Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Bai Ganju, der Rosenölhändler

Den Namen muss man sich merken. Bai Ganju. Ein außergewöhnlicher Mann, den der Autor Aleko Konstantinow auf seiner Amerikareise 1893 kennenlernte. Er wurde sanft überredet über die Weltausstellung 1893 in Chicago zu berichten. Seine Reisenotizen gehören zum Besten, was dieses Genre hervorbrachte.

Bai Ganju – so einer muss erstmal erfunden werden. Aleko Konstantinow hat ihn zwar nicht erfunden, jedoch gefunden. Ein gewiefter Geschäftsmann, der sich als das Zentrum seines Universums sieht. Und diese Einstellung mit jeder seiner Fasern lebt. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, ein Dampfplauderer, ein von unerschütterlichem Selbstvertrauen gezeichneter Mittelpunktler, der sich nicht einen Heller darum kümmert, was andere von ihm denken könnten. Geht etwas schief, findet er schnell einen Schuldigen. Sich selbst ausgenommen.

Und so passiert es, dass in illustrer Runde – und die soll es tatsächlich immer wieder mal gegeben haben – sich Menschen treffen, die diesen Bai Ganju (das Bai steht für Gevatter) getroffen haben. Und nun ziehen sie genüsslich über ihn her.

Aleko Konstantinow ist mit der Beschreibung des Bai Ganjus ein Volltreffer der Satire gelungen. Denn dieser Bai Ganju wohnt in jedem von uns inne. Ist er ängstlich und deswegen des Öfteren so ein Scheusal? Vielleicht. Aleko Konstantinow geht es nicht darum moralisch über seinen erfundenen Helden, auf den er im bulgarischen Pavillon der Kuriositäten auf der Weltausstellung 1893 in Chicago gestoßen ist, zu richten. Sein Buch ist eine lupenreine Satire, die den Leser an den Rand des Lachkrampfes bringt.

Immer wieder muss man innehalten. Während andere, bevorzugt die Erzähler in diesem Buch, fast vom Stuhl kippen, weil Bai Ganju einfach zu tölpelhaft, fast schon fatalistisch durchs Leben stolpert, ist man als Leser geneigt diese Gefallenen sofort wieder aufzurichten, damit sie weiter erzählen können.

Aleko Konstantinow gehört bis heute zu den meist gelesenen Autoren Bulgariens. Ihm allein gebührt der Ruhm eines der unterhaltsamsten Bücher des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben zu haben.

Der schwarze Gürtel

Was ein Ehrgeizling! Fernando Retencio will unbedingt nach oben. Er will den schwarzen Gürtel. Nein, keine sportlichen Meriten. Bei Soluciones, wo er als Problemlöser arbeitet, gilt der schwarze Gürtel als ultimative Huldigung der erbrachten Leistungen. Dann hat man es geschafft.

Und Fernando ist ganz gut in seinem Job. Zumindest besser als die ganzen Pérez, die tagein tagaus am Schreibtisch ihren Fließbandjob verrichten. Ein ausgeklügeltes Punktesystem, das nur der Chef zu entziffern im Stande ist, zeigt im Firmengebäude für alle sichtbar an, wer es drauf hat und wer nicht.

Fernando ist also Problemlöser. Was das genau ist, ändert sich von Auftrag zu Auftrag. Mal kommt ein Boxpromoter, dessen Star auf einmal Gewissensbiss bekommt, und nicht mehr draufhauen will. Dann muss Fernando sich was einfallen lassen. Er redet mit dem Boxer, bietet ihm die Möglichkeit zu seinen Wurzeln zurückzukehren, indem er ihm einen Boxring aufbauen lässt. Fernando sieht all diese nervenaufreibenden Jobs nur als Wegmarken seines Aufstieges. Er will den schwarzen Gürtel, raus aus der Tretmühle und nicht ewig dort festhängen, wo andere ihr Leben lang nicht von der Stelle kommen.

So wie Dromundo. Ein Kollege. Fernando sieht ihn aber mehr als persönlichen Sklaven, der er nach seinen Vorstellungen „formen darf“. Nach Oben buckeln, dafür nach Unten umso heftiger treten. Dromundo lässt alles mit sich machen. Noch tiefer kann er nicht sinken. Er wohnt ja schon da, wo er arbeitet. Frau und Kinder inklusive. Letzte spielen jeden Tag saubermachen im Foyer.

