Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Qimmik

Mit dem Wort Genozid sollte man sehr bedächtig umgehen. Die Vorstellung darüber reicht weit über den brachialen Schuss hinaus. Einen Menschen zu brechen, ist ein Einfaches im Vergleich zu dem, was man einem Volk, einer Volksgruppe antun kann, um sie ihrer Identität zu berauben. Davon berichtet Michel Jean in „Qimmik“.

Kanada in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Also vor gerade mal einem reichlichen halben Jahrhundert. Der Weltkrieg ist lange vorbei. Die Welt taumelt immer noch. Ulaajuk ist Jäger und versucht nun seine Felle zu verkaufen. Kuujjuaraapik, wo Tundra und Taiga sanft ineinander übergehen, scheint für in der ideale Ort zu sein. Saullu, wie Ulaajuk Inuk (bei uns besser bekannt als Inuit, Einwohner der arktischen, subarktischen Gebiete auch in Kanada), verliebt sich in den geschickten Jäger. Er und Sie – das ideale Paar. Schnell ist beschlossen gemeinsam die Jagdgebiete nach Karibu, Robben und Beluga zu durchforsten. Ihre Zeit ist von Entbehrungen geprägt, es ist aber auch die Zeit der Liebe. Leider verliert Saullu ihr Kind. Nach Jahren kehren sie zurück an den Ort, der der Grundstein ihrer Liebe ist: Kuujjuaraapik.

Der Ort hat sich verändert. Straßen und Häuser sind hinzugekommen. Der beschauliche Ort hat sich in einen geschäftigen Platz verwandelt. Ulaajuk fällt sofort auf, dass hier eine trübsinnige Stimmung herrscht. Es fehlt das Gebell der Hunde. Auf ihrer Jagd hatten er und Saullu zwei Gespanne mit je zehn Hunden immer bei sich. Tag und Nacht waren die treuen Gefährten um sie herum. Sie brachten sie von Ort zu Ort, waren unerlässliche Helfer. So wie schon ihre Väter, ihre Großväter und Urahnen gehörten Mensch und Tier zusammen, wie die Nacht, die auf den Tag folgt.

Hoffnung bietet den beiden die Tatsache, dass Saullu erneut schwanger ist. Das Schicksal meint es dieses Mal gut mit ihnen. Saullu und Ulaajuk sind nun Eltern. Einen Tag später stirbt Saullus Vater. Ein Schicksalstag. Der noch nicht zu Ende ist. Denn genau in dem Moment, in dem ihr Vater zu Grabe getragen wird, erscheint einmal mehr die Sécurité du Québec. Sie waren schon einmal hier, als Saullu und Ulaajuk auf der Jagd waren. Damals erschossen die Beamten alle Hunde der Inuk. Das allein ist schon verächtlich genug. Aber einem Volk einen Grundbestandteil seiner Kultur derart brutal und unnachgiebig zu entreißen, ist zumindest moralisch verwerflich, bislang noch nicht justiziabel und deswegen ein Akt der Unmenschlichkeit. Ganz zu schweigen vom Leid der Tiere. Dieses Mal haben die Beamten die Hunde von Ulaajuk im Visier…

Es ist erstaunlich wie viel Geschichte, wie viele Geschichten Michel Jean auf zweihundert Seiten unterbringen kann. Ein rasanter Horrortrip durch ein historisch verbürgtes Kapitel kanadischer Geschichte, das hierzulande kaum bekannt sein dürfte. Bis jetzt. Michel Jean ist der Geschichtsvermittler Kanadas, leider auch der bitteren Kapitel.

Kurze Geschichten über böse Menschen und andere … – Band 1

Da steht man nun vor dem reichhaltig aufgefüllten Krimibüffet. Was soll man sich nun zuerst zu Gemüte führen? Einen Mord? Eine gut durchdachte Rache? Gift? Hackebeil? Ach, am liebsten würde man sich den Bauch voll schlagen mit all dem Übel dieser Welt. Also als Krimifan. Am besten wären doch so klitzekleine Gemeinheiten, die einem munden, aber den Magen nicht belasten. Bitte sehr, Ihre Bestellung. „Böse Menschen und andere…“

Andere was?! Menschen, böse Geschichten? Fiese Gesellen? Und schon hängt man am Haken. Kaum eine Zeile gelesen – nur den Titel – und schon ist man angesteckt von der Sucht Seite für Seite zu durchforsten nach den übelsten Machenschaften, die ein menschliches Gehirn sich nur ausdenken vermag.

