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Berliner Literaturgeschichte

Berliner Literaturgeschichte – ach ja, erzähl mal! Ganz so salopp geht es in Roswitha Schiebs Buch über aus und über Berlin doch nicht zu. Auf der Zeitachse gibt sie bekannten und unbekannten Namen der Szene eine Bühne, auf der sie noch einmal auftreten. Vom Barock über die Aufklärung und die Zeiten vor, während und nach den Kriegen bis hin zur wiedervereinigten Stadt. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das bloße Auszählen, wer wann wo und vor allem wie gewirkt hat.

Berlin tat sich schwer auf dem Weg zu einer literarischen Hochburg. Erst mit der Aufklärung wehte ein Hauch von Weltstadt durch die teils modrig riechenden Straßen und Gassen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Berlin ohne Ringelnatz, Döblin und Brecht ist undenkbar. Von hier starteten große Karrieren wie die von Erich Maria Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ – in Berlin verfasst – ein Werk schrieb, das bis heute unerreichbar scheint. Kritiker warfen ihm zeitlebens aber seine ersten Gehversuche in rechtsgerichteten Magazinen und Zeitungen vor.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. Ohne ihn wäre die Bohème nur ein Haufen saufender, unartiger Querdenker gewesen. Er gab ihnen ein Gesicht und verewigte sie in Hunderten von Texten. Die Weimarer Republik ohne Kurt Tucholsky ist ebenso undenkbar. Seine kritische Sicht auf die zaghaften, und wankelmütigen Schritte der zarten Demokratie ist bis heute ein Mahnmal.

Dieses Buch liest sich wie eine Schnitzeljagd durch die Kieze der Stadt und die Jahrhunderte auf der Jagd nach jedem, der Literaturszene seinen oder ihren Stempel aufgedrückt hat. Auch als Reiseband eignet sich das Buch, da oft auch Orte benannt werden, wo man sich traf, wo man kreativ wurde. Bei der Größe der Stadt ein unumgänglicher Ratgeber.

Für so manchen Leser mag „Berliner Literaturgeschichte“ auch der Anlass sein, mal wieder die Nase ins Buch zu stecken. Oder neue Bücher zu erkunden. Einen neuen Autor zu entdecken, mit dem man erst in diesem Buch Bekanntschaft machte. Ein rundum gelungenes Speed-Date mit der Vergangenheit, bei dem man viele bekannte trifft und viele andere mehr, deren Namen wie Geister bisher im Kopf umherschwirrten. Nun sitzen sie alle vereint um den Leser herum und buhlen um dessen Gunst.

Kartenwelten

Landkarten haben trotz digitaler Revolution nichts von ihren Mysterien verloren. Kein Piratenfilm, der ohne Schatzkarte auskommt. Keine Reiseband ohne graphische Wegbeschreibung. Keine Wanderroute ohne Kurven und Ecken.

Die Farbenpracht vergangener Karten ist im Laufe der Zeit einer nüchternen Praktikabilität gewichen. Jedoch einfach mal so beispielsweise den Grand Canyon zu kartographieren, das geht auch nicht. Acht Jahre benötigte Bradford Washburn vor rund vierzig Jahren, um dieses Naturschaupiel zu erfassen. Schweres Gerät musste auf Gipfel geschaffte werden. Für Berechnungen standen zwar schon präzise Computer zur Seite. Die Karte selbst zu erstellen, war ein Abenteuer, dessen Ergebnis all die Mühen vergessen ließ.

Eine Karte ist aber nicht immer nur der schnöde Wegweiser, um sicher von A nach B zu kommen. Karten dienen Ökonomen zum Beispiel den Weg von Waren nachvollziehen zu können. Und auch das ist keine Erfindung der globalisierten Gegenwart.

Dieser Prachtband hält sein Versprechen ganze Welten von Karten zu präsentieren. Betsy Mason und Greg Miller lassen phantastische Welten erstehen, die bisher kaum jemand in dieser Hülle und Fülle jemals betrachten durfte. Ist man anfangs noch von der Farbenvielfalt und Detailverliebtheit historischer Karten geblendet, vertieft man sich zugleich in die Texte. Deren Informationsgehalt lenkt nicht von den Bildern ab, sondern schafft ein einzigartiges Kartenuniversum. Museumsreife Karten, Karikaturen (auch dafür eignen sich Karten!) und Abbildungen, die erst auf den zweiten Blick ihr kartographisches Wissen darlegen, geben sich ein Stelldichein, die den Leser immer wieder ins Bücherregal greifen lassen, um die Sinne zu stimulieren. Boston, Hongkong, der Pazifik sind nur drei Beispiele für Karten, die den Leser, der sich wie ein Besucher in einer fremden farbenfrohen Welt fühlen darf, immer wieder Neues entdecken lassen.

