Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Richtig hohe Absätze

Sich verbiegen, um den geraden Weg einschlagen zu können. Su Nuam ist fünfzehn Jahre alt. Und sie arbeitet schon. Als Übersetzerin. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Buenos Aires. Ihr Vater, ein Chinese, wird eines Tages von einem wütenden Mob ermordet. Sie und der Rest der Familie flieht. Nach China, zu den Großeltern.

Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Keine nörgelnde Spanischlehrerin, die ihr Vorhaltungen macht, weil sie die Zeitformen nicht einhält – hier ist wichtig zu wissen, dass es im Chinesischen keine Verbformen dafür gibt. Die Freunde sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr greifbar. Der Platz, der so trostlos ihr Refugium war, weicht dem hektischen Treiben in der Fremde.

Da kommt das Jobangebot als Übersetzerin für ein Unternehmen zu arbeiten gerade richtig. Und sie ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass sie auch auf Reisen mitgenommen wird. Und eine führt sie geradewegs in ihre jüngere Vergangenheit zurück. Der Großvater als Begleiter ist ihr dabei die Stütze, die sie braucht, um nicht von ihrem geraden Weg abzukommen.

Federico Jeanmaire gelingt mit „Richtig hohe Absätze“ das Kunststück Gerechtigkeit in seiner reinsten Form in glaubwürdige politische Unkorrektheit überfließen zu lassen. Natürlich ist das junge Mädchen traumatisiert. Sie musste mit ansehen, wie teilweise sogar Freunde, ihrem Vater das Lebenslicht auslöschen. In Argentinien war sie sich nicht sicher, ob sie Chinesin oder Argentinierin ist. Zurück in China fühlt sie sich als Argentinierin mit chinesischen Wurzeln. Je näher sie dem Flughafen Buenos Aires kommt, desto mehr treten ihre chinesischen Wurzeln wieder hervor. In ihrem Kopf summt es, es klirrt, es scheppert.

Die Reise wird für die Unternehmensdelegation zum Erfolg. Der Deal zum Bau einer Gasleitung kann abgeschlossen werden. Auch dank Su Nuams Mithilfe, die gnadenlos jede Äußerung übersetzt. Ein Handgeld soll ihre Extrabelohnung sein. Und was wird sie sich wohl davon kaufen? Richtig: Schuhe. Aber welche mit richtig hohen Absätzen…

Eine Kurzgeschichte, die den Leser einfach nur amüsiert und von der ersten Seite an in ihren Bann zieht? Ja, und vor allem ein ganz großes Nein. Denn der Reiz der Geschichte liegt zwischen den Zeilen. Su Nuam reist nicht einfach nur zurück nach Argentinien. Sie reist zurück mit ihrem Spanischheft. Das birgt für alle außer ihr ein Geheimnis in sich, das den Leser erst nach und nach auffällt…

Riwan oder der Sandweg

Nach Jahren des Exils kehrt eine junge Frau in ihr Dorf in Senegal zurück. Der Serigne regiert hier. Er ist eine Art Ortsvorsteher, Doktor, Alleskönner. Zu ihm kommt man, wenn man gerufen wird oder ein Problem aus der Welt geschafft werden muss. Der Serigne ist geschickt und furchtlos. Er setzt auf die Kraft der Selbstheilung, die er selbst in Gang setzen kann. Ein echter Weiser.

Und der Serigne hat gleich mehrere Frauen. Nicht zwei, drei oder vier … nein mehr als zwei Dutzend. Die junge Frau, die unverkennbar die Züge der Autorin trägt, beobachtet das Treiben in dem abgeschotteten Kosmos ihrer für sie neuentdeckten Heimat. Da ist Rama. Eine sehr junge Frau. Auch sie „gehört“ dem Serigne. Wie alle Frauen verrichtet sie ihre Arbeit und ist zur Stelle, wenn der Serigne ruft. Beziehungsweise sie rufen lässt.