Rolf Dangel lässt es richtig krachen. Blatt vorm Mund, um ja nicht anzuecken an den sprachlichen Moralaposteln – nicht mit ihm. Er schaut den Tätern ins Hirn, ins Herz und aufs Maul. Und wenn die sich nicht im Griff haben, was kann denn der Autor dafür?! Alles raus, was raus muss. So mancher lässt sich im Buch betäuben – der Leser ist die ganze Zeit hellwach. Und wenn ein Delinquent doch das letzte Schlupfloch der Justiz für sich ausnutzt, freut man sich umso diebischer, wenn Justizia nicht nur die Augen verbunden hat, sondern auch noch in die komplett falsche Richtung schaut. Manchmal trägt die Rache schwarz und rot – das kann man genießen wie man will. Kalt oder heiß spielt keine Rolle.

Diese fiesen, kleinen Appetithappen aus der „Gerichteküche“ sind garniert mit Wortwitz und unbeirrbarer Stringenz. Eine Prise Kaltblütigkeit verleiht allem eine Frische, die in so mancher Blutorgie fehlt. Raffinesse ist des Künstlers Blut. Und davon gibt es hier jede Menge. Die Blutspende wird zum Augenschmaus, der alle Sinne erfordert. Wer findet den Täter schneller? Autor oder Leser? Ein rasanter Wettstreit, der den Leser übervorteilt, denn er kann zurückblättern sich noch einmal alles in Erinnerung rufen. Und darum geht es doch! Der Leser soll unterhalten, an mancher Stelle herausgefordert werden.

Die Rechnung bringt es ans Tageslicht: Volltreffer. Jede bestellte Position ist aufgeführt – es hat gemundet – zufrieden zieht man von dannen und freut sich beim letzten Blick auf das Cover, dass es auf jeden Fall Nachschlag geben wird. Denn das ist nur der Anfang … (an dieser Stelle folgt nun ein gruseliges höhnisches Lachen) aber wie soll man das in Buchstabenform quetschen?!

Backstage

Es mag für viele eine Überraschung sein, aber Donna Leon kann mehr als nur Brunetti. Andererseits kann man Brunetti nur beherrschen, wenn man sich zuvor eine gesunde Basis an Neugier, Schreibfertigkeit und mentaler Agilität angeeignet hat.

So was beginnt schon in der Kindheit, wird im Berufsleben fortgesetzt. Nur, um dann im Fortgang zu einer Ikone des Krimis heranzureifen. Um es kurz zu machen: Hätte Donna Leon (eigentlich de Léon, doch woher aus Südamerika der Großvater in die USA auswanderte, verriet er niemals) nicht die Empathie für Menschen und ihre Geschichten, wäre Brunetti ein Schreibtischtäter, dem kein Mensch über die Schulter schauen möchte.

Auch Donna Leon hatte schwierige Zeiten. Zeiten, in denen der Geldbeutel aus Zwiebelhaut bestand. Charles Dickens half ihr mit seinen Erkenntnissen diese Zeit zu überstehen. Und siehe da: Zwei durchaus attraktive Angebote brachen über sie herein. Zum Einen konnte sie ihren Doktor in Literatur machen und in den USA dem Studienbetrieb treu bleiben. Zum Anderen ergab sie die (einmalige) Chance ins Ausland zu gehen. Im Iran wurden Englischlehrer gesucht, die Helikopterpiloten das ABC und Einmaleins der internationalen Flugsprache beizubringen. Der Kulturschock und die Umstellung auf komplett andere Ge(p)flogenheiten lagen ihr näher als der gemütliche Bürodienst in halbwegs gehobener Position.