Vergessen Sie Schatzkarten! Hier sind die wahren Schätze!

The roaring Twenties

  1. Januar 1920: Roar!!! So einfach war es dann doch nicht. Neues Jahrzehnt und die Sorgen von gestern waren nichts weniger als das, und man konnte das Tanzbein schwingend und Champagne schlürfend die erste weltweite Partygesellschaft feiern. In Deutschland hatte man sich erst vor Kurzem eine Republik zu gelegt, man knabberte immer noch an den horrenden Reparationszahlungen, und der aufkommende Faschismus dient auch nicht gerade als Aushängeschild für ein tolerantes Zusammenleben. Auch wenn es Geld im Überfluss gab …

Im Cafe Größenwahn traf sich die künstlerische Hautevolee und separierte gleich einmal die aus, die ihrer Ansicht nach nicht zum erlauchten Kreis der Eilte gehören durften. Dieser umfasste Brecht, Grosz, Kästner, Kisch, Liebermann. Kokain wurde zur Modedroge, selbst Juweliere fertigten einzig dafür spezielle Döschen an, was den Behörden dann doch zu weit ging und Kokain nur noch auf Rezept erhältlich war.

Während in Paris die Liebe (zwischen Mann und Frau) erblühte wie kaum anderswo auf der Welt, war Berlin das El Dorado für Mann/Mann- aber besonders für Frau/Frau-Konstellationen. Nicht nur auf der Bühne. Gegen Ende der Goldenen Zwanziger war Berlin das geworden, was man sich bis heute unter einer Weltstadt der Zwanziger vorstellt: Kreativzentrum und Sündenbabel zugleich.

Paris und seine Künstleravantgarde, Chicago und seins Al Capone, Lissabons Art Deco, Moskaus revolutionärer Aktionismus – jede Metropole prägte die zwanziger Jahre auf ihre Art und Weise. Von Wien bis Tokio, von Rom bis Shanghai wurden Toren weit aufgestoßen und der Wind der Veränderung wirbelte das Inventar gehörig durcheinander. Bis heute haben die Zwanziger Jahre nichts an ihrer Faszination verloren.

Die Vielfalt dieser Veränderungen überrascht vielleicht nicht jeden, so komprimiert waren sie jedoch selten in einem Buch enthalten. Die beiden Historiker Detlef Berghorn und Markus Hattstein verstehen es mit prägnanten Sätzen die Uhr anzuhalten und um fast ein ganzes Jahrhundert zurückzudrehen. Die ganz- und manchmal doppelseitigen Abbildungen ergeben zusammen mit ihren Texten ein umfassendes Bild einer Zeit, die heute nur allzu oft verklärt in den Köpfen der Menschen herumspukt. Es war nicht alles Gold, schon gar nicht „roar“ in dieser Zeit. Doch die Illusion, dass es so gewesen sein könnte, ist auch schön. Ein bisschen Tatsachenforschung tut dabei aber Not!

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Roter Staub, Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Isabela Figueiredos Kindheit ist wie die von Millionen, Milliarden vor ihr auch. Sie bestimmt mit dem sie spielt. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle. Und doch ist ihre Kindheit etwas ganz Besonderes. Sie wächst als Weiße in Mosambik auf. Die Hautfarbe spielt also doch eine Rolle. Leider. Denn ihr Vater, ein Weißer, der aus Portugal in die – mittlerweile – Kolonie im Osten Afrikas auswanderte, wo die Autorin geboren wurde. Ihr Vater ist der Elektriker der heutigen Hauptstadt Maputo. Ihr Vater ist für mehrere Block  verantwortlich. Ihr Vater hat es in der Hand, wie seine Angestellten – undwieder einmal muss die Rede von der Hautfarbe sein, es sind Schwarze – arbeiten. Spuren diese nicht, wird es laut, wird er brutal. Und er nimmt sich, was er will, was er braucht. So wie so viele der Weißen. Der Machthaber. Derer, die meinen über den Einheimischen, den Schwarzen zu stehen.