Aber da ist auch Riwan. Er ist die exotischste Figur an diesem exotischen Platz. Ein stummer Zeuge der Gegenwart. Willfähriger Diener, der sich nicht andient, sondern einfach nur da ist. Sein Schicksal ist es hier zu sein. Er genießt weitreichende Privilegien. Er darf dort hin, wo sonst nur der Herr des Hauses, was eigentlich ein Gehöft ist, Zutritt hat. Er richtet nicht, er richtet sich nach Gottes Geheiß. Ein wundersamer Mensch, der so friedvoll sein Leben beschreitet.

Dann ist es eines Tages doch soweit. Auch die namenlose Erzählerin wird vom Sergine erwählt. Sie soll eine weitere Frau im Harem des Meisters sein. Angst hat sie nicht. Sie lebte in Europa, hat viel gesehen, kennt mehr Kulturen als ihr lieb ist. Sie kam zurück, weil die ständige Suche nach Heimat ihre Reserven angriff. Der Serigne weiß um die Weltgewandtheit seiner neuen Frau. Sie stellt aber keine Gefahr für seine Macht dar …

Ken Bugul ist das Pseudonym von Mariétou Biléoma Mbaye und bedeutet „eine, die unerwünscht ist“. So poetisch der Name klingt, so dramatisch die Geschichte dahinter. Sie lebte in Belgien und Benin und war die achtundzwanzigste Frau in einem Harem. Heute ist sie Schriftstellerin und Kunsthändlerin. Die alles erfassende Beobachtungsgabe macht „Riwan oder der Sandweg“ zu einer Schatztruhe voller Einblicke in eine Welt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ihre Heldin verneint nicht die „Vielweiberei“ wie es einst genannt wurde. Das Leben im Harem ist auch nicht primär die einzige Zuflucht aus einem möglichen Leben in Armut und Angst. Es ist essentieller Bestandteil eines Lebens, das man annehmen kann oder man lässt es. Das brachte der Autorin oft und lautstark Kritik ein. Die Frauen des Harems sind weitgehend frei in ihren Entscheidungen. Sie haben immer noch den Sandweg, der sie aus ihrem Alltag herausholt.

Herr Katō spielt Familie

Da kommt man tagein tagaus von der Arbeit zurück ins traute Heim. Einst stand die Frau am Fenster und winkte einem zu. Hier ist man zuhause, hier ist man daheim. Die Jahre verfliegen, Routine stellt sich, das Pflichtbewusstsein lässt einem kaum Raum zur Selbstentfaltung. Und dann der große Schnitt. Nix mehr mit Arbeit, nix mehr mit Winken, nix mehr mit Daheim. Die Frau scheucht einen aus dem Haus. Rente!

Herr Katō kennt das Gefühl. Lange Zeit hat er die ehemaligen Kollegen beneidet. Sie konnten ihre Rente genießen. Jetzt ist er an der Reihe. Doch der Rentneralltag ist trist. Seine Frau tanzt jetzt wieder. Nicht sinnbildlich, sondern in einem Kurs. Und wenn beide zuhause sind, steht er ihr im Weg. Sie schickt ihn raus. Eine Runde drehen, soll er. Was so viel heißt, dreh gleich mehrere … und das ganz langsam.

Bei einer dieser Runden lernt Herr Katō eine junge Frau kennen. Sie ist offen, fast schon ein wenig zu offen. Redet einfach drauf los. Und sieht in ihm einen potentiellen neuen Kollegen. Die Frage „Was schon wieder arbeiten? – Das habe ich doch gerade hinter mich gebracht!“ stellt sich nicht. Denn Herr Katō soll in die Agentur „happy family“ eintreten. Ersatz soll er sein. Ersatz-Bruder, Ersatz-Chef, Ersatz-Opa. Das ist das Geschäftsmodell. Lückenbüßer finden und den Kunden zur Verfügung stellen. Sie brauchen bei einer Feier die ultimative Lobhudelei? „Happy family“ hat den passenden Opa, Chef oder Bruder. Und Herr Katō ist der geborene Ersatz. Ob er nur den stummen Gatten spielen soll, weil der echte eine echte Quasselstrippe ist oder den fürsorglichen, hochgradig erstaunten Opa geben soll – Herr Katō ist die Idealbesetzung.

