Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Memed II – Die Disteln brennen

Memed II - Die Disteln brennen

Yaşar Kemal durchstreifte während seiner journalistischen Karriere die Weiten seiner Heimat mit offenen Augen und Ohren. Was er da zu sehen und zu hören bekam, wurde im „Memed-Zyklus“ zum Volksgut. In einer Türkei, die die meisten als All-inclusive-Paradies verehren, einer Türkei, die für Andere aus der pulsierenden Metropole Istanbul besteht. Yaşar Kemals Memedi ist der störrische Rebell, der der Landbevölkerung zu neuer Hoffnung verhilft.

Ali Safa Bey gerät in Erregung, wenn er seinen Fuß in „seine“ Avaranza-Ebene stampft. Das ist sein Land. Nur er sieht den Reichtum darin. En bisschen wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als er hier schalten und walten konnte wie er wollte. Ein paar Lira hier, eine Kuh da – und schon war das Land in seinem Besitz, die Bauern umgesiedelt. Und er war wieder um ein paar Morgen Land reicher. Reich sein, welch schönes Privileg.

In dieser Gegend wächst nicht viel. Der Stechdorn bedeckt das Land und überzieht es mit seinem undurchdringlichen Dickicht aus messerscharfen, eisenharten Stacheln, in dem Hasen und Dachse Unterschlupf finden. Wer sich darin verfängt, zahlt seinen Blutzoll.

Mitten in der Nacht taucht ein Fremder auf. Hoch zu Ross, ermattet von der letzten Schlacht. Soldaten hatten ihn umzingelt. Wollten ihm den Garaus machen. Mit letzter Kraft konnte er im Schutz der Dunkelheit seinen Häschern entwischen. Nun will er nach Vayvay – er kennt das Dorf, will zu Osman dem Mächtigen. Zaghaft klopft er an dessen Tür. Nach und nach lüftet sich das Geheimnis des Fremden. Osman er kennt ihn: Ince Memed, der Falke. Der mutige Kämpfer, der Ali Safa Bey die Stirn bot. Und ihm sie wieder bieten wird. Doch die Stirn bieten bedeutet Kampf. Und Kampf bedeutet Verlust. Verlust der Ruhe vor Ali Safa Bey, Verlust von Freunden. Und dieser Kampf kann nicht allein geführt werden.

Yaşar Kemal lässt im zweiten Teil seinen Helden und Rebellen Memed noch einmal auferstehen. Er ist Heilsbringer und Gefahr zugleich. Eine Gefahr für Vayvays Bewohner und Ali Safa Bey. Heilsbringer nur bedingt für die Dorfbewohner.

Worte wie Flügelschläge von Engeln schweben über die Seiten und verzaubern den Leser, entführen ihn in eine andere Welt. Es ist fast wie im Märchen. Doch wird das Gute diesmal siegen?

Südtirol

Südtirol

Südtirol – das lässt die Augen bei allen Urlaubern glänzen. Auf einmal sich steil aufrichtende Bergketten, glasklare Bergseen, exzellente Wanderwege, hübsch hergerichtete Dörfer und eine Bergluft, die chemische Zusatzstoffe vergessen lässt. Einmal tief einatmen und schon ist man im Urlaub.

Die drei Bs, die Besuchern Südtirols wechselnde Gefühle bescheren: Bozen und Brixen als wunderschöne Orte, die so perfekt scheinen, dass man meint im Paradies zu sein. Und als drittes B der Brenner, der bei Autofahrern so gefürchtete Pass – wer hier einmal im Stau stand (und wer tat das noch nicht?) verflucht das Land zwischen Olympianostalgie in Cortina d’Ampezzo und Zillertal.