Doch der vermeintliche Traum platzt, als in Portugal die Nelkenrevolution die Wende einleitet und kurze Zeit später Mosambik, scheinbar ebenso sanft in die Unabhängigkeit entlassen wird. Und Isabela in die tiefste portugiesische Provinz geschickt wird. Ihre Eltern wird sie erst als junge Frau wiedersehen.

Das, was sie in Mosambik erlebte, wird dann kein Thema mehr sein. Erst durch dieses Buch, das Schreiben daran, wird sie sich der Tragweite ihrer eigenen Vergangenheit bewusst. Aus Respekt ihrem Vater gegenüber wird dieses Buch erst geschrieben sein, wenn er tot ist. Denn die retornados, die Rückkehrer aus den Kolonien, werden nun auch in der Heimat mit anderen Augen gesehen.

Ab der ersten Seite legt die Autorin richtig los. Sie sucht nicht nach Ausflüchten, da sie sich nicht schuldig fühlen kann. Sie war ein Kind in einer Zeit, die sie nicht zu verantworten hatte. Ihr Beitrag dazu, dass solche Zeiten nicht vergessen werden, dass sie nie wieder passieren, ist mehr als die meisten Politiker / Verantwortlichen je getan haben, je tun werden. Aufrüttelnd, schonungslos und mit der Distanz der Jahre kratzt Isabela Figueiredo nicht an der Oberfläche eines der dunkelsten Kapitel portugiesischer Geschichte. Sie legt Wunden frei, was vielen nicht gefiel als das Buch 2009 erstmals erschien. Rassismus und Feigheit, Allmachtsfantasien und Überheblichkeit sind essentieller Bestandteil der Aufarbeitung dieses Kapitels. Einmal verübtes Leid kann nicht ausgelöscht werden. Zwischen Liebe und Zorn wirft sie den Leser Hin und Her zwischen Erstaunen, Wut und Mitgefühl.

Der van Gogh Coup

Wenn große Ausstellungen ihre Schatten vorauswerfen, kommt ordentlich Bewegung in den Büchermarkt. So wie bei den großen van-Gogh-Ausstellungen im Städel in Frankfurt und im Museum Barberini in Potsdam. Sie bilden den würdigen Abschluss des Museumsjahres in Deutschland. Van Gogh geht immer, möchte man meinen. Doch es gab eine Zeit, da sträubten sich Kunstsammler sich einen van Gogh „ans Bein zu binden“. Warum? Es waren einfach zu viele Fälschungen im Umlauf! Das ist rund neunzig Jahre her und ist Gegenstand dieses vor Spannung zu platzen drohenden Buches.

Otto Wacker wurde 1898 als Sohn eines Malers geboren. Schon früh wurde seine künstlerische Ader erkannt, und er wurde Tänzer. Unter dem Namen Olinto Lovaël war er eine Größe in Tänzerkreisen. Doch schon in jungen Jahren verdiente er sich etwas zur kargen Gage hinzu: Als Vermittler / Verkäufer von Kunstfälschungen. Polizeilich bekannt war er also schon.

Im Berlin der 20er Jahre sah er seine Chance. Hier brummte jegliches Geschäftsgebaren. Ausgelassene Parties, die schier endlose Kunstszene und der freie Geist der Zeit boten den Nährboden für allerlei Kunst und Business. Das Geschäft von Paul Cassirer, dem Kunsthändler seiner Zeit imponierte Otto Wacker. Als er ihm auch noch Bilder verkaufen konnte, gab es für kein Halten mehr. Auf der Karriereleiter nahm er Sprosse für Sprosse.