Sie lernt, dass der direkte Kontakt oft, nein, immer die besser Variante ist, um sich einzugliedern. Keine Binsenweisheit, sondern Notwendigkeit. Miete in einem Umschlag überreichen sorgt für bessere Behandlung im Alltag – klingt komisch, ist aber so. Sie nimmt sehr wohl wahr, was um sie herum passiert. In der heutigen Zeit, in der man digital „ohne viel Aufwand und viele effektiver (weil unpersönlicher)“ eine fast schon antiquarische An- und Einsicht.

Da stimmt es einen schon fast traurig, wenn man liest, dass Donna Leon bis vor ein paar Jahren nicht „Smoke on the water“ von Deep Purple kannte. Im Dezember 1971 unterrichtete Donna Leon Schweizer Kinder in englischer Sprache an einer Privatschule. Allesamt ganz braven Buben und Mädchen, die gottesfürchtig dem Schulstoff folgten. Bis … ja, bis bekannt wurde, dass Frank Zappa in Montreux spielt. Mit einem Mal war all die Frömmigkeit der Kinder einer enervierenden Klagemasse gewichen. Miss Leon wollte die Klasse als Anstandsdame zum und beim Konzert begleiten. Klar, dass Donna Leon da sofort dabei ist- Leon und Zappa: Das passt! Denkste! Frank Zappa kannte sie nicht. Der Rest ist bekannt. Das Casino brennt, geordneter Rückzug aus der bedrohlichen Flammenhölle. Jahre später erntet sie dafür Erstauen und Bewunderung. Bei einer Party verblüfft sie alle mit der Anekdote, dass sie damals dabei war. Dass „Smoke on the water“, nach der Hymne das zweitbekannteste Lied in den Staaten, darauf basiert, war ihr wiederum neu…

Donna Leons Geschichten zu folgen, ist jedes Mal eine kleine Reise. Mal staunt man mit aufgerissenen Augen, mal schüttelt man ungläubig den Kopf. Dann fallen einem Parallelen zu den Brunettis auf, um sich sofort wieder in einer anderen Geschichte zu verlieren. Was backstage passiert, bleibt nicht immer backstage. Himmlische Einblicke!

Das Verschwinden des Ettore Majorana

Da ist doch die ganze Stimmung verschwunden, wenn man weiß wie es ausgeht! Könnte man meinen. Denn „Das Verschwinden des Ettore Majorana“ ist historisch verbürgt – ein gutes Ende gab es nicht, gibt es nicht bis heute. Wenn „gutes Ende“ das Wiederfinden des besagten Ettore Majorana bedeutet.

Dieser Ettore Majorana wurde 1906 in Catania in Sizilien geboren. Als Kind wurden seine Fähigkeiten als herausragend der Familie präsentiert. Wo andere Kinder hübsch rausgeputzt ein Liedchen trällern, überraschte er mit mathematischen Höchstleistungen. Als Student arbeitete er mit Enrico Fermi in Rom und Werner Heisenberg in Leipzig zusammen, immerhin Physik-Nobelpreisträger der Jahre 1938 und 1933. In seiner Forschungsgruppe bei Fermi legten alle die Rechenschieber beiseite, wenn Majorana anwesend war. Allein dieses Bild des Einzelgängers macht die Suche nach ihm von vornherein sinnlos. Majorana wird selbst Professor, macht Entdeckungen, die er nicht veröffentlicht, verbietet anderen (auch Fermi!) darüber zu reden. Das kam unter anderem Heisenberg zugute.