In seinem eigenen Leben tut sich aber auch etwas. Seine Schwiegertochter ist endlich schwanger geworden. Schon seit einiger Zeit versuchen sie und ihr Mann Nachwuchs zu zeugen. Und auch Herr Katō schafft es endlich einmal Reisevorbereitungen für Paris zu treffen. So viel zu tun und so wenig Zeit…

Milena Michiko Flašar beschreibt in ihrer Geschichte einen Mann, für den Aufgeben nicht in die Tüte kommt. Es läuft nicht alles so wie er es sich vielleicht einmal ausgemalt haben könnte. Doch es läuft. Sofort nach der Rente geht er zum Arzt und stellt mit Erschrecken fest, dass er kerngesund ist. Die Schockwirkung scheint ihn wegen der Überraschung stark zu treffen, umhauen kann sie ihn nicht. Neuer Weg, neues Ziel. Und pflichtbewusst wie eh und je nimmt er den steinigen Weg in Angriff. Die junge Frau, die ihm so schonungslos offen begegnet, ist die Reiseführerin in eine Zukunft, eine Kraftgeberin, die er nie zu treffen gehofft hätte.

Leise Töne von Melancholie geben dieser Geschichte den richtigen Drive. Mit kleinen „Hau-Rückchen“ stubst sie Herrn Katō wieder in die Spur des Lebens zurück. Mit jeder Seite gewinnt Herr Katō sein Lächeln zurück, für das ihm jeder Leser dankbar sein wird.

Schmidt ist tot

Schmidt ist tot! Nicht Schmidtchen, nicht Schmidti, nicht Patrick Schmidt, nein René Schmidt ist tot! Achtung Spoiler-Alarm, er ist es nicht! Patrick Schmidt ist der kleine Bruder von René. Immer im Schatten und permanenten Konkurrenzkampf stehend.

Der Anruf kommt für um Acht. Kurz nach Acht. Aus Wien. Tausend Kilometer entfernt. Ein Herr Müller ist dran, stammelt, entschuldigt sich, fordert. Er fordert, dass Schmidt, Schmidt Patrick, so schnell wie möglich nach Wien kommen möge. Beerdigung, Wohnung auflösen, bei der Klärung des Sachverhaltes helfen. Denn Schmidt, René Schmidt, ist nicht einfach s aus dem Leben geschieden. Selbstmord, so soll es gewesen sein.

Patrick und sein Bruder René standen sich nie besonders nah. Der Eine ordentlich, der Andere Rebell. Einser-Schüler und Nachahmer. Kaum Kontakt seitdem René die Biege gemacht hat. Die Eltern sind beide tot. Drei Schmidts tot, nur noch Patrick übrig.

Kaum in Wien angekommen, verändert Autor Raoul Biltgen die Tonart. Jetzt mitten in einem Agentenkrimi. René soll Terrorist gewesen sein, oder vielmehr Drogendealer. Na was jetzt? Fragt sich Patrick. René kann er ja nicht mehr fragen. Engl, die Freundin, pardon: Ex-Freundin von René ist auch keine große Hilfe. Eher wortkarg. Ein bisschen abwesend, die Gute.

