Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

55x verführt Bamberg

Urlaub planen in der Coronakrise ist wie in der Ladeschleife bei dürftiger Netzleistung zu hängen. Man wartet, dass endlich was passiert. Da freut man sich, wenn es Konstanten gibt, die einem die leidvolle Zeit in angenehmer Art und Weise irgendwie erträglich machen können. Bamberg zählt sicher nicht zu den Gewinnern der Krise – die gibt es nicht wirklich. Aber eine Stadt, die über Jahrhunderte so manche Krise gesehen und überlebt hat, kann so leicht nichts aus den Angeln heben. Schon ein einfacher Spaziergang durch die ehrwürdigen Gassen mit der beeindruckenden Architektur hilft über so manche Einschränkung hinwegzusehen. Doch wie weiter?

Markus Raupach weiß da Rat. Er ist Bamberger, hat hier studiert, arbeitet hier. Und er hat fünfundfünfzig Leggerlis zusammengestellt, die jeden Besucher verführen sollen. Vorab schon mal so viel: Es funktioniert! Denn selbst, wer Bamberg noch nicht kennt, ist schon nach dem einfach Durchblättern zwar kein Kenner der Stadt, jedoch um die Sehnsucht nach Bamberg reicher.

Auf über 240 Seiten breitet sich die Stadt an der Regnitz, die die Stadt zu umarmen scheint – schließlich gibt es hier den rechten und den linken Regnitzarm – vor dem Auge des Lesers, später des Betrachters, Besuchers aus. Wie die Tipps über die Kneipenszene momentan ausgelebt werden können, kann niemand voraussehen. Aber ohne die Tipps würde man das Eine oder Andere garantiert verpassen. Also, auch diese Kapitel sorgsam lesen!

Manchmal gibt das Buch gleich mehrere Tipps auf einmal. Die Altenburg ist seit Jahrhunderten (1109 wurde sie erstmals erwähnt) ein Blickfang und Abenteuerspielplatz für Groß und Klein. Der Blick vom Greifenklau-Biergarten ist wohl der Schönste auf das imposante Bauwerk. In dem hat sich zu Lebzeiten schon E.T.A. Hoffmann mit Graffitis verewigt. Bier, Burg – ein guter Einstieg Bamberg zu erobern.

Apropos Bier. Daran kommt man hier nicht vorbei. Das berühmte Rauchbier gehört zur Stadt wie der Eiffelturm zu Paris. Nur dass es in Bamberg wohl nicht so recht Zweifel gab, ob man es wirklich braucht. Selbst im so genannten Bierkrieg, wurde die Notwendigkeit nicht angezweifelt.

Auf dem Weg durch die Stadt werden einem immer wieder Skulpturen auffallen. Sie gehören zum Bamberger Skulpturenweg. Nicht alle Werke sind noch zu besichtigen, aber die wichtigsten sind im Buch mit Ort und Namen samt Künstler benannt.

Neben den fast schon versteckten Orten, die Bamberg so einzigartig machen, sind es aber vor allem die im strahlenden Sonnenlicht schimmernden Augenschmäuse, die Besucher nach Bamberg locken. Auch hier hat der Autor so manche Anekdote parat, die man sich gern noch einmal erzählt, wenn man rund ums prächtige Rathaus schlendert oder dem Naturkundemuseum einen Besuch abstattet.

Ein rundum gelungener Stadtreiseband, der nicht mehr verspricht als er hält. Ehrliche Recherchen in einer der beeindruckendsten Städte, die mit der Bahn dank ICE-Anbindung so einfach zu erreichen ist. Und dank dieses Buches nun kein Buch mit sieben Siegeln ist.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Sächsische Schweiz

Die Schweizer müssen doch verrückt werden! Überall, wo es Berge gibt, heißt es gleich Schweiz. Die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz sind die berühmtesten. In der Sächsischen Schweiz ist die höchste Erhebung aber gerade mal ein Achtel so hoch wie die höchste Erhebung der Alpenrepublik. Wobei es dort immer wieder Diskussionen gibt, welche denn nun diesen Titel tragen darf.