Leonardo Sciascia begibt sich – nicht als Erster – auf die Suche nach dem verschwundenen Genie. Er stöbert Briefe auf, durchforstet Archive, interviewt Menschen, mit denen Majorana in Kontakt stand. Das waren nicht viele. Fest steht nur, dass Majorana mit dem Schiff nach Neapel gefahren ist. Dort, wo er als Professor arbeitete. Der Fall ging bis zum Duce. Der machte eine Aktennotiz, dass Majorana unbedingt gefunden werden muss. In einer Zeit, in der Atomforschung so eminent wichtig war, brauchte man jedes Genie. Aber vielleicht wollten die Genies ja gar nicht mit ihrer Forschung berühmt werden. Leó Szilárd kannte nachdem er erfahren hat, was er „anrichtete“ nur noch eines: Die Bombe verteufeln – koste es, was es wolle. Majorana ging den Weg in den Untergrund. Nicht, um zu kämpfen, sondern in Frieden zu leben.

Einmal wurde er in Venezuela gesehen. Doch dank der spärlichen Qualität der Fotografie wird man es wohl nie herausfinden. So beharrlich Majorana wissenschaftlich gearbeitet hat, so unnachgiebig forscht Sciascia nach Spuren über den Verbleib des Physikers. Er wird ihn nicht finden. Aber sein Theorien – Majorana sei im Kloster untergetaucht – führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Aber Sciascia wäre nicht Leonardo Sciascia, wüsste er nicht damit umzugehen. So traurig die Tatsache ist, dass auch ein gewiefter (literarischer) Schnüffler wie Leonardo Sciascia den verschwundenen Ettore Majorana nicht aufstöbern kann, so eindrucksvoll ist es seinen Gedankengängen zu folgen. Solange man nicht die letzte Seite, den letzten Absatz, das letzte Wort – ja den letzten Buchstaben in sich aufgesaugt hat, besteht immer noch die Hoffnung, dass Majorana gefunden wird. Das kann nur Literatur!

Die zerbrechliche Zeit

Wiederholt sich hier etwa Geschichte? Es ist lange her, dass Amanda ihre Mutter in den Abruzzen besucht hat. Das kleine Dorf war ihr schon in Kindertagen zu klein. Mailand – da gehörte sie hin. Dort ist sie nun, lebt ihr Leben. Bis zu ihrer Rückkehr. Das geschulte Mutterauge, vor allem aber das Herz, erkennt, dass etwas nicht stimmt. Doch Lucia schweigt. Nimmt es stoisch hin, wenn ihr Amanda das Haus und das Leben auf den Kopf stellt. Denn Lucia kennt dieses Gefühl. Es war damals…

… als die beiden Schwestern Virginia und Tania aus dem Leben gerissen wurden. Auf dem Campingplatz, der von Osvaldo verwaltet wurde, und dem Grund, der Lucias Vater gehörte. Bestialisch ermordet und vergewaltigt. Mitten im Nirgendwo, in den Bergen am dente del lupo, am Wolfszahn, wurden sie aus dem Leben gerissen, das eigentlich ihnen gehören sollte.  Ihre beste Freundin Doralice war an diesem denkwürdigen Tag mit den Schwestern Virginia und Tania unterwegs. In den Bergen, wo man bei guter Sicht die kroatischen Inseln sehen konnte. Wo die Natur ihr prächtiges Spiel entfaltet. Wo die Hektik der Welt nur ein Gespinst ist.

Ein Schuss, noch ein Schuss, Schreie. Und das Dorf? Es findet sich zusammen. Die Carabinieri sind vor Ort. Blaulicht. Eine unerfahrene Staatsanwältin. Ein Verdächtiger. Ein Täter. Ein Urteil. Dem Recht wurde genüge getan. Gerechtigkeit sieht anders aus.

Donatella di Pietrantonio gleitet wie eine gute Fee über das Dorf und seine unheilvolle Geschichte. Sie blickt in die Herzen der Menschen und legt ihre Seele frei, ohne das sie frieren müssen. Gefühlvoll baut sie eine Kulisse auf, die jedem droht, der hinter die Kulissen schauen will. Lucia hat das alles hinter sich gelassen, noch immer lebt sie an dem Ort, der ihr ganzes Leben bestimmt. Hier ist sie geboren, hat die schlimmste Zeit – durch einen Zufall – überlebt, sie blieb hier und wird hier auch einmal ihr Ende finden. Mutlos? Nicht im Geringsten! Wahrscheinlich ist die Entscheidung hier zu bleiben die mutigste in ihrem Leben.

