Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Dahamm und Anderswo

dahamm-und-anderswo

Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.

Auf Schienen um die ganze Welt

auf-schienen-um-die-ganze-welt

Mit dem Zug reisen, ist eine ganz besondere Art die Welt zu erkunden. Man ist ein Gefangener der Technik. Mit dem Kauf der Fahrkarte hat man keinen Einfluss mehr auf die Streckenführung. Abfahrt- und Ankunftszeit sind vorbestimmt. Was die Planung erheblich vereinfacht.

Die Planung von Kristian Ditlev Jensen war allerdings nicht einfach. Für ein Magazin sollte / wollte er um die Welt reisen. Im Zug. Die Redaktion half bei den Vorbereitungen, den Rest musste er allein bewältigen. Das Ergebnis: Dieses Buch. So entschleunigt die Fahrten von A nach B, so fesselnd sind seine Ausführungen. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich: Warum in die Ferne schweifen? Dänemark – der Autor ist Däne und startet somit folglich auch in Dänemark – ist so facettenreich wie der Rest der Welt. Nur halt eben nicht so weitläufig.

Zwölf Reisen sind auf diese Art zusammengekommen. Und gleich der erste Trip, in Japan, hat so gar nichts mit dem Untertitel des Buches zu tun. „Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ – im Shinkansen ein Treppenwitz. Knapp dreihundert Kilometer frisst sich der Stahlkoloss durch die Gebirgsketten des Inselstaates. Zweihundertachtzig ka-em-ha! Langsam sieht anders aus! Doch kein Rattern und kein Ruckeln stören das Erlebnis Zugreise. Im Gegenteil. Das Fehlen von jeglicher akustischer Ablenkung erlaubt es Kristian Ditlev Jensen seine Mitstreiter genauestens zu beobachten. Und in deren Kultur einzutauchen. Kurze Zwischenstopps lassen das Ende der Fahrt erahnen und unweigerlich näherkommen. Riesige Entfernungen gehören hier bald ins Reich der vergessenen Fabeln.

Ob von einem New ins Andere – man könnte auch sagen von einem Big ins Andere – gemeint sind New York und New Orleans, hoch in den Anden in Peru, quer durch Australien, von einem Moloch in den anderen (Shanghai – Peking) oder durch die heimatlichen Gefilde: Kristian Ditlev Jensen findet immer das richtige Thema. Es schaut nicht nur aus dem Fenster, macht Ah und Oh. Jedes Land hat so seine Eigenarten, also die Menschen, natürlich. Und die interessieren den Reisejournalisten mit dem vermeintlichen Traumjob.

Als Leser ist man in einer ähnlichen Lage wie der Autor. Das Ziel ist klar, doch welche Route genommen wird, erfährt man erst on the road. Ein kleiner Abstecher nach Kulinarien, ein Zwischenstopp in Drogistan, Fotostopp im Feine-Nasen-Land. Wer Schenkelklopfer erwartet muss in die zweite Klasse umsteigen. Hier wird First-Class geschrieben, gelebt und genossen. Wer vor oder auf Reisen immer vor der Frage steht, welchen Schmöker er denn nun zum Zeitvertreib verschlingen soll, dem sei dieses Buch als Appetizer empfohlen.

Hercule Poirots Weihnachten

1202hercule-poirots-weihnachten

Weihnachtfest auf Gorston Hall. Man sitzt vereint zusammen, genießt die deftigen Gaben aus der Küche, lässt so manchen guten Tropfen die Kehle herunter rinnen und lauscht – wenn man einen Gast wie Hercule Poirot schon mal zu Gast hat – blutrünstigen Geschichten. Der Fall liegt hier jedoch etwas anders. Denn der Gastgeber des Familienessens Simeon Lee ist tot. Und erst jetzt hat Hercule Poirot seinen Auftritt. Und auf seine Ausführungen hat keiner so recht Lust.

Simeon Lee war ein echter Tyrann. Schon die Tatsache, dass er seine Familie zum Weihnachtsschmaus einlud, verblüffte. Doch die Ernüchterung trat schnell ein. Simeon Lee kann einfach nicht anders als ein echtes Ekel zu sein. Ein gutes Haar an einer Sache oder an einer Person lasen, ist nicht sein Ding. Und da sich der Schwager von Agatha Christie wieder einen guten, brutalen Mord gewünscht hat, folgte die Queen of crime seinem Wunsch und beförderte den Hausherren sofort ins Jenseits. Das weiß der Leser schon vom Klappentext. Und gleich auf den ersten Seiten werden die potentiellen Täter vorgestellt. Und bei jedem Kapitel, bei jeder Vorstellung der Sippschaft denkt man sich „Der muss es sein!“. Gefolgt von einem „Nein, der war’s“ bzw. wird es sein. Ein herrliches Versteckspiel, das Agatha Christie da zur Weihnachtszeit inszeniert!

