Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Das Rätsel von Paris

Das Rätsel von Paris

Die Weltausstellung 1889 war nicht nur wegen des eigens dafür errichteten Eiffelturms eine Sensation, sondern auch deswegen, dass sie bis heute nachwirkt. Denn zu eben dieser Weltausstellung wollen sich erstmals die Zwölf Detektive treffen. Leider kann der Initiator Renato Craig aus Buenos Aires nicht persönlich anreisen. Er schickt dafür seinen Adlatus Sigmundo Salvatrio.

Sigmundo ist der Sohn eines Schuhmachers, der f eine Zeitungsannonce hin bei dem großen Detektiv meldet. Dieser will sein Wissen weiterreichen, denn er spürt, dass die Zeit gekommen ist abzutreten. Zwanzig wissbegierige junge Männer machen sich munter daran den Meister nicht zu enttäuschen. Doch nur einer scheint das Rennen machen zu können. Sozusagen als Abschlussprüfung sollen sie dem Magier Kalídan das Handwerk legen. Denn in jeder Stadt, in der er auftrat, verschwanden junge Frauen. So auch dieses Mal. Einer der Schützlinge schafft es sich als Assistent in die Show einzuschleichen. Keine gute Idee. Denn der Magier kommt ihm auf die Schliche und das war’s. Der erfolgversprechendste und von allen am meisten beneidete Kandidat ist tot.

Nach einigem Zögern nimmt Sigmundo das Angebot an und reist nach Paris, um am Treffen mit Arzaky, Magrelli, Lawson, Hatter, Darbon, Madorakis, Rojo, Zagala, Novarius, Castelvetia und Sakawa teilzunehmen. Eine auserlesene Mischung von gescheiten Köpfen, von London bis Tokio, von Amsterdam bis Madrid.

Ein echter Abenteuerroman für große Jungens scheint dieser Detektivroman zu werden. Pablo de Santis macht sich einen Riesenspaß daraus die grauen Zellen der Helden und des Lesers zum Hüpfen zu bringen. Es klingt anfangs wie der Beginn eines typischen Detektivromans mit all seinen Klischees. Ein Dutzend Detektive, aus aller Welt, dann sind es nur noch elf usw. Doch Pablo de Santis beherrscht die Klaviatur des Bösen und der Ironie meisterhaft. Alle Detektive haben einen Assistenten. Außer Arzaky, dessen Schatten ist erkrankt. Und Castelvetias Helfer wurde noch von keinem einzigen gesichtet. Craig kann gar nicht erst kommen und schickt daher Sigmundo. Bei einem Treffen der ergehen sich die Detektive in Selbstbeweihräucherung. Jeder gibt seine besten Fälle zum Besten. Fälle, die sich – natürlich – allesamt gelöst haben! Dann ist auf einmal Darbon tot. Vom Eiffelturm gestürzt … worden. Arzaky bittet Sigmundo sein Assistent zu sein. Dabei scheint Arzaky derjenige zu sein, der am meisten vom Tode des Pariser Detektives profitiert. Denn nun ist er der Detektiv von Paris. Dazu muss er allerdings das Rätsel von Paris lösen.

Und dieses ist ein köstliches Lesevergnügen. Nicht nur für großes Jungens! Alle Spürnasen haben eine besondere Methode ihre Fälle zu lösen. Lawson aus London, beispielsweise, hat ein Gerät, um auch im Nebel zu sehen. Und der Nürnberger Hatter hat ein Spielzeug (!) entwickelt. Wer in der Welt der Krimis, der klassischen Krimis zu Hause ist, wird hier aus dem Lachen (vor Freude) nicht mehr raus kommen. Wer selbst gern Rätsel löst, braucht Grips und Durchhaltevermögen, gepaart mit einer Portion Organisationstalent. Wer sich an wohl formulierten Sätzen erfreuen kann, dem wird „Das Rätsel von Paris“ dazu verleiten im Bücherregal einen Ehrenplatz für dieses Buch freizuräumen.