Dietrich Höllhuber und Florian Fritz ziehen es vor die schönen Seiten zu erhellen. Denn es gibt noch so einiges zu entdecken, was für viel noch im Dunkeln liegt. Auch wenn die Dolomiten weithin sichtbar und ein einmaliges Kennzeichen Südtirols sind, so weiß doch kaum einer woher sie ihren Namen haben. Kein Witz, sie stammen von einem Forscher, der Deodat de Dolomieu hieß. Der erforschte Ende des 18. Jahrhunderts das Gebirge und wies nach, dass es hier früher mal ein Meer gab. Badeurlaub in den Bergen, sozusagen. Das geht auch heute noch. Man kann aber auch einfach mal „nur die Füße in die Waale halten“. Waale? Das sind im Vinschgau die natürlich erscheinenden Bewässerungssysteme der Gegend. Und wieder was gelernt!

Die beiden Autoren durchkämmen eine Landschaft, die eine halbe Million Tiroler ihre Heimat nennen. Ein halbe Million glückliche Menschen, denn schon beim einfachen Durchblättern des Buches kommt es zum unkontrollierten Endorphinausstoß. Die für die Bücher des Michael-Müller-Verlages typischen gelb unterlegten Infokästen sind in diesem Buch nicht nur Zusatzinfos, sie stehen gleichberechtigt (in der Anzahl) mit den eindrucksvollen Bildern und den informativen Texten. So erfährt man, dass in Südtirol die erste Schreibmaschine erfunden wurde. Leider ohne lohnenden Erfolg für den Erfinder.

Leckermäuler sind in Südtirol bestens aufgehoben. Die gesunde Bergluft macht hungrig, und vor allem durstig. Köstlicher Wein in allen Schattierungen bis hin zu erlesenen Gerichten aus Topf und Pfanne bringen die Gastwirte auf den Tisch. Das war sicher der schönste Part bei den Recherchen zu diesem Buch. Dem Leser wird der Reisespaß ab der ersten Seite vermittelt. In Zahlen bedeutet das fünfundvierzig Wanderungen und Touren auf über sechshundert Seiten. Das reicht allemal, um Südtirol eingehend unter die Lupe zu nehmen.

Harz

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Für alle in Mitteleuropa, denen die Alpen zu weit weg sind, für alle, denen es zu mühselig ist auf über zwei- oder gar dreitausend Meter zu kraxeln, für alle, die die Berge lieben, idyllische Ortschaften einen Augenschmaus bereiten … für all diejenigen, die eine deutsche Landschaft ohne Deutschtümelei erleben wollen, ist der Harz das ideale Reiseziel. Auf eintausendeinhundertzweiundvierzig Metern weit ins Land zu schauen, dem Wind zu trotzen, bergauf-bergab durch ein Gebirge sich zu schlängeln, ehrliche Hausmannskost in gemütlicher Runde zu genießen – dafür scheint der Harz gemacht.

Barbara Reiter und Michael Wistuba sind der gleichen Meinung und umkreisen den Harz von den Niederungen bis hinauf auf den Brocken. Von der alten Kaiserpfalz Goslar über den Oberharz bis ins Mansfelder Land. Fünfeinhalb tausend Quadratkilometer gilt es zu erkunden.

Auf einhundertzweiundzwanzig Metern befindet sich Quedlinburg, die größte Stadt Deutschlands mit dem „Q“ am Beginn des Namens. Wer meint, dass das das Einzige ist, weswegen man nach Quedlinburg kommen sollte, irrt sich gewaltig. Weltkulturerbestätte ist nur einer der wenigen Beinamen der pittoresken Stadt. Die liebevoll restaurierten Fachwerkhäuser sind eine bildgewaltige Einladung zu einem Spaziergang, der nur durch eine stärkende Rast in den zahlreichen Restaurants und Cafés unterbrochen wird.

Auch beim Oberharzer Bergbauernmarkt in der Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld, der von Mai bis Oktober immer donnerstags stattfindet, werden Traditionen noch großgeschrieben. Hier kann man auch in die Geschichte des Bergbaus eintauchen. Schon Heinrich Heine machte auf seiner Deutschlandreise hier Station.