Und immer wieder die Polizei. Leonhardtsberger, Süß, Müller. Mindestens einer von denen spielt falsch. Müller ist nicht mehr bei dem Verein. Konnte die Vertuschung nicht mehr ertragen. Er versucht Schmidt, Patrick Schmidt, Schmidt Patrick, auf die richtige Fährte zu führen. Die führt nach Ungarn. Und Patrick erinnert sich an ein Spiel mit René aus Kindertagen…

Raoul Biltgen lässt die Gedanken von Schmidt, und nun ist es egal, welcher damit gemeint ist, wie die Laserblitze im gedruckten Orbit herumgeistern. Straffe Dialoge, die nicht viel preisgeben, aber dafür umso mehr die Spannung anheizen. Was? Wie? Warum? Werden bei ihm zu Was! Wie! Darum! Ein herrenloses Floß auf einem tosenden Fluss ist dagegen geradlinig unterwegs. Wien als Austragungsort todessehnsüchtiger Skurrilitäten ist wie gemalt für die schwarzhumorige Krimipersiflage „Schmidt ist tot“. Lachkrämpfe inklusive. Raoul Biltgen ist der Meister der Ein(wort-)sätze. Ehe man sich versieht, vertauscht man Fragesteller mit Antwortgeber und beginnt noch einmal von vorn. Und immer wieder entdeckt man neue Aspekte im Spiel von echten Begegnungen und gedachter Erinnerung. Wer sich durch das Netz aus Lügen und Halbwahrheiten durchgekämpft hat, wird mit einer einzigartigen Geschichte belohnt.

Vererbte Lügen

Ich packe meinen Krimikoffer. Ich nehme mit: Eine Psychologin, die jetzt als Lektorin arbeitet. Eine Vergewaltigung, die fast zwei Jahrzehnte her ist. Eine Familie, der Ansehen weit über die Moral geht. Einen erfolgreichen Schriftsteller, der ein dunkles Geheimnis hütet, das aber nie ans Licht kommen wird. Eine Kundin, die unfreiwillig zum Werkzeug einer Rache wird. Eine Freundin, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen will und zwei Polizisten, die ihren Beruf nicht nur als Broterwerb sehen. Ach ja und eine Flucht und eine Rückkehr. Und gleich mehrere Gemetzel, die literarische Vorbilder haben. Und einen Freund aus der zweiten (neuen) Hälfte des Lebens. Und einen Ghostwriter. Achtung, Achtung: Wegen akutem Krimi-Übergewicht ist es strengstens untersagt diesen Krimi auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen!

Aus diesen Zutaten rührt Valeska Réon einen Krimi zusammen, der seinesgleichen sucht. Kapitel für Kapitel spinnt sich ein undurchdringliches Netz aus Intrigen, Machtspielchen und perfider Verbrechen. Alles begann am Ende des vergangenen Jahrtausends. Manu Wagner ist gerade auf dem Weg zu einer Party der jungen Gemeinde. Ihr Herz pocht so laut, dass sie Angst hat, andere könnten es auch hören. Denn Christian wird auch auf der Party sein. Er ist es. Zieht sie an sich heran, ihre Klamotten aus und über sie her. Die Scham ist das Eine. Die Schmach der eigenen Schuld, wie es ihr Vater darstellen wird, liegt tiefer als alles andere. Auch Tante Birgit wurde so aus dem Haus, der Stadt, dem Land gejagt. Nun ist Manu bei Tante Birgit in Schweden und beginnt ein neues Leben.

Achtzehn Jahre später ist sie zurück in Deutschland, in Hamburg. Nah genug an der Heimat, weit genug weg von Familie und den Geschehnissen von damals. Als Lektorin ist Manu erfolgreich. Als ihr der berühmte Schriftsteller Arno von Klanthen als Kunde nahegelegt wird, brechen die Wunden von einst wieder auf. Denn Arno von Klanthen ist kein Geringerer als Christian. Der Christian, der ihr unschuldiges Leben jäh beendete und in eine schwarze Hölle verwandelte.

Nun ist auch Christian verschwunden. Eine Schwedin soll in letzter Zeit öfter bei ihm ein- und ausgegangen sein. Sein Appartement sieht aus wie ein Schlachtfeld. Rita Fuchs und Mats Hollander von der Kripo Bonn finden jede Menge Ansätze, doch keiner scheint sie wirklich weiter zu bringen…

„Vererbte Lügen“ ist ein Krimi, der den Leser von einer kalten Dusche unter die nächste jagt. Und es wird immer kälter. Der Kloß im Hals des Lesers steckt bis zur letzten Seite. Das Blut in den Adern kann vor lauter Adrenalin aber nicht gefrieren. Eine Ahnung, wer hinter allem steckt, hat nur der Leser. Das Dickicht an Verstrickungen zu lösen, ist eine reine Freude. Dreihundert Seiten fiebert man mit, verflucht die, die sich alles kaufen können und leidet mit denen, die schutzlos unter Repressalien leiden müssen.