Ach ja, Hercule Poirot vervollständigt den Reigen des Familientreffens. Der Connaisseur schreitet dem aristokratischen Anlass entsprechend durch die heiligen Hallen von Gorston Hall. Manchmal jedoch tritt er dabei jemandem gehörig auf die Füße. Das ist ja auch ganz einfach, bei dieser Familie. Da ist Harry, so was wie das schwarze Schaf. Ein Lebemann, der immer Geld gebrauchen kann. Nach Jahren der Abstinenz ist er wieder da. Was die Brüder wundert – sie dachten er wäre tot – und Simeon Lee freut. Alfred ist immer da. Zusammen mit der beherrschten Lydia wohnt er hier, leitet das Familienunternehmen. Was den Simeon Lee freut. George kommt zu Besuch, ein weiterer Sohn. Abgeordneter, seine Frau Magdalene hält dem Weichei den Rücken frei. Das freut Simeon Lee. David und Hilda sind auch angereist. David, das Müttersöhnchen, das den Tod der Mutter immer noch nicht verkraftet hat. Das freut Simeon Lee. Doch zwei weitere Gäste erfreuen den Alten noch viel mehr: Pilar, seine Enkelin, Tochter seiner einzigen Tochter. Sie wuchs in Spanien auf. Und dann ist da noch Stephen Farr. Bereits im Zug machte er die Bekanntschaft der reizenden, naiven, reinen Pilar. Stephen ist der Sohn des ehemaligen Geschäftspartners von Simeon Lee aus Südafrika. Eine illustre Gesellschaft. So bunt, so verschieden, so geheimnisvoll. Und der Alte freut sich über jeden einzelnen. Bis zu seinem letzten Atemzug.

Der, der sich so gern im Blut der eigenen Sippe suhlte, liegt nun in seinem eigenen Saft. Kein schöner Anblick für seine Lieben. Alle lieben sich, weil sich gleichen Blutes sind. Alle hassen sich, weil sie gleichen Blutes sind. Und doch sind die scheinbar Unbeteiligten die mit den größten Geheimnissen…

Gebrauchsanweisung für Wien

gebrauchsanweisung-fuer-wien

Wien, Wien, immer wieder Wien! So geht es Monika Czernin. Einmal pro Saison muss sie da hin. Und immer wieder findet sie Neues in der Donaumetropole. Und endlich hat sie es aufgeschrieben. Und endlich kann jeder es lesen! Muss es lesen! Denn wer Wien besucht und dieses Buch nicht mindestens einmal gelesen hat, findet sich nicht auf der sagenumwobenen Ringstraße wieder, sondern auf der Verliererstraße.

Monika Czernin redet keinen Besucher – sei er zum ersten oder zum wievielten Mal hier zu Gast – aus, die üblichen Verdächtigen zu besuchen. Wien ohne Stephansdom wäre wie Paris ohne Eiffelturm. Das muss man auch hoch. So richtig Appetit auf Wien bekommt man schon auf den ersten Seiten. Klar mit Sachertorte lockt man jeden Neugierigen hinterm Ofen vor. Wer behauptet Wien sei hässlich, unnahbar oder überhaupt nicht besuchswert (echt, solche Leute soll’s geben…), bleibt halt auf Balkonien und regt sich über den Straßenlärm auf. Für den Rest gibt‘s dieses Buch!

Heimlich, still und leise hat sich Wien zu dem gemausert, was man eine Metropole nennt. Die Lebensqualität ähnelt der von San Francisco oder Boston. Berlin als hipper place to be? Existent, aber Wien ist hipperer, eleganter, moderner. Hinweg geblasen der Staub der Monarchie, doch den Charme eben dieser erhalten. Traditionen wie die des Kaffeehauses werden geradezu zelebriert. Doch Vorsicht! „Hallo, ich hätte gern ein Brötchen, Herr Kellner“, führt schnell zu Augenbrauenzusammenziehen. „Herr Ober, eine Semmel bittschön und einen Braunen“, damit kommt man weiter. Und nach unzähligen Besuchen darf man den Herrn Ober sogar beim Vornamen nennen. Kosmopolitik ganz einfach. Darauf versteht sich Monika Czernin.