Doch etwas war seltsam am Aufstieg des Otto Wacker. Er kam wie der Graf von Montecristo in die Berliner Kunstwelt. Auf einmal war er da. Und das mit großem Reisegepäck, sprich einem Arsenal an Bildern, das für einen Emporkömmling schon sehr umfangreich erschien. Und dann auch noch Bilder von van Gogh! Alle jedoch echt, die Echtheit von angesehenen Experten bestätigt. Solang jeder etwas vom Kuchen abbekam, hielt man sich mit Kritik und Zweifeln zurück. Erst als Wacker einige Bilder aus Ausstellungen zurückzog, und die Antworten auf die Herkunft der Bilder immer weniger glaubhaft klangen, regte sich Unmut. Das war Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Vier Jahr später das Urteil: Dreißig Fälschungen hatte Wacker verhökert, und dafür musste er ein Jahr und sieben Monate in der Strafanstalt Tegel sitzen. Und dreißigtausend Mark Strafe zahlen. Es wurden drei Jahre, die er saß. Danach war alles fast wie zuvor. Tänzer und Restaurator – seinen beiden Leidenschaften konnte er weiter ungehindert nachgehen. Auch weil er – und sein Lebensgefährte (inoffiziell, natürlich) schon früh Mitglied der NSDAP wurden. Nach dem Schreckensregime lebte und wirkte Wacker in der DDR.

Die schwammige Herkunft der van Goghs – ein russischer Exilant soll sie Stück für Stück aus Russland herausgeschafft haben – konnte nie belegt werden. Ebenso wurde die Identität des Fälschers – wahrscheinlich Otto Wackers Bruder Leonhard – nie aufgedeckt.

Nora und Stefan Koldehoff haben ihre Spürnasen ganz tief in die Archive der Kunstszene gesteckt. Die Prozessakten sind fast gänzlich verschwunden. So mussten sie sich auf Berichte zum Prozess berufen. Nachlässe, wie dem van Goghs, Briefwechsel, Expertisen dienten ihnen als kaum versiegende Fundgrube für ihre Recherchen. „Der van Gogh Coup“ ist spannender als jeder Thriller und die umfassende Gestaltung des Buches ist einladender als jeder Museumsbesuch. Und Otto Wacker? Ist er nun Opfer von Experten, die ihre eigene Haut retten wollten, weil auch sie als Kenner reichlich vom Kunstbetrieb profitierten? Oder ist er ein gewiefter Geschäftsmann gewesen, der skrupellos das System Kunst ausnutzte? Wohl Letzteres! Er hat sich geschickt durchlaviert, hat als Homosexueller jegliche Klippen umschifft und ist sich immer selbst treugeblieben, ist als Kunsthändler mittlerweile nur Insidern noch ein Begriff. Es ist wie bei Dopingsündern. Die pumpen sich jahrelang voll, verdienen sich eine goldene Nase. Wenn alle Verträge ausgelaufen sind, bereuen sie großmütig und stehen als reuige Sünder vor der Öffentlichkeit. Ohne jedoch wirklich büßen zu müssen. Otto Wacker starb am 13. Oktober 1970 in der DDR. Einer Bestrafung entkam er, vergessen sind seine Taten nicht. Auch dank dieses Buches.

A wie Antarktis

Da hat man nun die ganze Welt gesehen, Pizza in Neapel gegessen, Kokosnüsse am Pazifik genossen, einen Höhenrausch in den Anden erlebt. Und dennoch gibt es ein Land, einen ganzen Kontinent, über den man so gut wie gar nichts weiß: Die Antarktis. Das fängt schon bei der Namensgebung an. Die Griechen – nein, sie waren nicht dort, zumindest nicht die „Alten Griechen“, von denen man so gern spricht – gingen davon aus, dass jeder Punkt auf der Welt einen entsprechenden Gegenpunkt hat. Der Nordstern im Sternbild Bär, griechisch arktos – wie in Arktis – muss also irgendwo im Süden, dem Gegenteil des Nordens, also einen Gegenpunkt haben. Anti, ante, Antarktis – so einfach ist das!

Naja ganz so einfach ist dann doch nicht alles. Wenn man zum Beispiel die Antarktis auf einer Karte abbilden will, nimmt sie einen enormen Platz ein. Sie reicht vom linken Rand einer Karte bis zum rechten. Und dabei ist sie „nur“ 20 bis 30 Prozent größer als Europa, je nach Jahreszeit. Denn, wenn bei uns sommerliche Temperaturen herrschen, ist es am Südpol bitterkalt. Bis zu minus 89 Grad Celsius. Die höchste jemals gemessene Temperatur in der Wüste – ja, es ist eine Wüste, in der weniger Niederschlag fällt als in der Sahara – betrug plus 17 Grad Celsius.

