. Wer nicht schon auf Seite Zwei erfahren will, wer wem warum den Garaus gemacht hat, wird in „Willnot“ ein düsteres Spektakel vorfinden, das keinen Vergleich scheuen braucht. Einzigartig!

Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

We are anders

Ein Buch zum Brexit, das nach ein paar Tagen schon überaltet ist? Das nennt man verlegerischen Mut! Doch es kam anders, könnte man jetzt großspurig behaupten. Der Brexit zum Ende März ist hinfällig. Auch der, der dann im Mai 2019 folgen sollte. Großbritannien nimmt doch an der Europawahl Ende Mai teil. Vielleicht ist das Buch ja im September nicht mehr aktuell. Oder später, oder verliert es niemals seine Aktualität? Wohl eher letzteres. Denn es geht nicht vordergründlich um den Brexit. Es geht um die, die der Brexit am tiefsten treffen könnte, nein, wird. Die Engländer, die Briten. Und ja, sie sind anders. Zum Glück! So wie Portugiesen, Albaner und Finnen auch anders sind. Und auch genauso wie die Zeitschrift Titanic anders ist als beispielsweise so manches Revolverblatt.

Ludger Fischer ist Teil des Establishments von Titanic. Er lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Brüssel und schreibt unermüdlich und streng satirisch über das, was neuerdings die Gemüter in Wallung bringt: Europas zuweilen echt witziger Bedienstetenapparat. Nun hat er GB im Visier.

Was wird hängenbleiben, wenn der Brexit vom Tisch ist. Wie auch immer das aussehen wird. Da wäre sicher an einer der vordersten Stellen John Bercow. Der Sprecher des Parlaments, des Unterhauses ruft effektvoll zur Ordnung (englisch „Order“, bei John Bercow „Ordeeer“), wenn sich die Abgeordneten wieder einmal wie kleine Kinder benehmen. Die Brexit-Debatten (wenn es denn tatsächlich welche wären, bisweilen ist es eher ein Gezanke und Gezerre) bieten ihm die Möglichkeit sich für weitere Aufgaben zu bewerben. Denn derartige Ordnungsrufe bleiben schon jetzt nicht unerhört.

„We are anders“ ist aber kein reines Brexit-Buch. Es ist ein Buch über die, die anders sind, es schon immer waren und es wohl auch immer belieben werden. Wie kann man das aber dem Rest der Welt (der ja auch anders ist als andere) am besten beibringen? Argument – Gegenargument? Oder in Zahlen. Ludger Fischer entscheidet sich für beides. Argument und Gegenargument unterfüttert mit Zahlen. Da wäre die Währung. Pence, Schilling, Pfund. Feet, Yard, Mile. Wer blickt da noch durch. Und dann kommen die Brüsselaner und wollen den althergebrachten Maßen das Dezimalsystem aufzwingen? Not amused ist man da auf der Insel.

Dieses Buch bringt die ganze – unsachliche und meist unnütze – Diskussion um Bleiben oder Gehen auf den Punkt. Die Briten sind anders. Das wissen sie auch, so wollen sie es haben. Aber deswegen gleich alles zu hinterfragen und auf den Kopf stellen zu wollen, kann nur Verlierer hervorbringen. Lediglich Satiriker wie Ludger Fischer finden das eine oder andere Goldkörnchen im verbalen Dreck der Krakelerei. Dem Leser soll’s recht sein. Wer nicht schon während des Lesens Lachanfälle erleidet, dem ist nicht zu helfen. Kein Hau-Drauf-Und-Hau-Ab-Buch, sondern genau hingeschaut und versiert niedergeschrieben.

Noch ein kleiner Ausblick Schrägstrich Wunsch an alle, die mit Worten die Bauchmuskeln strapazieren können. Man stelle sich vor, dass Schweden Bestandteil der EU wäre. Und dann wieder raus will. Analog zum einstigen Grexit und zum aktuellen Brexit, wäre das dann ein Sexit? Übrigens: Schweden hat die strengsten Gesetze gegen sexuelle Belästigung…

Held

Alles beginnt wie ein ganz normaler Einbruch. Der Täter trägt Handschuhe, um sich nicht zu verletzen und um natürlich keine Spuren zu hinterlassen. Scheiben klirren. Doch dann setzt ein Zweifeln beim Leser ein. Wieso hat er einen gefüllten Benzinkanister dabei? Der beißende Gestank verteilt sich großflächig in dem Hotel. Aha, ein Hotel muss also dran glauben! Das Haus steht in Flammen. Mittlerweile ist der Hintergrund der Tat offensichtlich: Hass! Hass auf alles, was anders ist als man es hier in Krakeloh kennt. Ausländer. Bloß nicht diese …