Die Straße der Pfirsiche

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Es hätte keinen besseren Veröffentlichungszeitpunkt für diese Geschichte geben können: Draußen türmen sich die Wolken zu einem fast undurchdringlichen Dickicht auf, das nur sporadisch und gefiltert das Sonnenlicht durchlässt. Im Sommer 1920, auf einer Strecke von über eintausend Meilen (laut google maps heute in ca. sechzehn Stunden zu bewältigen), mit einer Rostlaube als Gefährt, war die Sonne nicht der einzige erhellende Punkt im Leben von F. Scott Fitzgerald und seiner frisch Angetrauten Zelda.

Das Glamourpaar, seine großen Erfolge liegen noch vor ihm, fasst spontan den Entschluss nach Alabama zu fahren. Hier, wo er einst stationiert war, seine Zelda kennenlernte, werden die leckeren Biscuits gebacken. Es duftet nach Pfirsichen. Ein unstillbarer Hunger überkommt sie. Und der muss gestillt werden. Alle Spottrufen zum Trotz ihr Auto werde eh nicht bis ans Reiseziel durchhalten, macht sich das exaltierte Paar auf die Reise.

Bei alle den Querelen, die ihnen der Wagen macht – Reifenplatzer, ein abfallendes Rad, defekte Bremse – findet Fitzgerald immer noch Zeit der Landschaft seinen literarischen Stempel aufzudrücken. Die Reise ist Road trip und Abenteuer in einem. Links und rechts hat das Ehepaar Fitzgerald noch Zeit und Muse die Landschaft zu bestaunen, andererseits fährt immer die Angst mit es nicht bis Alabama zu schaffen und Zeldas Familie zu überraschen. Und die köstlichen Biscuits mit Pfirsichen zu genießen.

Doch der Expenso, ihr rolling junk chauffiert die beiden bis ans Ziel, wenn auch mit letzter Kraft. Doch dann die Überraschung …

„Die Straße der Pfirsiche“ liest sich hintereinander weg. Zwei, die ihren Ruhm in vollen Zügen genießen, das einfach Leben einfach nicht zu händeln wissen. Selbst ein simpler Radwechsel gerät zum Ereignis. Die Sprachgewalt täuscht über so manchen Mangel hinweg. Der Leser muss schmunzeln, wenn die Weiterfahrt an einer Werbemarkierung auf der Karte scheitert, an den neuralgischen Punkten klebt Werbung statt die Richtung erkennbar zu machen.

In einer Zeit, in der Prominente jeder Kategorie auf roten Teppichen mit ihren Schwächen laut kichernd kokettieren, scheint diese Geschichte so zeitlos und zeitgemäß wie kaum zuvor. Fitzgerald verarbeitet in dieser Geschichte von 1922 seine Eindrücke einer Sommerreise zwei Jahre zuvor. Bis auf das Ende und einige Übertreibungen ist alles so passiert.

Und der Engel spielt dein Lied

Und der Engel spielt dein Lied

Ein paar Drogen von Chile nach Argentinien schaffen, lautet der Auftrag für El Negro. Polaco hat ihm diese leichte Aufgabe übertragen. Das Militär hat in dieser Gegend seine Aktivitäten fast eingestellt, die Polizei wird in eine andere Richtung schauen. Leicht verdientes Geld, denkt sich El Negro. Alles ganz einfach. Die die Wagen, vollgestopft mit der gewinnbringenden Ware, erreichen nicht wie geplant ihr Ziel.

El Negro muss eine Zwangspause einlegen. Die Zeit mit Irma wird ihm die Zeit versüßen. Das Prachtweib wickelt ihn um den kleinen Finger, anfangs wehrt er sich noch.