Señor Sonrisa ist der allgegenwärtige Herrscher von Soluciones. In regelmäßigen Abständen verkündet er mit plärrender Lautsprecherstimme seine kryptischen Befehle. Wer nicht spurt, fliegt … und wird nie den ominösen schwarzen Gürtel sein eigen nennen können. Witzig für die anderen, besonders aber für Fernando, ist die Abschiedszeremonie, wenn ein Angestellter entlassen wird: Eine Cheerleader-Gruppe singt zum Abschied ein Ständchen und geleitet den Delinquenten dann zur Tür hinaus. Für Fernando ist das immer ein Triumph. Denn dann gibt es eine Hürde weniger auf dem Weg zum schwarzen Gürtel. Bis eines Tages die dauerlächelnden Mädels an seinem Schreibtisch stehen…

Eduardo Rabasa zeichnet ein düsteres Bild der mexikanischen Arbeitswelt. So surreal, dass man kaum an sich halten kann, und immer wieder schmunzeln muss. Er schickt seinen Helden Fernando durch ein Minenfeld der Emotionen. Seine Frau scheint ein Verhältnis zu haben und genießt es sichtlich ihren Gatten leiden zu sehen. Nur um ihn kurze Zeit später wieder zu umgarnen. Und wiederum später ihm seine Tolpatschigkeit und Eiferucht aufs Brot zu schmieren. Ohne die Tabletten von Dr. Lao könnte Fernando nicht überleben. Oder würde er besser leben ohne die weißen Dinger? Schwarzhumorig, was sonst, führt Eduardo Rabasa den Leser am Ring durch die Arena der Halbwahrheiten auf dem übertriebenen Grün der Eitelkeiten.

Sarab

Das hätte sich Raphael nie träumen lassen. Ein einziger Tritt ins Zentrum des Lebens und zum ersten Mal spürt er die Marter des Krieges. Hochdekoriert, nie verwundet, keine Waffe der Welt hinterließ je auch nur einen Kratzer. Und nun? Ein Tritt und sein Mut färbt sich dunkelblau.

Es ist zwei Jahre nach dem deutschen Herbst. Und noch ein Vierteljahrhundert bis zum arabischen Frühling. November 1979. Die Große Moschee in Mekka wird Tatort einer bis heute nachhallenden Katastrophe. Terroristen besetzen das Heiligste aller Heiligtümer des Islam, nehmen Hunderte von Geiseln. Das saudische Herrscherhaus holt sich Hilfe aus Frankreich. Eine militärische Aktion beginnt, an deren Ende eine viel zu hohe Zahl von Toten und Verletzten steht.

Inmitten der Trümmer, des Blut- und Fäkaliengestankes sucht Raphael sein Heil in der Flucht. Doch sein Verfolger ist schneller, fesselt ihn und gibt ihm den wachrüttelnden Tritt. Um sie herum zischt, brennt es, stinkt es. Das Wasser steht unter Strom. Gasgeruch liegt in der Luft. Es sollen überraschende Stunden werden. Für Raphael auf alle Fälle.

Da auch Terroristen irgendwann mal schlafen müssen, nutzt Raphael die Gunst der Stunde, um sich von seinen Fesseln zu befreien. Und seinen Bewacher zu überrumpeln. Der schaut ziemlich verdutzt. Doch auch Raphael geht die Kinnlade ziemlich weit runter. Denn Saifallah – den Namen kennt Raphael vom Ausweis, der er ihm abgenommen hat – ist dessen Schwester Sarab. Eine Frau ihn übertölpelt, als Gesteinsbrocken in den unterirdischen Gängen der Moschee auf ihn niederprasselten.

Beide sind in einer vertrackten Situation. Beide konnten ihren Auftrag nicht pflichtgemäß zu Ende führen. Beide müssen ihn aber zu Ende führen.

Kurze Zeit später quittiert Raphael seinen Dienst. Das Töten als bezahlter Soldat einer französischen Eliteeinheit widert ihn an. Der Sinn seines Lebens ist nicht nur ins Wanken gekommen, er ist gestürzt. Doch an seiner Seite weiß er Sarab. Die eigentliche Aufarbeitung ihrer beider Leben beginnt erst jetzt…