Der Harz ist ein gesamtdeutsches Gebirge. Bis vor einem Vierteljahrhundert war hier für einen ziemlich schnell Schluss mit Wanderlust und Weitblick. Für die Anderen gab es einen Einblick in eine Welt, die sich heute nicht mehr mit damals vergleichen lässt. Hier wurde die Wiedervereinigung so schnell wie nur an wenigen Orten Wirklichkeit. Nur noch vereinzelt erinnern Grenzsteine an das einst geteilte Gebirge.

Auf neunzehn Touren begleiten die beiden Autoren den Leser und Besucher sicher durch den mystischen Harz. Wer ihn einmal besucht, bleibt kleben. Ob als gelegentliche Pilzsammler, geschichtsinteressierter Gast, als Wandervogel, als Tagestourist, der einmal im Leben auf den Brocken will, oder als Dauergast, der einfach nicht genug bekommen kann von ursprünglicher Natur und als Sonnenwendbegeisterter – der Harz bietet jedem etwas. Und damit auch wirklich kein Ereignis, kein Naturschauspiel, keine Einkehroption, keine versteckten Pfade unentdeckt bleiben, empfiehlt es sich dieses Buch immer dabei zu haben.

 

Korfu

Korfu

Korfu taucht immer nur in den Köpfen von Touristen auf, wenn es die neuen Kataloge im Reisebüro um die Ecke gibt. Ansonsten fristet das Eiland, das zu den Ionischen Inseln gehört, ein Mauerblümchendasein. Zu Unrecht! Wenn man es positiv sehen will, ist es hier stellenweise noch urtypisch, unberührt, unbekannt. Wer weiß schon, dass hier His Royal Highness The Prince Philip, Duke of Edinburgh, Earl of Merioneth and Baron Greenwich, Royal Knight of the Most Noble Order of the Garter, Extra Knight of the Most Ancient and Most Noble Order of the Thistle, Member of the Order of Merit, Grand Master and First and Principal Knight of the Most Excellent Order of the British Empire, Knight of the Order of Australia, Companion of the Queen’s Service Order, Lord of Her Majesty’s Most Honourable Privy Council, Member of Her Majesty’s Privy Council for Canada oder einfach nur Prinz Philip geboren wurde. Besucher befinden sich also auf royalem Grund. Und Hans-Peter Siebenhaar bringt hierfür den 276 Seiten starken Beweis.

Korfu hat viel zu bieten. Wenn man so über das Eiland schlendert, ein Ingwerbier genießt (gibt es mit und ohne Alkohol), was es auf Korfu noch gibt, sieht man es an allen Ecken und Enden. Der Schriftsteller Ferdinand Gregorovius spricht von einem hinreißenden Schauspiel der Natur. Wer es hautnah erleben, die Insel schmecken will, der sollte den Markt in Korfu-Stadt besuchen, weiß Hans-Peter Siebenhaar zu berichten.

Der Norden ist die Region, die touristisch am meisten erschlossen ist. Hier wurden die meisten Hotels gebaut, was bedeutet, dass auch die Strände maximal ausgenutzt wurden. Wer nun meint, dass hier nur Massenabfertigung herrscht, irrt. Das auch von den Einheimischen als eines der besten bezeichnete Restaurant „Etrusco“ in Káto Korakiána verwöhnt vorzüglich die lechzenden Gaumen.

Das ist nur einer der vielen Tipps, die der Reisebuchautor parat hält. Immer, wenn er etwas entdeckt hat, was ihm besonders erwähnenswert scheint, packte er in im Buch die gelb hervorgehobenen Kästen. Echte Wegweiser und Geschichtenerzähler sind diese kurzen Texte.

Die Insel kann man touristisch in drei Teile gliedern: Korfu-Stadt, den Norden und den Süden. Jedem Teil widmet sich der Autor mit der gleichen Hingabe und macht so jeden Tag zu einem besonderen Erlebnis. Der vierte Teil führt Besucher in die Umgebung, Albanien oder auf die Inseln Paxos und Antipaxos. Insgesamt gilt es fünfzehn Wanderungen und Touren zu erleben. Die Karten und Pläne erleichtern das Zurechtfinden, als Einstieg gibt es einen kleinen Exkurs in die Geschichte Korfus. Für Sportenthusiasten ist die Insel wie geschaffen: Wanderungen per pedes oder per Rad bieten wegen der Berge nicht nur anspruchsvolle Betätigung, sondern auch einzigartige Aussichten. Und wer es – damit sind wir wieder beim britischen Königshaus – lieber geruhsamer angehen lassen möchte, das Kricketspiel ist auf Korfu immer noch sehr verbreitet.