Raúl Argemí spielt mit seinen Helden eine perfekte Partitur des Ungewissen. Wer mit wem, wofür, gegen wen, warum – der Leser wird durch die Zeitebenen gejagt, dass er bald schon gar nicht mehr weiß, wem seine Sympathien gelten sollen. Argentinien ist zu dieser Zeit ein Land non grata. Die Fußball-WM, bei der der Gastgeber erstmals als Sieger hervorgehen wird, lässt erstmals ein wenig Hoffnung aufkeimen. Doch es lähmt auch das Land. Alle sind im Fußballfieber. Ganoven, Gangster, Kriminelle verbünden sich in diesem Buch mit den Machthabern. Wer auch nur einen Funken Hoffnung sieht, den Repressalien zu entkommen, und vielleicht den einen oder anderen Peso in die eigene Tasche zu wirtschaften, vergisst die Gräueltaten der Junta.

Polaco ist ein Schlitzohr und El Negro ist ihm ausgeliefert. Irma hingegen schwebt im rechtsfreien Raum über den beiden Kampfhähnen. Sie weiß um ihre Reize, die sie gewinnbringend einsetzt.

Polaco und El Negro stehen sich dann doch noch einmal gegenüber. El Negro hat ein paar im Gefängnis verbracht. Er wurde verraten. Polaco versichert ihm, dass er nicht die Ratte gewesen sei. Die haben vieles gemeinsam erlebt. Der Drogenschmuggel, der Münzschwindel mit den goldenen Münzen… Die Zeit der Rachegedanken und des Hasses ist vorbei. Showdown oder Vergebung? Der letzte Akt oder ein neuer Versuch? Beide sind älter geworden. Das Leben hat seine Spuren in und an ihnen hinterlassen.

Der Leser muss sich anstrengen, um hinter das Geheimnis von Polaco und El Negro zu geraten. Ein, wenn nicht der Schlüssel ist die Person, die beide miteinander verbindet. Irma!

CityTrip Danzig

Danzig

Wer Richtung Osten reist, wird jedes Jahr aufs Neue überrascht wie schnell sich Städte und Umland verändern. Danzig war nach der Wende eine der ersten Städte, die man wegen ihrer geografischen Nähe unter die Lupe genommen hat. Hier wurde schon immer Geschichte geschrieben, die über die Grenzen hinaus ihre Wirkung zeigte. Danziger Werft, Westerplatte und der Dom gehören zum festen Programm einer jeden Stadterkundung. Doch darüber hinaus hat die Stadt an der Ostsee noch eine ganze Menge mehr zu bieten. Mehr und Meer!

Der Reiseband beginnt gleich mit den wichtigsten Informationen für alle, die nur mal eben schnell die Stadt besuchen. Drei Tage sind nicht viel für Danzig. Deshalb ist es umso wichtiger nichts auszulassen. Ein farbig unterlegter Kasten zeigt an, was es nur hier und nirgendwo anders gibt. Bernstein ist eines der unerlässlichen Mitbringsel, die ins Reisegepäck gehören. Wer zuvor das Bernsteinobjektiv und den Bernsteinaltar bewundert hat, ist sofort in den Bann gezogen. Wer sich ihm doch entziehen kann, hat dieses Buch auch einige Tipps parat, um echtes Danziger Flair für die Daheimgebliebenen sich einpacken zu lassen. Am bekanntesten dürfte wohl das Danziger Goldwasser sein.

Die Autoren Anna Blixa und Martin Brand machen es dem Neugierigen nicht einfach die Stadt zu erkunden. Soll man als Genießer, als Kauflustiger oder Kunstsinniger Danzig entdecken? Auf jeden Fall ist man gut beraten dieses Buch immer dabei zu haben. Von Tipps für die typisch polnische Einkehr über erholsame grüne Oasen bis hin zur geruhsamen Nacht haben die beiden alles recherchiert, was man benötigt, um in Danzig die schönste Zeit des Jahres zu verbringen, egal wie lange sie nun dauert.

Die Ostseelage bietet es geradezu an, dass man auch auf dem Seeweg die Stadt in den Fokus rückt. Oder sich umgekehrt den Seeblick am frühen Morgen gönnt. Extratipps befinden sich in den einzelnen Kapiteln und sind gelb unterlegt.