Nach der geballten Wucht der offensichtlichen Höhepunkte der Stadt, führt die Autorin den Leser ins Wien der Künstler und das der Spione, in die Ecken des roten Wiens, der Stadt Sigmund Freuds und vorbei an den Schaufenstern der besonderen Läden. Dort, wo man das findet, was man eigentlich überall sucht, das man aber nur findet, wenn man sich richtig vorbereiten kann, indem man eben Bücher wie die „Gebrauchsanweisung für Wien“ liest. Unverzichtbar ist dieses Buch! Man kann es sogar ohne Stadtplan beim Herumschlendern aufgeschlagen, mit dem Finger als Lesezeichen herumtragen, immer mal ein paar Zeilen lesen. Und schon ist man wienerischer als so mancher Wiener. Ortsangaben wie „Sechster“ oder „Josefstadt“ gehen einem genauso flott über die Lippen wie Fiaker oder Zentralfriedhof. Würde es einen Einbürgerungstest für Wien geben, wäre dieses Buch die ultimative Vorbereitungslektüre.

Nehmen Sie den unterschwelligen Ratschlag Monika Czernins an, und suchen Sie sich Ihr Lieblingskaffeehaus. Ob nun eines, in dem die Großen der Welt ein- und ausgingen, oder ein uriges mit dem besonderen maroden Charme oder ein Modernes – es lohnt sich sich in Wien heimisch zu fühlen.

Ein Zimmer im Hotel

U1_978-3-498-07373-2.indd

Na, Urlaub gut überstanden? Erholt? Gut. Und, sind noch irgendwelche Erinnerungen präsent? Von romantischen Sonnenuntergängen, besonderen Erlebnissen, erhabenen Eindrücke. Oder überwiegen immer noch die Unannehmlichkeiten in der Unterkunft? War es zu laut? Zu schmutzig? Das Bett zu hart oder zu weich?

David Wagner erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für „Leben“, seitdem reist er viel. Und er übernachtet logischerweise im Hotel. Fast scheint es als ob er nicht genügend Zeit hat sich die Städte anzuschauen, und deswegen seinen Fokus auf die Schlafstätten richtet. Wie sind sie eingerichtet? Wie weit kann man im Teppich versinken? Welche anderen Annehmlichkeiten der Heimwehabwehr bieten die Hotels?

Nur wenn die Hotels nicht so viel hermachen (Qualitätsmerkmal Bleistift statt Kugelschreiber als Schreibgerät), lässt er sich von der Umgebung vereinnahmen. Jedes einzelne Hotel ist benannt, inkl. Ortsangabe. Eine Einladung zur persönlichen Inspektion. Im Anhang sind die Besuchsdaten vermerkt.

Nun reist man von Hier nach Da, erlebt so manche Rare oder auch Erwartete. Doch Hotelzimmer studieren zu können, ist nur wenigen vorbehalten. David Wagner nimmt sich die Zeit, um die Unterschiede aus der Masse herauszuschälen. Von wegen Globalisierung! Der Einheitsbrei der Hotelerie trifft nur diejenigen, die mit Scheuklappen durch die Gänge schlurfen. David Wagner hat immer sein Schreibuntensil gespitzt, sei es nun ein Kuli oder ein Bleistift. Er genießt den Luxus des Gastes, Früchte in Hülle und Fülle – oder eben nicht, betrachtet die Wandgestaltung – oder eben nicht, ergötzt sich an der Möbelgestaltung – oder eben nicht. Mal witzig, mal nüchtern zeigt er dem Leser die unterschiedlichsten Logis-Bauten von Oslo bis Turin, von Tartu bis Barcelona, von Peking bis Cambridge.

Wer selbst viel reist, dem kommt einiges bekannt vor. Auf manches wird man erst bei der Lektüre gestoßen. Wer achtet schon auf die Motivwahl der Bodengestaltung?

Egal, ob Whirlpool  in der Junior-Suite oder fehlender Stift im Zimmer – David Wagner bewertet die Unterkünfte nicht. Er stellt fest, freut sich über Kleinigkeiten wie ein Bonbon als Abschiedsgeschenk. Was in dem einen Hotel für einen zufriedenen Gesichtsausdruck sorgt, wird anderswo als normal hingenommen. Was dort fehlt, wird hier nicht als Verlust gewertet.