Nach und nach schält die Autorin eine Episode aus dem Herzen der Hauptakteurin heraus, die noch immer sichtbare Narben trägt. Es muckert unter der Haut. Doch Lucia hat gelernt damit zu leben. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Alles auf einmal, Ratenzahlung nicht möglich. Kunstvoll, stilistisch einwandfrei, vehement voranschreitend nimmt sie den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Anklagen zwecklos. Das Herz spricht, wenn es sprechen will. Und das tut es in „Die zerbrechliche Zeit“ mit sanfter Stimme, die Risse hinterlassen wird.

Tiohtiá:ke

Da ist sie wieder: Audrey Duval. Anwältin für die Rechte der autochthonen Bevölkerung Kanadas und Splitter im Fleisch derer, die die Vergangenheit ruhen lassen wollen. Auch dieses Mal sorgt sie wieder für einen entscheidenden Wendepunkt im Leben eines ihrer Mandanten.

Montreals Obdachlose – in der Sprache der Mohawk heißt Montreal Tiohtiá:ke – bekommen Zuwachs durch Élie Mestenapeo. Aus Nutashkuan, woher er stammt hat man ihn verwiesen. Weil er seinen Vater getötet haben soll, wofür er auch im Gefängnis saß. Zehn qualvolle Jahre lang. Die nichts für ihn getan haben außer der Resignation Futter zu geben. Sollte er es wirklich gewesen sein, hatte er unzählige Gründe dies zu tun. Gewalt und Alkoholismus kennt er aus eigener Erfahrung.

Hier in lernt er Tiohtiá:ke die Kehrseiten der Gesellschaft kennen – als ob das Gefängnis nicht genug Schule des Unlebens wären … Aber auch Freunde: Musiker, Foodtruckbesitzer, von den Eltern Verlassene. Sie geben ihm den Mut an die Zukunft zurück. Die Eiseskälte der Stadt kann ihn nicht brechen. Er hat Freunde, die ihn bestärken, ja fast drängen, noch einmal Anlauf zu nehmen. Anlauf und zum Absprung in ein neues Leben zu wagen. Etwas wozu ihnen oft der Mut fehlt. Er will wieder zur Schule gehen. Um dann schlussendlich Jura studieren zu können. Da kommt ihm Audrey Duval gerade recht…

Noch eine Wendung in seinem an Wendungen reichen Leben.

Michel Jean brilliert einmal mehr in der Rolle des leidenschaftlichen Erzählers über das Leben der alteingesessenen Völker Kanadas. Er braucht nur wenige Zeilen, um den Leser in Gefolgschaft zu nehmen und ihn in eine Welt zu führen, die man meist nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen möchte. So viel Leid, so viel Hoffnung. Verzweiflung und Agonie im ständigen Widerstreit mit Licht und Zuversicht. Allein die Dauer der Zustände bestimmen über das Schicksal des Einzelnen.

Spannend wir ein Thriller und einfühlsam wie eine mütterlicher Roman wird „Tiohtiá:ke“ zu einem Buch, das man nicht mehr zur Seite legen möchte. Wie schon in „Maikan“ wird Anwältin Audrey Duval zum strahlenden Licht einer Gruppe von Menschen, die im Dunkeln sich wohler fühlt.

Fantomas gegen die multinationalen Vampire

Alles hat einmal ein Anfang. Diese Sammlung von Geschichten aus und über Lateinamerika war das erste Buch, das im Septime-Verlag erschien. Das war 2009. Und gleich im ersten Buch treten Stimmen auf, die bis heute nicht verhallt sind.