Beim ausgiebigen Frühstück (mit Seeblick natürlich, am besten im Restauracja Cała Naprzód, gefunden auf Seite 43) kann man dann im Buch blättern und mit dem beiliegenden herausnehmbaren Stadtplan die Route für den Tag festlegen. Das handliche Buch gehört einfach ins Ausflugsgepäck. Er passt locker in die Gesäßtasche und ist so immer zur Hand. Praktische Tipps und Hinweise auf die Besonderheiten der Stadt lassen es allerdings kaum zu ihn zu verstauen. Es gibt so viel, was es zu entdecken gibt. Die kurzen Texte geben die Richtung vor, schauen muss man schon selber. Und staunen!

Wer doch nicht auf die elektronische Handfessel verzichten will, kann über den abgedruckten QR-Code den Mini-Audiotrainer verwenden, Danzig von oben betrachten, die Routenführung planen und Infos erhalten, die bei Redaktionsschluss noch nicht vorhanden waren.

Mörderzeichen

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Sara Helbling war ein Engel. Sie war es. Denn nun ist sie tot. Erschossen. Eine Hand wurde ihr abgetrennt. Hat wohl der Mörder an sich genommen. Souvenir? Oder steckt mehr dahinter.

Max Noll, den alle nur Sokrates nennen, viele außergewöhnliche Fälle als Gerichtsmediziner zu untersuchen. Auf seinen Assistenten Nik hält er große Stücke. Sokrates ist ein Mann strenger Prinzipien. Jeden Morgen lässt er sich von Eva in ihrem Salon die Haare waschen und den Kopf massieren. Für ihn seine Geschichten schließt sie extra eine Stunde früher auf. Bei ihr kann er sich komplett fallen lassen, vertraut ihr sogar Dienstgeheimnisse. Denn Eva kann er vertrauen, sie hält dicht. Danach steigt er in die Tram und steigt generell eine Station später aus, um durch den Park zu laufen. Das bringt seinen Körper in Schwung.

Der Fall Sara Helbling wird ihn noch ein ganzes Weilchen beschäftigen. Sie saß an ihrem Sekretär und schrieb etwas. Sie muss ihren Mörder gekannt haben. Und so liebevoll wie er sein Opfer drapiert hatte, hatte auch er eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Ein fast schon kryptischer Vers, den anscheinend der Mörder hinterlassen hat, gibt Kommissar Theo Glauser einige Rätsel auf.

Ein Rätsel kann sehr schnell gelöst werden: Wie das Schweizer Fernsehen an die Information kam, dass dem Opfer die rechte Hand abgeschnitten wurde. Ein mediengeiler Bestatter hat Maria Noll(!) den Tipp gegeben. Sie weiß aber auch, dass sie von ihrem Vater keinerlei inoffizielle Hilfe erwarten kann…

Dann geschieht ein weiterer Mord. Ein Architekt. Auch er wurde erschossen. Auch ihm wurde fachmännisch die rechte Hand entfernt. Auch bei ihm wurde eine kryptische Nachricht hinterlassen. Jedoch in einer anderen Handschrift. Haben die Opfer diese Nachricht selbst schreiben müssen?

Auch Maria recherchiert über die Morde. Auf der Suche nach dem Sinn der Texte stößt sie auf eine Studentenverbindung, in der das zweite Opfer Mitglied war. Das ist eine Ewigkeit her. Die beiden Opfer haben etwas gemeinsam, was aber bis hier nur der Leser weiß. Der Ex-Freund von Sara arbeitet im Unispital, dort war auch das zweite Opfer einmal „zu Gast“. Zugegeben ein schwaches Indiz, doch das erste Bindeglied. Leider wissen Behörden und Medien kaum etwas von den Ermittlungsergebnissen des anderen.

Wolfgang Wettstein hat zu diesem Zeitpunkt – wir befinden uns erst in der Mitte des Buches – eigentlich schon alles zusammen, um einen spannenden Krimi zur Vollendung zu bringen. Doch er will mehr. Mehr Verwirrung, mehr falsche Spuren, mehr geschickt versteckte Hinweise an den Leser. Und mehr Morde!