Dass die Sächsische Schweiz mit der originären Schweiz nur wenig zu tun hat, liegt aber nicht nur daran, dass kein Gipfel im vierstelligen Bereich auszumachen ist, sondern vor allem daran, dass sie wirklich einzigartig ist. Der Elbsandstein gab ihr den eigentlichen Namen, Elbsandsteingebirge. Für Kletterer ein Sinnesrausch erster Klasse. Für „normale“ Besucher ein Erholungsort, der je nach Anfahrtsweg gleich vor der Haustür liegt. Leider schafft es die Region nur bei Hochwassern regelmäßig in die Nachrichten. Wer schon einmal mit dem Zug gen Prag – oder in umgekehrter Richtung – gefahren ist, wird unmissverständlich in den Sog der Begeisterung gezogen, den die Landschaft unbestritten ausübt. Und mit der Festung Königstein gibt es hier einen Ort, der über die Landesgrenzen hinaus die Besucher in Strömen anzieht.

Doch das ist bei Weitem noch lange nicht alles, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Detlef Krell beweist detailreich, dass man hier durchaus mehrere Tage, Wochen, Monate zubringen kann ohne dass ein einziges Mal Langeweile aufkommen könnte.

Von den offensichtlichen Punkten, die man einfach gesehen haben muss, über teils verschlungene Pfade bis hin zu Orten, die man ohne grundlegende Ortskenntnisse und ohne dieses Reisebuch wahrscheinlich niemals entdecken würde, führt er ein in eine Region, die eine große Dichte an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Und um die man sie mancherorten sicherlich beneidet. Wie zum Beispiel die Gemeinde Rosenthal-Bielatal. Der Begriff Ruhefinden scheint eigens für diesen Ort erfunden. Oder die Umgebindehäuser im Weißbachtal. Der rustikale Charme lässt automatisch den Wanderschritt verlangsamen. Wen es nach so viel Erholung und Entschleunigung dann wieder in den Trubel der Stadt zieht, für den hat das Kapitel über die sächsische Landeshauptstadt so manche Überraschung im Reisegepäck.

Man kann die Sächsische Schweiz auch ohne Reisebuch erkunden. Immer der Menschenschlange folgen, sich einreihen und dann Aussichtspunkten warten bis man an der Reihe ist. Wer jedoch ungestört als Erster in der Reihe stehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Die Karten sind übersichtlich, die Tipps ausgeklügelt und sorgfältig ausgewählt.

Ich bin ein japanischer Schriftsteller

Haïti – Montreal – Sarajewo – Japan. Klingt nach einer ereignisreichen Reise. Für den Autor, der in diesem Buch mit den Tücken seines neuesten Werkes zu kämpfen hat – ist es die Reise seines Lebens.

Auf Haïti geboren, wohnt er seit Jahren in der kanadischen Metropole Montreal. Er hat sich in den Kopf gesetzt ein Buch zu schreiben. Nichts Außergewöhnliches für jemanden, der mit Bücher schreiben sein Geld verdient. Seine Stärke ist es sofort einen Titel parat zu haben: „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ – so soll es heißen. Ein bisschen Input wäre da jetzt wünschenswert und ratsam. Er macht sich auf die Suche nach Japan. Japanern. Japanerinnen?! Ein Koreaner (!) ist ihm dabei eine große Hilfe. Er solle ins Sarajewo gehen, ein Café, in dem sich Midori öfter aufhält. Sie ist Künstlerin und gerade auf dem steilen Weg nach oben. Gesagt – getan. Das ist es doch, was er suchte. Auf den Spuren von Bashô zu wandeln, seinem Lieblingsautor aus Japan, der vor Jahrhunderten lebte, ist die eine Sache. Doch ein Buch mit solch einem Titel schreiben zu wollen, erfordert Lebendiges.

Tja, wenn das mal so einfach wäre! Denn die Hofschranzen um Midori sind schwärzer als britischer Humor und die eigene Hautfarbe. Midori strahlt mit der Sonne um die Wette und ihre Gefolgschaft überbietet sich im Intrigieren. Japanische  Erfahrungen – so sehen sie aus, so hat er sich das nicht ausmalen können. Als dann auch noch eine der Damen aus dem Umfeld von Midori eine nicht gerade freiwillige Flugstunde unternimmt – der Autor ist anwesend – wird die Sache langsam brenzlig.