Ebenso einen Anfang stellten die Russell-Tribunale dar. In den 60er Jahren wurden – unabhängig von staatlichen Organen – Verbrechen im Vietnamkrieg untersucht. Eine juristische Aufarbeitung war leider nicht bis kaum möglich. Das zweite Russell-Tribunal untersuchte die systematische Missachtung von Völkerrechts- und Menschenrechten in Südamerika unter der Berücksichtigung finanzieller Interessen der USA. Einer der Vizepräsidenten war unter anderem Gabriel García Márquez, kolumbianischer Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1982. Mitglied des Tribunals war der Schriftsteller Julio Cortázar. Der titelgebenden Geschichte steht eine Hommage des Máquez’ für den argentinischen Schriftsteller Cortázar voran. Die Ereignisse dieses Tribunals und die Empfindungen des Autors sind die Grundlage für die fantastische Geschichte mit dem Superschurken, der in diesem Fall mit weißer Maske in die Fußstapfen Robin Hoods tritt.

Dieser Geschichtenband unter anderem mit Werken von Roberto Bolaño und Guadalupe Santa Cruz aus Chile, Guillermo Cabrera Infante aus Kuba und dem Mexikaner Juan Villoro zeigt eine Vielfalt an Literatur. Es sind nicht einfach nur Appetithäppchen, die man mit einem Bissen verschlingt, es sind kunstvolle Preziosen, die niemals ihren Glanz verlieren werden. Sie zeigen einen Kontinent, der stets in Bewegung ist und der nicht minder stets im Fokus fremder Mächte stand. Ob nun die Diktatoren Pinochet und Peron oder die scheinbaren Heilsbringer wie Fidel Castro – das Leid wurde niemals gemindert, das Gegenteil war meist der Fall.

Kraftvoll, poetisch, verborgen, offen dringen die Worte ins Hirn des Lesers, der „es schon immer wusste“ oder mit offenem Mund über so manches literarische Wunder staunt.

Die einleitenden Texte stellen den Autor kurz vor – das sind Appetithäppchen, die man sich in so manchem Buch wünscht. So werden Zusammenhänge offen gelegt und erzeugen die richtige Stimmung für die Handlung.

Kumari

Als Sehnsuchtsort bietet Nepal vielen Individualisten eine ideale Projektionsfläche. Es ist das einzige Land mit einer nicht viereckigen Flagge, liegt verdammt weit oben … da hören bei den meisten die Vorkenntnisse schon auf. Selbst in den Nachrichten von vor zwanzig Jahren taucht das Land kaum bis gar nicht auf. Da muss man schon ein bisschen weiter zurückschauen. Der Juni 2001 war der Beginn eines enormen Umsturzes. Das Königshaus wurde fast komplett ausgelöscht, was dazuführte, dass sieben Jahre später die Monarchie abgeschafft wurde und die maoistische Regierung das Land regiert. So viel zu den Fakten. Und genau in diesem Juni des Jahres 2001 spielt „Kumari“ von Philip Krömer.
Kumari sind Kindgöttinnen. Im Alter von zwei bis vier Jahren werden sie erwählt. Horoskope werden herangezogen, körperliche Merkmale untersucht. Die Herrschaft der Kumari endet mit Einsetzen der Menstruation.
Das größte religiöse Fest des Landes – Dasain – steht an. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen. Amita ist eine der aktuellen Kindgöttinnen, Kumari. Seit Jahren, seit ihrer Geburt, umgibt sie absolute Stille. Reden darf sie nur mit ihrer Familie. Die Bittesteller, um Segen Bittende, küssen bei der Audienz ihre rot bemalten Füße. Die Stille ist spürbar, fast hörbar. Kein Wort, kein Laut ist zu vernehmen. Das Fest wird der Höhepunkt des Jahres sein. Aber es ist auch die Ruhe vor dem Sturm. Denn im Volk rumort es.
Und damit sind wir wieder bei den harten Fakten: Kronprinz Dipendra ist Gast beim königlichen Familienfest. Er verlässt kurz den Raum, als er wiederkommt, trägt er Uniform, zieht eine Waffe und erschießt unter anderem König Birendra sowie Königin Aishwarya. Weitere Angehörige des Königshauses, Verwandte des Attentäters werden schwer verletzt. Zum Schluss will auch er seinem Leben ein Ende setzen. Das misslingt. Er wird sogar zum König ernannt. Für drei Tage. Dann stirbt auch er. Das kann man nachlesen. Die Hintergründe sind unklar. Wahrscheinlich führte die Ablehnung der Heirat mit einem Mitglied einer verfeindeten Familie zu der schrecklichen Tat.
Kumari Amita lernt die Rebellin Rupa Rana kennen – by the way, Raan ist der Name der verfehmten Familie, die sich mit dem aktuellen Königshaus vereinen will. Gleichzeitig bemerkt Amita aber auch Veränderungen, die ihren Status als Kumari … bestärken? … verändern? … auf alle Fälle beeinflussen werden. Poesie trifft Abenteuer, historische Fakten vermischen sich mit progressiven Gedanken, hier wird das Genre historischer Roman (auch wenn die Historie nicht allzu weit zurückliegt) auf eine neue Ebene gehoben.
Wer nun meint sich über die vermeintlich rückständigen Rituale mokieren zu müssen, liegt falsch. Es ist mehr als nur Tradition und religiöser Habitus. Die Kumari sind fester Bestandteil der Kultur, sie bieten Halt und Zuflucht. Und wer sich in Europa die aktuellen Veränderungen anschaut, wird auf eine Vielzahl von reaktionären – rückschrittlichen – Tendenzen stoßen. Philip Krömer bietet einen weitreichenden Blick durchs Schlüsselloch in eine Kultur, die geographisch weit weg liegt von dem, was uns tagtäglich umgibt. Sein Wissen darum und die seltene Gabe mit Worten Gedankenreiche zu schaffen, sind Gold wert. Gefühlvoll, detailliert und nachhallend lockt er den Leser in ein Land, das man in dieser Form nicht kannte. Jetzt kennt man es, nicht vollständig, aber um einiges besser als zuvor.