Eine dieser Nächte

Es gibt Typen, die kann man nur erfinden. Typen, die sich einfach den Tisch setzen und sich permanent und enervierend in jedes Gespräch einmischen. Sie kenne alles und jeden, sind der Nabel der Welt und müssen sich selbiger ununterbrochen mitteilen.

Emma wartet auf dem Flughafen Bangkok auf ihren Flug nach Zürich. Ihr fällt Bill nicht auf. Bill fällt über jeden herein, der sich in Hörweite und darüber hinaus aufhält. Das Smartphone am Ohr festgeklebt, brüllt er unaufhaltsam Unwichtiges in den digitalen Äther. Ein typischer Amerikaner. Sicher ein Sextourist. Emma ertappt sich dabei diesen unappetitlichen Typen sofort zu typisieren, zu stigmatisieren. Genauso geht es anderen Passagieren. Das Vorurteil des Sextouristen haben sie alle sofort im Kopf.

Doch es kommt noch schlimmer: Emma hat einen Fensterplatz ergattert. Der Mittelsitz bleibt frei. Doch dann kommt schon … Bill. Chic wie ein Krabbeltisch beim Discounter, laut wie ein Megaphon, verschwitzt wie triefender Schwamm. Und dieser Schwamm sondert nun seine gesammelten Weisheiten ab. Vom Zuhause in .. wo war das gleich? Kansas? Auch das schwule Pärchen ein paar Reihen weiter kann dem Dampfplauderer nicht entgehen. Und gerät darüber hinaus in Streit.

Das kann ja heiter werden. Endlose Stunden und endloser Weite und stockfinsterer Nacht, die nicht einmal das Sternenlicht als Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Ein Johnnie Walker jagt den nächsten und Bill kann einfach nicht aufhören zu erzählen. Nixon, Vietnamkrieg, Kindheit … ein endloser Schwall an nutzlosem Zeug fließt unaufhörlich aus seinem schwulstigen Mund.

Es ist eine dieser Nächte. Der Urlaub ist vorüber. Unweigerlich steht die Heimreise an. Die Erinnerungen der vergangenen Tage sind noch frisch, im Gegensatz zu einem selbst. Der Alltag hat einen noch nicht wieder eingeholt, doch steht er schon mit schwingender Sense in Sichtweite und verbreitet bereits in leichtem Grau die Zukunft. Da müsste man doch für jede Ablenkung / Abwechslung dankbar sein. Müsste man. Wenn diese Ablenkung nicht gerade Bill heißt und fortwährend die eigenen Stimmbänder und die Gehörgänge der unfreiwilligen Zuhörer malträtieren würde.

Christina Viragh leiht den Stimmen der Boeing 777 ihre Augen, ihre Ohren. Und ist ihr Sprachrohr an die, die erfreulicherweise nicht an Bord sein können bzw. müssen. Bill ist ein echtes Scheusal. Asozial im wahrsten Sinne des Wortes, wobei er sich selbst als das sozialste Wesen unter Gottes Sonne wähnt. Er ist der, der die Unerträglichkeit der Langeweile auf einem Langstreckenflug hinwegzaubern kann. Doch Bill redet nicht wie ein Wasserfall, um zu unterhalten und die Langeweile zu bekämpfen. Er redet, weil er es kann. Doch nicht alle sind damit einverstanden und so werden einige zu Kämpfern. Und nicht jeder Kampf endet gut und bekommt nicht jedem gut…

Schöne Berlinerinnen

Na das ist ja schön, dass Franz Hessel sich die Zeit genommen hat die schönen Berlinerinnen zu beschreiben! Die Damen – seien sie nun prominent wie Marlene Dietrich oder eben nicht – sind selbstbewusste junge Damen, die sich das Prädikat Berlinerinnen nicht nur durch ihren Geburtsort verdient haben.