Niederlande

Niederlande

Nein, die Niederlande gehören nicht zur k.u.k.-Monarchie! Auch wenn Kiffen und Koekjes für viele immer noch zum gelungenen Holland-Trip dazugehören. Dirk Sievers zeigt wie man die Niederlande richtig bereist und wie man am besten alles erlebt. Dazu benötigt man eine gewisse Zeit Urlaub, eine große Portion Neugier und dieses Buch!

Zwischen Holland und Deutschland gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber mindestens genauso viel Unterschiede. Von Vorurteilen wird nicht die Rede sein. Die Niederlande können sich rühmen für Strandurlauber, Naturliebhaber und auch für Städtetouristen das richtige Angebot zu haben. Deswegen ist es auch auf den ersten Blick verwunderlich wie man ein solch großes Angebot in ein Buch packen kann. Dass es bereits die neunte Auflage ist, heißt nichts anderes als dass das funktioniert. Schon allein über die Provinz Zuid-Holland könnte man ein eigenes Buch schreiben. Die Region liegt Südwesten. Ganz der Süden ist es nicht, der wird von Limburg, Noord-Brabant und Zeeland beansprucht. Herrlich verwirrend: Noord-Brabant liegt südlicher als Zuid-Holland. So viel zu den Unterschieden… Die berühmteste Stadt in Zuid-Holland ist sicherlich Den Haag. Neben dem Regierungssitz, erstaunen den Besucher hier die Paläste (unter anderem residiert hier die königliche Familie) und Promenaden. Wer die Kunst der alten Meister sucht, wird in ‘s-Gravenhage, wie die Stadt auch genannt wird, reich belohnt. Für ganz Eifrige gibt es einen Museumspass. Zur Stärkung findet man sich am Haringkam Buitenhof ein, einem Kiosk, der laut Dirk Sievers die besten Makrelenbrötchen und Kibbelinge der Stadt hat. Anscheinend haben die Möwen auch diesen Abschnitt des Buches gelesen und versammeln sich zahlreich und lautstark an diesem Ort.

Wer die Niederlande besucht, sucht auch Windmühlen. Die UNESCO hielt die Windmühlen am Kinderdijk für schützenswert, weshalb zwei davon heute noch in einem exzellenten Zustand zu besichtigen sind. Es empfiehlt sich außerdem eine Bootstour über die Kanäle.

Wer meint, dass man die gesamten Niederlande inklusive der Metropole Amsterdam nicht in einem Buch gebührend darstellen kann, irrt sich gewaltig. Die kurzen Texte sind mehr als ausreichend, um einen oder mehrere Urlaube kenntnis- und erlebnisreich zu gestalten. Die eingangs erwähnten farbigen Kästen sind das Salz in der Suppe. Zahllose Hinweise zu Unterkünften, Restaurants und Orten, die man auf gar keinen Fall verpassen sollte, sind klar gegliedert und erleichtern Einsteigern wie NL-Profis die Handhabung.

Lume Lume

Lume Lume

Ein Ohrwurm geht dem Erzähler nicht mehr aus dem Kopf. Es beschäftigt ihn so sehr, dass er unbedingt wissen muss, was die Zeilen bedeuten. Und so macht er sich auf die Suche nach der Bedeutung des Liedes. Er streift durch das multikulturelle Palermo. Woher stammt es? Vom Balkan? Aus Rumänien?

Unterwegs trifft er Rumänen – die kennen das Lied aber nicht. Zu jung. Die, die im richtigen Alter sind, und Rumänen zu sein scheinen, sind keine Rumänen. Die Suche nach dem Sinn des Liedes wird zur Suche nach der Identität der Stadt.