Nach Gefühl

Es ist jedes Jahr ein Riesenspektakel. Die erste große Rundreise auf dem Drahtesel durch ein Land. Der Anfang macht traditionsgemäß Italien. Als Radsportfan ist man seit Jahren immer wieder der Gefahr ausgesetzt aufs falsche Pferd zu setzen. Und so genießen viele neben dem eigentlichen Sport wahrscheinlich auch die Ansichten des womöglich nächsten Urlaubsziels.

Zwischen all den Steigungen und Abfahrten, den wilden Sprints und auch den erschreckenden Stürzen drängen immer wieder Fahrer in den Fokus, deren Namen man so schnell nicht vergessen wird. Und das nicht, weil sie Naschkatzen mit einer Vorliebe für nicht natürliche Substanzen sind!

Tom Dumoulin gehört sicher in diese Riege. Er war nicht der alle überstrahlende Radsportler, der mit einem Antritt ganze Ausreißergruppen in die Verzweiflung trieb. Er war bei Rennen stets präsent. Zuerst als Wasserträger, also einer, der zuallererst seinem Teamkapitän, dann den aussichtsreichsten Fahrern zur Seite stand. Man nannte ihn den Schmetterling, vlinder van Maastricht. Den Spitznamen mochte er nie. Mit gerade mal 32 Jahren hängte er den Fahrradhelm an den Nagel. Ein Sturz, bei dem er sich das Handgelenk brach und nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen konnte, war ausschlaggebend. An dieser Stelle könnte man jetzt mit Zahlen jonglieren: WM-Titel, Triumphe bei den großen Rundfahrten etc. Doch damit würde man ihm nicht gerecht werden.

Zusammen mit dem Journalisten Nando Boers spürt er im Nachgang noch einmal das Gefühl auf Radsportler zu sein. Er reist noch einmal an Orte, die ihm etwas bedeuten. Orte, an denen er sich das Trikot des Besten der Gesamtwertung überstreifen konnte. Orte, an denen er nach Wochen der Entbehrung bejubeln lassen konnte, weil er dieses Trikot über die abschließende Ziellinie getragen hat. Aber auch Orte, an denen entscheidende Zäsuren stattfanden.