Es fällt schwer dieses Buch beiseite zu legen. Auch weil immer mehr Charaktere die Szene betreten und den Leser immer tiefer in den Strudel der Geschichte hineinziehen. Zürich als Heimat eines gerissenen Mörders, einer herzerfrischend neugierigen Journalistin und eines analytischen Ermittlers mit sympathischen Spleens wirkt durch die detailreichen Beschreibungen so nah und vertraut, dass man sich hier sofort zuhause fühlt. „Mörderzeichen“ ist eine mehr als lesenswerte Einladung in die Stadt an der Limmat.

Buchhandlung zum Goldenen Buchstaben

Buchhandlung zum goldenen Buchstaben

Eine Buchhandlung war, ist und – hoffentlich – bleibt ein Ort der Erinnerung und der Fantasie. Es ist der einzige Ort der Welt, an dem man ungestraft Träume kaufen kann. An den meisten dieser Traumverkäufer scheiden sich heutzutage eher die Geister als dass sie sich dort treffen. François Loebs Buchhandlungen in diesem Buch sind zweifelsohne der Sammelpunkt für Feingeister, witzige Geister und geistreiche Individuen.

Schon in der ersten Kurzgeschichte wird man in der Zeit zurückversetzt. Es gibt einen Informationstresen. Dort stehen die Neugierigen, nicht Kunden, Schlange. Sie wollen sich informieren lassen. Jemand hat eine Frage, sucht nach einem Buch, dessen Titel er noch gar nicht kennt, aber das Thema kann er benennen. Er erhält Auskunft und schaut dann selber, ob das Buch ihm gefällt oder nicht. Klingt nostalgisch, aus ferner Zeit, spielt aber in der Gegenwart. Der Buchhändler als belesenes Orakel für die intimsten Wünsche der Leserschaft. Ganz ohne Bits und Bytes…

Doch auch die Buchstaben selbst, die die Seiten füllen und Leser weltweit in ferne Galaxien entführen, haben so ihre liebe Not. Sie haben ihre eigene Hackordnung, weiß François Loeb zu berichten. Ein edles E gibt sich beispielsweise nicht mit einem ordinären kleinen C ab. Ein O wird sich niemals mit der Rolle als 0 zufrieden geben. Das Ergebnis dieses Buchstabensalats: Kein Leser kann mehr die sinnstiftende Ordnung des Buches erkennen. Da ist auch der Buchhändler am Ende seines Lateins…

Die kurzen Geschichten lassen den Leser schmunzeln. Bücher als Hauptakteure eines Buches. Sie sind eine der wenigen Konstanten im kulturellen Leben der Menschen. Wer Bücher liebt, wird dieses Buch in Ehren halten. Als Zugabe, als Appetitanreger kann der Leser anderen Bücherfreunden mit der einen oder anderen Geschichte eine Freude machen. Denn einige Geschichten kann man per QR-Code scannen und als pdf-Datei runterladen, verschicken, Freude machen oder einfach immer dabei haben. Die Bücher werden flügge. Kleine Appetitanreger, die den erfreuten Empfänger (und er wird erfreut sein, garantiert) animieren mehr zu fordern.

Egal, ob sich streitende Buchstaben, Garantie einfordernde Kundinnen oder blutbefleckte Seiten: Françios Loeb war selbst Buchhändler. Ob er all das selbst erlebt hat…?

Riff

Riff

Triton scheint das große Los gezogen zu haben, als er als Elfjähriger zu Ranjan Salgado kommt. Als Boy hat er zunächst die üblichen Aufgaben zu erleidigen: Die Treppe fegen und allgemein für Ordnung zu sorgen. Joseph, dem angestammten Diener des Hauses in einem kleinen Ort Sri Lankas, ist er allerdings ein Dorn im Auge. Das lässt er den Kleinen auch spüren…

Lucy ist die gute Seele in der neuen Welt des Jungen. Sie kannte schon den Vater von Mister Salgado und ist eine Meisterin in der Küche. Ranjan Salgado selbst ist eher unauffällig. Er ist Meeresbiologe und ein anerkannter Wissenschaftler, der auch vor den Gefahren des Fortschritts warnt.