Der Erzähler trifft auf Moslems, Christen. Die buddhistische Floskel vom Weg, der das Ziel ist, wird unweigerlich sein Leitfaden. Er begegnet jungen Mädchen, die mit Stolz die Burka tragen. Jetzt sind sie erwachsen. In die Schule stolzieren sie allerdings in Jeans. Ihr Vater will nur, dass sie glücklich sind. Egal in welcher Kleidung.

Lume bedeutet Leute oder Welt. Die Doppelung des Wortes verleitet zum Spielen: Welt-Welt, Leute-Leute, Leute der Welt etc. Doch was es nun genau bedeutet, kann ihm immer noch keiner sagen.

Dem Erzähler gefällt das Lied so sehr, dass er es als Sinnbild Palermos ansieht. Hier trifft sich die Welt. Ob es nun Europa ist oder nicht – eine köstliche Erklärung warum Palermo nicht Europa ist: Lesen! – das Lied wird zum Sehnsuchtsziel einer spannenden Reise in die Herzen der Palermitani.

Nino Vetri ist auch Musiker. Der Erzähler ist er selbst. Eine Melodie, ein Lied, das einem nicht aus dem Sinn geht, das kennen viele. Dass man bei der Suche nach dem Text die eigene Umgebung unter die Lupe nimmt, so was gelingt nur Nino Vetri. Den Text zu finden, ist ein Leichtes, den Sinn zu erfassen wird schon schwieriger. Für Nino Vetri ist die Suche nach dem Text von Lume Lume nur der Anfang. Er findet Freunde, die ihm ihre Sicht auf die Welt näherbringen. Und Palermo ist die Sonne, um die sich alles dreht…

Die letzten Stunden meiner Brille

Die letzten Stunden meiner Brille

Nino Vetris erster Roman entführt den Leser ins Palermo der Geschichten. Sein Vater verliert nach und nach sein Gedächtnis. Auf dem Weg zum Doktor fallen ihm immer wieder Geschichten aus der Kindheit ein.

Damals wollte er eine Punkband gründen. Der Unbegabteste sollte Schlagzeug spielen. Wie universell doch Punk sein kann. Der Großvater hat noch ein Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Das fasziniert die Jugendlichen ebenso wie die neugewonnene Anerkennung als Band. Die einzelnen Geschichten nachzuerzählen fällt schwer, weil jedes Schicksal mit dem anderen verwoben ist. Zeitsprünge werden nicht angekündigt.

Der Leser wird trotzdem nicht überfordert. Im Gegenteil: Er wird gefühlvoll durch das Labyrinth der Geschichten geführt. Zwischen Bombenhagel und Gitarrengeschrammel findet er sich mitten in Palermo wieder. Einer Stadt, in der die Bewohner stets von Sehnsucht getrieben sind. Die Geschichte bietet ihnen die Basis für ihr eigenes Leben, das sie nun selbst gestalten müssen, dürfen, können.

Als Beiwerk gibt es eine CD mit Musik von „La Banda di Palermo“, der Band von Nino Vetri. Eine Art Ethno-Folk. Lässt man sie während des Lesens nebenbei laufen, tauchen die Bauten der Stadt vor einem auf. Der Straßenlärm versinkt im Klang der Instrumente.

Andrea Camilleri war begeistert von diesem Buch: „Ironisch, elegant und direkt“, nannte er das Erstlingswerk von Nino Vetri. „Die letzten Stunden meiner Brille“ ist ein Kurzroman, den man mehrmals liest. Und bei jedem Mal erschließt sich eine andere Welt. Kriegserinnerungen, Jugendsünden, Schicksale. Immer wieder wird der Leser in eine neue, faszinierende Welt geführt. Siziliens Dichter waren seit jeher von ihrem Land angetan. Nino Vetri führt diese schöne Tradition fort und den Leser durch seine Heimat.