Raja Alem gibt dem, was von Experten der Beginn des islamistischen Terrors genannt wird, eine Handlung, die dem Leser den Atem verschlägt. Der Kampf für … ja wofür eigentlich? … rückt in den Hintergrund, wenn es darum geht die eigene Haut zu retten und irgendwann einmal ein Leben führen zu können, dass frei von Angst, Hass und Gewalt ist. Kein leichter Weg dorthin. Mit nicht enden wollender Hingabe bereitet sie Sarab und Raphael einen steinigen Weg, den sie selbst verlegt haben und nun beschreiten müssen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beziehung sorgt für Erstaunen. So unterschiedlich ihr bisheriges Leben war, so viele Gemeinsamkeiten weisen die beiden Leben immer wieder auf. Zweifel? Ja! Aufgeben? Niemals! So schillernd wie der Einband – übrigens ein Teilausschnitt aus einer Installation von Shadia Alem, der großen Schwester Raja Alems, das zu Biennale in Venedig 2011 ausgestellt wurde – so farbenfroh schildert sie das Leben nach dem grässlichen Terrorakt im November 1979. Die Intensität, mit der das Buch beginnt, lässt erst mit dem letzten Zeichen auf der letzten Seite nach.

500 hidden secrets Lissabon

Wo Licht und Schatten aufeinanderprallen, bleibt so manches im Verborgenen. Die Hauptstadt Portugals ist in der vorteilhaften Lage dem Besucher das volle Programm bieten zu können: Meer und Berge, Sonne und Schatten, heiße Temperaturen, ein Kulturangebot, das auf Jahrhunderten fußt. Und trotzdem wird man es als Tourist niemals schaffen, alles – wirklich alles – bei einem Besuch sich anschauen zu können.

Ein Reiseband tut Not. Und wenn er so kompakt in der Hand liegt wie dieser, ist er ein willkommener Stichwortgeber in der Stadt am Tejo. Moderne Architektur wie der Pavilhão de Portugal trifft auf Baukunst des 16. Jahrhunderts wie den Torre de Belém. Lissabon lässt sich gern zu Fuß erkunden – das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist sowieso eher was für Nerds.

Und während man so vor sich hinschlendert, ist man in einer Zwickmühle. Zum Einen muss man die Augen offenhalten. Es gibt so viel zu sehen. Der Titel des Buches verrät es schon: Hier sind fünfhundert Geheimnisse versteckt. Das heißt, dass man sie suchen muss. Zumindest aber die Augen nicht schließen darf. Zum Anderen will man aber auch nichts verpassen. Innehalten, ein wenig im Buch blättern und weiter geht’s.

Pastéis de Nata, diese leckeren Teilchen, die einen jedwedes Heimweh runterschlucken lassen, gibt es hier und da im Stadtgebiet. Die leckersten fünf Anlaufstellen findet man in diesem Buch. Wem immer dann immer noch der Sinn nach lukullischen Einkaufserlebnissen steht, muss ein paar Seiten weiterblättern. Mercados soweit das Auge reicht. Auch hier wieder: Die Top Five der Märkte.

Einhundert Kapitel á fünf Tipps zum Einkaufen, sich typisch portugiesisch verköstigen lassen, Tipps zum Sporttreiben, Dingen, die man mit Kindern unternehmen kann und vieles andere mehr, geben einen Überblick über eine Stadt, die eben mehr ist als „nur die Hauptstadt Portugals“. Ob man sie nun als Hotspot oder Place to be bezeichnen will, die Tipps sind kleine Appetithappen, die man ohne Reue genießen kann. Kurz und knackig, ohne viel Schnickschnack wird man verführt Lissabon auf eigene Faust zu erkunden. Das richtige Faustpfand hält man bereits in den Händen.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Süße Zitronen und bittere Lieder

Was war das einfach, vor ein paar Jahren. Der EU ging‘s schlecht und Griechenland war schuld. Die Griechen! Und so überschlugen sich die Schlagzeilen-Schreiber auf beiden Seiten mit perfiden Vergleichen, die die ohnehin aufgeheizte Stimmung noch weiter befeuerten. Und die Banken in Griechenland – wem auch immer die gehören – wurden mit Krediten überhäuft. Da sollte helfen. Das ist in etwa so wie es in Filmen oft abläuft: Erst die Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sich auf die scheinbar hoffnungslose Verfolgungsjagd macht. Sieht nett aus, ist aber ohne Wirkung.

Mittlerweile ist die wirtschaftliche Lage nicht minder angespannt, dennoch ist das Bild Griechenlands nicht mehr so präsent. Stamm- und Pausentische diskutieren immer noch unter der Gürtellinie, aber die Touristen kehren wieder zurück an die Sonnenplätze des Mittelmeeres.