Ein junger Mann verkuckt sich unversehens in Lisbeth. Sie nennt ihn Rolf II, weil er sie an Rolf I erinnert. Sein Kumpel, der immer an seiner Seite zu stehen scheint, gibt Lisbeth den schmeichelhaften Beinamen Nephertete. Eine eigenwillige Umsetzung der Nofretete, die französische Variante. Die Verbindungen Frankreichs mit der märkischen Erde sind seit Friedrich dem Großen en vogue. Sie genießen die Zeit zusammen. Er führt sie aus. Sie lässt sich gern ausführen. Doch dann muss Rolf II sich entscheiden: Sichere berufliche Zukunft in Hamburg oder Nephertete. Lisbeth/Nephertete ist nicht auf Rolfs Ausführabende angewiesen. So lässt sie ihn ziehen, nicht jedoch ohne die Zeit vor der Abreise in Berlin gebührend zu feiern.

Franz Hessel hatte das unfassbare Glück auch der berühmtesten Berliner Göre begegnen zu dürfen. Sie war schon ein Hollywood-Star als sie für ein reichliches Vierteljahr nach Berlin zurückkehrte: Marlene Dietrich. Sie genoss es von Hessel interviewt zu werden. Und dass es ihm eine nicht minder währende Freude war, liest man sofort aus seinen Zeilen heraus. Mit Respekt und Ab-/Anstand verleiht er dem Star des Blauen Engel die passenden Flügel ohne dabei ins Kitschige abzurutschen.

„Schöne Berlinerinnen“ ist ein wahres Schmökerbuch. Immer wieder wird man sich an den wohl formulierten Passagen erfreuen und lesen wie Sehnsucht ohne schnöde und offensichtliche Passion – heute würde man es politisch korrekt nennen – Frauen und Beobachter den Raum für Selbstverwirklichung einräumt. Ein Handkuss für die Zuneigung ohne Speichelleckerei.

Die Frauenporträts über die Künstlerin Renée Sintenis oder Jack von Reppert-Bismarck sowie der Damen ohne besonderen Wohlklang in den Ohren der Yellow-Press-Zeitungsleser machen Appetit. Appetit Berlin einmal aus einer anderen Sicht zu erobern. Doch Vorsicht: Berlinerinnen sind keine leichte Beute!

Das fremde Gewürz

Spricht man es Englisch aus, sorgt man für Verwirrung, wenn man erzählt, dass man in Georgia war. Sofort fallen einem Baumwollplantagen ein, schneeweiße Herrschaftsanwesen. Doch es gibt ein weiteres Georgia. Georgien. Im Kaukasus. Dort, wo der Wein zum ersten Mal kultiviert wurde. Wo Prometheus an den Felsen gekettet war. Wo fremde Gewürze den Gaumen verwöhnen.

Davon kann Eva Dietrich berichten. Vier Monate verbrachte sie in Tiflis, der Hauptstadt des Landes, das 2018 für Furore sorgen wird, wenn es als Gastland der Frankfurter Buchmesse sein literarisches Füllhorn über den Lesern ergießen wird.

Dieses fremde Gewürz, das dem Leser neugierig machen wird, nennt sich utskho Suneli. Es wird zum allen und reichlich und immer hinzugefügt. Je nach Köchin schmeckt es verschieden. Doch fehlt es, wird man es merken. Es wird aus dem blaublühenden Bockshornklee gewonnen. Nachdem Eva Dietrich auf Märkten und bei Besuchen immer wieder davon hörte, ließ es sie nicht mehr los. Sie musste unbedingt ihrem Forscherdrang nachgeben und die Felder der Umgebung besuchen, so der so besondere Klee wächst, dessen Samen selbst den Georgiern das Attribut fremd wert ist.