Das noch nicht geschriebene Buch erregt auch die Aufmerksamkeit der Behörden. Der japanischen Behörden. Der japanischen Behörden in Montreal. Sie sind – um es milde auszudrücken – nicht sonderlich erfreut, wenn jemand, der noch nie in Japan war, die Sprache nicht spricht und vor allem schon gar nicht wie ein Japaner aussieht, sich erdreistet ein Buch zu schreiben, das den Titel „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ trägt, zu veröffentlichen. Das Gerücht um das zieht einen gigantischen Tsunami nach sich. In Japan ist es mit einem Mal trendy sich im Stil des Buches zu geben. „Ich bin ein koreanischer Soldat“ ist nur ein Jugendphänomen, das die Gesellschaft im stolzen Inselstaat erschüttert. Und der Autor selbst? Er ist verwundert, dass etwas, was lediglich in der Phantasie existiert, so stark die Gemüter in Wallung bringt.

Dany Laferrière ist ein Meister des Wortes. Gewitzt, naiv, intelligent führt er sich und den Leser am Nasenring durch eine Arena, die durch kein Argument der Welt in ihren Grundfesten erschüttert werden kann. Wie ein hungriger Wolf nach Nahrung treibt er den Leser durch die Irrungen und Wirrungen des momentanen Lebens seines heldenhaften Kollegen. Japan zu kennen ist keine Grundvoraussetzung dieses Buch zu lieben. Man muss lediglich den Kopf offenhalten. Dann ist dieses Buch ein wahrer Schatz.

Die Annonce

Was erfordert mehr Mut? Eine Kontaktanzeige aufzugeben oder sie zu beantworten? Für Paul ist es das Erste, für Annette das Zweite. Er, der Bauer aus den einsamen Höhen der Auvergne. Sie, ein paar Jahre jünger, Aushilfskassiererin aus dem äußersten Norden. Man trifft sich. Zuerst abwartend, anständig Abstand haltend auf halber Strecke. Es passt, es könnte passen.

Beide haben ihren Rucksack zu tragen. Annettes ist voller Erinnerungen, die sie abladen will. Abladen muss. Denn da ist noch Èric, ihr Sohn. Den Vater kann man getrost vergessen. Das Blut, das in beider Adern fließt, ist bei Didier, dem Erzeuger, mit allerhand Alkohol verflüssigt.

Paul hingegen hat seinen emotionalen Rucksack immer vor Augen. Zum Einen seine Schwester, die den Hof in Schuss hält. Zum Anderen sind da noch die beiden Onkel. Die grauen Eminenzen des Anwesens, die sich in ihrer brüderlichen Einsamkeit eingerichtet haben. Das ist nichts für Paul. Einmal in der Woche mit dem Auto fahren, und das als das höchste der Gefühle – neben dem Fernsehprogramm – zu erachten … non! Paul will mehr. Er will eine Frau. Das mit den Kindern bekommen, naja, das wird wohl nichts mehr.

Annette wird Teil der Viererbande auf dem Hof. Willkommenskultur – Fehlanzeige. Jede Veränderung wird erstmal misstrauisch, ja fast schon missmutig begutachtet. Annette und Pauls Schwester und deren Onkel – das ist eine Gleichung, die nie aufgehen wird. Nur Paul ist als Korrektiv, als fester Punkt das Einzige, das Annette hier bleiben lässt. Und außerdem: Was soll sie denn oben im Norden? Da ist nichts, was sie hält. Eher vieles mehr, das sie forttreibt. Und für Èric ist diese verlassene Gegend allemal besser als das gewohnte rohe Umfeld.

Marie-Hélène Lafon lässt mit einem umfangreichen Wortschatz eine zarte Beziehung erblühen, die auf den ersten Blick jedem Gärtner die Tränen in die Augen treibt. Zärtlichkeiten und Liebkosungen weichen gehorsam der Rationalität der ewigen Ruhe in diesem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Wer von „Hier ist die Welt noch in Ordnung“ spricht, kennt den Hof von Paul, seiner Schwester und seinen Onkeln noch nicht. Man arrangiert sich, mit sich und mit dem Leben. Doch idyllisch ist die Gegend nur für Besucher. Es ist harte Arbeit den Hof am Laufen zu halten. Zwist, gar Niedertracht, verdunkeln nur allzu oft die Fröhlichkeit, die dieser Landstrich so gern kundtut. Die Beziehung zwischen Paul und Annette ist kein romantisch verklärtes Happyend-Stück, das die Herzen erwärmt. Ihre Beziehung bewegt durch die Sprachgewalt ihrer geistigen Mutter. Mit Distanz mit gleichzeitigem Tiefschürfen strahlt man über das ganze Gesicht, wenn Paul und Annette sich hier ein neues Leben aufbauen wollen.