Caroline Wenzel hat sich – und das liest man eindeutig aus ihren Zeilen heraus – nie am allgemeinen Griechenland-Bashing beteiligt. Sie sieht Griechenland im Allgemeinen, und die Insel Chios im Speziellen mit anderen Augen. Sie interessiert sich für die Menschen, die nicht davon haben, dass die Banken Milliarden um die Ohren bekommen haben. Sie leben ihr Leben, mit all den Unwegbarkeiten, die das Leben für sie parat hält.

Wie Despina. Sie betreibt eine Taverne. Kochen wie bei Muttern. Sie hängt dieses Attribut allerdings nicht so hoch an, wie manch anderer Landgasthof in finanziell scheinbar sichereren Gefilden. Sie macht es einfach. Obwohl es ihr nicht einfach gemacht wurde. Als sie – eine Frau! – sich anschickt die Taverne zu erwerben, treten sich die Kontrolleure der Behörden gegenseitig auf die Füße. Doch statt Despina von selbigen zu holen, stolpern sie alle. Ja, die Frauen von Mestá sind stärker als der Ruf Griechenlands.

Marianthí ist um einiges älter als Despina. Sie hat mehr gesehen als es für sie gut war. Doch den Blick für das Wesentliche konnten weder Diktaturen noch Behörden verschleiern. Bis ins hohe Alter singt sie immer noch inbrünstig auf dem Markt. Bitter sind die Lieder. Das waren sie schon immer. Doch der süße Geschmack der Zitronen – ja, Zitronen schmecken süß – schlägt so manche Bitterkeit in die Flucht.

„Süße Zitronen und bittere Lieder“ ist das Reisebuch, das einen ereignisreichen Abend in einer Taverne, bei Despina vielleicht?, gedankenverloren ausklingen lassen kann. Die Weinblätter sollen ja außergewöhnlich sein. Caroline Wenzel widmet dieses Buch den Frauen des Dorfes im Südwesten der Insel. Ihr erlaubten die, die immer schon hier lebten, die die Insel formten und prägten den Einblick, der nicht durch eine Sonnenbrille verdunkelt ist.

Das verlorene Kopftuch

Bei vielen Reiseberichten über und aus dem Iran bekommt man immer wieder das Gefühl als ob ein Redaktionspraktikant oder Volontär sich auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen machen musste. Der Iran ist zweigeteilt. Zum Einen der Iran aus den Nachrichten mit brennenden Stars and Stripes und lautstarkem Wehklagen. Zum Anderen der Iran, in dem Menschen ihre Kultur offen ausleben. Zwiespältig. Verschleiernd. Widersprüchlich.

Nadine Pungs weiß auch nicht genau, was sie erwarten wird, was sie erwarten soll, als sie auf dem Flughafen von Teheran landet. Das Schlimmste bringt sie allerdings gleich hinter sich. Auf der Taxifahrt versucht der Fahrer sie mit deutschem Pop von Modern Talking herzlich zu begrüßen. Folter auf höchstem Niveau. Doch nichts anderes als eine Geste der Gastfreundschaft, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Auch, dass sie – durch Beziehungen – absolut kostenfrei und so lange sie möchte eine Privatunterkunft in der Millionenmetropole gefunden hat, lässt sie am Nachrichtenbild des Irans zweifeln.

Nadine Pungs hat sich akribisch vorbereitet. Sie hat Unmengen an Büchern gelesen. Stundenlang Fernsehbeiträge geschaut. Sie weiß viel über den Iran. Doch als es an der Tür klingelt, ihre „Vermieter“ haben sich angekündigt, weiß sie nicht, ob sie nun ein Kopftuch tragen soll oder nicht. Schließlich sind sie sich alle fremd. Muss sie nicht, wird sie beruhigt. Und schon das nächste Fettnäpfchen. Es wird sich bei der Begrüßung dreimal auf die Wange geküsst.

Kaum zehn Prozent des Buches gelesen und schon weiß man mehr über den Iran als man vorher auch nur zu wissen glaubte. Punktlandung.

Vier Wochen wird sie dieses Land bereisen. Ein Land, in dem strenge Sittenwächter bestimmt darauf hinweisen, dass das Kopftuch eine Locke hervorblitzen lässt, aber Haschisch so alltäglich ist wie andernorts auf der Welt das Feierabendbier. Ein Land, das vor ehrlicher Gastfreundlichkeit strotzt, die Ehe auf Zeit genauso erlaubt wie chirurgische Nasenkorrekturen.