Niva hat seine Arbeit getan. Die Rauchsäule, die den Nachthimmel über dem kleinen Ort erhellt, ist sein Werk. Das Hotel, ein ehemaliges Gefängnis (welch bedeutungsvoller Vergleich!), in dem seine Eltern glücklicherweise doch noch eine Anstellung einmal fanden (bis die da kamen) und das der Familie ein Einkommen bescherte, ist nicht mehr. Vor Monaten kamen erste Gerüchte auf. Dass hier Flüchtlinge aufgenommen werden sollten. Dass das Hotel deswegen schließt. Mit Flüchtlingen lässt sich mehr Geld verdienen als mit den wenigen Gästen, die sich hier her verloren haben. Dass überhaupt mal wieder Gäste kommen, nach Krakeloh, in den Ort, in dem die Bewohner Flüchtlinge mit Feuer und Gewalt empfangen, ist wohl auszuschließen. Ja, der Weitblick von Niva ist durch den Hass mehr als vernebelt. Aber was soll man machen, wenn selbst die Mutter offen ausspricht, was der „normale Bürger“ nicht mal zu denken wagt. Weil es falsch ist, nicht, weil es sich nicht gehört, wohl gemerkt!

Die Clique des sechszehnjährigen Niva ist begeistert von dem Feuerchen. Einer kennt sogar den Täter, gratuliert. Während die Community in den sozialen Netzwerken dem anonymen Täter heftig applaudiert. Doch Niva hält die Füße still und den Mund geschlossen. Ein stiller Held ist nichts mehr wert, wenn er einsitzt. Selbst die Polizei kann ihm nichts nachweisen. Erst nach einer weiteren „Dummheit“.

Die Justiz sieht in einer drastischen Strafe – Gefängnis – nur wenig Erziehungsgehalt. Eine Auszeit, mit Arbeit, fernab des Milieus, auch geografisch scheint da die beste Lösung zu sein. Ab in den Süden, der Sonne hinterher … von wegen! Ab in den Süden, Hütten bauen. Hütten für die, die alles verloren haben, selbst, wenn sie so gut wie gar nichts hatten. Nicht einmal mehr eine Heimat. Für Niva, den Nazi, alle wissen um die besonderen Umstände unter denen der Teenager hier seinen Dienst verrichtet, beginnt eine Zeit des Umdenkens…

Harald Schwinger schreibt ganz unaufgeregt – der Leser wird trotzdem gehörig aufgerüttelt – den Werdegang eines alternativlosen Teenagers zu nachdenklichen jungen Mann. Das Buch wurde mit dem Jugendbuchpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Der deutsche Gil Blas

Gil Blas war eine Romanfigur, die zu Beginn des18. Jahrhunderts in vier Bänden die französische Gesellschaft aufs Korn nahm. Gil Blas entsprang der Phantasie von Alain-René Lesage. Dieser Gil Blas, der deutsche Gil Blas hieß Johann Christoph Sachse, kam aus Thüringen und war echt. Ihn gab es wirklich. Er dient bei Goethe in der Anna Amalia Bibliothek. Bis er jedoch die wohl gerühmte und sicherlich gut bezahlte Stelle antreten konnte, war sein Weg von Kehrungen und Wendungen, von Biegungen und allerlei Widrigkeiten geprägt.

Das begann schon in der Kindheit. Immer wieder war der Vater fort, weil er an angestammtem Ort, in der Nähe von Gotha, keine Arbeit fand, um die Familie ernähren zu können. Gerade zweistellig an Alter, musste der junge Sachse bereits arbeiten.

Seine Arbeitssuche treibt ihn von Herren zu Herren, von Job zu Job, von Stadt zu Stadt. Er lernt reiten, frisieren, servieren. Und er kommt viel rum, wie man heute sagen würde. Über den Harz treibt es ihn gen Norden nach Mecklenburg, im Westen bis ins Rheinland und Amsterdam, im Osten bis Dresden. Immer wieder muss er lernen wieder aufzustehen, um kurze Zeit später erneut auf den Füßen landen zu müssen.

Es ist eine regelrechte Hatz durch Deutschland, wobei dies noch eine Untertreibung ist. Denn alle paar Kilometer Fußmarsch ist man bereits wieder im Ausland. Deutschland war Ende des 18. Jahrhunderts noch kein einheitlicher Nationalstaat. Neue Währung, neue Maße … an Abwechslung hat es Johann Christoph Sachse also kaum mangeln können.