Sri Lanka ist zu der Zeit gerade auf dem Weg sich von einer Kolonie zum eigenständigen Land zu entwickeln. Triton kann lesen und schreiben und ist ein aufgeweckter Junge. Als Joseph nach langer Abwesenheit betrunken zurückkehr, wirft ihn Mister Salgado aus dem Haus. Nun ist Triton der „Herr über das Anwesen“. Und sein Herr vertraut ihm, übergibt ihm die verantwortungsvolle Aufgabe Haus und Hof in Ordnung zu halten. Für Triton beginnt nun eine aufregende Zeit.

Für Triton ist Mister Salgado ein echter Glücksfall. Durch ihn lernt er die Welt, die geographisch durch das Grundstück begrenzt ist, kennen. Kommen Gäste lauscht Triton den Gesprächen. Als Nili ins Leben von Ranjan Salgado tritt, hat Triton eine Vertraute. Sie ist nicht die Herrin, vielmehr Freundin.

Romesh Gunesekera lässt seinen Helden Triton auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Die Umwälzungen Sri Lankas, der Fortschritt, der das Meer, das Land und somit auch die Menschen bedroht, bedeuten für nichts, was man einfach so hinnimmt. Triton ist kein Intellektueller, dennoch ist er dank Mister Salgado ein Weiser. Als Junge kam er voller Neugier in eine neue Welt. Er lernte alles, was nötig war, um ein Haus wohnlich zu gestalten. Nun ist er fernab dieser Welt in England und erzählt seine Geschichte. Sein Leben im Riff galt dem selbigen. Ein Riff ist der Lebensraum vieler Lebewesen, bietet Schutz. Doch dieser Schutz ist fragil, muss erhalten werden. Für den Meeresbiologen Salgado ist das Riff emblematisch für das Leben auf der Erde. Nur eine kleine Verletzung kann schwerwiegende Folgen haben.

Romesh Gunesekera schreibt poetisch und faktenreich zugleich. „Riff“ ist eine Ode an vergangene Zeiten, die nie wieder kommen. Das müssen sie ja auch nicht. Triton wird größer und erwachsen. Das Wissen um seine Vergangenheit lässt ihn die Gegenwart ertragen und die Zukunft mit Hoffnung erwarten.

Ein Bauch spaziert durch Paris

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Sternekoch, Musiker, Autor … und nun auch noch Reiseleiter in Sachen Kulinarik. Vincent Klink nur als Fernsehkoch zu sehen, wäre schändlich. Denn viele seiner Kollegen haben nicht mal ein Restaurant (was zumeist auf der ersten Silbe betont wird, klingt wahrscheinlich fachmännischer). Schändlich wäre es auch in Paris sich nicht den lukullischen Genüssen hinzugeben. Und so trägt Vincent Klink seinen Bauch vor sich her – der Titel verrät es bereits – und die magenlärmende Sehnsucht im Herzen. Alle Sinne sind geschärft.

Ihm geht es nicht anders wie den meisten von uns. Vor Aufregung kann er die Nacht vor der Abfahrt kaum schlafen, ist überpünktlich am Bahnhof. Mit dem TGV dauert die Fahrt nur rund dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden bis man an der Gare de l’Est endlich Pariser Luft schnuppern kann. Und dann raus in die Stadt der Liebe, in die Stadt des Genusses, auf nach Paris. Würde er in der Gare de Lyon ankommen, würde die Flucht in die Stadt etwas länger dauern. Denn hier gibt’s das eindrucksvollste Restaurant der Pariser Bahnhöfe, das Le Train bleu.

Vincent Klink ist angekommen in Paris. Ein kühles Bier wäre ihm jetzt am liebsten, doch der heißeste Tag des Jahres verbietet dieser Leidenschaft nach zugehen. Ein kühles Blondes und die geballte Wucht der Sonnenstrahlen hätten nur eines zur Folge: Er würde noch mehr schwitzen. So macht er sich auf seinen ersten Erkundungsgang bevor es ins Hotel geht. Und das Rezept für die Jüdische Hühnersuppe liefert der Küchenmeister gleich mit.