Der Felsengarten

Drei Inseln gehören zu den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands, in der Galway Bay. Hier ist das Leben noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Nur ein paar mehr als tausend Menschen leben hier. Fischfang ernährt sie. Der Pub ist gut besucht. Als Doc oder Polizist hat man es schwer, denn Anrufe kommen stets bei Nacht. Und dann muss man raus, egal bei welchem Wetter. Wenn man dann auf eine andere Insel muss, der Sturm ein rauschendes Fest feiert, ist es mit den paradiesischen Zuständen vorbei.

McHugh ist der örtliche Doc. In seinem Haus kurieren sich die Besserverdienenden aus. So auch John Michael Flaherty. Seit einem Unfall ist er da. Was war, weiß er nicht mehr. Oder er will es nicht mehr wissen. Viel Mühe sich zu erinnern gibt er sich allerdings auch nicht. Das lässt McHugh verzweifeln. Flahertys Frau Peig besucht John Michael regelmäßig. Immer wieder das gleiche Spiel, nix Neues. McHugh gibt John Michael fast schon auf. Peig ist sich unschlüssig.

Ihr Hochzeitstag, ein Anlass, der hier auf den Inseln ab dem zehnten Jubiläum kaum noch wahrgenommen wird, ist fester Bestandteil ihres Jahresplans. Selbstverständlich besucht sie John Michael, … und genau so selbstverständlich wird McHugh wieder Fragen stellen. Wie war das damals? Nach dem Unfall? Irgendwelche Erinnerungen? Und Peig weiß nix Neues zu berichten. Genauso wie John Michael, der die Fragestunde viel öfter erleben muss. McHugh … naja der muss nun beiden die Fragen stellen … und auch er bekommt keine Antworten. Nur eine Geschichte von vielen, die in der Abgeschiedenheit der Galway Bay spielt, die in Wirklichkeit am Festland zu den Anziehungspunkten für Touristen schlechthin zählt.

Man spricht gern von Irlands rauhen Küsten. Ein besonderer Menschenschlag wohnt hier. Fortschritt bedeutet hier nicht immer das gleiche wie auf dem Festland. Veränderungen werden erstmal und für eine sehr lange Zeit misstrauisch beäugt. Und hier im scheinbaren Paradies lässt Leo Daly seine Helden die Hölle durchlaufen…

„Der Felsengarten“ ist ein ruhiges Buch, das bereits vor drei Jahrzehnten geschrieben wurde und nun endlich dank der Übersetzung von Chris Inken Soppa auf Deutsch erhältlich ist. Wenn man oft von den so genannten kleinen Büchern spricht, darf man nicht den Fehler begehen, dass dieses Buch wegen seiner äußerlichen Unscheinbarkeit dazugehört. Große Gefühle wechseln sich mit eingehenden Momentaufnahmen der schroffen Landschaft der Aran-Inseln ab.

Irland gehört seit Jahren schon zu den Top Ten der Reiseziele. Die Aran-Inseln sind immer noch ein Geheimtipp, den man, wie man in diesem immer noch aktuellen Buch wunderbar nachlesen kann, in Ehren halten sollte. Denn sonst würden solche Geschichten für immer verschwinden…

Die rote Hand

Eigentlich hatte Arnolt Streich alle Voraussetzungen für ein gutes Leben: Dank der Gnade der späten Geburt den Ersten Weltkrieg verpasst, Kinderstube in den Goldenen Zwanzigern, später Fremdenlegion und nun eine Säule des deutschen Wirtschaftswunders der Fünfzigerjahre. Doch mit den Säulen ist das so eine Sache. Sie tragen die ganze Last und die Aahs und Oohs ernten die, die man trägt. Streich legt nicht viel Wert auf Lob. Schon gar nicht auf Gesellschaft anderer. Bommel, sein Boss, ist cholerisch und wenn er Streich das Gehalt zahlen soll, muss Streich nachverhandeln. Für den dicken Boss, ein Gewinnler des Wirtschaftswunders, bewacht er Garagen, drückt dort die Klinken runter und schaut, dass die Kinder der Nachbarschaft nicht zu viel Unsinn anrichten. Für ihn, den Eigenbrödler genau richtig. Aber unbefriedigend.