Dieses kleine Büchlein ist die Bettlektüre für alle Hotelbettenbewohner dieser Welt. Das zum Volkssport verkommene Kritiküben ist für all diejenigen vorüber, die sich an diesem Buch nicht sattlesen können.

Anton zaubert wieder

anton-zaubert-wieder

Den Täter zieht es immer wieder an den Ort des Verbrechens zurück. Alte Kriminalistenweisheit. Auch Willa Stark zieht es wieder zurück. Nach Köln. Doch sie ist keine Täterin, vielmehr fühlt sie ihnen auf den Zahn. Sie ist Ermittlerin. Endlich wieder Heimatluft schnuppern. Wieder daheim. In Graz. Und nun können ihre ehemaligen Kollegen nicht mehr ohne sie. So manch einer fühlt sich bei so viel Begehr gebauchpinselt. Doch der Fall liegt etwas anders.

Die Kölner Ex-Kollegen haben einen vermeintlichen Mörder gefasst. Anton. Doch der hat nichts anderes zu tun als zu schweigen. Kein Wort kommt über seine Lippen. Erst als Willa Stark den Verdächtigen vernimmt, der schon als Kind so gern und so eindrucksvoll zaubern konnte, ist die Teilnahmslosigkeit des Delinquenten verflogen. Hier in Köln, der Stadt, die ihr einst Asyl bot und sie wieder ausspuckte wie ein von Geschmack befreites Kaugummi, ist sie ein willkommener Gast. In Graz, wo sie zuhause ist, sich geborgen fühlen sollte, war sie nie so recht angekommen. Und nun Anton! Der hat was. Willa gerät in einen gefährlichen Strudel aus Gefühlen und Pflichterfüllung.

„Anton zaubert wieder“ ist Willa Starks dritter Fall von Isabella Archan. Sie schickt ihre Heldin durch ein Labyrinth aus sich falschen anfühlenden Emotionen und realer Familienbande. Willa ist immer noch nicht hinweg über den Verlust des Onkels. Der war, als sie noch jung war, verschwunden. Von heut auf morgen. Doch nicht einfach so. Verschwunden ist auch nicht der richtige Begriff. Eingefahren trifft es eher. Als Mörder verurteilt. Die Familie zurückgelassen. Allein ohne Auffangnetz. Und Willa rutschte immer mal wieder durch die Maschen.

Und nun? Anton, der Mörder als Objekt der Begierde? Und der Onkel steht auch wieder vor der Tür. Isabella Archan mach es Willa Stark nicht einfach ihrem Nachnamen alle Ehre zu machen. Denn auch der Frauenmörder bleibt nicht untätig…

Was Willa Stark nicht weiß, ist, dass sie genau beobachtet wird. Vom Leser. Rundum-Betreuung an Bord der MS Willa Stark. Ständige Animation unter Leitung der Autorin garantiert, mit eigenwilligem und exzellent organisiertem Unterhaltungsprogramm.

Satirisches Handgepäck – Nürnberg

1126Nürnberg Satirisches Reisegepäck

Wer mit leichtem Gepäck reist, ist zuversichtlich, manchmal vielleicht sogar blauäugig. Wer mit satirischem Handgepäck reist, findet schnell Freunde. Denn man hat ein Lächeln auf den Lippen, oft, wenn nicht meist, zeigt man Zähne.

Autor Bernd Regenauer ist der Kuppler in der fremden Stadt Nürnberg. Der ist auch der Reiseleiter. Und er trägt sein Herz auf der Zunge. Wer Nürnberg nicht kennt, weiß nach der Lektüre genau, wo was wie zu sehen und einzuordnen ist. Der Franke als Pessimist, die Stadt als offene Geliebte. Leicht im Sinne von austauschbar, bedeutungslos ist dieses Buch nicht. Leichtfüßig sehr wohl. Leicht eingängig auch. Leicht verschmitzt: Auf alle Fälle.