„Ein Bauch spaziert durch Paris“ ist mehr als nur eine Reiseschilderung eines neugierigen und hungrigen Chefkochs. Es ist ein Kulturführer der besonderen Art für alle, die die Attraktionen der Stadt an der Seine bereits kennen. Es ist kein reiner Restaurantführer. Wie zufällig nimmt Vincent Klink Platz, studiert die Karte und beobachtet die anderen Gäste. Er formt sich ein Bild von Paris, das jeder nachvollziehen kann, der sich wie der Autor die Zeit nimmt Paris einzuatmen, es zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Immer wieder streut er Rezepte ein, man kann es zu Hause nachkochen oder man fährt selbst nach Paris. Denn auch Restauranttipps gibt der Koch aus Leidenschaft zuhauf.

So hat man Paris noch nie erlesen! Als belesener kulturinteressierter Mensch – seine Geschichten reichen von den Templern und Napoleon III. über Heine und Wagner bis zu den Impressionisten und den französischen Präsidenten – ist Vincent Klink der ideale Reiseleiter. Auch hat er sich seine neugierige Ader bewahrt. Nichts liegt ihm fern als den Leser zu bevormunden. Er gibt Hinweise und Tipps, wo man einkehren kann, und liefert dazu das passende Rahmenprogramm. Zahlreiche Anekdoten sind die Würze während der gastronomischen Ausflüge. Wenn Vincent Klink nicht schon einen Stern hätte, müsste man ihm einen für dieses exzellente Werk einen verleihen.

Dieses Buch genießt man wie ein Sterne-Menü. Jeder Gang, jedes Kapitel ein Genuss für sich. Wer die Zutaten, die Seiten hinunterschlingt, ist zwar satt, aber der Schmerz der Fülle fällt dem Vergessen anheim. Was ein Frevel!

Es ist erstaunlich, dass es immer wieder neue Bücher über Paris gibt. Die Seine-Metropole ist noch nicht satt an guter und bildgewaltiger Literatur. Die einschlägigen Hotspot-Aufzähler weit hinter sich lassend, sind es Bücher wie dieses oder die City impressions Paris, die es dem Leser schwer machen sich von Paris fernzuhalten. Ob nun mit dem geschulten Auge eines Fotografen oder der lukullischen Schnitzeljagd (nur im übertragenen Sinn) eines Sternekochs: Paris erobern ohne diese Bücher vorher gelesen zu haben, wäre wie Paris ohne die Seine. Möglich, aber nur die Hälfte wert.

Das Wettangeln

Das Wettangeln

Thorshafen an der Ostsee ist ein ruhiger Fischerort. Einmal im Jahr wird die Bescheidenheit des Ortes beiseite geräumt und das Wettangeln steht an. Hier zeigen Männer was sie dazu macht, Kinder eifern ihnen nach, die Frauen feuern ihre Männer an – so schließt sich der Kreis. Nur Henry Weiß kann dieses Jahr nicht teilnehmen: Er ist kurz vor Beginn mit seinem Rollstuhl gestürzt. Aber als Schiedsrichter will er funkgieren. Sein sonores Horn verkündet Anfang und Ende des Wettstreits. Statt seiner sollen seine Nichte Anja und der Erzähler sich die Meriten verdienen.

Und sie scheinen auch Glück zu haben. Nach anfänglichem Anglerpech – der falsche Köder – zeihen sie einen Prachtburschen an Land. Siegessicher beschließen die beiden ihr Glück nicht weiter zu strapazieren und geben sich dem Müßiggang hin. Auf einem Floß treiben sie vor den aufgebrachten Anglern dahin. Sie verschrecken die Fische. Leise ziehen sie sich an einen ruhigeren Ort zurück und finden zueinander.