Am Stehbüdchen bei Ali, holt er sich immer am Anfang des Monats seine Zigarre. In der Zeitung steht dieses Mal sogar was Interessantes. Ein Waffenschieber wurde ermordet. Georg Pucherts Mercedes sieht nicht mehr so aus wie vor dem Attentat. Und Puchert selbst schon gleich gar nicht. Dass Streich wie nebenbei mittgeteilt wird, dass sich ein paar Typen – keine Polente wird ihm versichert – nach ihm erkundigt haben, lässt Streich sogar vergessen Zigaretten zu kaufen. Einer der Typen könnte Drei-Finger-Diether sein. Streich hatte ihm vor einiger Zeit mal fast den Job streitig gemacht, als er einem freier, der es partout nicht unterlassen wollte ein Mädchen zu schlagen. Streich verpasste ihm zwei Hiebe und schon war Ruhe im Karton. Doch Drei-Finger-Diether sieht es nicht gern, wenn man ihm die Ausführung verleidet… Nur Gilla, das Mädchen, das sich Streich „einmal im Monat gönnt“, sah darin etwas ganz und gar Ehrenhaftes. Vielleicht hat sich aber auch jemand was zusammengesponnen, um Streich einen selbigen zu spielen..

Schön wär’s! Denn auf dem Weg zum Boxclub von Franz Jung wird Streich abgefangen. Er solle heute nicht zu Franz kommen, ließ Franz ausrichten. Ein paar Typen, sehen gefährlich aus, hatten nach Streich gefragt. Auch wenn Streich es will, Eins und Eins macht Zwei. Und er muss Augen und Ohren offenhalten. Im besten Fall könnte es Großmann sein, der er noch Geld vom Pferderennen schuldet. Im schlimmsten Fall … das kann Streich noch nicht abschätzen.

Über kurz oder lang werden die Typen in dem eleganten französischen Wagen bei ihm auf der Matte stehen. Vielleicht kann sich Streich mit ihnen arrangieren? Und etwas über die Rote Hand herausbekommen. Die kämpfen mit allen ihnen „von Oben“ zur Verfügungen gestellten Mitteln gegen die Aufständischen in Algerien, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Dafür brauchen sie Waffen. Puchert war Waffenhändler… Streich dämmert es … zuerst ein wenig, doch dann kommt die Erkenntnis. Zu spät?

Jürgen Heimbach lässt so manchen Strick vom Himmel herab. Wessen Kopf sich in die Schlinge legt, oder ob, man die Stricke als Himmelsleiter zusammenknüpft, lässt geschickt offen. Jede Seite seines preisgekrönten Romans – Friedrich-Glauser-Preis 2020 – ist ein Puzzleteil, das dem Leser immer wieder neue Perspektiven öffnet. Spannend bis zum letzten Buchstaben!

Die Kunst den Mund zu halten

Unterteilt man die Menschen in die, die reden – ob nun aus Wissen oder Geschwätzigkeit heraus – und die, die schweigen – ob nun aus Unwissenheit oder Vorsicht – so hat es Joseph A. Dinouart geschafft, ein Buch für die gesamte Menschheit zu schreiben. Schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und Reden ist Silber. Beides Edelmetalle, beide sind wertvoll. Wie so oft im Leben, ist die Mischung von entscheidender Bedeutung.

„Die Kunst den Mund zu halten“ stammt aus der Zeit als die Aufklärung für sich in Anspruch nahm, die Welt erklären zu können und sie verändern zu können. Ein Alleinvertretungsanspruch sozusagen. Ein Kampf der Eloquenz gegen das Bauchgefühl. Mehr als zweihundert Jahre sind seit der Erstveröffentlichung nun vergangen und noch immer kann man sich den einen oder anderen Ratschlag zu Herzen nehmen. Doch Vorsicht: Nur, weil man den Mund hält, heißt das noch lange nicht, dass man auf die Siegerstraße eingebogen ist, an deren Ende der Lorbeerkranz wartet.

Man stelle sich vor Einstein hätte geschwiegen. Oder Aristoteles. Dann hätte auch Dinouart schweigen müssen. Es ist eine verzwickte Situation. Schweigen, um dem Anderen die Argumente zu nehmen. Und Reden, um den Schweigenden selbiges anzutun. Was war zuerst da? Das Wort oder das Schweigen?