Kindern einen so extremen Kontinent nahezubringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Nur allzu oft tappt man in die Falle, und lässt es beim „Da unten ist es verdammt kalt“ einfach bewenden. Wobei das mit dem „unten“ auch schon wieder so eine Sache ist, weiß Autor David Böhm zu berichten. Es begegnet dem Kontinent, der nun wirklich allen gehört, auf dem mehrere Länder Forschungsstationen unterhalten, dem ewigen Eismeer mit Landmasse, mit dem nötigen Respekt. Zahlreiche Abbildung dienen dazu das geschriebene Wort noch einmal zu verdeutlichen. Die ausklappbaren Schautafeln sind das Highlight des Buches großformatigen Bandes. Von Amundsen bis Tierarten, von Landkarten bis Eisbergen, vom Leben in der Antarktis bis zu den zahlreichen Südpolen (nicht gewusst, dann wird es Zeit einen Blick in dieses Buch zu werfen) – wer als Elternteil dieses Buch nur dem Nachwuchs überlasst, wird früher oder später vom enormen Wissensschatz des Kindes überrascht werden.

Die Aufbereitung des Themas ist in diesem Buch erstklassig gelungen. Alles, was jetzt noch an Wissen fehlt, kann nur vor Ort erfahren werden. Am besten mit diesem Buch im Handgepäck, so wird es in der eisigen Ödnis niemals langweilig!

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Stadtabenteuer New York

The Ramones, Wale, Essen wie bei Oma und der wohl langweiligste Sport der Welt, wenn man die Regeln nicht kennt. Na klingt das nach Urlaub? Ein entschiedenes JEIN kann da nur die Antwort sein. Doch das monotone Rock Rock Rockaway Beach von Joey, Tommy und Johnny und Deedee macht noch keinen Urlaub perfekt, es sei denn, dass Rumhängen und Schmähgesänge auf Disco singen das Eilixier sind. Da braucht es schon mehr. So was wie Futtern bei Muttern. Oder noch besser: Nonnas, die ihre Küche der Kindheit für andere öffnen. Wie in der Enoteca Maria in Staten Island. Gar nicht weit vom Rockaway beach. Und überhaupt nicht monoton. Ein Baseballspiel für ein paar Dollar – auch wenn die Regeln nur Amerikanern wirklich sinnvoll erscheinen – kann auch schon eine Abwechslung sein. Monotonie? Nicht bei den Staten Island Yankees. Die haben mit den Yankees eines Babe Ruth oder Joe DiMaggio nur den Namen, aber nicht einmal die Spielklasse gemeinsam. Das Feuerwerk am Ende des Spiels – immerhin sind 14 zwischen Juni und September – hat Autorin Dorothea Martin noch am besten gefallen. Auch Monotonie kann aufregend sein. Was fehlt noch? Ach ja, Wale wurden eingangs erwähnt. Ist hier in Queens – wir sind zurück am Rockaway beach – etwa ein amerikanisch riesiges Aquarium mit den sanften Riesen der Meere? Ney, die tummeln sich hier nur a few miles vor dem beach. Wenn man Glück hat, kann man sie auftauchen und herumtoben sehen. Whalewatching ist immer Glückssache.

Eine Glückssache im herkömmlichen Sinn ist der außergewöhnlichste Titel der ersten Bände der Stadtabenteuer-Reihe. Denn New Yorks Extravaganzen in ein derart handliches Buch zu pressen, scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Ohne groß nachzudenken, fallen jedem sofort ein Dutzend Dinge ein, die man in New York tun muss. Dann wäre das Buch schon voll. Dann hätte man aber auch nur das erlebt wie Millionen andere auch. Und dafür 300 Euro aus- und fast neun Stunden im Flieger in Kauf nehmen?

Dorothea Martin zeigt Big Apple wie er nur ansatzweise in ausgewählten Bänden am Rande vorgestellt wird. In ihren Stadtabenteuern kommt niemand auf die Idee völlig überdrehte Shoppingtouren auf der Fifth Avenue zu unternehmen oder stundenlang für die Besteigung von Lady Liberty auf sich zu nehmen. Das sind nur Nebenschauplätze, die für Erstbesucher interessant sind. Doch das New York in diesem Buch wird dem Besucher auf ewig verfolgen, in Gesprächsrunden (After-Vacation-Talks, gibt es sowas? Wenn nicht, dann jetzt) für Furore sorgen, und ein anderes New York sein als man es sich jemals vorstellen konnte. Dafür nimmt man doch gern Fluggebühren und Flugzeit in Kauf, oder?!