Bei einer anderen Gelegenheit traf sie die Nonnen des Klosters von Phoka. Sie sind wahre Feinschmeckerinnen, auch ohne utskho Suneli. In ihrem Kloster, das von außen nach allem aussieht, aber nicht nach einem Ort der Ruhe und Einkehr, verköstigen sie sich und Fremde Käse, Schokoladen und Wein. Die erstgenannten Dinge stellen sich höchstpersönlich her. Marmeladen aus Melone, Zitrone und Estragon lassen den Gaumen schon beim Lesen in Haps-Acht-Stellung gehen.

Dies sind nur zwei Geschichten aus dem körperlich kleinen, doch inhaltlich riesigen Buch der Schweizerin Eva Dietrich. Georgien greift gern nach der Hand aus dem Westen, was zur Folge hat, dass die Eigenständigkeit dem globalen Markt ein wenig das Feld überlassen wird. Streift sie durch Afrika, ist sie keineswegs unter sengender Sonne unterwegs, sondern in einem Ort, der tatsächlich so heißt. Ihre Bewohner haben es längst aufzugeben sich mit unnützlichen Gedanken zu beschäftigen. Das Hier und Jetzt zählt. Für alles andere ist keine Zeit. Es kommt eh anders als man denkt. So trist das Leben auf den ersten Blick erscheint, so reichhaltig ist die Kultur, die immer noch gelebt wird. Die goldenen Zeiten der Seidenproduktion sind vorbei. Doch still und heimlich drückt die Poesie der Georgier durch den chinesischen und europäischen Beton der Neuzeit. Georgien ist es wert erkundet zu werden. Und als Beigabe, nein als Appetithappen, als Triebfeder ist dieses Buch ein unermüdlicher Kämpfer für ein Land, das gar nicht so weit weg ist von dem, was wir tagtäglich um uns herum haben.

Die 92 Büsten der Eva Perón

Hose runter. Die Unterhosen auch. Das erste Kennenlernen von Ernesto Marroné und seinem zukünftigen Chef Fausto Tamerlán verläuft schon etwas seltsam. Besonders als dann noch der Chef seinen neuen Einkaufsleiter mit seinem Finger da näherkommt, wo andere gern mal Luft ablassen.

Und nun hält Ernesto Marroné vielleicht sogar diesen Finger in den Händen. Verpackt in einer Blechschachtel.

Was ist passiert? Zunächst einmal muss man wissen, dass das Vorstellunggespräch erfolgreich verlief – für beide Seiten. Ernesto hat in der aufstrebenden Firma einen Posten, der es ihm eines Tages erlaubt noch weiter aufzusteigen. Marketing, das ist sein Traum. Seit einigen Monaten ist jedoch der monströse Schreibtisch des Chefs allerdings nicht besetzt.

Denn Fausto Tamerlán ist entführt worden. Und zwar von der linksperónistischen Montonero-Bewegung, einer Bewegung, die im Argentinien der 70er Jahre, hier spielt der Roman, die Junta gehörig unter Druck setzte.

Ernesto ist der misslichen Lage die Forderungen der Entführer entgegenzunehmen und die Neueste in die Tat umzusetzen. Denn Tamerláns Entführer wollen neben den üblichen Geldforderungen auch noch, dass in jedem Raum der Firma eine Büste von Eva Perón aufgestellt wird. Schnelles Kopfrechnen: Zweiundneunzig Stück müssen so schnell wie möglich rangeschafft werden. Denn sonst … zimperlich sind die Entführer ja nicht gerade, wie der Finger beweist.

Ernesto gelingt es auch postwendend eine Firma zu finden, die die zweiundneunzig Büsten herzustellen in der Lage ist. Nur haben die Gewerkschaft und die Angestellten gerade beschlossen ein bisschen Revolution zu spielen und den Betrieb zu bestreiken und selbigen einzustellen. Die neue Fabrik mit dem Namen der Patronin Eva Perón kann also erstmal keine Büsten von Eva Perón liefern. Ernesto muss zur nächsten List greifen. Er wird selbst Perónist. Die neuen Genossen müssen ihm einfach helfen… Ob’s was hilft?