Marrakesch

Marrakesch

Bei einer Aufzählung der Städte mit dem größten Sehnsuchtsfaktor gehört Marokkos Perle des Südens immer in die Top Ten. Verschlungene Pfade durch mystisch wirkende Gassen. Der Duft des Orients. Das Marktgemurmel. Hier wird der Orient in all seinen Klischees erlebbar.

Klar, dass es über Marrakesch eine Menge Bücher gibt: Reisebände, Kochbücher, Reiseberichte, Gartenbücher, etc. Für jede Rubrik eines. Es fehlt halt ein Buch, das den gesamten Mikrokosmos Marrakesch in einem Buch zusammenfasst. Eines mit grandiosen Stadtansichten, Szenen aus dem Alltag, gewürzt mit Zeilen aus den Augen eines Fremden und von Einheimischen. Das ist mit diesem Edelband eindrucksvoll gelungen.

Das Cover nimmt es vorweg: Tiefe Einblicke in eine immer noch sagenumwobene Stadt. Der Umriss der Stadt durchbricht den in glänzend rot golden gehaltenen Einband. Das Sezierbesteck sind das Auge und die Kamera Bernd Rückers, der sich ganz von seinen Emotionen durch die Stadt treiben ließ. Hochglanz-Fotos, die die Vorbereitung und die exzellente Umsetzung erahnen lassen, treten in einem abwechslungsreichen Wettstreit mit Alltagssituationen. Jede Seite optischer Hochgenuss, der seinesgleichen sucht.

Ein echtes Schwergewicht unter den Metropolen-Nobel-Bildbänden. Wenn man es aufstellt und darin blättert, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Doch nicht nur die Bilder sind es, die dieses Buch aus der Masse der Bildbände herausragen lassen. Atmosphärische Texte lassen das wahre Leben Marrakeschs hervortreten. Die Erzählerin spricht mit Anmut von ihrer Stadt. Eine Stadt, die man nicht mehr vergessen wird, hat man sie einmal betreten.

Liegt das Buch erst einmal auf dem Schoß – als Strandbuch ist es denkbar ungeeignet, da die Maße es wohl nur Bodybuildern erlauben es in Taschenbuch-Manier zu lesen – ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Kofferpacken. Prachtvoll gestaltete Decken, reich verzierte Türen und Tore, ungeahnte Farbenvielfalt in den Souks, schimmerndes Kunsthandwerk, verheißungsvoll Panoramen, ja selbst dem Verkehrschaos kann die Kamera noch etwas Nostalgisches abringen.

Opulenz ist hier kein Luxus, es ist Standard. In der gleichen Art sind in der CITY IMPRESSIONS Reihe des vagabond books Verlags weiterhin Bände über Istanbul, Venedig, Barcelona, Paris, Rom und Lissabon erschienen. Jeder Bildband ist zweifach erhältlich, einmal in einer deutsch-englischen Ausgabe sowie in einer französisch-spanischen Version. Und das alles zu einem Preis, der sich – genau wie die vorgestellten Städte – sehen lassen kann. Aber der ersten Seite wird dem Leser klar, dass er hier ein exquisites Buch in den Händen hält. Und mit jeder Seite bestätigt sich dieser Eindruck.

Der Bodensee

Der Bodensee - 101 Orte

Einmal an den Bodensee, rundherumlaufen und einmal wieder zurück. So könnte man die 101 aus dem Titel erklären. Das rundherum als Null. Weil die rund ist, nicht, weil es sich nicht lohnt. Dass es sich lohnt, weiß der Autor Patrick Brauns nicht nur weil er dort wohnt.

Auch wenn man es nicht erwähnen muss: Die Insel Mainau vereint alle Bücher dieses Stiles. Es ist aber auch ein Prachtstück! Warum? Steht alles auf Seite 24. Patrick Brauns‘ Einzugsgebiet beschränkt sich allerdings nicht nur auf die direkt am Ufer gelegenen Orte zum Verweilen und Entdecken. Um die gesamte Region und den Reiz des Bodensees zu erfassen, empfehlen sich Ausflüge ins Hinterland.