Nadine Pungs ist nicht die Volontärin, die dem Chefredakteur die ungewöhnlichsten Geschichten auf den Tisch wirft. Der Iran hat ihr Herz wahrlich berührt, und das nicht nur, um einen schmissige Unterzeile für ihren Titel zu erhalten. Alltag und Wahnsinn gehen im Iran genauso Hand in Hand wie anderswo. Doch hier – fernab von permanenter Leuchtreklame der so genannten Global Player, westlicher Sittendekadenz – fällt es eher auf. Auch im Iran ist das Leben normal. Nur eben anders. Doch die Ausschläge nach oben in der Fremdlichkeitsskala sind extremer. Die Freundlichkeit in Gastfreundlichkeit wiegt hier mehr als der Gast.

Vorsicht muss hier immer walten lassen. Doch man gewöhnt sich daran zu allem und jedem seine Meinung laut kundzutun. So wie man es generell im Ausland halten sollte. So was nennt man kulturelle Unterschiede. Nadine Pungs gelingt es mit federleichter Vehemenz ihr Erstaunen in nuancierte Worte zu fassen. Die umwerfenden Paläste sind sichtbare Zeichen einer bemerkenswerten Kultur. Nadine Pungs bringt diese Hinterlassenschaften in Einklang mit den Menschen, deren Vorfahren diese errichtet haben. Darin liegt die Besonderheit dieses Buches.

Lissabon und Costa de Lisboa

Lissabon ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aussteigermetropole am südwestlichen Rand Europas. Auch diese Zeiten sind vorbei. Doch Lissabon hat sich den Charme des Andersseins bewahrt. Ein kleiner Likör um die Ecke ist immer noch drin. Eine Fahrstuhlfahrt von Unterstadt zur Oberstadt ebenso. Macht man automatisch, wenn man in Lissabon ein, zwei Tage oder länger verbringt.

Apropos ein bisschen länger in Lissabon verweilen. Im Gegensatz zu den wuchtigen Hauptstädten Europas wie Paris, London oder Rom ist Portugal Capitole doch recht übersichtlich. Oberflächlich betrachtet tut man sich schwer mehr als eine Woche in der Stadt am Tejo zu verplanen. Wie gesagt, oberflächlich betrachtet. Doch Johannes Beck nimmt sich über fünfhundert Seiten Zeit diese These informativ und detailgenau zu widerlegen. Denn Lissabon ist nicht nur Lissabon, sondern auch der genüssliche Speckgürtel bestehend aus Cascais, Estoril, Sintra, Ericeira, Sesimbra und Setúbal. Noch nie gehört? Dann wird es Zeit diese Orte zu bereisen, zumindest aber in diesem Buch zu blättern, zu planen und vorab schon mal ein wenig zu träumen.

Schnell die Fakten: Zwölf Touren, vierzehn Wanderungen, sechzig Karten und Pläne. Und schon kann man eintauchen in die Welt von Lissabon und der sie umgebenden Costa de Lisboa. Am besten beginnt man am Ende des Buches. Ein kleiner Einführungskurs ins Portugiesische. Denn die Sprache erstmal gewöhnungsbedürftig. Wer ein paar kleine Grundlagen beherrscht, liest das Buch mit ganz anderen Augen. Der Klang der Vokale und Konsonanten wirkt Wunder bei Unentschlossenen.

Ein Vierteljahrhundert Erfahrung und Zuneigung fasst Johannes Beck in diesem Reiseband zusammen. Die achte Auflage wirkt wie eine Frischzellenkur. Jedes Kapitel wurde noch einmal überarbeitet und um nützliche Tipps ergänzt, bzw. wurden diese aktualisiert. Jede Tour wird mit einem Appetizer angekündigt, der das Verlangen nach den folgenden Seiten steigert. So weiß man gleich, was einen erwartet. Die kurzen Abschnitte erlauben dem Leser sich einen Überblick zu verschaffen und mindern nicht im Geringsten die Lust das Gelesene selbst zu erforschen. Auch wenn es mal komplizierter werden sollte. Wer die Halbinsel Setúbal im Süden besuchen will, muss sich erstmal durch den Tarifdschungel der öffentlichen Verkehrsmittel kämpfen. Johannes Beck schlägt schon mal die ersten Schneisen ins Dickicht der weißen und grünen Karten, mal wiederaufladbar, mehrmals aktivierbar oder nicht. Solche Tipps sind die wahren Fundgruben eines Reisebandes wie diesem. Denn dann kann man sich auf das konzentrieren, was wirklich sehenswert ist. Alcochete, ein Paradies, um Vögel zu beobachten. Oder Almada mit der weithin sichtbaren Christusstaute. Oder einem erholsamen Strandtag an der Costa da Caparica, wo ca. dreißig saubere Sandstrände auf Erholungssuchende warten. Oder im Westen Lissabons das kleine Örtchen Caxais (wie das ausgesprochen wird, weiß man ja schon, wenn man das Buch am Ende begonnen hat), das mit zahlreichen hübschen Gärten verzaubern wird.