Carlos Gamerro lässt Ernesto Marroné wie ein aufgescheuchtes Huhn á la Louis de Funès durch Buenos Aires zweiundneunzig Büsten suchen, auftreiben, nach einem Produzenten suchen. Schwarz-humorig wie ein verkohltes Steak zappeln er und die Leser an der langen Leine des Autors. Bitter-böse Sprüche fliegen wie Lichtblitze umher. Nüchtern wie ein Historiker lässt er Fakten im Strudel der Wandel der Geschichte einfließen. Beide Seiten – die, die die Forderungen stellen und diejenigen, die mit Schweißflecken wie Pizzateller unter den Armen versuchen diese zu erfüllen – haben gehörig einen an der Klatsche. Doch sind sie in ihrem amateurhaften Kampf gegen die Windmühlen nur wie Pusteblumen im Wind. Bei Stille sind sie nicht besonders ansehnlich. Doch wenn Sturm aufzieht, zaubern sie mit ihrem Tanz ein Lächeln ins Gesicht der Unschuldigen.

Nach Chicago und zurück

Diese Reise liegt einhundertfünfundzwanzig Jahre zurück. Und schon damals hing eine Dunstglocke über der Stadt, die einiges Geschick erforderte die Sonne erkennen zu können. Ein Öko-Roman, also. Mit Nichten. Aleko Konstantinow wurde in die Rolle des Reisenden gedrängt. Man wusste, dass er gern schrieb. Man wusste, dass seine Ausführungen detailreich und voller Wortwitz stecken.

Von Sofia nach Chicago war 1893 ein echtes Abenteuer. Aleko Konstantinow bestieg voller Vorfreude den Zug nach Paris. Die Reise dahin – darüber möchte er sich lieber ausschweigen. Kein Vergnügen. Im Gegensatz zu Paris. Und der Reise über den großen Teich an die Großen Seen.

Bulgarien hat gerade die Unabhängigkeit von den Türken erlangt. Das Land liegt brach, und es rappelt sich gerade auf eine eigenständige Nation zu werden, eine nationale Identität herauszubilden. Aleko Konstantinow ist ihr Botschafter als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintrifft.

Die Niagarafälle ziehen ihn sofort in ihren Bann. Das Naturschauspiel – und das liest man so eindeutig heraus wie, dass die USA ihm auch als Vorbild einer Nation für seine Heimat gelten können – wird ihm bis zum (zu nahen) Ende seines Lebens beschäftigen.

Im Zug, deren Größe ihn dermaßen beeindruckt, dass er sich in Zahlenspielereien ergeht, sitzt man als Leser direkt neben dem Autor, der mit Kinderaugen das riesige Land erkundet. In Chicago ist er baff erstaunt, dass hier schon weitere Bulgaren auf ihn zu warten scheinen. So wie Bai Ganju, der Rosenölhändler, dem er ein eigenes Buch widmet. Der Typ ist aber auch zu originell, als dass man ihn „nur mit einem Kapitel“ würdigen könnte.

„Nach Chicago und zurück“ dürfte wohl einer der Gründe sein, warum es in Windy City eine ausgeprägte Bulgaren-Community gibt. Dass es der einzige Grund ist, darf bezweifelt werden. Dass Aleko Konstantinow großen Eindruck hinterließ, zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Portrait den Einhundert-Lewa-Schein des Landes ziert.

Die Reisenotizen, die dieses Buch wortreich mit Inhalt füllen, verleiten zum Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch das, was nicht glänzt, ist wenigstens witzig beschrieben. Wer also, auf ausgefallene Reiseberichte wie etwa die von David Foster Wallace steht, kommt mit „Nach Chicago und zurück“ voll auf seine Kosten.