Es sind nicht zwigend die Orte mit den Ziellinien wie Andorra-Ancalis, wo er zum ersten Mal eine Bergetappe bei der Tour de France gewann. Und was für eine Etappe! Oft sind es Streckenmarkierungen, wo er sich absetzte, wo er sich gut fühlte, so das Rennen durch und für ihn entschieden wurde.

Monza, Oropa, Bormio – klar, dass der Niederländer eine besondere Beziehung zu Italien hat. 2017 war das Jahr, in dem er im maglia rosa als Gesamtsieger wieder nach Hause fahren konnte. Die Wochen danach bzw. seine Beschreibung dieser Zeit gehören zu den Highlights in diesem Buch. Weil sie dem siegorientierten Sportler eine menschlich nachvollziehbare Note verleihen. Grillen, chillen, willentlich dem Rad die kalte Schulter zeigen.

Aber auch die (inzwischen) differenzierte Sichtweise auf den Zirkus und den Hype dieses Sports regen zum Nachdenken an. Die Mischung aus journalistischer Chronistenpflicht und eigenen Empfindungen, die immer noch präsent sind – mit Mitte Dreißig sind sie erfahrungsgemäß noch sehr frisch – macht „Nach Gefühl“ zu einer mitreißenden Biographie, die zu begeistern weiß.

Ich bin Ariel Scharon

Sich über die Politik Israels zu unterhalten gleicht einer Sisyphosarbeit. Hat man ein Thema „abgearbeitet“, türmen sich schon wieder neue Probleme vor einem auf. Und immer wieder wird einem dabei der Name Ariel Scharon unter und vor die Augen kommen. Er leitete „immer mal wieder“ die Geschicke des Landes. Gehasst, geschasst, geliebt, bejubelt. So wie an vielen Politikern Israels scheiden sich die Geister.

Nun liegt er im Koma, seit Januar 2006. In zwei Monaten wird gewählt. Ariel Scharon hat die Partei Kadima gegründet und wird wohl … nein, er hatte große Chancen wieder an die Macht zu gelangen. Macht, diese Sucht Veränderungen herbeizuführen, andere zu überzeugen … zu herrschen.

Es sind die Frauen in seinem Leben mit denen er im Zweigespräch ist. Nicht sich gegenüber sitzende Personen handeln hier, sondern Frauen und ein Mann, die mit Monologen und Ansprachen dem Politiker ins Gewissen reden, ins besänftigen, ihm ihre Geschichte erzählen. Denn sie haben willentlich oder nicht Ariel Scharon geformt.

Allen voran seine Mutter. Sie führt ihn noch einmal in ihre und seine Kindheit zurück. Sie berichtet vom schweren Leben im ehemals russischen Zarenreich. Und ihrer spektakulären Ankunft auf dem Boden, wo einmal der Staat Israel erstehen wird. Dort, wo Palästinenser ihre Heimat gefunden haben und nun … ach, sind wir schon wieder bei der Politik. Die verdirbt ja auch so manchen schönen Abend…

Es sind die Parallelen, die die Frauen ziehen, um sein Schaffen, sein Wirken in der Weltpolitik mit seiner und ihrer Geschichte verweben. History repeats. Daran kann kein/e so Mächtige/r etwas ändern. Kein Diktator wird sich den Gesetzen der Wiederkehr widersetzen können.

Yara El-Ghadban gelingt es mit Leichtigkeit den harten Fakten die Gelassenheit des Romans wirken zu lassen. Hier ist alles Fiktion. Hier ist alles real. Es könnte ja so sein. Wer kann schon beurteilen, was im Kopf des im Koma liegenden Ariel Scharon vor sich geht? Es ist einfach im Nachhinein eine Persönlichkeit in ein passendes Licht zu rücken. Dabei unterliegt man aber der scharfen Zensur des geneigten Lesers. Im Roman darf man Tatsachen in einen Kontext setzen, den er vielleicht gar nicht gibt. Die Kunst besteht darin nicht ins Absurde abzugleiten. In diesem Fall ist Yara El-Ghadban eine wahrhafte Künstlerin, die es versteht zu unterhalten, ohne dabei den Boden und den Füßen weggezogen zu bekommen.