Wer nun denkt die Schrift Dinouarts mit einem Handstreich ad absurdum führen zu können, irrt. Auch Dinouart weiß, dass Schweigen nicht das Allheilmittel gegen Ignoranz und für Frieden und Wohlbefinden ist. Es ist die Mischung – wie so oft im Leben – die eine Theorie handhabbar macht. Zum Einen muss man wissen, ob der Gegenüber auf gleichen Niveau agiert wie man selbst. Dann erübrigen sich überflüssige Worte von ganz allein. Hat man das Gefühl seinen Ausführungen ein größeres Maß an Erläuterungen beizumischen, ist das nicht nur legitim, sondern essentiell wichtig.

Band Vierzehn der Schlaflosreihe ist sicher keine reine Bettlektüre, die einem einen ruhigen Schlaf beschert. Je nach Ausgangslage kann man darüber amüsieren oder bis ins Mark darüber ärgern. Was man nicht machen sollte, ist Buch und Autor komplett zu verteufeln. Oder gar zu behaupten, dass zweihundertfünfzig Jahre ausreichend seien, um solch eine Schrift heutzutage nur noch als nostalgisches Geschreibe zu bezeichnen. So sorgfältig wie man seine Worte wählen sollte, so sorgfältig sollte man auch denjenigen aussuchen, den man dieses Buch zum Geschenk macht. Denn der Titel allein könnte – nein er wird! – für Verwirrung sorgen.

Der Dreispitz

Irgendwo im beschaulichen Teil Andalusiens. Nicht weit von Jerez. Da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da lebt der Müller Onkel Lucas. Alle mögen ihn. Die Sympathie in Person. An seiner Seite: Señora Frasquita. Der Liebreiz in Person. Ihr steigen viele nach, noch mehr wollen es. Doch sie hat nur Augen für ihren Müller. Der Altersunterschied, die offensichtliche Kluft in ihrer beider Aussehen, hindern sie nicht ein Leben zu führen, das ganz allgemein mit Glück bezeichnet werden kann. Im Hof ihrer Mühle setzt man sich gern im Schatten zur Ruhe und lässt den Herrn über sich wachen.

Ein neuer Bürgermeister wird schon bald die Idylle des Ortes zerklüften. Don Eugenio Zuñiga y Pence de León – allein schon der Name lässt so manchen „Untergebenen“ erschaudern – hat mehr als nur ein Auge auf die hübsche Frasquita geworfen. Doch ihr imponieren weder das pfauenhafte Getue des Oberen noch seine sorgsam ausgewählte Kleidung noch sein Werben. Vielmehr bereitet es ihr einen gewissen Spaß den Beamten zu foppen, während ihr Gatte im Blätterwerk der Weinreben die Szenerie beobachtet.

Ein weiterer Spieler in dieser auf einer historischen Legende beruhenden Geschichte in Garduña, der Dorfpolizist. Einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Ein Günstling, der schon drei Bürgermeister erlebt hat und schon deswegen für sich in Anspruch nimmt Recht und Gesetz mehr als nur zu verkörpern.

Durch eine List wird der Onkel Lucas, der Müller des Nachts aus seinen Gemächern, vom Hof, aus dem Ort gelockt. Bahn frei für den Frontalangriff auf das Objekt der Begierde: Señora Frasquita! Doch der Angriff schlägt fehl. Anfänglich wiegt man sich in Sicherheit, doch im Nachgang wird alles, was hier einmal zur festen Grundordnung gehörte, über den Jordan geschickt. Getreu dem Motto: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Und das gilt für alle Beteiligten!

Pedro Antonio de Alarcón schreibt als Erster dieses kleine Verwirrspiel auf. Die Idee ist nicht seinen Hirnwindungen entsprungen. Über eine lange Zeit hinweg wurde diese Geschichte mündlich weitergegeben. Doch alle Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden wie die Moral der handelnden Personen. Ihm verdanken wir also diese zauberhafte Geschichte, die dem Leser den Schlafsand aus den Augen treibt. Bevor die letzte Seite nicht gelesen ist, kann man eh nicht einschlafen. So viel ist garantiert. Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, kann beruhigt sein. Es ist kein böser Geist, der einem da die Gedanken durcheinander zu wirbeln scheint. Manuel de Falla hat die Geschichte in einem Ballett verarbeitet, das vor über einhundert Jahren mit dem berühmten Balletts Russes Premiere feierte. Die Bühnenausstattung inkl. der Kostüme entwarf niemand Geringeres als Pablo Picasso.

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…