Wer die Michael-Müller-Reisebücher kennt, schätzt die farbig unterlegten Kästen mit den Informationen, die es einem als Reisenden erlauben hinter die Fassaden zu blicken. In der nun endlich ins Rollen geratenen Reihe des „Satirischen Handgepäcks“ wird diese Tradition fortgesetzt, nur hier als Dialekt-Hilfestellung. Fränkisch ist nicht Jedermanns Sache. Da muss man sich reinfuggsen. Wenn es aber einmal läuft, ist man bereit für die Stadt mit der Burg, dem Christkindlmarkt und der Glubberer (den Saisonstart 2016/17 sollte man aber geflissentlich unter den Tisch fallen lassen – ansonsten ist es um die Gastfreundschaft nicht mehr so gut bestellt).

Mit locker formulierten Ratschlägen folgt man dem Autor durch seine Schdadd. Vorbei am alltäglichen Verkehrswahnsinn, hin zum besten Döner der Stadt, ins kuschligste Kino, durch die Gassen bis ins Herz des Nationalgetränkes: Bier. Wo man steht und geht – Brauereien. Würste und Lebkuchen sind genauso klischeehaft mit Nürnberg verbunden wie dieses Vorurteil wahr ist. Lokalpatriotismus auf höchstem Niveau, aber ohne den revanchistischen Beigeschmack. Bernd Regenauer ist halt Kabarettist und schon deswegen von Haus aus tolerant und freigeistig. So sieht er unter anderem den Wegfall von zahlreichen Bäckereien, und verteufelt die Globalisierung des zuckersüßen Geschmacks. Wer also das Prädikat Nürnberger Lebkuchen sucht, muss lange forschen, oft vergebens oder er schaut in dieses Buch. Reschbeggdlos schaut er seinen Landsleuten aufs Maul, ist in seinen Betrachtungen zutiefst subbjeggdief, und als Leser erlebt man diese Stadt einfach andersch.

Ein Reisebuch ist der Diener des Gastes. Er hilft wo er nur kann, gibt Tipps zur Einkehr und Übernachtung, verrät, wo es sich lohnt zu verweilen. Das satirische Handgepäck ist der Entertainer unter den Reisebüchern. Mit einem blinzelnden Auge wird dem Gast – auch wenn er nur für ein paar Stunden über den Weihnachtsmarkt schlendern will – die volle Breitseite fränkisches Nürnberg dargeboten. Und für die Modernisten unter den Reisebuchlesern lohnt es sich doppelt. Denn per QR-Code kann man sich einzelne Kapitel noch einmal vom Autor vorlesen lassen. Dann kommt auch das Fränkische viel besser zu Geltung!

Morgen kommt die Weihnachtsfrau

1130Morgen kommt die Weihnachtsfrau

Weihnachten – eine Zeit, die im Laufe der Jahre sich immer mehr verändert hat. Die ganze Welt ist in rosarote und klebrige Zuckerwatte gehüllt, die Innenstädte duften nach verheißungsvollem verbranntem Zucker und die Menschen sind fröhlich gestresst. Politiker salben in bedächtigem Ton die Untertanen, Hinterbänkler drängen mit wirren Ideen nach vorn. Stimmungsschwankungsfest möchte manche es nennen. Doch es ist und bleiben die höchsten Feiertage des Jahres!

Auch in den Buchmarkt kommt dann regelmäßig – und zum Glück – noch einmal kräftig Bewegung. Neuauflagen von Klassikern und mehr oder weniger witzige Erlebnis-Sammlungen-Zum-Fest fluten die Regale.

Da tut ein Buch mit einem so herausfordernden Titel wie „Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ gut. Schon das Titelbild mit der nostalgisch angehauchten Fifties-Lady, die frohlockend ihr Geschenk präsentiert (oder anbietet) verrät es: Hier erwartet den Leser kein Buchstabensalat, hier werden Worte stilvoll und dosiert präsentiert. Und der Bauch wird hinterher auch nicht drücken!

„Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ ist ein leckerer Weihnachtskuchen mit ausgewählten Zutaten. Und es stehen die im Vordergrund, die eh immer die Arbeit haben und es allen rechtmachen müssen, können, wollen und auch tun: Die Damen des Hauses! Sie haben ihre eigene Sichtweise auf das Fest der Liebe. Schließlich sind sie von Beginn an involviert, sind Legislative, Exekutive und in manchen Fällen auch Judikative. Sie sind der Weihnachtsstaat mit dem man Staat machen kann. Wird Zeit ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen!