Der Hegaublick ist beispielsweise rund zwanzig Kilometer Luftlinie in westlicher Richtung vom Ufer entfernt. Doch der Weg lohnt sich. Auf der Terrasse des dortigen Restaurants genießt man nicht nur mit dem Gaumen, sondern in erster Linie mit den Augen. Ganz in der Nähe kann man den Gipfel eines Feuerspuckers erklimmen oder im Eiszeitpark tief in die Geschichte eintauchen.

Im Süden kommt man der Gegenwart ein bisschen näher, wenn man mit einer Fähre die Sitter bei Bischofszell in der Schweiz überquert. Wie einst die Pilger. Ein erholsamer Fußmarsch führt den Wanderer zu einer alten Brücke, die im vergangenen halben Jahrtausend jedem Angriff trotzte. Ein wenig krumm, was der Attraktivität keinen Abbruch tut. Im Gegenteil.

Im Osten, in Bregenz, lädt der Garten des Klosters Mehrerau zum Bummeln ein. Eindrucksvolle Alleen lassen den Alltag vergessen.

Jeder der einhunderteins Orte ist für sich genommen eine Reise wert. Kombiniert sind sie eine Aufforderung zum Schwelgen, Flanieren, Geschichte atmen. Geruhsames Reisen auf historischen Pfaden in einer der beeindruckendsten Regionen Deutschlands und Europas. Kurz und knapp sind die einzelnen Haltepunkte beschrieben, lang genug, um Appetit zu machen, garniert mit nachhaltigen Bildern.

Wer am Bodensee Urlaub macht, wollte so wenig wie möglich verpassen. Sicherlich gibt es mehr als einhunderteins Orte, die man gesehen haben muss. Die Auswahl der von Patrick Brauns vorgestellten Stopps stehen exemplarisch für die Bodenseeregion.

Denk ich an den Bodensee

Denk ich an den Bodensee

Einem Besucher des Bodensees muss man nicht mehr für diese einzigartige Landschaft begeistern. Er wird ein Leben lang ein Freund der Region bleiben und wiederkommen. Leider ist es nur Wenigen vergönnt ihre Schwärmerei in passende Worte zu kleiden. „Großartig“, „faszinierend“ werden oft, zu oft verwendet, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. Da ist es an der Zeit den Dichtern und Wortakrobaten auch vergangener Epochen zu lauschen, ihren Ausführungen zu folgen. Dieses Buch ist der willkommene Anlass die kommende freie Zeit am größten See im deutschsprachigen Raum zu verbringen.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who is Who der Weltliteratur: Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke, Klaus Mann, um nur drei Namen zu nennen. So manch einem ist die Reisestrapaze ein kulinarischer Graus, was man heutzutage kaum noch nachvollziehen kann. Martin Walser macht sich Gedanken zu Eigentum und Gemeinwohl. Der Lyriker Bruno Goetz setzt dem Binnenmeer ein Denkmal in Reimform.

Wie einst die Romantiker ist dieses Buch ideal zum visuellen Flanieren an den Ufern des Bodensees. Sich auf eine Bank setzen, oder eine Mauer, den See zu Füßen. Die Sonne in der Nase kitzelnd steckt man selbige ins Buch und schwelgt in den wohlformulierten Aufzeichnungen von Theodor Heuss und Arthur Schopenhauer. Eine schönere Liebeserklärung gab es nie.

Mit jeder Zeile steigt die Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort, den es wirklich zu geben scheint. Irgendwo im Süden, dort wo die Alpen sich gen Himmel recken, das Klima den Menschen umschmeichelt. Schon immer haben sich Potentaten und gekrönte Häupter es sich hier gutgehen lassen. Dichter und Literaten fanden hier Inspiration und ein zweites Zuhause. Touristen erholen sich ab Ankunft.

Herausgeber Manfred Bosch muss es ein Fest gewesen sein diese Texte zusammenzutragen. Mit jedem Abschnitt nimmt Elysium Form an. Die kurzen Texte erlauben es immer wieder den Kopf zu heben und den Blick schweifen zu lassen. Auch wenn man nicht am Ufer sitzt.