Man kann das Buch drehen und wenden wie man will, es wird immer ein brauchbarer Tipp herauspurzeln. Kleine Anekdoten oder fundiertes Hintergrundwissen auf gelbem Grund weist den Besucher der Region um Lissabon bald schon als Kenner aus. Die beiliegende Karte der Region inkl. Stadtplan Lissabons sind dann noch die einzigen Erkennungsmerkmale, die den Leser als Besucher kenntlich machen.

Das Zimmermädchen

Lynn ist ein kleiner Putzteufel! In dem Hotel, in dem sie arbeitet, sind sogar die nicht benutzten Zimmer nicht vor ihr sicher. Sie kann sich hier so richtig austoben. Allein sein, nichts tun – das ist für sie der Horror. Sie fürchtet sich auch nur eine Minute nichts tun zu müssen. Denn dann … dann würde was Schreckliches passieren. Sie würde in alte Muster zurückfallen. Und das wäre nicht gut. Das weiß sie auch. Und das nicht nur, weil ihr Therapeut das sagte.

Und so ist sie glücklich endlich im Hotel eine Anstellung gefunden zu haben. Doch Glück, was ist das? Sie kann es nicht fühlen. Nicht einfangen. Nicht bewahren.

Die Tage und Wochen plätschern so dahin. Spiegel putzen, Staub wischen, selbst unter den Betten die Lattenroste vom Staub befreien. Zwanghaft? Sicherlich, doch stellt es keine Belastung für die junge Frau dar. Sie ist allein. Geht in ihrer Abreit auf. Alles geregelt. Jeder Tag hat eine Farbe, ein festes Ritual. Die Schemata zu durchbrechen, kommt ihr nicht in den Sinn.

Doch aus dem Zwang wird Neugier. Immer öfter steigt in ihr die Neugier auf. Sie will, sie muss wissen, wer sich da im Hotel eingenistet hat. Sie schnuppert an den Sachen der Gäste, stellt sich vor, wer in sie hineinschlüpft. Bis … eines Tages, das Pyjama-Oberteil des Gastes noch über der Uniform tragend, der Zimmerschlüssel im Schloss rumgedreht wird. Der Gast kommt unverhofft in sein Zimmer. Doch er wird Lynn nicht entdecken. Gedankenschnell gleitet sie unters Bett. Was ein Kick!

Allmählich wird Lynns Routine immer häufiger unterbrochen. Die Auszeit unter den Betten wird zur liebgewordenen Angewohnheit. Lynn wird zum Familienmitglied der Hotelgäste. Bis eines Tages Chiara in ihr Leben tritt. Ein Gast hat Chiara zu sich gerufen. Chiara ist charmant, aufmerksam, folgsam, herrisch, devot – ganz wie der Gast es von ihr verlangt.

Lynn, ganz im Wahn ihres neuen Lebens, notiert sich Chiaras Nummer von der Karte, die Chiara für den Gast hinterließ. Das ist die Chance auf ein neues Leben. Fernab von wöchentlichen Anrufen bei der Mutter, Therapiegesprächen, freien Tagen. Sie ruft Chiara an, bucht sie. Will sie in ihrer Nähe haben.

Markus Orths gibt Lynn die Freiheit sich ihrer Fesseln zu entledigen. Doch diese Fesseln sind das einzige, was Lynn noch antreibt. Die Zeit unter den Hotelbetten, das Hineinkriechen in das Leben fremder Personen, die Zweisamkeit mit dem Callgirl Chiara sind nichts anderes als weitere Fesseln, die Lynn verharren lassen. Der Name des Hotels, Eden, klingt wie ein Hohn. Lynn ist vom Paradies weit entfernt. Wer auf ein happy end hofft, muss seine Phantasie anstrengen. Auf den ersten Blick ist Lynn eine Gefangene, aber eine Gefangene, die sich selbst die Fesseln anlegt, sie aber lockern kann, wann immer sie will.