Gayle Tufts verteilt Ratschläge, was zum Fest getragen und gehört werden muss. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Während allerorten und jederzeit Klassiker in Top Ten gepresst werden, die dem Mainstream immer mehr die Bedeutung nehmen, t sie tief in ihrer Plattenkiste und ihrem Kleiderschrank. Von Punk bis Klassik ist alles dabei. Wie immer hintersinnig aufgetischt und makellos präsentiert.

Carson McCullers führt den Leser in ihre Welt zurück. Kindheitserinnerungen ohne Schnörkel. Südstaatenidylle – sie wurde 1917 in Georgia geboren – von wegen. Vielmehr die Geschichte eines aufgeweckten Wunderkindes, das langsam beginnt eigene zu gehen.

Zum Abschluss Barbara Krohn endlich die Weihnachtsfrau erscheinen, auferstehen für den Helden Heinrich. Dem ist so gar nicht nach Weihnachten zu Mute. Doch seine Kinder stimmen ihn um. Glücklicherweise sind sie nicht vom Mainstream-Fieber erfasst und werfen die Frage in den Raum, warum es eigentlich immer der Weihnachtsmann sein muss. Warum nicht mal eine Weihnachtsfrau?

Ganz einfach! Weil es dank solcher Geschichten Bücher wie dieses gibt. Ideal zum Verschenken, denn hier stimmen sich Aufmachung und Inhalt perfekt aufeinander ab. Dieses Buch unterliegt nicht dem alljährlichen Nachweihnachtsritual des Umtauschens! Und wer ganz der Tradition folgend, es nicht erwarten kann, darf auch an den verbleibenden 360 Tagen des Jahres immer wieder drin schmökern.

Die Alhambra

Die Alhambra

So was wird ja heutzutage überhaupt nicht mehr gebaut! Richtig! Und das ist auch gut so. Denn Exklusivität hebt das Ansehen. Die Alhambra hat dies allerdings nicht nötig. Eine Burganlage, die fast tausend Jahre auf den Mauern hat und seitdem immer wieder erweitert, verändert und verschönert wurde. Das, was wir heute als Alhambra millionenfach besuchen können, ist knapp achthundert Jahre alt. Der Zahn der Zeit nagt zwar an dem einen oder anderen Bereich, doch vom satten Teller-Bei-Seite-Schieben-Und-Zufrieden ist dieses UNESCO-Weltkulturerbe weit entfernt.

Schatten spendende Alleen, erhabene Säulengänge, wuchtige Türme, gigantische Höfe, filigrane Muster, ach die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Sie in Worte zu fassen, ihr gebührend Respekt zu erweisen, ist schwer.

Sabine Lata wählt einen einfachen und sehr beeindruckenden Weg die Alhambra greifbar zu machen. Auge und Mund sind ihre Werkzeuge. Sie fixiert einen Punkt im Raum, richtet ihre Kamera aus und, klick, ist der Moment als Foto festgehalten. Doch dabei belässt sie es nicht. Kenntnis- und detailreich schildert sie die Besonderheiten der Alhambra. Die, oft doppelseitigen, Bilder vermitteln eine unverhoffte Nähe. Man steht umgeben von grazilen Säulen, vor von Löwen umrankten Wasserbecken, unter im höchsten Maße kunstvoll gearbeiteten Bögen oder in verzauberten Gärten. Von draußen drängt kraftvoll das Sonnenlicht durch Fensteröffnungen, offene Dächer und durch geheimnisvolle Ornamente.

Die Nasriden hatten sich hier niedergelassen und wurden erst vor reichlich fünfhundert Jahren wieder vertrieben. Eine Trutzburg sollte hier entstehen. Ist es auch. Bei so viel Glanz und Gloria mag man als Besucher sich nicht die sicherlich oft blutigen Schlachten vorstellen. Denkt man sich die Touristenströme weg – auf den Bildern im Buch klappt das einwandfrei, es ist keine einzige weiße Tennissocke in Sandalen zu sehen – ist hier ein Ort der Ruhe. Und dieses Buch liefert den gedruckten Soundtrack zum Staunen. Wer noch nie die Alhambra besucht hat, könnte fast an seiner Urlaubsplanung zweifeln. Ist ja alles im Buch! Muss man nicht mehr sehen! Stimmt nur zur Hälfte. Denn das Buch liefert Unmengen an Eindrücken, erspart aber nicht die steigende Reisefieberkurve, vielmehr wird das Fernweh noch verstärkt.

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

Lula_Carson_02.indd

Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.