Bei der Preisverleihung sind sie doch die Gewinner. Egal, denn sie haben etwas an Land gezogen, dass die anderen schon haben oder nicht erreichen werden…

„Das Wettangeln“ ist die letzte vollendete Geschichte von Siegfried Lenz, der 2014 gestorben ist. Im Nachwort erfährt man, dass Henry und der Erzähler mehr als nur aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Sie gehören originär zusammen. Durch Krankheit erheblich in seinem Tun eingeschränkt, hat Siegfried Lenz seinem Tagespensum oberste Priorität eingeräumt. Die Geschichten, die er in den letzten Jahren schrieb, bestechen durch ihre schlichte und kompakte Poesie, die den Leser sofort in ihren Bann zieht. Das Ostseeörtchen Thorshafen, wo der Gott des Donners zwischen den beiden ankert, nimmt dieses Gewitter wie eine sanfte Brise hin. Die Außergewöhnlichkeit des Anlasses ist Grund zur Freude genug. Grund zur Freude hat auch der Leser, der nun zum ersten Mal diese Geschichte lesen darf.

Melodie der Geister

Die Melodie der Geister

Rue Notre Dame des Grâce, Marseille. Hausnummer 38. Im Sessel sitzt ein Toter. Doktor. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Epilepsie. Auf seinem Schoss ein Buch. Totem und Tabu. Von Sigmund Freud.

Kommissar Michel de Palma, der Baron, nimmt den Fall zur Kenntnis. Und schon meint man, die Gedankengänge erraten zu können, die Rädchen im Hirn des Ermittlers klackern zu hören. Das Buch kann doch kein Zufall sein. Und schon gar nicht die aufgeschlagene Passage über Kannibalismus. Das steckt mehr dahinter.

Da hat man noch nicht einmal ein Zehntel des Buches geschafft und wähnt in einer großartigen Story. Um es vorwegzunehmen: Man wird auch in den restlichen über neun Zehnteln nicht enttäuscht werden!

Die Enkelin des Toten bringt ein wenig Licht ins Dunkel der Ermittlungen – de Palma fragt sich warum nur eine Maske aus der reichhaltigen Sammlung des Opfers gestohlen wurde. Berenice Delorme hat ihren Großvater vergöttert. Er erzählte ihr von seinen Reisen und aus Papua-Neuguinea. Von fremden Völkern und ihren fremdartigen Ritualen. Und er sammelte Masken. Sie waren nicht nur Dekoration, sie hatten einen tieferen Wert. De Palma ist beeindruckt von so viel Wissen. Doch warum fehl nur eine Maske? Die Sammlung scheint ja immens wertvoll gewesen zu sein.

Die Gedankengänge de Palmas werden durch Spaziergänge und Eindrücke aus Marseille verziert. Als Leser schreitet man Seite an Seite mit dem Baron durch die Mittelmeermetropole und atmet den Duft der Stadt ein. Fast schon spielerisch erobert man diese Jahrtausende alte Stadt. Und darf dabei rege an den Ermittlungen teilhaben.

Dem Baron lässt das Buch auf dem Schoß des Toten keine Ruhe – warum gerade dieses Buch? Warum diese Seite? In die Grübeleien platzt die Nachricht vom Tod Paulos, einem Gauner und einem Spitzel. Er wurde  erschossen. Mit nur einer Kugel. Das hat sich jemand gründlich Gedanken gemacht und diese dann auch umgesetzt. So traurig der Tod des Spitzels ist, so sehr verbeißt sich der Ermittler in die Lektüre des Freud’schen Werkes. Bei einem Experten findet er Rat.

Der Mix aus geheimnisvoller Welt der Ureinwohner Papuas und der Mittelmeerstadt ergeben eine spannende Melange, die den Leser ab der ersten Seite fesselt. De Palma ist nicht der Mann großer Worte. Er liebt die Oper genauso sehr wie seine Zigaretten. Und die kleinen grauen Zellen benutzt er genauso geschickt wie er das Flirten mit seiner Unterstufenliebe versteht. Michel de Palma, der Baron, ist der neue Star im literarischen Krimidickicht Marseilles.