Die Sprache fällt sofort auf. So gewählt, so vornehm … so altmodisch. Ohne dabei anstrengend zu sein. So manches Wort kommt einem etwas holprig über die Lippen. Hat man sich daran gewöhnt, ist dieser Reise-/Lebensbericht eine wahre Fundgrube an Abenteuern anno dazumal.

Der große historische Bezug kommt Form der letzten Monate der Französischen Revolution dem mittlerweile über Dreißigjährigen vor Augen. Immer wieder sieht er Pulverrauch am Horizont, versprengte Truppen und abrückende Soldateneinheiten. Ihm gelingt es – so schnell kann ihn aber auch nichts mehr aus der Ruhe bringen, zu viel hat er schon erlebt – immer wieder allen Irrungen und Wirrungen aus dem Weg zu gehen.

Es sind Bücher wie diese, die die eigene Geschichte erlebbar machen. Keine großen Heerführer, die Menschenmassen einen und in den Tod führen für die „große Sache“ sind es, die haften bleiben sollten. Sondern die Schicksale des einzelnen, der Tag für Tag darum kämpfen muss ein wahrhaftes Leben sich gönnen zu können. Der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ macht mit diesem Buch seinem Namen einmal mehr Ehre.

Das Gebot der Gewalt

Afrika, 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Die Kolonialherren aus Europa sind noch ferne Gedanken. Doch das fiktive Volk in Nakem, was ungefähr der Region des heutigen Mali entspricht, ächzt unter der Knute seiner Herrscher. Da ist sich keiner dem Anderen grün. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Wer widerspricht, wird nicht einfach aus der Welt geschafft. Der wird nach allen Regeln der Gewaltherrschaft gedemütigt, gefoltert und in aller Ruhe elendig verreckt gelassen. Es ist eine grausame Zeit, in der die Herrschernachfolger, um der Machterhaltung ihre eigenen Mütter heiraten und im Laufe der Zeit bei Festen das wirre Bild des Wilden im Busch bizarre Züge bekommt.

Die Dynastie der Saïf wird fast achthundert Jahre fortbestehen. Als die ersten Kolonialisten in Nakem eintreffen, sind die Machtverhältnisse schnell umgedreht. Die einstigen Herrscher müssen zusehen, dass ihre ihnen in die Wiege gelegte Macht nicht durch die Finger rinnt. Sie koalieren mit den neuen Herren, um sie ihre eigene Macht zu sichern. Das ist der Moment, in dem die fiktiven Aufzeichnungen anfangen konkret zu werden. Da tauchen deutsche Händler auf, die das greifbare kulturelle Erbe des Volkes in Nakem in Massen aus dem Land schaffen. Gouverneure leisten Hilfestellung als es gilt die Nachfahren der Saïf auf den rechten Bildungsweg außer Landes zu schaffen. Königlichen Geblüts studieren sie in Frankreich, der Heimat ihrer Unterdrücke und nehmen es als gegeben hin. Sie kämpfen im Weltkrieg für die Freiheit des Landes, das ihnen selbige mit Waffengewalt und perfider Raffinesse stahl.

Yambo Ouologuem lässt kein gutes Haar, an keiner der kämpfenden Parteien. Das Elend der Einen ist immer die Chance der Anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, ist man geneigt zu sagen. Doch auch die neuen Herren sind nicht viel anders als die alten Peiniger. Als das Buch in den 60er Jahren erscheint, tritt Yambo Ouologuem eine Welle der Entrüstung aus. Unterdrücke und Unterdrückte krallen sich an den expliziten Erläuterungen widerwärtiger Rituale fest. Gewalt geht niemals nur auf Kosten einer Partei. Wer die rohe Beschreibung beispielsweise einer Genitalverstümmelung an einer jungen Frau liest, kann sich einfach nicht mehr entscheiden, ob er für die eine oder andere Seite in dieser Geschichte sein kann. Man wähnt sich in einem Film von Oliver Stone oder Quentin Tarantino – so schnörkellos werden alte Bräuche und moderne Versklavung dargestellt.

„Das Gebot der Gewalt“ ist fiktiv, doch in seiner Detailversessenheit derart real, die es einem unmöglich macht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Plagiatsvorwürfe zwangen den Autor sich zurückzuziehen, der Verlag stampfte ganze Auflagen wieder ein. 2017 starb Yambo Ouologuem zurückgezogen in seiner Heimat Mali. Dass sein Erstling zum Klassiker wurde, hat er noch erlebt. Aber auch die Demontage seiner Leistung.